Zeitgeschehen

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Trump und Hitler

Viele lehnen Hitler-Vergleiche reflexartig ab, wofür es angesichts des inflationären polemischen Gebrauchs derselben gute Gründe gibt. Eine der besten Texte über den Aufstieg Trumps zeigt aber, wie wichtig und erhellend diese historischen Parallelen sind. Geschrieben vom Philosophen Adam Knowles wünsche ich ihm so viele Leser wie möglich: Philosophy in the Contemporary World: The Moral Imperative to Assume the Worst—Philosophy’s Response to Donald Trump.

Ein kurzer Auszug:

We must accept that we live in dire times of which nothing good will come. There will be no moral victories for liberals who hope to come out of the other side with a clean conscience. There will be an increase in hate crimes. There will also be tactics of gradual escalation in order to secure complicity from those not subject to such violence. We should not try to speculate what Trump’s true aims might be, but instead calculate what they could be based on the most extreme scenario. We must resist any outward claims of moderation and out them as a classic strategy of totalitarian regimes. The so-called ‘good’ white people (especially men) of America, those for whom normalization is a possibility, must also resist allowing Trump to be normalized in our names and on our behalf. Yet we must also ensure that our resistance is not parasitic on the aesthetic spectacle of the Trump phenomenon.

Demokratie und Digitalisierung

Meiner Einschätzung nach besteht die größte Gefahr für das Überleben der Demokratie im Missbrauch der neuen digitalen Möglichkeiten. Nicht nur dort, wo es offensichtlich ist, wie bei der Massenüberwachung. Viel heikler ist das stille Gewöhnen an das Verschwinden des Privaten und die totalitären Sozialtechniken, welche Big-Data-Analysen inzwischen erlauben. Fakt ist, dass bereits jetzt diese Technologien zentrale westliche Verfassungsgrundsätze ungestraft aushöhlen, weil die Geschwindigkeit dieser Änderungen die Politik maßlos überfordert und auch die Juristen mit dringend notwendigen neuen Normen nicht mehr nachkommen.

Zwei Artikel fassen diese erschreckenden Entwicklungen exzellent zusammen. Als erstes möchte ich auf Sue Halperns They Have, Right Now, Another You hinweisen, der in der New York Review of Books zu lesen ist und auch auf wichtige neue Bücher zum Thema hinweist.
Einen Blick in die Abgründe des totalitären Digitalen erlauben ebenfalls die offiziellen Pläne Chinas, alle Bürger mit Hilfe eines Punktesystems zu bewerten. The Economist fasst diese bald reale dystopische Black-Mirror-Folge in seiner aktuellen Ausgabe zusammen: China invents the digital totalitarian state.

An American Tragedy

David Remnick kommentiert für den New Yorker die Wahl des Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten:

The election of Donald Trump to the Presidency is nothing less than a tragedy for the American republic, a tragedy for the Constitution, and a triumph for the forces, at home and abroad, of nativism, authoritarianism, misogyny, and racism. Trump’s shocking victory, his ascension to the Presidency, is a sickening event in the history of the United States and liberal democracy. On January 20, 2017, we will bid farewell to the first African-American President—a man of integrity, dignity, and generous spirit—and witness the inauguration of a con who did little to spurn endorsement by forces of xenophobia and white supremacy. It is impossible to react to this moment with anything less than revulsion and profound anxiety.

There are, inevitably, miseries to come: an increasingly reactionary Supreme Court; an emboldened right-wing Congress; a President whose disdain for women and minorities, civil liberties and scientific fact, to say nothing of simple decency, has been repeatedly demonstrated. Trump is vulgarity unbounded, a knowledge-free national leader who will not only set markets tumbling but will strike fear into the hearts of the vulnerable, the weak, and, above all, the many varieties of Other whom he has so deeply insulted. The African-American Other. The Hispanic Other. The female Other. The Jewish and Muslim Other. The most hopeful way to look at this grievous event—and it’s a stretch—is that this election and the years to follow will be a test of the strength, or the fragility, of American institutions. It will be a test of our seriousness and resolve.

