Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen

Wie immer besteht ein Teil meiner Reisevorbereitungen in der Auseinandersetzung mit der Literatur des Landes. So beschäftige ich mich seit dem Herbst immer wieder mit japanischen Klassikern. Der berühmteste, Murasaki Shikibus mittelalterlicher The Tale of Genji, ist ein Langzeitprojekt. Sehr bekannt in Nippon ist auch Ryunosuke Akutagawa, einer der einflussreichsten Erzähler der japanischen Moderne und ein Zeitgenosse von Musil, Kafka und Joyce. Freilich war Akutagawa ästhetisch nicht so modern, wie seine Kollegen in Europa. „Modern“ in Japan meint in dieser Zeit primär westlich, und der Autor schlägt in seinen Erzählungen viele Brücken zwischen dem traditionellen und dem modernen Japan. Die Modernisierung des Landes nach der Meiji Restauration 1868 innerhalb weniger Jahrzehnte zählt überhaupt zu einer der spannendsten Perioden der Weltgeschichte.

Akutagawa gelingt diese Überbrückung, indem er eine Reihe von bekannten historischen Stoffen, teilweise aus der Sagenwelt, in moderner Prosa neu erzählt. Er bringt damit traditionelle Inhalte in eine westliche Form und reichert sie zusätzlich noch mit einer individualistischen Psychologie an. Statt auf überlieferte Werte zu setzen, stehen Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven im Mittelpunkt seiner Prosa. Seine erste Kurzgeschichte, Rashomon, ist wegen ihrer Düsterheit gleich eine seiner besten und im Westen vor allem durch den gleichnamigen Film Kurosawas bekannt, der sie gemeinsam mit der Erzählung Im Dickicht zu einem der berühmtesten Klassiker der Filmgeschichte verarbeitete.

Die im dicken Sammelband – 450 eng gesetzte Seiten – enthaltenen 26 Prosawerke lesen sich trotz aller stilistischen Gemeinsamkeiten sehr abwechslungsreich. Ein Interesse an japanischer Kultur und Geschichte sollte man für die Lektüre aber mitbringen.

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen (Sammlung Luchterhand)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik

Für Laien über Physik zu schreiben, ist nicht einfach. Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Uni Marseille, versucht sich gleich am Meisterstück: Eine Kurzeinführung in die komplexesten Themen der Physik für Menschen ohne Vorkenntnisse. Das gelingt ihm auch durchaus passabel. Gravitation, Quanten und Kosmologie sind nur drei seiner Themen. Vieles ist dem Wissenschaftsinteressierten natürlich bekannt, trotzdem sieht man neue Zusammenhänge und bekommt neue Einsichten. Über Quantengravitation etwa erfahre ich viel Neues. Rovelli stellt seine theoretischen Steckenpferde allerdings etwas irreführend so dar, als seien sie bereits physikalischer Mainstream, was allerdings gar nicht zutrifft. Auch wenn er ins Philosophische abdriftet und etwa plötzlich über Heidegger schwadroniert, schadet das dem Buch mehr als es ihm nützt. Trotzdem habe ich selten eine so konzise und gut verständliche Darstellung von Einsteins Relativitätstheorien gelesen.

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik. (Rowohlt)

Privatbibliothek: Neuzugänge

The Party

Filmcasino 30.7. 17

UK 2017

Regie: Sally Potter

In einer Wohnung in London soll der Erfolg einer Karrierefrau gefeiert werden: Sie wird Gesundheitsministerin. Eingeladen ist nur ein kleiner Kreis von Freunden, die mit der Ausnahme eines Bankers alle dem linksliberalen Milieu angehören. Die Party kippt wegen diverser Enthüllungen schnell in ein dramatisches Desaster, wie man das von den einschlägigen angelsächsischen Theaterstücken (Who’s Afraid of Virginia Woolf etc.) her kennt. Sally Potter legt dieses Abgleiten allerdings als Komödie an. Nun dürfen Komödien natürlich genrespezifisch mit Charaktertypen arbeiten. In The Party sind die Figuren aber so klischeehaft, dass es auf mich mehr traurig als komisch wirkt. Vom hysterischen Koksbanker über die militante Lesben-Feministin bis zum Klischee-Esoteriker, den der arme Bruno Ganz spielen muss, sehen wir nur Schablonen. Es gibt einige komische Momente und die Pointe am Schluss ist durchaus gelungen. Das kann den Film aber nicht retten. Das fast einhellige Lob der Kritik für dieses Klischeebombardement kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century

