Elfriede Jelinek: Nora

Garage X 23.10. 2012

Regie: Ali M. Abdullah
Mit: Dennis Cubic, Anita Gramser, Markus Heinicke und Julia Jelinek

Nun setze ich endlich meinen langjährigen Vorsatz um, mir einmal die Wiener Offtheaterszene systematisch anzusehen, obwohl mich die „großen“ Bühnen Wiens eigentlich mehr als genug auslasten. Man könnte in Wien ja hauptberuflich ins Theater gehen, entsprechende Sponsoren freilich vorausgesetzt.
Auftakt war ein frühes Jelinekstück in der Garage X, das mit vollem Titel Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften heißt und das berühmte Stück Ibsens weitererzählt. Nora landet erst in einer Fabrik und wird dann Opfer diverser Machenschaften ihres neuen Gatten, eines Großunternehmers, der sie ohne mit der Wimper zu zucken aus geschäftlichen Gründen demütigt. Jelinek wendet ihre „Methode“, Kritik auch durch verräterische Sprachverwendung zu üben, bereits an, wenn auch noch weniger ausgeprägt als in ihren späteren Werken.

Die kleine Garage X liegt im Zentrum Wiens, fast unter der Peterskirche, und nur ein paar Schritte vom Stephansplatz entfernt. Es ist buchstäblich ein Kellertheater. Ali M. Abdullah bringt das Stück furios auf die „Bühne“, die in Wahrheit ein großer Raum ist, auf den die Zuschauer hinabsehen. Witzig sind die Versatzstücke aus unterschiedlichen Regietraditionen, die ironisch verwendet werden. So spielen die vier Schauspieler jeweils unterschiedliche Rollen und bekleben sich jeweils mit großen Zetteln, auf dem zu lesen ist, wen sie gerade spielen. Abdullah setzt also Mittel des epischen Theaters ein, ohne den spießig-didaktischen Stil Brechts zu verwenden, obwohl Jelineks Stück natürlich sehr gesellschaftskritisch ist. Schauspielerisch gab es ebenfalls nichts auszusetzen.

Die Inszenierung zeigt, wie man mit wenig aufwändigen Mitteln einen spannenden Theaterabend hinbekommt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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