Skeptizismus

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Demokratie und Digitalisierung

Meiner Einschätzung nach besteht die größte Gefahr für das Überleben der Demokratie im Missbrauch der neuen digitalen Möglichkeiten. Nicht nur dort, wo es offensichtlich ist, wie bei der Massenüberwachung. Viel heikler ist das stille Gewöhnen an das Verschwinden des Privaten und die totalitären Sozialtechniken, welche Big-Data-Analysen inzwischen erlauben. Fakt ist, dass bereits jetzt diese Technologien zentrale westliche Verfassungsgrundsätze ungestraft aushöhlen, weil die Geschwindigkeit dieser Änderungen die Politik maßlos überfordert und auch die Juristen mit dringend notwendigen neuen Normen nicht mehr nachkommen.

Zwei Artikel fassen diese erschreckenden Entwicklungen exzellent zusammen. Als erstes möchte ich auf Sue Halperns They Have, Right Now, Another You hinweisen, der in der New York Review of Books zu lesen ist und auch auf wichtige neue Bücher zum Thema hinweist.
Einen Blick in die Abgründe des totalitären Digitalen erlauben ebenfalls die offiziellen Pläne Chinas, alle Bürger mit Hilfe eines Punktesystems zu bewerten. The Economist fasst diese bald reale dystopische Black-Mirror-Folge in seiner aktuellen Ausgabe zusammen: China invents the digital totalitarian state.

Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen

Popper wird dieser Tage vom zeitgeistigen „Philosophie“zirkus gerne belächelt. Das ist eine Art Notreaktion, weil seine schlichte Sprache das Gegenteil dessen ist, womit sich Modephilosöphchen wie Peter Sloterdijk gerne vermarkten: Mit einer dunklen, raunenden Sprache. Das hat historische Gründe. Kant schuf eine komplexe, aber im Kern glasklare Philosophie. Verpackt in eine ausgesprochen umständliche Sprache allerdings. Man muss sich durch Kants Diktion kämpfen, um zu seinen philosophischen Konzepten vorzudringen. Kants Ruf war bald legendär, weshalb sich nicht wenige deutsche Philosophen einer ähnlich umständlichen Sprachen bedienten wie Kant. Mit einem kleinen Haken allerdings: Hinter dieser Sprache stecken, ganz anders als bei Kant, oft keine klaren Gedanken mehr.

Im Kopf der intellektuellen Leserschaft entstand deshalb Anfang des 19. Jahrhunderts ein bis heute verhängnisvolles Missverständnis: Dunkle Sprache wurde mit Tiefsinn assoziert, statt korrekterweise mit Unsinn. Religiöse Rhetorik verstärkt dieses Auffassung zusätzlich seit Jahrtausenden. Seit dieser Zeit bedient man sich im deutschsprachigen Raum vorzugsweise einer dunkel-raunenden philosophischen Diktion und lässt sich vom Lesepublikum als tiefen Denker feiern.

Poppers philosophischer Ansatz ist dazu konträr: Er drückt seine komplexen philosophischen Gedanken möglichst einfach aus. Aus den beschriebenen Gründen schließen hier nun viele fälschlich umgekehrt: Wer schlicht schreibt, kann keine „tiefen“ philosophischen Gedanken haben, was natürlich epistemologischer Unfug ist.

In Logik der Forschung (1934) stellte Popper das Denken über die Naturwissenschaften auf den Kopf. Weder Induktion (Empirismus) noch Deduktion (Rationalismus) seien als Beschreibung für die wissenschaftliche Vorgehensweise ausreichend, weil sie, zusätzlich zu logischen Problemen, den kreativen Anteil bei der wissenschaftlichen Hypothesenbildung ignorieren. Diese Hypothesen entstehen meist in einem kreativen Prozess. Wichtig sei, dass sie empirisch gehaltvoll sind, damit sie falsifizierbar sind. Experimentelle und logische Falsifikationsversuche sind laut Popper der Motor der wissenschaftlichen Vorgehensweise. Je intensiver und strenger eine Hypothese diese Falsifikationsversuche übersteht, desto wahrheitsnäher ist diese.

