Zeitgeschehen

1234..>|

Joseph Roth über die Eurokrise

Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.
(Joseph Roth, Rechts und Links)

Flattr this!

mordslust

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Flattr this!

Smarte Kultur?

Die nächste Veranstaltung von twenty.twenty steht unter dem Motto The City – Networking with Things. Als notorischer Großstadtfreund werde ich an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Vorab einige Gedanken zum Thema.

Viel ist derzeit von “Smart Cities” die Rede. Der Fokus liegt auf der zunehmenden technischen Vernetzung und die davon erwarteten Vorzüge, nicht zuletzt im wirtschaftlichen Wettbewerb. Städte waren allerdings immer schon “smart”: Die Zivilisation und Kulturgeschichte, wie wir sie kennen und schätzen, wäre ohne urbane Zentren unmöglich gewesen. Die Innovationskurve bei indigenen Stammesgesellschaften ist gering. Dank der Ethnologie wissen wir, wie hoch entwickelt soziale und semantische Strukturen in diesen Gesellschaften sind. Sie entscheiden sich in Sachen Komplexität kaum von Hochkulturen. Der Unterschied liegt nicht in der individuellen Begabung, sondern im sozioökonomischen Kontext. Kulturgeschichtlich betrachtet scheint die Existenz von Städten der maßgebliche Unterschied in der Steilheit der Entwicklungskurve zu sein. Das ist seit langem bekannt. Vergleichsweise neu sind plausible Antworten auf die Frage, warum die Stadtentwicklung und die darauf folgende kulturelle Entwicklung in gewissen Weltgegenden stattfand, in anderen dagegen nicht. Die Ursache des unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexts ist schlicht die Geographie. Es benötigt eine Reihe von komplexen Voraussetzungen für Landwirtschaft und Domestizierung, die nur selten gleichzeitig auftreten. Jared Diamond führt dies in seinem brillanten Buch Arm und Reich, Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, überzeugend aus.

Die Kulturgeschichte ist voller Beispiele für Städte mit Kreativitätsexplosionen. Die altgriechischen Städte in Kleinasien etwa legten den Grundstein für die moderne Naturwissenschaft. Sie bauten auf den babylonischen und altägyptischen Kenntnissen auf, abstrahierten vom damit verbundenen religiösen Firlefanz und stellten sich deshalb zum ersten Mal wissenschaftliche Fragen im engeren Sinn. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass diese Kreativitätsmechanik wertneutral ist. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

“Smart City” ist als Metapher als wissenschaftlicher Terminus eigentlich ungeeignet. Scrollt man sich durch Beiträge zum Thema, merkt man schnell, wie schwammig der Begriff verwendet wird. Aber ich will an dieser Stelle keine methodologische Grundsatzkritik liefern, was eigentlich notwendig wäre, sondern einer anderen Frage nachgehen: Inwiefern ist eine zunehmende technische Vernetzung in einer Stadt für die Kulturproduktion relevant? “Kultur” ist hier im engeren Sinn gemeint, also die Produktion von kulturellen Gegenständen: Theater, Konzerte, Ausstellungen, Bücher. Auf den ersten Blick scheint es so, als sei das Niveau der technischen Entwicklung für erstklassige Kulturproduktion irrelevant: Ein elektronisches Eselkarren-Leitsystem in Athen hätte die Philosophie Platons und Aristoteles vermutlich nur bedingt bereichert. Geht man im Geiste die diversen kulturgeschichtlichen Hotspots durch, fällt zumindest mir kein Beispiel ein, wo Technologie einen direkten Einfluss auf geistige Leistungen gehabt hätte. Offensichtliche Ausnahme ist die Architektur, obwohl auch hier viele Völker mit einfachsten Mitteln Höchstleistungen erbracht haben, wie etwa die Hethiter und Inka. Die Herstellung ästhetischer Gegenstände ist eigentlich erschreckend einfach: Autoren, Komponisten, Künstler kommen meist mit wenig Werkzeug aus.

