[Aus dem Archiv] Philip Roth: Indignation

Nachdem ich gerade Lust auf aktuelle Belletristik hatte, begann ich Philip Roth‘ neues Buch gleich nach dem Eintreffen zu lesen. Es trägt keine Gattungsbezeichnung, „Roman“ wäre aber auch zu viel gesagt. Es handelt sich um eine Erzählung, die durch großen Satz auf 230 Seiten gestreckt ist.

Einmal mehr geht der Protagonist aus Newark hervor, und einmal mehr ist es ein junger Jude. Marcus Messner, 18 Jahre alt, Sohn eines koscheren Metzgers und ein Musterknabe, was altersgemäße Freizeitbeschäftigungen angeht. Einser-Schüler und Student (auch wenn er in den Staaten natürlich As nach Hause bringt). Die Handlung setzt im Sommer 1950 ein und hat damit den Koreakrieg als wichtigen Hintergrund.

Kurz nach seinem Eintritt ins College in Newark wird sein Vater immer irrationaler und seltsamer. Er fürchtet ständig um das Leben seines Sohnes, beginnt ihm nachzuspionieren, ohne Grund und Anlass. Marcus hält das nicht lange aus und flüchtet in das Winesburg College nach Ohio. Dort kommt die andere Seite des jungen Mannes zum Vorschein, die des unangepassten, erwachenden Intellektuellen, der Russell liest, an den Zwangsgottesdiensten leidet und sich mit seinem Dean heftige Wortgefechte zum Thema liefert. Erste sexuelle Erfahrungen mit einem mysteriösen Mädchen kommen ebenso dazu wie seine Schwierigkeiten mit anderen Studenten, um seinen Einstieg ins Collegeleben nicht einfach zu machen. Am Ende verwandelt eine Schneeballschlacht ein paar hundert Jungen in einen wilden Mob.

Seine Renitenz bringt ihn nach Korea an die Front (Collegestudenten wurden nicht eingezogen), wo ein vielversprechendes junges Leben dank eines chinesischen Bajonetts sein Ende findet.

Man braucht nun kein Meisterhermeneut sein, um hier Bezüge zum Irakkrieg zu sehen, wo ebenfalls viele junge Amerikaner ums Leben kommen. Der Kontext des religiösen Dogmatismus und das fehlende Verständnis für liberale Werte verstärken diesen Eindruck noch. Roth geht nicht sehr explizit auf den Horror des Krieges ein. Dafür schildert er in einer quälenden Ausführlichkeit das blutrünstige des Schlachterhandwerks an den Marcus von klein auf teilnehmen „darf“.

Das ist schriftstellerisch so gut gemacht, wie man es von Philip Roth erwarten darf. Die Erzählung ist routiniert auf hohem Niveau geschrieben. Wenn man denn will, könnte man einwenden, dass die Ich-Perspektive nicht immer überzeugend durchgehalten wird. Marcus erzählt uns seine Geschichte, und ab und zu schreibt er so blasiert über sich als käme hier doch ein auktorialer Erzähler ins Spiel: „I, with the mind of an eighteen-year-old-boy…“ etc.

Die paar Stunden Lesezeit für „Indignation“ sind jedenfalls sehr gut investiert.

Philip Roth: Indignation. (Jonathan Cape)

Elle

Filmcasino 25.2. 17

FR 2016
Regie: Paul Verhoeven

Die Stärke des Films ist seine Unvorhersehbarkeit. Wer den Trailer sah, erwartet die Rachegeschichte einer vergewaltigten Frau zu sehen. Diese Erwartung wird auf unterschiedlichen Ebenen konterkariert, vor allem durch die sonderbare Beziehung, die sich im Laufe der Handlung zwischen dem Opfer und dem Täter entwickelt. Die Vergewaltigung ist aber nur der Kulminationspunkt eines nachdenklich machenden Frauenporträts. Michèle ist eine komplexe Frauenfigur, die auch jede Menge unsympathische Seiten hat, weshalb sie der Film nicht als klassisches Opferklischee präsentiert. Der Grund für ihren herben Charakter liegt in einer Horrorgeschichte aus ihrer Kindheit verborgen, die zu verarbeiten sie viel Energie kostet. Als Chefin einer Computerspielfirma, die mit sadistisch konnotierten Spielen ihren Umsatz macht, konnte sie diese Rückschläge oberflächlich in einen Erfolg verwandeln. Das Thema (sexuelle) Gewalt zieht sich semantisch und strukturell gekonnt durch den gesamten Film. Isabelle Huppert liefert eine brillante Leistung ab. Gut möglich, dass Elle später als Hupperts Karrierehöhepunkt bewertet werden wird.

