Filmklassiker

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Andrei Tarkovsky: Stalker (1979)

Wäre Kafka Regisseur geworden, hätte er sicher ähnliche Streifen gedreht. Rätselhaftigkeit und Ambiguität bestimmen sowohl den Inhalt als auch die Form. Eine kleine Gruppe ist unterwegs zur „Zone“, deren Bewandtnis nur durch Andeutungen kommuniziert wird. Es handelt sich also um eine riesige Reflexionsfläche für uns Zuseher. Diese Zone ist einerseits mythologisch aufgeladen (Stichwort: Sinnsuche), andererseits mit einer apokalyptischen Grundierung versehen. Man muss immer wieder an ein Sperrgebiet nach einer Atomkatastrophe denken.

Ein Stalker ist ein Zonenschlepper. Er bringt Menschen in die Zone und darin zum Ziel, einem geheimnisvollen Raum. Die beiden Kunden des Stalker sind ein Schriftsteller und ein naturwissenschaftlicher Professor. Der Autor ist inspirationslos und der Professor hätte gerne den Nobelpreis, weshalb sie sich beide auf den Weg machen. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass der Professor das geheimnisvolle Zimmer eigentlich sprengen wollte. Tarkovsky lässt hier geschickt zwei unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander prallen, was in mehreren Gesprächen dokumentiert wird.

Diese philosophische Ebene ist eine sehr russische und erinnert oft an die Klassiker des Landes, die ähnliche Fragen umtreiben. Zwar ist Vagheit hier ästhetisches Konzept: Diese „metaphysische“ Ebene streift aber trotzdem immer wieder nur knapp an Philosophiekitsch vorbei.

Die ästhetische Kreativität Tarkovskys ist allerdings grandios. Visuell ist der Film ebenso beeindruckend wie als Klangkunstwerk. Die mit einem Synthesizer erzeugten Effekte tragen wesentlich zu der seltsamen spannenden Stimmung bei.

Stalker (DVD)

Francis Ford Coppola: The Godfather Part II (1974)

Wie bereits Godfather konnte mich auch die Fortsetzung nur bedingt überzeugen, und meine dort formulierten ästhetischen Einwände gelten ebenso für den zweiten Teil. Was ich nach weiterem Nachdenken zu Gunsten der beiden Filme noch sagen kann: Für Anfang der siebziger Jahre ist die narrative Komplexität sehr hoch, wenn man sie mit anderen amerikanischen Filmen vergleicht. The Godfather Part II erzählt abwechselnd zwei unterschiedliche Geschichte: Jene des Vaters nach seiner Ankunft in New York, wo er die ersten Schritte in Richtung Mafiaboss geht. Jene des Sohnes, der in den fünfziger Jahren sein kriminelles Imperium gegen Intrigen aller Art verteidigt. Trotzdem kein Film, den ich auf dasselbe Podest stellen würde wie die anderen hier im letzten halben Jahr besprochenen Filmklassiker.

Godfather Part II (DVD)

Francis Ford Coppola: Godfather (1972)

Die Filmwelt ist sich einig: Godfather sei einer der besten Filme aller Zeiten! Als ich ihn nun nach langer Zeit wieder sehe, verwundert mich dieses Urteil. Ja, der Film ist handwerklich makellos gedreht. Ja, der Film zeigt eine große Liebe zum Detail. Ja, der Film ist für das Gangstergenre ungewöhnlich komplex.
Trotzdem trieft der Film doch von Klischees über diese ehrenwerte Mafiamännerwelt. Manche der Figuren kommen mir parodistisch vor, was zum Realismuslob, das man dem Film immer spendet, so gar nicht passen will. Mein größtes Problem ist aber ästhetisch: Große Kunst erzeugt meist Widerstände, die es zu überwinden gilt. Sei es eine ungewöhnliche neue Form, sei es eine neue intellektuelle Perspektive: Große neue Kunst ist anders. Vergleicht man nun Godfather mit vielen anderen der hier kurz besprochenen Filmklassiker, so ist er in Wahrheit hoch konventionell. Vielleicht muss ich ihn noch öfters ansehen, um hinter sein großes Geheimnis zu kommen: Dieses Mal fand ich Godfather als Kunstwerk nur bedingt überzeugend.

