Smarte Kultur?

Die nächste Veranstaltung von twenty.twenty steht unter dem Motto The City – Networking with Things. Als notorischer Großstadtfreund werde ich an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Vorab einige Gedanken zum Thema.

Viel ist derzeit von „Smart Cities“ die Rede. Der Fokus liegt auf der zunehmenden technischen Vernetzung und die davon erwarteten Vorzüge, nicht zuletzt im wirtschaftlichen Wettbewerb. Städte waren allerdings immer schon „smart“: Die Zivilisation und Kulturgeschichte, wie wir sie kennen und schätzen, wäre ohne urbane Zentren unmöglich gewesen. Die Innovationskurve bei indigenen Stammesgesellschaften ist gering. Dank der Ethnologie wissen wir, wie hoch entwickelt soziale und semantische Strukturen in diesen Gesellschaften sind. Sie entscheiden sich in Sachen Komplexität kaum von Hochkulturen. Der Unterschied liegt nicht in der individuellen Begabung, sondern im sozioökonomischen Kontext. Kulturgeschichtlich betrachtet scheint die Existenz von Städten der maßgebliche Unterschied in der Steilheit der Entwicklungskurve zu sein. Das ist seit langem bekannt. Vergleichsweise neu sind plausible Antworten auf die Frage, warum die Stadtentwicklung und die darauf folgende kulturelle Entwicklung in gewissen Weltgegenden stattfand, in anderen dagegen nicht. Die Ursache des unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexts ist schlicht die Geographie. Es benötigt eine Reihe von komplexen Voraussetzungen für Landwirtschaft und Domestizierung, die nur selten gleichzeitig auftreten. Jared Diamond führt dies in seinem brillanten Buch Arm und Reich, Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, überzeugend aus.

Die Kulturgeschichte ist voller Beispiele für Städte mit Kreativitätsexplosionen. Die altgriechischen Städte in Kleinasien etwa legten den Grundstein für die moderne Naturwissenschaft. Sie bauten auf den babylonischen und altägyptischen Kenntnissen auf, abstrahierten vom damit verbundenen religiösen Firlefanz und stellten sich deshalb zum ersten Mal wissenschaftliche Fragen im engeren Sinn. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass diese Kreativitätsmechanik wertneutral ist. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

„Smart City“ ist als Metapher als wissenschaftlicher Terminus eigentlich ungeeignet. Scrollt man sich durch Beiträge zum Thema, merkt man schnell, wie schwammig der Begriff verwendet wird. Aber ich will an dieser Stelle keine methodologische Grundsatzkritik liefern, was eigentlich notwendig wäre, sondern einer anderen Frage nachgehen: Inwiefern ist eine zunehmende technische Vernetzung in einer Stadt für die Kulturproduktion relevant? „Kultur“ ist hier im engeren Sinn gemeint, also die Produktion von kulturellen Gegenständen: Theater, Konzerte, Ausstellungen, Bücher. Auf den ersten Blick scheint es so, als sei das Niveau der technischen Entwicklung für erstklassige Kulturproduktion irrelevant: Ein elektronisches Eselkarren-Leitsystem in Athen hätte die Philosophie Platons und Aristoteles vermutlich nur bedingt bereichert. Geht man im Geiste die diversen kulturgeschichtlichen Hotspots durch, fällt zumindest mir kein Beispiel ein, wo Technologie einen direkten Einfluss auf geistige Leistungen gehabt hätte. Offensichtliche Ausnahme ist die Architektur, obwohl auch hier viele Völker mit einfachsten Mitteln Höchstleistungen erbracht haben, wie etwa die Hethiter und Inka. Die Herstellung ästhetischer Gegenstände ist eigentlich erschreckend einfach: Autoren, Komponisten, Künstler kommen meist mit wenig Werkzeug aus.

Anders sieht die Sache freilich aus, wenn man Kommunikationstechnologien als Katalysatoren für Kulturproduktion analysiert. Der Buchdruck veränderte die Geistesproduktion als Horizontöffner einerseits für Intellektuelle, welche plötzlich Zugang zu einer inspirierenden Fülle von neuen Quellen hatten. Andererseits verbreiterte sich die intellektuelle Basis: Aus einer Handvoll Humanisten entwickelte sich in relativ kurzer Zeit eine große Gelehrtenrepublik. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hätte eine auch kulturell smarte City großes Potenzial. Zwar stehen heute den meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften durch Digitalisierung eine nicht mehr zu überschauende Fülle von hoch qualitativen Inhalten zu Verfügung. Was aber nur sporadisch existiert, ist der digitale Zugang zu Kulturveranstaltungen.