Indignation

Filmcasino 20.2. 17

USA 2016
Regie: James Schamus

Literaturverfilmungen stehe ich skeptisch gegenüber, weil sie meist aus guten Büchern schlechte Filme machen. Diese filmische Umsetzung der gleichnamigen Erzählung des Philip Roth‘ ist aber eine positive Ausnahme. Die Handlung lässt sich in meiner Notiz über das Buch nachlesen. Sie spielt in den fünfziger Jahren mit dem Korea Krieg als bedrohlichem Hintergrund. Als das Buch erschien, konnte man damit den Irak Krieg assoziieren. Im Amerika Trumps treten die Themenkomplexe intellektuelle Individualität und Intoleranz als Anknüpfungspunkte in den Vordergrund. Aus diesem Grund wirkt auch das düstere Ende stark im Zuseher nach. Schauspielerisch und ästhetisch ist der Streifen ausgezeichnet umgesetzt. Was ihn als Literaturverfilmung ausweist sind die vielen guten, und teilweise schmerzlich langen Dialogszenen.

Privatbibliothek: Neuzugänge

    Abgesehen vom Fackel-Reprint habe ich die Werke Karl Kraus‘ bisher nur in Taschenbuchausgaben. Grund genug für mich, die neue Auswahlausgabe zu kaufen, damit der Wiener Polemiker edel gebunden im Bücherregal steht. Erwähnenswert ist naturgemäß auch die dicke neue Biographie über Montaigne, zu der es schon eine kurze Notiz gibt. Die viel diskutierte Studie Steven Pinkers war auch längst überfällig.

    Gratis bekommen:

  • Aischylos: Die Orestie. Neuübersetzung von Kurt Steinmann (Reclam)
  • Ermäßigt erworben:

  • Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit (S. Fischer)
  • Regulär erworben:

  • Philippe Desan: Montaigne. A Life (Princeton University Press)
  • Karl Kraus: Ausgewählte Werke in vier Bänden (Lambert Schneider / Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
  • Kurt Steinmann (Übersetzer): Die Apokalypse (Manesse)
  • Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)
  • Ausgewählte Ebooks:

  • George Orwell: 1984 (Houghton Mifflin Harcourt)

Whiplash & La La Land

Der 2014 erschienene Autorenfilm Whiplash von Damien Chazelle zählt zu den beeindruckendsten Filmen der letzten Jahre, speziell wenn man sich für Jazz und Ästhetik interessiert. Zentral ist Frage, was ein Genie zum Genie macht bzw. wie man junge Künstler am besten fördert. Im Mittelpunkt steht der hochbegabte junge Jazzmusiker Andrew Neiman, der im New Yorker Shaffer Konservatorium mit Terence Fletcher auf einen angesehenen Dirigenten und Lehrer trifft, dessen pädagogischer Stil mit „schwarz“ noch sehr diplomatisch beschrieben wäre. Es entwickelt sich ein spannendes Lehrer-Schüler-Drama. Fletcher rechtfertigt seine brutalen Methoden damit, dass er durch höchste Anforderungen neue Jazz-Genies hervorbringen will. Deshalb treibt er so manchen seiner Schüler in den psychischen Ruin. Als Zuseher stellt man sich schnell die Frage, welchen Preis künstlerische Genialität eigentlich wert ist. Eingefangen ist das Ganze cineastisch makellos mit intelligenten Einstellungen und Bildern.

