Victor Hugo: Die Elenden. 3 Bände

Die 1500 Seiten dieses Romans schrieb Victor Hugo zwischen 1845 und 1862 (mit Unterbrechungen). Nach der Publikation wurde er zu einem Welterfolg und gehört nach wie vor zu den bekanntesten Romanen des 19. Jahrhunderts. Hinreichende Gründe, diese umfangreiche Lektüre anzugehen.

Zu Beginn stellt sich die Formfrage: Ist es tatsächlich ein Roman? Dafür spricht, trotz zahlreicher Exkurse aller Art, dass es ein durchgehendes Handlungsgerüst samt Hauptfiguren gibt, welche im Zentrum des Werks stehen. Dagegen könnte man einwenden, dass der strukturelle Zusammenhalt oft nur lose ist und jeder der fünf Teile eine eigenständige Exposition aufweist. So ist man vermutlich näher an der Wirklichkeit, wenn man „Die Elenden“ als eine Romanserie kategorisiert.

Hugo malt sein umfangreiches Sittenpanorama Frankreichs anhand der Lebensgeschichte des ehemaligen Zuchthäuslers Jean Valjean. Dieser fängt nach der Begegnung mit dem als Heiligen stilisierten Bischof Myriel ein neues Leben an. Er wirkt als Wohltäter der Gesellschaft und wird durch eine industriell verwertbare Erfindung reich. Als durch eine Verwechslung ein Unschuldiger an seiner Statt ins Bagno geschickt werden soll, offenbart Jean Valjean aus Gewissensgründen seine Identität und wird erneut ein Häftling. Sein Gegenspieler ist der Polizeiinspektor Javert, ein fanatischer Polizist, der Jean Valjean um jeden Preis zur Strecke bringen will. Sein sturer Rechtspositivismus erlaubt keine Gnade. Als ihm Valjean gegen Ende des Werks das Leben rettet, verwirrt Javert diese Tat so sehr, dass er Selbstmord begeht.

Weitere zentrale Figuren sind Cosette, um die sich Valjean wie ein Vater kümmert, sowie deren späterer Ehemann Marius, ein idealistischer junger Mann aus Paris, wie man ihn auch aus dem Werk Balzacs kennt.

Das Ziel Hugos ist zweifellos enzyklopädischer Natur: Geschichte und Gesellschaft der nachnapoleonischen Zeit so umfangreich wie möglich darzustellen. Der Schwerpunkt liegt dabei, wie der Titel „Die Elenden“ deutlich macht, auf den Problemen der sozial Schwachen. Eine Fülle von Nebenfiguren aller Couleur erfüllen diesen Zweck. Gleichzeitig gibt es eine Menge von historischen und anderen Exkursen, etwa über das Pariser Kanalsystem.

Die größte Schwäche des Werks ist denn auch diese Disparatheit. Formal kann Hugo diese Fülle nicht überzeugend zusammenhalten. Der Rhythmus des Romans wird immer wieder unangenehm durchbrochen. Dies könnte eine ästhetisch moderne Strategie sein, doch von Modernität ist Hugo weit entfernt. Er bleibt in Sachen Realismus regelmäßig hinter Balzacs Erzählkunst zurück. So detailverliebt er viele Lebensumstände auch beschreibt, so unrealistisch sind eine Reihe seiner Figuren. Als Beispiele seien Bischof Myriel und Jean Valjean und deren „Heiligkeit“ genannt.
Die Handlung greift nicht selten auf Melodramatik und unwahrscheinliche Kolportage zurück, was durchaus unterhaltsam sein kann. Das übergangslose Anschließen eines historisch-politischen Kapitels an eine „triviale“ Passage wirkt jedoch völlig deplatziert und verstärkt die kompositorische Schwächen exponentiell.

