Analytische Philosophie

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Geschichte der analytischen Philosophie

Scott Soames legt eine 900seitige Geschichte der analytischen Philosophie in zwei Bänden vor, eine sehr erfreuliche Anstrengung, die von Richard Rorty besprochen wird.

Philosophische Spitzen

„Heute ist Herr Neurath willens, uns ein Referat über die Einheitswissenschaft zu halten. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass das jemand interessiert, bitte ich Herrn Neurath, trotzdem nun zu sprechen.“

Moritz Schlick coram publico über seinen nicht gerade befreundeten Wiener-Kreis-Kollegen Otto Neurath.

„Solchen Mist haben Sie in Ihrer Bibliothek? Glauben Sie, dass ich noch länger mit einem Menschen Umgang haben möchte, der solche Bücher besitzt?“

Ludwig Wittgenstein zu Rudolf Carnap, nachdem er in dessen Bibliothek ein Buch über Okkultismus entdeckt hatte.

„Ganz gleich, welche Seite von Jaspers oder Heidegger man mir vorlegt, ich werde sie mit den einfachsten Mitteln der formalen Logik in die Luft jagen.“

Julius Ebbinghaus 1947 auf einem Philosophenkongress in Garmisch Partenkirchen.

„Wenn Sie mit Philosophen die Herren meinen, die in Deutschland Philosophie-Lehrstühle innehaben, dann bin ich sicher kein Philosoph.“

Karl Popper 1948 bei einem Vortrag in Alpbach.

Quelle: HEUREKA 3/04, Best of Philosophenpolemik

Die Tücken der Literaturtheorie

Joachim Eberhardt hat eine vorzügliche Besprechung von Achim Geisenhanslückes „Einführung in die Literaturtheorie“ (WBG) geschrieben. Hervorzuheben ist besonders, dass Eberhardt auch die wichtigen Diskussionsbeiträge der analytischen Philosophie dazu kennt, was nach wie vor die große Ausnahme und leider immer noch nicht die Regel ist.

Adorno und der “Positivismus”

Adorno genießt wieder zunehmendes Ansehen, was wohl damit zusammenhängt, dass unpräzises Assozieren mit punktueller verbaler Brillanz in hohem Ansehen bei Leuten steht, die nie einen elementaren Logikkurs besuchten.

Unerträgliche Begriffsdehnungen wie ‚Aufklärung‘ in „Dialektik der Aufklärung“, dessen Extension von den Taten des Odysseus bis zu den Konzentrationslagern reicht, führt immer noch zu Bewunderungsausbrüchen anstatt zu Kopfschütteln. Ein besonders gutes Beispiel für mangelnde intellektuelle Redlichkeit ist der sogenannte „Postivismusstreit“, der gegen Karl Popper angestrengt wurde, ohne entweder dessen Theorien nur ansatzweise verstanden zu haben, oder den Begriff ‚Postivismus‘ aus polemischer Absicht völlig sinnleer zu gebrauchen.

Sehr gut fasst Ian Hacking dies in seiner „Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften“ zusammen:

Auf Popper treffen nicht genug der von mir aufgezählten Merkmale […] zu, um ihn einen Positivisten zu nennen. Mit Bezug auf theoretischen Entitäten ist er Realist, und überdies ist er der Meinung, daß sich die Wissenschaft bemüht, Erklärungen und Ursachen ausfindig zu machen. Die fixe Idee der Positivisten, die auf Beobachtungen und ungeschminkte Sinnesdaten aus sind, liegt Popper fern.

Im Gegensatz zu den logischen Positivisten ist er der Ansicht, daß sich die Bedeutungstheorie katastrophal auf die Wissenschaftsphilosophie auswirkt. Freilich, er definiert die Wissenschaft als Klasse überprüfbarer Sätze, doch ist er weit davon entfernt, die Metaphysik zu diffamieren. Vielmehr hält er die unüberprüfbare metaphysische Spekulation für ein erstes Stadium der Aufstellung kühner Mutmaßungen, die einer Prüfung eher zugänglich sind.
[Stuttgart 1996, S. 80]

Diese Ansichten formulierte Popper in sehr stringenten, allgemeinverständlichen Publikationen. War das wirklich so schwer zu verstehen?

Über Wahrheit

Diesem Thema nimmt sich Bernard Williams in seinem neuen Buch „Truth and Truthfulness: An Essay in Genealogy“ an. Colin McGinn wiederum rezensiert* es in der New York Review of Books Nr. 6/2002. Da heutzutage kaum ein Begriff mehr missverstanden wird als ‚Wahrheit‘ sei McGinns kurze Zusammenfassung zitiert:

Williams argues that truth is both indispensable to responsible discourse and unscathed by recent „postmodernist“ critiques (such as Richard Rorty’s). Such critiques „depend on the remarkable assumption that the sociology of knowledge is in a better position to deliver truth about science than science is to deliver truth about the world.“ But his main concern with what he calls […] „the virtues of truth“, which he divides into two, labeled Accuracy and Sincerity.