Deshalb nehme ich allen meinen Mut zusammen, um mir auch den neuen Film Chazelles anzusehen, La La Land, obwohl ich mit dem Genre des Musicals noch nie etwas anfangen konnte. Nun kann ich sagen: Das wird auch so bleiben. Zweifellos ist dieser Streifen handwerklich nicht nur perfekt gemacht, sondern glänzt auch mit zahlreichen Anspielungen auf das klassische Hollywood. Diese Alusionen sind nicht nur inhaltlicher, sondern auch formeller Natur (etwa raffinierte Kamerafahrten). Trotzdem fehlt dem Film die intellektuelle Dringlichkeit und Notwendigkeit, welche Whiplash auszeichnet.
Der Erfolg des Musicals lässt sich aber leicht erklären. Einerseits ist die Nachrichtenlage so düster, dass viele Menschen wohl gerne einmal einen einigermaßen anspruchsvollen Entspannungsfilm sehen wollen. Andererseits ist die Handlung über zwei arme, aber ambitionierte junge Künstler, die in Los Angeles bzw. Hollywood erfolgreich sein wollen, hinreichend nostalgisch für die Filmszene, um dort Begeisterung auszulösen. Welcher Hollywood-Star in einer der zahlreichen Jurys sieht nicht gerne die Aufstiegskämpfe der jungen Stargeneration und erinnert sich an seine ersten frühen Erfolge? Dieser Nostalgiefaktor dürfte für die Preisflut eine plausible Erklärung sein, die über La La Land bisher hereingebrochen ist. Ansonsten wäre es für mich nur schwer verständlich, warum er etwa bei den BAFTAs mehr Auszeichnungen bekam als der in fast jeder Hinsicht bessere Manchester by the Sea.

Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij: Eiswind

Akademietheater 16.2. 2017

Regie: Árpád Schilling

Ilona: Lilla Sárosdi
Frank: Falk Rockstroh
János: Zsolt Nagy
Judith: Alexandra Henkel
Felix: Martin Vischer
Levente: András Lukács

Das Stück steckt voller löblicher Absichten. Árpád Schilling ist als kritischer Theatermacher in Ungarn nicht mehr gerne auf einer Bühne gesehen. Schön also, dass ihm das Akademietheater diese Möglichkeit bietet. Auch die Idee, ungarische Schauspieler gleichzeitig mit Ensemblemitgliedern zu beschäftigen, gefällt. Ihr Text wird durch Übertitel übersetzt. Schilling will seinen eigenen Aussagen nach mit dem Stück die mentalen Auswirkungen des Aufstiegs von Orban kommentieren. Er wählt dazu das Zusammentreffen einer reichen deutschen Akademikerfamilie mit einer aus dem ungarischen Mittelstand in einer entlegenen Waldhütte. Es entwickelt sich schnell eine faschistoide Dynamik.

Das größte Problem dieser Produktion ist das Niveau des literarischen Textes. Die vorgeführte Eskalation ist nämlich für den Zuseher völlig unplausibel. Die Entwicklung der Charaktere im Stück erscheint willkürlich und nicht hinreichend motiviert. Die Figuren sind auch voller Klischees, was teilweise wegen des komischen Effekts willen Absicht ist, und auch selbstironisch kommentiert wird.

Bis auf den Schluss überzeugt dagegen die Inszenierung und die schauspielerische Leistung. Die beklemmende Atmosphäre wird gut auf die Bühne übersetzt, speziell die Sturmszene wird kreativ und originell mit Komparsenmusikern in Szene gesetzt. Die schauspielerische Leistung ist bei allen Beteiligten bemerkenswert. Wäre der Text besser, hätte das ein hervorragender Theaterabend sein können.

Gelesen & Gehört & Gesehen

La Fille inconnue

Filmcasino 11.2. 2017

BEL 2016

Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne

Die Brüder Dardenne machen in ihren Filmen das, was die meisten Politiker gerne vermeiden: Einen genauen Blick auf die Wirklichkeit der nicht privilegierten Menschen zu werfen. Ihr neuestes Werk setzt diese Praxis fort, allerdings mit zwei merklichen Veränderungen: Zum einen wird die Lebenswirklichkeit dieses Mal aus der Sicht der jungen Ärztin Jenny erzählt, die mit diesem Milieu viel Kontakt hat, aber ihm wegen ihres Berufes selbst nicht angehört. Zum anderen ist der Film ästhetisch ruhiger, weil auf den extensiven Einsatz der Handkamera verzichtet wird.