Anders sieht die Sache freilich aus, wenn man Kommunikationstechnologien als Katalysatoren für Kulturproduktion analysiert. Der Buchdruck veränderte die Geistesproduktion als Horizontöffner einerseits für Intellektuelle, welche plötzlich Zugang zu einer inspirierenden Fülle von neuen Quellen hatten. Andererseits verbreiterte sich die intellektuelle Basis: Aus einer Handvoll Humanisten entwickelte sich in relativ kurzer Zeit eine große Gelehrtenrepublik. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hätte eine auch kulturell smarte City großes Potenzial. Zwar stehen heute den meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften durch Digitalisierung eine nicht mehr zu überschauende Fülle von hoch qualitativen Inhalten zu Verfügung. Was aber nur sporadisch existiert, ist der digitale Zugang zu Kulturveranstaltungen.

Man stelle sich das am Beispiel Wiens vor: Jede Aufführung des Burgtheaters, jede Aufführung der Staatsoper, jede Aufführung im Musikvereins, jede Aufführung im Konzerthaus und aus allen anderen Einrichtungen würde in hoher Qualität live übertragen. Diverse Interaktionsmöglichkeiten könnten genutzt werden. Eine Kulturthek stellte alle Aufzeichnungen dauerhaft zur Verfügung. Damit demokratisierte man nicht nur weiter den Zugang zur Hochkultur, man gäbe dem Nachwuchs auch jede Menge Anregungen für eigene Kunstproduktion. Die Basis würde weiter verbreitert. Alle Bildungsinstitutionen bekämen neue didaktische Möglichkeiten. Etablierte sich das für alle Smart Cities, könnte man weltweit bei allen kulturell relevanten Institutionen live dabei sein. Warum sollte man die Münchner Inszenierungen des Martin Kusej nicht immer von Wien aus ansehen können, nur weil ihn die hiesige Kulturpolitik aus dem Land gejagt hat?

Es mag weitere Beispiele für kulturelle Smart Cities geben. Ich plädiere jedenfalls dafür, die Diskussion nicht auf wirtschaftliche und technische Aspekte zu beschränken. Jedes Smart-City-Projekt sollte einen Kulturbeauftragten ernennen.

Siehe auch meinen Artikel: metropolis, hell yeah!.

Flattr this!

Die Geisteswissenschaften und das Internet

Eine Scheindebatte.

Michael Seemann polemisiert in seinem Blog gegen die Internet-Ignoranz der Geisteswissenschaftler. Die Debatte über diesen Beitrag ist in vollem Gang. Jetzt.de der Süddeutschen Zeitung brachte deshalb ein Interview mit ihm über seine Kritik. Wer meine akademischen Arbeiten kennt, weiß, dass ich dem aktuellen Betrieb der Geisteswissenschaften ebenfalls sehr kritisch gegenüberstehe, allerdings in erster Linie aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Gründen. Begründet habe ich das in dem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie und ein Gegenmodell in meiner Dissertation vorgestellt.

Seemann scheint mit der prinzipiellen methodischen Unart, wie Geisteswissenschaftler derzeit zu Werke gehen, kein Problem zu haben, hat er doch selbst das Sammelsurium Kulturwissenschaften studiert. Was ihn dagegen ungemein stört, ist die Ignoranz gegenüber den Neuen Medien. Nun ist es ein prinzipielles Missverständnis, dass die gerne als Orchideenfächer geschmähten Disziplinen mit heraus hängender Zunge jeweils dem neuesten “Hype” hinterher rennen müssen. Die Hauptaufgaben der Geisteswissenschaften sind doch erstens die Kultur- und Geistesgeschichte kompetent präsent zu halten (von hethitischen Inschriften über die islamischen Naturwissenschaften des Mittelalters bis hin zur Bedeutung der Werke Franz Kafkas für die Moderne) und sie für die Gegenwart in verschiedener Form fruchtbar zu machen. Zweitens sollten Geisteswissenschaftler nach ihrer Ausbildung über ein kritisch-rationales Denkvermögen samt Methodenwissen verfügen, das universal anwendbar ist. Ein Geisteswissenschaftler ist im Idealfall ein hoch gebildeter und aufgrund seines Wissens sehr skeptischer Intellektueller mit kritischer Distanz zur Gegenwart.

