Web-Tipp: Colin McGinn

Wie auf so viele bin ich auf McGinn durch die NYRB aufmerksam geworden, für die er in den letzten Jahren einige Artikel schrieb. Er gehört sicher zu den interessantesten zeitgenössischen analytischen Philosophen. Sein jüngstes Buch ist nun bei C.H. Beck (bzw. Piper) auf Deutsch erschienen: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewußtseins. Auf der Seite des C.H. Beck Verlags findet man eine umfangreiche Leseprobe als PDF-Datei*.

Besonders gerne erinnere ich mich an seine fulminante Psychoanalyse-Kritik mit dem Titel „Freud Under Analysis“*

Links:

Update Jan. 2010: Die pdf-Leseprobe aus der deutschen Ausgabe scheint nicht mehr online zu sein, dafür hat die NYT einen Link zu gesamten ersten Kapitel in ihrer Rezension von „The Mysterious Flame. Conscious Minds in a Material World“.

* Diese beiden Artikel sind im kostenplichtigen NYRB-Archiv.

The New York Review of Books Nr. 8/2001

Die heute eingetroffene neue Ausgabe zeigt einen der vielen Vorzüge dieser Zeitschrift: die fundierte politische Berichterstattung. Kluge, ausführliche Analysen komplexer Sachverhalte anstatt der gängigen Oberflächenberichterstattung.

Einer der regelmäßigen Autoren über die Ereignisse auf dem Balkan ist Tim Judah, der sich in Greater Albania?* mit den neuesten Entwicklungen dort auseinandersetzt. Timothy Garton Ash braucht man als einen der bekanntesten politischen Publizisten eigentlich nicht mehr vorzustellen, im deutschsprachigen Raum ist er z.B. durch regelmäßige Beiträge in der SZ vertreten. In The European Orchestra* beschäftigt er sich auf mehreren Seiten mit europapolitischen Fragen.

Und schließlich…

* Beide Artikel befinden sich mittlerweile im kostenpflichtigen NYRB-Archiv.

Avishai Margalit: The Middle East: Snakes & Ladders

Margalit schrieb in der NYRB schon mehrere gelungene Analysen zum sogenannten „Nah-Ost-Konflikt“. Seine Texte sind sehr differenziert, bemüht die Ursachen der Konflikte offen zu legen. Als in Jerusalem lebender Philosophieprofessor steht ihm sowohl das notwendige gedankliche Werkzeug zur Verfügung als auch das alltägliche Erleben des Konflikts. Vermutlich ist es diese Kombination, die Margalits Artikel so lesenswert machen.

Links:

* Diese Artikel sind im kostenpflichtigen Teil des NYRB-Archivs.

Britannica: Socrates

Macropaedia Nr. 27, S. 436 (1997)

Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür, dass Qualität sogar auf enzyklopädischem Gebiet eine gewisse Dauerhaftigkeit garantiert, starb doch dessen Verfasser Alfred Edward Taylor bereits 1945. Trotzdem findet man seinen Beitrag auch noch in der Britannica-Ausgabe des Jahres 1997.

Wie nicht anders zu erwarten, bieten (umgerechnet) ca. 16 Buchseiten einen fundierten Einblick in die sokratische Problematik. Taylor hat eine wesentlich ausgewogenere Sicht auf die Ursachen von Sokrates‘ Verurteilung als die Polemik von I.F. Stone. Trotzdem weist er – Jahrzehnte vor Stone – bereits auf den entsprechenden politischen Kontext hin:

But it is natural that he should have had to suffer for the crimes of both men [Alkibiades und Kritias], the more so because he had been an unsparing critic of democracy and of the famous democratic leaders and, furthermore, had not, like the advanced democrats, withdrawn from Athens during the „terror“.

