Shakespeare: Komödie der Irrungen

Burgtheater 4.2. 2017

Regie und Bühne: Herbert Fritsch

Antipholus von Ephesus, Antipholus von Syrakus, Zwillingsbrüder und Söhne des Ägeon: Sebastian Blomberg
Dromio von Ephesus, Dromio von Syrakus, Zwillingsbrüder und Sklaven der Antipholus-Zwillinge: Simon Jensen
Adriana, Frau des Antipholus von Ephesus: Dorothee Hartinger
Luciana, ihre Schwester: Stefanie Dvorak
Angelo, Ein Goldschmied: Falk Rockstroh
Ein Kaufmann, Freund des Antipholus: Hermann Scheidleder
Ein Kerkermeister: Merlin Sandmeyer
Lucie, ihre Kammermädchen: Marta Kizyma
Ägeon, ein Kaufmann aus Syrakus: Klaus Pohl
Solinus, Herzog von Ephesus: Michael Masula
Kurtisane: Mavie Hörbiger
Ämilia, Äbtissin in Ephesus und Frau des Ägeon: Petra Morzé
Doktor Zwick, ein Schulmeister: Dirk Nocker

Herbert Fritschs Blödelinszenierungen haben ihre Freunde, was auch der brave Applaus am Ende belegt. Sie sind handwerklich passabel gemacht: Die Schauspieler, die Kostüme und das Bühnenbild bringen den erwünschten Klamaukeffekt kompetent auf die Bühne. Klamauk ist für eine gute Shakespeare-Inszenierung aber nicht hinreichend, auch nicht für eine seiner verrückteren Komödien. Diese bezieht ihre Komik zwar primär durch die diversen Verwechselungen der beiden Doppel-Zwillingspaare, stellt dem Zuschauer aber auch tiefgründigere Fragen zum Thema Identität. Fritsch‘ Inszenierungen sind nun mit jeder Form der Subtilität inkompatibel. Er sollte sich auf Blödelstoffe beschränken und die Finger von Klassikern lassen.

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Manchester by the Sea

Filmcasino 25.1. 2017

Regie: Kenneth Lonergan
USA 2016

Auf kaum einer seriösen Liste mit den besten Filmen des Jahres 2016 fehlte Manchester by the Sea. In der Tat handelt es sich um einen ausgezeichneten klassischen Autorenfilm: Kenneth Lonergan führte nicht nur die Regie, er schrieb auch das Drehbuch. Der Film beschäftigt sich mit den Auswirkungen von zwei Alltagstragödien und deren psychischen und sozialen Auswirkungen auf die Protagonisten. Der wortkarge Außenseiter Lee Chandler verlässt seine Heimatstadt Manchester by the Sea nach einem tragischen Erlebnis und fristet sein Leben als schlecht gelaunter Hausmeister. Als sein Bruder nicht überraschend an seiner Herzkrankheit stirbt, muss er zurückkehren und sich unerwartet um seinen 16-jährigen Neffen Patrick kümmern, was ihn angesichts seiner labilen Verfassung naturgemäß überfordert. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen den beiden, steht im Mittelpunkt. Während in vielen Filmen der Teenager die problematische Figur ist, stellt Lonergan dieses Klischee auf den Kopf: Patrick ist das Gegenteil seines Onkels: Beliebt, begehrt, sozial bestens integriert und emotional deutlich stabiler als sein erwachsener Verwandter. Die Geschichte und die Dialoge sind literarisch auf hohem Niveau. Die Filmmusik ist ein Hauch zu pathetisch, funktioniert aber noch als tragendes Element. Die vielen Rückblenden sind strukturell intelligent eingesetzt. Ein Anti-Hollywood-Film im besten Sinne.

Neue Biographie über Montaigne

Eine neue Biographie über Montaigne kann an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie ist von mir auch bereits vorbestellt: Philippe Desan: Montaigne. A Life. Diese Neuerscheinung nimmt Adam Gopnik wiederum zum Anlass für einen ausführlichen Essay über Montaigne im New Yorker, betitelt Montaigne on Trial. What do we really know about the philosopher who invented liberalism?. Desan scheint sich also als kritischer Biograph profilieren zu wollen. Der Text Gopniks ist jedenfalls sehr lesenswert.

