[Aus dem Archiv] Mein Privatkanon

Letzte Aktualisierung: 22.April 2017

Hier also die Liste meiner Lieblingsklassiker inklusive der Verlinkung auf die ensprechenden Notizen. Kurz: Es handelt sich um meine dringendsten Leseempfehlungen. Zuletzt nahm ich Balzacs Verlorene Illusionen in diesen illustren Kreis auf!

In den Bibliomanen Betrachtungen beschreibe ich meine derzeitigen Lesegewohnheiten. Was Lektüre zum Tagesgeschehen betrifft, verweise ich auf Was soll man lesen?.

Bibel – [Notiz]
Homer: Die Odyssee – [Notiz]
Herodot: Historien – [Notiz]
Aischylos: Orestie
Sophokles: König Ödipus; Antigone
Thukydides: Geschichte des peloponnesischen Kriegs – [Notiz]
Platon: Der Staat – [Notiz]
Aristoteles: Nikomachische Ethik
Ovid: Metamorphosen – [Notiz]
Augustinus: Der Gottesstaat – [Notiz]
Dante: Göttliche Komödie – [Notiz]
Montaigne: Essais – [Notiz]
Shakespeare: Tragödien – [Notizen]
Cervantes: Don Quijote – [Notiz]
Sterne: Tristram Shandy [Notiz]
Moritz: Anton Reiser
Schiller: Don Karlos; Wallenstein; philosophisch-ästhetische Schriften – [Notizen]
Goethe: Briefwechsel mit Schiller – [Notiz]
Goethe: Faust – [Notiz], Wahlverwandtschaften – [Notiz]
Balzac: Verlorene Illusionen [Notiz]
Flaubert: Madame Bovary
Dostojewskij: Die Brüder Karamasow – [Notiz], Böse Geister
Tolstoi: Anna Karenina. [Notiz]
Joyce: Ulysses – [Notiz]
Kafka: Erzählungen, Der Proceß
Thomas Mann: Buddenbrooks – [Notiz], Zauberberg, Josephs Romane – [Notizen], Dr. Faustus
Musil: Mann ohne Eigenschaften – [Notiz]
Doderer: Strudlhofstiege – [Notiz]
Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts – [Notiz]
Johnson: Jahrestage – [Notiz]
Bernhard: Auslöschung – [Notiz]

Lady Macbeth

Filmcasino 1.12. 17

GB 2016

Regie: William Oldroyd

Eine britische Lady Macbeth lässt eine neue Shakespeare-Verfilmung erwartet. Weit gefehlt: Es handelt sich um die Verarbeitung der russischen Variante des Stoffs auf die auch Schostakowitsch in seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk [Notiz] zurückgreift. Beide basieren auf der Novelle des Nikolai Leskow.

Oldroyds Film ist in kurze Szenen gegliedert, welche die grausame Geschichte einer Leidenschaft erzählen. Die Morde der hübschen jungen Frau und ihr sexueller Appetit gewinnen schnell eine beeindruckende Eigendynamik. Über das hier gebotene Frauenbild ließe sich freilich trefflich streiten. Filmisch und schauspielerisch jedenfalls tadellos umgesetzt.

Ariadne auf Naxos

Wiener Staatsoper 29.11. 17

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Der Haushofmeister: Peter Mati?
Ein Musiklehrer: Markus Eiche
Der Komponist: Rachel Frenkel
Der Tenor (Bacchus): Stephen Gould
Zerbinetta: Erin Morley
Die Primadonna (Ariadne): Lise Davidsen

Ein intelligentes Libretto ist bei Opern leider keine Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt deshalb stellt die Zusammenarbeit des Richard Strauss‘ mit Hugo von Hofmannsthal einen Höhepunkt des Genres dar. Ariadne auf Naxos ist ihr drittes Gemeinschaftsprojekt und entstand kurz nach dem Rosenkavalier. Sie ist als Kammeroper konzipiert, weshalb der Orchestergraben der Wiener Staatsoper halb leer ist. Was die Oper so ungewöhnlich macht, ist die umfassende ästhetische Reflexion. Es werden nicht nur die Produktionsbedingungen in einer feudalistischen Gesellschaft kritisch reflektiert, sondern auch die formale und emotionale Wirkung eines Werks.

