Klassiker

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Uwe Johnson (3)

Jahrestage. Band 3. Suhrkamp Taschenbuch

Langsam las ich den dritten Teil von Johnsons Tetralogie. Der ersten Band ließ mich skeptisch zurück, vom zweiten war ich sehr angetan. Dieser setzte nun das positive Leseerlebnis fort. Auf der Jerichow-Handlungsebene wird die unmittelbare Nachkriegszeit beschrieben, speziell der Beginn der russischen Besatzung und damit der neuen Diktatur. Cresspahl verliert die Gunst der neuen Macht, wird als Bürgermeister von Jerichow abgesetzt, und landet dann längerer Zeit im Gefängnis und in einem Gefangenlanger. Die Zustände im Lager beschreibt Johnson schmerzend realistisch, inklusive der sadistischen Spiele der (immer noch) deutschen Aufseher.
Die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen umfassen den Zeitraum von April 1968 bis Juni 1968 und sind damit ausführlicher und deutlich länger als früher. Wie bisher wird der Leser via New York Times mit den politischen Ereignissen konfrontiert, wo erneut der Krieg in Vietnam und die Turbulenzen in der CSSR eine herausragende Rolle spielen. Letzteres Thema wird noch dadurch verstärkt, dass Gesine in Ihrer Bank mit einem Kreditprojekt für die CSSR beschäftigt ist.

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Plato: Der Staat. Achtes Buch [2.]

Der Staat (Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 80; Amazon Partnerlink)

Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates’ sein, gemessen an allen platonischen Dialogen.

Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt.

Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System “strukturell” beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:

Indem sie nun als auf diesem Wege des Gelderwerbs fortschreiten, kommt die Tugend bei ihnen in demselben Maße in Mißachtung, in dem das Geld in ihren Augen an Wert gewinnt. Oder steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, daß sie gleichsam auf die Schalen einer Wage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt? [550]

Abschließend sei noch eine Stelle zitiert, die sehr schön belegt, wie alt und universal die Kritik an der Jugend ist, sie wiederholt sich seit tausenden von Jahren:

[...] der Lehrer hat unter solchen Verhältnissen Angst vor den Schülern und umschmeichelt sie, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und ebensowenig vor ihren Aufsehern; und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und suchen ihnen den Rang abzulaufen in Worten und Taten, während die Alten sich traulich mit den Jünglingen einlassen und, ganz im Geist der Jugend, unerschöpflich sind in Witzeleien und Spaßhaftigkeiten, um nur ja nicht griesgrämig und herrisch zu erscheinen. [563]

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Plato: Der Staat. Siebtes Buch [2.]

Der Staat (Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 80; Amazon Partnerlink)

Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete.
Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.

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Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray [2.]

Hörbuch; ungekürzt im Original

Es ist mindestens 15 Jahre her als ich diesen Roman zum ersten Mal las. Ich hatte ihn als gutes Leseerlebnis in Erinnerung. Höchste Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks, wozu ich ein Hörbuch wählte. Nun ist es schon ein ästhetisches Vergnügen, dieses wohlgeformte Englisch in schönstem hochnäsigen Oxford English vorgelesen zu bekommen. Das wäre aber nicht hinreichend, um die Faszination des Werks zu erklären, das ab sofort in meinem Klassiker-Privatkanon einen prominenten Platz einnimmt.
Der Roman ist ebenso geistreich wie provokant. Lord Henry, der als Verführer maßgeblich zum Untergang des Dorian Gray beiträgt, ist wohl die Figur der englischen Literatur, die Mephisto am ähnlichsten ist: Scharfzüngig, brillant, die Schwächen der Menschen durchschauend, amoralisch, nicht unsympathisch. Gleichzeitig der literarische Prototyp eines Vertreters der sogenannten Dekadenz der Jahrhundertwende.
Wilde versteht es meisterhaft an die große englische Tradition des realistischen Erzählens anzuknüpfen, indem er vom Adelssalon bis zum Londoner East End authentisch zu berichten vermag. Diesen Realismus mit einem märchenhaften Symbolismus überzeugend zu verbinden, ist die große Leistung dieses Buchs. Dorian Gray erkauft sich bekanntlich ewige Jugend und moralische (optische) Makellosigkeit dadurch, dass sein Portrait für ihn altert und seine Laster abbildet. Wilde eröffnet durch dieses Motiv einen großen Resonanzraum zu zahlreichen Werken der Weltliteratur und schafft damit eine Art modernen Mythos für seine Zeit. Faszinierend.

