Reise

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Reise-Notizen Zentralanatolien: Kappadokien

Die Landschaft rund um Nevsehir ist eine geologische Berühmtheit und zieht viele Touristen an. Die grotesk wirkenden Tuffkegel-Landschaften lassen vielfältige Assoziationen zu. Man sieht in den Städten und Dörfern immer noch einige der in die Höhlen hineingebaute Wohnungen. Inzwischen gibt es auch Luxushotels, die einen in Höhlenzimmern schlafen lassen, wenn man diese Erfahrung denn unbedingt machen will.

Wesentlich beeindruckender fand ich allerdings die unterirdischen Städte dort, die man teilweise noch besichtigen kann. Ich war in Derinkuyu, die bis zu 20.000 Menschen aufnehmen konnte. In den Gängen kann man sich teilweise nur arg gebückt vorwärts bewegen, die Mühen lohnen sich allerdings. Mit der Errichtung wurde in der Römerzeit begonnen und Zweck der Anlagen war das Verstecken vor Feinden. Die Ingenieurleistung ist beachtlich. Nicht nur was die Statik angeht (bis zu 20. Stockwerke unterirdisch), sondern auch was die heute noch perfekt funktionierende Belüftung betrifft. Bedenkt man, dass das Überleben als Bauern damals schon schwierig genug war, kann man nur verblüfft vor der unvorstellbaren Arbeitsleistung stehen, die zur Anlage dieser unterirdischen Städte notwendig war.

Ebenfalls sehenswert ist der Felskirchenkomplex von Göreme. Nicht nur wünscht einem dort eine Computerstimme beim Eingang auf Deutsch “Viel Spass”, man bekommt auch spektakuläre Fresken aus dem 10. und 11. Jahrhundert zu sehen.

Als Religionskritiker nimmt man amüsiert zur Erkenntnis, dass die Kleriker von Göreme ein hervorragendes Business-Modell entwickelt haben: Die begehrten “heiligen” Grabplätze dort wurden auf ein Jahr vermietet. Damit vermied man, dass die Gräber voll wurden und sorgte für stetigen Profit.

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Reise-Notizen Zentralanatolien: Hethiter

Wie unschwer zu erkennen, wenn man meine Reise-Notizen der letzten Jahre liest, bin ich gerne auf den Spuren alter Kulturen unterwegs. Bei dieser Studienreise (Oktober 2009) waren die Hethiter einer der Schwerpunkte. Sie gehören nicht zu den bekanntesten antiken Völkern und sind meist nur durch ihre Konflikte mit den Ägyptern bekannt. Etwa die berühmte Schlacht bei Kadesch (1274 BCE), wo Ramses II. eine Beinahe-Katastrophe in einen Sieg uminterpretierte, deren Darstellung auf den altägyptischen Monumenten noch heute allgegenwärtig ist.

Die Hethiter waren damals ein Großreich mit der Hauptstadt Hattusa, deren Überreste ca. 200km östlich von Ankara besichtigt werden können. Die archäologischen Ausgrabungen sind über mehrere Hügel verstreut und man tut gut daran, sich motorisiert von Station zu Station zu bewegen. Auch wenn die berühmtesten Momumente wie das Löwen- und Königstor über die Jahrtausende vom Kontinentalklima arg mitgenommen wurden, bekommt man doch einen sehr guten Eindruck von der monumentalen Anlage der Stadt. Speziell Teile der riesigen Stadtmauer (inklusive Ausfallstunnel) sind noch gut erhalten. Wenn man unten am Hügel vor der riesigen Stadtmauer steht, leuchtet unmittelbar ein, dass Eroberer vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe standen.

Was die Hethiter interessant macht, ist nicht nur deren geopolitische Bedeutung im Machtgefüge der Imperien vor 3500 Jahren. Nach allem, was man heute weiß, scheinen sie eine mehrsprachige und multikulturelle Gesellschaft gewesen zu sein. Außerdem spielen sie auch bei den jüngeren Spekulationen rund um Troia eine nicht unwichtige Rolle.

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Unterwegs auf den Spuren der Hethiter

Ich fahre jetzt gleich zum Flughafen und fliege nach Ankara, um von dort aus eine Woche lang vor allem die Überreste der Hethiter zu besichtigen. Bin im Oktober auch sonst noch viel unterwegs, so dass es im Oktober weniger regelmäßig neue Notizen geben wird, wie üblich.