Wie schnell eine Demokratie ins Wanken geraten kann zeigt die Wahl des Donald Trump zum Präsidenten der USA. Man kann lange darüber debattieren, was niedriger sei: Trumps Intelligenz oder seine moralischen Standards? Egal wie die Antwort darauf ausfällt, es handelt sich um einen politischen Tiefpunkt in der Geschichte des Westens.
Timothy Snyder, ein Kenner der dunkelsten Seite der europäischen Geschichte packt die Lehren dieser Zeit in sein kurzes Buch On Tyranny, das sich primär an (junge) Amerikaner richtet und ihnen anhand von zwanzig Beispielen erläutert, wie schnell eine Demokratie in eine Diktatur kippen kann, und wie man sich am besten dagegen wehrt.

Es folgen drei Beispiele. Diese „Lessons“ werden dann jeweils historisch begründet.

Lesson 9: Be kind to your language.
Avoid prononouncing the phrases everyone else does. Think up your own way of speaking, even if only to convey that thing you think everyone is thinking. Make an effort to seperate yourself from the internet. Read books.

Lesson 10: Believe in truth.
To abandon facts is to abandon freedom. If nothing is true, then no one can critize power, because there is no basis upon which to do so. If nothing is true, then all is spectacle. The biggest wallets pays for the most blinding lights.

Lesson 18: Be calm when the unthinkable arrives.
Modern tyranny is terror management. When the terrorist attack comes, remember that authoritarians exploit such events in order to consolidate power. The sudden disaster that requires the end of checks and balances, the disolution of opposition parties, the suspension of freedom of expression, the right to fair trial, and so on, is the oldest trick in the Hitlerian book. Don’t fall for it.

Für Nr. 18 liefert Erdogan ja in der Türkei seit einem Jahr den besten Anschauungsunterricht.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century. (The Bodley Head)

The Beguild

Filmcasino 2.7.17

UK 2017
Regie: Sofia Coppola

Natürlich erwarte bei jedem Film der Sofia Coppola vergeblich einen neuen Lost in Translation. Thematisch und ästhetisch könnte The Beguild auch nicht weiter davon entfernt sein. Die auf einem Roman beruhende Handlung spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs. Ein verletzter Soldat landet in einem „feindlichen“ Südstaaten-Pensionat für höhere Töchter, und löst dort erotische Verwickelungen aus, die schließlich ein böses Ende nehmen. Coppola analysiert also filmisch erneut eine Frauengruppe. Handwerklich ist ihre Regie in allen Dimensionen sehr kompetent. Ich wünsche mir allerdings, sie hätte für ihr beachtliches Filmtalent einen anderen Stoff gesucht.

Die Kirche und ihr Baby-Massengrab

Man stelle sich kurz vor, man hätte in der Nähe von Mossul ein Massengrab mit etwa 800 toten Babys und Kindern gefunden. Die Weltmedien wären zurecht sehr empört. Politiker sprächen getragen über den Kampf gegen die Barbarei. Populisten, Rechtsextreme und Rassisten gefährdeten ernsthaft ihre Gesundheit durch wochenlange Hyperventilation.

Es gibt dieses grausige Massengrab wirklich. Allerdings liegt es nicht auf dem ehemaligen Gebiet des Islamischen Staates, sondern auf dem Gelände des von Nonnen betriebenen katholischen Mutter-Kind-Heimes im irischen Tuam. Was dort geschah, ist eines der größten religiös motivierten Verbrechen des letzten Jahrhunderts, und zeugt von einem Grad der Barbarei der dem der übelsten Islamisten um keinen Deut nachsteht. Die Reaktion der Weltöffentlichkeit? Die Qualitätspresse brachte Artikel im hinteren Teil der Zeitungen. Es gab keine Schlagzeilen. Es gab keine Sondersendungen. Es gab keine empörten Politikerstellungnahmen. Es gab keine Forderungen, sofort Videoüberwachung in allen katholischen Institutionen einzuführen, um die Sicherheit gegen die Barbarei zu stärken. Es gab keine Debatte, ob das Christentum als Religion mit den westlichen Werten prinzipiell kompatibel sei.