Schon zu Beginn des Stücks wird das Setting klar: Einer der reichsten Menschen der Stadt beauftragt zur Unterhaltung eine Opera seria, die der junge Komponist mit Ariadne auf Naxos als eine düstere Allegorie auf die existenzielle menschliche Einsamkeit anlegt. Deshalb ist er naturgemäß empört als er vernimmt, dass nach seinem Stück noch eine komische Opera buffa gegeben werden soll. Die Botschaft ist klar: Die Kunst wird hier durch den Mäzen stark kompromittiert. Es kommt aber noch übler: Kurz vor Beginn bildet sich der Auftraggeber ein, beide Stücke gleichzeitig innerhalb einer Stunde aufzuführen. Schließlich beginne das Feuerwerk um 9 Uhr. Nach einer Schockstarre arrangieren sich die Künstler damit, kann doch niemand auf das Honorar verzichten. Damit ist das Vorspiel beendet.

Der zweite Teil besteht nun in der Doppelaufführung der Stücke. In der Inszenierung Bechtolfs findet sie buchstäblich vor einem kleinen Zuschauerraum statt auf dem die Aristokraten sitzen. Auf der Metaebene findet jetzt die Auseinandersetzung zwischen Tragik und Komik statt und man wird zur Reflexion über Genregrenzen quasi gezwungen.

Musikalisch wird das exzellent vorgetragen. Kein Wunder angesichts der hochkarätigen Besetzung. Auch Bechtolfs Inszenierung unterstreicht die Thematik durch einige Einfälle gut (zerstörte Klavierflügel als Dekoration im zweiten Teil). Ein makelloser Opernabend.

heimat : machen. Das Volkskundemuseum in Wien zwischen Alltag und Politik

In Zeiten, in denen die ehemals bürgerliche ÖVP mit der rechtsradikalen FPÖ in Koalitionsverhandlungen über „Heimatschutz“ spricht und damit schon sprachlich wieder beim Austrofaschismus landet, ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Heimat so dringend, wie lange nicht mehr. Das Wiener Volkskundemuseum macht in seiner aktuellen Ausstellung genau das: Es reflektiert die Verwendung von „Heimat“ seit seiner Gründung und spart speziell die heiklen Phasen des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus nicht aus. Zu sehen sind aus dieser Zeit auch eine Reihe von Originaldokumenten, welche die Intentionen der faschistischen Kulturpolitik deutlich machen. Neben der Sonderausstellung gibt es auch Stationen in der Sammlung des Hauses, etwa wenn die Kuratoren die ideologische Aufladung der Weihnachtskrippe durch den Austrofaschismus erläutern.

Harold Pinter: Die Geburtstagsfeier

Akademietheater 23.11. 17

Regie: Andrea Breth

Petey: Pierre Siegenthaler
Meg: Nina Petri
Stanley: Max Simonischek
Lulu: Andrea Wenzl
Goldberg: Roland Koch
McCann: Oliver Stokowski

Schön, dass diese Inszenierung der Salzburger Festspiele inzwischen im Wiener Akademietheater angekommen ist. Wie sehr ich Andrea Breth als Regisseurin schätze, unterstreiche ich ja regelmäßig. Sie bleibt auch hier ihrem Stil treu, texttreu in einer tristen Bühnenwelt zu inszenieren. Dazu eignet sich Harold Pinters irritierende Geburtstagsfeier gut. Weiß man doch nie sicher, in welchem Realitätsmodus man sich befindet. Der Abend ist eine Gratwanderung zwischen Naturalismus, Groteske und absurdem Theater. Ganz so als hätten Ibsen, Godot und Kafka ein Drama koproduziert. Breth betont das durch die teils bewusst sehr langsame Inszenierung. Thematisch erinnert das Stück, in dem zwei Männer eine ruhig zusammenlebende Gemeinschaft antizivilisatorisch sprengen, auch an Biedermann und die Brandstifter. Schauspielerisch ist der Abend wie meistens im Akademietheater auf hohem Niveau. Speziell Roland Koch und Oliver Stokowski als Störenfriede in grauen Anzügen sind phänomenal.

Timothy Garton Ash über die deutsche Rechte

Unter dem schönen Titel It’s the Culture, Stupid! setzt sich Timothy Garten Ash ausführlich analytisch mit der Neuen Rechte in Deutschland auseinander:

Unlike in Britain and America, economic factors play only a small part here. It’s not just that Germany as a whole is doing well economically. In a 2016 poll, four out of five AfD voters described their personal economic situation as “good” or “very good.” This is not a party of the economically “left behind.” It gathers the discontented from every walk of life, but those who predominate in its ranks are educated, middle-class men. A leading CDU politician told me that the angry protest letters he gets from defectors to the Alternative will typically be from a doctor, businessman, lawyer, or professor. This strong presence of the educated upper middle class distinguishes German populism from many other populisms.

