Balzac: Verlorene Illusionen

Meine Balzac-Lektüre ist in den Notizen nur in einem sehr kleinen Ausschnitt dokumentiert. Las ich doch eine Vielzahl seiner Romane in den neunziger Jahren, also bevor ich meine Lektüre in dieser Form hier festhielt. Mein Verhältnis zu dem Franzosen ist zwiespältig. Ich schätze seine literarische Schaffenskraft, speziell den Einfallsreichtum seiner Geschichten und Figuren. Ich wundere mich aber auch, wie schlampig viele seiner Werke komponiert sind. Man sieht ihn förmlich an seinem Pariser Schreibtisch sitzen, wo er – literweise Kaffee trinkend – seine Bücher so schnell wie möglich niederschreibt.

Die Verlorenen Illusionen sind eine Ausnahme und wohl in ästhetischer Hinsicht Balzacs bester Roman – zumindest was seine Wälzer betrifft und wenn man die Erzählungen einmal ausklammert. Das Buch kombiniert zwei populäre Genres des 19. Jahrhunderts, den Entwicklungsroman und den Gesellschaftsroman. Die Entwicklung des jungen Lucien Chardon, welcher sich später adelsanmaßend Lucien de Rubempré nennen wird, läuft allerdings völlig schief. Während der junge Wilhelm Meister seinen Entwicklungsroman als eine im humanistischen Sinn reifere Persönlichkeit verlässt, endet Lucien als unmoralischer, desillusionierter Zyniker.
Dabei beginnt alles so vielversprechend in der Provinz, wo der erste Teil der Verlorenen Illusionen spielt. Mit seinem bescheidenen Talent gilt er der provinziellen Oberschicht der beteiligten Kleinstädter natürlich als Genie. Er findet in Naïs de Bargeton, die in Angoulême in der Gesellschaft den Ton angibt, eine Förderin, in die er sich trotz des Altersunterschieds natürlich sofort verlieben muss. Die beiden fliehen nach Paris. Balzac stellt Lucien in der Provinz strukturell geschickt seinen Freund David Séchard zur Seite. Ähnlich begabt wie der eingebildete Lucien ist er ihm charakterlich entgegengesetzt, was einen hübschen Kontrast ergibt.

Paris fügt dem Roman eine weiteren strukturellen Kontrast hinzu: Metropole gegen Kleinstadt. Ohne an dieser Stelle zu sehr auf den Inhalt eingehen zu wollen: Lucien blamiert sich bei seinem ersten Auftritt in der Oper, seine Gönnerin lässt ihn auf Rat einer einflussreichen höfischen Verwandten fallen, ja wird Lucien letztendlich durch eine fein gesponnene Intrige ruinieren.
Lucien gerät nun durch Vermittlung eines skrupellosen Vertreters seiner Zunft in die Kreise von Journalisten. Auch hier stellt Balzac wieder ein Kontrastbild gegenüber: eine hochanständige Gelehrtengruppe. Anständig ist nämlich bei den Journalisten gar nichts. Da werden Kampagnen gefahren, Artikel gekauft, Freunde hoch geschrieben, Feinde herunter gemacht. Kurz: Es regiert die Korruption. Wie der Zufall spielt, las ich parallel Ryan Holidays Trust me, I’m lying, in dem er jede Menge unmoralische Methoden der Blogszene beschreibt (zur Notiz). Die Medientechnik ändert sich, die miesen Qualitätsstandards sind dieselben!
Balzac thematisiert auch den Literaturbetrieb wenig schmeichelhaft. Wie heute noch, kommen Bücher oft auf einem Weg zustande, der nichts mit Qualität und viel mit Kommerz und Beziehungen zu tun hat. Mit dieser Ebene bekommt Verlorenen Illusionen eine Selbstreferenzialität, welche einen wesentlich Beitrag zur literarischen Qualität des Buches leistet: Literatur, welche explizit über ihre Entstehungsbedingungen reflektiert. Es sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass Luciens Freund David in der Provinz eine Druckerei betreibt, und damit auch dieser Teil des Buchgeschäfts die entsprechende Aufmerksamkeit erhält. Diese Ebene ist nur eine von sehr vielen Themenfeldern, die Balzac kongenial verknüpft abdeckt. Neben der besten Pariser Gesellschaft, treffen wir auf armes studentisches Milieu oder auch die Theater- und Schauspielerszene. Letztere wieder inklusive sämtlicher korrupter Machenschaften von Kritikern.

Trotz der vielen unterschiedlichen Themen ist die Architektur des Romans viel ausgewogener als bei den meisten anderen Büchern Balzacs. Zusätzlich ist er einer der überzeugendsten klassischen Gesellschaftsromane, dessen Vielfalt ebenso beeindruckt wie die Lebendigkeit seines Personals. Doch Vorsicht: Wer mit diesem Buch in Balzacs Welt einsteigt, könnte von seinen anderen Werken dann enttäuscht sein!

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen (insel taschenbuch)

Eine Antwort auf Balzac: Verlorene Illusionen

  • sandhofer sagt:

    Ich gebe Dir bei Deinem letzten Satz durchaus Recht. (Und auch sonst, was Balzac betrifft.) Die Frage ist halt: Soll man von Balzac überhaupt noch andere Romane lesen? Ich tendiere – trotz „Père Goriot“ – zu einem Nein.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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