Zeitgeschehen

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Die digitale Diktatur der Zukunft

Jede Diktatur ist stark von der ihr zur Verfügung stehenden Technik geprägt und der technologische Fortschritt ist deshalb immer auch eine „Chance“ für die Feinde der Freiheit. Sehr schön illustriert das derzeit China mit ihrem neuen Sozialkredit-System: Jeder Bürger bekommt eine Bewertung in Punkten, ganz so wie WC-Papier bei Amazon. Bei negativem Verhalten aus Sicht der Diktatur gibt es Punktabzug, was den Verlust diverser Privilegien bedeutet. Was wie eine Black Mirror Folge klingt, wird in ausgewählten Städten schon praktiziert. Details kann man hier nachlesen.

Seth Stephens-Davidowitz: Everybody Lies. What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are.

Große Teile der Sozialwissenschaften basieren auf Umfragen. Wann immer man etwas über Einstellungen oder Verhalten wissen will, wird ein im Idealfall statistisch repräsentatives Sample befragt. Die zahlreichen methodischen Probleme dabei sind inzwischen gut bekannt, und es gibt auch eine Reihe von statistischen Techniken sie wieder auszugleichen. Psychologen dagegen arbeiten gerne mit ihren Studenten als Versuchskaninchen, also überwiegend mit weißen Menschen aus der Mittelschicht.
Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte stehen nun ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung: Die Milliarden Suchanfragen im Internet. Es stellt sich nämlich heraus, dass viele Menschen Google Dinge anvertrauen, die sie sonst selbst vor engen Verwandten und Freunden geheim halten.

The microscope showed us there is more to a drop of water than wie can see. The telescope showed us there is more to the night sky than we think we see. And new, digital data now shows us there is more to human society than we think we see.
[S. 16]

Seth Stephens-Davidowitz war Datenanalyst bei Google und zeigt in diesem spannenden Buch an zahlreichen Beispielen, welche neuen Erkenntnisse man durch die Analyse von Suchanfragen gewinnen kann. Es sei gleich gesagt: Misanthropen werden sich schnell bestätigt fühlen. Was Seth-Davidowitz zu heiklen Themen wie Rassismus und Sexismus herausfindet, lässt einen schnell die Haare zu Bergen stehen. Das Standardnarrativ in den USA lautet, dass der radikale Rassismus seit den fünfziger Jahren stark abgenommen hätte, und es primär nur noch impliziten Rassismus gäbe. Wie falsch das ist, zeigt Stephens-Davidowitz durch eine Auswertung, wo und wie oft nach „nigger jokes“ gesucht wird. Millionen (!) weiße Amerikaner suchen danach. Ein weiteres Beispiel: Eltern fragen Google viel öfters danach, ob ihr Sohn hoch begabt ist, als ihre Tochter. Das gilt auch für andere Themen, die mit Intelligenz verbunden sind. Umgekehrt suchen Eltern bei ihren Töchtern viel öfters als bei ihren Söhnen nach Dingen, die mit dem Aussehen in Verbindung stehen.
Der Autor beschränkt sich nicht auf Google als Quelle, sondern nutzt auch die Suchen auf Pornoseiten. Ein verstörendes Ergebnis hier ist, wie viele Frauen nach Gewaltpornographie suchen, in denen Frauen gedemütigt werden.

So wie es also aussieht, haben wir damit nun geschichtlich erstmals die Möglichkeit, unseren Mitmenschen so direkt ins Hirn zu sehen wie bisher noch nie. Wie hässlich das Ergebnis sein wird, zeigen diese wenigen Beispiele. Einen wichtigen Aspekt thematisiert Stephens-Davidowitz allerdings zu wenig, nämlich den demokratiepolitischen. Denn die beschriebene anthropologische Erkenntnismaschine ist nicht in der Hand von Universitäten, sondern von wenigen Internetkonzernen. Sie können damit die menschliche Natur durchleuchten und in Folge manipulieren, wie niemand zuvor in der Weltgeschichte. Strengere Regeln wären auch deshalb politisch dringend angebracht.