Lang und Lesenswert!

Die NYRB über Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk wird im deutschsprachigen Raum ja gerne für einen Philosophen gehalten, weil viele Menschen eine unverständliche Sprache mit intellektueller Tiefe verwechseln, obwohl in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist. Sehr schön also, dass John Gray [Notiz] in der New York Review of Books unter dem treffenden Titel Blowing Bubbles diesen Philosophendarsteller geistig entblättert.

Gutes Denken und guter Stil geht bis auf wenige Ausnahmen in der Geistesgeschichte Hand in Hand:

Sloterdijk has done the opposite, adopting a tortuously complicated style that obscures any clear ideas his writings may contain.

Nach einem Zitat entlarvt Gray die rhetorischen Tricks Sloterdijks:

What is entertaining in this passage is not the suggestion that national cultures are constructed from “smells or gases,” an assertion that relies chiefly on a “kinship” between two Latin words, or neologisms such as “latrinocentrism” and “merdocratic.” Instead the droll effect comes from the use of the words “therefore” and “thus,” which inject an appearance of logic into what is, at bottom, an exercise in wordplay.

Sein Fazit am Ende:

Sloterdijk belongs in a European professorial tradition in his confident assertion of intellectual authority. But this is not some latter-day Max Weber, struggling to diagnose the disorder of the age in writings born from prolonged intellectual suffering. Throughout his career Sloterdijk has been a reactive thinker, voicing the passing moods of the time. Everything suggests he will continue running after the zeitgeist, blowing bubbles along the way.

Shakespeare: Measure for Measure

Shakespeares einziges Stück, das in einem fiktiven Wien spielt, darf hier natürlich nicht fehlen. Measure for Measure zählt zu den schwieriger zu verstehenden Dramen des Autors. Traditionell wurde es gerne zu den Komödien gezählt, heute bezeichnet man es oft als „problem play“, weil es auf eine interessante Weise auch Elemente der Tragödie enthält. Vieles weist bereits auf die Stücke des Spätwerks voraus. Trotzdem ist der Text leichter zugänglich, weil er einen auf Spannung angelegten Plot hat.

Auf einer philosophischen und anthropologischen Ebene liefert das Werk Shakespeares immer noch jede Menge aktueller Erkenntnisse. Neben den sprachlichen und formalen Qualitäten der Hauptgrund für den Kultstatus des Klassikers. Measure for Measure ist aber auch in einem viel oberflächlicheren Sinn hochaktuell, gerade in diesen Monaten. Im Mittelpunkt des Stücks steht nämlich politische Korruption und Heuchelei, kombiniert mit versuchtem sexuellen Missbrauch. Vincentio, der Herzog Wiens, will einen seiner Höflinge testen, den als Tugendbolzen bekannten Angelo. Dazu wird er für eine vermeintliche Abwesenheit des Herzogs zu dessen Stellvertreter mit allen Rechten ernannt. Vincentio verkleidet sich als Mönch, entscheidet sich für seinen Beobachtungsbetrug also für eine klerikale Ausstattung. Strukturell geschickt lässt Shakespeare auf die erste Szene, die am Hof im Zentrum der Macht spielt, ein Bordell als Handlungsort folgen, ein Wechsel vom höchsten sozialen Rang zum niedrigsten. Katalysator für die weitere Handlung ist das Todesurteil gegen den jungen Claudio aufgrund eines lange nicht mehr exekutierten Gesetzes: Er schwängert unverheiratet eine Frau. Als seine Schwester, die Nonne Isabella, bei Angelo für das Leben Claudios bittet, wandelt sich dieser zum Bösewicht. Eine Nacht mit ihm, und er würde Claudio begnadigen, was Isabella empört zurückweist. Wer fühlt sich da nicht an die heutigen Heuchler in der Politik erinnert, die strenge Moral predigen, aber privat ständig dagegen verstoßen? Wie kürzlich ein bekannter amerikanischer Abtreibungsgegner, der seine Freundin zu einer Abtreibung zwingen wollte? Nicht wenige der Intrigen finden danach im Kloster statt, was auch ein hübscher impliziter Kommentar über die Moralität vermeintlich heiliger Orte ist.

