20. Jhd. (Klassiker)

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Ein Nachtgespräch zwischen Thomas Bernhard und Peter Hamm

Das in einer vermutlich alkoholreichen Nacht 1977 in Ohlsdorf geführte Gespräch gehört wohl zu den authentischsten Aussagen des Thomas Bernhard. Trotzdem klingt er immer wieder einmal wie eine seiner Theaterfiguren. Das dürfte auch der Grund gewesen sein, warum sich Bernhard schließlich gegen eine Veröffentlichung entschied. Ein weiterer war vermutlich, dass er in dem Gespräch viel über seine Biographie erzählt, die er noch literarisch verarbeiten wollte. Sehr lesenswert für alle Freunde Thomas Bernhards.

Das Widersetzen habe ich nie aufgegeben. Ich hab immer das gemacht, was andere mir ausgeredet haben, nicht? Aber als junger Mensch ist man eigentlich eine Art Sträfling. Und eingesperrt in einer Strafanstalt kann man sich zwar auch widersetzen und gegen das alles sein, aber man kann nicht weggehen.
[S. 16]

Thomas Bernhard / Peter Hamm: “Sind Sie gern böse?”. Ein Nachtgespräch zwischen Thomas Bernhard und Peter Hamm in Ohlsdorf 1977 (Suhrkamp)

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Joseph Roth / Stefan Zweig: Der Briefwechsel

Ein Exildrama in Briefen

Die Motive, warum wir Autoren-Briefwechsel lesen, sind höchst unterschiedlich. Sie reichen von einem voyeuristischen Interesse am Privatleben der Beteiligten bis hin zum Wunsch, einen detaillierten Einblick in deren Schreibwerkstatt und damit Ästhetik zu erhalten. Manche Korrespondenzen, wie die zwischen Goethe und Schiller, behaupten sich aufgrund des intellektuellen und menschlichen Gehalts als unverzichtbare eigenständige Werke.

Die meisten Briefe zwischen Roth und Zweig sind dank des 1970 von Hermann Kesten herausgegebenen Bandes bereits bekannt. Die von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel nun im Wallstein Verlag herausgegebene Neuedition wartet neben textlichen Ergänzungen mit einem sorgfältigen Kommentar auf.

Was am 8. September 1927 mit einer höflichen Danksagung Roths beginnt – Zweig hatte sich positiv über Juden auf Wanderschaft geäußert – endet einige Monate vor Roths Tod im Dezember 1938. Dazwischen wird der Leser Zeuge, wie sich Roth angesichts seiner kumulierenden Lebenskatastrophen immer mehr an Stefan Zweig festhält. Ist Roth zu Beginn noch sehr stolz und selbstbewusst in seinen Briefen, schreibt er einige Jahre später hemmungslose Bettelbriefe. Roth klammert sich an den Großschriftsteller Stefan Zweig wie ein Ertrinkender an einen Rettungsreifen.

Ästhetische Probleme werden zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig nur selten besprochen, nämlich in einigen „Lektoratsbriefen“ Roths, in denen er mit Texten Zweigs überraschend scharf ins Gericht geht, was ihm dieser aber nicht übel nimmt. Roths Alkoholismus dagegen ist immer präsent. Explizit durch die zahlreichen Mahnungen Stefan Zweigs, Roth möge doch endlich mit dem Saufen aufhören, weil er damit sein Leben ruiniere. Die Reaktionen darauf sind vielfältig. Manchmal reagiert Roth mit blankem Unverständnis:

Warum sprechen Sie mir von Alkohol? Sie wissen, daß ich längst nur Wein trinke.
(13.4. 1934)

Später rechtfertigt er sich offensiv mit der üblen Lage, in der er steckt:

Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert mich viel eher, als daß es mich ruiniert. Ich will damit sagen, daß der Alkohol zwar das Leben verkürzt, aber den unmittelbaren Tod verhindert.
(12.11. 1935)

Implizit begleitet Roths Alkoholismus die Lektüre, weil man quasi live verfolgen kann, wie sich Roths Psyche langsam zerrüttet und die Sucht sein Leben ruiniert. Einige Briefe sind offensichtlich im betrunkenen Zustand verfasst. Die Spannweite zwischen bestürzender analytischer Hellsicht und paranoidem Unfug mögen zwei Beispiele illustrieren. So schreibt er im Februar 1933 illusionslos an Stefan Zweig:

Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg (…) Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.

Der Empfänger dieser Zeilen sah die Lage lange keineswegs so realistisch wie Joseph Roth. Politisch war Roth der Hellsichtigere, trotz seiner monarchistischen Ansichten, zu denen er später aus Verzweiflung neigte.