[…]

The Music of Strangers – Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble

Filmcasino 7.10. 2016

USA 2015

Regie: Morgan Neville

Anfang des neuen Jahrtausends lädt Yo-Yo Ma Musiker aus den unterschiedlichsten Kultur zum gemeinsamen Musizieren ein. Es entstand das Silk Road Ensemble, das sich bis heute immer wieder trifft, um zu Musizieren. Sechzig höchst unterschiedliche Musiker sind daran beteiligt. Das Projekt wird ein ästhetischer und ein politischer Erfolg. Die politischen Implikationen des Projekts sind ja offensichtlich.

Nevilles Dokumentarfilm ist weit mehr als das Porträt eines Ensembles. Er erzählt exemplarisch das Leben einer Handvoll der beteiligten Künstler. Einer Spanierin aus Galizien. Einer Chinesin aus Peking. Einem Iraner aus Damaskus. Einem Syrer aus Damaskus. Ihre Biographien sind alle bewegend und werfen Schlaglichter auf die historischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Damit erreicht der Dokumentarfilm am Ende eine unerwartete existenzielle Dimension. Das verschafft ihm ästhetisch allerdings eine gewisse Unausgewogenheit, weil es lange dauert, bis diese Ebene letztendlich erreicht wird.

Einen guten Eindruck über das Ensemble gibt dessen You Tube Kanal.

Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise

Patrick Kingsley ist als Migrationskorrespondent des „Guardian“ einer der bekanntesten Journalisten weltweit, welche sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigen. Er schreibt nämlich nicht von einem Londoner Büro aus, sondern war zur Recherche in siebzehn Ländern unterwegs. Seine Erkenntnisse sind in diesem Buch nachzulesen. Es ist eine Mischung aus investigativer Reportage und Analyse, ergänzt durch die Geschichte des Haschem al-Souki, dessen Flucht aus Syrien über Ägypten und Italien nach Schweden er emphatisch in allen Details nacherzählt. Als Einzelschicksal erzeugt diese Geschichte naturgemäß große Empathie.

Kingsley setzt in seinem Buch auf drei Schwerpunkte. Er beginnt mit der Situation in Afrika, wo er bei den meisten seiner Leser sicher viele Wissenslücken schließen kann. Bevor die Flüchtlinge nämlich auf dem Radar der europäischen Öffentlichkeit erscheinen, also rund um das Mittelmeer, spielen sich in Afrika bereits zahlreiche Tragödien ab. Nicht nur sterben jede Menge Menschen beim Durchqueren der Sahara, viele werden auch beraubt, gefoltert, entführt und erpresst. Man versteht bald, warum so viele diese Risiken und Qualen auf sich nehmen: Mangels Alternative. Nach der Lektüre wirkt die um Zäune und Grenzen drehende politische Diskussion in Europa naiv. So lange wir die Fluchtursachen nicht beseitigen, werden weiter Migranten kommen.

Der zweite Schwerpunkt beschäftigt sich mit den Schleppern am Mittelmeer, speziell in Libyen und Ägypten und durchleuchtet die lukrative Ökonomie des Menschenhandels. Korrupte Behörden spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Kingsley wird Augenzeuge von Flüchtlingsrettungen auf dem Mittelmeer und beleuchtet auch die italienische Perspektive.

In der zweiten Hälfte des Buches steht schließlich die Balkanroute im Fokus, welche Kingsley komplett abreist. Als Leser kann man die Fluchtroute Hunderttausender im letzten Jahr damit hautnah miterleben.

Weniger überzeugend finde ich die Passagen, welche sich mit Lösungsvorschlägen beschäftigen. Sie sind zwar alle gut gemeint und würden den Flüchtlingen sinnvoll helfen, können die Weltprobleme aber naturgemäß nicht lösen.

Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise (C.H. Beck)

Musil und Trump

In der Los Angeles Review of Books schreibt David Auerbach einen ausgesprochen ungewöhnlichen Artikel mit dem hübschen Titel Make America Austria Again: How Robert Musil Predicted the Rise of Donald Trump. Darin beschäftigt er sich ausführlich mit den Parallen zwischen Donald Trump und Christian Moosbrugger. Lesenswert.

Wie kann man sich seriös informieren?

