Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

John Williams: Stoner

Bis zum Jahr 2013 dauerte es, bis die Literaturwelt John Williams Roman Stoner erneut entdeckte. The Greatest American Novel You’ve Never Heard Of titelte etwa der New Yorker. Es dauerte weitere vier Jahre, bis ich nun selbst das Buch las, und eine Entdeckung ist dieser Klassiker zweifellos.

Als Stoner 1965 erschien gab es eine kurze Rezension und er war nach einem Jahr wieder vom Buchmarkt verschwunden. Auf den ersten Blick ist der Roman tatsächlich ziemlich unscheinbar. Nicht nur handelt er von einem eigentlich völlig uninteressanten durchschnittlichen Provinzprofessor, sondern er ist formal auch anspruchslos: Eine realistisch erzählte Geschichte. Von literarischen Mitteln der Moderne kaum eine Spur.

Trotzdem entwickelt die Lektüre sofort einen Sog, obwohl die Handlung kaum Elemente hat, die man üblicherweise als „spannend“ klassifizierte. Der erste Teil ist primär ein Bildungsroman. Der aus ärmlichen Farmer-Verhältnissen Junge William Stoner wird für das Studium der Agrarwissenschaften an ein College geschickt. Die Unterkunft bei Verwandten muss er sich durch die Arbeit als Knecht verdienen. In einem einführenden Kurs entdeckt er plötzlich die Literatur: Ein literarisches Erweckungserlebnis. Er ist so begabt, dass er schließlich als Professor dort sein gesamtes Leben verbringen wird, was Williams gleich am Beginn des Buches so beschreibt:

He did not rise above the rank of assistant professor, and few students remembered him with any sharpness after they had taken his courses.

Garniert ist das Ganze mit einer problematischen Ehe sowie beruflichem Mobbing.

Was Stoner zu großer Literatur macht, ist, dass der Roman diese Themen mit einer Leichtigkeit transzendiert, die man bei realistischer Literatur nur selten findet. Williams gelingt es etwa, Stoners Geistesleben so lebendig zu schildern, dass man seine Erweckungserlebnisse – Musil würde hier vom „anderen Zustand“ schreiben – mit großer Intensität versteht. Der Text transformiert Stoners Leben in ein symbolisches Lehrstück der Vergänglichkeit und bekommt dadurch beinahe etwas Nihilistisches.

John Williams: Stoner: A Novel (Vintage)

René Pollesch: Carol Reed

Akademietheater 21.5. 2017

Regie: René Pollesch

mit
Tino Hillebrand, Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Martin Wuttke

Das Stück und die Inszenierung wirkt an der Oberfläche witzig und geistreich. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch schnell, dass dem Text jegliche Substanz fehlt. Pollesch tut sich sichtlich schwer, diese bescheidenen achtzig Bühnenminuten zu füllen. Das Ergebnis ist völlig belangloser postmoderner Boulevard, eine Art Löwinger-Bühne für Pseudointellektuelle. Das Publikum ist also naturgemäß begeistert. Achtzig Minuten verschwendete Lebenszeit.

Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Jüdisches Museum Wien 21.5. 2017

Wieder hat sich das Jüdische Museum ein sozialgeschichtliches Thema für seine neue Sonderausstellung ausgesucht: Die Geschichte der jüdischen Kaufhäuser in Wien. Anders als in vergleichbaren Großstädten begann der Wiener Kaufhausboom erst Ende des 19. Jahrhunderts. Viele jüdische Kaufleute nützten die neuen ökonomischen Freiheiten und gründeten imposante Konsumtempel. Vom „Arbeiterkaufhaus“ am Brunnenmarkt bis zu Edeltextilgeschäften in der Innenstadt wurde das gesamte demographische Spektrum angesprochen.
Im Fokus der Schau sind die Besitzer der Warenhäuser und deren Familien, weniger wirtschaftsgeschichtliche Perspektiven, obwohl man dazu auch einige interessante Informationen erhält. Die Blüte dieser jüdischen Geschäftskultur nimmt mit Hitlers Anschluss natürlich ein jähes Ende und die lukrativen Firmen werden schnell arisiert. Der geschäftliche Wiederaufbau nach dem Krieg wird ausführlich dokumentiert. Ich empfehle, sich alle Videos mit den Zeitzeugen anzusehen, weil sie das Gezeigte mit einem individuellen Kontext versehen. (Bis 19.11.)