Die Verknüpfung von großer Geschichte mit einer Romanhandlung ist ausgesprochen schwierig. Selbst Tolstoi scheiterte in „Krieg und Frieden“ daran, dem ebenfalls diese expliziten historischen Kommentare schaden. Hätte sich Hugo darauf beschränkt, die Handlung mit entsprechenden Ereignissen zu verknüpfen, was er mit den Abschnitten über Waterloo und die Barrikaden im Juli 1832 vorzüglich kann, hätten „Die Elenden“ sehr gewonnen. Ein herausragendes Beispiel dieser empfehlenswerten Vorgehensweise lieferte viel später Heimito von Doderer mit seinen „Dämonen“ ab.

Trotzdem las ich diese 1500 Seiten nicht ungerne. Der Schwächen ungeachtet, lebt man einige Zeit mit interessanten Figuren. Zu einer Lektüre würde ich aber nur dann raten, wenn man die deutlich besseren „Wälzer“ dieser Zeit bereits gelesen hat, also die großen russischen Romane etwa und die gelungeneren von Dickens wie „Bleak House“.

Victor Hugo: Die Elenden (Volk & Welt)

Eine Antwort auf Victor Hugo: Die Elenden. 3 Bände

  • Barolojoe sagt:

    ´

    Meine Lektüre von ‚Les Miserables‘ (in der ungekürzten deutschen Ausgabe aus dem ‚Volk und Welt‘ Verlag) liegt fast 15 Jahre zurück.

    Damals hatte ich von einigen anderen geschätzten französischen Erzählern aus dem 19. Jahrhundert: Stendhal , Flaubert, Honoré de Balzac und Emilé Zola noch kaum etwas gelesen. Mittlerweile besitze ich da einen etwas besseren Überblick, und einige Unterschiede zwischen diesen Autoren in der Milieu- und Menschenschilderung gibt es durchaus.

    Hierzu ein älterer Artikel über ‚Die Elenden‘ in der ‚Zeit‘ aus dem Jahre 1979:

    Einige Kernaussagen daraus:

    >>Obschon Victor Hugo für die – teilweise breit angelegten – Dokumentarpartien sorgfältige Recherchen angestellt hat, sind ihm darin etliche Ungenauigkeiten nachgewiesen worden. Es kann nicht darum gehen, diese Kritik zu wiederholen, schon gar nicht darum, ihm nachträglich eine Genauigkeit der Dokumentation abzuverlangen, wie sie – kurz nach ihm – Emile Zola aufgeboten hat.

    Was freilich in den „Elenden“ auffällt, ist die allzu lose Verknüpfung zwischen dem Personenkreis des Romans und den Zeitbildern: Die Personen werden in sie nicht hinein-, sondern davorgestellt – die Zeitbilder bleiben mit einem Wort Kulisse, wenn auch sehr pittoreske Kulisse .

    Und dieses bloße Nebeneinander von Mikro- und Makrokosmos führt dazu, dass auch die geschilderten gesellschaftlichen Missstände, die Misere der Miserables, ihrerseits nur in den pittoresken, wenn auch krass gezeichneten Details erscheint und – entgegen den erklärten Absichten des Autors – verniedlicht und verharmlost wird: so gesehen, steht Hugo der Sozialromantik näher als dem Sozialroman eines Zola.<<

    Wer bisher noch wenig vom "Schriftsteller & Sozialhistoriker" Emile Zola gelesen hat, und wen die Epoche, das Leben, Streben & Sterben in Frankreich in den Städten und auf dem Land zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs (1852-1870) interessiert, dem empfehle ich einige Titel aus Zolas 20-bändigem Hauptwerk, dem sogenannten Rougon-Macquart Zyklus:

    Vor allem 'La Curée'/'Die Beute', 'Germinal' & 'Nana'.

    Bei Gefallen danach dann: 'Totschläger', 'Der Bauch von Paris', 'Seine Exzellenz Eugène Rougon, 'Die Erde', 'Bestie Mensch', 'Die Eroberung von Plassans', 'Paradies der Damen', 'Das Werk' & 'Zusammenbruch'.

    Bevorzugt in den gebundenen Ausgaben aus dem alten DDR-Verlag 'Rütten & Loening' , günstig erhältlich in vielen (Online-)Antiquariaten…. :)

    ´

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(5. Januar 2013)

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