Die Realität sieht leider oft anders aus: Aus den Universitäten kommen Absolventen, die viele Jahre lang damit verbrachten, eine “Wissenschafts”sprache zu erlernen. Sie können dann am laufenden Band ähnlich klingende Texte produzieren (etwa “kulturwissenschaftliche” oder “dekonstruktivistische”), ohne dass sie je von den Regeln der formalen Logik oder anderen Konzepten überhaupt nur gehört hätten, die unverzichtbar für kritisches Denken sind. Gleichzeitig erlernen sie ihre “Sprachen”, in dem sie TV Serien oder Nudelverpackungen als Gegenstand wählen. Man kann heutzutage ein Germanistikstudium abschließen, ohne je den Faust gelesen zu haben.

Es spricht nun selbstverständlich nichts dagegen, dass Geisteswissenschaftler ihren kritischen Blick auch auf Social Media, Blogs usw. richten. Das aber als Aufhänger für eine Fundamentalkritik zu nehmen, geht an den eigentlichen, oben angedeuteten Problemen völlig vorbei. Die Geisteswissenschaften sind keine schnelle Eingreiftruppe. Wer mehrere Jahrtausende kulturgeschichtlich überblickt, hat nicht nur das Recht auf eine gewisse Gegenwartsträgheit. Er sollte sogar besonders kritisch und distanziert sein und vieles aus der Metaperspektive betrachten. Hätte es die (akademische) Welt wirklich weiter gebracht, gäbe es jetzt hunderte geisteswissenschaftliche Arbeiten mehr über Second Life, in dem vor wenigen Jahren viele Zeitgeistler die Zukunft strahlend hell abgebildet sahen und das heute niemanden mehr interessiert?

Ich stimme Seemann allerdings zu, dass Geisteswissenschaftler die aktuellen Kommunikationstechniken als Handwerk (!) ebenso gut beherrschen sollten wie die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern ihr Buchhandwerk. Junge Kulturwissenschaftler, welche behaupten, “auch das Buch [sei] ebenso zum Teil eine überkommene Wissensstruktur” sehe ich jedenfalls als größeres Problem des aktuellen Wissenschaftsbetriebs an als ein paar paar Professoren, die E-Mail verweigern.

Weitere Beiträge zum Thema:

»Liebe Geisteswissenschaftler, [...] vielleicht braucht Euch ja doch keiner«

Flattr this!

metropolis, hell yeah!

[Der Artikel erschien in The Gap Nr. 117]

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.

Städte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesundheitsübel führen Betonphobiker gerne exemplarisch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreissende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassenschlager wie Slumdog Millionaire (2008) drehen.

Harvard-Ökonom und New-York-Times Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch Triumph of the City vehement. Der barocke Untertitel fasst seine Hauptthesen bereits zusammen: How our greatest invention makes us richer, smarter, greener, healthier and happier. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor.

Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grundvoraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz.

Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größerem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine „urban species“ zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, schaffe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiteten. Unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tatsächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind bekannte ideographische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum einer neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Baghdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen.

Hier drängen sich nun einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektuelle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine berühmten Essais alleine im Bücherturm seines Schlosses schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschichtlichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend, wie bei den oben aufgezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Naturapostel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein Bestseller Walden hätte in dieser Form nie entstehen können, wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden, und lange in dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen.

Einen Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

Die bei Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumentation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empirische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovationskraft „echten“ Stadtlebens sein könne.

Städte bündeln und verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städte ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feuerwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten Wirtschaftsmetropole.

Grüne Lunge

Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der Energie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten Innenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung.

Analysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens weite Teile der Bevölkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig Energie. Zweitens große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den letzten Jahren, in die Städte. Aber diese Städte entwickeln sich analog der amerikanischen mit riesigen Vororten und einer unüberschaubaren Zahl an Autos. Drittens die Verstädterung hält an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario ökologisch verträglich ist: „If you love nature, stay away from it.“

Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städte scheitern, während andere wie New York auch große Krisen überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten Urbanismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für eine möglichst dicht besiedelte Stadt durch Hochhäuser. Der großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und andere „HotSpots“ müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Manhattan als Prototyp im Hinterkopf hat.
Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu investieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie Detroit sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu konzentrieren.

Flattr this!

Über den Wert der Kultur

In unserer Gesellschaft wird überwiegend monetär zum Ausdruck gebracht, was wirklich wichtig ist. Popsternchen und Fußballstars verdienen ein Vermögen, Komponisten und Autoren leben oft auf Sozialhilfe-Niveau. Viele Kulturpreise sind lächerlich dotiert. Kunstschaffende speisen Sponsoren gerne mit ein paar tausend Euro ab, Summen, die sie als jährliche Bonuszahlung als Beleidigung zurückweisen würden. Das ist ein altes, oft beklagtes Muster.

