[Notiz der Woche] Tipps für eine Wien-Reise

Letztes Update: 27. Februar 2015

Kulturinteressierte fragen mich oft nach Empfehlungen für eine Wien-Reise. Deshalb fasse ich die wichtigsten an dieser Stelle einmal zusammen. Vollständigkeit ist nicht angestrebt. Meine aktuelle Kulturberichterstattung findet sich in der Kategorie Wien.

Museen

Kunsthistorisches Museum
Eine der großen europäischen Gemäldegalerien mit einer Vielzahl exzellenter Bilder. Das Gebäude versteht man am besten als Teil des Museums: Als großartiges Monument der Ringstraßenarchitektur. Der Schwerpunkt liegt auf der italienischen und niederländischen Malerei. Die vor einigen Jahren sehr geschmackvoll umgestaltete Antikensammlung ist ein weiterer Höhepunkt. Eine ägyptische Sammlung und ein Münzkabinett sind ebenfalls im Haus am Ring untergebracht. Aktuelle Ausstellungen runden das Programm ab.

Naturhistorisches Museum
Direkt gegenüber des Kunsthistorischen Museums gelegen. Wer die großen naturwissenschaftlichen Museen (von München bis New York) bereits kennt, könnte sich einen Besuch aus inhaltlichen Gründen sparen. Die einschlägigen Themengebiete findet man anderen Orts besser & frischer präsentiert. Das NHM ist aber trotzdem einen Besuch wert: Es ist das Museum eines Museums. Die Räume mit den gediegenen alten Holzschaukästen und das Gebäude haben eine Atmosphäre, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, wenn man einen Sinn für diese Dinge hat.
Einen enthusiastischen Besuch dokumentiert Florian Freistetter in diesem Blogbeitrag.

Museumsquartier
Das Museumsquartier spielt eine Doppelrolle in der Stadt. Einerseits sind dort mehrere Museen und eine Reihe von Kultureinrichtungen untergebracht. Andererseits ist es einer der beliebtesten urbanen Treffpunkte in der Innenstadt. Wenn das Wetter mitspielt, sind dort hunderte Bobos in freier Wildbahn zu beobachten.
Das Leopold Museum hat eine (nach meinem Geschmack) sehr divergente Sammlung mit sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt dort aber so viel Hochkarätiges zu sehen (Klimt!), das man einen Besuch auf jeden Fall in Erwägung ziehen sollte.
Im MUMOK findet man die größte Sammlung moderner Kunst in Wien. Die Auswahl ist eklektizistisch und entbehrt großer Höhepunkte. Ausnahme ist die sehr umfangreiche Sammlung rund um den Wiener Aktionismus. Die Ausstellungen konnten mich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher nicht begeistern.

Bestattungsmuseum
Eine kurze Notiz darüber gibt es hier. Lässt sich ideal mit einem Besuch des Zentralfriedhofs verbinden: Ein Rundum-Sorglos-Paket in Sachen Wiener Morbidität also.

Globenmuseum
Einer meiner Lieblingsorte in der Stadt! Im Stockwerk eines Stadtpalais in der Herrengasse untergebracht, enthält das Museum eine der besten Globensammlungen. Es verirren sich meist nur wenige Besucher hin, was sehr zur Atmosphäre beiträgt. Wer sich für Kartographie interessiert, bekommt eine Fülle von Informationen zum Thema. Die alten Globen sind auch ästhetisch sehr ansprechend.

Prunksaal der Nationalbibliothek
Pflichtbesuch für Bücherfreunde. Punkt.

Römermuseum
Das Römermuseum ist institutionell Teil des Wienmuseums . Im Wien Museum am Karlsplatz gibt es eine Dauerausstellung zur Wiener Geschichte und meist sehr ansprechend gemachte aktuelle Ausstellungen. Das Römermuseum bietet dem an der Antike Interessierten eine sehr gute Möglichkeit, exemplarische Ausgrabungen aus der Römerzeit anzusehen. Informationen zur Stadtgeschichte runden die Fundstücke ab.

Heeresgeschichtliches Museum
Ein Unikum in der Wiener Museumslandschaft. Man flaniert durch eine höchst skurrile Mischung aus Geschichts- und Militärverklärung mit kritischen Einsprengseln. Dem Kenner erschließen sich deshalb interessante Einsichten über das vergangene und gegenwärtige Österreich.