Das beschreibt nun nicht nur soziologisch die Arbeit von Naturwissenschaftlern ziemlich genau, sondern stellt gleichzeitig auch ein plausibles Kriterium für Wissenschaftlichkeit zur Verfügung: Jede wissenschaftliche Behauptung muss falsifizierbar sein.

Ethisch ist diese Ermunterung zur Kritik eng mit der politischen Philosophie Poppers verbunden, welche er 1945 in seinem Buch The Open Society and Its Enemies ausführlich darstellte. In den dreißiger Jahren während des Tiefpunkts des europäischen Nationalismus in Neuseeland geschrieben, handelt es sich dabei um eine philosophische Breitseite gegen geschlossene Gesellschaften, deren erste philosophische Ausprägung Platons Staat war, welchen Popper ausführlich kritisiert. Er plädiert dagegen für eine offene Gesellschaft, in der die Freiheit und Kritikfähigkeit des Einzelnen maßgebliche Elemente sind.

Wer diese und andere von Poppers umfangreichen Hauptwerken nicht lesen will, kann sich durch Sammelbände einen guten Eindruck über dessen Kritischen Rationalismus verschaffen. Einer davon ist Alles Leben ist Problemlösen. Das Buch besteht aus thematisch zusammengestellten Vorträgen, Reden und Artikeln aus einem halben Jahrhundert. Alle sind sehr gut lesbar, auch wenn das Format natürlich einige Wiederholungen bedingt.

Viele Aussagen sind Jahrzehnte alt und gleichzeitig hoch aktuell. So schreibt er 1961 über den Fanatismus:

Diese Lehre, die nicht oft genug wiederholt werden kann, ist, daß der fanatische Glaube immer ein Übel und unvereinbar mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaftsordnung ist; und daß es unsere Pflicht ist, uns dem Fanatismus in jeder Form zu widersetzen – auch dann, wenn seine Ziele ethisch einwandfrei sind, und vor allem auch dann, wenn seine Ziele die unseren sind.
Die Gefahr des Fanatismus, und die Pflicht, sich ihm dauernd entgegenzustellen, ist wohl eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können.
[S. 159]

In Zeiten der „post-truth politics“, wo Fakten keine Rolle mehr spielen, sondern Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen inzwischen im Mainstream angekommen sind, ist Poppers Philosophie so wichtig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zusätzlich gefährden neue Überwachungstechnologien und deren Befürworter freie Gesellschaften ebenso sehr wie die klassischen Totalitarismen.

Die Bändigung unserer Leidenschaften durch die sehr begrenzte Vernünftigkeit, deren wir unvernünftige Menschen fähig sind, ist nach meiner Ansicht die einzige Hoffnung für die Menschheit.
[S. 196]

Wir können uns deshalb nur sehr viele Popper-Leser wünschen.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Eine der Hauptaufgaben von Philosophen ist es, anscheinende Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, und dadurch grundsätzliche Reflexionen auszulösen. Unter den zeitgenössischen Denkern gibt es nur wenige, die das so gut beherrschen wie John Gray, Professor für European Thought an der London School for Economics. Eine seiner provokanten Kernthesen lautet, dass viele scheinbare säkulare Institutionen und Weltanschauungen in Wahrheit tief vom Christentum geprägt sind, und deshalb pseudoreligiöse Züge aufweisen. In meiner Notiz über Grays Buch Blackmass beschreibe ich diese Auffassung ausführlicher.

Heresies ist dagegen eine thematisch gruppierte Anthologie von Zeitschriftenartikeln, die zu Beginn des Jahrtausends erschienen sind. Zusätzlich zur erwähnten Extension des Religiösen spielt in vielen Essays auch Grays illusionsloses Menschenbild eine Schlüsselrolle. Ethisch habe die Menschheit seit Jahrtausend nichts hinzugelernt, weshalb man auch scheinbar großartige Fortschrittsideologien kritisch hinterfragen müsse. Marxismus und Neoliberalismus sind für Gray nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich ein von anthropologischen Fakten befreites Wunschdenken.