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Shakespeare: Rosenkriege

Burgtheater 1.6.
Regie: Stephan Kimmig
Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Nicholas Ofczarek, Martin Schwab, Hermann Scheidleder uvm.

Sieben Stunden Shakespeare am Stück waren angesagt, bevor das Burgtheater in eine Art Edelfanzone für die Euro verwandelt wurde, ganz so als sei die Evokation atavistischer Triebe namens Fussball nicht das Gegenteil von Kultur.
Stephan Kimmig nahm die drei Teile von Heinrich VI. und Richard III. und verwandelte diese in einen Theatermarathon. Nun zeichnen sich die Historien Shakespeares bekanntlich durch eine unglaubliche Vielschichtigkeit auf allen Ebenen aus, das fängt bei der Vielzahl der genau gezeichneten Charaktere an und hört bei der Dramatisierung politischer Konzepte und anthropologischer Konstanten noch lange nicht auf. Was macht Kimmig daraus? Er reduziert diese Komplexität auf eine Aneinanderreihung von Gewalt- und Todesszenen, ganz so wie der Banause Shakespeare gerne mit vielen Leichen auf der Bühne verbindet.
Diese viel zu lange Kurzfassung wird dann inszenatorisch noch so uninspiriert und widersprüchlich präsentiert, dass die ästhetische Ratlosigkeit mit Händen zu greifen zu war. Mal gab es eine groteske Todeszene im Stile Monty Phytons, mal eine pathetisch aufgeladene Mordtat. Das handwerklich passable Schauspiel des Ensembles kam dagegen nicht auf.
Eine zu vermeidende Zeitverschwendung!

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Neuer Band der Thomas-Bernhard-Werkausgabe

Kürzlich erschien Band 13 der sehr gelungenen Werkausgabe bei Suhrkamp: Erzählungen III.

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Alessandro Manzoni: Die Brautleute. Mailändische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert

d t v (Amazon Partnerlink)

In der Welt der Kultur gibt es wenige Sparten, welche mit der überraschenden Vielfalt des klassischen europäischen Romans mithalten können. Selbst wenn man sich Jahrzehnte mit dieser Welt beschäftigt, lässt aufgrund des unglaublichen Abwechslungsreichtums die Faszination nicht nach.

Nun sind “Die Brautleute”, natürlich keine entlegene Entdeckung. Nicht nur literaturinteressierte Italiener wie Umberto Eco geraten über diesen Text ins Schwärmen, auch sonst wird er gerne, selbstverständlich nach Dante, zu den wichtigsten italienischen Klassikern gezählt. Eine anstehende Italienreise war nun der Anlass, diese Leselücke endlich zu schließen.
Die erzählerische Konstruktion des Romans ist selbst klassisch: Der Erzähler gibt vor, eine alte Handschrift mit dieser Geschichte gefunden zu haben und gibt in der aparten Vorrede einen Ausschnitt daraus wieder, im besten blumigen Barockstil. Natürlich könne man das dem modernen, ungeduldigen Leser nicht mehr zumuten, weshalb sich der Erzähler entschliesst, die Handlung “unbarock” nachzuerzählen.

Damit nimmt Manzoni seine Leser auf knapp 900 Seiten zu einem Parforceritt durch die norditalienische Gesellschaft und Geschichte mit, der in Sachen Präzision, Perfektion, Welthaltigkeit und Humanität den Vergleich mit den besten europäischen Klassikern nicht zu scheuen braucht. Will man sich partout auf ein Genre festlegen, wäre der Roman im Dreieck historischer Roman, Gesellschaftsroman und sozialer Roman gut aufgehoben.
Die Handlung setzt mit der Drohung eines adligen Schurken gegenüber eines Pfarrers ein, zwei junge Brautleute auf keinen Fall zu trauen, da er selbst ein Auge auf das Dorfmädchen geworfen hat. Diese Erpressung setzt nun eine sich beschleunigende Handlungsspirale in Gang, die hier im Detail nicht nacherzählt werden muss, aber einen umfangreichen Einblick in die marode (Rechts)staatlichkeit liefert, wo die Leute der unteren Stände der Willkür ihrer Feudalherren ausgeliefert waren. Man begegnet berühmten Schurken, feigen Gelehrten, heroischen Mönchen, opportunistischen Pfarrern, dümmlich-machtgierigen Familienpatriarchen, ins Kloster gezwungenen adligen Mädchen, korrupten Gestalten aller Schichten, unfähigen Politikern, Revolutionären & Aufständische, marodierenden Soldaten …

Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit schwappen regelmäßig in den Roman hinein und die von Manzoni geschilderten Massenszenen gehören zu den besten, die ich bisher las. An erster Stelle ist hier die Hungerrevolte in Mailand und die darauf folgende Pestkatastrophe zu nennen, die mit einer ungeheuerlichen Eindrücklichkeit beschrieben wird. Es ist nicht zuletzt das tiefgründige Verständnis der menschlichen Natur, was “Die Brautleute” in den Pantheon der europäischen Literatur erhebt. Eine ebenso unterhaltsame wie geistreiche Lektüre also.
Für meinen Geschmack gibt es etwas zu viele christliche Helden (denen freilich auch ein Potpourri an korrupten Klerikern gegenübersteht), aber das nimmt man bei diesem Buch gerne in Kauf.

Abschließend sei als Anekdote noch erwähnt, dass wir durch einen Zufall sehr genau wissen, wer der erste deutsche Leser war: Manzoni schickte seine Romanbände druckfrisch an Goethe, der sie innerhalb einer Woche sehr angeregt las. Seine Meinung darüber hat Eckermann festgehalten.

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Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

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Hätte es im 19. Jahrhundert schon Bestseller-Listen gegeben, Seumes Reisebericht über Italien hätte diese lange dominiert. Bis heute erfreut er sich einer gewissen Beliebtheit und wird regelmäßig neu aufgelegt. Das überrascht nicht, ist es doch ein erfrischend modernes, unverzopftes Buch.

Schon das Vorhaben war ambitioniert: Ein Spaziergang von Leipzig nach Syrakus und zurück. Italien war Anfang des 19. Jahrhunderts durch Kriege und den teilweisen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung ein oft anarchistisches Land, in dem Räuberbanden ungestraft ihr Unwesen trieben. Sucht man eine moderne Analogie, böte sich vielleicht ein Spaziergang durch Nordafghanistan an, zumal man Seume als Protestant im katholischen Italien als argen Ketzer wahrnahm, und er deshalb auch einige Bekehrungsversuche, freilich mehr komisch-wohlwollender Natur, über sich ergehen lassen musste.

Was Seumes Reisebericht von den meisten anderen seiner Zeitgenossen unterscheidet, ist zum einen seine Herkunft, zum anderen seine politische Haltung. Seit langem gehörte es zum guten Ton junger Adliger und wohlhabender Bürgersöhne (Goethes Vater etwa), zu einer “grand tour” durch Europa aufzubrechen. Wir sind von dieser Klientel auch reichlich mit Reiseberichten gesegnet. Seume dagegen stammte aus vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen, nach dem Bankrott des Vaters als Gastwirt fand sich die Familie am Ende der sozialen Skala wieder. Dies führte selbstverständlich zu einem anderen Blick auf die sozialen Verhältnisse als ihn die verwöhnte Jugend aus reichem Hause nach Italien mitbrachte. Zwar beschäftigt sich auch Seume immer wieder mit den kulturellen Sehenswürdigkeiten seiner Reiseroute, oft durchsetzt mit feiner Ironie, sein Hauptinteresse liegt aber klar auf den sozialen und politischen Verhältnissen.

