Dante: Die Göttliche Komödie

Diese Notizen schrieb ich Ende 2004 / Anfang 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Hölle

Als Leseausgabe verwende ich die schöne bibliophile Ausgabe von Faber & Faber. Drei schön gestaltete, großformatige Bände mit Illustrationen Monika Beisners. Die Übersetzung Karl Vosslers ist ausgezeichnet lesbar. Anmerkungen und Erläuterungen sind hilfreich am Rande des Lesetextes untergebracht. Kurz: eine der beeindrucksten Klassikereditionen der letzten Jahre.

Sich Dantes Welt zu nähern bedarf einer gewissen Umsicht. Einige antike Autoren (Vergil, Ovid) sollte man präsent haben, die Bibel ebenso. Mit dem Mittelalter auf guten Fuß zu stehen, schadet naturgemäß nichts, wobei hier Schwerpunkte auf Theologie und die Geschichte Italiens (Florenz!) zu empfehlen wären. Eine Menge an Voraussetzungen sollte man also mit auf die Lesereise nehmen, wenn man sich einem der Höhepunkte der Weltliteratur nähert.

Wie sehr die “Göttliche Komödie” aus dem zeitgenössischen Schrifttum herausragt, zeigt ein Blick auf die mittelhochdeutsche Literatur. Wie im 18. Jahrhundert als vor allem die englischen Autoren in Sachen Roman ihren deutschen Kollegen weit voraus waren, können die deutschen Texte des Mittelalters – trotz aller Vorzüge – ästhetisch und intellektuell an Dantes Werk nicht heranreichen, vielleicht mit Ausnahme der kritischen Brillanz des Gottfried von Straßburg.

Dantes Meisterschaft setzt sich aus vielen Leistungen zusammen, wovon die Etablierung einer neuen Literatursprache selbstverständlich nicht die geringste ist. Hervorzuheben ist auch die Synthese höchst unterschiedlicher Bereiche in ein Sprachkunstwerk. Dies läßt sich an der “Hölle” gut demonstrieren. Dantes Hölle wird von zwei unterschiedlichen Quellen gespeist. Die drastische Darstellung der Höllenqualen, denen die Göttliche Komödie einen großen Teil ihrer “Popularität” verdankt, speist sich aus volkstümlichen Höllenvorstellungen. Diese Volkshölle entstand in der Spätantike wie man in diversen apokryphen Schriften nachlesen kann (Apokalypsen des Petrus’ und Paulus’ beispielsweise), und die bis ins Hochmittelalter größte Popularität erreichte. Die zweite Quelle war theologischer Art. Seit den Kirchenvätern gab es zahlreiche Höllensystematisierungsversuche. Denn auch wenn die Höllenqualen an sich die intellektuellen Propagandisten der Nächstenliebe nur in den seltensten Fällen störte, sollte die Folter doch wenigstens in einem elegantem theologischen System gründen.

Dante spannte nun diese beiden Welten zusammen, indem er den Höllensadismus der religiösen Volkskultur literarisch brillant verarbeitete, diese Hölle aber mit der bekannten systematischen Geographie versah, die sich aus theologischen Quellen speiste.

Agiert der Autor hier “mittelalterlich” im besten Sinn, finden sich auch Aspekte, die auf die Renaissance vorausweisen. Die Respektlosigkeit, mit welcher der Autor die zeitgeschichtliche Prominenz (Päpste, Kaiser, Honoratioren aller Sparten) in die Hölle versetzt, ist von erfrischender Frechheit. Der die Höllenkreise hinabsteigende Dante (als literarische Figur!) ist viel näher am Renaissancemenschen als an den typologisierten Heldenfiguren, die sonst in der Literatur des Mittelalters ihr heroisches Unwesen treiben.

Es braucht viel Zeit, sich auf Dantes Werk und Welt einzulassen. Was aber könnte man mit seiner Zeit Bessereres anfangen? :-)

Fegefeuer

In vieler Hinsicht setzt das Purgatorio die Hölle fort: Während die Höllenkreise trichterförmig ins Erdinnere verlaufen, sind die sieben Kreise des Fegefeuers spiegelbildlich auf einem Berg angeordnet. Das eigentliche Purgatorio beginnt bei der Hälfte des Berges, den der Held immer noch in Begleitung Vergils besteigt. In der unteren Hälfte befindet sich das Antipurgatorio, in dem Sünder, die aus diversen Gründen zu spät bereuten, auf den Einlass ins Fegefeuer warten.

Die Läuterung der Sünder erinnert ebenfalls an die Hölle. Zugegeben, die Strafen sind cum grano salis weniger brutal. Dazu kommt eine – in der ewigen Verdammnis unnötige – didaktische Komponente: Den Büßenden werden Beispiele tugendhaften Verhaltens vor Augen geführt, passend zur eigenen Lasterkategorie versteht sich. Die Stolzen etwa dürfen sich an Marmorbildern (die bildende Kunst hält Einzug!) ergötzen, die Szenen der Demut zeigen. Die Zornigen werden mit Sanftmutsvisionen geplagt …

In den sieben Kreise des Purgatorio trifft unser metaphysischer Bergsteiger auf die Stolzen, die Neider, die Zornigen, die Trägen, die Geizhälse und Verschwender, die Schlemmer und schließlich die Wollüstigen.

