Homer: Die Odyssee

Wer dieses Werk neben die „Illias“ stellt, den wird der seit über 200 Jahren andauernde Gelehrtenstreit über die homerische Frage nicht verwundern.
Wirkt die „Illias“ auf den heutigen Leser ziemlich archaisch, ist die „Odyssee“ von einer erfrischenden Modernität. Beides soll vom selben Autor stammen? Die aktuelle Homer-Forschung tendiert zur Bejahung dieser Frage, mehr dazu ein andermal.
Es mutet – trotz der inzwischen gut erforschten mündlichen epischen Tradition – seltsam an, dass eines der ersten Werke der abendländischen Literatur mit dieser ästhetischen Perfektion geschrieben wurde, so als wären Kunstwerke dieses Rangs damals an der Tagesordnung gewesen.

Ich jedenfalls habe meine Zweifel, dass es heutzutage sehr viele Autoren gibt, die einen so komplexen semantischen Raum strukturell ähnlich kompetent beherrschen können, wie dies Homer gelingt. Trotz der zahlreichen Sprünge auf der Zeitskala in beiden Richtungen, sind diese Passagen von einer beeindruckenden erzählerischen Ökonomie, so dass der Leser immer genau weiß, in welchem Zeitrahmen er sich gerade befindet.

Virtuos auch die Handhabung der diversen Spannungsbögen. Hätte unser Autor mehrere Jahre an „creative writing“ Kursen einer amerikanischen Universität teilgenommen: viel mehr hätte man ihm dort wohl nicht beibringen können. Man denke nur an die detaillierte Vorbereitung des Kampfs mit den Freiern oder an die Zyklopen-Geschichte (die im kleinen seine verblüffende erzählerische Meisterschaft belegt, so wird Polyphems Bosheit am Ende durch sein Reden mit den Tieren geschickt „relativiert“).

Formale Souveränität freilich wäre zu wenig. Führt man sich den Kontext der „Odyssee“ – die starre archaisch-aristokratische Gesellschaftsstruktur – vor Augen, zeigt sich Homer als freier Geist. Allein über die Figur des Schweinehirten Eumaios ließe sich eine lange Abhandlung schreiben. Im 8. Jahrhundert v.C. war manuelle Arbeit verpönt und wurde von der damaligen Aristokratie verachtet. Hohes Prestige genossen, neben diversen adligen Freizeitbeschäftigungen, nur der Kampf und, mit diversen Einschränkungen, einige Künste. Was macht Homer? Er gibt sich nicht damit zufrieden, eine der sympathischsten Figuren mit einem Schweinehirten zu besetzen. Er ordnet ihm sogar regelmäßig ein erstaunliches Attribut zu: vom göttlichen Schweinepfleger ist die Rede! Damit wird Eumaios auf die selbe Stufe wie die Hauptfiguren und diverse Heroen gestellt.

Ich werde dieses Buch auch noch ein fünftes Mal lesen müssen.

Homer: Die Odyssee (rororo)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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