Die Handlung lehnt sich an das Genre des Krimis an. Eine junge Afrikanerin wird tot aufgefunden, nachdem sie vergeblich an der Praxis der Doktorin klingelte. Vom schlechten Gewissen getrieben, versucht sie herauszufinden, wer die anonyme Tote eigentlich war. Dabei trifft sie auf unterschiedliche Menschen und Milieus, was wohl die ästhetische Zweckursache dieser Struktur ist. Schauspielerisch und handwerklich tadellos ausgeführt gelingt den Brüdern Dardenne damit ein weiteres sehenswertes Kunstwerk.

Was Männer sonst nicht zeigen

Filmcasino 10.2. 2017

FIN/SWE 2010

Regie: Joonas Berghäll & Mika Hotakainen

Wie grenzenlos mein Vertrauen in mein Stamm-Programmkino ist, zeigt dieser Filmbesuch. Einen Streifen über Sauna-Besuche? Der bereits sieben Jahre alte Film begleitet überwiegend Männer in die Sauna, wobei es in Finnland Saunen an den seltsamsten Orten gibt, darunter auch viele mobile. Dort erzählen die Besucher dann aus ihrem Leben, von Krankheiten, dem Verlust von Angehörigen und anderen Existenzkrisen. Ergebnis ist ein interessanter Einblick in das finnische Alltagsleben jener, die eher am unteren als am oberen Rand der Gesellschaft angesiedelt sind. Zwischen den Geschichten gibt es ausladende Aufnahmen der kargen finnischen Landschaft. Ein originelles Filmprojekt.

Homer: Ilias

Lange ist es her, seit ich die Ilias zum ersten Mal las. Mein mehrmals gelesenes Lieblingsbuch Homers ist die Odyssee. Sie kam mir literarisch bei weitem reichhaltiger und abwechslungsreicher vor als das Kriegsepos. Nach der neuen Lektüre bin ich geneigt, dieses Urteil zu revidieren, was vermutlich auch mit den pessimistischen politischen Aussichten unserer Tage zusammenhängt. Die Ilias ist so voller Hass und Gewalt, dass sie einen würdigen weltliterarischen Auftakt zur europäischen Geschichte bietet. Ein Teil dieses Eindrucks mag mit der Übersetzung Raoul Schrotts zusammenhängen, dessen Wortwahl deutlich drastischer und direkter ist, als jene aller anderen Übersetzer. Die philologische Korrektheit kann ich nur bedingt beurteilen, aber es gibt sicher keine Übertragung, welche eine ähnlich starke Wirkung auf den Leser hat. Man kann sich dadurch besser vorstellen, welche Reaktionen ein Vortrag in der Antike bei den Zuhörern auslöste.

Im Mittelpunkt steht bekanntlich der kleinliche Streit zwischen Agamemnon und Achilleus: Ersterer nutzt seine Macht als Feldherr, um dem größten Kriegshelden der Griechen sein „Beutemädchen“ Briseis abzunehmen. Letztendlich soll der Streit mit dem Priester Chryses beendet werden, dessen Fluch eine schwere Seuche über das Lager der Griechen brachte. Achilleus ist darüber so empört, dass er in einen Kampfstreik tritt, der letztendlich die Griechen viele Tote kostet und fast zum Verlust des Krieges führt. Homer spiegelt hier strukturell die Ursache des trojanischen Krieges, der durch die Entführung Helenas durch Paris ausgelöst wird. Machtmissbrauch führt damit zu einer irrationalen Wut.

Das Epos ist vollgespickt mit Passagen, welche zeigen, dass sich anthropologisch das grundsätzliche Verhalten der Menschen in den letzten 2500 Jahren nur wenig weiterentwickelt hat. Um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, die kritische Jugend gegenüber der älteren Generation:

der jugend stehen selbst vor uns herrschern so offene worte zu.
(IX, 59)

Wer glaubt, die Welt Homers sei ausschließlich auf das archaische Kriegertum fixiert, täuschte sich. Folgende Passage zeigt hübsch, dass man sehr wohl unterschiedliche menschliche Talente zu schätzen wusste:

man kann nicht in allem glänzen: dem einen verleiht [Zeus]
das nötige talent um zu kämpfen, dem anderen zum tanz
einem dritten, die lyra zu spielen und dazu zu dichten –
dem nächsten wiederum schenkt der weitsichtige zeus
ein gehirn: das ist auch nicht zu verachten; es profitiert
jeder davon wenn einer besser als jeder andere begreift
wie man sich rettet.
(XIII, 730)

