Atheismus

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Religion, Nationalismus und Bücherhass

Welt- und Zeitgeschichte sind reich an Beispielen, welche die schädliche Rolle der Religion vor Augen führen. Zwei große Schadenskategorien sollte man aus analytischen Gründen (mindestens) unterscheiden. Zum einen den intellektuellen Schaden, den religiöse Weltanschauungen anrichten, indem sie wahrheitsnahe Theorien (und die Suche nach ihnen) unterdrücken und statt dessen Hirngespinste in Millionen von Köpfen pflanzen. Teil dieser Gärtnereitätigkeit sind in der Regel Hass auf Andersgläubige und Minderheiten.

Die zweite Schadenskategorie besteht in unmittelbarer Gewalt gegen Andersgläubige und Minderheiten.

Wer diese Mechanismen in einer aktuellen Laborsituation studieren will, kann dies in Indien tun, wo radikale Hindus seit Jahren nicht nur geistig Amok laufen. Besonders en vogue sind dort derzeit (verbale und tätliche) Angriffe auf Historiker, die statt mythologisch-nationalistischen Geschichtskonstruktionen zu propagieren, sich auf historische Fakten beziehen. Nachzulesen ist das in der New York Review of Books 6/2005, in der William Dalrymple ausführlich diese Vorgänge beschreibt*:

In his book, Laine wrote that Shivaji’s parents „lived apart for most if not all of Shivaji’s life,“ adding that „Maharashtrians tell jokes naughtily suggesting that his guardian Dadaji Konddev was his biological father.“ This was interpreted as a suggestion by Laine that Shivaji was illegitimate; after a horrified review was published in a Marathi weekly magazine, a series of protests began. In October an elderly Sanskrit scholar whom Laine had thanked in his acknowledgments was beaten up and had his face smeared with tar. To forestall further violence, in November the book was withdrawn from the Indian market by Oxford University Press, and an apology for causing offense was issued by the author.

The Indian newsmagazine Outlook ran its story of the attack on the institute across two pages under the banner headline „A Taste of Bamiyan,“ and most of the leading Indian papers carried editorials attacking what one referred to as the „Talibanization“ of India. „We cannot have the mob write our history for us,“ said Indian Express.

Unluckily for Professor Laine, the attack took place in the months leading up to India’s general election and the book soon became an election issue. The militants who carried out the attack held public meetings announcing that they wanted every Indian named in the book’s acknowledgments to be arrested, questioned, and tried. Opening his campaign in Maharashtra, the then prime minister, Atal Bihari Vajpayee, issued a „warning to all foreign authors that they must not play with our national pride. We are prepared to take action against the foreign author [Laine] in case the state government fails to do so.“

Leaders of the normally moderate Congress Party, which was in power in Maharashtra, not wishing to be outflanked on the issue, took an even harder line, and announced that they had instructed the CBI (the Indian equivalent of the CIA) „to arrest Laine through Interpol,“ adding: „Do you think the government will tolerate insults to national figures like Shivaji?“

* Der Artikel ist Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Papst führt Medien vor

Es waren nicht fünftausend gut versorgte Kleriker, die gestern den derzeit prominentesten reaktionären Bayern mit standing ovations feierten, sondern „Journalisten“ (wohl tatsächlich treffender „Medienvertreter“ genannt). Menschen mit einem Beruf also, dessen vornehmste Pflicht darin bestehen sollte, objektiv fundierte Kritik zu üben, Misstände aufzudecken und den Mächtigen auf die Finger zu sehen. Viele Journalisten sitzen weltweit in Gefängnissen, weil sie diesen ehrenwerten Beruf redlich ausübten.

Liebe Teilnehmer der gestrigen Pressekonferenz: Sich in lächerlicher Weise von einem autokratischen Religionsvertreter als denkunfähige Schreiberlinge (respektive Senderlinge) vorführen zu lassen, gehört nicht zu euren Aufgaben! Selbst dann nicht, wenn er sich höflich bei euch bedankt für die tolle Gratispropaganda, die ihr in den letzten Wochen weltweit verbreitet habt. Tolle Leistung!

Schreibt als Strafarbeit und zur Reaktivierung eurer nicht mehr messbaren Hirnfunktionen für eure Philosophieseite einen Artikel über den neuen Stellvertreter Gottes. Erörtert darin die ebenso komplexe wie interessante ontologische Frage, wie eine Repräsentationsrelation mit einem nicht existierenden Gegenstand logisch beschaffen sein muss.