Werde mich unterwegs aber via Twitter zu Wort melden. Die Reiseroute: Ankara, Hattusa, Sungurlu, Amasya, Kayseri, Nevsehir, Konya.

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Reise-Notizen: Luxemburg und Trier

Zwei Dinge wußte ich von Luxemburg: Weltkulturerbe und Finanzzentrum. Die Einladung einer Reisebekanntschaft aus Zentralasien kam also sehr gelegen, um gegen diese Inkompetenz anzureisen. Größte Überraschung: Die Industriegeschichte des kleinen Landes. Vor dem zweiten Weltkrieg war Luxemburg ein Zentrum der Schwerindustrie. Einige der über zwanzig Hochöfen und Produktionsstätten verrotten malerisch in der Landschaft und geben einen Eindruck von den gewaltigen Dimensionen der Erzverarbeitung. Die Natur hat nach einigen Jahrzehnten vieles davon zurück erobert, was grotesk wirkt, und zeigt, wie wenig selbst so monumentale Anlagen dem botanischen Furor entgegenzusetzen haben.

Die Stadt Luxemburg ist mit knapp 100.000 Einwohner eine Kleinstadt, aber wohl eine der pittoresk gelegensten Kleinstädte der Welt. Sie liegt auf zwei Ebenen, eine davon in idyllischer Tallage und prunkt mit ebenso alten wie hübschen Bauwerken. Unerwarteter Höhepunkt das Museum der Stadt, das Geschichte und Kunst unter einem Dach vereinbart. Direkt in den Felsen gebaut, ist es innenarchitektonisch spektakulär. Auch die historische Sammlung kann sich sehen lassen, darunter ein erst vor wenigen Jahren gefundenes, exzellent erhaltenes Mosaik der Römerzeit, das die Musen darstellt.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt Trier, das ebenfalls mit spektakulären Überbleibsel aus der Römerzeit aufwartet und natürlich mit dem Geburtshaus von Karl Marx, in dem die marxistische Theorie anschaulich in Powerpoint-ähnlichen Darstellungen erklärt wird: Proletarier 1, P2, P3, P4. Wobei vier Proletarier als pars pro toto offenbar didaktisch hinreichend sind. Das archäologische Museum war am Montag leider geschlossen (liebe Museen, wann gewöhnt Ihr Euch das endlich ab?!). Außer dem ansehnlichen zentralen Platz in der Innenstadt und einigen Monumenten wirkt Trier allerdings wie eine verhärmte Kleinstadt.

Fotos von meinem Mitreisendem.

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Shakespeare: All’s Well That Ends well

Olivier Theatre London 4.7.

Director: Marianne Elliot
Bertram: George Rainsford
Helena: Michelle Terry
Parolles: Conleth Hill
u.a.

Ich war sehr gespannt auf den Abend. Wie würde das National Theatre Shakespeares nicht allzu populäre Komödie auf die Bühne bringen? Experimentell oder klassisch-literarisch? Auf einer Skala zwischen diesen beiden Polen war die Inszenierung eher auf der Seite des Literaturtheaters zu finden. So urwüchsig-traditionelles Schauspiel-Handwerk sah ich schon lange nicht mehr, inklusive perfekt besetzten Komödien-Stereotypen wie den komischen Diener der Countess of Rossillion.
Das Gesamtkonzept war mit feinem britischen Humor unterlegt. Als Beispiel dafür möge das märchenhaft-ironische Spukschloss als Bühnenbild dienen. Das Ergebnis war ein runder und sehr erfreulicher Theaterabend. Elliots Regie balancierte so gekonnt zwischen den diversen Abgründen des Stücks (Märchen versus Psychodrama; Komödie versus Problemstück…), dass man sie zu dieser Leistung nur beglückwünschen kann. Nicht zuletzt gehört auch viel Mut dazu, eine solche Regielinie zu vertreten. Ein Fehler, dass ich bisher nicht öfters in London ins Theater ging.

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National Portrait Gallery

London 3.7.

Bei meinen letzten London-Besuchen wollte ich immer schon in die National Portrait Gallery, verweilte dazu aber zu lange nebenan in der National Gallery. Dieses Mal führte mich mein erster Weg dorthin. Das Konzept des Hauses ist insofern interessant, als es den Fokus mehr auf die historische Bedeutung der Bilder denn auf ihren ästhetischen Wert legt. Man findet dort beispielsweise auch einige Portraits mit handwerklichen Mängeln: Bei einem wirkte der Arm beinahe angeklebt. Das sind aber Ausnahmen, die meisten Gemälde sind künstlerisch durchaus anspruchsvoll.

