Mein zweiter Kindle – Eine Reflexion

Meine erste Begegnung mit dem Kindle dokumentierte ich für The Gap und die Notiz zählt immer noch zu den am meisten gelesenen. Mehr als ein Jahr später und inzwischen mit einem Paperwhite ausgestattet, ist es Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die Diskussion über Ebook-Reader ist eine rege, steht doch nicht zuletzt das Überleben der Buchhandlungen auf dem Spiel. Für mich wäre ein Leseleben ohne Kindle inzwischen schwer vorstellbar. Unterwegs habe ich das Gerät immer dabei und damit fast alle meine Lieblings-Klassiker nebst jeder Menge anderer Büchern. Die Beleuchtung beseitigte eines der ärgerlichsten Probleme meines Leselebens: Mangelndes Licht. Ob halbdunkle Kaffeehäuser oder halbdunkle Bars, ob durch funzelige Energiesparlampen dreivierteldunkle Hotelzimmer: Diese Ärgernisse sind kein Thema mehr. Ich kann lesen, wann & wo ich will. Sehr bewährt hat sich diese Tatsache auf meiner letzten Marokko-Reise.

Zusätzlich die Zeitschriften und Zeitungen. Mit meiner 3G-Version des Paperwhite bekomme ich weltweit in Echtzeit nicht nur die Neue Zürcher Zeitung oder den The Economist. Letzterer ist insofern ein gutes Beispiel, als meine Printausgabe in der Vergangenheit immer am Montag zugestellt wurde, während ich jetzt die neue Ausgabe bereits am Donnerstagabend bekomme und damit vier Tage früher. An diese Bequemlichkeiten gewöhnt man sich rasch und möchte sie nicht mehr missen.

Dieser Bequemlichkeit steht allerdings eine Fülle von kritischen Beobachtungen gegenüber, die sich jeder bewusst machen muss, wenn er sich dieser Technik bedient. Zu Beginn drängt sich die Frage auf, wie nachhaltig eine Kindle-Bibliothek sein kann. Technisch kann Amazon jederzeit jedes Buch von jedem Kindle löschen. Was passiert, wenn es Amazon in 10 Jahren nicht mehr gibt? Im Internetgeschäft verschwinden immer wieder innerhalb weniger Jahre Platzhirsche vom Markt. Mindestens ebenso kritisch ist das Thema Privatsphäre. Es ist bekannt, dass in den USA die Geheimdienste offiziell ohne Gerichtsbeschluss Zugriff auf alle Daten der großen Internet-Firmen besitzen. Als amerikanische Geheimniskrämer vor längerer Zeit Zugriff auf die Ausleihdaten amerikanischer Bibliotheken wollten, gab es einen Aufschrei der Empörung und der Verstoß scheiterte. Dabei wäre es doch so praktisch zu wissen, wer islamistische oder marxistische oder anarchistische Bücher liest, nicht wahr? Kindle-Leser erfüllen diesen Traum freiwillig. Amazon speichert natürlich nicht nur, welche Titel man gekauft hat. Die Datenbanken wissen auch, was man wirklich liest, wie schnell man dies tut, wo man ein Buch abgebrochen hat. Bei Lesern bekommt man hier schon nach kurzer Zeit ein aussagekräftiges Persönlichkeitsprofil. Die jüngsten Enthüllungen über die Arbeitsbedingungen bei Amazon durch eine ARD-Reportage verschärfen das ethische Dilemma. Wobei Amazon für die Auslieferung von Ebooks im Gegensatz zu Büchern ja keine Lagerarbeiter benötigt.

So viel zum Elektronischen. Die geschilderten Vorteile heißen nun natürlich nicht, dass ich Bücher nicht mehr schätze. Ein gedrucktes Buch hat das Zeug zu einem Gesamtkunstwerk und in meiner Privatbibliothek finden sich auch bibliophile Ausgaben. Aber gerade diese schönen Ausgaben nimmt man nicht mit außer Haus. Ich plädiere deshalb für eine friedliche Koexistenz zwischen Gedrucktem und Elektronischem. Ein Kindle ist ideal für unterwegs. Man kann hunderte Bücher und Zeitschriften in die Jackentasche stecken und sie jederzeit und bei allen Lichtverhältnissen verwenden. Bücher dagegen sind für mich wertvolle Individuen, denen man sich zu Hause widmet. Auf dem Sofa ist es selbstverständlich schöner, in einer Leviathan-Ausgabe der Londoner Folio Society zu lesen als in einer mit Tippfehler angereicherten Gratis-Klassiker-Ausgabe auf dem Kindle. Letztere Ausgabe ist trotzdem hilfreich, wenn man auf Reisen einmal kurz einige Passagen nachlesen will.