Die mehrfach verschachtelte moralische Ambivalenz zwingt den Leser bzw. Zuseher eine ausführliche ethische Reflexion auf. Jede der Hauptfiguren stolpert in mindestens ein moralisches Dilemma hinein für das es keine einfache Lösung gibt. Besser wird Weltliteratur nicht.

William Shakespeare: Measure for Measure. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther (ars vivendi)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Yuval Noah Harari: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow

Mit Sapiens – A Brief History of Humankind [Notiz] schrieb der israelische Historiker zurecht einen Welterfolg. Es überrascht also nicht, dass der Autor an diesen Erfolg anknüpfen will. Tatsächlich wiederholt Harari in den ersten beiden Teilen vieles aus seinem Erstling, wenn auch mit etwas anderen Schwerpunktsetzungen. Er beschreibt, wie die Menschheit die wichtigsten fundamentalen Probleme wie etwa den Hunger in den Griff bekommen hat. Im zweiten Teil stehen die anthropologischen Sinngebungsprozesse im Mittelpunkt, welche wir zum Funktionieren menschlicher Gesellschaften benötigen. Vom „Glauben“ an das Geld bis zum Humanismus und Liberalismus, den Harari etwas zu vereinfachend in eine Reihe mit den anderen Religionen stellt. Das ist unterhaltsam und kenntnisreich geschrieben. Wenn man sich historisch primär dafür interessiert, würde ich aber die Lektüre von Sapiens empfehlen. Wie Religionen die psychologischen Dispositionen der Menschen ausbeuten, versteht er genau:

If you want people to make believe in imaginary entities such as gods and nations, you should make them sacrifice something valuable. The more painful the sacrifice, the more convinced people are of the imaginary recipient. A poor peasant sacrificing a priceless bull to Jupiter will become convinced that Jupiter really exists, otherwise how can he excuse his stupidity?
[…]
For exactly the same reason, if I have sacrificed a child to the glory of the Italian nation, or my legs to the communist revolution, it’s enough to turn me into a zealous Italian nationalist or an enthusiastic communist.
[S. 302]

Neu ist der dritte Teil, in dem der Universalhistoriker sein intellektuelles Werkzeug auf die Zukunft anwendet. Auch hier besteht seine primäre Leistung darin, bereits Bekanntes pointiert zu interpretieren und zusammenzufassen, etwa die zentrale philosophische Frage, wie der freie Wille mit neueren neurologischen Forschungen kompatibel ist, deren Ergebnisse freien Willen zu widerlegen scheinen. Selbstverständlich nimmt er sich auch den Transhumanismus vor, spricht doch viel dafür, dass die Menschheit den Tod als nächstes großes globales Problem besiegen möchte:

Modern science and modern culture have an entirely different take on life and death. They don’t think of death as a metaphysical mystery, and they certainly don’t view death as the source of life’s meaning. Rather, for modern people death is a technical problem that we can and should solve.
[S. 22]

Harari befürchtet eine Revolution des menschlichen Selbstverständnisses, sobald wir realisieren dass der Liberalismus und sein zentraler Wert der menschlichen Freiheit in Wahrheit ein Fiktion sei. Angesichts der Tatsache, dass heutzutage immer noch viele Menschen glauben, die Erde sei eine Scheibe oder gar die Evolution ablehnen, ist diese Annahme etwas naiv. Menschliches Verhalten wird dafür zu sehr von archaischen Gehirnregionen gesteuert als dass so hochgradig abstrakte Einsicht so eine riesige Revolution auslösen könnte.

Homo Deus ist kein positives Buch, aber auch keine Dystopie, weil Harari immer explizit von Annahmen ausgeht. Es gibt viele Denkanstöße und ist insgesamt eine anregende Lektüre.

Yuval Noah Harari: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow (Harvill Secker London)

Die digitale Diktatur der Zukunft

Jede Diktatur ist stark von der ihr zur Verfügung stehenden Technik geprägt und der technologische Fortschritt ist deshalb immer auch eine „Chance“ für die Feinde der Freiheit. Sehr schön illustriert das derzeit China mit ihrem neuen Sozialkredit-System: Jeder Bürger bekommt eine Bewertung in Punkten, ganz so wie WC-Papier bei Amazon. Bei negativem Verhalten aus Sicht der Diktatur gibt es Punktabzug, was den Verlust diverser Privilegien bedeutet. Was wie eine Black Mirror Folge klingt, wird in ausgewählten Städten schon praktiziert. Details kann man hier nachlesen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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