Womit schon der zweite große Unterschied zu vielen zeitgenössischen Reiseschriftstellern genannt ist: Seume war ein überzeugter Anhänger der Aufklärung. Seine Kritik an den unfähigen Eliten und speziell an Kirche und Klerus zieht sich mit einer wohltuenden Offenheit durch das Buch:

Vor allen Dingen war sein Gesang charakteristisch. Ich habe nie einen so entsetzlichen Ausdruck von dummer Hinbrütung in vernunftlosem Glauben gehört. Wenn ich länger verdammt wäre solche Melodien zu hören, würde ich bald Materialismus und Vernichtung für das Konsequenteste halten: denn solche Seelen können nicht fortleben. (76)

Seumes kluge, konzise Beobachtungen und die rhetorisch geschickte Aufbereitung seiner Aufzeichnungen sind eine große Lesefreude und eines der besten deutschen Bücher dieser Zeit.

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Dino Buzzati: Die Tatarenwüste. Roman

Fischer Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Unter Bücherfreunden wird Buzzati gerne mit dem Prädikat “italienischer Kafka” belegt. Wie alle derartigen Schubladen ist auch diese problematisch, soweit man das nach dem Lesen eines einzigen Romans sagen kann, durch denn Buzzati allerdings berühmt geworden ist.

Das Prädikat hat eine gewisse Berechtigung, wenn man es auf Buzzatis Stil bezieht, schreibt er doch eine in verschiedener Hinsicht fantastische Geschichte in einem so realistischen Duktus als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Hier erinnert Buzzati tatsächlich an Kafka, dessen Ästhetik ansonsten aber viel radikaler anmutet. Kafkas Ambiguitäten schmerzen den Leser geradezu und verlangen nach einer (unmöglichen) Deutung. Die Bibliothken voller widersprüchlicher Interpretationen belegen das hinreichend.

Buzzatis Rätselhaftigkeit ist weniger befremdend, was beschreibend, nicht wertend gemeint ist. “Die Tatarenwüste” erzählt die Lebensgeschichte des Giovanni Drogo, der als junger Leutnant seine militärische Karriere in einer geheimnisvollen, entlegenen Festung im Gebirge beginnt. Diese liegt am Rand der Tatarenwüste, um das Land vor einem Tatareneinfall zu schützen. Wie weiland Hans Castorf in Davos will Drogo nur kurz bleiben, wird dann aber nicht nur sieben Jahre, sondern sein gesamtes Leben dort verbringen. Man wartet mit Sehnsucht auf den Angriff aus den Norden, um der eigenen Existenz Sinn zu geben. Unterbrochen von diversen Vorkommnissen zieht das Leben an Drogo vorbei, während seine ehemaligen Freunde in der Stadt normale Leben führen.

Diese Geschichte ist von großer existenzieller Symbolkraft, Buzzati ist ein Meister der Doppelbödigkeit. Man glaubt stellenweise, eine modernen Mythos zu lesen. Hier wird “Klassisches” mit der Moderne kongenial verbunden.

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Thomas Mann: Joseph, der Ernährer

Fischer Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Der letzte Band der Tetralogie setzt Thomas Manns literarische Verarbeitung des Bibelstoffs auf hohem literarischen Niveau fort. Die Verknüpfung zwischen mythologischen ägyptischen Elementen und der Josephsgeschichte wird beinahe schon zu routiniert abgewickelt.
Josephs tiefer Fall ins Gefängnis, die anschließende Karriere zum Stellvertreter des Pharao und das Wiedersehen mit seinen Brüdern und Jaakob sind an sich bereits eine literarisch ergiebige Geschichte, und Mann holt mit Hilfe seiner Erzählkunst erwartungsgemäß das Optimale aus ihr heraus. Echnatons (aus orthodoxer Sicht) ketzerischer monotheistischer Glaube bietet naturgemäß viele religiöse Anknüpfungspunkte.

Auch im vierten Teil gibt es wieder sehr gelungene Figuren. Mai-Sachme etwa, der Aufseher der Gefängnisinsel, der sich mehr für seine literarischen und medizinischen Projekte als für seine administrativen Tätigkeiten interessiert, und den Joseph später zu seinem Haushaltsvorstand machen wird.

Die Tetralogie gehört zweifellos zu den besten Werken Thomas Manns und man sollte sich von deren Länge auf keinen Fall von der Lektüre abhalten lassen. Allerdings sollte man sich vorher etwas mit der Mythologie Ägyptens beschäftigen. Im Idealfall bereitet man sich mit einer Ägyptenreise auf dieses Lesererlebnis vor.

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