Seth Stephens-Davidowitz: Everybody Lies. What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are (Bloomsbury)

Die Kirche und ihr Baby-Massengrab

Man stelle sich kurz vor, man hätte in der Nähe von Mossul ein Massengrab mit etwa 800 toten Babys und Kindern gefunden. Die Weltmedien wären zurecht sehr empört. Politiker sprächen getragen über den Kampf gegen die Barbarei. Populisten, Rechtsextreme und Rassisten gefährdeten ernsthaft ihre Gesundheit durch wochenlange Hyperventilation.

Es gibt dieses grausige Massengrab wirklich. Allerdings liegt es nicht auf dem ehemaligen Gebiet des Islamischen Staates, sondern auf dem Gelände des von Nonnen betriebenen katholischen Mutter-Kind-Heimes im irischen Tuam. Was dort geschah, ist eines der größten religiös motivierten Verbrechen des letzten Jahrhunderts, und zeugt von einem Grad der Barbarei der dem der übelsten Islamisten um keinen Deut nachsteht. Die Reaktion der Weltöffentlichkeit? Die Qualitätspresse brachte Artikel im hinteren Teil der Zeitungen. Es gab keine Schlagzeilen. Es gab keine Sondersendungen. Es gab keine empörten Politikerstellungnahmen. Es gab keine Forderungen, sofort Videoüberwachung in allen katholischen Institutionen einzuführen, um die Sicherheit gegen die Barbarei zu stärken. Es gab keine Debatte, ob das Christentum als Religion mit den westlichen Werten prinzipiell kompatibel sei.

Einen guten Einblick in jenes Verbrechen gibt diese Weltzeit-Sendung des Deutschlandradio Kultur. Sie berichtet auch über die Arbeit der dazu eingesetzten „Untersuchungs“kommission, die in Wahrheit eine Vertuschungskommission ist.

Die Geschichte Irlands zeigt, zu welchen Verbrechen die katholische Kirche fähig ist, und mit welcher Perfidie diese über Jahrzehnte lang vertuscht wurden. Ein Musterbeispiel der zwangsläufigen Wertekatastrophe, wenn Staat und Religion nicht strikt getrennt sind. Die Umwandlung der Türkei in eine Diktatur wäre ein anderes aktuelles Beispiel.

Wer in Sachen Irland noch Zweifel hat, der möge den staatlichen Ryan-Report lesen, der die sexuelle Ausbeutung und Misshandlung von Kindern in katholischen Einrichtungen aufarbeitet.

Millionaires of Time. Roma in der Ostslowakai

Volkskundemuseum Wien 11.6. 17

Die Ausstellung versucht, den Roma in der Ostslowakei ein individuelles Gesicht zu geben. Das gelingt mit wenigen Fotos, welche in zwei Räumen hängen sowie einem Stapel Fotos, den man durchblättern kann. Der Kern des Projekts sind allerdings viele Interviews, weshalb man zu Beginn einen MP3-Player in die Hand gedrückt bekommt. Einen direkten Bezug zwischen den Fotos und dem Gehörten gibt es nicht. Eine Kuratorenentscheidung, sagt man mir. Trotzdem kann man nicht wenige der Sprechenden leicht identifizieren. Zu hören sind Roma aus Košice, genauer aus dem dortigen Ghetto Luník IX, und aus Šaca, einer Stadt in der Nähe der ukrainischen Grenze. Diese geschilderten Lebenswelten sind teilweise sehr fesselnd. Auch die Spannungen werden ausführlichen thematisiert bzw. direkt durch Aussagen vorgeführt.

Die Betrachtung der Fotos ist schnell abgeschlossen. Danach setze ich mich in den sonnigen Garten des Palais Schönborn und höre mir die gut zwei Stunden langen Interviews an. Das ist angenehm, zeigt aber doch, dass das Konzept der Ausstellung verfehlt ist. Würde man die Audiodateien zum Download anbieten und die Fotos ins Netz stellen, wäre derselbe Zweck erreicht gewesen. (Bis 24.9.)

