Thomas Hobbes: Leviathan. Dritter Teil

(Meiner Philosophische Bibliothek)

Dieser Teil fehlt ebenso wie der vierte unverständlicherweise in vielen Ausgaben des Leviathan. Vermutlich glauben viele Herausgeber, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bibelinterpretation, sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten. Dabei ist der dritte Teil „Von einem christlichen Gemeinwesen“ für die Argumentation des Buches unverzichtbar. Denn nachdem Hobbes in den ersten beiden Wesen die Notwendigkeit des Staats anthropologisch begründert und die Eigenschaften eines solchen Gemeinswesens (und der Beteiligten) beschreibt, lag im 17. Jahrhundert eine Frage auf der Hand: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?

Der Dreh- und Angelpunkt von Hobbes Staatstheorie ist die (buchstäblich) uneingeschränkte Souveränität des Monarchen. Deshalb argumentiert er (durchaus überzeigend) gegen die Auffassung, die Kirche sei das Königreich Gottes auf Erden.
Mindestens so interessant wie der Inhalt dieser Ausführungen ist jedoch seine Methode. Stärker noch als in der ersten Hälfte des Buches bevorzugt Hobbes eine klassisch analytische Vorgehensweise. Man vermeint oft einen modernen analytischen Philosophen zu lesen, sieht man einmal davon ab, dass Hobbes nicht mit Mitteln der formalen Logik arbeitet. Seine Untersuchung der Worte „Geist, „Engel“ und „Inspiration“ leitet er folgendermaßen ein:

Da die Grundlage aller wahren Beweisführung die feste Bedeutung von Worten ist, die in der folgenden Lehre nicht (wie in der Naturwissenschaft) vom Willen des Verfassers abhängt und auch nicht (wie im Alltagsgespräch) vom allgemein üblichen Gebrauch, sondern von dem Sinn, den sie in der Schrift haben, ist es notwendig, bevor ich fortfahre, nach der Bibel die Bedeutung solcher Wörter zu bestimmen, die durch ihre Doppeldeutigkeit das, was ich aus ihnen zu folgern im Begriff bin, unverständlich oder strittig machen könnten. (332)

Nebenbei formuliert Hobbes übrigens auch den Kern der Sprechakttheorie, dreihundert Jahre vor Austin:

Wenn vom Wort Gottes oder vom Wort des Menschen gesprochen wird, bezeichnet es nicht einen Redeteil, wie die Grammatiker ein Nomen oder ein Verb oder irgendeinen einfachen Ausdruck nennen, ohne Zusammenhang mit anderen Worten, die ihm Bedeutung geben; sondern eine vollkommene Rede oder Darlegung, durch welche der Sprecher bestätigt, leugnet, befiehlt, verspricht, droht wünscht oder fragt. (352)

Es überrascht nicht, dass er als brillanter Denker alle Ansprüche der Religion kritisch hinterfragt:

Denn wer Anspruch darauf erhebt, die Menschen den Weg zu solcher Glückseligkeit zu lehren, erhebt Anspruch darauf, sie zu beherrschen; das heißt über sie zu herrschen und zu regieren, etwas, was alle Menschen von Natur aus wollen und was daher verdient, der Machtgier und des Betrugs verdächtigt zu werden, und folglich von jedermann nachgeprüft und untersucht werden sollte, bevor er solchen Menschen Gehorsam leistet […] (365)

Man könnte noch eine Vielzahl solcher Stellen zitieren, u.a. über Wunder oder Engel. Kurz, Hobbes schreibt religonskritisch wie viele Vertreter der Aufklärung im nachfolgenden Jahrhundert. Zwar widerspricht seine Staatstheorie des Absolutismus ebenso den politischen Theorien der Aufklärung wie sein „dunkles“ Menschenbild dem anthropolischen Optimismus des voltairschen Zeitalters. Seine skeptische und methodenbewusste Denkweise kann man aber nur zur intellektuellen Avantgarde des 17. Jahrhunderts zählen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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