Filmklassiker

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Francis Ford Coppola: Godfather (1972)

Die Filmwelt ist sich einig: Godfather sei einer der besten Filme aller Zeiten! Als ich ihn nun nach langer Zeit wieder sehe, verwundert mich dieses Urteil. Ja, der Film ist handwerklich makellos gedreht. Ja, der Film zeigt eine große Liebe zum Detail. Ja, der Film ist für das Gangstergenre ungewöhnlich komplex.
Trotzdem trieft der Film doch von Klischees über diese ehrenwerte Mafiamännerwelt. Manche der Figuren kommen mir parodistisch vor, was zum Realismuslob, das man dem Film immer spendet, so gar nicht passen will. Mein größtes Problem ist aber ästhetisch: Große Kunst erzeugt meist Widerstände, die es zu überwinden gilt. Sei es eine ungewöhnliche neue Form, sei es eine neue intellektuelle Perspektive: Große neue Kunst ist anders. Vergleicht man nun Godfather mit vielen anderen der hier kurz besprochenen Filmklassiker, so ist er in Wahrheit hoch konventionell. Vielleicht muss ich ihn noch öfters ansehen, um hinter sein großes Geheimnis zu kommen: Dieses Mal fand ich Godfather als Kunstwerk nur bedingt überzeugend.

Godfather (Blue-ray)

Martin Scorsese: Taxi Driver (1976)

Visuell ein hoch beeindruckender Großstadtfilm: Die Taxifahrten des Travis Bickle durch das nächtliche New York werden kongenial in Szene gesetzt. Selten sah man die Verkommenheit einer Großstadt in ästhetischere Bilder verpackt. New York in den Siebzigern war nach diversen Dimensionen tatsächlich eine Problemstadt. Scorsese porträtiert die unappetitliche Seite Manhattans mit einer ähnlichen Akribie wie Woody Allen damals zeitgleich das Präbobomilieu. Wenn man die Stadt durch Filme verstehen will, ergänzen sich beide Regisseure optimal. Abgesehen von dem angedeuteten ästhetischen Naturalismus von Taxi Driver liegt seine Stärke in der moralischen Ambivalenz. Als Travis schwer bewaffnet zu seinem Feldzug gegen Kleinkriminelle aufbricht, gibt es ein Blutbad, an dem heute Quentin Tarantino sicher noch seine Freude hat. Dieser Brutalität steht das Ende des Films gegenüber, wo Travis von der Presse als Held gefeiert wird. Der Zuseher bleibt zwiespältig zurück.

Taxi Driver (Blu-ray)

Vittorio De Sica: Ladri di Biciclette (1948)

Trist, elend und dreckig ist das Rom des Jahres 1948, in das uns Vittoria De Sica führt. Die meisten Menschen sind arm und fristen mühsam ihr Leben. Darunter auch Antonio Ricci, dessen Leben aber eine scheinbare Wende nimmt als er Arbeit als Plakatkleber findet. Unter Opfern treibt er das dafür notwendige Fahrrad auf. Prompt wird es ihm bereits am ersten Tag gestohlen.
Im Zentrum des Films steht die verzweifelte Suche Ricchis nach den Fahrraddieben. Begleitet wird er dabei von seinem kleinen Sohn. De Sica zeigt nun Rom und dessen Bewohner aus unterschiedlichsten Perspektiven. Selbst als er den Dieb schließlich findet, stellen sich dessen Nachbarn schützend vor ihn. Mangels Alternativen stiehlt Ricci am Ende selbst ein Rad, wird aber erwischt und demütigend laufen gelassen. Der Film endet ohne happy end.
Ladri di Biciclette ist ein „neorealistischer“ Film im besten Sinn. Er beschönigt nichts, zeigt wie sich die Armen untereinander schaden und von welchen Kleinigkeiten – ein Fahrrad! – Existenzen abhängen. Drei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieg dreht sich alles um ein Fahrrad. Was sagt uns das?

Fahrraddiebe (2 DVDs)

Fritz Lang: Metropolis (1927)

Die restaurierte Fassung sah ich eben zum ersten Mal. Metropolis ist einer jener Klassiker, deren Ästhetik und formale Brillanz ich zwar durchaus bewundern kann, der mich persönlich aber nur bedingt anspricht. Dabei ist die dystopische Technikzukunft aktueller denn je, denkt man an den Überwachungswahn oder an die Horden von Arbeitern, die in chinesische Riesenfabriken marschieren.

