Eli Pariser: The Filter Bubble

Pariser lenkt den Blick auf einen wichtigen Aspekt der technischen Entwicklung des World Wide Web: Die zunehmende Personalisierung. So bequem diese „künstliche Intelligenz“ auf den ersten Blick scheinen mag, so problematisch ist sie, wenn man ausführlicher darüber nachdenkt. Eli Pariser beschreibt in seinem Buch nicht nur den aktuellen Stand der Personalisierungs- und Data-Mining-Techniken, sondern nimmt auch die nähere Zukunft kompetent ins Visier.

Was die Geschichte von Google und Facebook angeht, erfährt man zwar nicht viel Neues, wenn man sich seit längerer Zeit mit offenen Augen im Internet herum treibt. Allerdings gelingt es Pariser gut, auf kurzem Raum bewusst zu machen, wie schnell Firmen unglaubliche Macht ansammeln können. Seine Beispiele, wie weitreichend die Konsequenzen von scheinbar unpolitischen Techniker-Entscheidungen sein können, lesen sich in diesem Kontext besonders aufschlussreich. Um ein einfaches Beispiel zu nehmen: Facebook-Nutzer sehen in ihrem Newsfeed Links, welche ihre Freunde markieren. Nun macht es einen großen Unterschied, wie dieser Button beschriftet ist. Wer klickt bei wichtigen, aber abstoßenden Themen auf „Gefällt mir“? Ein neutraler Begriff wie „teilen“ bewirkt hier ein völlig anderes Klickverhalten. Weniger offensichtlich, aber ebenso einflussreich, können Entscheidungen von Google-Ingenieuren über Such- und Personalisierungsalgorithmen sein.

Wie subtil man mit vergleichsweise unauffälligen Mitteln Internetnutzer manipulieren kann, führt Pariser sehr packend am Beispiel Chinas aus, eines der besten Kapitel des Buches. Spannend sind auch jene Abschnitte, welche die Infrastruktur des Datensammelns offen legen. Es gibt enorm einflussreiche Firmen, mit Milliarden an Datensätzen, deren Namen man noch nie hörte, weil sie sich geschickt im Hintergrund halten. Pariser zerrt sie ins Tageslicht.

Schon jetzt ist es so, dass Google einem Börsenmakler andere Suchergebnisse anzeigt, wenn dieser nach „Royal Dutch Shell“ sucht als einem Umweltschützer. Menschen neigen dazu, vor allem Nachrichten zur Kenntnis zu nehmen, welche ihr Weltbild und ihre Meinungen bestätigen. Erkenntnis funktioniert aber ganz im Gegenteil dadurch, dass man seine Hypothesen immer wieder kritisch überprüft. Je weniger kritische Informationen man präsentiert bekommt, desto erkenntnisärmer wird das tägliche mediale Umfeld.

Ein entscheidender Punkt: Man weiß nicht mehr, was man nicht weiß, weil so vieles dauerhaft ausgeblendet wird. Das ist ein Grund, warum ich beispielsweise das wöchentliche Durchblättern des The Economist (Empfehlungs-Notiz) für völlig unverzichtbar halte.

Pariser zitiert die Journalisten-Legende Walter Lippmann, um seine Bedenken zu illustrieren:

All that the sharpest critics of democracy have alleged is true, if there is no steady supply of trustworthy and relevant news. Incompetence and aimlessness, corruption and disloyalty, panic and ultimate disaster must come to any people which is denied an assured access to the facts.

Weniger stark sind jene Teile des Buches, in denen Pariser mit Argumenten aus diversen Disziplinen (Psychologie, Philosophie, Medientheorie, Soziologie…) theoretisch begründet, warum und welche Schäden die Personalisierungstechniken anrichten können. Hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Allerdings sind die von ihm aufgeworfenen Punkte für die Konsistenz seiner Argumentation ausreichend.

Einer seiner konstruktiven Lösungsvorschläge ist, dem Personalisieren gesetzlich Transparenz zu verordnen. Jeder Internetnutzer sollte nachvollziehen können, warum ihm etwas angezeigt wird. Auch das komplette Ausschalten der Personalisierung sollte einfach möglich sein. Pariser ist also kein Fundamentalist. Er sieht die Vorzüge der Personalisierungstechniken sehr wohl, will diese aber mit mehr Entscheidungsmöglichkeiten aus Nutzersicht anreichern.

Noch ein Wort zu dem mehrmals vorgebrachten Einwand gegen das Buch, es hätte ein fragwürdiges Menschenbild, weil es von unmündigen Medienkonsumenten ausginge. Richtig ist, dass es eine kleine Minderheit an mündigen Mediennutzern gibt, für welche auch eine weitgehende Personalisierung kein Problem darstellt. So lange in Demokratien aber jede Stimme gleich gewichtet ist, sind Parisers Argumente in Sachen Massenmedienkonsum durchaus valide. Aktuelle Einschaltquoten und Auflagenhöhen belegen das mehr als hinreichend.

Jeder kritische Medien- und Internetnutzer sollte die Filter Bubble lesen.

Eli Pariser: The Filter Bubble. What the Internet is Hiding from You (Penguin) / Deutsche Ausgabe

Webseite zum Buch: www.filterbubble.com

Eine lesenswerte Rezension findet sich auch bei werquer.

Eine Antwort auf Eli Pariser: The Filter Bubble

  • holger sagt:

    Den Economist habe ich ein paar Ausgaben lesen können. Aber wirklich neue Themen habe ich da nicht gefunden. Und interessant fand ich die Zeitschrift überhaupt nicht. Vielleicht liegt das aber an meinen Sprachkenntnissen (da sich die englische Sprache ja jede Woche neu erfindet).

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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