Religion und Intelligenz

Dem Medienspektakel rund um den Umzug des göttliches Stellvertreters in sein neues transzendetes Büro konnte man auch auf Reisen nicht entgehen. Ob er ins Penthouse oder in den Keller ziehen muß, mögen andere entscheiden. Für ein Kellerappartment sprächen jedenfalls nicht nur seine einzigartigen Verdienste rumd um die Ausbreitung von HIV in Afrika.

Meine Theorie, dass Religion eines der effektivsten Instrumente der Dummheitsemanation darstellt, zeigte sich nicht nur darin, dass BBC World anfangs so kritiklos verherrlichend (die BBC!!!) wie Radio Vatikan berichtete, sondern auch durch die besondere Absurdität der zu Experten erklärten Leichenfledderer auf CNN. Einer gab auf die besorgte Frage des Moderators, was man denn nun am dringendsten wissen müßte, um die Schwere der Krankheit zu beurteilen, die Antwort, dass es schon sehr hilfreich wäre zu wissen, wie kritisch erkrankt der Papst wirklich sei…

Übliche journalistische Reflexe im Falle des Ablebens eines Diktators sind Fragen, ob es zukünftig mehr Demokratie, Meinungsfreiheit und weniger Menschenrechtsverletzungen geben wird. Werden Minderheiten (Homosexuelle) und/oder Mehrheiten (Frauen) weniger Diskriminationen ausgesetzt sein? Solche Analyse würde ich von Qualitätsmedien gerne lesen/anhören/ansehen.

Vermutlich wird es einen konservativ-bornierten Nachfolger geben, was der religionskritischen Sache förderlicher ist, als ein pseudoliberales Feigenblatt, das die realen Machtverhältnisse verschleiert.

Der Papst …

… weiß also, dass er im Zentrum eines großen Religionsbetrugs steht. Warum sonst würde er sich so stark ans Leben klammern?

Zeitloser religiöser Fanatismus

Wenn man ins Detail geht, hat sich das Leben seit der Spätantike in vieler Hinsicht komplett verändert. Sieht man sich aber beispielsweise das Religions(un)wesen des vierten Jahrhunderts an, fühlt man sich sofort an aktuelle Dummheiten erinnert, seien es die Umtriebe christlicher Fundamentalisten in den USA oder die faschistoiden Weltbilder islamischer Fanatiker. Intoleranz wurde jedoch schon immer von religiösen Gemeinschaften mit stupender Meisterschaft ausgeübt. Als Beispiel sei der Alltag der Donatisten herausgegriffen:

But most Donatists could not be lured into such intellectual combat [by Augustine]. The emphasis on keeping their faith pure made them take very seriously scriptural admonitions to shun unbelievers. They would not even greet Catholics (a harsh rebuff in the African world), much less join them in debate. In Augustine’s own Hippo, Donatist bakers refused to sell bread to Catholics (Answer tp Petilian’s Letter 2.184). [Garry Wills, Saint Augustine, S. 78]

Religiöser Fundamentalismus

Dass der christliche Fundamentalismus ein ebenso widerliches Phänomen wie der Islamismus ist, droht im Moment in Vergessenheit zu geraten. Der unermüdliche Garry Wills beschäftigt* sich in einem umfangreichen Artikel in der New York Review of Books 6/2004 nicht nur mit Gibsons erfolgreichem SM-Porno „The Passion of the Christ“, sondern setzt sich auch ausführlich mit der ultrakonservativen „Legion of Christ“ auseinander, deren noch lebender Gründer Marcial Maviel Degollado sich von den Mühen des religiösen Fanatismus gerne mit seinen jungen Schülern entspannte. Trotz zahlreicher glaubwürdiger Anschuldigungen blieb der Vatikan untätig. Wills zieht folgendes Fazit:

Even if the accusers of Maciel are wrong, the treatment of their complaints by the Vatican and the weak arguments offered by the Legion are disturbing in themselves. The accusations against Maciel deserved serious investigation, but seem to have received none, beginning with the list of twenty names sent by Bishop McGann in 1976. As McGann’s canonist said, „It’s a substantive allegation that should have been acted on.“ That is troubling, apart even from any judgment that might have been reached in the matter. But if the men are telling the truth, that raises a far more dismaying prospect. If they are right, if Maciel is in fact a pedophile protected by the Vatican itself, then there is a black hole at the center of the institutional Catholic Church.