Die Schärfe von Grays Verstand zeigt sich in vielen seiner im engeren Sinn politischen Artikel. Er sagt das Desaster des Irakkriegs und die Destabilisierung des Nahen Ostens mit einer erschreckenden Präzision voraus.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Edward Snowden & Glenn Greenwald

Es gibt nur wenige lebende Menschen, die sich um Demokratie und Menschenrechte so verdient machen, wie Edward Snowden und sein Sprachrohr Glenn Greenwald. Anlässlich des neuen Buches von Glenn Greenwald – No Place to Hide – und weiterer Neuerscheinungen schreibt Sue Halpern für die New York Review of Books nicht nur eine exzellente Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse, sondern nimmt Greenwald auch vor amerikanischen Kritikern in Schutz:

This critique of Greenwald’s journalistic ethics from the left is bookended by the one that has come from the right, understandably, and from the center, quite vociferously. Michael Kinsley’s „New York Times“ review of „No Place to Hide“ is emblematic of the illiberal bluster that has moved the debate from the message—the extensive, often arbitrary, and sometimes criminal activities of the United States spying apparatus—to the messenger, with personal attacks on Greenwald for working with Snowden to bring those activities to public scrutiny. In these formulations, Greenwald is a narcissist, a scofflaw, a traitor, a dogmatist, a self-proclaimed ruthless revolutionary, while those who find value in his reporting are, at best, fools.

Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

50 Jahre „The New York Review of Books“

Meine Lieblingszeitschrift habe ich bereits oft empfohlen. Dieses Jahr wird sie 50 Jahre alt und in der Jubiläumsausgabe (Number 17) beschreibt Timothy Garton Ash sie als einen Leuchtturm der Aufklärung:

Consistently, over five decades, this journal has published critical essays, reportages, and analyses of totalitarian and authoritarian states, whether their rulers were opposed to or currently aligned with the United States: friendly dictatorships in Latin America; the Soviet Union, subsequently just Russia; China; South Africa; Eastern Europe, when it still existed as a geopolitical entity; Iran; Nicaragua; Iraq; Vietnam; Egypt.
These exposés have been written by dissident writers inside those countries and Western writers traveling through them.
[…]
We could also call it Applied Enlightenment. Indeed, this journal has been—not always, to be sure, but in very large measure—the vehicle for a modernized version of the European-American Enlightenment (as well as publishing some of Isaiah Berlin’s strongest essays on thinkers who challenged that Enlightenment). Many of its contributors have both applied and extended the original Enlightenment principles of equal individual human liberty and dignity under law, at home and abroad, and explored the social and economic conditions that are an essential complement to those civil and political rights.

Meanwhile, the whole community of Review writers and readers has been a contemporary equivalent of the Enlightenment’s “republic of letters.” It has been a surprise to discover, at a series of recent conferences organized by the Review, that many longtime contributors had never before met in person, but merely read each other for years, and perhaps corresponded, publicly and privately—exactly like those seventeenth- and eighteenth-century literati and savants whose correspondence you can now read on an Oxford University website called Electronic Enlightenment.

This republic of letters might further be characterized as the Widest West. Its core undoubtedly remains in North America and Europe. Indeed, despite several brave European attempts to create a pan-European intellectual review, The New York Review is the closest thing we Europeans have had to a European Review of Books. But our republic also extends to the whole English-speaking world, Latin America, and South Africa—and to wherever, be it in India, Burma, Egypt, or China, there are writers and readers who share the basic values of this modernized version of the Enlightenment.