Letztes Update: 13.9. 2016

Ich bin in fast allen Belangen ein Qualitätsfanatiker. Das gilt auch für meine Informationsquellen: Meine Ansprüche an journalistische Standards und Analysen sind die höchsten. Seit Jahrzehnten war und bin auf der Suche nach den besten Medien. In Zeiten, in denen sich viele Menschen glücklich in ihrem Informationsmüll suhlen, hier ein Leitfaden, wie man sich seriös informieren kann.

Einschränkend sei hinzugefügt, dass ich bereits vor Jahrzehnten überwiegend bei englischsprachigen Medien gelandet bin, weil deutschsprachige (leider!) nur selten die Qualität der besten angelsächsischen Angebote erreichen. Fakt ist auch: Wer die beste Qualität will, muss dafür bezahlen. Meine dringende Empfehlung ist also: Wer auf exzellente Informationen wert legt, muss zumindest gut Englisch lesen können.

Vorab die Technik: Für Podcasts nutze ich die Android-App Pocket Casts, als RSS Reader verwende ich Feedly. Einfach die unten erwähnten Podcasts bzw. RSS-Feeds in diesen Apps suchen und abonnieren. Beide sind bei mir im Dauereinsatz. Oft benutze ich auch den Kindle (Paperwhite & Apps). Als Geräte im Einsatz sind derzeit ein Nexus 6P für unterwegs sowie ein Samsung Tab S2 für daheim.

Die Grundversorgung

Völlig unverzichtbar für mich als intellektuelle Grundversorgung ist die New York Review of Books. Seit ziemlich genau zwanzig Jahren lese ich jede Ausgabe. Geboten wird einerseits bester Journalismus zu (welt)politischen Themen, oft als Kombination von Reportage & Analyse, so dass es kein wichtiges Thema gibt, über das man nicht regelmäßig auf höchstem Niveau informiert wird. Gleichzeitig gibt es ein weites Spektrum an Artikeln über kulturelle und wissenschaftliche Themen: Von der Kunstgeschichte bis zur Physik. Herausragend auch die vielen historischen Aufsätze, von der Antike bis in die Gegenwart. Die Autoren zählen alle zu den besten ihres Faches. Die Artikel sind ausführlich und meist hervorragend geschrieben. Ich beziehe ein Printabonnement, lese die Artikel inzwischen aber auch oft online im Web, was im Abo inkludiert ist. In dem hypothetischen Szenario, dass ich mich auf ein Medium beschränken müsste, wäre das zweifellos die NYRB.

Der zweite Grundpfeiler ist The Economist, den ich ausschließlich digital rezipiere. Die Korrespondenten und Journalisten gehören weltweit zu den besten ihrer Zunft. Nicht wenige sind im klassischen Sinne gebildet und deshalb in der Lage, ihre Themen (kultur)historisch überzeugend einzuordnen. Einzigartig ist die umfangreiche Auslandsberichterstattung. Keine aktuelles Medium bietet mehr Informationen über mehr Länder dieser Erde, von Afrika bis Zentralasien. Sehr gut ist auch die Wissenschafts- und Technologieberichterstattung sowie die ausführlichen Hintergrundberichte (Briefings) in jeder Ausgabe zu einem breiten Themenspektrum. Die Blattlinie ist im besten Sinne (Menschenrechte, Fokus auf individuelle Freiheit) liberal. Weniger sympathisch ist mir die Verteidigung der Finanzindustrie und die teilweise neoliberalen Positionen. Aber der Dogmatismus hält sich auch hier in Grenzen, wie etwa das regelmäßige Eintreten für einen Mindestlohn oder für Globalisierungsverlierer zeigt.

Erwähnenswert ist, dass die App eine Audio-Ausgabe inkludiert: Alle Artikel werden von guten britischen Sprechern gelesen, so dass man sie auch unterwegs anhören kann. Abgerundet wird das Angebot von Economist Espresso (Android App). Hier bekommt man einen – angesichts der Kürze – sehr gut gemachten Tagesausblick sowie einen Rückblick auf den Vortag. Auch mit dem Podcast Economist Radio macht man als Ergänzung nichts falsch.