Godfather (Blue-ray)

Martin Scorsese: Taxi Driver (1976)

Visuell ein hoch beeindruckender Großstadtfilm: Die Taxifahrten des Travis Bickle durch das nächtliche New York werden kongenial in Szene gesetzt. Selten sah man die Verkommenheit einer Großstadt in ästhetischere Bilder verpackt. New York in den Siebzigern war nach diversen Dimensionen tatsächlich eine Problemstadt. Scorsese porträtiert die unappetitliche Seite Manhattans mit einer ähnlichen Akribie wie Woody Allen damals zeitgleich das Präbobomilieu. Wenn man die Stadt durch Filme verstehen will, ergänzen sich beide Regisseure optimal. Abgesehen von dem angedeuteten ästhetischen Naturalismus von Taxi Driver liegt seine Stärke in der moralischen Ambivalenz. Als Travis schwer bewaffnet zu seinem Feldzug gegen Kleinkriminelle aufbricht, gibt es ein Blutbad, an dem heute Quentin Tarantino sicher noch seine Freude hat. Dieser Brutalität steht das Ende des Films gegenüber, wo Travis von der Presse als Held gefeiert wird. Der Zuseher bleibt zwiespältig zurück.

Taxi Driver (Blu-ray)

Vittorio De Sica: Ladri di Biciclette (1948)

Trist, elend und dreckig ist das Rom des Jahres 1948, in das uns Vittoria De Sica führt. Die meisten Menschen sind arm und fristen mühsam ihr Leben. Darunter auch Antonio Ricci, dessen Leben aber eine scheinbare Wende nimmt als er Arbeit als Plakatkleber findet. Unter Opfern treibt er das dafür notwendige Fahrrad auf. Prompt wird es ihm bereits am ersten Tag gestohlen.
Im Zentrum des Films steht die verzweifelte Suche Ricchis nach den Fahrraddieben. Begleitet wird er dabei von seinem kleinen Sohn. De Sica zeigt nun Rom und dessen Bewohner aus unterschiedlichsten Perspektiven. Selbst als er den Dieb schließlich findet, stellen sich dessen Nachbarn schützend vor ihn. Mangels Alternativen stiehlt Ricci am Ende selbst ein Rad, wird aber erwischt und demütigend laufen gelassen. Der Film endet ohne happy end.
Ladri di Biciclette ist ein „neorealistischer“ Film im besten Sinn. Er beschönigt nichts, zeigt wie sich die Armen untereinander schaden und von welchen Kleinigkeiten – ein Fahrrad! – Existenzen abhängen. Drei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieg dreht sich alles um ein Fahrrad. Was sagt uns das?

Fahrraddiebe (2 DVDs)

Fritz Lang: Metropolis (1927)

Die restaurierte Fassung sah ich eben zum ersten Mal. Metropolis ist einer jener Klassiker, deren Ästhetik und formale Brillanz ich zwar durchaus bewundern kann, der mich persönlich aber nur bedingt anspricht. Dabei ist die dystopische Technikzukunft aktueller denn je, denkt man an den Überwachungswahn oder an die Horden von Arbeitern, die in chinesische Riesenfabriken marschieren.

Zwei Aspekte finde ich besonders interessant: Erstens die architektonische Darstellung der Zukunft, die ja sehr an zeitgenössische Formen der Kunst wie den Kubismus erinnert. Zweitens die versuchte Synthese zwischen Mythen und Moderne. Was Goethe im Faust so genial umsetzte, versucht Lang hier im Film. Mich erinnert zumindest die Szene der Robotererschaffung sehr an jene mit dem Homunkulus.

Nachdem sich der Mensch nicht ändert, ist die moderne Welt natürlich vor Atavismen nicht gefeit, wie die Hexenbrennungsszene am Ende ebenso überzeugend zeigt wie die starken Assoziationen an die Sintflut, wenn die unterirdische Arbeiterstadt überschwemmt wird. Fritz Lang jagte für diese in Wien gedrehten Szenen übrigens über Tage seine arbeitslosen Statisten und unterernährten Kinder im Herbst ins eiskalte Wasser.

Metropolis (Blu-Ray, Special Edition)

Alfred Hitchcock: Psycho (1960)

Für den berühmten Mord unter der Dusche, der im Film fünfundvierzig Sekunden dauert, benötigte Alfred Hitchcock 70 Kamerapositionen. Wie die meisten großen Kunstwerke, wurde Psycho zu Beginn nicht verstanden. Manche Filmkritiker ließen kein gutes Haar an dem Streifen. Die visuelle Brillanz, welche semantisch weit über die Geschichte hinausgeht, erschloss sich erst später. Etwa die geniale Gegenüberstellung des viktorianischen Albtraumhauses mit der amerikanischen Moderne.