Das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern verdient eine nähere Betrachtung. Bereits Platon kritisierte, dass Homer die Überwelt mit allen schlechten Eigenschaften der Menschen ausstattet. Das gegenseitige Verhältnis ist überwiegend zerrüttet. Die Götter kümmern sich rücksichtslos um ihre eigenen Favoriten während des Krieges und bekämpfen sich schließlich auch gegenseitig. Auch verbal vergeben sich beide Seiten nichts. Nicht nur beklagen die Götter sich über die Indolenz der Menschen:

vater zeus, gibts denn auf der ganzen welt keinen menschen mehr
der es noch für wert hält uns göttern zu verraten was er vorhat?
[VII, 456]

Auch die Menschen nehmen mit ihrer Kritik kein Blatt vor den Mund:

himmelherrgott vater zeus! jetzt erweist sich, was du bist –
ein geborner lügner! nie hätt ich gedacht, daß die griechen
unsrer unbesiegbaren durchschlagskraft widerstehen können!
(XII, 164)

Das ist insofern religionshistorisch sehr bemerkenswert, weil hier noch kaum die Spur jener späteren Unterwürfigkeit zu erkennen ist, die den Monotheismus auszeichnet. Der monotheistische Gott fordert strikte Unterordnung und strikten Gehorsam, während Zeus den obigen Ausbruch nicht zum Anlass nimmt, den Griechen dauerhaft seine Gunst zu entziehen.

Eine andere Perspektive in diesem Zusammenhang ist jene des freien Willens. Für die meisten guten oder schrecklichen Ereignisse des Trojanischen Krieges werden die Götter verantwortlich gemacht. Auch für konkrete Kampfhandlungen. Trifft ein Speer nicht, wird er nicht selten von einem Gott abgelenkt. Wer lebt und wer stirbt, ist in der Hand der Götter. Hier besteht also noch ein weiter Weg zu den eigenverantwortlichen Individuen, die wir im klassischen Griechenland durch die Literatur und Philosophie kennenlernen werden.

Die Eroberung von Städten war und ist immer einer der grausamsten Ereignisse in jedem Krieg. Nachzulesen ist das in vielen antiken Quellen, nicht zuletzt im Alten Testament. Auch Homer findet drastische Worte für diese Massaker:

was eine stadt an greueln
alles mitmachen muß, wenn sie erobert und gebrandschatzt wird:
männer, die abgestochen, häuser, die in schutt und asche gelegt
die kinder, die versklavt, all die frauen, die vergewaltigt werden.
(IX, 591)

Frauen waren damals wie heute die selbstverständlichen Opfer:

darum soll keiner auf rückkehr drängen, bevor er nicht
die frau eines troianers vergewaltigt hat: rein schon aus rache.
(II, 354)

Am Ende einer langen Schlacht ist das Feld mit so vielen Leichen übersät, dass es schwierig wird, einen Sitzplatz zur Beratung zu finden:

sie durchquerten den graben hinaus auf die ebene
und ließen sich auf dem einzigen flecken der erde nieder
der nicht voll leichen war
(X, 198)

Die Brutalität der Gewaltdarstellung braucht sich nicht hinter den Produkten der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie wie The Walking Dead zu verstecken. Gehirne spritzen, Gedärme machen sich selbständig und Köpfe rollen:

dolon fiel auf die knie, bettelte um sein leben und versuchte
flehentlich diomedes kinn zu berühren – doch der holte aus
mit seinem schwert, schlug es ihm mitten durch sein genick
die sehnen, adern und muskeln – daß der noch immer
quengelnde kopf in den dreck fiel
(X, 54)

Auch an Spezialeffekten fehlt es nicht. Wenn etwa Hephaistos mit Feuer den Flussgott Xanthos bekämpft, würde das jedem Hollywood-Blockbuster zur Ehre gereichen:

da ließ hephaistos eine übernatürliche feuersbrunst ausbrechen.
die flammen flackerten am rande der ebene auf; sie fraßen sich
auf die mitte zu, verschlangen die überall angespülten troianer
die achilleus getötet hatte, und zehrten an der glitzernden flut (…)
so brodelte der skamandros jetzt
in der alles verschmorenden hitze – und seine wasser kochten
wollten in dem flammenmeer nicht mehr fließen und stockten
unter den feuerwellen die hephaistos über sie hinbranden ließ
(XXI, 342)

Die Reaktion der griechischen Halbwüchsigen auf solche Schilderungen damals dürfte nicht viel anders gewesen sein als jene der heutigen Teenager im nächsten IMAX-Kino.