Der günstigste Weg den Economist zu lesen ist übrigens über das Kindle-Abo. Für 10 Euro im Monat bekommt man alle Ausgaben. Nachteil: Der unbegrenzte Zugang zur Webausgabe (und damit zum Archiv) ist nicht inkludiert. Ebensowenig die sehr praktische Audioversion und der Espresso.


Tagesaktuelles

Von Fernsehnachrichten bin ich seit längerem fast völlig abgekommen. Falls doch einmal, dann bevorzuge ich Euronews. Klassische Hauptnachrichtenquelle für mich ist der Deutschlandfunk, sowohl die Nachrichten als auch die Informationssendungen. Alles höre ich überwiegend zeitversetzt als Podcast, manchmal auch klassisch als Internetradio. Auf die tägliche Sendung Hintergrund sei ebenfalls hingewiesen.

Statt traditionelles Fernsehen empfehle ich die You Tube Channels von Reuters, Al Jazeera, Vice News sowie (mit einigen Vorbehalten bezüglich der Themenauswahl) die amerikanischen Young Turks. Letztere als Gegenpol zu den amerikanischen Mainstream-Medien.

Von Ö1 höre ich als Podcast überwiegend die Kulturnachrichten und ab und zu auch ein Journal.

Für aktuelle Technik-News bevorzuge ich den heise Newsticker als RSS.

Aus Zeitgründen nicht täglich, aber doch oft lese ich ausgewählt die New York Times, überwiegend via Tablet App. Nachdem ich ein Probeangebot kündigen wollte, zahle ich derzeit nur 6 Euro pro Monat statt des Listenpreises von 30 Euro pro Monat. Ein gutes Investment.

Für die Österreichberichterstattung bevorzuge ich Die Presse als RSS-Feed bzw. seltener auch die App.

Folgende RSS-Feeds nutze ich in Feedly:
Politik: Reuters Top News, DiePresse.com, FAZ Ausland, wien.orf.at
Kultur: Die ZEIT Kultur, Standard.at Kultur, DiePresse.com Kultur, FAZ Feuilleton

Zur Abrundung und als Gegenpol zu den traditionellen Medien schließlich verwende ich Reddit, eine unter Nerds legendäre Crowdsourcing-Newsseite. Jeder kann dort anonym Links posten, die von allen bewertet werden. Je höher die Wertung, desto besser das Ranking. Was Nachrichten angeht, empfehle ich hier die Wordnews. Man muss dabei allerdings seinen Verstand einschalten, weil darunter auch fragwürdige Quellen auftauchen können.

Wöchentliches

Über die Wochenzeitschrift The Economist ist bereits alles gesagt. Bleibt noch die Wiener Stadtzeitung Falter, den ich als Printabo beziehe. Einerseits wegen der Wienberichterstattung (Kultur!), aber auch um in Sachen österreichischer Politik auf dem Laufenden zu bleiben. Der Falter bietet in Österreich mit die beste journalistische Qualität, was Recherchehandwerk und Themenauswahl angeht.

Hintergründiges und Spezielles

Nach Themen, welche mich interessieren, durchforste ich etwa zwei Mal im Monat die New York Times, speziell die Sektionen Books, Science und Technology.

Im Kindle-Abo lese ich ferner die amerikanische Monatszeitschrift The Atlantic. Weltklasse-Journalismus bieten hier regelmäßig die monatlichen Features, an denen man ab und an mehrere Stunden liest.

Für Technik-Themen schließlich lese ich seit mindestens 25 Jahren im Printabo die c’t, ergänzt durch den Podcast c’t Uplink.

Viele der erwähnten Medien informieren auch über Buch-Neuerscheinungen. Zusätzlich verwende ich hier den Perlentaucher, hier wieder gerne den Newsletter Bücher des Monats. Eine gute Anlaufstelle dafür ist auch Literaturkritik.de, besonders auch der praktische Newsletter.
Als Podcast höre ich schließlich ausgewählte Rezensionen der täglichen Deutschlandfunk-Sendung Büchermarkt sowie fast immer zeitversetzt das Buch der Woche, wo jeden Sonntag im Büchermarkt eine einzige wichtige Neuerscheinung vorgestellt wird. Hörenswert ist auch der Inside The New York Times Book Review.

