20. Jhd. (Klassiker)

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Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Stefan Zweig gehörte noch nie zu meinen Lieblingsklassikern. Manche seiner Bücher wie Maria Stuart kann ich wegen der stilistisch grauenvoll schnörkelhaften Sprache gar nicht lesen. Brillant dagegen ist seine Autobiographie Die Welt von gestern. Angeregt durch den Film Vor der Morgenröte, der Zweigs Exilzeit gelungen thematisiert, greife ich zu seinem 1934 erschienenen Buch Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam.

Auf den ersten Blick schließt es an seine erfolgreichen Werke über diverse Geistesgrößen und die Sternstunden der Menschheit an. Die Metabene des Textes ist aber noch spannender als der eigentliche Inhalt. Sie kreist primär um die Frage: Wie soll sich ein Intellektueller in einer historischen Krisensituation moralisch verhalten? Was für Erasmus von Rotterdam die Reformation war, war für Zweig der Nationalsozialismus. Wie Erasmus tat sich Zweig lange schwer, konkret Stellung zu beziehen. Alles, was Zweig in dieser Sache über Erasmus schreibt, liest sich wie eine ausführliche Selbstrechtfertigung:

Die Vernunft, sie, die ewige und still geduldige, kann warten und beharren. Manchmal, wenn die anderen trunken toben, muß sie schweigen und verstummen.
[S. 23]

Der Geistige darf nicht Partei nehmen, sein Reich ist die Gerechtigkeit, die allenthalben über jedem Zwiespalt steht.
[S. 111]

Manche Passagen des Buches lesen sich dagegen heute so aktuell wie seit den Dreißigern nicht mehr:

Bei den durchschnittlichen Naturen fordert auch der Haß sein düsteres Recht neben der bloßen Liebesgewalt, und der Eigennutz des einzelnen will von jeder Idee auch rasche persönliche Nutznießung. Immer wird der Masse das Konkrete, das Greifbare eingängiger sein als das Abstrakte, immer darum im Politischen die Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem faßbaren, handlichen Gegensatz, der gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion sich wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine frevlerische Flamme am Hass entzünden.
[S. 15]

Erst der Fanatismus, dieser Bastard aus Geist und Gewalt, der die Diktatur eines, und zwar seines Gedankens, als der einzig erlaubten Glaubens- und Lebensform dem ganzen Universum aufzwingen will, zerspaltet die menschliche Gemeinschaft in Feinde oder Freunde, Anhänger oder Gegner, Helden oder Verbrecher, Gläubige oder Ketzer; weil er nur sein System anerkennt und nur seine Wahrheit wahrhaben will, muß er zur Gewalt greifen, um jede andere innerhalb der gottgewollten Vielfalt der Erscheinungen zu unterdrücken. Alle gewaltsamen Einschränkungen der Geistesfreiheit, der Meinungsfreiheit, Inquisition und Zensur, Scheiterhaufen und Schafott hat nicht die blinde Gewalt in die Welt gesetzt, sondern der starrblickende Fanatismus, dieser Genius der Einseitigkeit und Erbfeind der Universalität, dieser Gefangene einer einzigen Idee, der in sen Gefängnis immer die ganze Welt zu zerren und zu sperren versucht.
[S. 90]

Tatsächlich ist des Erasmus Versuch, in einer vom Fanatismus geprägten Zeit, eine objektive Sicht beizubehalten, bis heute eine vorbildliche intellektuelle Haltung. Zweig porträtiert Erasmus sehr anschaulich und spitzt in seiner typischen Art den Konflikt zwischen Erasmus und Luther so zu, dass ein spannendes Narrativ entsteht. Was Erasmus philosophische Positionen angeht, bleibt er freilich populär an der Oberfläche.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Fischer-TB)

John Williams: Butcher’s Crossing

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle wie sehr mich Williams Roman Stoner beeindruckt. So sehr, dass ich schnell einen zweiten Roman des Autors lesen wollte.