Für mich ersetzen Ebooks billige Taschenbücher sowie Sach- und Fachbücher, die ich ohnehin nicht dauerhaft in meiner Bibliothek aufbewahren will. Die Bücher in den Regalen werden zukünftig fast nur noch gebunden sein und schöner als in der Vergangenheit. Die Freunde des Gedruckten sollten sich aber über den Vormarsch der Ebooks keinen Illusionen hingeben. Fast alle Büchermenschen in meinem Bekanntenkreis, von Literaturkritikern über Lektoren bis hin zu Literaturwissenschaftlern, nutzen inzwischen intensiv Kindle & Co. Mit anderen Worten: Gerade für die kleine Minderheit an großen Lesern – und damit die Hauptumsatzbringer der Buchbranche – sind Ebooks bereits Teil des Alltags.

12 Antworten auf Mein zweiter Kindle – Eine Reflexion

  • Guten Tag

    Zum Thema Nachhaltigkeit vielleicht eine kleine Anmerkung: Ich habe mir angewöhnt, dass ich mir meine literarischen Favoriten auch in gedruckter Form anschaffe. Einfach, weil man nie sicher sein kann, ob man selbst auf Dauer Amazonkunde bleibt, aber auch um diese Meisterwerke einmal vererben zu können. Jeder möchte ja etwas an die Nachkommenden weitergeben.

    Für mich ist der Kindle aber auch unerläßlich geworden. Behinderte Menschen, wie ich, genießen es oft, dass sie 132 g wesentlich einfacher halten können, als ein 900 Seiten Buch.

  • Gerald Fix sagt:

    Ich verstehe eines nicht: wieso muss es ein Kindle sein? Was kann der Kindle, was z.B. der Sony nicht kann? Gibt es tatsächlich E-books in nennenswerter Zahl, die es nicht im Epub-Format gibt? Die Nachteile dagegen, die Abhängigkeit von Amazon und einem unautorisierten Zugriff, die hat der Sony nicht. Warum also unbedingt Kindle?

    • Kann ich beim Sony auch Zeitungen und Zeitschriften abonnieren? Mit dem Kindle kann ich auch Epub nutzen, aber nicht umgekehrt.

      • Gerald Fix sagt:

        Ja, das ist wohl möglich – ich habe es aber noch nicht probiert. Ich habe bei meinem Gerät auch die Internet-Verbindung nicht aktiviert (die soll derjenigen des Kindle auch deutlich unterlegen sein) und das ist wohl eine wichtige Voruassetzung, um Zeitungen auf dem Reader zu lesen. Ich muss halt beim Sony immer über den PC gehen. (Das wiederum hat den Vorteil, dass niemand mehr Zugriff auf meine Bücher hat. Libri oder buecher.de sind außen vor, nachdem ich die Sachen heruntergeladen habe.)

        Die Stadtbibliothek Ulm schreibt in ihrer Hilfe, man könne das Angebot mit dem Kindle nicht nutzen, da dieser Epub nicht unterstütze. Stimmt das denn nicht?

        • Zeitungen und Zeitschriften am Kindle liest man nicht im Browser. Die werden als „Ebook“ gepusht und sind damit wie alle anderen Bücher am Gerät lesbar.

          • Gerald Fix sagt:

            Ich habe das mit den zeitungen jetzt mal probiert. Von der Ulmer Bibliothek habe ich die FAZ heruntergeladen. Die lässt sich nicht von PDF auf epub konvertieren (DRM) und ist auf dem Sony nicht lesbar.

  • Guten Abend.

    Für mich muss es der Kindle sein, weil er am wenigsten die Augen belastet. Anders als am iPad oder PC kann ich damit stundenlang lesen, ohne schmerzende Augen zu bekommen. Bei meiner Brillenstärke geht das an den genannten Geräten ansonsten meist sehr schnell.

    Weiterer Vorteil ist der Akku, der wirklich lange hält. Im Offlinemodus ist der Kindle sehr sparsam im Stromverbrauch.

    Last, but not least: Das geringe Gewicht und das Format.

  • Gerald Fix sagt:

    Hallo Herr Wunderlich,

    ich rede nicht von iPad oder PC als Ersatz, sondern von einem anderen E-book-Reader. Der Sony wiegt auch nicht mehr als der Kindle, hat das gleiche Format und dürfte auch einen vergleichbaren Akku haben. Der Unterschied besteht darin, dass Sie für den Kindle Amazon brauchen und beim Sony brauchen Sie einen anderen Händler.

    Ich will auch den Kindle nicht schlecht machen (ich kenne ihn nicht näher), sondern nur darauf hinweisen, dass es nicht nur einen Weg nach Rom gibt …

  • Gestern hörte ich erstmalig vom neuen E-Book-Reader Tolino, der in seiner Funktionalität dem Kindle Paperwhite ähneln soll und der bewußt als Konkurrenz zu Amazon vermarktet wird.