Schlendert man durch die Galerie, geht man buchstäblich die englische Geschichte ab. Ein berühmtes Portrait folgt dem nächsten und man sieht endlich die Originale der Bilder, die man so oft schon in Büchern gesehen hat (die Tudors, Stuarts …). Darunter auch ideologisch-ikonographische Scheußlichkeiten ersten Ranges wie Marcus Gheeraerts Portrait von Queen Elizabeth I.

Natürlich beschränken sich die Exponante nicht auf die adlige Oberschicht des Landes, deren Mitgliedern man die inzestuösen Gepflogenheiten nicht selten ansieht. Freunde des Geisteslebens kommen nicht zu kurz. Herausragend das berühmteste Bild Shakespeares von John Taylor. Beeindruckend Abraham van Blyenberchs Portrait Ben Johnsons. Berührend die unbeholfene Zeichnung Cassandra Austens, die ihre Schwester Jane zu Papier brachte. Das einzige existierende Portrait von Jane Austen! Auch bekannte Naturwissenschaftler fehlen nicht: Robert Boyle, Wilhelm Harvey usw.

Mit gebührender Andacht stand ich naturgemäß vor dem berühmten Abbild des großen Laurence Sterne durch Sir Joshua Reynold. Bei dieser Gelegenheit faßte ich den Vorsatz, Tristram Shandy bald zum vierten Mal zu lesen.

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Reise-Notizen: Kirgisistan

Von Taschkent ging es per Flugzeug weiter nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans. Von allen Ländern Zentralasiens ist es das politisch am wenigsten repressive. Allerdings steht es ökonomisch mit Tadschikistan auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Kulturelle Besichtigungspunkte gibt es in Nordkirgisistan nicht viele. Nicht versäumen sollte man das Minarett von Burana, das man bequem auf dem Weg zum Issyk Kul See besichtigen kann. Dieser Hochgebirgssee ist die eigentliche Attraktion des Landes. 6000km2 groß und bis zu 700m tief ist er der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. Auf beiden Seiten von den schneebedeckten Gebirgsketten des Tien-Shan eingerahmt, bieten sich für Naturfreunde lohnende Ausblicke. An manchen Stellen fühlt man sich sogar an geologische Formationen im Westen der USA erinnert. Wäre die Infrastruktur dort nicht so erbärmlich schlecht, könnte sich dort ein Touristenparadies entwickeln. Im Moment geben die Straßen aber zur philosophischen Überlegung Anlass, wie viele Schlaglöcher eine ‚Straße‘ haben darf, bevor man ihr diesen Status absprechen muss. In dieser Gegend spielen die Geschichten des Tschingis Aitmatow, des berühmtesten Kirgisen, und wer einen literarischen Eindruck von der Region bekommen will, dem sei seine Erzählung „Dshamilja“ empfohlen.

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Reise-Notizen: Tadschikistan

Von Samarkand aus ist man schnell in Tadschikistan, wo es nicht nur spektakuläre Berglandschaften zu sehen gibt, sondern auch die Ausgrabungen von Pendischkent, einer alten Stadt der Sogder. Im ansonsten gut informierten Dumont Kunstreiseführer des Klaus Pander ist vom „Pompeji Zentralasiens“ die Rede. Hat man sich gut durchgerüttelt zu dieser Stätte vorgearbeitet, sieht man aber sofort, dass von einem Pompeji keine Rede sein kann. Man steht vor einer lehmigen Kraterlandschaft, die zwar einen guten Eindruck über die Größe der Stadt und deren Anlage vermittelt, aber sonst in einem deplorablen Zustand ist. Die fröhlich zwischen ausgegrabenen Wohnhäusern weidenden Tierherden, die von keinerlei Absperrung ferngehalten werden, sind aber nicht das größte Problem. Bauten aus Stampflehm freizulegen und sie danach nicht durch Überdachung zu schützen, ist archäologisch hochgradig fahrlässig. Wenn keine entsprechenden Mittel vorhanden sind, sollte man diese Grabungen den zukünftigen Generationen überlassen. In Europa hört man ständig die nicht unberechtigte Klage, wie wenig Budget für Archäologie vorhanden sei. Wer einmal den Unterschied zwischen „wenig“ und „gar keines“ mit eigenen Augen sehen will, der fahre nach Pendischkent!