Was mir seit einigen Jahren aber verstärkt auffällt, ist der Preisverfall bei den hochwertigen Kulturprodukten. Die gesammelten Werke von Franz Kafka werden für 9,99 Euro feilgeboten. Den kompletten Beethoven gibt es für 50 Euro (80 CDs) in passabler Qualität, den kompletten Bach (160 CDs) für 170 Euro. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Alleine mit dem Gesamtwerk Beethovens könnte man sich viele Jahre, wenn nicht sein ganzes Leben beschäftigen.

Man könnte nun argumentieren, das wäre ein großer emanzipatorischer Erfolg. Geld zu haben, sei keine Voraussetzung für Bildung und Kultur mehr. Diese Ansicht hat einen wahren Kern, und es gibt sicher eine Reihe von interessierten Menschen, die davon profitieren. Allerdings wäre mir nicht bekannt, dass Hartz 4 – Empfänger nun verstärkt Beethoven oder Bach hören, nur weil es diese Angebote gibt.

Ich befürchte dagegen, dass bei vielen Menschen der in einer Konsumgesellschaft gut trainierte Effekt einsetzt: Was nicht viel kostet, kann auch nicht sehr viel wert sein. So gesehen dürften diese kulturellen Billigpreise der Kultur mehr schaden als nützen.

Flattr this!

Empfehlungen: Daily Show

Jon Stewarts (fast) tägliche Daily Show nimmt sich satirisch den Auswüchsen der amerikanischen Politik an und bringt seinen Zusehern die aktuelle Nachrichtenlage originell nahe. Die Bandbreite der eingesetzten Formate ist groß: Groteske Zusammenschnitte aus den Nachrichtensendern (Zielscheibe des Spotts ist hier vor allem Fox News), Sketche, “Korrespondentenberichten”, “Expertenauftritten” und Filmbeiträge benennen die wichtigsten Beitragsarten.

Die einzelnen Sendungen sind natürlich von unterschiedlichem Niveau. Es sind aber regelmäßig brillante Folgen dabei, die Stewart zu Recht zu einer Ikone des linksliberalen Amerika werden ließ. Speziell zur Amtszeit von Bush senior war Stewart auch international ein Sprachrohr des “anderen Amerika”.

Dass die Daily Show in diese Rolle hineinwachsen konnte, illustriert die trauige Medienlandschaft in den USA. Wenigen Qualitätsmedien stehen Hetzsender wie Fox News gegenüber. Das erinnert an die Lage in Österreich, wo eine Stadtzeitschrift wie der Falter in Sachen investigativem Journalismus einspringen muss, weil die meisten anderen Medien nicht mehr in der Lage sind, diese für eine Demokratie essenzielle Rolle einzunehmen.

Flattr this!

Allgemeinbildung 2020…

… oder soll man noch Klassiker lesen?

Zu Teil 1

Seit der Renaissance war ein wichtiger Bestandteil der gehobenen Allgemeinbildung, Klassiker zu lesen. In erster Linie sollte man die antiken Autoren im Original gelesen haben. Dieses humanistische Bildungsideal wurde bei den gesellschaftlichen Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beibehalten. Immer ergänzt durch weitere kanonisierte Autoren: Shakespeare, Goethe und Schiller sind hier prominent zu nennen.

Was versprach man sich davon? Ich denke, man kann die Motive auf drei Gründe reduzieren: Kenntnis des nationalen und europäischen Kulturerbes (mit entsprechender ideologischer Aufladung), Abgrenzung einer Bildungselite nach unten, und die Hoffnung, durch Bildung besonders edle Charaktere zu formen. So schön diese Hoffnung auch war, dass der Mensch durch (klassische) Bildung edel hilfreich und gut würde, speziell die deutsche Geschichte zeigt das Gegenteil. Regelmäßige Goethe-Lektüre schloss eine SS-Mitgliedschaft ebenso wenig aus, wie eine Altphilologie-Professur das Hinausmobben jüdischer Kollegen aus deutschen Universitäten. Edle Taten fanden sich dafür ebenso bei humanistisch völlig ungebildeten Menschen. Goebbels war als Germanist ebenfalls ein großer Kenner der Klassiker. Ich neige deshalb der These zu, dass (klassische) Bildung zwar bereits vorhandene Charaktereigenschaften in Menschen beeinflussen kann, sie aber auf keinen Fall ausreicht, Menschen allgemein von unmoralischen Taten abzuhalten oder sie zu moralischen Taten zu motivieren.

