Leo Perutz

St. Petri-Schnee. Roman. (dtv)

Bisher hatte ich nichts von Leo Perutz gelesen, was sich jetzt als Fehler herausstellt. St. Petri-Schnee (1933) wählte ich zufällig aus, und ich war sehr beeindruckt von Perutz‘ Erzählkunst. Er schafft nämlich das seltene Kunststück, an der Oberfläche eine leicht lesbare, spannende Geschichte zu erzählen und trotzdem mehrere doppelte Böden einzubauen. Diese Kombination gelingt nur wenigen Autoren, da die erzähltechnisch Anspruchsvolleren meist auch zu einem hermetischeren Stil tendieren (was nicht negativ gemeint ist).

Sehr raffiniert ist die Erzählperspektive! Als Leser weiß man eigentlich während des gesamten Romanes nicht, ob der Berichterstatter, ein junger Arzt namens Dr. Arnberg, diese haarsträubende Geschichte wirklich erlebt hat, oder sie in seinem Krankenhauszimmer nach einem Unfall einfach zusammen fantasiert. Perutz wandert selten geschickt auf dem Pfad der erzählontologischen Verunsicherung.

Die Geschichte greift auch sehr intelligent philosophische und geistesgeschichtliche Fragen auf. Der Schurke des Buchs, Freiherr von Malchin, arbeitet an einem grotesken Projekt: Er will in seinem Labor eine Droge synthetisieren, welche die Massen wieder in religiöse Verzückungszustände versetzt. Das wirft nicht nur die Frage, nach der Existenzursache von Religion auf, sondern gibt auch eine für die damalige Zeit quasi avantgardistische naturwissenschaftliche Pseudoerklärung dafür ab.

St. Petri-Schnee ist ein intelligenter, unterhaltsamer und raffiniert konstruierter Roman. Was will man mehr?

Eine Antwort auf Leo Perutz

  • Alexander Wagendristel sagt:

    Sehr treffender Kommentar! Am liebsten von Perutz mag ich ja „Zwischen neun und neun“, aber auch die anderen Romane haben mich immer überzeugt, meist sogar mitgerissen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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