Warum Taylor terror hier in Anführungszeichen setzt, mag sein Geheimnis bleiben. Wichtiger ist, dass er einerseits auf die Absurdität hinweist, den Lehrer für spätere Aktionen seiner Schüler direkt verantwortlich zu machen. Andererseits ist es lexikalisch erfrischend, dass Taylor die umstrittene Frage aufwirft, ob die Ideenlehre nicht doch direkt auf Sokrates zurückgeht, anstatt auf Platon, was der herrschenden Lehrmeinung widerspricht. Es wäre interessant, diesen Argumenten einmal in den Publikationen Taylors nachzugehen, die allerdings, wenig überraschend, vergriffen sind. Sollte ich in der Wiener Nationalbibliothek fündig werden, gelegentlich mehr dazu.

Schostakowitsch: Symphonie Nr. 1 f-Moll

Bernard Haitink / London Philharmonic Orchestra
Decca 444 431-2

Meinem Eindruck nach gibt es cum grano salis zwei Arten, wie sich der Individualstil eines Künstlers entwickelt: Er entwickelt über eine Reihe von Jahren seinen persönlichen Stil, oder er tritt früh mit einem Werk an die Öffentlichkeit, das bereits viele Merkmale eines unverkennbaren persönlichen Stils enthält.

In die erste Schublade würde ich beispielsweise Musil stecken, in die zweite Schostakowitsch, zumindest was seine orchestralen Werke angeht. Seine erste Symphonie hat er als Achtzehnjähriger als Diplomarbeit komponiert, und in ihr finden sich bereits viele Elemente, die auch die übrigen 14 Symphonien prägen.
Bleibt noch zu ergänzen, dass die Haitink-Interpretation handwerklich solide ist. Sie klingt für mich nicht übermäßig inspiriert, meidet aber andererseits emotionale Übertreibungen, die bei Schostakowitsch so nahe liegen.

Das “Literarische” Quartett

Seit heute wissen wir es endlich, warum MRR, der größte aller großen Literaturkenner, ambitionierte Romane verabscheut: In ihnen fehle bei Dialogen oft „Er sagt“ und „Sie sagt“, weshalb man sich nicht auskenne, belehrte er sein Publikum. Liebe Autoren, warum müsst Ihr es denn Euren Lesern SO schwer machen? ;-)

Aber man muss den Mut des ZDF selbstverständlich loben, so anspruchsvolle erzähltheoretische Debatten in sein Programm aufzunehmen …

Jack Flam: Space Man

„Paths to the Absolute: Mondrian, Malevich, Kandinsky, Pollock, Newman, Rothko, and Still“ by John Golding

(The New York Review of Books 7/2001)

Der Kunsthistoriker Jack Flam stellt die neue Studie über abstrakte Kunst vor. Sein positives Urteil* begründet er nicht zuletzt mit der genauen Darstellung des geistigen Kontextes der sieben Künstler. Erstaunlicherweise waren vor allem die europäischen Maler von mystisch-esoterischen Gedankengut starkt beeinflusst. Ausgerechnet die Theosophie fiel bei allen drei auf sehr fruchtbaren Boden:

The apocalyptic thinking and color theories of of the German Theosophical Society, deeply affected Kandinsky from the time he heard Steiner speak in 1909. Mondrian was particulary attracted to the Theosophist’s idea that all life is directed toward evolution and that progress toward the ultimate revelation of reality could be achieved through the balancing and reconciliation of opposing forces, a concept that informed his painting until the end of his life. Malevich, who was obsessed by the scientific an mystical properties of geometry, was devoted to the works of P.D. Uspensky, a follower of Madame Blavathsky, the founder of the Theosophical Society.

* Der Artikel befindet sich im kostenpflichtigen NYRB-Archiv.

Simon Blackburn: Königsberg Confidential

The New Republic vom 23.04. 2001

Ein ausführlicher Artikel, inspiriert durch die Kant-Biographie von Manfred Kuehn, „the distinguished German scholar“. Blackburn ist Philosophieprofessor in Cambridge und hat einiges über die Kantianische Moralphilosophie zu sagen. Von einer „Rezension“ zu sprechen wäre allerdings übertrieben, da es offenbar Blackburns Intention war, eine kleine Einführung in die Philosophie des Königsbergers zu schreiben, statt ausführlicher auf das Buch von Kühn einzugehen. Immerhin erfährt der Leser, dass Kühn einige der Kant-Klischees zu entkräften weiß, die seit 200 Jahren regelmäßig kolportiert werden.