Abgrenzung durch klassische Bildung als Statussymbol funktioniert heutzutage auch immer weniger. Im Österreich des 21. Jahrhunderts kann man sich damit eher als jemand profilieren, der einen seltsamen Spleen hat. Goethe-Leser? Das ist aber ein originelles Hobby! Ich selbst lerne gerade Aikido…

Plausibel von den ursprünglichen drei Motiven bleibt als die Kenntnis des eigenen Kulturerbes. Wie im ersten Teil ausgeführt halte ich das im Sinne eines abstrakten Überblickswissen für sinnvoll.

Warum also sollte man 2020 noch Klassiker lesen? Anders formuliert: Welchen Nutzen bringt die Klassikerlektüre dem Einzelnen oder gar der Gesellschaft?

Klassiker zu lesen und zu verstehen, ist eine Fähigkeit wie viele andere, die man zumindest einige Jahre lang trainieren muss. Eine passende Analogie ist vielleicht das Schachspiel. Die Regeln sind schnell gelernt. Ein oberflächliches Verständnis über strategische Grundzüge des Spiels ebenfalls. Ein wirklich guter Spieler zu werden setzt neben Talent aber sehr viel Aufwand voraus. Je mehr man spielt, je ausführlicher man sich mit der „Mechanik“ des Schach beschäftigt, je öfter man Partien analysiert, desto besser wird man werden. Bis man die Feinheiten einer Stellung oder die Finessen eines über viele Züge gehenden Manövers zu würdigen weiß, können viele Jahre vergehen. Eine weitere Analogie wäre das Erlernen einer Fremdsprache.

Es gibt auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Ein verständnisvolles Lesen der Romane des 19. Jahrhunderts ist früher möglich, als ein verständnisvolles Lesen von antiker, mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Literatur. Dickens ist weniger fremd als Homer, Dante oder Shakespeare.

Der Deutschunterricht ist beim Erlernen dieser Fähigkeit eher hinderlich als hilfreich, aber das wäre ein anderes Thema. Warum ist Klassiker-Lektüre so kompliziert? Weil der Gegenstand auf mehreren Ebenen komplex ist. Vergleichsweise banal ist die Notwendigkeit, intellektuell größere Zeiträume zu überwinden, was ein gewisses Kontextwissen voraussetzt. Auch das fiktionale Lesen an sich stellt nicht die größte Herausforderung dar. Wer den Abenteuern Harry Potters zu folgen vermag, der schafft das prinzipiell auch bei „Wilhelm Meister“. Die Hauptschwierigkeit liegt im Kern der Sache begründet, wie Klassiker funktionieren. Ein detaillierter Beschreibungsversuch findet sich im entsprechenden Abschnitt meiner Dissertation. Qualitätsvolle Literatur macht es dem Leser quasi aus Prinzip schwer, ihm zu folgen. Gute Literatur erfindet sich formal ständig neu, variiert das Alte und hebt es auf eine neue Komplexitätsstufe. Widerborstigkeit ist ein Kernbestandteil von Klassikern. Sie sind meist seltsam, ungewöhnlich und schwer in vorhandene Erfahrungsraster einzuordnen. Kognitionspsychologisch gesprochen: Es fehlt an den notwendigen Frames. Wir Menschen wollen aber gerne alles sofort in vorhandene Schubladen legen. Ist das nicht möglich, löst das Irritation und oft Ablehnung aus. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Beispielsweise wurde die Musik Mozart von den Zeitgenossen zunächst als ungewöhnlich schwierig empfunden.
Klassiker lesen lernen heißt auf einer abstrakten Ebene, mit diesen Komplexitäten umgehen zu können. Man lässt sich nicht nur auf Unbekanntes, Herausforderndes und “Schwieriges” ein, sondern hat daran sogar Vergnügen. Dieses Können bringt den Einzelnen individuell weiter und nützt auch der Gesellschaft, weil kognitive Komplexitätsbewältigung und Ausdauer eine wichtige Voraussetzung für Erfolge aller Art ist. Kurz sei noch angemerkt, dass Weltliteraturleser zwangsläufig zu Weltbürgern werden.

