Christian Meier: Athen

„Ein Neubeginn der Weltgeschichte“

btb bzw. Siedler Verlag (Amazon Partnerlinks)

Siebenhundert engbedruckte Seiten über die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert v.C. zu schreiben, ist angesichts der zunehmenden Spezialisierung in der Geschichtswissenschaft ein bemerkenswertes Unterfangen. Die Monographie ist denn auch keine akademische Publikation, sondern versteht sich als ein „klassisches“ Werk der erzählenden Geschichtsschreibung.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Christian Meier, Althistoriker in München, dafür Kollegenschelte einstecken musste. Nicht ganz zu Unrecht, verzichtet er doch komplett auf Anmerkungen. Auch eine Bibliographie sucht man vergebens, sieht man von Literaturhinweisen im Nachwort ab.

Trotz dieser Kritikpunkte hat das Buch zahlreiche Verdienste. Zweifellos handelt es sich um einen der interessantesten und für die europäische Geschichte prägendsten Zeitabschnitte, so dass eine umfassende, allgemeinverständliche Darstellung eine wichtige Lücke schließt. Meiers Monographie behandelt Teile der Vorgeschichte und die Geschichte des klassischen Athens im Detail, analysiert die Sonderstellung Athens und versucht, die Ursachen für die Entstehung der Demokratie zu erläutern. Bei der Lektüre dieser erklärenden Passagen würde man sich oft eine klarere Thesenbildung wünschen, man hat manchmal den Eindruck, Meier umkreise wichtige Aspekte, ohne sie direkt anzusprechen.

Eine Stärke des Buches ist die Einbeziehung der Tragödien und Komödien. Meier bettet die Stücke in den historischen und sozialen Kontext ein, versteht sie als Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, und erzielt dadurch oft (nicht immer) einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Demgegenüber kommt die geistesgeschichtliche Dimension (besser: Revolution) viel zu kurz. Die Bedeutung der griechischen Philosophie und Wissenschaft auf die Weltgeschichte hätte eine ebenso umfangreiche Behandlung verdient wie die Herausbildung der ersten Demokratie.

Insgesamt neigt sich die Waagschale jedoch zum Positiven, die vielen Lesestunden lohnen sich durchaus. Dem deutschen Buchmarkt wären viele vergleichbare Publikationen zu anderen wichtigen historischen Themen zu wünschen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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