Cervantes: Don Quijote de la Mancha

Die Faszination dieses Romans auf die lesende Menschheit ist enorm. Die unerschöpfliche Vielfältigkeit der Themen, die das Buch durchflutende Intelligenz des Verfassers, der Einfallsreichtum en gros und en detail dürften einen wesentlichen Anteil an dieser Wertschätzung haben. Die des Spanischen Kundigen preisen die Verwendung unzähliger spanischer Sprachregister, was sich meiner Beurteilung allerdings verschließt. Die gerade abgeschlossene zweite Lektüre der tausenddreihundert Seiten der beiden Teile, bestätigte mich jedenfalls in meiner Auffassung, eines der wichtigsten und besten Bücher der Weltliteratur zu lesen.

Die Vorzüge des Textes in wenigen Zeilen hinreichend darzustellen, ist nicht möglich. Es seien deshalb wenige fesselnde Themenkreise angerissen. An erster Stelle kommt hier für Leser selbstverständlich das Bücherthema. „Don Quijote“ ist ein brillantes Buch über Bücher, das einem aufmerksamen Leser mehr über Literatur beibringen kann als viele literaturwissenschaftlicher Studien.

Es gilt als Gemeinplatz, dass es sich um eine großartige Parodie des frühneuzeitlichen Ritterromanunwesens handelt. Die „Großartigkeit“ liegt nun nicht in erster Linie an dem ursprünglichen kongenialen Einfall, einen durch das Lesen verrückt gewordenen Landadeligen, durch das Spanien des 16. Jahrhunderts rittern zu lassen, sondern an der verblüffenden Umsetzung dieser Idee. Cervantes beschränkte die Verrücktheit seines Helden auf das Thema des Rittertums und gab ihm gleichzeitig einem hellen Verstand mit auf dem Weg. Auch seine Belesenheit (nein, nicht nur Ritteromane) ist beeindruckend, antike Autoren kennt er ebenso wie den Verlauf der Weltgeschichte. Ein gebildeter Tor tritt uns also entgegen, was den Kontrast zur fixen Idee erzähltechnisch ebenso geschickt vergrößert, wie es die Möglichkeit plausibilisiert, einen kritischen Blick auf die spanische Wirklichkeit zu werfen.

Die meisten Autoren wären mit diesem Einfall zufrieden gewesen, aber Cervantes treibt das „Bücherthema“ noch weiter. Im Roman steckt eine Menge an expliziter Literaturkritik und Poetologie, man denke nur an das berühmte sechste Kapitel „Von der unterhaltsamen und sorgfältigen Prüfung, die der Pfarrer und der Barbier in der Bücherei unseres scharfsinnigen Edlen Herren vornahmen“. Doch auch damit nicht genug. Im zweiten Teil werden die Figuren mit literarischen Arbeiten über sich selbst konfrontiert! Die Figuren diskutieren über die Darstellung ihrer Abenteuer (2. Teil, Drittes und viertes Kapitel). Sie werden im Verlauf der Geschichte mit Menschen konfrontiert, welche den ersten Teil gelesen haben, und deshalb Don Quijote und Sancho Pansa besonders behandeln. Die Rezeption des ersten Teils hat also immanent Einfluss auf den Verlauf des zweiten Teils. Damit wird die literaturtheoretische Komplexität der Rezeption und das Fiktionalitätsproblem als Teil eines literarischen Werks mit großer Leichtigkeit dargestellt. Zum ersten Mal wird hier deutlich, welches intellektuelle Potenzial in der Gattung des Romans steckt. In Deutschland musste diese Einsicht bis zur Goethezeit reifen, in England ging es etwas schneller. Theoretisch wurden diese Zusammenhänge zwischen Fiktion und Realität in der Literatur größten Teils erst vierhundert Jahre später wirklich verstanden.

Einen anderen Themenkreis benennt man vermutlich am besten mit dem Prädikat „philosophisch“. Die Grundsituation des Buches ist erkenntnistheoretisch hochgradig brisant. So wurde denn in der Deutungsgeschichte ab und zu eine „platonische“ Lesart versucht. Bekanntlich formt der Held des Romans die Wirklichkeit nach seiner fixen Idee, was mit „Ideen“ im platonischen Sinn zwar nichts zu tun hat. Die grundsätzliche Erkenntnishaltung gegenüber der Wirklichkeit, nämlich dass geistig-abstrakte Konstrukte die Wirklichkeit formen (und nicht umgekehrt), ist dieser Denkschule allerdings tatsächlich verwandt. Dass wir hier nebenbei einen paradigmatischen Fall präsentiert bekommen, wie paranoide Wahnideen funktionieren, bzw. mit welchen Immunisierungsstrategien geschlossene Weltanschauungen arbeiten, ist ein weiterer Belegt für die Vielfalt des Buches.

Die ethische Dimension kommt ebenfalls nicht zu kurz, ist Don Quijote doch ein Idealist, der – ganz in der Rittertradition – den Schwachen beistehen, die Unterdrücker bestrafen und der Gerechtigkeit dienen will. Dass und wie er an seinen Weltverbesserungsvorhaben scheitert ist nicht nur hochgradig komisch, sondern veranschaulicht die stark zugenommene soziale und moralische Komplexität des damaligen Lebens, der mit einfachen (wenn auch edlen) Konzepten nicht mehr beizukommen war. Diese Einsicht ist vielen ja heute noch fremd.

Das Buch lässt sich selbstverständlich auch „nur“ als ein komischer Roman lesen, der ein nicht so unrealistisches Bild des zeitgenössischen Spanien liefert (300 Figuren aus allen Gesellschaftsschichten hat ein fleißiger Kollege einmal gezählt). Wie die meisten großen Werke der Weltliteratur, stellt sich der „Don Quijote“ auf seine Leser ein. Ein Lebensbuch.

Werkausgabe Zweitausendundeins oder die Neuübersetzung von Susanne Lange.

Eine Antwort auf Cervantes: Don Quijote de la Mancha

  • Herr Ärmel sagt:

    Ein feiner Kommentar – vielen Dank dafür.
    „Die Faszination dieses Romans auf die lesende Menschheit ist enorm“ bezieht sich nach meiner Einschätzung bestenfalls auf die ersten zweihundert Seiten. Dort kommen nämlich die immer wieder von aller Munde zitierten Kabinettstückchen vor. Schade eigentlich.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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