Theater & Oper

Es gibt drei Opernhäuser (und eine freie Szene) in Wien sowie jede Menge Theater. Als Besucher sollte man die besten Häuser kennenlernen, also die Wiener Staatsoper (meist konservative Inszenierungen bei hohem musikalischen Niveau) und das Burgtheater. Hier ist speziell die kleinere Bühne, das Akademietheater, sehr empfehlenswert. Aber auch die experimentellen Bühnen des Hauses, das Kasino und das Vestibül bieten meist spannendes Theater.
Für das Burgtheater kann man online am 20. jedes Monats die Karten für das Folgemonat bestellen. Bei der Staatsoper beginnt der Vorverkauf immer genau einen Monat vor einer Vorstellung. In meinen Theater-Notizen stelle ich aktuelle Inszenierungen vor.

Stadt-Orte

Die Innenstadt (Erster Bezirk) ist ein furioses Freiluftmuseum. Ausführliche Erwanderung mit einem guten Reiseführer empfohlen! Die Ringstraße entlang zu spazieren, ist auch kein Fehler.

Auf keinem Fall entgehen lassen sollte man sich den Naschmarkt. Multikultureller Flair und sehr beliebte Bobo-Freiluftzone, obwohl natürlich immer auch jede Menge Touristen unterwegs sind. Authentisch multikultureller geht es auf dem Brunnenmarkt zu.

Der Zentralfriedhof liegt etwas außerhalb, ist aber ein für Wien sehr symbolischer Ort. Neben “Ehrengräbern” der Kulturprominenz (Schubert!), ist vor allem der jüdische Teil des Friedhofs sehr sehenswert. Historische Denkanstöße sind dabei ebenso garantiert wie eine solide Portion Wiener Morbidität. Seit Herbst 2014 ist dort auch das Bestattungsmuseum untergebracht (siehe oben).

Für Freunde des Makabren sei noch auf den kleinen Friedhof der Namenlosen hingewiesen, wo über Jahrzehnte namenlose Donauleichen beerdigt wurden. Danach kann man dort auch noch einen Spaziergang direkt an der Donau machen und Wiener Kleinbürger in ihrer Schrebergartenidylle studieren.

Die Uno-City ist aus zwei Gründen besuchenswert. Erstens war die Errichtung dieses Stadteils eines der größeren Architektur-Projekte in den letzten Jahrzehnten und es ist der einzige Ort in Wien, der eine (bescheidene) Wiener Skyline bietet (z.B. vom Donaupark aus). Zweitens ist Wien ja eine Stadt mit vielen internationalen Organisationen und die UNO deren prominenteste. Wer sich dafür interessiert, sollte eine Führung durch die UNO machen. Man lernt dann nicht nur einen meist übermotivierten jungen UNO-Mitarbeiter kennen, sondern bekommt auch noch ein Design-Museum präsentiert. Die Inneneinrichtung ist im Stil der 1970er gehalten und wirkt heutzutage ziemlich schräg.

Interessant für Bücher- und Architekturfreunde ist die Hauptbücherei der Stadt Wien. Nicht in der renommiertesten Gegend errichtet, hat es das Bahnhofsviertel in mehrerer Hinsicht aufgewertet. Ein gelungener Bibliotheksbau!

Lohnend auch eine Beschäftigung mit dem Roten Wien. Wer sich dafür interessiert, erkundet es am besten mit Inge Podbreckys Stadtführer Rotes Wien.

Ein Ort mit sehr eigenem Flair ist auch der Narrenturm, Verzeihung, ich meine natürlich das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Die gruseligsten Ausstellungsgegenstände sind seit einigen Jahren aber nur noch mit Führung zugänglich. Bei heraufgesetzter Ekelschwelle einen Besuch wert.

Für Literaturfreunde ist natürlich ein Besuch der Strudlhofstiege im 9. Bezirk unverzichtbar. Der Neunte ist nicht nur “der” Doderer-Bezirk in Wien. Auch der Wiener Kreis hat sich überwiegend in dieser Stadtgegend herumgetrieben.