Himmlisch! Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel

Winterpalais 22.1. 2017

Mir war der Barockkünstler Johann Georg Pinsel bisher unbekannt. Ein Fehler! Die kleine, aber feine Ausstellung im Winterpalais zeigt einen ästhetisch ausgesprochen innovativen Kopf. Das zeigt sich weniger in den „manierierten“ Körperhaltungen seiner Skulpturen – nicht ungewöhnlich im Barock -, sondern in seiner avantgardistischen Gestaltung der Kleidung. Die Bekleidung mancher Skulpturen wirkt so abstrakt, dass man diese Kunstwerke bei oberflächlicher Betrachtung auch ins 20. Jahrhundert stecken könnte. Ein ausgesprochen bemerkenswerter Personalstil für einen aus der Provinz (in der Nähe Lembergs) stammenden Künstler. Bis 12.2.

Black Mirror

Genau zwei Serien haben es bisher in die Notizen geschafft: Breaking Bad und The Wire. Als dritte kommt nun Black Mirror hinzu, eine düstere und dystopische Serie, die ebenfalls weit mehr bietet als schlichte Fernsehunterhaltung. Die dritte Staffel produzierte Netflix und auch eine vierte ist bereits in Arbeit.

Anders als beim Genre üblich, sind die bisherigen dreizehn Folgen völlig voneinander unabhängig. Nicht nur gibt es keinen übergreifenden Handlungsbogen, es gibt auch keine Figuren oder andere Elemente, welche einen direkten Bezug zwischen den unterschiedlich langen Episoden herstellen. Indirekt verbindet alle Folgen freilich ein Thema: Das dystopische soziale Potenzial unserer aktuellen Technologien. Die meisten Folgen drehen die Schraube unserer Lieblingstechnologien einige Jahre bzw. Jahrzehnte weiter und zeigen deren gruselige gesellschaftliche Konsequenzen. Im Mittelpunkt stehen soziale Medien, künstliche Intelligenz und elektronische Körperimplantate, etwa ein Chip, der ein perfektes Gedächtnis garantiert, weil er jeden Sinneseindruck abspeichert und wieder abspielbar macht. Oder ein elektronisches Implantat im Auge, dass es einem erlaubt, unfreundliche Mitmenschen buchstäblich zu blocken, wie unerfreuliche Zeitgenossen auf Twitter. In einer Folge wird der eigene soziale Status ständig durch Live-Bewertungen mit Hilfe des Smartphones konstatiert, ganz so als sei man ein Amazonprodukt. Sehr gut sind auch jene Serienteile, die Schuld und Sühne reflektieren.

Die einzelnen Episoden sind hervorragend geschrieben: Nichts ist so, wie es am Anfang scheint. Ständig gibt es völlig überraschende Entwicklungen. Dieses kreative Ignorieren von Genreregeln, macht Black Mirror ebenso zu einem Kunstwerk wie der intellektuelle und emotionale Gehalt. Wer sich eine oder zwei Folgen ansieht – mehr auf einmal sind nicht zu empfehlen – bleibt ausgesprochen nachdenklich bis dunkel gestimmt zurück. Damit fängt sie die aktuelle Stimmung im Westen gut ein und ist damit schon jetzt ein gelungenes Zeitdokument.

Die Reise in den Westen

Reclam macht sich einmal mehr sehr um die Klassikerpflege verdient. Zum ersten Mal überhaupt ist mit Wu Chengs Reise im Westen einer der wichtigsten chinesischen Klassiker vollständig auf Deutsch erschienen. Zu verdanken ist dieser Gewaltakt Eva Lüdi Kong, welche das Riesenwerk in zehnjähriger Arbeit übersetzte. Die schön aufgemachte Ausgabe umfasst nämlich 1320 Seiten. Kenner vergleichen den Roman gerne mit Cervantes oder Rabeleis, aber selbst bei einem ersten Hineinlesen stellt man schnell fest, dass dies nur behelfsmäßige Analogien sein können. Mehr als hineingelesen, habe ich bisher auch noch nicht. Eine ausführliche Lektüre ist aber geplant.