Die Geographie Tadschikistans ist der Nordafghanistans sehr ähnlich. Man fährt über waghalsige kurvenreiche Bergstraßen durch eine beeindruckende Gebirgsszenerie, vorbei an ebenso malerischen wie ärmlichen Bergdörfern. Man kann sich dabei gut vorstellen, dass westliche Soldaten auf ähnlichen Wegen ihre afghanischen Patrouillen fahren und angesichts des Terrains gegen Hinterhalte aller Art keine Chancen haben.

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Reise-Notizen: Usbekistan (2)

Die Fahrt nach Samarkand führt durch sehr ärmliche Gegenden des Landes. Dem Land Bodenfrüchte abzugewinnen ist offensichtlich harte Arbeit. Von den bekannten Strapazen der Baumwollernte einmal ganz abgesehen, zu der auch Schulkinder in den Sommermonaten immer noch gezwungen werden. Den korrupten Machthabern sind Devisen naturgemäß wichtiger als die Ausbildung ihres Nachwuchses. Trotz der Armut sind in allen Ländern Zentralasiens Handys weitverbreitet. Selbst Hirtenjungen scheinen auf ihre Schafe ohne Mobiltelefon nicht mehr aufpassen zu können. Und sogar in Gegenden mit Dörfern ohne Strom oder fließendem Wasser gibt es exzellenten Mobilfunkempfang.
Unterwegs bietet sich ein Abstecher nach Schahr-e Sabs an, der Geburtsstadt Timurs (1336-1405), der diese Weltgegend nicht nur bis heute durch zahlreiche Bauten geprägt hat, sondern vom neuen Usbekistan auch als eine Art Nationalheiliger inthronisiert wurde. Man die Überreste des Palastes Ak Sarai besichtigen, dessen zwei Pylonen noch stehen und beachtliche 38m hoch sind. Dadurch lässt sich die Dimension dieses riesigen Bauwerks gut erkennen. Timur ließ die besten Architekten und Künstler aus seinem neuen Reich buchstäblich zusammenfangen und die Ergebnisse sind immer noch beeindruckend.

Nun also Samarkand, dessen orientalischer Zauber einer der wenigen Anhaltspunkte ist, die ein Mitteleuropäer heute mit Zentralasien üblicherweise assoziert. Seidenstraße! Orient! Tausendundeine Nacht! Exotik! – Es mag an dem trüben Wetter gelegen haben als wir dort ankamen: Anfangs waren nicht einmal Spuren dieses Klischees erkennbar. So originell ein Wiener Novembertag in dieser Oasenstadt sein mag, dem Flair Samarkands ist eine graue Regenatmosphäre nicht zuträglich. Auch als das Wetter schließlich besser wurde, wollten die eigenen Eindrücke so gar nicht zu den romantischen Erwartungen passen. Natürlich gibt es in der Stadt zauberhafte Ecken. Der berühmte Rigestan Platz wird seinem Ruf ebenso gerecht wie die gepriesene Gräberstadt Schah-e Sende, deren „Erlebniswert“ mit altägyptischen Baudenkmälern durchaus vergleichbar ist. Diese Stätten sind aber in der Stadt weit verteilt, und ein paar Blocks weiter steht man in tristen Vierteln voller heruntergekommener sowjetischer Plattenbauten. So tritt einem Samarkand als eine seltsame Mischung aus Chiwa und Skopje entgegen.

Wer nach Zentralasien aufbricht, sei also vorgewarnt. Es gibt die orientalische Seite dieser Länder und sie ist sehenswert. Zu mindestens gleichen Teilen ist es aber eine Reise durch die Ex-Sowjetunion samt der einschlägigen deprimierenden städtebaulichen Folgeerscheinungen. Natürlich gibt es Positives aus dieser Zeit. Dass es in allen fünf Ländern kaum Analphabetismus gibt (im Unterschied etwa zu Afghanistan), ist dem sowjetischen Erziehungswesen zu verdanken. Auch die Gesundheitsversorgung profitiert noch aus den alten Zeiten, auch wenn sich diese Strukturen bereits auflösen.