Insgesamt ist Butcher’s Crossing (1960) leider eine große Enttäuschung. Das liegt nicht an der grundsätzlich guten Idee des Romans: Der dreiundzwanzigjährige Andrews verlässt abenteuerlustig seine Eliteuniversität im Osten und bricht auf der Suche nach Selbsterkenntnis und einem besseren Verständnis seines Landes Richtung Westen auf. Eine Art in den wilden Westen verlegter Bildungsroman also. Dort finanziert er – entgegen allen Warnungen – eine wagemutige Buffallo-Jagdpartie. Gemeinsam mit drei schrägen Typen suchen sie eine in den Bergen versteckte Herde, veranstalten einen soliden Massenmord, werden eingeschneit und kommen erst nach vielen Entbehrungen wieder nach Butcher’s Crossing zurück. Erfolglos sei angemerkt, weil sie ihre Felle in einem reißenden Fluss bei der Rückkehr ebenso verlieren wie einen ihrer Jagdkameraden.

Die größte Leistung des John Williams ist sicher, den Mythos des Wilden Westens durch eine naturalistische Schilderung zu ersetzen. Die Strapazen, der Dreck, die mangelnde Hygiene oder der Leichengestank werden ausführlich beschrieben. Diese ausführlichen Beschreibungen sind auch das größte ästhetische Problem: Williams klebt an jedem Detail. Anders als bei Stoner induziert diese Schreibweise weder eine symbolische Lesart noch einen formal spannenden Erzählrhythmus. Ohne diese zusätzliche Bedeutungsebene bleibt Butcher’s Crossing ein solides Stück Literatur, ist aber weit entfernt von der Multidimensionalität, welche einen guten Klassiker auszeichnet.

John Williams: Butcher’s Crossing (Vintage Classics)

Natsume Soseki: Kokoro

Wenn ich mich auf eine Studienreise vorbereite, beschäftige ich mich meistens auch mit der Literatur eines Landes. Über meinen Erstkontakt mit Haruku Murakami berichtete ich bereits. Ein ganz anderes literarisches Kaliber ist Natsume Soseki, der als einer der wichtigsten Klassiker seines Landes gilt. 1867 geboren wird er Zeitzeuge der wohl größten Revolution in der japanischen Geschichte: Die gezielte Ausrichtung auf den Westen. Innerhalb weniger Jahrzehnte kopiert Japan das westliche „Erfolgsmodell“, einer der beeindruckendsten Modernisierungsschübe der Weltgeschichte. Soseki ist auch persönlich davon betroffen, wird er doch von seiner Regierung nach England zur weiteren Ausbildung geschickt. Die Zeit in London (1901-1903) sind eine schwere Zeit für ihn. Er verbringt sie die meiste Zeit lesend und lernt intensiv die westliche Literaturtradition kennen.

Zeiten starker Veränderung produzieren nicht selten große Kunst. Sosekis Werke belegen diese kulturgeschichtliche Beobachtung. Kokoro zeigt die kulturelle Veränderung Japans auf eine sehr subtile Art und Weise. Im Mittelpunkt steht eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die im asiatischen Raum zu den wichtigsten sozialen Beziehungen zählt. Der junge Ich-Erzähler ist ein Student und sucht die Beziehung zu einem älteren Herrn, den er zufällig trifft und „Sensei“ nennt, ein respektvoller Titel für einen älteren Lehrer. Es stellt sich schnell heraus, dass dieser Sensei, der völlig zurückgezogen mit seiner Frau lebt, ein Misanthrop ist. Die Ursache dieser Misanthropie liegt in Erlebnissen seiner Vergangenheit. Alle Versuche seines jungen Freundes, diese Geheimnisse zu ergründen, scheitern zu Beginn.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich primär mit dem jungen Ich-Erzähler, der aus Tokio zu seinem sterbenden Vater zurückkehrt, und durch diese Erfahrung emotional und intellektuell reift. Er bekommt einen dicken Brief seines Sensei, welcher die Lebensbeichte seines Lehrers enthält und den letzten Teil des Romans bildet. Wir werden darin nicht nur Zeuge, wie der Sensei in seiner Jugend durch einen betrügerischen Onkel um einen großen Teil seines Erbes gebracht wird, sondern sehen ebenfalls eine tiefe Freundschaft wegen einer jungen Frau in einem tragischen Suizid enden. Soseki löst hier geschickt viele Anspielungen aus dem ersten Teil des Romans auf.