Zwei Aspekte finde ich besonders interessant: Erstens die architektonische Darstellung der Zukunft, die ja sehr an zeitgenössische Formen der Kunst wie den Kubismus erinnert. Zweitens die versuchte Synthese zwischen Mythen und Moderne. Was Goethe im Faust so genial umsetzte, versucht Lang hier im Film. Mich erinnert zumindest die Szene der Robotererschaffung sehr an jene mit dem Homunkulus.

Nachdem sich der Mensch nicht ändert, ist die moderne Welt natürlich vor Atavismen nicht gefeit, wie die Hexenbrennungsszene am Ende ebenso überzeugend zeigt wie die starken Assoziationen an die Sintflut, wenn die unterirdische Arbeiterstadt überschwemmt wird. Fritz Lang jagte für diese in Wien gedrehten Szenen übrigens über Tage seine arbeitslosen Statisten und unterernährten Kinder im Herbst ins eiskalte Wasser.

Metropolis (Blu-Ray, Special Edition)

Alfred Hitchcock: Psycho (1960)

Für den berühmten Mord unter der Dusche, der im Film fünfundvierzig Sekunden dauert, benötigte Alfred Hitchcock 70 Kamerapositionen. Wie die meisten großen Kunstwerke, wurde Psycho zu Beginn nicht verstanden. Manche Filmkritiker ließen kein gutes Haar an dem Streifen. Die visuelle Brillanz, welche semantisch weit über die Geschichte hinausgeht, erschloss sich erst später. Etwa die geniale Gegenüberstellung des viktorianischen Albtraumhauses mit der amerikanischen Moderne.

Psycho (Blu-Ray)

Béla Tarr: Sátántangó (1994)

Wer die Filme des Aki Kaurismäki für deprimierend oder jene des Ingmar Bergman für trostlos hält, den wird Sátántangó überraschen. Gegen dessen düstere Stimmung wirken die beiden Genannten fast wie Anfänger. Mehr als sieben Stunden dauert dieses deprimierende Werk in schwarz-weiß. Eine heruntergekommene ungarische Kolchose mit noch heruntergekommeneren ehemaligen Bewirtschaftern soll verkauft werden. Schon die erste lange Kamerafahrt zeigt den Ort als unschönes Schlammloch und die schäbigen Häuser.

Der Film wird in Kapiteln erzählt, die teils sehr artifiziell angelegt sind. Die Kameraeinstellungen sind oft so eigenwillig, dass sich eine Reflexion über die Form aufdrängt. Die Sprache der Bauern ist oft vulgär, die Stimme des Erzählers oft poetisch-literarisch. Der Handlung ist durch verschobene Zeitebenen nicht ohne weiteres zu folgen. Nach einiger Zeit taucht die charismatische Erlöserfigur Irimiás auf, der den paar Bewohnern ein tolles neues Leben auf einer Musterfarm verspricht und sie wie ein neuer Moses aus ihrer Kolchose führt. Nicht, ohne ihnen vorher ihr Geld abzunehmen, versteht sich.

Als zusätzliche Ebene kommt noch das Spitzeltum dazu. Offenbar arbeitete Irimiás für die Polizei. Auch der Doktor der Kolchose, eine furiose Alkoholikerfigur, schreibt brav seine völlig belanglosen Spionageberichte.

Béla Tarr wurde für seinen Film vom gleichnamigen Roman László Krasznahorkais inspiriert, den ich nun natürlich lesen werde.

Insgesamt eines meiner nachhaltigsten Filmerlebnisse überhaupt, obwohl ich mir Sátántangó in drei Teilen ansah. Ein vielschichtiges, dystopisches Meisterwerk erster Ordnung.