Hell Or High Water

Filmcasino 19.5. 17

USA 2016

Regie: David Mackenzie

Vom Genre her ein moderner Western, der im von der Wirtschaftskrise gebeutelten West-Texas spielt. Genrespezifisch gibt es klare Fronten. Der Film erzählt eine Art Robin-Hood-Geschichte: Zwei Brüder holen sich durch kleine Banküberfälle jenes Geld zurück, das sie ihrer Hausbank schulden, um eine drohende Pfändung zu vermeiden. Zwei alte Ranger nehmen die Verfolgung auf. Die zwischenmenschliche Dynamik zwischen den jeweiligen Paaren tragen viel zur Qualität des Films bei. Ebenso die teils sehr skurrilen Figuren und das düstere und depressive Setting. Man versteht, wie solche Menschen Trump-Wähler werden, auch wenn man es nicht billigt. Ein beachtenswerter cineastischer Kommentar zum aktuellen Zustand Amerikas und einer der besten amerikanischen Filme des letzten Jahres.

Aischylos: Die Orestie

Gleich zwei Anlässe habe ich, die Orestie wieder einmal zu lesen. Zum einen die bei Reclam in einem schönen bibliophilen Band erschienene Neuübersetzung durch Kurt Steinmann. Zum anderen die neue Inszenierung der Trilogie im Burgtheater.

Aischylos ist aus vielen Gründen einer der wichtigsten antiken Klassiker. Nicht nur begründet er mit der Tragödie eine der bis heute einflussreichsten Kunstformen. Auch ästhetisch setzt er mit seinen strukturellen und sprachlichen Elementen ein wichtiges Fundament für die Weltliteratur. So führt er als erster einen zweiten Schauspieler ein und erfindet damit den Dialog. Gleichzeitig sind seine Dramen Dokumente aus einer der spannendsten Epochen der europäischen Geschichte, weil Aischylos sie kurz nach der Einführung der Demokratie in Athen schreibt. In einer Phase also, in der diese revolutionäre Regierungsform noch von vielen Seiten unter Druck steht, nicht zuletzt durch die angreifenden Perser. Aischylos nimmt vermutlich selbst an der Schlacht von Marathon teil. Seine berühmten Perser zeigen die Niederlage aus deren Sicht, was für diese Zeit ein beachtliches Maß an ästhetischer Empathie und dramaturgischer Raffinesse bedeutet.

Ganze sieben der schätzungsweise neunzig Stücke des Autors sind überliefert. Die Orestie ist die einzige komplett erhaltene Trilogie und erzählt einen wichtigen Teil der berühmt-berüchtigten Geschichte der Atriden. Wegen einer Schandtat des Tantalos verflucht, geschehen in jeder Generation grausame Verbrechen. So opfert Agamemnon wegen günstiger Winde nach Troia seine Tochter Iphigenie. Der erste Teil der Orestie trägt den Titel Agamemnon und handelt von dessen Rückkehr und Ermordung durch seine Frau Klytaimestra. Teils aus Rache für den Tod ihrer Tochter, teils aus Geilheit für ihren Geliebten Aigisthos. Wegen des klugen Aufbaus des Stücks, der effektiven Bildsprache und Chorszenen sowie des komplexen Charakters der rachesüchtigen Klytaimestra, zählt diese Tragödie zu einem Höhepunkt dieser antiken Gattung überhaupt.

Das Rachemotiv steht auch im Mittelpunkt Choephoren. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Chor des Stücks, einer Gruppe Frauen, die ein Opfer an Agamemnons Grab darbringen, und dabei schließlich gemeinsam mit seiner Schwester Elektra auf Orest treffen. Im Mittelpunkt steht wieder eine Gewalttat: Orest ermordet aus Rache seine Mutter Klytaimestra. Gejagt von den Rachegeistern der Eumeniden finden wir im gleichnamigen Abschluss der Trilogie Orest beim Schrein des Apollo in Delphi wieder. Auf Befehl des Orakels muss sich Orest einem Bürgergericht in Athen stellen. Die Erinnyen sind effektive Ankläger, Apollo sein göttlicher Verteidiger. Als die Stimmen der Bürger ein Unentschieden ergeben, greift Athena persönlich ein und stimmt für den Freispruch Orests. Damit verarbeitet Aischylos theatralisch einen wichtigen zivilisatorischen Schritt der Menschheitsgeschichte, nämlich die Ablösung der Blutrache durch ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren. Aischylos wird damit wie Herodot ein wichtiger geistesgeschichtlicher Kronzeuge vom Übergang des mythologischen in ein rationaleres Zeitalter.