Das ist stilistisch auf hohem Niveau geschrieben und kombiniert eine tragische Lebensgeschichte gekonnt mit den kulturellen Veränderungen Japans in dieser Zeit. Mein einziger ästhetische Einwand wäre, dass der Roman mit dem Ende des Briefes abbricht, was die Geschichte des Schülers strukturell unbefriedigend offen lässt. Das tut der literarischen Größe Kokoros aber keinen Abbruch und angesichts der hohen literarischen Qualität ist es erstaunlich, warum Natsume Soseki im Westen nicht viel mehr Leser hat.

Natsume Soseki: Kokoro (Manesse)

John Williams: Stoner

Bis zum Jahr 2013 dauerte es, bis die Literaturwelt John Williams Roman Stoner erneut entdeckte. The Greatest American Novel You’ve Never Heard Of titelte etwa der New Yorker. Es dauerte weitere vier Jahre, bis ich nun selbst das Buch las, und eine Entdeckung ist dieser Klassiker zweifellos.

Als Stoner 1965 erschien gab es eine kurze Rezension und er war nach einem Jahr wieder vom Buchmarkt verschwunden. Auf den ersten Blick ist der Roman tatsächlich ziemlich unscheinbar. Nicht nur handelt er von einem eigentlich völlig uninteressanten durchschnittlichen Provinzprofessor, sondern er ist formal auch anspruchslos: Eine realistisch erzählte Geschichte. Von literarischen Mitteln der Moderne kaum eine Spur.

Trotzdem entwickelt die Lektüre sofort einen Sog, obwohl die Handlung kaum Elemente hat, die man üblicherweise als „spannend“ klassifizierte. Der erste Teil ist primär ein Bildungsroman. Der aus ärmlichen Farmer-Verhältnissen Junge William Stoner wird für das Studium der Agrarwissenschaften an ein College geschickt. Die Unterkunft bei Verwandten muss er sich durch die Arbeit als Knecht verdienen. In einem einführenden Kurs entdeckt er plötzlich die Literatur: Ein literarisches Erweckungserlebnis. Er ist so begabt, dass er schließlich als Professor dort sein gesamtes Leben verbringen wird, was Williams gleich am Beginn des Buches so beschreibt:

He did not rise above the rank of assistant professor, and few students remembered him with any sharpness after they had taken his courses.

Garniert ist das Ganze mit einer problematischen Ehe sowie beruflichem Mobbing.

Was Stoner zu großer Literatur macht, ist, dass der Roman diese Themen mit einer Leichtigkeit transzendiert, die man bei realistischer Literatur nur selten findet. Williams gelingt es etwa, Stoners Geistesleben so lebendig zu schildern, dass man seine Erweckungserlebnisse – Musil würde hier vom „anderen Zustand“ schreiben – mit großer Intensität versteht. Der Text transformiert Stoners Leben in ein symbolisches Lehrstück der Vergänglichkeit und bekommt dadurch beinahe etwas Nihilistisches.

