Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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