Satantango (DVD)

Truffaut: Les Quatre cents coups (1959)

Als einer der besten autobiographischen Filme der Filmgeschichte hat Les Quatre cents coups etwas Literarisches. Ein zwölfjähriger Pariser Junge rutscht langsam, aber konsequent in die Kriminalität ab. Seine Kindheit ist auf mehreren Ebenen ein Trauerspiel. Seine Mutter hasst ihn, sein Vater ist ein wohlwollender Versager. Truffaut zeigt die Erlebnisse quasi aus „personaler“ Perspektive des kleinen Antoine Doinel, grandios gespielt von Jean-Pierre Léaud. Das Paris dieser Kindheit ist grauer und trister als es selbst in schwarz-weiß sein müsste. Eine der Stärken des Films ist der Verzicht auf Melodramatik. Antoine wird daheim nicht misshandelt, sogar die ihn verhaftenden Polizisten zeigen eine gewisse Empathie. Den Film durchzieht eine stille Verzweiflung, die ihn ausgesprochen wirkungsmächtig macht.

Truffaut: Antoine-Doinel-Zyklus (5 DVDs)

Chantal Akerman: Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce 1080 Bruxelles (1975)

Inzwischen ist es schon einige Wochen her, dass ich den Film sah. Trotzdem bin ich immer noch so direkt beeindruckt als hätte ich ihn gestern gesehen. Der Film zeigt fast drei Stunden lang das Leben einer Hausfrau und zwar mit einem höchst raffinierten Zeitmanagement. Die Handlung läuft über drei Tage, aber man bekommt den Eindruck, man sähe ihr live beim Leben zu. Akerman gelingt das, indem sie immer wieder Handlungen wie Kochen und Spülen in Echtzeit zeigt. Der Zuseher erleidet dadurch buchstäblich die triste Repitität eines durchschnittlichen Hausfrauenlebens. Wobei das Leben der Jeannne Dielman so durchschnittlich nicht ist, empfängt sie doch jeden Nachmittag einen Freier. Sie prostituiert sich für ihren fast erwachsenen Sohn mit dem sie alleine lebt. Ein hochpolitischer Film, der nicht einmal explizit den Zeigefinger hebt, und durch eine quasi-dokumentarische Methode funktioniert, die auf einer hoch artifiziellen Ästhetik beruht.

Jeanne Dielman (DVD, französisch)

Federico Fellini: La Dolce Vita (1960)

Einer der berühmtesten Episodenfilme der Filmgeschichte, der gleich mehrere ikonische Epochenbilder generierte: Die über Rom fliegende Jesusstatue zu Beginn oder Anita Ekberg im Trevi Brunnen. Wie die meisten großen Kunstwerke nahm Fellini keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten des damaligen Durchschnittsspießers und schockierte das Publikum nicht nur mit erotischer Freizügigkeit. Es gibt auch den kinderliebenden Intellektuellen, der seine Lieben massakriert. Fellini zeigt die blasierte römische Gesellschaft von mehreren Seiten und spart auch nicht an Kritik am (katholischen) Massenwahn wie die Episode mit der angeblichen Marienerscheinung illustriert. Gleichzeitig bekommt bereits früh der Sensationsjournalismus eine Breitseite verpasst. Bis heute redet man von den „Paparazzi“, die den Film bevölkern. Marcello Mastroianni liefert eine der besten Leistungen seiner Karriere.

La Dolce Vita (Blu-ray)

Roberto Rossellini: Viaggio in Italia (1954)

Rossellini drehte den Film mit seiner Gattin Ingrid Bergman. Sie spielt in diesem Ehefilm die Gattin des wohlhabenden Alexander Joyce. Das Paar fährt nach Neapel, und die ungewöhnliche Muße lässt den Entfremdungsprozess der letzten Jahre ans Tageslicht treten. Kurz: Eine Beziehungsbildungsreise nach Italien, dem vorgeblich idealen Ort für Selbstfindung, wie wir spätestens seit Goethes Italienreise wissen. In edlem Schwarz-Weiss gehalten illustriert Rosselini die emotionalen Wendepunkte mit filmisch grandios eingefangenen Bildern klassischer Kultur. Die Kamera tanzt beispielsweise um die phänomenalen Skulpturen des archäologischen Museums in Neapel. Die Ausgrabungen von Pompeji dienen als beziehungsreiche Kulisse. Das eröffnet einen enormen semantischen Raum, der die Beziehungsgeschichte ins Universale transzendiert. Schade nur, dass sich am Ende ein happy end abzeichnet.

Journey to Italy (DVD)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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