John Williams: Stoner: A Novel (Vintage)

Orwell: 1984

Seit vielen Jahren will ich 1984 zum zweiten Mal lesen, was mir jetzt zum denkbar unoriginellsten Zeitpunkt auch gelingt. Die Bestseller-Listen und Neuauflagen zeigen, dass viele Menschen im Zeitalter der Populisten wieder zu dystopischen Klassikern greifen, um die aktuellen Zeitläufte zu reflektieren. Als Schüler beeindruckte mich der Roman durchaus. Jetzt ist meine Erwartungshaltung gedämpft: Ich erwarte solide, politisch brave Propagandaliteratur im besten Sinn des Wortes.

Deshalb bin ich verblüfft, wie schnell mich 1984 literarisch wieder in seinen Bann zieht. Orwells intellektuelle Leistung liegt nicht primär darin, wie er die von ihm geschilderte Diktatur als System anlegt: Die Diktatur einer kleinen Partei-Oligarchie (2% der Bevölkerung) mit Hilfe eines unterdrückten Parteiapparates (13%) über die restlichen, ökonomisch, sozial und geistig vernachlässigten Untertanen, den Proles. Letztere werden mit anderen Mitteln kontrolliert als die dauerüberwachten Parteifunktionäre:

It was not desirable that the proles should have strong political feelings. All that was required of them was a primitive patriotism which could be appealed to whenever it was necessary to make them accept longer working-hours or shorter rations.

Strukturell ist das eine Fortschreibung des stalinistischen Systems, inklusive der Schauprozesse und des Spitzelsystems. Orwells Brillanz besteht im Weiterdenken dieser Mechanismen in Bezug auf den technologischen Fortschritt und im Offenlegen individual- und massenpsychologischer Mechanismen seiner Zukunftsdiktatur.

Am besten in unsere Zeit passen hier die geschilderten Hassrituale, an denen die Parteifunktionäre regelmäßig teilnehmen müssen. Vom täglichen „Two Minute Hate“ bis zur regelmäßigen „Hate Week“.

The horrible thing about the Two Minute Hate was not that one was obliged to act a part, but that it was impossible to avoid joining in. Within thirty seconds any pretence was always unnecessary. A hideous ecstasy of fear and vindictivness, a desire to kill, to torture, to smash faces in with a sledge-hammer, seemed to flow through the whole group of people like an eclectric current, turning one even against one’s will into a grimacing, screaming lunatic.

Trump, FPÖ, AfD und Co. bedienen sich ähnlicher psychologischen Mechanismen, um ihren Mob in einer denkbefreiten Zone zu halten. Ebenso brillant ist Orwells Konzeption von Newspeak, also dem Versuch die Realität durch konträre Bezeichnung umzudeuten, etwa wenn er das Kriegsministerium „Ministry of Peace“ nennt. Doublethink steht für die trainierte Fähigkeit, Widersprüche denken und akzeptieren zu können. Die alles überwachenden Telescreens schließlich assoziiert man bei der heutigen Lektüre mit den Smartphones, die wir alle freiwillig in unseren Taschen tragen.

Die literarische Wucht gewinnt 1984 durch die strukturelle Entgegensetzung eines kritischen, selbstbewussten Individuums mit dem jegliche Individualität und Privatheit unterdrückenden Totalitarismus. Orwell bleibt von der Erzählperspektive immer nah an Winston Smith, was eine starke Identifikation mit ihm fördert. Wir sehen den Unterdrückungsapparat mit den zahlreichen Ungerechtigkeiten und Absurditäten durch seine Augen, was als Reaktion eine instinktive Empörung auslöst. In dieser Empörung liegt die starke politische Wirkung des Klassikers. Wir begleiten Winston auf seinen Weg in den Widerstand, schöpfen mit ihm Hoffnung und gehen am Ende mit ihm unter. Nicht nur hier beherrscht Orwell seine narrative Kunst meisterhaft, das gilt ebenso für seinen Umgang mit der erzählten Zeit oder der gekonnten Irreführung des Lesers, nicht ohne uns etwa im Fall O’Briens einige Anhaltspunkte für Skepsis zu geben. Besonders wirkungsvoll sind ebenfalls die Folter- und Gehirnwäscheszenen nach Winstons Verhaftung. Eine Wirkung, welche durch die skizzierte vom Autor „erzwungene“ Identifikation mit seinem Helden noch stark verstärkt wird.