* Der Artikel ist nun Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs

Diktatur, Religion und Dummheit

Christopher de Bellaigue war im Südirak unterwegs, um sich ein Bild von der Lage zu machen, und die Stimmung der schiitischen Bevölkerung zu sondieren. Es führte auch Gespräche mit Ayatollahs, die ihm ziemlich freimütig Auskunft gaben, und deren Einfluss auf ihre Gläubigen enorm ist. Lesen kann man seine analytische Reportage in der New York Review of Books 12/2003. Wie so oft profitieren die Kleriker von der Dummheit, bekanntlich eine zentrale Voraussetzung für ihre „Arbeit“:

For as long as Iraq has no efficiently functioning authority, the claim of Shiite clerics to be the natural arbiters of human affairs for most Iraqis will go unchallenged. Some of these clerics say they are in favor of a kind Islamic democracy. Their popular legitimacy, they say, is attested to by the crowds that turn out for Friday prayers, and by the flow of supplicants to their doors. The may benefitas well from their associations with the al-Sadr name and from having survived Hussein without fleeing into exile. They have immense authority. Thanks in part to Saddam Hussein and his suppression of independent thought, the people of Al-Sadre City are credulous and uneducated. When judging a statement or an opinion, however absurd it may be, they tend to use one criterion: the authority of the teller.

Quelle: The Shiites Under Occupation*

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Kindesmisshandlungen und Katholizismus

Man glaubt zu wissen, wie es in katholischen Internaten zuging. Wer seine Kenntnisse über diese Form der praktizierten Nächstenliebe auffrischen will, kann dies beim „Spiegel“ tun: Unbarmherzige Schwestern.

Religion und Fortschritt

Viel spricht für die These, dass Religion dem Fortschritt mehr schadet als nützt, zählen Kleriker doch meist zu den konservativsten Gesellschaftsgruppen. Einen Beleg dafür liefern neue archäologische Entdeckungen und darauf aufbauende Theorien, über die Dirk Krausse in Spektrum der Wissenschaft 2/2003 berichtet.

Thema des Artikel ist die Romanisierung der Kelten im Anschluss an den gallischen Krieg.

Krausse schildert* ausführlich den zivilisatorischen Mehrwert dieses Prozesses, brachten die Römer doch viele neue Kulturtechniken mit. Wer sträubte sich wohl am meisten dagegen? Richtig, die Druiden:

Es ist denkbar, dass die keltische Priesterschaft, die offensichtlich als einzige gesellschaftliche Gruppe aktiven Widerstand gegen die fortschreitende kulturelle Assimilation leistete, eine entscheidende Rolle in den Aufständen der Jahre 69/70 n.Chr. spielte.

* Artikelvorschau

Evolution und Religion

Jared Diamond, den ich für einen der brillantesten lebenden Historiker halte, und dessen intelligente Studie „Arm und Reich. Über das Schicksal menschlicher Gesellschaften“ („Guns, Germs and Steel“) ich dringend zur Lektüre empfehle, hat in der vorletzten Ausgabe der New York Review of Books (17/2002) eine Abhandlung von David Sloane Wilson rezensiert*, die dieser unter dem Titel „Darwin’s Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society“ publizierte.

Seine These formuliert Wilson folgendermaßen:

Something as elaborate – as time-. energy. and thought-consuming – as religion would not exist if it didn’t have secular utility. Religions exist primarily for people to achieve together what they cannot achieve alone. The mechanisms that enable religious groups to function as adaptive units include the very beliefs and practices that make religion appear enigmatic to so many people who stand outside of them.

Diamond ist voll des Lobes über das Buch (und gute Bücher über Religion gibt es nicht so viele):

Discusscions of these subjects tend to be partisan, oversimplified, and riddled with misstatements. A great virtue of Wilson’s book is the scrupulous fairness with which he treats controversial matters. He is careful to define concepts, to asses both their range of applicability and their limitations, and to avoid posturing, misrepresentations, exaggerated claims, and cheap rhetoric devices. Thus, Wilson’s book is more than just an attempt to understand religion. Even to readers with no interest in either religion or science [wo gibt es denn so etwas? :-); CK] his book can serve as a model of how to discuss controversial subjects honestly.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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