Dan Ariely: Predictably Irrational

Als Freund der Rationalität muss man sich ironischerweise viel mit Irrationalität beschäftigen. Ohne die zahlreichen Stolperfallen zu kennen, die es uns Menschen so schwierig machen, rational zu handeln, ist aufgeklärtes Denken und Handeln unmöglich. In der Philosophie ist das bereits seit langem eine Selbstverständlichkeit: Man muss die Voraussetzungen und Beschränkungen von Erkenntnis mitdenken, wenn man valide Ergebnisse erzielen will.

Einen passablen Beitrag leistet dazu Dan Ariely in diesem Buch. Ariely ist Psychologe und spezialisiert sich auf die Erforschung des irrationalen Verhaltens. Seine Experimente belegen, dass sich die Menschen in vielen Kontexten vorhersagbar irrational verhalten. In Predictably Irrational schildert er diese Versuche, zusammengestellt nach unterschiedlichen Themen. Darunter der berühmte Placebo-Effekt oder auch Interessantes über die Unterschiede zwischen sozialen und monetären Normen. Ariely ist ein Vertreter der Behavioral Economics, welche die Prämisse der traditionellen Ökonomie scharf kritisiert. Der Mensch handele nicht immer so rational nach seinem Vorteil, wie das die Wirtschaftswissenschaft voraussetze. Tatsächlich könnte man sagen, dass Arielys Experimente diese Grundvoraussetzung falszifizieren, und damit von großem wissenschaftstheoretischen Interesse sind.

Weniger überzeugend werden die Ausführungen des Professors, wenn er praktische Vorschläge macht, wie man mit solchen Irrationalitäten im Alltag umgehen soll. Manches scheint umsetzbar, anderes dagegen ausgesprochen skurril.

Dan Ariely: Predictably Irrational: The Hidden Forces that Shape Our Decisions (Harper Collins)

Macht Liebe blind?

Erschienen in The Gap Nr. 138

Michel Serres schreibt über die vernetzte Generation, ihre Däumlinge, und den radikalen Umbruch, den sie erlebt – ganz ohne Kulturpessimismus, dafür fällt er ins andere Extrem.

Kann es gut gehen, wenn ein Dreiundachtzigjähriger der jungen Netzgeneration seine Liebe erklärt? Der französische Philosoph Michel Serres versucht genau das in seinem kurzen neuen Buch „Erfindet euch neu!“, das eben auf Deutsch erschienen ist. Es gibt eine lange Tradition seit der Antike, in der die Alten der Jugend vorwerfen, die neue Generation sei schlechter als die alte. Stichwort: Werteverfall. Keine Moral mehr, diese Jugend! Und die Sprache: Fürchterlich!

Serres unterbricht erfreulicherweise diese Litanei und fällt ins andere Extrem. Er ist in vielen Punkten exzellent über die aktuellen Lebensgewohnheiten seiner Enkel informiert. Das Buch scheitert nicht an seiner guten Absicht, sondern an seiner Argumentation:

„Heute weiß jeder kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie.“

Smartphones – Tragbare Kognitionsbüchsen

Dieses Zitat ist typisch für Serres Pauschalierungen und seine ungenaue Verwendung von Begriffen. Es reicht natürlich nicht aus, ein Smartphone in der Tasche zu haben, um etwas über Chemie zu wissen. Serres behauptet aber genau das: Er bezeichnet ein Smartphone sogar als „objektivierte Kognitionsbüchse.“ Für einen Philosophen, der sich selbst als gelernter Epistemologe bezeichnet, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf Erkenntnis. Zum einen reicht es nicht aus, Zugriff auf Informationen zu haben: Man muss diese auch verstehen können. Ein Blick auf die Pisaergebnisse seiner „Däumlinge“ hätte Serres belehrt, dass es bei vielen mit dem sinnerfassenden Lesen nicht so weit her ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass Serres Thesen in erster Linie durch die Beobachtung seiner Elitelernenden in Stanford entstanden sind. Es war offenbar auch niemand delikat genug, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der größte Teil des modernen Datenverkehrs nicht durch Videos über Chemie oder Atomphysik verursacht wird, sondern durch Pornographie.
Dass er die neue Generation als „Däumlinge“ anspricht, wirkt zumindest auf Deutsch herablassend und passt nicht zu seiner Forderung einer machtfreien Kommunikation.