Psycho (Blu-Ray)

Béla Tarr: Sátántangó (1994)

Wer die Filme des Aki Kaurismäki für deprimierend oder jene des Ingmar Bergman für trostlos hält, den wird Sátántangó überraschen. Gegen dessen düstere Stimmung wirken die beiden Genannten fast wie Anfänger. Mehr als sieben Stunden dauert dieses deprimierende Werk in schwarz-weiß. Eine heruntergekommene ungarische Kolchose mit noch heruntergekommeneren ehemaligen Bewirtschaftern soll verkauft werden. Schon die erste lange Kamerafahrt zeigt den Ort als unschönes Schlammloch und die schäbigen Häuser.

Der Film wird in Kapiteln erzählt, die teils sehr artifiziell angelegt sind. Die Kameraeinstellungen sind oft so eigenwillig, dass sich eine Reflexion über die Form aufdrängt. Die Sprache der Bauern ist oft vulgär, die Stimme des Erzählers oft poetisch-literarisch. Der Handlung ist durch verschobene Zeitebenen nicht ohne weiteres zu folgen. Nach einiger Zeit taucht die charismatische Erlöserfigur Irimiás auf, der den paar Bewohnern ein tolles neues Leben auf einer Musterfarm verspricht und sie wie ein neuer Moses aus ihrer Kolchose führt. Nicht, ohne ihnen vorher ihr Geld abzunehmen, versteht sich.

Als zusätzliche Ebene kommt noch das Spitzeltum dazu. Offenbar arbeitete Irimiás für die Polizei. Auch der Doktor der Kolchose, eine furiose Alkoholikerfigur, schreibt brav seine völlig belanglosen Spionageberichte.

Béla Tarr wurde für seinen Film vom gleichnamigen Roman László Krasznahorkais inspiriert, den ich nun natürlich lesen werde.

Insgesamt eines meiner nachhaltigsten Filmerlebnisse überhaupt, obwohl ich mir Sátántangó in drei Teilen ansah. Ein vielschichtiges, dystopisches Meisterwerk erster Ordnung.

Satantango (DVD)

Truffaut: Les Quatre cents coups (1959)

Als einer der besten autobiographischen Filme der Filmgeschichte hat Les Quatre cents coups etwas Literarisches. Ein zwölfjähriger Pariser Junge rutscht langsam, aber konsequent in die Kriminalität ab. Seine Kindheit ist auf mehreren Ebenen ein Trauerspiel. Seine Mutter hasst ihn, sein Vater ist ein wohlwollender Versager. Truffaut zeigt die Erlebnisse quasi aus „personaler“ Perspektive des kleinen Antoine Doinel, grandios gespielt von Jean-Pierre Léaud. Das Paris dieser Kindheit ist grauer und trister als es selbst in schwarz-weiß sein müsste. Eine der Stärken des Films ist der Verzicht auf Melodramatik. Antoine wird daheim nicht misshandelt, sogar die ihn verhaftenden Polizisten zeigen eine gewisse Empathie. Den Film durchzieht eine stille Verzweiflung, die ihn ausgesprochen wirkungsmächtig macht.

Truffaut: Antoine-Doinel-Zyklus (5 DVDs)

Chantal Akerman: Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce 1080 Bruxelles (1975)

Inzwischen ist es schon einige Wochen her, dass ich den Film sah. Trotzdem bin ich immer noch so direkt beeindruckt als hätte ich ihn gestern gesehen. Der Film zeigt fast drei Stunden lang das Leben einer Hausfrau und zwar mit einem höchst raffinierten Zeitmanagement. Die Handlung läuft über drei Tage, aber man bekommt den Eindruck, man sähe ihr live beim Leben zu. Akerman gelingt das, indem sie immer wieder Handlungen wie Kochen und Spülen in Echtzeit zeigt. Der Zuseher erleidet dadurch buchstäblich die triste Repitität eines durchschnittlichen Hausfrauenlebens. Wobei das Leben der Jeannne Dielman so durchschnittlich nicht ist, empfängt sie doch jeden Nachmittag einen Freier. Sie prostituiert sich für ihren fast erwachsenen Sohn mit dem sie alleine lebt. Ein hochpolitischer Film, der nicht einmal explizit den Zeigefinger hebt, und durch eine quasi-dokumentarische Methode funktioniert, die auf einer hoch artifiziellen Ästhetik beruht.

Jeanne Dielman (DVD, französisch)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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