1984 ist steht in der besten Tradition der europäischen Aufklärung, sowohl was individuelle Freiheitsrechte angeht, als auch was die Wahrheit als unverzichtbares epistemologisches Korrektiv betrifft:

Being a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you are not mad.

In dieser Hinsicht wäre der ursprünglich von Orwell ins Auge gefasste Titel des Romans durchaus sehr passend gewesen: The Last Man in Europe.

Orwells Totalitarismus ist von der brutalen Sorte. Jeglicher Widerstand wird im Keim erstickt, sollte überhaupt jemand nach der lebenslangen Gehirnwäsche noch dazu in der Lage sein. Solche Staaten gibt es bis heute, beispielsweise Nordkorea oder Turkmenistan. Sie wollen mit allen Mitteln die Wahrheit kontrollieren. In 1984 wird dazu regelmäßig die Geschichte umgeschrieben, alte Zeitungsartikel und Bücher korrigiert etc. Als Leser stellt man sich jedoch die Frage, ob uns heute nicht eine andere Art des Totalitarismus droht. Eine Trump-Diktatur würde sich nicht die Mühe machen, ihre Lügen durch gefälschte Quellen mühsam zu belegen: Die Lüge an sich ist hinreichend und findet sofort jede Menge Gläubige, obwohl zahlreiche Mittel, diese Lügen einfach zu widerlegen, heute noch jedermann zur Verfügung stehen. Massenmörder und Mega-Dieb Putin hat im Westen jede Menge Anhänger, obwohl seine Verbrechen leicht zu recherchieren und gut dokumentiert sind. Deshalb wäre für den Westen ein Untergang der Demokratie leider durchaus möglich, ohne auf die brutalen Methoden in Orwells Dystopie zurückgreifen zu müssen.

George Orwell: 1984 (Houghton Mifflin Harcourt) (2.)

Kafka: Das Schloß

Über Kafka zu schreiben ist gleichzeitig schwierig und leicht. Schwierig, weil bereits alles geschrieben zu sein scheint. Leicht, weil man scheinbar alles über Kafka schreiben kann. Der größte Teil der Kafka-Forschung beruht auf einem großen Missverständnis über das Wesen literarischer Texte. Sie versucht, einen mehrdeutigen (polyvalenten) Text in einen eindeutigen Text zu übersetzen und nimmt ihm damit seine wichtigste literarische Eigenschaft weg. Deshalb zeugen fast alle traditionellen Kafka-Interpretationen von einem grundsätzlichen Unwissen darüber, wie Literatur in Wahrheit funktioniert. Alle theologischen, juristischen und die vielen anderen Ansätze der Kafka-Forschung können nun zwar interessante Puzzlesteine zum Verständnis seiner Werke sein, werden aber nie eine umfassende Sicht auf dieses faszinierenden Oeuvre erreichen. Der richtige literaturwissenschaftliche Ansatz wäre dagegen zu beschreiben, warum und wie Kafkas Texte diese Bedeutungsfülle generieren. Das ist die Kurzfassung meiner literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit zu eben diesem Thema.
Nicht-akademischen Kafka-Lesern empfehle ich, sich von diesem Hermeneutikzirkus weitgehend fern zu halten und die Rätselhaftigkeit dieser faszinierenden Wortwelt mit seinen jeweils eigenen Erfahrungen zu erleben. Das Schloß ist noch rätselhafter als Der Prozeß, weil es ein weniger stringentes Handlungszentrum und gleichzeitig als Fragment kein Ende hat. Laut Max Brod wollte Kafka K. am Ende genau dann sterben lassen, wenn er die Aufenthaltsgenehmigung für das Dorf erhält.