Einzigartig sind Klassiker noch in einer weiteren Hinsicht: Man kann Fremdes aus der Innensicht kennenlernen. Natürlich kann man sich Wissen über eine Zeit oder ein Land durch Sachbücher aneignen. Aber egal wie viele Studien und Aufsätze man über den Landadel in England um 1800 liest oder über das Stadtleben in Paris der 1830er Jahre: Man wird dadurch nie einen vergleichbaren Einblick bekommen wie durch die Lektüre der Romane Jane Austens oder Honoré de Balzac’. Das gilt nicht nur für vergangene Zeiten, sondern auch für andere Kulturen in der Gegenwart.

Klassiker-Lektüre im Jahr 2020? Selbstverständlich!

Flattr this!

Allgemeinbildung 2020…

…oder was muss man wirklich wissen?

Bei der vierten Veranstaltung von twenty.twenty geht es um die Frage der Allgemeinbildung im Jahr 2020. Die Veranstalter wüssten gerne: “Was wird im Jahr 2020 unter Allgemeinbildung verstanden und wie kann diese vermittelt werden?”

Natürlich kann man sich dem Bildungsthema deskriptiv widmen und versuchen zu beschreiben, wie sich die gesellschaftliche Auffassung von (Allgemein)bildung in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird. Was heutzutage darunter verstanden wird, ließe sich vergleichsweise einfach mit den Mitteln der sozialwissenschaftlichen Forschung erheben. Mir selbst sind keine derartigen Studien bekannt, aber ich vermute, das Ergebnis würde sich irgendwo zwischen für das Berufsleben notwendigen Fähigkeiten und Fragen der Millionenshow einpendeln. Bildungsideale werden überwiegend von Institutionen, aber auch von den Medien vorgegeben. Deshalb finde ich die präskriptive Seite des Themas wesentlich wichtiger: Wie soll der Begriff Allgemeinbildung aussehen? Welches Wissen soll an den Schulen und Universitäten vermittelt werden?

Beginnen möchte ich mit Allgemeinplätzen: Das Erlernen des Handwerkzeug des Denkens hat höchste Priorität. An erster Stelle steht das inhaltserfassende Lesen. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man einwenden, aber im Licht der jüngsten Pisa-Studien und des zunehmenden sekundären Analphabetismus, muss es explizit erwähnt werden. Wo und wie man sich zuverlässige Informationen besorgt, wäre dann der nächste Schritt. An zweiter Stelle steht die Fähigkeit zur Kritik. Dazu braucht es einerseits den Mut zur Kritik, also ein gesellschaftliches Klima speziell in Bildungseinrichtungen, die Kritik nicht nur zulassen, sondern explizit ermuntern. Andererseits sind zumindest Basiskenntnisse über kritische Methoden notwendig (z.B. Logik), also der Besitz eines Werkzeugkastens mit dem man Unsinniges schnell erkennen kann. Beim Befüllen des Kastens, sollten spezielle Werkzeuge für die neuen Medien nicht fehlen, aber ist die Kritikfähigkeit einmal geschult, ist diese universell anwendbar. Für Fortgeschrittene ist ein grundlegendes Verständnis unverzichtbar, wie Wissenschaften funktionieren. Das gilt für die Gegenwart, für 2020 und auch in einigen hundert Jahren noch.

Nun wäre es naiv, zu glauben, diese Denkmethoden funktionierten unabhängig vom Inhalt. Damit komme ich zum Wissen. Ein grundlegender Einblick, wie die Welt funktioniert, ist selbstverständlich eine notwendige Voraussetzung. Das fängt bei einem kosmologischen Grundverständnis an und hört bei der Evolution noch lange nicht auf. Wer weiß, wie Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen kommt, wird sie als kritikfähige Theorien ansehen, die allerdings auf den bisher besten Erkenntnismethoden beruhen. Inhaltlich sollte man so viel wissen, dass man offensichtlich Unsinniges schnell erkennen kann, etwa dass die Habsburger nicht die Pyramiden bauten oder Goethe nicht zu den berühmten Malern der Renaissance zählt.