Die letzten Gesänge des Fegefeuers spielen bereits im irdischen Paradies und die lang ersehnte Beatrice hat ihren Auftritt. Der Abstraktionsgrad des Textes nimmt signifikant zu. Theologische Themen und Allegorien treten in den Vordergrund und kündigen bereits den dritten Teil der Commedia inhaltlich an. Ohne Thomas von Aquin bei der Hand zu haben, dürfte sich die Ergiebigkeit der Lektüre in Grenzen halten.

Paradies

Schon am Ende des Purgatorio zeigte sich ein zunehmender Abstraktionsgrad. Die Gesänge des Paradieses sind durchsetzt mit theologischen Erörterungen. Angesichts der zahlreichen Kirchenväter, Heiligen, Kreuzritter und biblischen Gestalten kann das nicht weiter überraschen: Worüber sonst sollten sie reden?

Das künstlerische Wagnis, welches Dante mit diesem Teil eingeht, beschäftigt ihn an verschiedenen Stellen. So klagt er immer wieder über die mangelnde Fähigkeit, das Erfahrene in passende Worte zu kleiden. Seltsam mutet in diesem Zusammenhang das Anrufen antiker Götter (!) an, die ihm literarisch im christlichen Paradies beistehen sollen:

O mein Apoll, zum letzten Meisterstück
schenk mir von deiner Kraft so viel, daß ich
bei dir des Lorbeerpreises würdig werde.
[1. Gesang]

Lorbeer ist ein wichtiges Stichwort, Dante verspricht sich nämlich eine politische Wirkung seines Meisterwerks: die Rückkehr nach Florenz:

und will als Dichter dort den Kranz empfangen
[25. Gesang]

Überblickt man die Gesamtkonstruktion der Commedia, ist die Hypothese naheliegend, dass Dante die “Abgehobenheit” des letzten Teil als ästehtisches Mittel benutzte, um die geistige Entfernung des Irdischen vom Göttlichen auszudrücken.
Diese Entfernung hinderte ihn aber nicht daran, saftige Moralpredigen einzubauen:

Unsinnige Verstrickung irdischer Sorgen,
wie mangelhaft eure Gedankenkünste,
daß ihr die Flügel kaum vom Boden hebt!
In Rechtsgeschäfte, in Gesundheitslehre,
in Pfründenwesen, in Regierungsssachen
verfangen mit Gewalt und Klügelei […]
[11. Gesang]

Neben dem allgemeinen Publikum kommen vor allem korrupte Kleriker zum Handkuss. Die Gründer der großen Ordnen klagen über die Dekadenz. Als Beispiel Benedikt:

Die Mauern, die ein Kloster waren, sind
nun Diebeshöhlen, und die Kutte ist
ein voller Sack mit faulem Mehl geworden.
[22. Gesang]

Petrus empört sich über seine päpstlichen Nachfolger:

die Stätte meines Grabs hat er entweiht
zu einem Pfuhl des Blutes und Gestankes
dem Abgefallenen zum Trost dort unten.
[27. Gesang]

Für den heutigen Leser bildet diese Kirchenkritik einen wichtigen Gegenpol zur allgemeinen Christentumsvergötterung Dantes. Zumal die Kritik so scharf ist, dass sie an Luther erinnert. Sogar der Ablasshandel kommt explizit zur Sprache.

Dante streut immer wieder autobiographische Bezüge ein, so sein berühmte Klage über das Exil:

Wirst alles Liebe, wirst dein Teuerstes
verlassen müssen: dieses ist die erste
von der Verbannung dir geschlagne Wunde;
und wirst erfahren, wie das Brot der Fremde
so salzig schmeckt, und wie die fremden Treppen
hinab hinan ein hartes Steigen ist.
[17. Gesang]

Die Geographie des Himmels orientiert sich an den damals bekannten “Sternen” (Planeten). Die Bewohner sind Lichtgestalten und die Licht- und Feuermetaphorik dient Dante als wichtigstes Mittel zur Beschreibung des Paradieses und dessen Bewohner. Manchmal bilden die Lichter Symbole nach (einen Adler und eine Leiter beispielsweise). Göttliche Neonreklame.

Was den theologischen Gehalt angeht, orientiert sich Dante weitgehend an der klassischen Scholastik. Leider erreicht er oft nicht logische Klarheit eines Thomas von Aquin. Ein komprimierteres Weltbild des Mittelalters wird man jedenfalls schwerlich finden.

Das gilt für die “Commedia” insgesamt, weshalb ich sehr froh bin, mich in den letzten Monaten ausführlich mit dem Buch beschäftigt zu haben: Es lohnt sich. Allerdings reicht ein Lesedurchgang bei weitem nicht aus. Früher oder später wird eine zweite Runde folgen.

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie (Reclam)

Eine Antwort auf Dante: Die Göttliche Komödie

  • Carsten Herrmann sagt:

    Im Band Matthew Arnold aus der Reihe „The Oxford Authors“ findet man, im Artikel „A French Critic on Goethe“, folgende nützliche Bemerkung:

    „The Italy, from which Goethe thus drew satisfaction and strength, was Graeco-Roman Italy, pagan Italy. For mediaeval and Christian Italy he had no heed, no sympathy. He would not even look at the famous church of St Francis at Assisi. ‚I passed it by‘, he says, ‚in disgust.‘ And he told a young Italian who asked him his opinion of Dante’s great poem, that he thought the Inferno abominable, the Purgatorio dubious, and the Paradiso tiresome.“

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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