Tanna

Filmcasino 31.3. 17

AUS 2016
R: Martin Butler & Bentley Dean

Der Trailer stimmte mich skeptisch: Ich befürchtete argen Ethnokitsch. Der Film zeichnet sich nämlich durch ein ausgesprochen ungewöhnliches Setting aus. Er spielt auf der Insel Tanna unter Ureinwohnern und basiert auch auf einer wahren Begebenheit. Erzählt wird eine tragische Romeo-und-Julia-Geschichte vor dem Hintergrund konservativer Stammessitten. Was den Film faszinierend macht, sind die eingeborenen Laienschauspieler. Wie man mit drei Stammesdörfern einen schauspielerisch so überzeugenden Spielfilm drehen kann, ist verblüffend. Stellenweise ist der Film zu pathetisch und überschreitet die Grenze zum Kitsch. Trotzdem wird die Lebensform der Ureinwohner nicht allzu sehr idyllisiert. Insgesamt ein durchaus beeindruckendes Werk.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Aischylos: Orestie

Burgtheater 25.3. 17

Regie: Antú Romero Nunes

Chor
Sarah Viktoria Frick
Maria Happel
Caroline Peters
Barbara Petritsch
Aenne Schwarz
Irina Sulaver
Andrea Wenzl

Klytaimestra: Caroline Peters
Agamemnon: Maria Happel
Kassandra: Andrea Wenzl
Aigisthos/Amme: Barbara Petritsch
Orestes: Aenne Schwarz
Elektra: Sarah Viktoria Frick

Das erste Drama Europas auf die Bühne zu bringen ist auch für das Burgtheater eine Herausforderung. Antú Romero Nunes entschied sich für eine radikale Inszenierungsidee: Sieben Burgschauspielerinnen geben die gesamte Trilogie. Wobei „Trilogie“ insofern in die Irre führt als der Abend nur gut zwei Stunden dauert. Der Text wurde also radikal gekürzt, was speziell für den dritten Teil gilt, die Eumeniden. Sprachlich bleibt der Abend allerdings erfreulicherweise nah am Original: in der bühnentauglichen Übersetzung des Peter Stein.

Die sieben Schauspielerinnen geben gleichzeitig den Chor, die Erinnyen und die jeweiligen Hauptfiguren. Gekleidet sind sie in fahle, schäbige Kostüme, passend zur Stimmung der Inszenierung, die auf einer weitgehend leeren Bühne stattfindet und durch wenige spektakuläre Effekte kontrastiert wird, etwa einen langsam von hinten nach vorne laufenden Blutstrom nach der Ermordung des Agamemnon.

Grundsätzlich finde ich Nunes‘ Ansatz gelungen. Er scheitert allerdings an zu starken Differenzen auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen sind nicht alle der Damen in gleichem Maße tragödientauglich. Zu meiner Überraschung bietet die üblicherweise als Ulknudel eingesetzte Maria Happel eine sehr überzeugende Leistung als Agamemnon. Barbara Petritsch dagegen mit ihrem ausgeprägten Wiener Akzent nimmt man weder den Aigisthos noch die Amme ab. Selbst die von mir sehr geschätzte Sarah Viktoria Frick tut sich stellenweise schwer mit dem tragischen Pathos. Zum anderen findet der Regisseur einige unglaublich starke Theaterbilder. Hier wäre etwa die famose Schlussszene zu nennen. Dagegen fallen andere Abschnitte des Abends so weit ab, dass der Gesamteindruck darunter leidet. Eine auf hohem Niveau scheiternde Inszenierung also.