Abschließend möchte ich noch an einen alten Bekannten erinnern, den ich sehr intensiv nutze, nämlich die Google Alerts, von denen ich knapp hundert aktive habe. Die meisten sind auf wöchentlich eingestellt, es gibt aber auch eine Reihe von täglichen Alerts, etwa Österreich, Austria, Wien und Vienna. Die Alerts lese und manage ich über die Google Inbox App.

Deutschland und Österreich im Jahr 2016

Die New York Review of Books beschäftigt sich ausführlich mit der politischen Lage in Deutschland und in Österreich. Nachdem die Sicht von außen bekanntlich die Perspektive erweitert, sei die Lektüre der beiden ausführlichen Artikel allen sehr empfohlen. Joshua Hammer, mir sonst durch seine Reportagen aus Krisengebieten bekannt, berichtet in Can Germany Cope with the Refugees? einerseits historisch von der Flüchtlingskrise, andererseits von seinen Begegnungen in Deutschland:

Samuel Schidem, an Israeli Druze who runs IsraAID, a charity that works with unaccompanied minors in the state of Brandenburg, told me that xenophobic violence is on the rise, particularly in the former East Germany. Young refugees—most of them Afghans—in the seven shelters in which IsraAID works are regularly harassed and threatened by local people. “Stones are thrown at them every day, and attackers break the windows of their shelters,” he told me. “The kids don’t feel welcome. There is huge disappointment and growing anger.”

[…]

Kipp, the spokesperson for the Tamaja organization at Tempelhof, told me that the refusal of the government to provide German-language courses for Afghans—though nearly 50 percent of them will be granted political asylum—was condemning many of them to isolation and joblessness. “It is a real failure,” she told me. Samuel Schidem of IsraAID has criticized much the same short-term thinking in the state of Brandenburg, where the government has refused to provide much support to unaccompanied Afghan minors, reasoning that many will eventually be deported. “The kids are rotting away in the middle of nowhere, getting no language training, no volunteers, no social programs,” he told me. “The kids could easily fall victim to the Salafists.” Germany’s early welcome and rapid mobilization on behalf of the refugees set it apart from the rest of the European Union. Unless the country can address the flaws and inequalities in its current system, it may create the very ghettos that Merkel is so desperate to avoid.

Jan-Werner Müller geht in Austria: The Lesson of the Far Right der Frage nach, wie ein so wohlhabendes Land mit einem großzügigen Sozialsystem in die Fänger von Populisten wie Norbert Hofer gelangen kann:

Just why has the far right done so well in Austria in particular? The country enjoys one of the highest per capita income levels in the EU, has an extensive welfare system, and has benefited enormously from the opening to Eastern Europe since 1989 (Vienna used to be shabby compared to Berlin; now it’s the other way around). Nor has Austria, until now, suffered from the devastating terror attacks that have afflicted France and Belgium. Picking up on Pope Paul VI’s praise of Austria as an isola felice, the country’s most important post-war political figure, long-time Chancellor Bruno Kreisky (in office 1970-1983), called it an “island of the blessed.” Nonetheless, the Freedom Party has been growing in Austria for more than two decades. If there were Austrian parliamentary elections today, the far right would win.

Gleichzeitig bekommt das internationale intellektuelle Publikum einen zeitgeschichtlichen Schnellkurs über Österreich und dessen Proporzsystem.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World

Die Migrationsdebatte ist nicht nur von Polarisierung und Hass geprägt. Auf den einschlägigen rechtsradikalen Social Media Kanälen sind sogar eine Art von Fälscherwerkstätten entstanden, welche Erfundenes zur Diskreditierung Geflohener in Umlauf bringen. Auf der mir sympathischen flüchtlingsfreundlichen Seite werden potenzielle unerwünschte Migrationsfolgen mental aber auch gerne ausgeblendet. Eine nüchterne, objektive Betrachtungsweise findet man selten. Diesen Versuch unternimmt der Oxford Ökonom Paul Collier in Exodus. Dieser objektivierende Ansatz ist an sich sehr erfreulich, und man wünscht sich, dass der Professor viele Nachahmer finden möge. Er stößt mit seinem Projekt allerdings auf ein grundsätzliches Problem: Es gibt noch zu wenige Studien, Daten & Fakten, um eine zwingende Analyse zu liefern.