Kaffeehäuser

An tollen Kaffeehäusern besteht in Wien kein Mangel. Ich selbst bin in der Innenstadt sehr gerne im Cafe Engländer oder im Cafe Museum. In der erweiterten Naschmarkt-Gegend wäre das Cafe Sperl ein weiterer Klassiker.
Ein Geheimtipp und völlig touristenfrei ist das Cafe Goldegg. Unbedingt einen Blick in den “Rauchsalong” werfen.

Lokale

Wien ist auch ein kulinarisches Eldorado, wo man im Vergleich zu anderen Großstädten sehr gut essen kann, ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. Sehr gute Lokaltipps gibt es online beim Falter: Wien, wie es isst…. Meine Empfehlung wäre nach den Besten des Bezirks zu suchen, in dem man übernachtet.
Zwei meiner Stammlokale mit sehr guter Küche sind: Zum Alten Fassl. Klassisches Wiener Beisl mit Wiener Küche auf hohem Niveau. Wer asiatische Küche schätzt, wird an der authentischen Kochkunst im On Restaurant seine Freude haben.

Viele Lokale in Wien stellt mein Bekannter Helmut Hackl auf seinem Blog vor.

Unterkunft

Empfehlen kann ich die sehr zentral gelegene und geschmackvolle Pension Museum. Man ist in wenigen Minuten zu Fuß beim Kunsthistorischen Museum und an der Ringstraße.

Das besten Preis/Leistungsverhältnis in Wien haben vermutlich die “Billig-Design-Hotels” von Motel One. Es gibt bereits mehrere Häuser und es sind weitere geplant.

Reise-Zeit

Die Museen und Kaffeehäuser, Opernhäuser und Theater sind natürlich ganzjährig ausgezeichnet besuchbar. Meine Lieblingsmonate für Wien sind Mai und September.

Wien-Literatur

Meine Lieblingsromane über Wien sind:

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege
Thomas Bernhard: Alte Meister

Reise-Literatur

Felix Czeike: DuMont Kunst Reiseführer Wien
Der ausführlichste Reiseführer zu allen kulturellen Themen. Kenntnisreich und anspruchsvoll.

Erich Klein: Denkwürdiges Wien
Geschichtlich orientierte Spaziergänge mit vielen spannenden Hinweisen, die man kaum in eineM anderen Reiseführer findet. Wer sich für das politische Wien interessiert, ist mit dem Buch bestens aufgehoben.

Peter Eickhoff: 111 Orte in Wien, die man gesehen haben muss
Informationen über dieses Buch finden sich in meiner Notiz.

Für aktuelle Veranstaltungstipps, Kulturberichte etc. besorgt man sich in Wien angekommen am besten den aktuellen Falter. Erscheint jeden Mittwoch neu und zählt “nebenbei” auch zu den besten Printmedien in Österreich.

Gelesen im Januar und Februar

Chou Ta-kuan: Sitten in Kambodscha: Über das Leben in Angkor im 13. Jahrhundert

Die Kultur Angkors ist aus zwei Gründen schwierig zu rekonstruieren. Im tropischen Klima überlebten nur die berühmten Steintempel. Die meisten anderen Gebäude waren aus Holz und sind ebenso schnell verwest wie andere Alltagsgegenstände, die uns Aufschluss gegen könnten. Zweitens ist kaum etwas Schriftliches überliefert. Die einzige Ausnahme ist dieser prägnante Bericht eines chinesischen Handlungsreisenden, der sich am Ende des 13. Jahrhunderts etwa ein Jahr dort aufhielt und seine Beobachtungen zu Papier brachte: Knapp 60 Buchseiten. Wer sich mit Angkor beschäftigt, kommt also um Chou Ta-kuan nicht herum. Um einen Eindruck zu geben, hier seine Beschreibung des Badens:

Kambodscha ist ein außerordentlich heißes Land, und es ist unmöglich, durch den Tag zu kommen, ohne sich mehrere Male zu baden. Sogar nachts sind, ein, zwei Bäder Pflicht. Es gibt keine Badehäuser, keine Becken, keine Kübel; jede Familie hat aber einen Teich. Manchmal teilen sich mehrere Familien einen. Männer und Frauen gehen nackt dort hinein; wenn jedoch Eltern oder ältere Personen baden, bleiben die jüngeren draußen. Wenn umgekehrt letztere im Teich sind, warten die Älteren außerhalb. Wenn alle Badenden gleichalt sind, vernachlässigen sie diese Zeremonie; die Frauen verdecken ihr Geschlecht mit der linken Hand, wenn sie das Wasser betreten. So einfach ist das!

