Xenophon: Zug der Zehntausend

Antike Historiker lese ich seit Jahren gerne und Thukydides zählt seit meiner ausführlichen Beschäftigung mit ihm und dem Peloponnesischen Krieg zu meinen bevorzugten Klassikern. Xenophon zählt zu den berühmtesten antiken Historikern, auch wenn seine „Popularität“ im Laufe des 20. Jahrhundert deutlich nachgelassen hat. Höchste Zeit also, seine Anabasis zu lesen.

In ihr beschreibt Xenophon den Rückzug eines griechischen Söldnerheeres aus Mesopotamien. Der Perser Kyros wollte seinen Bruder mit militärischer Hilfe der Griechen stürzen. Bei der Entscheidungsschlacht wurde Kyros aber selbst getötet. Die Griechen waren nun abgeschnitten mitten in Feindesland und mussten sich durch unwirtliche Gegenden und unfreundliche Einheimische zurück ans Meer durchschlagen. Diese Expedition beschreibt Xenophon zu deren Führern er unerwartet wurde.

Literaturgeschichtlich wird die Anabasis gerne als erste Autobiographie verkauft und angesichts der apologetischen Tendenzen ist das eine plausible Perspektive auf die Lektüre. Xenophon rückt sich immer wieder ins beste Licht und stilisiert sich (oft mehr indirekt) als großen Feldherrn in der Nachfolge des Kyros, den er nach seinem Tod einer ausführlichen Würdigung unterzieht.

Seine Wahl zum Feldherrn hat einen direkten Einfluss auf den Stil des Buches. Sind die ersten beiden Bücher nüchtern bis trocken beschreibend, wechselt der Text nach Xenophons Wahl zu einem erzählenden Duktus. Seine Erzählkunst ist denn auch die herausragende Eigenschaft der Anabasis. Er beschreibt den dramatischen Rückzug sehr anschaulich und spannend. Allerdings wünscht man sich ab und zu mehr kulturgeschichtliche und ethnographische Beobachtungen. Das konnte Herodot besser und natürlich muss man bei Xenophon ebenfalls auf elegant eingestreute mythologische Geschichten verzichten. Im Vergleich zu Thukydides fehlt ihm die analytische Schärfe und Selbstkritik.

Nur im ersten Buch gibt es einige scharfe Bemerkungen aus denen deutlich hervorgeht, dass die Griechen, wie alle Söldner vor und nach ihnen, nur eines im Kopf hatten: Geld und Beute.

Wer sich für antike Geschichte interessiert, ist mit der Lektüre des Buches gut beraten. Abschließend noch eine Bemerkung zur Ausgabe von Artemis & Winkler. Sie ist durchaus solide gemacht und greift auf die anerkannte Übersetzung von Walter Müri zurück. Allerdings ist der Text zu klein gesetzt, was angesichts der Kürze völlig unverständlich ist.

Xenophon: Zug der Zehntausend [Anabasis] (Artemis & Winkler)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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