Was mich bei der erneuten Lektüre des Romans am meisten fasziniert, ist die von Anfang bis Ende beklemmende Atmosphäre und die beschämende Behandlung der Familie Barnabas. Es sei kurz in Erinnerung gerufen, dass diese Familie im Schloss und im Dorf völlig in Ungnade fällt, weil Tochter Amalia sexuell schmierige Avancen eines Schloßboten zurückweist. Selbst als sich die Familie danach mit dem Versuch finanziell ruiniert, die Gnade des Schlosses wieder zu erlangen, bleibt sie bei ihrer aufrechten Haltung. Damit ist Amalia der aufrichtigste Mensch im Roman und zeigt am meisten Zivilcourage. Die Schilderung Olgas, wie die Barnabas in diese Notlage gekommen sind, gehört nicht nur zu den beklemmendsten Passagen des Romans, sie steht auch prototypisch für die Unterdrückungsmechanismen und opportunistische Kollaboration in autoritären Machtsystemen. Die vom Leser erwartete Reaktion wäre Empörung und Rebellion der Unterdrückten, am besten noch mit einem happy ending. Statt dessen folgt deren schwer erträgliche Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung, was die Lektüre noch unangenehmer macht. Amalias Schwester Olgas prostituiert sich schließlich an niedrige Schloßbeamte, damit ihre Familie überhaupt überleben kann. Fast alle Autoritätsfiguren, mit denen K. in Kontakt kommt, verhalten sich inhuman und herablassend.

Ein Teil des Beklemmungsgefühls entsteht einerseits durch erzählerische Mittel, wie die „enge“ personale Erzählperspektive und die oft „bürokratische“ Sprache. Andererseits durch den raffinierten Rahmen des Romans: Eine hypermodern und totalitär agierende anonyme Bürokratie in einem idyllisch-feudalem Setting. Das gequälte, hilflose Individuum einem unverständlich und unmenschlich agierendem Machtapparat gegenüberstehend, ist wohl jener Aspekt, welcher die Leser seit jeher am meisten anspricht, wofür auch die Bedeutung des beliebten „kafkaesk“ spräche. Das Quälende ist immer präsent, wenn im Schloß auch deutlich indirekter als in der brutalen Strafkolonie.

Dieser in einen scheinbar normalem Alltag eingebettete aggressive Anti-Individualismus eines Verwaltungsapparates macht den Kern der Kafkaschen Dystopie aus, und zählt deshalb sicher zum politisch hellsichtigsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Kafka wird aufgrund der tiefen anthropologischen Verankerung seiner literarischen Autopsie der Moderne auch dann bei seiner Leserschaft noch Beklemmung verursachen, wenn die Dystopien Orwells und Huxleys technisch längst überholt sind.

Truman Capote: In Cold Blood

Es kommt selten vor, dass mich ein Film zur Lektüre eines Klassikers motiviert. Aber nachdem ich Capote (2005) sah, das gelungene Regiedebut des Bennett Miller, wollte ich sofort das Buch lesen, dessen Entstehungsgeschichte der Film beeindruckend ins Bild setzt. 1965 wurde der Titel publiziert nachdem, er im New Yorker vorabgedruckt wurde, und war schnell ein Riesenerfolg. Es wird oft als Roman bezeichnet, obwohl ihm diese Bezeichnung fehlt. Der Untertitel lautet A True Account of a Multiple Murder and its Consequences. Es handelt sich also um Dokumentarliteratur, denn Capote setzt zahlreiche literarische Stilmittel ein. Er selbst sprach von einer „nonfiction novel“. Vieles wird so detailreich geschildert, dass es trotz der vielen Quellen, auf die der Autor Zugriff hatte, nur fiktional sein kann. Diese Ambiguität der Gattung trägt einen großen Teil zum ästhetischen Reiz des Buches bei. Auch sonst lebt es von seiner Vielschichtigkeit, wie das bei allen Klassikern der Fall ist. An der Oberfläche liest sich In Cold Blood sich wie eine brutale Mördergeschichte, in der selbst Splatterelemente nicht fehlen.