Ich konnte bei meinen Online-Recherchen keine deutsche Ausgabe des Buches finden, offenbar handelt es sich um eine Originalausgabe für die Cambridge University Press. Da man die Werke (und Zitate) eines Philosophen möglichst in der Originalsprache lesen sollte, erscheint mir das eine etwas eigenartige Vorgehensweise zu sein, und ich bin mir nicht sicher, ob der Vorteil des größeren Lesepublikums diesen Nachteil aufwiegt.

Update Jan. 2010: Das Buch erschien im Winter 2003 in einer deutschen Übersetzung [Perlentaucher].

Links:

I.F. Stone: The Trial of Socrates

Das Buch erschien ursprünglich 1988 in den USA und wurde ein erstaunlicher Verkaufserfolg. Eine Ursache des Erfolgs dürfte darin liegen, dass Stone kein Fachgelehrter, sondern ein angesehener Journalist war, der sein Handwerk verstand.
Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Kenntnis der Materie kann man Stone sicher nicht absprechen, er hat ausführlich recherchiert. Ab und zu bringt er auch philologische Argumente, indem er sich mit einzelnen griechischen Begriffen und deren adäquater Übersetzung beschäftigt. Einige Kapitel sind besonders gelungen, etwa der Themenkomplex Homer und Socrates. Stone zieht interessante Rückschlüsse auf Sokrates‘ politische Anschauungen durch die Analyse von dessen Aussagen über Figuren aus der Illias.

Ärgerlich dagegen sind zahlreiche Vereinfachungen und mangelnde Differenzierungen. Methodisch muss man Stone zum Vorwurf machen, dass er nur sehr selten zwischen den philosophischen Auffassungen des Sokrates, die wir nur aus Berichten kennen, und den Theorien Platons unterscheidet, der Sokrates bekanntlich oft nur als Sprachrohr benutzt. Philosophisch ist die Argumentation erstaunlich undifferenziert. Sokrates‘ Methode des Philosophierens als semantischen Nonsense zu verspotten, zeugt nicht wirklich von einem umfassendes Verständnis der Materie. Deshalb kann Stone seine provozierende Hauptthese auch nicht hinreichend plausibel machen: Sokrates wurde seiner Meinung nach von den Athenern zu Recht zum Tode verurteilt, weil er ein gefährlicher Gegner der Demokratie war.

Das heißt nicht, dass Stone nicht eine Reihe von interessanten Belegen für Sokrates autoritäres politisches Verständnis zusammenträgt. Nur übersieht er einen zentralen Aspekt: Die politische Beurteilung des Sokrates läßt sich nicht auf die – immer nur aus zweiter Hand erschlossenen – Inhalte seiner politischen Anschauungen reduzieren. Ein vollständiges Bild ergibt sich nur, wenn man auch die innovative Methode des Sokratischen Denkens berücksichtigt. Seine radikale Vorgehensweise, (fast) alles kritisch zu hinterfragen und auch auf die Analyse scheinbar klarer Sachverhalte zu bestehen, ist als Denkfigur ausgesprochen progressiv. Sokrates war – gemeinsam mit den ionischen Naturphilosophen – ein Begründer des skeptisch-rationalen Denkens.

Links:

I.F. Stone: The Trial of Socrates (Anchor Books)

Alban Berg Quartett (Berg, Beethoven)

Alban Berg: Lyrische Suite für Streichquartett
Beethoven: Streichquartett a-moll op. 132
Wiener Konzerthaus am 27. April 2001

Der Abschluss des diesjährigen Konzertzyklus mit dem Alban Berg Quartett. Das erforderliche breite Spektrum an Klangfarben in der Lyrischen Suite wurde ebenso brillant gemeistert, wie die zahlreichen musikalischen Herausforderung des letzten Beethoven-Streichquartetts. Als Zugabe ein langsamer Satz aus einem Haydn-Streichquartett. Offenbar ist die Zeit immer noch nicht reif eine Zugabe, die einem Werk des 20. Jahrhunderts entnommen wäre …

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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