Engagement für ein großes Werk

Der Briefwechsel Martha Musils [1999]

Robert Musils Beziehung zu seinen Verlegern war Zeit seines Lebens eine problematische. Die Publikation seiner Bücher erforderte eine Reihe verlegerischer Tugenden, die damals wie heute Seltenheitswert besitzen, vor allem die Bereitschaft, ökonomische Risiken einzugehen, und den Willen, anspruchsvollen Werken zum Durchbruch zu verhelfen. Musil machte es seinen Verlegern aber auch alles andere als einfach. Die Publikationsgeschichte seines Hauptwerks zeigt das sehr deutlich. Ohne das große Stilbewußtsein und den kompromißlosen künstlerischen Gestaltungswillen des Autors, hätte der Mann ohne Eigenschaften (MoE) nie entstehen können. Doch diese langsame, ästhetisch sorgfältige Arbeitsweise hatte, wenig überraschend, eine ökonomische Kehrseite: Jahr um Jahr mußte Musil seinen Verleger Ernst Rowohlt vertrösten, und die Spannungen zwischen beiden nahmen ständig zu. 1930/31 konnte endlich der erste Band des Romans (Erstes Buch, Kapitel 1-123) erscheinen, zwei Jahre später dann ein Teil des zweiten Buches (Kapitel 1-38). Obwohl von Kennern enthusiastisch begrüßt, gelang Musil damit nicht der ersehnte literarische Durchbruch, was natürlich auch mit der Machtübernahme der Nazis zusammenhing. Bis zum Tag seines Todes, dem 15. April 1942 in Genf, arbeitete Musil weiter an seinem opus magnum und hinterließ eines der vollendetsten Fragmente der Weltliteratur. In den vierziger Jahren war Musil jedoch fast vergessen, seine Wiederentdeckung setzte erst ein Jahrzehnt später mit der umstrittenen Neuausgabe seiner Werke durch Adolf Frisé ein.

Zwei von Marie-Louise Roth herausgegebene Briefwechsel Martha Musils erlauben nun erstmals, sich ein genaueres Bild über die Schwierigkeiten zu verschaffen, die in den vierziger Jahren mit der angestrebten Neuauflage der Werke Musils verbunden waren. Denn nach dem Tod Ihres Gatten setzte Martha Musil alle Hebel in Bewegung, um einen passenden Verlag dafür zu interessieren. Das Buch umfaßt die ausführlich kommentierten Briefwechsel mit dem heute weitgehend vergessenen Schweizer Essayisten und Publizisten Armin Kesser (1906 – 1965), der den größten Teil des Bandes füllt, sowie die Korrespondenz mit Philippe Jaccottet (*1925), dem französischen Übersetzer Musils. Damit liegt freilich nur ein kleiner Teil ihrer Korrespondenz vor, denn sie erwähnt im März 1949 sechs Damen und zweiundzwanzig Herren, mit denen sie in brieflichem Kontakt stünde (S. 275).

Der schriftliche Austausch mit Kesser umspannt den Zeitraum vom Herbst 1942 bis kurz vor ihren Tod am 24. August 1949. Die Beziehung zwischen beiden ist komplex und sie richtig zu rekonstruieren ist nicht einfach, weil für die ersten Jahren nur sehr wenig Briefe Kessers überliefert sind, so daß sich zwangsläufig ein einseitiges Bild ergibt. Martha Musil sah in Kesser einen Geistesverwandten ihres Mannes, weshalb sie großen Wert auf dessen Mitarbeit bei der Neuordnung des Nachlasses und der Konzeption des dritten Bandes des MoE legte. Während Martha Musil häufig und ausführlich an Kesser schrieb, hielt sich dieser auf Distanz, anders sind ihre vielen Klagen über fehlende Antworten und unbeantwortete Fragen nicht zu erklären. Andererseits sind die abgedruckten Briefe Kessers oft durchaus mitfühlend, und es zeugen auch Geschenke und zahlreiche Telefonate für sein Interesse an der Briefpartnerin. Mit der Zeit entwickelte sich jedenfalls ein höheres Maß an Vertrautheit, und Martha Musil brachte ein erstaunliches Verständnis für den schwierigen Charakter Kessers auf. Der Kontakt mit ihm kam bereits zu Lebzeiten ihres Mannes zustande. Es sind auch einige – allerdings unbedeutende – Briefe Robert Musils an Kesser überliefert, und Martha charakterisiert ihn bereits in einem Brief vom 30.1. 1940 an ihre aus ihrer zweiten Ehe mit Enrico Marcovaldi hervorgegangenen Tochter Annina als „einen sehr netten, ernsten jungen Schriftsteller“.