Dank der sorgfältigen Übersetzung Kurt Steinmanns kann man die ästhetische Brillanz der Orestie sehr gut auf der sprachlichen und semantischen Ebene nachvollziehen, ziehen sich Teile der Motivik und Metaphorik doch durch die gesamte Trilogie. Diese Mittel des ästhetischen Zusammenhalts prägen Bühnenwerke seit den Jahrtausenden bis heute. Die Ausgabe ist durch den Kommentar zur Übersetzung, den Anmerkungen zum Text sowie die sorgfältige Ausstattung (Lesebändchen!) eine vorbildliche Klassikerausgabe. Es wäre zu wünschen, wenn Reclam viele gebundene Ausgaben in dieser Qualität brächte.

Aischylos: Die Orestie. Neuübersetzung von Kurt Steinmann (Reclam)

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Filmcasino 12.5. 17

A 2015

R: Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg

Alle reden von der Krise. Die vier Regisseure dieser Dokumentation wollen zeigen, was man dagegen unternehmen kann. Dazu porträtieren sie sechs Menschen und ihre Projekte, welche alle im Kleinen die Welt verbessern wollen. Beispielsweise eine Architektin, die auf natürliche Baumaterialien setzt, und in Bangladesch eine Schule baut. Die Begründerin eines Hilfsprojekts für arme Menschen oder einen Kulturhistoriker, der seine Studenten über die Tektonik der Gegenwart aufklärt. Alle sechs können eloquent ihre Anliegen darlegen: Man hört ihnen sehr gerne zu. Der Film ist auf provinzielle Projekte fokussiert, weshalb mir das Urbane beim Weltretten etwas zu kurz kommt. Die Zukunft ist besser als ihr Ruf erreicht allerdings tatsächlich, dass man das Kino merklich optimistischer verlässt, als man es betreten hat. Keine kleine Leistung für einen Dokumentarfilm.

Ein ehrenwerter Bürger

Filmcasino 28.4. 17

ARG/E 2016

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Eine argentinische Komödie über einen fiktiven Literaturnobelpreisträger. Bereits der Beginn ist sehr treffend, wenn Daniel Mantovani in Stockholm den Preis entgegennimmt, ihn rhetorisch elegant zerlegt und dafür mit tosenden Applaus bedacht wird. Der Film zeigt das zermürbende Leben eines sehr prominenten Kulturschaffenden. Für Kreativität ist kaum mehr Zeit vor lauter repräsentativen Verpflichtungen. Als Mantovani die Einladung erreicht, er möge aus Europa zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft in sein altes argentinisches Dorf zurückkehren, entschließt er sich dazu nach einigem Zögern. Es entfaltet sich vorhersehbar das nicht übermäßig originelle Topos „Intellektueller trifft auf tiefste Provinz“. Nicht alle im Ort sind erfreut über die Darstellung des Dorfes in seinen Büchern. Es gibt neben diesen Konflikten auch alte und neue Liebschaften. Das ist amüsant zu sehen und handwerklich plausibel umgesetzt. Kein Komödienkunstwerk, aber gute Unterhaltung, speziell für Literaturfreunde.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

Viel wird wieder geredet vom christlichen Abendland. Europa sei nun mal christlich geprägt. Das ist auf einer Ebene natürlich völlig korrekt, auf einer anderen Ebene aber völlig falsch. Korrekt ist es beispielsweise, was die Architektur und Teile der Kunstgeschichte betrifft. Falsch hingegen ist es, wenn man damit die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung Europas meint. So ist auch niemand der Christlichen-Abendland-Fasler in der Lage auf Nachfrage zu präzisieren, was er eigentlich meine.

Wohlwollend könnte man noch vertreten, dass das Christentum & die Kirche als Gegner all jener europäischen Werte wichtig war, welche heute Europa im Kern ausmachen: Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Selbstbestimmungsrecht des Individuums und viele andere mehr. Sie alle wurden gegen den heftigen Widerstand der Kirche durchgesetzt. Die Inquisition, die bisher erfolgreichste Terrororganisation der Weltgeschichte, wurde gegründet, um diese von uns heute so geschätzten Fortschritte zu verhindern. Wo immer die Kirche in der Gegenwart noch die Möglichkeit hat, wird dieser Feldzug gegen die Freiheit mit aller Kraft fortgesetzt. Polen ist nicht das einzige Beispiel.