Einen guten Einblick in jenes Verbrechen gibt diese Weltzeit-Sendung des Deutschlandradio Kultur. Sie berichtet auch über die Arbeit der dazu eingesetzten „Untersuchungs“kommission, die in Wahrheit eine Vertuschungskommission ist.

Die Geschichte Irlands zeigt, zu welchen Verbrechen die katholische Kirche fähig ist, und mit welcher Perfidie diese über Jahrzehnte lang vertuscht wurden. Ein Musterbeispiel der zwangsläufigen Wertekatastrophe, wenn Staat und Religion nicht strikt getrennt sind. Die Umwandlung der Türkei in eine Diktatur wäre ein anderes aktuelles Beispiel.

Wer in Sachen Irland noch Zweifel hat, der möge den staatlichen Ryan-Report lesen, der die sexuelle Ausbeutung und Misshandlung von Kindern in katholischen Einrichtungen aufarbeitet.

Ibsen: Die Wildente

Theater an der Josefstadt 30.6. 17

Regie: Mateja Koležnik

Großhändler Håkon Werle: Michael König
Gregers Werle, sein Sohn: Raphael von Bargen
Der alte Ekdal: Siegfried Walther
Hjalmar Ekdal, sein Sohn, Fotograf: Roman Schmelzer
Gina Ekdal, Hjalmars Frau: Gerti Drassl
Hedvig, beider Tochter: Maresi Riegner
Frau Sørby, Werles Haushälterin: Susa Meyer
Relling, Arzt: Peter Scholz
Molvik, ehemaliger Theologe: Alexander Absenger

Die Wildente in achtzig Minuten? Bekanntlich schätze ich Texttreue im Theater sehr: Wenn ein Regisseur einen Klassiker zu sehr kürzt, bin ich erst einmal sehr skeptisch. Diese Inszenierung ist aber ein Beispiel dafür, dass es keine absoluten Kriterien für gelungene Kunstwerke gibt: Sie funktioniert nämlich überraschend gut. Das Bühnenbild besteht aus einer großen Treppe, die von links unten nach rechts oben führt, und auf der sich die komplette Handlung abspielt. Zu sehen ist noch der Zugang zum Dachboden in dem das titelgebende Federvieh residiert.

Das Tempo ist naturgemäß hoch, was den Fokus sehr auf die sich entwickelnde Familientragödie legt, und auf Kosten der von Ibsen intendierten Symbolik (Wildente!) geht. Für die semantische Aufladung der Symbole ist die Zeit schlicht zu knapp. Schauspielerisch ist das Niveau ohne Ausnahme sehr hoch. Ein empfehlenswerter Theaterabend.

Shakespeare: Sturm

Akademietheater 23.6. 17

Regie: Barbara Frey
Dramaturgie: Joachim Lux
Prospero: Johann Adam Oest
Caliban: Maria Happel
Ariel: Joachim Meyerhoff

Die zehnjährige Jubiläumsaufführung dieser Inszenierung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich bereits angetan. Dieser Eindruck bestätigt sich auch heute noch. Trotz der radikalen Kürzung des Textes funktioniert der Theaterabend gut, weil Johann Adam Oest als Prospero immer wieder einmal aus der Rolle fällt und die gekürzten Ereignisse als Erzähler zusammenfasst. Manchmal berichten auch die anderen Figuren vom Geschehen. Dass alle Protagonisten von nur drei (grandiosen!) Schauspielern gegeben werden, gibt der Inszenierung gleichzeitig ein witziges wie improvisiertes Element.

Der Sturm ist bekanntlich eines der eigenwilligsten Stücke Shakespeares. Die meisten seiner Dramen setzen auf eine spannende Dramaturgie, um die Besucher des Globe Theatre bei Laune zu halten. Ganz anders hier: Es ist fast von Anfang an klar, dass die auf der Insel gestrandeten Feinde Prosperos keine Chance gegen diesen magischen Superhelden haben werden. Deshalb bezieht der Text seine Faszination primär aus dem märchenhaften Setting, den „unmenschlichen“ Figuren (Ariel, Caliban) und der großartigen Sprache des späten Shakespeare.

Möge die Inszenierung noch lange auf dem Spielplan bleiben.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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