The Red Turtle

Filmcasino 24.3. 17

F / B / J 2016
Regie: Michaël Dudok de Wit

Dieser von der Filmkritik hoch gepriesene Animationsfilm hat tatsächlich viele Stärken. Nicht nur findet die künstlerische Umsetzung einen eigenen ästhetischen Stil, es gelingt de Wit auch, eine symbolisch starke Geschichte ohne ein einziges gesprochene Wort zu erzählen: Ein Mann strandet auf einer Insel und wird von einer roten Schildkröte daran gehindert, sie mit einem Floß zu verlassen. Das Tier verwandelt sich märchenhaft in eine hübsche Frau und die beiden verbringen mit dem bald dazukommenden Kind ihr Leben mit Höhen und Tiefen auf der kleinen Insel. Wer mag, kann darin leicht eine Analogie zur menschlichen Existenz erkennen. Der Film hat viel Charme und bezeugt eine hohe Kompetenz aller Beteiligten am visuellen Erzählen. Auf das von Rousseau und Crusoe inspirierte poetische Setting muss man sich freilich einlassen können, was mir nicht immer leicht fällt.

Hagen Quartett

Wiener Konzerthaus 22.3. 17

Franz Schubert: Streichquartett Es-Dur D 87 (1813)
Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 12 Des-Dur op. 133 (1968)
Johannes Brahms: Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 51/2 (1873)

Drei meiner Lieblingskomponisten für Kammermusik in einem Konzert! Schuberts Streichquartett in Es-Dur D 87 hielt man lange für ein Spätwerk. Inzwischen weiß man, dass es ein Jugendwerk aus dem Herbst 1813 ist. Man hört auch deutlich den Unterschied zu seinen späten, oft sehr traurigen Werken. Hier probiert ein junger Komponist eine komplexe Form kompetent aus. Das Hagen Quartett versucht denn auch gar nicht, ihrer Interpretation ein unpassendes Pathos zu verleihen.

Schostakowitsch schrieb die Düsternis des 20. Jahrhunderts in seine besten Werke, zu denen ich alle seine Streichquartette zähle. Mit welcher existenziellen Bedeutung man ein Pizzicato aufladen kann, ist bei jedem neuen Hören immer wieder erstaunlich

Brahms beschäftigte sich viele Jahre mit der Form des Streichquartetts, bevor er 1873 endlich mit dem Ergebnis so zufrieden war, dass er zwei Quartette veröffentlichte. Eines davon spielte das Hagen Quartett an diesem Abend mit der notwendigen Furiosität. Insgesamt ein sehr gelungener Kammermusikabend.

Neruda

Filmcasino 17.3. 17

CHL, ARG, FRA, ESP 2016
Regie: Pablo Larraín

Es gäbe jede Menge konventioneller Möglichkeiten, einen Film über einen politisch verfolgten Schriftsteller zu drehen. Pablo Larraín wählt keinen dieser ausgetretenen Pfade, sondern schafft ein postmodern anmutendes Fiktionalitätsspiel, indem er einen mäßig schlauen Polizisten als Verfolger des Neruda eine prominente Perspektive einräumt. Dieser Verfolgungsjagd wird in sehr unterschiedlichen Szenen gezeigt, die einen teilweise abstrakten, teilweise leicht surrealen Einschlag haben. Es ist als hätte Pablo Larraín den gesamten Werkzeugkasten des avancierten Autorenfilms genommen, um ihn virtuos anzuwenden. So sind die einzelnen Abschnitte durchaus beeindruckend und handwerklich makellos umgesetzt. Trotzdem lässt mich der Film als Kunstwerk überwiegend kalt. Das mag auch daran liegen, dass mir der Humor des Regisseurs meist nicht amüsiert. Eventuell ist das einer jener Fälle, wo zu viel Perfektion dem Gesamtergebnis mehr schadet als nützt.

Moonlight

Gartenbaukino 16.3. 17

USA 2016
Regie: Barry Jenkins

Es ist selten, dass wirklich einer der besten Filme den Oscar für den besten Film erhält. Der Oscar für Moonlight ist also eine positive Ausnahme, die sicher auch durch die mediale Aufregung begründet ist, die es letztes Jahr rund um die Nicht-Nominierung schwarzer Filmschaffender gab. Das Budget Moonlights war für Hollywoodverhältnisse lächerlich: 1,5 Millionen Dollar.