Weitet man die analytische Linse auf die kulturgeschichtliche Entwicklung, sieht man schnell, das die betreffenden Politiker schlicht nicht wissen, auf welchen Fundamenten ihre Kultur beruht. Hier kommt nun Rolf Bergmeiers Buch ins Spiel, der ausführlich und wissenschaftlich fundiert belegt, wie wichtig die arabische Kultur für die Entwicklung von Europas Kultur und Wissenschaft war. Die geistigen und urbanen Zentren im Mittelalter waren nämlich alle in arabischer Hand. Von Bagdad bis Cordoba blühte in diesen Jahrhunderten das Geistesleben. Die antike Überlieferung verdanken wir ebenso arabischen Gelehrten wie die Grundlagen der Naturwissenschaften, die wie im Fall der Medizin dann in Europa über Jahrhunderte benutzt, aber nicht weiterentwickelt wurde.

Christlich-abendländische Kultur spannt ein weites historisches Spektrum auf, beginnend mit dem oft verklärten Frühchristentum:

Jedenfalls gärt und rumort es im 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden. Mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Feindschaft blicken rund achtzig christliche Gruppen und Grüppchen aufeinander herab, und die Quellen jener Jahre sind voll von gehässigen Beiträgen und Verwünschungen der Bischöfe untereinander.
[S. 25]

Bergmeier argumentiert das ausführlich anhand vieler Quellen und Fakten. Besonders lesenswert sind seine Gegenüberstellungen zwischen dem christlichen und abendländischen Mittelalter:

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen, um ein Gespür für das Bildungsgefälle zu bekommen: Wenige hundert Handschriften pro Bibliothek in den Klöster- und Kirchenbibliotheken im lateinischen Mitteleuropa gegenüber Hunderttausenden in Kairo, Toledo, Cordoba oder im antiken Rom.
[S. 70]

Er erlaubt sich immer wieder gut formulierte Polemiken und Seitenhiebe, was dem Buch aber deshalb nicht schadet, weil der Kern der Ausführungen exzellent in vielen Fußnoten wird.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Meines Wissens ist Haruki Murakami der weltweit meist gelesene japanische Autor mit literarischem Anspruch. Deshalb will ich vor meiner Japanreise im Herbst mindestens einen seiner Romane lesen. Die Wahl fällt auf Kafka am Strand, weil ihn viele für sein bestes Buch halten. Ich werde auch noch einige japanische Klassiker zur Reisevorbereitung lesen und hier darüber berichten.

Murakamis Roman hat viele Stärken. Im Mittelpunkt steht ein japanischer Teenager, der von zu Hause weg läuft, Unterschlupf in einer Bibliothek und neue Freunde findet, und um den sich die Haupthandlung entfaltet. Parallel dazu wird eine seltsame Geschichte in Rückblenden erzählt, und ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit einem skurrilen alten Mann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Das ist narrativ durchaus komplex und entfaltet schnell eine Sogwirkung. Am Ende finden diese scheinbar so unterschiedlichen Stränge dann natürlich zusammen. Kafka am Strand ist kein realistischer Roman, sondern setzt auf ein – im literaturgeschichtlichen Sinn – romantisches und märchenhaftes Erzählen. Wie Murakami diese fiktionalen Welten evozieren kann, ist handwerklich eine durchaus beachtliche Leistung. Das gilt auch für die Lebendigkeit seiner Figurenzeichnung. Was die Erzählperspektive angeht, ist der junge Kafka für sein Alter wohl etwas zu lebenserfahren und umsichtig, auch wenn das Gegenteil betont wird. Seine Leidenschaft für Bücher macht ihn selbstverständlich für alle Leser sehr sympathisch.

Für einen Bestseller enthält der Roman sehr viel wohlmeinendes Bildungsgut. Es ist für eine junge Leserschaft sicher erfreulich, wenn sie auf diesem Wege mit der Kammermusik Beethovens, den Filmen Truffauts oder wichtigen historischen Ereignissen bekannt gemacht werden. Für mich war allerdings nichts dabei, was ich nicht schon gekannt hätte. Japanisches Bildungsgut einmal ausgenommen. Den Roman durchziehen auch diverse lebensphilosophische Fragestellungen, was mich teilweise an russische Klassiker erinnert, und anderen Bestsellerautoren, wie etwa dem fürchterlich geistlosen Paulo Coelho, intellektuell weit überlegen ist.

Gegen Ende werden mir dann aber die Fantasyanteile doch zu anstrengend. Insgesamt gefällt mir Kafka am Strand deutlich besser als von mir erwartet. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich einen weiteren Roman Murakamis lesen will.

Haruki Murakami: Kafka am Strand (btb)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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