1959 wird im idyllischen Westkansas eine angesehene Farmerfamilie, die Clutters, von zwei Einbrechern ermordet. Das fehlende Motiv verblüfft die Bewohner des verunsicherten Städtchens Holcomb nicht weniger als die Polizei. Schließlich werden zwei Verdächtige verhaftet: Perry Smith und Richard Hickock. Das Buch erzählt auf dieser Ebene also die Begehung des Verbrechens und dessen Aufklärung. Damit hätten wir einen passablen Kriminalroman vor uns – nicht mehr. Capote transzendiert diese Handlung aber, indem er Holcomb und die Protagonisten benutzt, um ein fulminantes Porträt des ruralen Amerika zu schaffen. Das Ergebnis ist ein Psychogramm und ein Soziogramm des Nachkriegsamerikas und ergänzt damit beispielsweise Updikes Rabbit-Romane über diese Zeit hervorragend. Er erreicht das nicht nur durch seine gewissenhaft recherchierten und detailreichen Beschreibungen, sondern vor allem auch durch die narrative Konzentration auf die beiden Mörder. Capote gibt den beiden Männern viel Raum. Ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Verbrechen werden ausführlich geschildert. Ebenfalls ihre überwiegend schreckliche Kindheit und Jugend. Capote bemüht sich hier merklich um Objektivität, was eine gewisse Identifikation des Lesers mit den beiden zulässt. Damit erhält das Leseerlebnis zusätzlich eine paradoxe Note.

Schließlich lässt sich In Cold Blood noch aus philosophischer Perspektive lesen, weil sich jede Menge an grundsätzlichen Fragen über Schuld und Sühne sowie das Wesen des Bösen aufdrängen. Insgesamt also eine sehr beeindruckende Lektüre, die jedem Klassikerfreund nur empfohlen werden kann.

Truman Capote: In Cold Blood (Penguin Modern Classics)

Die ersten Bände der neuen Robert-Musil-Ausgabe

Auf die neue Gesamtausgabe der Werke Musils wies ich bereits an anderer Stelle hin. Hier nur der kurze Hinweis, dass nun die ersten beiden dicken Bände erschienen sind. 38 Jahre nach der letzten Edition!

Mann ohne Eigenschaften 1: Erstes Buch, Kapitel 1-75

Mann ohne Eigenschaften 2: Erstes Buch, Kapitel 76-123

Vom großzügigen Satzspiegel her sicher die bisher best lesbare Buchausgabe dieses grandiosen Romans.

Koestler: Sonnenfinsternis

Dieser deutsche Roman, der 1940 zuerst auf Englisch unter dem Titel Darkness at Noon erschien, ist ein Klassiker des politischen Romans und gehört damit in eine Reihe mit Orwells 1984 und Huxleys Brave New World. Auch in Sonnenfinsternis stehen die Auswirkungen des Totalitarismus im Zentrum des Romans, allerdings jener der Gegenwart. Der fiktive Rubaschow war während der russischen Revolution eine wichtige Figur und findet sich plötzlich, wie viele seiner prominenten Kollegen, auf Anordnung Stalins im Gefängnis wieder. Die Handlung kreist um die Vorbereitung seines Schauprozesses. Zuerst verhört in ein alter Bekannter, der dann selbst in die Mühle der stalinistischen Säuberungen gerät. Danach ein amtseifriger jüngerer Fanatiker. Körperlich gefoltert wird er nicht – im Gegensatz zu einem Kronzeugen gegen ihn. Allerdings arbeiten seine Peiniger mit Schlafentzug. Hier gerät nun eine wichtige Ebene des Romans in den Fokus, nämlich was eine totalitäre Ideologie im Kopf eines Menschen anrichtet. Schon die Zeitgenossen wunderten sich über die vielen „freiwilligen“ Geständnisse im Gerichtssaal. Wie es zu dieser „Freiwilligkeit“ kommen kann, führt Koestler in seinem Buch im Detail aus: Zentral ist die Überzeugung auch in diesem Moment noch einen Beitrag für die gute Sache des Kommunismus leisten zu müssen. Das Individuum demütigt sich für eine Utopie und opfert sich selbst für einen vermeintlich höheren Zweck. Psychologisch sind hier ganz ähnliche Muster am Werk wie bei islamistischen Selbstmordattentätern. Die Enttarnung dieser Mechanismen brachte Koestler nach der Veröffentlichung den Hass vieler Kommunisten ein.