Man stößt aber auch auf höchst seltsame Passagen wie jene im Juni 1934 geschriebene, wo Roth über den Film schreibt:

Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß sich quasi im lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Die Lektüre dieser Briefe gleicht damit einer faszinierenden intellektuellen Achterbahnfahrt.

Der ältere Zweig ist der souveränere Briefpartner. Er sieht klar die Ursachen von Roths Problemen und weist immer wieder auf sie hin, worauf Roth oft gereizt reagiert.

Leider ist die Überlieferung der Korrespondenz unvollständig. Vor allem zu Beginn fehlen viele Briefe Stefan Zweigs. Der Kommentar der Ausgabe versucht allerdings immer, so gut es geht, den notwendigen Kontext beizusteuern. Man kann ausführlich nachlesen, was Zweig an andere Briefpartner über Roth schreibt. Während Zweig in seiner Korrespondenz mit Roth zwar durchaus direkt sein kann, fehlt es ihm nie an Takt und Respekt. Ganz anders klingt das beispielsweise Ende Juli 1934, wenn er an Antonia Vallentin-Luchaire klagt:

Roth ist jetzt für mich ein Alptraum. Ich sehe nicht, wie man ihn menschlich, materiell und künstlerisch über Wasser halten kann, wenn er so weiter macht.

Ab 1934 werden Roths briefliche Hilferufe an Zweig immer eindringlicher und aggressiver. Dieser hat aber aus nachvollziehbaren Gründen Bedenken, Roth größere Summen auszuzahlen. Er könne mit Geld absolut nicht umgehen, er sei ein „Narr“, schreibt Zweig mehrmals in seinen Briefen an Dritte.

Ein Teil dieser „Narrheit“ ist Joseph Roths Umgang mit seinen Verlegern. Obwohl er im Vergleich zu Kollegen ein exzellentes Einkommen bezieht, kommt er damit nie aus. So lebt er gerne auf großem Fuß in luxuriösen Hotels. Als in den dreißiger Jahren der Geldstrom dünner wird, setzt eine Abwärtsspirale ein. Roth verschuldet sich immer höher bei seinen Verlagen. Er verlangt und bekommt hohe Vorschüsse auf noch ungeschriebene Bücher, verpfändet deren Auslandsrechte und terrorisiert alle Beteiligten mit Telegrammen über seine Geldangelegenheiten. In den letzten Jahren kommen zunehmend paranoide Aspekte hinzu: Er wittert Verschwörungen, droht mit Duellen und durchkreuzt Zweigs Vermittlungsversuche durch wilde Anschuldigungen.

Die Kehrseite der Medaille ist Roths große Humanität und Hilfsbereitschaft. 1930 wird seine Frau Frieda wegen psychischer Probleme in das Sanatorium Rekawinkel eingeliefert. Der Autor fühlt sich für ihre Krankheit verantwortlich und zahlt große Summen für kostspielige Privatsanatorien. Als ihm dies nicht mehr möglich ist, wird Frieda im Dezember 1933 in die Landesirrenanstalt „Am Steinhof“ eingeliefert. Dort ist der Aufenthalt gratis und der Gatte muss nur für die Verpflegung aufkommen. 1940 wird Frieda Roth im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms ermordet.

Seine neue Freundin Andrea Manga Bell bringt weitere finanzielle Verpflichtungen mit sich. Roth kommt etwa für die Ausbildungskosten ihrer Kinder auf. Zusätzlich engagiert sich Roth aktiv in der Migrantenszene und unterstützt – trotz seiner Geldnöte – ärmere Autoren großzügig.

Das gibt der Situation Roths eine tragische Note, die den gesamten Briefwechsel durchzieht. Zusätzlich zu Roths traurigem Schicksal läuft Europa im Hintergrund eilend auf den Abgrund zu. Das Buch ergänzt beeindruckend die Augenzeugenberichte aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Joseph Roth / Stefan Zweig: “Jede Freundschaft mir mir ist verderblich”. Briefwechsel 1927-1938. Herausgegeben von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel (Wallstein)

[Erscheint in "Literatur und Kritik"]

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James Joyce wird “public domain”

Die Los Angeles Times erläutert in einem Artikel, dass nun auch die meisten Texte des James Joyce nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen.