  • pellicciaio sagt:

    zugegeben, es mag praktischer sein, dutzende bücher auf einem kleinen und vor allem leichten gerät mitnehmen zu können als kiloweise bedrucktes papier (in hoffentlich schön gebundener form) ;-) durch die gegend zu schleppen. damit erschöpfen sich – meiner bescheidenen meinung nach – die vorteile von e-books aber auch schon wieder. dabei ist es weniger die abhängigkeit von strom zur lektüre, die ich beanstanden möchte, sondern vielmehr der umstand, dass es höchst fraglich ist, ob das elektronische dateiformat von e-books in 20 oder 30 jahren überhaupt noch lesbar sein wird. (in irgendeiner weise wohl schon, aber für otto normalverbraucher?) wer, bitteschön, kann mit den computerdateien, die er vor 25 jahren erstellt hat, heute noch etwas anfangen oder gar die datenträger, auf denen sich selbige befinden, überhaupt noch auslesen? (man denke an die wahrlich schlappe floppy disk mit 5,25 zoll!) aber bücher, die vor hundert jahren gedruckt wurden, sind heute noch lesbar, einen einigermaßen schonenden gebrauch durch ihre nutzer vorausgesetzt. da war es auch möglich, dass ganze bibliotheken vom vater an den sohn weitervererbt wurden. bei e-books hingegen (wie auch bei anderen digitalen inhalten) ist es durchaus fraglich, inwieweit man überhaupt eigentümer dessen wird, was man erwirbt und was man damit tun darf. ein artikel aus dem englischen guardian bringt es auf den punkt:

    As with music and films, when you die your virtual library will die with you. Amazon tells Kindle users: „The purchase and download of digital content from Amazon.co.uk, including content from the Kindle Store, is associated with the Amazon.co.uk account used to make the original purchase. As a result, Kindle content cannot be shared like a physical book.“

    So you can’t move a book from one device to another, and you won’t be able to split up a collection of books between family and friends. You could leave the device holding your collection to someone else, but if they needed to access the account for any reason they could run in to difficulties. Again, you cannot leave it to someone else with complete certainty.

    http://www.guardian.co.uk/money/2012/sep/03/do-you-own-your-digital-content?fb=optOut

    darüber hinaus tun sich für sammler elektronischer daten durch e-books ganz neue betätigungsfelder auf. (ein schelm, wer dabei an george orwell denkt!) auch hier sei auf einen artikel verwiesen, diesmal aus der washington post:

    Amazon can identify which passages of digital books are popular with readers, and shares some of this data publicly on its website through features such as its „most highlighted passages“ list. Readers digitally „highlight“ selections using a button on the Kindle; they can also opt to see the lines commonly highlighted by other readers as they read a book. Amazon aggregates these selections to see what gets underlined the most. Topping the list is the line from the „Hunger Games“ trilogy. It is followed by the opening sentence of „Pride and Prejudice.“

    „We think of it as the collective intelligence of all the people reading on Kindle,“ says Amazon spokeswoman Kinley Pearsall.

    Some privacy watchdogs argue that e-book users should be protected from having their digital reading habits recorded. „There’s a societal ideal that what you read is nobody else’s business,“ says Cindy Cohn, legal director for the Electronic Frontier Foundation, a nonprofit group that advocates for consumer rights and privacy. „Right now, there’s no way for you to tell Amazon, I want to buy your books, but I don’t want you to track what I’m reading.“

    http://online.wsj.com/article/SB10001424052702304870304577490950051438304.html

    abschließend möchte ich noch auf einen aspekt hinweisen, der mir vor allem längerfristig besonders beachtenswert erscheint und sicher noch eine vielzahl an studien nach sich ziehen wird: verändert das lesen elektronischer bücher die art, wie wir ein buch lesen? erneut ein verweis auf einen artikel (dieses mal aus der new york times) samt einem link (m text des artikels) zur harvard university:

    http://www.nytimes.com/2012/10/10/opinion/long-live-paper.html?ref=opinion&_r=2&

    zugegeben, technologischem wandel standen menschen oftmals skeptisch gegenüber, selbst wenn sich dieser auf lange sicht als segensreich erwiesen hat. e-books haben zweifellos vorteile, aber man sollte die mit diesem medium verbundenen, weiterhin offenen fragen nicht außer acht lassen.

  • Norman Weiß sagt:

    Ich habe mir nach längerem Zögern einen Kindle HD zugelegt, der gleichzeitig E-Reader und Tablet ist. Die von Dr. Köllerer beschriebenen Vorteile und Nutzungsschwerpunkte sehe ich auch. Die Verfügbarkeit von (kurzlebiger) Fachliteratur und zur einmaligen Lektüre bestimmte Taschenbücher ist das Interessante.
    Die Vorstellung, zukünftig mehr Platz im Bücherregal zu haben, hat – das muß ich zugeben – durchaus ihren Reiz. Wir werden das beobachten.

  • Kuno sagt:

    Als Entscheidungshilfe für potentielle Kindle-Käufer folgendes Erlebnis:

    Zum Lesen der kostenlosen Leseproben habe ich mir die Kindle-App auf PC installiert. Als ich nun nach mehrwöchiger Pause wieder einmal etwas damit lesen wollte, war ich gerade nicht online und die Kindle-App verweigerte den Start. Ich mußte erst online gehen und die App neu starten ehe ich lesen durfte. No comment!

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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