Auf doppelt wackeligen Boden begibt sich der Philosoph, wenn er über Erkenntnis und Computertechnik schreibt:

„Mein Denken ist unterschieden vom Wissen, von den Erkenntnisprozessen…die, samt Synapsen und Neuronen, in den Computer ausgelagert sind.“

Die Neuroinformatik beschäftigt sich zwar intensiv mit derartigen Konzepten, ist aber noch ein paar Lichtjahre von einer Umsetzung entfernt, die der menschlichen Kognition auch nur nahe käme.

Daten-Wunderwaffen

Der Philosoph stilisiert die Informationstechnik zu einer Wunderwaffe. Sie sei der Schlüssel zu einer dringend notwendigen Komplexitätsreduktion des modernen Lebens. Der reale Alltag sei hoch komplex, aber „ein paar Ingenieure reichen aus, dieses Problem zu lösen, indem sie zum informatischen Paradigma übergehen, das aufgrund seiner Leistungsfähigkeit den Simplex bewahrt“. In Wahrheit bedarf es hier natürlich einer Vielzahl von Ingenieuren und diese Technik ist nicht nur selbst hoch komplex: Sie verursacht auch jede Menge neuer komplexer Probleme. Beispielsweise schaffen die westlichen Demokratien derzeit freiwillig die perfekte technische Überwachungsinfrastruktur für zukünftige Diktaturen, obwohl es eigentlich ihre Pflicht wäre, zukünftigen Diktatoren prophylaktisch die Tyrannei zu erschweren. Statt auch nur einen dieser kritischen Punkte zu erwähnen, bringt er ausgerechnet einen „virtuellen Pass“ mit allen persönlichen Daten als positives Beispiel.

Zwar äußert Serres die Prognose, dass die Digitalisierung der Welt zu dem größten gesellschaftlichen Umbruch seit der Renaissance Anlass geben wird. Man liest diese Zukunftsprognosen allerdings mit Skepsis, weil bereits seine Gegenwartsdiagnosen problematisch sind.

Er beschreibt viele Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft über die es jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen gäbe. Mit Belegen zu seinen Behauptungen gibt sich Serres jedoch nicht ab. Ein Ergebnis dieser philosophischen Formulierungsfreiheit sind Fehler. So nähert sich die Zahl der Facebooknutzer natürlich nicht jener der Weltbevölkerung an (Facebook: 1,2 Milliarden. Weltbevölkerung: 7,1 Milliarden). Aber vermutlich hat Serres die Zahl nur schnell mit seiner Kognitionsbüchse gesucht und ist auf eine fehlerhafte Webseite geraten.

Ein radikaler Umbruch

Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sieht der Philosoph nun zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen, die seit Anbeginn bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen zu durchbrechen. In der Vor-Internetzeit gab es „oben ohrlose Münder, unten stummes Gehör“. Heute dagegen wolle alle Welt sprechen, alle Welt kommuniziere mit aller Welt in zahllosen Netzwerken. Zweifellos findet hier ein radikaler Umbruch statt und zweifellos sieht Serres hier viele valide Punkte. Unkritischer Optimismus ist aber auch gesellschaftspolitisch unangebracht, wie der Zusammenbruch des ägyptischen Frühlings diesen Sommer zeigte.

Beim Lesen des Buches drängt sich die Frage auf, wie man im 21. Jahrhundert Philosophie betreiben soll. Michel Serres und andere französische Philosophen setzen auf einen oft dunklen, assoziativen Sprachstil und scheren sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Andere aktuelle Philosophen wie der an der Oxford University tätige Quantenphysiker David Deutsch, gehen da einen ganz andere Wege. Deutsch denkt von der Wissenschaft weg statt gegen die Wissenschaft an und kommt damit zu wesentlichen plausiblen Erkenntnissen als Michel Serres.