Die zweite Quelle über den Alltag in Angkor liefern viele Tempelreliefs.

Implizit lernt man auch die arrogante Weltsicht der damaligen chinesischen Elite kennen. Für sie waren die Kambodschaner selbstverständlich nur Barbaren.

Chou Ta-kuan: Sitten in Kambodscha: Über das Leben in Angkor im 13. Jahrhundert (Angkor Verlag)

ISIS und der Islam

Oft hört man dieser Tage die naive Behauptung, ISIS hätte nichts mit dem Islam zu tun, obwohl die Protagonisten sich wörtlich auf den Koran beziehen und die religiös Verantwortlichen eine Ausbildung in islamischer Theologie haben. The Atlantic, eine linksliberale Zeitschrift wohlgemerkt, räumt in ihrer aktuellen Titelgeschichte mit diesem Unfug auf. Graeme Woods umfangreiche und gut recherchierte Analyse What ISIS Really Wants gehört zum Besten, was bisher über ISIS publiziert wurde:

The reality is that the Islamic State is Islamic. Very Islamic. Yes, it has attracted psychopaths and adventure seekers, drawn largely from the disaffected populations of the Middle East and Europe. But the religion preached by its most ardent followers derives from coherent and even learned interpretations of Islam.

Virtually every major decision and law promulgated by the Islamic State adheres to what it calls, in its press and pronouncements, and on its billboards, license plates, stationery, and coins, “the Prophetic methodology,” which means following the prophecy and example of Muhammad, in punctilious detail. Muslims can reject the Islamic State; nearly all do. But pretending that it isn’t actually a religious, millenarian group, with theology that must be understood to be combatted, has already led the United States to underestimate it and back foolish schemes to counter it. We’ll need to get acquainted with the Islamic State’s intellectual genealogy if we are to react in a way that will not strengthen it, but instead help it self-immolate in its own excessive zeal.

(…)

Centuries have passed since the wars of religion ceased in Europe, and since men stopped dying in large numbers because of arcane theological disputes. Hence, perhaps, the incredulity and denial with which Westerners have greeted news of the theology and practices of the Islamic State. Many refuse to believe that this group is as devout as it claims to be, or as backward-looking or apocalyptic as its actions and statements suggest.

Their skepticism is comprehensible. In the past, Westerners who accused Muslims of blindly following ancient scriptures came to deserved grief from academics—notably the late Edward Said—who pointed out that calling Muslims “ancient” was usually just another way to denigrate them. Look instead, these scholars urged, to the conditions in which these ideologies arose—the bad governance, the shifting social mores, the humiliation of living in lands valued only for their oil.

Bestattungsmuseum Wien

Zentralfriedhof 28.1. 2015

Schon bevor das Bestattungsmuseum in das Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2 umzog, zählte es zu meinen Lieblingsmuseen in Wien. Vorher war es im Bürogebäude der Bestattungen Wien untergebracht und ausschließlich mit Führung zugänglich. Jetzt kann man es sich – wie ein normales Museum – auch in Ruhe alleine ansehen. Die Aufbahrungshalle 2 liegt im Zentralfriedhof und damit gibt es seit wenigen Monaten für Einheimische wie Besucher so eine Art “All-you-can-eat-Bundle” in Sachen Wiener Morbidität.

Die Schau ist mit 300 Quadratmetern und 250 Exponaten nicht groß, gibt aber trotzdem einen guten Überblick über die Wiener Begräbniskultur. Die dreißig Stationen sind thematisch angeordnet, und der Audioguide erläutert nicht nur ausführlich den Kontext, sondern lässt auch einheimische Morbiditätsexperten zu Wort kommen. Hübsch sind auch Details wie die Möglichkeit, die zehn beliebtesten Musikstücke anzuhören, die bei Begräbnissen am Zentralfriedhof gespielt werden.

