Oliver Pfohlmann: Robert Musil

Robert Musils Leben und Werk in Kürze darzustellen gehört sicher zu den schwierigeren Aufgaben der Literaturwissenschaft. Einerseits bedarf der komplexe intellektuelle Gehalt seiner Werke genügend Raum, andererseits ist die Forschungslandschaft eine unübersichtliche. Alleine zum umfangreichen Nachlass, der zum Verständnis vor allem des Mann ohne Eigenschaften (Notiz) unverzichtbar ist, sind dicke Monographien erschienen.

Pfohlmann gelingt beides exzellent. Er schafft es, sowohl den soziokulturellen Kontext als auch Musils intellektuelles und ästhetisches Programm prägnant darzustellen. Der schwierige Charakter des Schriftstellers wird ebenfalls nicht ausgespart. Erfrischend auch, dass er sich nicht scheut, klare Worte zum Leseeindruck der problematischeren Texte Musils zu finden. So schreibt Pfohlmann über die Vereinigungen:

Auch heutige Leser empfinden die Lektüre nicht selten als strapaziösen Drahtseilakt, bei dem man stets dann erleichtert Atem holt, wenn man einen der wenigen Pfeiler der äußeren Handlung erreicht, zwischen denen die Bilderfolgen aufgespannt sind.
[S. 58]

Anders als andere Einführungen, kippt dieses kleine Buch nicht zu sehr in Richtung Mann ohne Eigenschaften um. Pfohlmann bemüht sich, auch den anderen Werken genügend Raum zu geben, und lenkt den Blick erfreulicherweise auch auf für viele Leser noch unbekanntes Terrain. So unterschätze man Musil als Literatur- und Theaterkritiker:

Seine Rezensionen sind, ungeachtet ihrer meist zweit- oder gar drittklassigen Gegenstände, mit ihrer sprachlichen und reflexiven Brillanz Höhepunkte der Literaturkritik des 20. Jahrhunderts
[S. 93]

Es bleibt zu hoffen, dass diese gelungene Einführung Musil zu neuen Lesern verhilft. Musil zählt zweifellos zu den klügsten Autoren der Literaturgeschichte. Man kann seine Lesezeit kaum besser investieren als in seine Werke. Die Zinsen sind weit höher als jene auf griechische Staatsanleihen!

Oliver Pfohlmann: Robert Musil. (rororo monographie)

Eine Antwort auf Oliver Pfohlmann: Robert Musil

  • klassikfreund sagt:

    Danke für den schönen Hinweis. Das Buch steht bei mir versteck schon länger auf der Anschaffungsliste, nun rückt es wieder in den Vordergrund.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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