Thomas Bernhard: Auslöschung

Obwohl ich von Thomas Bernhard fast alles mehrmals las, war die Auslöschung hier die Ausnahme. Meiner Erinnerung nach war sie mein erstes Buch von Bernhard, das ich kurz nach dem Erscheinen in den achtziger Jahren erwarb. Es brachte mich auf den Geschmack, und ich las mich nach und nach durch das Gesamtwerk.

Jetzt also die Zweitlektüre. In meinem Lesegedächtnis hatte ich es als boshafter abgespeichert als ich es nun empfunden habe. Aber das liegt sicher daran, dass es Bernhard-Texte gibt, deren Beschimpfungsdichte noch furioser ist. Die Auslöschung wird gerne als opus magnum des Autors anzusehen und dafür es gibt dafür viele gute Argumente. Nicht nur greift er alle ihm wichtigen Themen in einer fast systematischen Form wieder auf. Er reflektiert im Text auch ungewöhnlich oft über seine Ästhetik. Selbstverständlich ist auch diese Selbstreflexion wieder ironisch gebrochen, etwa wenn nach einer Passage zum Thema Übertreibung dann die Behauptung folgt, in Wahrheit sei der Erzähler ein Untertreiber.

Wie souverän Bernhard seine Erzählmittel beherrscht, zeigt bereits der Anfang des Buches. Die ersten knapp 250 Seiten steht der Erzähler mit Familienbilder an seinem Schreibtisch und setzt zu jeder Menge an Exkursen an, welche nicht nur seine aktuelle Lebenssituation samt Vorgeschichte beleuchten, sondern auch Wolfsegg und seine Familienangehörigen ausführlich einführen. Sollte es wirklich noch jemand geben, der Bernhard als Realisten missversteht (wie zu Lebzeiten viele österreichische Politiker und der Boulevard), der sollte über derartige Strukturen einmal ausführlicher nachdenken.

Wenn man literarische Geistesverwandte von Bernhard sucht, wäre es völlig falsch, an politisch engagierte Autoren im engeren Sinn (wie etwa Sartre) zu denken. Man versteht ihn besser, wenn man seine Werke in eine Tradition mit denen von Laurence Sterne oder Jean Paul stellt. Bernhard spielt mit seinen Lesern ein Katz-und-Maus-Spiel auf mehreren Ebenen und macht sich gleichzeitig in raffinierter Weise über sie lustig. Je länger ich Bernhard lese, desto fester bin ich davon überzeugt, dass man ihn am besten als hochkomischen Autor versteht.

Thomas Bernhard: Auslöschung. Werke Band 9 (Suhrkamp)

Eine Antwort auf Thomas Bernhard: Auslöschung

  • man sagt:

    Hochkomisch – da pflichte ich bei. Mehrfach gebrochene Ironie fliegt einem um die Ohren: man weiß nicht mehr, was eigentlich wie gemeint ist. Sind etwa die monströsen Schimpftiraden wirklich nur Schimpftiraden oder nicht doch heimliche Liebeserklärungen? Oder wenigstens bloß unernste Witzeleien, die nur den treffen, der sich beschimpft fühlt? Ist das Unernste vielleicht doch ernst gemeint, das Ernste unernst? Ist was ironisch klingt, nichtironisch gemeint? Thomas Bernhard bezeichnete sein literarisches Programm einmal als philosophisches Lachtheater. Und in der Tat, denke ich, gelang es ihm wie keinem sonst, philosophisch hochbrisante „Existenzialismen“ mit unschlagbarem Humor garniert zu servieren, und somit das paradoxe Kunststück, sich mit vollstem und ernstgemeintestem Ernst den tiefsten Fragen menschlicher Existenz zu widmen, indem er sich über ebendiese Existenz ununterbrochen lustig machte. Einfach köstlich.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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