Trotzdem schildert Collier einige soziale Mechanismen der Migration sehr überzeugend. Ein Beispiel dafür wäre der Zusammenhang zwischen der Größe der Diaspora und der Migrationsrate. Dass eine große Diaspora einen Migrationsanreiz für Angehörige derselben Kultur darstellt, ist nahe liegend. In Kombination mit der Tatsache, dass die Integration in die Gastgesellschaft desto langsamer wird, je größer die Diaspora ist, ergibt eine brisante Einsicht. Interessant sind ebenfalls seine Beobachtungen, die negativen Auswirkungen zu starker Migration auf die Heimatländer betreffend.

Manche Aspekte des Buchs sind allerdings problematisch. Das betrifft vor allem das Kernargument über die negativen Folgen der Migration: Der Erfolg europäischer Gesellschaften sei in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden, welche zu einem gemeinsamen Wertekatalog und zur Bereitschaft gegenseitiger Solidarität geführt habe. Als Beispiel für die gelebte Solidarität bringt Collier die Bereitschaft, für Sozialleistungen zu zahlen. Diese Bereitschaft des „mutual regard“ sieht der Professor nun durch zu viel Migration bedroht:

Mutal regard is valuable for the trust that supports cooperation and the empathy that supports cooperation and the empathy that supports redistribution. The habits of trust and empathy among very large groups of people are not natural but have grown as part of the process of achieving prosperity; immigrants of poor countries are likely to arrive with less of a presupposition to trust and emphathize with others in their new society.
[72/73]

Ohne diese Annahme wäre Colliers kritischer Blick auf die Migration schnell zahnlos, weil er an vielen Stellen einräumen muss, dass es wenige Studien gibt, welche einen negativen Effekt von Migranten auf ihre Gastgesellschaften belegen. Umgekehrt gibt es mehr Studien, welche positive Effekte betonen. Collier tendiert in seinem Buch dazu, die positiven Studien vorschnell abzutun, und einige Einzelstudien, welche negative Effekte belegen, dafür überzubewerten. Wissenschaftstheoretisch liegt es ohnehin auf der Hand, dass man mit einer einzigen Studie sehr vorsichtig sein muss. Für Erkenntnissicherheit ist es meist unabdingbar, eine Metaanalyse über viele Studien zu veranstalten. Collier steht bei seinem zentralen Aspekt des „mutual regard“ vor dem Problem, dass kaum Studien gibt, welche seine Hypothese stützen. Zu wenig, um seine gesamte Argumentation valide darauf zu stützen.

Hinzu kommt, dass er bis zum Ende seiner Ausführungen die historische Dimension vernachlässigt. Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, wo unterschiedlichste Kulturen mit hinreichend „mutual regard“ zusammenlebten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, vom Perserreich bis zu den Ottomanen. Deshalb wird man bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Collier implizit eine nationalistische Gesellschaftsauffassung voraussetzt, welche seine Urteile beeinflusst.

Angesichts der teils dürftigen Faktenlage und Colliers regelmäßiger methodischer Selbstreflexion, schadet das Exodus aber nur bedingt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Migrationsdebatte.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World (Oxford University Press)

Democracy

Filmcasino 17.01. 2016

D 2016
Regie: David Bernet

Viele Dokumentarfilme sah ich schon, aber keinen, der sich ausschließlich mit der Entstehung eines Gesetzes beschäftigt. Die Rede ist von der europäischen Datenschutzrichtlinie, deren Geburt knapp 2 Jahre lang begleitet wird. Im Mittelpunkt steht der Berichterstatter des EU Parlaments, nämlich der junge grüne EU Abgeordnete Jan Philipp Albrecht. Schritt für Schritt wird man in schickem Monochrom durch den mühevollen legislativen Prozess geführt. Vom ersten Entwurf, über die hektische Betriebsamkeit der Lobbyisten bis hin zur Verhandlung von mehr als 4000 Änderungsanträge von EU Parlamentariern. Man erhält einen guten Einblick, wie „Brüssel“ funktioniert, im Guten wie im Schlechten.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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