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis

Akademietheater 19.4. 2015

Regie und Bühne: Dusan David Parizek

mit
Catrin Striebeck
Stefanie Reinsperger
Dorothee Hartinger
Frida-Lovisa Hamann

Lotz’ letztes Drama in Wien, Nachrichten aus dem All sah ich leider nicht. Die positive Kritik kann ich nun aber indirekt nachvollziehen, denn Die lächerliche Finsternis ist ein gelungenes Stück Gegenwartsdramatik. Lotz’ Theatertext geht völlig eigenständige Wege, indem er Gegenwartsbezug & Groteske, Sarkasmus & Surrealismus originell verknüpft und das Ganze noch in den Kontext eines Klassikers stellt: Joseph Conrads Heart of Darkness.

Zwei deutsche Soldaten sind surrealerweise auf dem Fluss (sic!) Hindukusch in den Regenwäldern Afghanistans unterwegs, um einen durchgeknallten Kollegen zu eliminieren. Der Weg dorthin ist mit diversen abstrusen Szenen angereichert. Am Beginn des Abends erzählt ein somalischer Pirat vor dem Hamburger Landgericht noch seine Lebensgeschichte – in breitem Wienerisch. Das ist einerseits hoch komisch, regt andererseits durch den Verfremdungseffekt aber auch zum Nachdenken an.

Furiose Verwandlungskünstlerinnen und sind die vier Schauspielerinnen des Abends, welche sich nicht nur alle Rollen teilen, sondern auch noch die notwendigen Geräusche produzieren.

Erich Follath: Die Kinder der Killing Fields

Auf der Suche nach Büchern zur Vorbereitung meiner Studienreise, bekam ich dieses umfangreiche Buch von Erich Follath empfohlen. Untertitel: Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies. Ihm gelingt es ein ebenso ausführliches wie spannendes Porträt des Landes zu zeichnen, in dem er sich ihm inhaltlich und formal abwechselnd von unterschiedlichen Seiten annähert. Follath setzt fast alle Mittel des schreibenden Journalisten ein, von der abenteuerlichen Reisereportage über intensive Recherchen in Neuland bis hin zu ausführlichen Gesprächen mit Schlüsselfiguren. Einige davon sind prominente Völkermörder der Roten Khmer: Eine stellenweise bedrückende Lektüre. Es fehlt aber auch weder die kambodschanische Mythologie noch die Geschichte Angkors. Was wie eine willkürliche Aneinanderreihung von Themen klingt, funktioniert, weil Follath diese Schwerpunkte jeweils in eigene, ausführliche Kapitel kapselt.

Einer der Höhepunkte des Buches ist der Besuch bei dem französischen Starjuristen Jacques Vèrges, dessen diabolische Marketingfähigkeiten und dessen derangiertes Weltbild Follath dem Leser durch seine Schilderung vor Augen stellt.

Erich Follath Die Kinder der Killing Fields. Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies (Spiegel Buchverlag)

Birdman

Filmcasino 6.2. 2015

USA 2014
Regie: Alejandro G. Iñárritu

Werke, die sich gegen Schubladen sperren, sind mir prinzipiell sympathisch. Birdman fällt in diese Kategorie: Eine Komödie, die sich kritisch mit Hollywood auseinandersetzt und fast ausschließlich an einem Broadway-Theater spielt? Michael Keaton spielt Riggan Thomson, einem abgehalferten Actionhelden, der durch seine Verkörperung des Birdman reich und berühmt wurde und jetzt arm und vergessen sein Comeback mit einem Theaterstück von Raymond Carver versucht, in dem sowohl mitspielt als auch Regie führt. Der Film zeichnet sich durch gute Dialoge und intelligente Figuren aus. Die ironische Brechung des populären Superhelden-Genres war auch lange überfällig.

