Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Zum fünften Mal das Erste Buch wieder einmal beendet.

Der Bildungsroman einer Person, das ist ein Typus des Romans. Der Bildungsroman einer Idee, das ist der Roman schlechtweg.
(Robert Musil)

Es gibt hier über 2000 Beiträge, und ich wäre jede Wette eingegangen, dass sich mindestens einer davon ausführlich mit dem Mann ohne Eigenschaften beschäftigt. Handelt es sich dabei doch um eines meiner (bereits mehrmals gelesenen) Lieblingsbücher, was die zahlreichen anderen Notizen über Musil zeigen. So war ich sehr überrascht, als mir jemand schrieb, er hätte hier vergeblich nach dem MoE (so nennen die Eingeweihten den Roman) gesucht.

Diese Lücke muss jetzt natürlich geschlossen werden. Wie über alle großen Werke Weltliteratur könnte man auch über den MoE ein dickes Buch schreiben, weshalb ich mich hier auf einige herausragende Punkte beschränken muss. Ich finde vor allem zwei Aspekte faszinierend: Die geschliffene, ironische Präzision der Sprache und das intellektuelle Programm des Romans. Über Musils Stil gibt der berühmte erste Absatz des Buches bereits einen exzellenten Eindruck:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Satumringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern, Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

Fast jeder Satz dieses dicken Buchs ist ein ausgefeiltes Meisterwerk. Wie genau es Musil mit der Textarbeit nahm, das belegen die unzähligen Manuskriptvarianten einzelner Kapitel. Er war ein Perfektionist, stellte höchste Qualitätsansprüche an sich und feilte so lange am Text, bis er einigermaßen zufrieden war. Dieser Entstehungsprozess lässt sich dank der Faksimiles in der neuen digitalen Ausgabe auch für Laien gut nachvollziehen.

Musils Konzept des Romans war ein höchst anspruchsvolles. Er wollte durch das Buch einen Beitrag zur geistigen Bewältigung seiner Zeit liefern, und zwar in einem engeren Sinn als sonst bei Autoren üblich. Musil ging es einerseits um eine Darstellung verschiedener exemplarischer Weltanschauungen, andererseits um einen grundlegenden Vorschlag, wie das seines Erachtens drängendste grundsätzliche Problem, die Kluft zwischen Gefühl/Mystik und Verstand/Ration zu überbrücken sei. Was die Weltanschauungen angeht, führt Musil dazu einzelne Figuren ein, welche sie vertreten. Das klingt nach einer eher unbeholfenen Erzähltechnik, Musil exekutiert das aber so subtil und brillant, dass einem die Figuren lange nach der Lektüre noch im Gedächtnis bleiben.

Den Brückenschlag zwischen Gefühl und Verstand „diskutiert“ der Roman rund um den „anderen Zustand“, der nahe an „mystischen“ Zuständen ist. Musil versucht den Zustand rational-hellsichtig zu beschreiben, um ihn damit aus der denkfaulen Esoterikecke zu ziehen. Er war seit seinen jungen Jahren ein Rationalist, der sich aus dieser Perspektive mit dem Irrationalen befasst.

Obwohl Musil seit den zwanziger Jahren bis zu seinem Tod 1942 intensiv am MoE arbeitete, blieb der Roman Fragment. In der Forschung gibt es eine lange Diskussion über den fragmentarischen Charakter. Die Spannweite reicht von konkreten Rekonstruktionsvorschlägen, wie ein Ende hätte aussehen können, bis hin zu Behauptungen, das Buch sei aus intrinsischen Gründen gar nicht zu vollenden gewesen. Deshalb ist der Editionsstatus des Romans (siehe Link oben) in Buchform derzeit unbefriedigend. Die im dritten Buch versammelten Fragmente können durch ihre Anordnung den unvoreingenommenen Leser mehr verwirren als erhellen.

Meine Empfehlung ist deshalb, die ersten beiden Bände des Romans zu lesen. Aufgrund der Länge des Werks, spricht auch nichts gegen eine Lesepause zwischen Band 1 und Band 2. Der Band 3 der aktuellen Buchedition sollte man nur dann angehen, wenn man sich vorher eingehender über die Editionslage informiert. Ansonsten erwartet man eine Form des Romanendes und ist über dessen Ausbleiben dann enttäuscht.

Wer sich auf den Mann ohne Eigenschaften samt seinen abstrakteren Frageeinstellungen einlassen kann, den erwartet eines der besten Leseerlebnisse, das die Weltliteratur zu bieten hat.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (Rowohlt)

4 Antworten auf Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

  • Konrad P. sagt:

    manchesmal würde ich gerne flattr-n. Könntest du das implementieren?

  • Ich verwende hier eine gehostete WordPress-Version, die ich leider nicht anpassen kann. Früher oder später will ich aber auf eine „eigene“ umsteigen.

  • zeder sagt:

    Die Musil-Ikonographie hat in dieser Beschreibung ein Mosaiksteinchen dazubekommen. Man sollte aber vielleicht doch nicht derart gewaltige Erwartungen schüren, denn wie man weiß: Wer wird nicht einen Musil loben? Doch wird ihn jeder lesen – nein. Wir wollen weniger erhoben und desto mehr gelesen sein.
    Wie denn: Ironie ist geschliffen? Oder nicht doch eher das Schillernde, Uneindeutige, Nicht-ganz-auf-den-Punkt-Gebrachte? Die wahren Ironiker sind Ambiguitätsapostel, die es nicht auf Perfektion und Präzision abgesehen haben. Nur darf dieses Uneindeutige nicht ziseliert werden wie eine technische Planskizze. „Und doch auch wieder nur“ (MoE, Kap. 62). Was ist es? Literatur? Philosophie? Wissenschaft?

  • Ohrenzeuge sagt:

    Ausnahmsweise (ich bin kein großer Freund von Hörbüchern) ist auch Wolfram Bergers Lesung des Romans überaus empfehlenswert, z.B. für gestresste Autofahrer……

    http://goo.gl/Bi0v3e

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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