Douglas Adams: A Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Zuletzt las ich den Roman als Schüler in einer deutschen Übersetzung. Als mir dann die wunderschöne, bibliophile Ausgabe der Folio-Society in die Hände fiel, entschloss ich mich spontan zu einer Zweitlektüre. Mein Leseeindruck war ein zwiespältiger. Der Witz und Erfindungsreichtum des Buches sind brillant. Über weite Stellen ist es selbst dann ein amüsantes Leseerlebnis, wenn man die meisten Pointen bereits kennt. Andererseits ist dieses Von-einer-zur-nächsten-Pointe-Jagen als literarisches Gestaltungsprinzip schnell langweilig. So wohl formuliert und geistreich einzelne Sätze sind, so uninspiriert wirkte auf mich die Gesamtanlage. Nun ist der Inhalt freilich so originell, dass er dieses Manko ausgleicht. Es steckt auch viel Weisheit in dem Buch und das berühmte “42″ steht als Kommentar über die Lage der Menschheit dem eines Samuel Beckett kaum nach. Vergleicht man heutige Bestseller wie Harry Potter mit A Hitchiker’s Guide to the Galaxy wäre man froh ob dieses Niveaus.

Douglas Adams: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy. (Picador)

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Joseph Roth: Rechts und Links

Dieser Roman aus dem Jahr 1929 zeigt viele der literarischen Qualitäten des Joseph Roth: Seine unnachahmliche Formulierungskunst, seinen scharfen Blick auf Menschen aller Schichten sowie seine Zeitdiagnosen, die sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen lesen.

Roth öffnet dieses Zeitpanorama am Beispiel der Bankiersfamilie Bernheim, deren verwöhnter Spross Paul im Mittelpunkt der Handlung steht. Als Jugendlicher gibt dieser einen glänzenden Vertreter des Schnöseltums ab, bis der erste Weltkrieg “korrigierend” eingreift. Nach dem Krieg und dem Tod des Vaters droht der finanzielle Ruin, vor dem ihn schließlich eine glänzende Heirat mit der Nichte eines reichen Chemieindustriellen rettet. Paul Bernheim verdankt diesen Hochzeitscoup nicht zuletzt einem undurchsichtigen Flüchtling aus Russland, der sich aufgrund seines Geschickes schnell zu einem reichen Magnaten mausert. Auch in der Weimarer Republik gab es also bereits Neureiche aus dem Osten mit zweifelhafter Reputation.

Paul Bernheim ist weltanschaulich eine Fahne im Wind. Während des Kriegs etwa versucht er, sich einige Zeit als pazifistischer Agitator, was aber nur kurz andauert. Sein Bruder Theodor rutscht ins illegale Nazimilieu ab und muss bis zu einer Amnestie in Ungarn untertauchen. An diesem hier nur angedeuteten Handlungsgerüst entlang, entwickelt Joseph Roth einen furiosen Zeitroman. Die Komposition ist überzeugender (weil konziser) als in einigen seiner anderen Bücher. Mit einer Ausnahme: Der Schluss kommt zu abrupt und wirkt auf den Leser etwas aufgesetzt.

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Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey

Es gibt nur wenige Klassiker, die in Peru spielen. Einer davon ist Wilders The Bridge of San Luis Rey (1927). Die erste Hälfte des Romans las ich in Peru, die zweite Hälfte dann nach meiner Rückkehr.

Der Text ist für einen historischen Roman sehr kurz. Das Thema ist ein Weltanschauliches, nämlich ein religiöses Experiment. Die Brücke von San Luis Rey, gelegen zwischen Lima und Cusco, stürzte 1714 ein. Fünf Menschen hatten nicht nur das Pech, zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke zu sein, sie wurden bei ihrem Missgeschick auch noch vom Franziskanermönch Juniper beobachtet. Bruder Juniper ist von einem Ziel besessen, nämlich die Theologie als exakte Wissenschaft zu etablieren. Er ergreift die sich ihm nun bietende Gelegenheit beim Schopf, und will durch die Analyse dieser fünf Biographien ein Begründung dafür finden, warum ausgerechnet sie zu diesem Zeitpunkt ums Leben kamen.

In fünf Teilen erzählt Wilder nun die Lebensgeschichten der Opfer, die alle auf ihre Art außergewöhnlich sind. Die fünf Unglücksraben standen tatsächlich jeweils an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts. Als Leser erschließt sich einem allerdings kein plausibler Grund für ihren Tod. Die Kirchenobrigkeit sah das anders: Bruder Juniper wird wegen Ketzerei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Das ist literarisch alles exzellent ausgeführt. Die Verknüpfungen zwischen den Geschichten sind subtil, aber an vielen Stellen vorhanden. Sprachlich ist es ein Lesevergnügen. Trotzdem hält sich meine Begeisterung für das Buch in Grenzen. Wenn man bedenkt, was in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (und davor) noch alles geschrieben wurde, haftet der Bridge of San Luis Rey etwas Anachronistisches an.

Thornton Wilder: The Bridge of San Luis Rey. (Penguin)

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Arthur Schnitzler historisch-kritisch

Eine historisch-kritische Ausgabe ist eine Art Aufnahme in den Autoren-Adelsstand durch die Germanistik. Für die Forschung sind die Apparate dieser Editionen nach wie vor sehr wichtig. Nun gelangt also Arthur Schnitzler in diesen Editionshimmel. Der erste Band ist Lieutenant Gustl. Eine Besprechung liefert die NZZ.