The Happy Film

Filmcasino 6.1. 2017

USA 2016

Regie: Stefan Sagmeister, Ben Nabors, Hillman Curtis

Der in New York lebende österreichische Designer hat einen Selbstversuch in diesem Film festgehalten: Drei von der Psychologie vorgeschlagene Wege auszuprobieren, um glücklicher zu werden: Meditation, kognitive Psychotherapie und Psychopharmaka. Herausgekommen ist eine idiosynkratische Selbstbespiegelung, die gleichzeitig die größte Stärke und größte Schwäche des Filmes ist. Selbstverständlich ist das alles nicht ohne Ironie auf die Leinwand gebracht. Sagmeister schreckt aber auch vor viel Selbstvoyeurismus nicht zurück. Was den Film formal sehr spannend macht, ist der ständige Einsatz von unterschiedlichen audiovisuellen „Designs“ als Illustration und Kontrapunkte. Von witzigen Scherenschnitten bis zu atemberaubenden Slow-Motion-Aufnahmen wird alles zweckentfremdet, was die Werbetechnik dieser Tage aufzubieten hat. Das Thema betreffend halten sich die Erkenntnisgewinne, wie von mir erwartet, in Grenzen. Wer ungewöhnliche Filme mag, wird mit The Happy Film jedenfalls seine Freude haben.

Kafka: Das Schloß

Über Kafka zu schreiben ist gleichzeitig schwierig und leicht. Schwierig, weil bereits alles geschrieben zu sein scheint. Leicht, weil man scheinbar alles über Kafka schreiben kann. Der größte Teil der Kafka-Forschung beruht auf einem großen Missverständnis über das Wesen literarischer Texte. Sie versucht, einen mehrdeutigen (polyvalenten) Text in einen eindeutigen Text zu übersetzen und nimmt ihm damit seine wichtigste literarische Eigenschaft weg. Deshalb zeugen fast alle traditionellen Kafka-Interpretationen von einem grundsätzlichen Unwissen darüber, wie Literatur in Wahrheit funktioniert. Alle theologischen, juristischen und die vielen anderen Ansätze der Kafka-Forschung können nun zwar interessante Puzzlesteine zum Verständnis seiner Werke sein, werden aber nie eine umfassende Sicht auf dieses faszinierenden Oeuvre erreichen. Der richtige literaturwissenschaftliche Ansatz wäre dagegen zu beschreiben, warum und wie Kafkas Texte diese Bedeutungsfülle generieren. Das ist die Kurzfassung meiner literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit zu eben diesem Thema.
Nicht-akademischen Kafka-Lesern empfehle ich, sich von diesem Hermeneutikzirkus weitgehend fern zu halten und die Rätselhaftigkeit dieser faszinierenden Wortwelt mit seinen jeweils eigenen Erfahrungen zu erleben. Das Schloß ist noch rätselhafter als Der Prozeß, weil es ein weniger stringentes Handlungszentrum und gleichzeitig als Fragment kein Ende hat. Laut Max Brod wollte Kafka K. am Ende genau dann sterben lassen, wenn er die Aufenthaltsgenehmigung für das Dorf erhält.

Was mich bei der erneuten Lektüre des Romans am meisten fasziniert, ist die von Anfang bis Ende beklemmende Atmosphäre und die beschämende Behandlung der Familie Barnabas. Es sei kurz in Erinnerung gerufen, dass diese Familie im Schloss und im Dorf völlig in Ungnade fällt, weil Tochter Amalia sexuell schmierige Avancen eines Schloßboten zurückweist. Selbst als sich die Familie danach mit dem Versuch finanziell ruiniert, die Gnade des Schlosses wieder zu erlangen, bleibt sie bei ihrer aufrechten Haltung. Damit ist Amalia der aufrichtigste Mensch im Roman und zeigt am meisten Zivilcourage. Die Schilderung Olgas, wie die Barnabas in diese Notlage gekommen sind, gehört nicht nur zu den beklemmendsten Passagen des Romans, sie steht auch prototypisch für die Unterdrückungsmechanismen und opportunistische Kollaboration in autoritären Machtsystemen. Die vom Leser erwartete Reaktion wäre Empörung und Rebellion der Unterdrückten, am besten noch mit einem happy ending. Statt dessen folgt deren schwer erträgliche Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung, was die Lektüre noch unangenehmer macht. Amalias Schwester Olgas prostituiert sich schließlich an niedrige Schloßbeamte, damit ihre Familie überhaupt überleben kann. Fast alle Autoritätsfiguren, mit denen K. in Kontakt kommt, verhalten sich inhuman und herablassend.