Kleist: Das Käthchen von Heilbronn

Burgtheater 5.2. 2015

Regie: David Bösch

Der Kaiser: Martin Schwab
Friedrich Wetter, Graf vom Strahl: Fabian Krüger
Gottschalk, sein Knecht: Hermann Scheidleder
Kunigunde von Thurneck: Dörte Lyssewski
Rosalie, ihre Kammerzofe: Frida-Lovisa Hamann
Theobald Friedeborn, Waffenschmied aus Heilbronn: Falk Rockstroh
Käthchen, seine Tochter: Sarah Viktoria Frick
Maximilian, Burggraf von Freiburg: Dietmar König
Rheingraf vom Stein, Verlobter Kunigundens: André Meyer
Eginhardt von der Wart: Dietmar König

Auch diese Aufführung zeigt: Als Klassiker des Feminismus wird das Stück nicht mehr in die Literaturgeschichte eingehen. David Bösch, der für das Burgtheater bereits mehrere exzellente Inszenierungen gestaltete, versucht diesem seltsamen Kleiststück das Betuliche auszutreiben. Ein so actionreiches Käthchen wird man so schnell nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das funktioniert für einzelne Szenen überraschend gut, ergibt aber kein schlüssiges Gesamtkonzept. Am Ende der pausenlosen zwei Stunden bleibt man ratlos zurück. Dabei ist schauspielerisch wenig auszusetzen und Sarah Viktoria Frick liefert eine so tadellose Leistung wie man das von ihr inzwischen gewöhnt ist.

Timbuktu

De France 1.2. 2015

France / Mauretania 2014
Regie: Abderrahmane Sissako

Von der Handlung wusste ich vorher nur, dass sie die Eroberung Timbuktus durch Islamisten thematisiert. Bis die Franzosen sie vertrieben, konnten sie dort 2012 neun Monate lang ihre idiotische Ideologie den weltoffenen Bewohnern aufdrängen. Ich erwartete also einen actionreichen antiislamistischen Propagandafilm.

In diese Falle tappt Abderrahmane Sissako allerdings nicht! Er erzählt einen ruhigen, langsamen Film und führt die Islamisten differenziert vor: Neben ihrer atavistischen Grausamkeit, kommt ihre komische Kläglichkeit nicht zu kurz. Alleine das wiederholte Hantieren mit Handys zeigt die Abstrusität ihrer Ideologie. Ihre Opfer werden mit großer Würde dargestellt, nicht zuletzt dank vieler intelligenter Dialoge. Uneingeschränkt sehenswert!

Kleptokrat Putin

Eines der erstaunlichsten Phänomene unserer Zeit ist, dass Putin in unterschiedlichen Kreisen als großes Vorbild verehrt wird. Dabei liegen die Fakten über seinen Werdegang seit langem auf dem Tisch: Er und seine Clique waren und sind ausgesprochen begabte Staatsdiebe. Eine hervorragende Zusammenfassung darüber, wie sich Putin gemeinsam mit der russischen Mafia den Staat unter den Nagel riss und gleichzeitig reich wurde, kann man im neuen Buch der Politikwissenschaftlerin Karen Dawisha nachlesen: Putin’s Kleptocracy: Who Owns Russia?.

Anne Applebaum bespricht es ausführlich für die The New York Review of Books unter dem adäquaten Titel How He and His Cronies Stole Russia:

He also carried off an extraordinary public relations coup, and one with far-reaching significance: for four years, between 2008 and 2012, Putin put a seemingly pro-Western, apparently business-friendly, decoy president in charge of the Kremlin. The reassuring presence of Dmitry Medvedev not only inspired Barack Obama and Hillary Clinton’s “reset” in American foreign policy, but lulled almost everyone in Europe into accepting a gangster state as a difficult but legitimate partner. During the four years of the Medvedev presidency NATO’s military readiness declined further, Western financial institutions became more dependent on Russian money, and Western politicians turned their attention to other matters.

Yet during this same period, as during his own presidency, Putin never abandoned the mafia methods Dawisha has so painstakingly described. Instead, he reshaped Russia’s political system in order to ensure that they could continue. Though Dawisha argues that Putin always intended to recreate an authoritarian, expansionist Russia, one could also argue that an authoritarian, expansionist Russia was the inevitable result of Putin’s need to protect himself, his cronies, and their money.

Either way, no one now doubts that, despite the talk of “reform,” he made no attempt to encourage truly entrepreneurial capitalism inside Russia or to create a legal system that would allow small businesses to grow. Courts became increasingly politicized and markets ever more distorted. Oligarchs and businessmen at all levels who did not play by his rules were destroyed.

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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