Trump und Hitler

Viele lehnen Hitler-Vergleiche reflexartig ab, wofür es angesichts des inflationären polemischen Gebrauchs derselben gute Gründe gibt. Eine der besten Texte über den Aufstieg Trumps zeigt aber, wie wichtig und erhellend diese historischen Parallelen sind. Geschrieben vom Philosophen Adam Knowles wünsche ich ihm so viele Leser wie möglich: Philosophy in the Contemporary World: The Moral Imperative to Assume the Worst—Philosophy’s Response to Donald Trump.

Ein kurzer Auszug:

We must accept that we live in dire times of which nothing good will come. There will be no moral victories for liberals who hope to come out of the other side with a clean conscience. There will be an increase in hate crimes. There will also be tactics of gradual escalation in order to secure complicity from those not subject to such violence. We should not try to speculate what Trump’s true aims might be, but instead calculate what they could be based on the most extreme scenario. We must resist any outward claims of moderation and out them as a classic strategy of totalitarian regimes. The so-called ‘good’ white people (especially men) of America, those for whom normalization is a possibility, must also resist allowing Trump to be normalized in our names and on our behalf. Yet we must also ensure that our resistance is not parasitic on the aesthetic spectacle of the Trump phenomenon.

Demokratie und Digitalisierung

Meiner Einschätzung nach besteht die größte Gefahr für das Überleben der Demokratie im Missbrauch der neuen digitalen Möglichkeiten. Nicht nur dort, wo es offensichtlich ist, wie bei der Massenüberwachung. Viel heikler ist das stille Gewöhnen an das Verschwinden des Privaten und die totalitären Sozialtechniken, welche Big-Data-Analysen inzwischen erlauben. Fakt ist, dass bereits jetzt diese Technologien zentrale westliche Verfassungsgrundsätze ungestraft aushöhlen, weil die Geschwindigkeit dieser Änderungen die Politik maßlos überfordert und auch die Juristen mit dringend notwendigen neuen Normen nicht mehr nachkommen.

Zwei Artikel fassen diese erschreckenden Entwicklungen exzellent zusammen. Als erstes möchte ich auf Sue Halperns They Have, Right Now, Another You hinweisen, der in der New York Review of Books zu lesen ist und auch auf wichtige neue Bücher zum Thema hinweist.
Einen Blick in die Abgründe des totalitären Digitalen erlauben ebenfalls die offiziellen Pläne Chinas, alle Bürger mit Hilfe eines Punktesystems zu bewerten. The Economist fasst diese bald reale dystopische Black-Mirror-Folge in seiner aktuellen Ausgabe zusammen: China invents the digital totalitarian state.

An American Tragedy

David Remnick kommentiert für den New Yorker die Wahl des Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten:

The election of Donald Trump to the Presidency is nothing less than a tragedy for the American republic, a tragedy for the Constitution, and a triumph for the forces, at home and abroad, of nativism, authoritarianism, misogyny, and racism. Trump’s shocking victory, his ascension to the Presidency, is a sickening event in the history of the United States and liberal democracy. On January 20, 2017, we will bid farewell to the first African-American President—a man of integrity, dignity, and generous spirit—and witness the inauguration of a con who did little to spurn endorsement by forces of xenophobia and white supremacy. It is impossible to react to this moment with anything less than revulsion and profound anxiety.

There are, inevitably, miseries to come: an increasingly reactionary Supreme Court; an emboldened right-wing Congress; a President whose disdain for women and minorities, civil liberties and scientific fact, to say nothing of simple decency, has been repeatedly demonstrated. Trump is vulgarity unbounded, a knowledge-free national leader who will not only set markets tumbling but will strike fear into the hearts of the vulnerable, the weak, and, above all, the many varieties of Other whom he has so deeply insulted. The African-American Other. The Hispanic Other. The female Other. The Jewish and Muslim Other. The most hopeful way to look at this grievous event—and it’s a stretch—is that this election and the years to follow will be a test of the strength, or the fragility, of American institutions. It will be a test of our seriousness and resolve.