Michel Serres: Erfindet Euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (edition suhrkamp)

Die Wahrheit über Blogs

Enthüllungsbücher genießt man am besten immer mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Aber was Ryan Holiday in seinem Buch Trust Me, I’m Lying kenntnisreich an Manipulationsmethoden beschreibt, um falsche Geschichten im Internet bekannt zu machen, sollte jeder kritische Medienkonsument gelesen haben.

Was die Glaubwürdigkeit Holidays stärkt: Er belastet sich selbst. Viele Jahre als machiavellistischer PR Spezialist tätig, beschreibt er en detail die vielfältigen schmutzigen Tricks, mit welchen er seine Aufträge erledigte. Das reicht von erfundenen Kampagnen über glatte Lügen bis hin zur Korruption in unterschiedlichen Graden. Ein Beispiel: Um den umstrittenen Autor Max Tucker zu fördern, beschmierte Holiday höchst selbst in der Nacht Tuckerwerbeplakate mit kritischen Slogans, um dann unter Pseudonym Medien empört darauf hinzuweisen und so eine fiktive Kontroverse zu inszenieren. Selbst feministische Protestaktionen provozierte er als fiktiver Tippgeber.

Holiday beschreibt über viele Kapitel sehr ausführlich, wie das System der Internetpublizistik in den USA funktioniert. Journalistische Standards werden selbst von den berühmtesten Blogs kaum eingehalten. Schnelligkeit und viele Clicks sind die Götter dieser Medien, alles andere ist zweitrangig. Verleumdungen werden aufgrund von E-Mails publiziert, ohne dass je die Identität des Senders überprüft wird. Fact Checking ist völlig unbekannt. Sehr plausibel zieht Holiday hier Parallelen zur Yellow Press des 19. Jahrhunderts. Wer die Arbeitsbedingungen und die miese Bezahlung der Blogautoren nach der Lektüre von Trust Me, I’m Lying kennt, wird Huffington Post, Tech Crunch und wie sie alle heißen zumindest mit neuen Augen sehen. Je bekannter und kommerzieller, desto mehr Dreck am Stecken. Die richtige Konsequenz aber wäre, diesen publizistischen Dreck überhaupt zu ignorieren und statt dessen auf die immer noch existierenden Medien mit hohem Niveau zurückzugreifen. Meine Empfehlungen kann man in Was soll man lesen? finden.

Besonders wütend ist Ryan Holiday auf jene Akademiker, welche die nicht-vorhandenen Qualitätsstandards als iterativen Journalismus schön reden. Die Beispiele, die Ryan Holiday bringt, sprechen auch hier für sich.

Ryan Holiday: Trust Me, I’m Lying. Confessions of a Media Manipulator (Portfolio)

Scientology: The Story

So der Titel des Artikels von Diane Johnson, welche anlässlich zweier Neuerscheinungen hinter die Kulissen der Sekte blickt. Lawrence Wright, der für seine gut recherchierten Bücher bekannt ist, legt mit Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief eine ausführliche Hintergrundrecherche vor.

Wie bei allen Religionen, geht es auch bei Scientology vor allem um das liebe Geld:

To climb up to the bridge in Scientology is expensive, perhaps in proportion to what the church thinks you can afford and find worth the expense. Some people go into bankruptcy to stay, some balk and leave, but Scientology is a moneymaking outfit, like Avon or Herbalife, getting revenue by giving each person a bonus for recruiting others to the sales force, so that besides conviction, there’s a financial incentive to serve the group. Participants’ earnings—“stats”—are expected to be always rising, or else they face punishment and demotion.

The Hollywood actor Jason Beghe estimates that he spent nearly $1 million on Scientology donations, material, and courses. One of Wright’s principal informants, Paul Haggis, a successful and talented television and screen writer and director (Casino Royale, Crash), also spent a considerable fortune.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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