Dmitry Shostakovich, ein Dissident?

Solomon Volkovs 1979 erschienenes Buch „Testimony. The Memoirs of Dmitry Shostakovich“ versuchte, den Komponisten zu einem Dissidenten zu stilisieren, und wird auch heute noch gerne in Programmheften zitiert. Inzwischen hat sich aber der Verdacht erhärtet, dass es Volkov mit der Wahrheit nicht sehr genau nahm. Vieles scheint übrhaupt frei erfunden zu sein. Den Tatbestand erläutert* Orlando Figes, dessen umfangreiche Kulturgeschichte Russlands – „Natasha’s Dance. A Cultural History of Russia“ – hier leider immer noch ungelesen herumliegt, in der New York Review of Books 10/2004:

The most devastating critique of Volkov is contained in the scholarly research of Laurel Fay, whose findings make up the first part of the Casebook. Fay is the author of a recent and authoritative biography of Shostakovich which is distinguished by its careful scholarship.[9] In November 1979 the critic Simon Karlinsky published a review of Testimony in The Nation, in which he pointed out that two long passages of Volkov’s book— which was said to derive entirely from interviews with the composer—had previously appeared in Soviet publications under Shostakovich’s name. Fay dug deeper and found five other paragraphs in Volkov’s book where, almost word for word, the reported speech of Shostakovich was identical to passages of previously published articles by the composer. She revealed her findings in an article in The Russian Review in 1980. Most disturbingly, all these „borrowed reminscences“ appear at the start of the chapters in Volkov’s book—on the first and only page of each chapter which Shostakovich signed with the words „Have read [chital]. D. Shostakovich“—after which the text of Testimony begins to diverge, sometimes quite dramatically, from the tone and content of the first page.

Shostakovich‘ Musik gehört zum Besten, was im 20. Jahrhundert komponiert wurde, sie bedarf also keiner politischen Ehrenrettung. Von einigen Auftragskompositonen einmal abgesehen. Figes kommt in seinem Artikel auf die Fünfte Symphonie zu sprechen, die Shostakovich komponiert hatte, nachdem ein für ihn lebensgefährlicher Hetzartikel in der Pravda erschienen war. Sie wurde im November 1937 mit großem Erfolg in Leningrad uraufgeführt. Ich nahm dies zum Anlass, das Werk gestern wieder einmal anzuhören, in einer soliden, wenn auch zu braven, zu undämonischen Interpretation von Bernard Haitink und dem London Philharmonic Orchestra. Es stimmt, dass die Symphonie „melodischer“ ist als frühere Werke und damit formal konservativer. Shostakovich setzt diese Mittel aber zu einem sehr düsteren musikalischen Panorama zusammen. Mahlers Sechste Symphonie kommt einem in den Sinn, deren existenzielle Abgründigkeit an manchen Stellen noch übertroffen wird.

So ging der Komponist formal einen Kompromiss ein, ohne die ästhetische Substanz seiner musikalischen Botschaft zu verraten – eine Formel, die auch zu seinem Leben passt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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