Der Film beschäftigt sich mit der Jugend Chirons, einem schwarzen Jungen, der in einem Ghetto Miamis aufwächst. Erschwerend in diesem Machoumfeld ist seine sukzessive Erkenntnis, dass er homosexuell ist. Erzählt wird die Entwicklung des Jungen in drei Episoden mit unterschiedlichen Schauspielern: Chiron als Kind, Chiron als Teenager und Chiron als Erwachsener. Die größte Stärke des Films ist die Selbstverständlichkeit, mit welcher Barry Jenkins diese Geschichte erzählt. Sie ist nicht nur frei von negativen Klischees, sondern auch von den „positiven“ sozialpädagogischen Stereotypen wie die heroische Opferrolle. So ist der Erwachsene, der sich als Ersatzvater um Chiron kümmert, ein Drogendealer, dem das moralische Dilemma seines Berufs sehr wohl bewusst ist. Dass sich Chiron ihn am Ende als Rollenmodell auswählt, gibt dem Film am Schluss eine bittere Note. Wie es die drei Schauspieler hinbekommen, eine überzeugende Kontinuität der Persönlichkeit Chirons zu vermitteln, ist beachtlich. Eine beeindruckende Arbeit.

Ausstellungen in Wien: Handyfilmen & Maria Theresia

Volkskunde Museum Wien 12.3. 17
Prunksaal der Nationalbibliothek 12.3. 17

Enttäuscht lässt mich Handyfilmen. Jugend. Alltag. Medienkultur zurück. Das Thema wäre interessant. Die Umsetzung dieser an der Universität Zürich konzipierten Wanderausstellung geht aber nicht genügend in die Tiefe. Auf großen Hand-Skulpturen sind Touchscreens angebracht auf denen man themenspezifisch angeordnet diverse Handyfilme von Jugendlichen ansehen kann. Vor jedem Film erhält man einen kurzen erläuternden Text. Das ist alles solide gemacht, enthielt für mich aber keine Überraschungen. Lobenswert ist natürlich die Intention, uns Erwachsenen diverse Vorurteile darüber zu nehmen, was die Teenies da so alles auf ihren Smartphones haben. Abgesehen von den kurzen Kontexttexten fehlt aber eine weiter gehende Analyse. Außerdem fehlen Beispiele für die „dunklere“ Seite der Medaille, die es ja sehr wohl gibt. Schade, aus dem Thema hätte man mehr machen können. (Bis 7.5.)

Mehr machen können hätte man auch aus der Maria-Theresia-Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek. Sie ist mit ihrer Kombination aus überwiegend thematischen Schautafeln und ausgewählten, teils sehr schönen veranschaulichenden Objekten und Büchern in Vitrinen darunter, zwar sorgfältig kuratiert. Es findet sich aber so gar nichts darunter, das eine neue Perspektive oder neue Gedanken über sie anregen würde. Einige ihrer dunklen Seiten, wie ihr talibanähnlicher Sittenwahn, kommen überhaupt nicht zur Sprache. (Bis 5.6.)

Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Certain Women

Filmcasino 4.3. 17

USA 2016

Regie: Kel­ly Reichardt

Ein in seiner minimalistischen Art sympathischer Episodenfilm über drei Frauenleben in der Provinz Montanas. Am meisten „Action“ bietet noch die erste Geschichte über eine Anwältin mit einem ruinierten und überforderten Klienten, der in die Kriminalität abkippt. Der zweite Abschnitt beleuchtet primär das Familienleben einer erfolgreichen Frau, die ein authentisches Wochenendhaus bauen will. Die letzte Episode bahnt eine lesbische Beziehung an, die letztlich aber nicht zustande kommt. Der Film lebt von seinen einzelnen expressiven Elementen mehr als von einer klassischen Handlung. Damit untergräbt Reichardt die übliche Ästhetik des Kinos und verletzt die Erwartungshaltung der Zuseher. Wer sich nicht auf diese ästhetische Ebene begeben kann, der könnte den Streifen langweilig finden.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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