Man stelle sich das am Beispiel Wiens vor: Jede Aufführung des Burgtheaters, jede Aufführung der Staatsoper, jede Aufführung im Musikvereins, jede Aufführung im Konzerthaus und aus allen anderen Einrichtungen würde in hoher Qualität live übertragen. Diverse Interaktionsmöglichkeiten könnten genutzt werden. Eine Kulturthek stellte alle Aufzeichnungen dauerhaft zur Verfügung. Damit demokratisierte man nicht nur weiter den Zugang zur Hochkultur, man gäbe dem Nachwuchs auch jede Menge Anregungen für eigene Kunstproduktion. Die Basis würde weiter verbreitert. Alle Bildungsinstitutionen bekämen neue didaktische Möglichkeiten. Etablierte sich das für alle Smart Cities, könnte man weltweit bei allen kulturell relevanten Institutionen live dabei sein. Warum sollte man die Münchner Inszenierungen des Martin Kusej nicht immer von Wien aus ansehen können, nur weil ihn die hiesige Kulturpolitik aus dem Land gejagt hat?

Es mag weitere Beispiele für kulturelle Smart Cities geben. Ich plädiere jedenfalls dafür, die Diskussion nicht auf wirtschaftliche und technische Aspekte zu beschränken. Jedes Smart-City-Projekt sollte einen Kulturbeauftragten ernennen.

Siehe auch meinen Artikel: metropolis, hell yeah!.

2 Antworten auf Smarte Kultur?

  • BaaamDaaam sagt:

    Mir drängt sich hier die Frage auf inwieweit eine Hochkultur in den Städten erstrebenswert wäre. Ich persönlich denke beim Begriff Smart City nicht an Kultur. Für mich impliziert der Begriff eher eine ökologische Komponente. Das heißt wie kann man die Stadt effizienter in Bezug auf Energieverbrauch etc. gestalten. Doch das schließt ein, dass eine Städteplanung verfolgt wird, die rein funktionsorientiert und auf Sparsamkeit bedacht ist. Aber gerade moderne Kulturen verfolgen neben solchen Zielen anscheinend weitere Ziele. Es geht hierbei der Stadt einen Sinn zu geben, ihr Leben einzuhauchen in Form von Kultur. Auch die moderne Architektur geht immer weiter in diese Richtung. D.h. es geht immer weniger darum, Straßennetze zu bauen, die schnell von A nach B führen. Der Mensch der Großstadt will unterhalten werden. Und eigentlich sind rein praktisch gesehen Gassen, verwinkelte Wohngebiete und enge Straßen, die dem Autofahrer oft Kopfzerbrechen bereiten, völlig sinnfrei. Insofern sehe ich das mit der Smart City genauso. Was du hier beschreibst, ist warscheinlich eine Technisierung der bestehenden Möglichkeiten, sei es die Produktion oder der Konsum von „Kultur“. In diesem Diskurs und der Aufkommenden Verwirrung beim Begriff Smart City fällt mir schnell auf wie Recht du damit hast, dass man den Begriff kaum eingrenzen kann. Das verhält sich allerdings ebenso beim Begriff „Kultur“. Denn Hochkultur ist nur eine Komponente des Kulturbegriffs, was dir sicherlich bekannt ist. Ich wollte hiermit nur auf weitere Deutungsmöglichkeiten hinweisen und oder meinen Senf angeben.

    mfG

  • Konrad P. sagt:

    … wollte als Architekturschaffender gestern schon antworten.

    Auch ökologisch/ökonomisch gesehen ist eine Stadt an sich schon sehr smart.
    Das bestwärmegedämmte Nullenergiehaus am Land benötigt 2 Autos vor der Tür, einen Schulbus für die Kinder, Postzustellungen, Erhaltung von Straßen und des Kanals…
    Das beste, was man der Umwelt und seinem und dem kollektiven Geldbörsel antun kann, ist in die Stadt zu ziehen oder zumindest in die Nähe seiner Arbeitsstätte.

    Dass sich die Stadt durch IT erweitert und verändert und das Smarte bald nicht nur in der gebauten Hardware steckt, sondern Stadt überall sein kann ist smart, aber ist das dann noch Stadt?

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(5. Januar 2013)

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