Accuracy is the disposition to take care that in acquiring our beliefs we do our utmost (within reasonable limits) to ensure that wie have the best evidence possible, that we weigh it impartially and thoroughly, and that we remain always ready for counter-evidence

[…]

Sincerity is related to communication between people: speaking the truth, expressing what one really believes, avoiding deception.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Popper und die analytische Philosophie

In den letzten Jahren ist der Wiener Kreis verstärkt in den Blick der philosophiehistorischen Forschung gerückt. Das ist sehr erfreulich, handelt es sich dabei doch um eine der spannendsten intellektuellen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts. Anstatt der sonst weit verbreiteten philosophischen Vorgehensweise (habilitierter Guru sammelt mit esoterischen Wortspenden Schüler um sich, die seine Lehre dann mit esoterischen Wortspenden weiter tragen), wurde in dem Kreis rund um Moritz Schlick ernsthaft versucht, mit rationalen Methoden zu neuen philosophischen Theorien zu gelangen, inspiriert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und in bester Tradition der Aufklärung. In schnellen Abstand wurden diese Theorien kritisch auseinandergenommen und durch bessere Varianten ersetzt, das kann man z.B. rund um die Entwicklung eines Verifikationskriteriums verfolgen oder an Poppers Kritik am Positivismus klassischer Prägung.

Malachi Haim Hacohen rückt diese Zeit in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen neuen Studie: Karl Popper: The Formative Years, 1902-1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna (Cambridge University Press).

Colin McGinn nimmt dieses Buch zum Anlass, Poppers Theorien unter die Lupe zu nehmen* (The New York Review of Books Nr. 18/2002). Dabei würdigt er einerseits Popper als brillanten Skeptiker, hält seine Wissenschaftstheorie allerdings für praxisfern, was er u.a. am Thema Induktion ausführt:

The simple fact is that induction is deeply embedded in science and common sense, and there is no convincing reason why we should declare it irrational. A adequate account of scientific method qould recognize both verification and falsification as necessary procedures, not insist in one at the expense of the other. And there is something contrived and artificial about setting up an opposition here: for falsifying a statement is equivalent to verifying its negation.

McGinn gelingt es, einige der bekannten Probleme von Poppers Induktionstheorie pointiert zusammenzufassen. Trotzdem übersieht er, den Hauptvorteil des Falsifikationsverfahrens: Dieses kombiniert radikale rationale (Selbst)kritik erkenntnistheoretisch mit den Naturwissenschaften als zuverlässigste Wissens-bringer.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Lob der Logik

John Dewey hat eines seiner wichtigsten Bücher schlicht „Logik“ genannt. Bei Suhrkamp ist es nun auf Deutsch erschienen. Nicht nur Christoph von Wolzogen findet dies in der „Welt“ sehr beachtlich.

Karl Popper

Zum 100. Geburtstag gibt es eine Reihe von Aktivitäten, so einen Kongress in Wien [ORF] und Sonderausgaben seines Verlages. Seine Bedeutung als Philosoph wird von vielen Geisteswissenschaftlern nach wie vor unterschätzt. Das hängt zu einem guten Teil mit dem mangelnden Verständnis der modernen Naturwissenschaften zu zusammen, auf der Poppers wohl größte Leistung, seine Anfang der dreißiger Jahre formulierte Wissenschaftstheorie aufbaut. Dass auch die ins Absurde verzerrte „Interpretation“ seiner Philosophie durch die Frankfurter Schule eine Rolle spielt, versteht sich von selbst. (Siehe Adorno und der Positivismus)

Thomas Nagel: Das letzte Wort

Der New Yorker Philosoph nimmt in diesem kleinen Buch dezidiert Stellung zu den „culture war“, denn er läßt keinen Zweifel daran, dass die Prinzipien der Vernunft im Erkenntnisprozess immer das letzte Wort haben müssen.

Dabei greift er einerseits klassische Argumente gegen den Relativismus auf (siehe Zitat), andererseits argumentiert Nagel intrinsisch, indem er zu zeigen versucht, dass bestimmte grundsätzliche Fragen logische Basis-Prinzipien bereits voraussetzen.
Wenig explizit geht er auf die ontologischen Implikationen seiner Erkenntnistheorie ein. So wird dem Leser schnell klar, dass er eine quasi-platonische Auffassung des Geistes vertritt. Diese wird aber immer nur indirekt gerechtfertigt, metaphysische Probleme werden kaum angesprochen. Trotzdem ein wichtiger, lesenswerter Beitrag zur laufenden Debatte.

Thomas Nagel: Das letzte Wort. (Reclam UB)

Clive Stroud-Drinkwater: Defending Logocentrism

Philosophy and Literature 1/2001

Schon der Titel des Aufsatzes* ist erfrischend.
Der Autor hat sich für eine interessante Taktik entschieden: Ludwig Wittgenstein, Donald Davidson und Thomas Kuhn sind drei Denker, deren Theorien regelmäßig für postmoderne Anliegen zweckentfremdet werden. Stoud-Dinkwater zeigt anhand von drei Beispielen, dass zentrale Ideen dieser Philosophen poststrukturalistischen Grundsatzpostionen widersprechen.

* Abstract

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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