Was soll man alles wissen? Was zählt inhaltlich zur Allgemeinbildung? Ich plädiere für ein abstraktes Überblickswissen. Idealerweise wäre jeder auf abstrakter Ebene mit den Kenntnissen ausgestattet, die für eine Einordnung von Fakten unverzichtbar ist. Faktenwissen im engeren Sinn wäre weitgehend überflüssig, wenn man die wichtigsten historischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge verstanden hat. Angesichts der explosiven Vermehrung des Faktenwissens seit dem 18. Jahrhundert, ist dieser Bereich für den Einzelnen ohnehin unbeherrschbar.

Kritisches Denken und abstraktes Überblickswissen sind natürlich kein Selbstzweck, sondern eine notwendige Voraussetzung nicht nur für das Funktionieren und das Beibehalten einer demokratischen Gesellschaft, sondern auch für zivilisatorischen Fortschritt. Je weniger von beidem vorhanden ist, desto größer die Möglichkeiten der Manipulation. Es ist kein Zufall, dass totalitäre Staaten und Fanatiker genau an dieser Stelle ansetzen. Die Ablehnung der Mädchenerziehung durch die Taliban wäre ein Beispiel unter vielen.

Flattr this!

Timothy Garton Ash über Thilo Sarrazin

In der aktuellen Ausgabe Number 3 der New York Review of Books seziert Timothy Garton Ash mit spitzer Feder die kruden “Theorien” des Thilo Sarrazin:

Sarrazin proceeds from two familiar observations—that Germany’s native-born population has a very low birthrate, and that the country has a lot of poorly integrated Muslim immigrants with (currently) a higher birthrate—to conjure a nightmare scenario in which, by the year 2100, a dwindling puddle of perhaps as few as twenty million true German Germans are dominated and pushed around by the descendants of Turkish and other Muslim immigrants, who build mosques and “Koran schools” while the country’s “churches, castles and museums” fall into decay.

Oswald Spengler, thou shouldst be living at this hour! Der Untergang des Abendlandes! 1 Finis Germaniae! The people Tacitus incompletely described around the year 100 AD in his Germania, all those manly Hermanns wandering the Teutonic forest, turning aside from their reading of Goethe and Schiller only to sire upon stout, fecund blond maidens many hearty, cultured little Sarrazins, will be no more. Germania, 100–2100, RIP. Unless, that is, Germania pulls itself together and takes the medicine prescribed by Dr. Sarrazin.

[...]

He claims in the introduction that he is concerned above all to achieve “clarity and accuracy.” But Germany Abolishes Itself is actually a huge, indigestible pot of goulash, mixing numerous statistical tables and bullet-point lists, of the kind you might find in a German finance ministry internal report, with amateur history and philosophy, fragments of autobiography, and a meandering rant about Islam and the decline of the West. The finance ministry official plays Oswald Spengler.

Timothy Garton Ash widerlegt viel von dem im Buch behaupteten Unfug. Höhepunkt des Artikels ist aber seine Schilderung wie Familie Sarrazin die Ernährungsmöglichkeiten eines Hartz-4-Empfängers anhand eines praktischen Experiments erprobt:

He reports that he got one of his officials in the Berlin city finance department to work out in detail how one could feed oneself for three days on the €4.25 a day that (in 2008) was allowed for food. He reprints here the resulting menu, which he describes as providing four meals a day and being “very balanced and varied.” One of the four meals is “1 glass of tea + 3 biscuits.” The sum total of one supper is “1/2 gherkin, 130g sausage loaf (1 slice), 200g potato salad.” Who could ask for more?

Better still, he reports that he and his wife nourished themselves for several days “without any special effort at all” on this social security food allowance. Oh, had I the pen of Charles Dickens to conjure the scene! Herr Dr. Finanzsenator (salary in 2008: €138,000 a year) and his good lady sit down, in their presumably not uncomfortable abode, to sample the delights of living like the poor. Carefully they weigh out the potato salad. They slice the sausage loaf. They halve the gherkin. As they enjoy this ample meal, helped down with a glass of fine Berlin tap water, they talk of books, history, the decline of the West. A Schubert quintet sounds quietly in the background, from the gramophone under the portrait of Goethe. Then, replete, Dr. Sarrazin leans back and says, “You see, my dear, really the poor live quite well!”

Flattr this!

1234..>|
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook
Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen:

Aktuell in Arbeit