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Joseph Roth über Europa (1930)

Sie haben Recht, Europa begeht Selbstmord, und die langsame grausame Art dieses Selbstmords kommt daher, daß es eine Leiche ist, die Selbstmord begeht. Dieser Untergang hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit einer Psychose. So sieht der Selbstmord eines Psychotischen aus. Der Teufel regiert wirklich die Welt.
[Joseph Roth an Stefan Zweig am 23.10. 1930]

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Joseph Roth über die Eurokrise

Es erwies sich in jenen Tagen, daß die Sittlichkeit dieser Welt von nichts anderem abhängig ist als von der Stetigkeit der Valuta. Eine alte Wahrheit, die im Lauf der vielen Jahre, in denen das Geld einen unbestrittenen Wert hatte, vergessen worden war. An den Börsen der Welt wird die Moral der Gesellschaft bestimmt.
(Joseph Roth, Rechts und Links)

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Arthur Schnitzler: Das weite Land

Burgtheater 7.10.

Regie und Bühne: Alvis Hermanis

Friedrich Hofreiter, Fabrikant: Peter Simonischek
Genia, seine Frau: Dörte Lyssewski
Anna Meinhold-Aigner, Schauspielerin: Corinna Kirchhoff
Otto, ihr Sohn: Lucas Gregorowicz
Doktor von Aigner, der geschiedene Gatte der Frau Meinhold: Michael König
Frau Wahl: Kirsten Dene
Erna, ihre Tochter: Katharina Lorenz
Doktor Franz Mauer: Falk Rockstroh

Die Wiener Gazetten ließen kein gutes Haar an Alvis Hermanis neuer Inszenierung. Das Wiener Publikum hatte ebenfalls wenig Freude daran. Die Premiere wurde ausgebuht und auch gestern waren die Reihen nach der Pause bereits arg gelichtet. Nun lehnen die Wiener gerne reflexartig Neues ab, was sich paradigmatisch am konservativen Operngeschmack zeigt, und schon zu Mozarts Zeiten gut dokumentiert ist.
Hermanis hatte eine wirklich originelle Regie-Idee: Das weite Land als Film Noir auf die Bühne zu bringen. Handwerklich setzte er diesen Einfall exzellent um: Bühnenbild, Figuren und Kostüme sind alle in grau gehalten. Das Spiel mit Licht und Schatten erinnert an die ikonographischen Filme mit Bogart & Co. aus den vierziger Jahren. Der vier Stunden lange Abend wird durch einen gut ausgewählten Soundtrack unterstützt. Auf dieser Ebene betrachtet, funktioniert Hermanis Theaterkunst ausgezeichnet. Die Inszenierung ist stimmig, geschmackvoll und optisch eine Augenweide.
Warum Hermanis mit seinem Projekt auf hohem Niveau scheitert, liegt also nicht an seiner theatralischen Kompetenz, sondern hängt eng mit der Eigenart der schnitzlerschen Ästhetik zusammen. Auf dem Feld der Kunstproduktion ist kaum etwas schwieriger als die Transponierung eines Werks in ein anderes Genre oder gar andere Kunstform. Die Zahl der gescheiterten Literaturverfilmungen sind Legion. Hermanis wagte nun das Experiment einer Verfilmung auf dem Theater samt Genrewechsel. Selbst bei hoher Stoffkompatibilität wäre dies eine enorme Herausforderung gewesen. Mit einem Stück feinziselierter psychologischer Theaterliteratur ist es aber ein Ding der Unmöglichkeit. Hermanis hat nämlich zurecht großen Respekt vor dem Text, was den Abend auch so lang macht. Schnitzler als Film Noir hätte aber nur als radikales Regietheater funktionieren können, was tiefe dramaturgische Eingriffe erfordert hätte.
Schnitzlers Stücke leben von der psychologischen Subtilität, den fein ausbalancierten Dialogen und den vielschichtigen Figuren. Ein überzeugender Film Noir lebt von psychologischer Vereinfachung, prägnanten Dialogen und holzschnittartigen Helden. Ein vierstündiger Film Noir wäre schwer vorstellbar. Ein Übersetzungsversuch vom einen in das andere war selbstverständlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Gutes Theater lebt nun aber vom Experiment. Selbst Geheimrat Goethe hat als Direktor der Weimarer Bühne immer wieder Neues ausprobiert. Hermanis Schnitzler-Inszenierung scheitert, aber sie scheitert auf hohem Niveau. Ein sehenswerter Theaterabend, der zahlreiche ästhetische Reflexionen auslöst.

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