Erzählerisch ist Sonnenfinsternis ebenfalls gelungen. Koestler gelingt es nicht nur die psychischen Prozesse seiner Hauptfigur überzeugend darzustellen. Er macht den Charakter Rubaschows auch durch gut ausgewählte Rückblenden plausibel.

An der Oberfläche wird der Roman aktuell bleiben, so lange politische Gefangene in Gefängnisse gesteckt werden, wie in diesen Wochen Zehntausende in Erdogans Türkei. Ein Klassiker bleibt das Buch, weil es das Wesen des Totalitarismus und der menschlichen Psyche seziert – gültig auch für die nächsten Zeitalter der Menschheit.

Ich las eine ältere antiquarische Ausgabe. Letztes Jahr wurde erfreulicherweise ein neues frühes Manuskript des Romans gefunden. Die Details können in folgendem Artikel der New York Review of Books nachgelesen werden: A Different ‚Darkness at Noon‘.

Sonnenfinsternis Roman (Europaverlag)

Die neue Robert-Musil-Ausgabe ab Herbst 2016

2009 erschien die im Wesentlichen von Walter Fanta erarbeitete Klagenfurter Musil-Gesamtausgabe. Sie hat aus Sicht der Leser allerdings einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Es handelt sich um eine DVD. So erfreulich die Verfügbarkeit eines zuverlässigen Textes für die Literaturwissenschaft auch sein mag, eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts muss auch in Buchform verfügbar sein. Diesen Wunsch äußerte ich bereits 2010 in meiner Rezension der digitalen Ausgabe.

Nun ist es endlich soweit! Im Salzburger Jung und Jung Verlag erscheint ab dem Herbst 2016 eine zwölfbändige neue Leseausgabe. Nach meinen Recherchen veröffentliche ich diese Informationen hier exklusiv zum ersten Mal.

Der Editionsplan sieht folgendermaßen aus:

Band 1 – Der Mann ohne Eigenschaften 1 (Herbst 2016)
Band 2 – Der Mann ohne Eigenschaften 2 (Herbst 2016)
Band 3 – Der Mann ohne Eigenschaften 3 (Frühjahr 2017)
Band 4 – Der Mann ohne Eigenschaften 4 (Herbst 2017)
Band 5 – Der Mann ohne Eigenschaften 5 (Frühjahr 2018)
Band 6 – Der Mann ohne Eigenschaften 6 (Herbst 2018)
Band 7 – Selbstständige Veröffentlichungen (Frühjahr 2019)
Band 8 – Unselbstständige Veröffentlichungen 1 (Herbst 2019)
Band 9 – Unselbstständige Veröffentlichungen 2 (Frühjahr 2020)
Band 10 – Fragmente aus dem Nachlaß (Herbst 2020)
Band 11 – Tagebuchhefte (Herbst 2021)
Band 12 – Briefe von und an Robert Musil (Herbst 2022)

Ergänzt werden die Bücher durch zahlreiche Online-Informationen wie einer Konkordanz und einem Stellenkommentar.

Die Preise pro Band sind noch nicht bekannt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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