[…]

The Music of Strangers – Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble

Filmcasino 7.10. 2016

USA 2015

Regie: Morgan Neville

Anfang des neuen Jahrtausends lädt Yo-Yo Ma Musiker aus den unterschiedlichsten Kultur zum gemeinsamen Musizieren ein. Es entstand das Silk Road Ensemble, das sich bis heute immer wieder trifft, um zu Musizieren. Sechzig höchst unterschiedliche Musiker sind daran beteiligt. Das Projekt wird ein ästhetischer und ein politischer Erfolg. Die politischen Implikationen des Projekts sind ja offensichtlich.

Nevilles Dokumentarfilm ist weit mehr als das Porträt eines Ensembles. Er erzählt exemplarisch das Leben einer Handvoll der beteiligten Künstler. Einer Spanierin aus Galizien. Einer Chinesin aus Peking. Einem Iraner aus Damaskus. Einem Syrer aus Damaskus. Ihre Biographien sind alle bewegend und werfen Schlaglichter auf die historischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Damit erreicht der Dokumentarfilm am Ende eine unerwartete existenzielle Dimension. Das verschafft ihm ästhetisch allerdings eine gewisse Unausgewogenheit, weil es lange dauert, bis diese Ebene letztendlich erreicht wird.

Einen guten Eindruck über das Ensemble gibt dessen You Tube Kanal.

Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise

Patrick Kingsley ist als Migrationskorrespondent des „Guardian“ einer der bekanntesten Journalisten weltweit, welche sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigen. Er schreibt nämlich nicht von einem Londoner Büro aus, sondern war zur Recherche in siebzehn Ländern unterwegs. Seine Erkenntnisse sind in diesem Buch nachzulesen. Es ist eine Mischung aus investigativer Reportage und Analyse, ergänzt durch die Geschichte des Haschem al-Souki, dessen Flucht aus Syrien über Ägypten und Italien nach Schweden er emphatisch in allen Details nacherzählt. Als Einzelschicksal erzeugt diese Geschichte naturgemäß große Empathie.

Kingsley setzt in seinem Buch auf drei Schwerpunkte. Er beginnt mit der Situation in Afrika, wo er bei den meisten seiner Leser sicher viele Wissenslücken schließen kann. Bevor die Flüchtlinge nämlich auf dem Radar der europäischen Öffentlichkeit erscheinen, also rund um das Mittelmeer, spielen sich in Afrika bereits zahlreiche Tragödien ab. Nicht nur sterben jede Menge Menschen beim Durchqueren der Sahara, viele werden auch beraubt, gefoltert, entführt und erpresst. Man versteht bald, warum so viele diese Risiken und Qualen auf sich nehmen: Mangels Alternative. Nach der Lektüre wirkt die um Zäune und Grenzen drehende politische Diskussion in Europa naiv. So lange wir die Fluchtursachen nicht beseitigen, werden weiter Migranten kommen.

Der zweite Schwerpunkt beschäftigt sich mit den Schleppern am Mittelmeer, speziell in Libyen und Ägypten und durchleuchtet die lukrative Ökonomie des Menschenhandels. Korrupte Behörden spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Kingsley wird Augenzeuge von Flüchtlingsrettungen auf dem Mittelmeer und beleuchtet auch die italienische Perspektive.

In der zweiten Hälfte des Buches steht schließlich die Balkanroute im Fokus, welche Kingsley komplett abreist. Als Leser kann man die Fluchtroute Hunderttausender im letzten Jahr damit hautnah miterleben.

Weniger überzeugend finde ich die Passagen, welche sich mit Lösungsvorschlägen beschäftigen. Sie sind zwar alle gut gemeint und würden den Flüchtlingen sinnvoll helfen, können die Weltprobleme aber naturgemäß nicht lösen.

Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise (C.H. Beck)

Musil und Trump

In der Los Angeles Review of Books schreibt David Auerbach einen ausgesprochen ungewöhnlichen Artikel mit dem hübschen Titel Make America Austria Again: How Robert Musil Predicted the Rise of Donald Trump. Darin beschäftigt er sich ausführlich mit den Parallen zwischen Donald Trump und Christian Moosbrugger. Lesenswert.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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