Im Jahr 1943 gelingt es Martha Musil schließlich auf Subskriptionsbasis einen Band mit Nachlaßkapiteln des MoE bei der Imprimerie Centrale in Lausanne herauszubringen, etwas irreführend als „Dritter Band“ deklariert. Nachdem ihre weiteren Bemühungen keinen Erfolg zeitigten, verläßt sie im August 1946 Europa und fliegt von Paris aus zu Ihrer Tochter Annina Rosenthal in die USA. Sie wohnt dort bei ihrer Familie in Philadelphia, unterbrochen durch Aufenthalte in New York. Obwohl sie vielversprechende Kontakte knüpfen kann, beispielsweise zu Alfred Knopf, gelingt es ihr nicht, einen amerikanischen Verlag für die Übersetzung und Publikation der Werke Musils zu gewinnen. Diese Mißerfolge führen, zusammen mit familiären Spannungen, im Juli 1947 zu ihrer Rückkehr nach Europa. Die letzten zwei Jahre Ihres Lebens wird sie bei Ihrem Sohn Gaetano Marcovaldi in Rom wohnen.

Obwohl das Buch- und Verlagsgeschäft in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein schwieriges Unterfangen war, ist das Verhalten einiger Verleger gegenüber Martha Musil kein Ruhmesblatt für die Branche. Zwar gab es Angebote kleinerer Häuser, das Werk Musils neu herauszubringen, doch Martha Musil lehnte diese Angebote ab bzw. zögerte definitive Antworten hinaus. Das ist insofern sehr beachtlich, als sie diese Einkünfte dringend notwendig gehabt hätte, sie aber trotz dieser ökonomischen Zwänge keinerlei Kompromisse einging. Als geeignete Verleger erschienen ihr Eugen Classen und Henry Govert, die zusammenarbeiteten und von denen sie vage Zusagen hatte. Anstatt diese aber einzulösen, begann ein unwürdiges Taktieren: Briefe wurde nicht oder sehr spät beantwortet, fadenscheinige Ausreden wurden vorgebracht, auf halbe Zusagen folgten wieder halbe Absagen usw. Das Blatt wendete sich erst im Februar 1949, als Ernst Rowohlt Martha Musil kontaktierte. Doch Ihre Sorgen waren damit noch nicht ausgestanden, denn ein geplantes Treffen kam nicht zustande, und Martha Musil starb am 24. August 1949, bevor eine verlegerische Lösung erreicht worden war, die ihre hohen Ansprüche befriedigt hätte.

Es wäre ungerecht, die Briefwechsel auf das publikationsgeschichtlich Verwertbare zu reduzieren, auch wenn dieser As-pekt für die Musil-Forschung besonders aufschlußreich ist. Denn die Briefe haben selbstverständlich auch einen Eigenwert, indem sie dem Leser eine facettenreiche Persönlichkeit vor Augen führen. Martha Musil war eine psychologisch einfühlsame Korrespondentin, intellektuell in ihren Urteilen unabhängig und stand deshalb dem Werk ihres Mannes durchaus nicht unkritisch gegenüber. Ihre Schilderung des öden Philadelphia, denen dann die positiven Eindrücke aus New York folgen, zeugen ebenso von ihrem Talent Briefe zu schreiben, wie ihre kleinen Exkurse zur bildenden Kunst.

Leider kann ich diese Rezension nicht abschließen, ohne auf die Ärgernisse der aktuellen Editionslage hinzuweisen, die ein ausgesprochen trauriges Bild darbietet. Denn der Rowohlt Verlag ist offenbar nicht in der Lage, die Werke eines seiner wichtigsten Schriftsteller vollständig lieferbar zu halten. Zwar liegt das belletristische Oeuvre mehr oder weniger komplett vor; die gewichtigen Essays, Reden und Kritiken jedoch sucht man derzeit in der Buchhandlung vergebens. Angesichts der Bedeutung des Autors wäre auch die Herausgabe einer preislich leserfreundlichen Gesamtausgabe dringend notwendig. Diese sollte selbstverständlich auch die Tagebücher (derzeit DM 160.-) und Briefe (DM 440.-) umfassen, damit man auch sie endlich einem breiteren Lesepublikum zugänglich machte.

Martha Musil: Briefwechsel mit Armin Kesser und Philippe Jaccottet. Herausgegeben von Marie-Louise Roth in Zusammenarbeit mit Annette Daigger und Martine von Walter. 2 Bände. 637 Seiten. Bern: Peter Lang 1997 (Musiliana, Band 3).

[Literatur und Kritik Nr. 333/334, Mai 1999. © Christian Köllerer]

2 Antworten auf Engagement für ein großes Werk

  • BigBen sagt:

    Recycling ist OK, aber es wäre schön, wenn Du den Absatz über die Editionslage aktualisiert hättest. Oder hat sich da nichts geändert?

  • Das ist kein Recycling, sondern eine Migration von der alten Seite auf die neue. Ziel ist, dass alle meine Publikationen auch hier zu finden sind. Nachdem das Druckfassungen sind, möchte ich daran auch nichts ändern.

    Inhaltlich gibt es leider auch nichts Neues. Die neue digitale Musil-Edition wird erst am 6. November in Klagenfurt vorgestellt. Werde wohl daran teilnehmen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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