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Reise-Notizen: Usbekistan (1)

In Usbekistan liegen die Höhepunkte der Seidenstraße, für den Kulturreisenden ein ausreichender Grund, hier am meisten Zeit zu verbringen, und zwar acht Tage. Chiwa liegt nicht weit von der turkmenischen Grenze entfernt und hat die besterhaltene Altstadt des Landes. Schöne Ensembles mit Moscheen, Medresen und Mausoleen findet man auch in anderen Städten Usbekistans, in Chiwa aber fügen sich diese nahtlos in einen orientalischen Gesamteindruck ein. Die meisten historischen Bauwerke sind frisch renoviert, was bei den Touristen sicher mehr Entzücken auslöst als bei Archäologen. Trotz des schönen Ensemblecharakters wirkt die Altstadt etwas zu klinisch, so als hätte man eine Attraktion aus Tausendundeiner Nacht für Besucher nachgebaut. Die Vielzahl der Koranschulen geht auf konkurrierende Stiftungen zurück. Wie auch im Christentum lag den moslemischen Herrschern der Blütezeit der Gedanke nicht fern, sich durch Bestechung ins Paradies einkaufen zu können. Heutzutage denkt man bei „Koranschule“ an Erziehungsinstitutionen in Pakistan, in denen Schülern aus armen Verhältnissen die islamistische Ideologie eingeprügelt wird. Vor fünf Jahrhunderten zählten die Koranschulen jedoch zu den besten Universitäten der Welt, auch Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Deshalb verwendet man in diesem Kontext wohl besser „Medrese“ als Begriff.
Chiwa hat eine beeindruckende Geschichte. Legenden über die Stadt gehen bis in biblische Zeiten zurück. Historisch belegt ist sie erstmals im 10. Jahrhundert. 1592 tritt Chiwa die Nachfolge von Kohne Urgentsch als Hauptstadt des Choresm Reiches an.
Während man in Turkmenistan keine fröhlichen Menschen auf der Straße sah und die Atmosphäre bedrückt wirkte, scheinen die Usbeken trotz der schwierigen Umstände mehr Freude am Leben zu haben. Die Angst vor staatlicher Repression ist offenbar deutlich geringer als im Polizeistaat nebenan. Die Infrastruktur ist ebenfalls fortschrittlicher als im Nachbarland. Wie schnell sie aber an ihre Grenzen stößt, zeigen wiederholte Stromausfälle nach Regenfällen. In Buchara habe ich aus diesem Grund zum ersten Mal in meinem Reiseleben ein Museum mit Taschenlampe besichtigt.

Nach Buchara fährt man von Chiwa gut 400km durch die Wüste Kiselkum auf – diplomatisch formuliert – suboptimalen Straßen. Der erste Eindruck von dieser berühmten Stadt der Seidenstraße passt zu den Bildern im Kopf. Die Bedeutung Bucharas hatte geographische Gründe, hier kreuzte sich die nördliche und südliche Route der Karawanenstraße. Aber nicht nur der Handel blühte, es war auch die intellektuelle Hauptstadt seiner Zeit. Avicenna, Rudaki, Ferdausi und viele andere wählten sie zur Wirkungsstätte. Zahlreiche Handschriften werden immer noch dort aufbewahrt. Die Moschee Kalan und besonders das dazugehörige Minarett gehört zu den schönsten Bauwerken in Zentralasien. Die Proportionen des 50m hohen Turms und des Bauschmucks sind von atemberaubender Perfektion.
Lange Zeit pflegte man die von den Einwohnern wegen des hohen Unterhaltungswertes geschätzte Tradition, Straftäter und Ungläubige von diesem Minarett in den Tod zu stürzen. Ich wage die These, dass es sich hier um die ästhetisch gelungenste Hinrichtungsstätte der Weltgeschichte handelt. Wer sich über weitere historische Unappetitlichkeiten dieser Weltgegend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein informieren will, der sei auf die einschlägigen Reiseberichte verwiesen, etwa Hermann Vámbérys „Mohammed in Asien. Verbotene Reise nach Buchara und Samarkand“. Wie viele andere einschlägige Titel ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Das Mausoleum der Samaninden darf nicht unerwähnt bleiben, zählt es doch zu den berühmtesten Werken der islamischen Baukunst. Vermutlich um 900 errichtet, sieht es mit seiner Grundfläche von 10x10m und seiner Höhe von vierzehn Metern wie ein architektonisches Understatement aus. Die Eleganz der Ausführung und das hohe Niveau des Bauschmucks setzten aber für die folgenden Jahrhunderte oft nachgeahmte Maßstäbe.

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