Ein Teil des Beklemmungsgefühls entsteht einerseits durch erzählerische Mittel, wie die „enge“ personale Erzählperspektive und die oft „bürokratische“ Sprache. Andererseits durch den raffinierten Rahmen des Romans: Eine hypermodern und totalitär agierende anonyme Bürokratie in einem idyllisch-feudalem Setting. Das gequälte, hilflose Individuum einem unverständlich und unmenschlich agierendem Machtapparat gegenüberstehend, ist wohl jener Aspekt, welcher die Leser seit jeher am meisten anspricht, wofür auch die Bedeutung des beliebten „kafkaesk“ spräche. Das Quälende ist immer präsent, wenn im Schloß auch deutlich indirekter als in der brutalen Strafkolonie.

Dieser in einen scheinbar normalem Alltag eingebettete aggressive Anti-Individualismus eines Verwaltungsapparates macht den Kern der Kafkaschen Dystopie aus, und zählt deshalb sicher zum politisch hellsichtigsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Kafka wird aufgrund der tiefen anthropologischen Verankerung seiner literarischen Autopsie der Moderne auch dann bei seiner Leserschaft noch Beklemmung verursachen, wenn die Dystopien Orwells und Huxleys technisch längst überholt sind.

Arthur Miller: Hexenjagd

Burgtheater 4.1. 2016

Regie: Martin Kusej

Reverend Parris: Philipp Hauß
Abigail Williams: Andrea Wenzl
Ann Putnam: Sabine Haupt
Thomas Putnam: Dietmar König
Bettry Parris: Irina Sulaver
Mary Warren: Marie-Luise Stockinger
Giles Corey: Martin Schwab
Reverend John Hale: Florian Teichtmeister
John Proctor: Steven Scharf
Rebecca Nurse: Barbara de Koy
Elisabeth Proctor: Dörte Lyssewski
Herrick: Daniel Jesch
Richter Harthorne: Ignaz Kirchner
Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs: Michael Maertens
Tituba: Barbara Petritsch
Susanna Walcott: Lena Kalisch
Mercy Lewis: Christina Cervenka

Wäre es nach mir gegangen, würde derzeit Martin Kusej als einer der besten zeitgenössischen Regisseure das Burgtheater leiten. Immerhin ist er inzwischen nach längerer Zeit wieder als Regisseur präsent.

Millers Hexenjagd ist ein passendes Stück, um das Jahr 2016 abzuschließen, steht doch die Anfälligkeit der Menschen für Unvernunft & Paranoia im Mittelpunkt. Anfang 1953 uraufgeführt war es von Miller als Auseinandersetzung mit der irrationalen Kommunistenjagd der McCarthy-Ära angelegt. Als Analogie wählte der Dramatiker die in die amerikanische Geschichte eingegangene Hexenhysterie in Salem Ende des 17. Jahrhunderts. Ironischerweise ist das Religionsthema heutzutage aktueller als zur Zeit McCarthys, weshalb der indirekte Aspekt stärker als bei der Uraufführung in den Vordergrund rückt.

Kaum ein Klassiker zeigt besser, was passiert, wenn religiöser Fanatismus auf menschliche Feigheit trifft. Das Bühnenbild bringt das sehr gut auf den Punkt: Ein Wald überdimensionaler Kruzifixe ragt in den Himmel. In ihm spielt sich symptomatisch ein großer Teil der Handlung ab. Kusej inszeniert das Drama mit einer beklemmenden Langsamkeit, weshalb der Abend auch dreieinhalb Stunden dauert. Die dramatische Dehnung ist an der Grenze des Erträglichen, funktioniert theatralisch aber deutlich besser als von mir erwartet. Das Ensemble ist ohne Ausnahme stark, speziell Steven Scharf als John Proctor sei hervorgehoben. Auch die hetzerische Schmierigkeit des Reverend Parris wird von Philipp Hauß grandios auf die Bühne gebracht.

Es mag sein, dass diese Wiener Hexenjagd nicht Kusejs beste Inszenierung ist. Das reicht aber, um besser zu sein als fast alles, was in Wien am Theater sonst so zu sehen ist.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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