Ein anderer sich ständig wiederholender Aspekt der Kriegsschilderung ist der gierige Bereicherungsaspekt. Es war nämlich üblich, dem getöteten Krieger seine wertvolle Rüstung als Beute auszuziehen, was zu unschönen Szenen führt:

das räudige Handwerk des Krieges: kaum war er seiner wunde erlegen
da stritten sich die achaier und die troianer schon um seine leiche
mann gegen mann sich ineinander verbeissend wie die wölfe.
(IV, 471)

Man kann die Ilias aber auch noch ganz anders lesen, nämlich als Alltags- und Naturgeschichte der alten Griechen. Diese Lesart hat mich dieses Mal am meisten fasziniert. Homer verwendet als Metaphern überwiegend welche aus dem Bereich der Natur- und des alltäglichen Lebens seiner Zeitgenossen. Es gibt mehr als 300 dieser bildhaften Passagen, etwa 1100 Verse, die damit ein Sechzehntel des Textes ausmachen. Wir bekommen dadurch eine ausführliche Alltagsgeschichte des archaischen Griechenland.

Wie verläuft der Alltag?

und wie die reihen der schnitter im feld eines reichen herrn
von gegenüberliegenden seiten aufeinander zugehn, mähen
und die sensen durch den weizen oder die gerste schwingen
daß die ähren nur so fallen, so kamen troianer und griechen
aufeinander zu: rechts und links wurden sie niedergemacht
(XI, 67)

wie zwei bauern die sich meßruten in der hand, drüber streiten
wo der grenzstein des gemeindefelds, das sie unter sich aufteilen
zu liegen hat, und um einen schmalen streifen zu raufen kommen
der nicht breiter als der wehrgang ist, der die zwei heere trennte
(XII, 421)

der kampf war so ausgewogen als würde eine arbeiterin ihrem brotherrn
die gesponnene wolle abliefern und genau darauf achten daß sie
auch dem eingewicht entspricht – denn der lohn für ihre kinder
ist erbärmlich genug
(XII, 434)

so dick wie die schmiere an einer ochsenhaut, die der gerber
seinen lehrlingen zum strecken gibt, die sich dann ringsum
im kreis hinstellen, um mit vereinter kraft daran zu ziehen
bis ihre hände das riesige ochsenfell glatt gespannt haben
damit es austrocknet und das fett in die poren eindringt –
so zerrten sie von allen seiten an der leiche, hin und her
(XVII, 388)

wie saubohnen oder kichererbsen von einer holzschaufel
wenn sie beim worfeln auf dem dreschboden in den wind
geworfen werden, um sie von ihren hülsen zu trennen –
so prallte der bittere schaft von menelaos‘ bronzepanzer
und schlug erst weit entfernt irgendwo in den boden ein
(XIII, 588)

Selbst detaillierte geologische Beobachtungen verwendet Homer zur Veranschaulichung:

hektor brach über die achaier herein riesig wie ein felsbrocken
der einen berghang herunterrollt, nachdem ihn der wasserfall
eines vom winterregen angeschwollenen baches untergraben
und von der kante gespült hat, daß er im hohen weiten sprung
mitten durch die bäume kracht, der ganze wald widerhallend
von einem unaufhaltsamen poltern
(XIII, 138)

Auch eine Vielzahl an Beispielen aus dem semantischen Feld des Meeres bzw. der Seefahrt könnte ich noch anführen. Die zahllosen, unglaublich genau beobachteten Löwenbilder erwecken den Eindruck, als hätte Homer als Hobbyzoologe sein halbes Leben lang nichts anderes getan, als diese Raubkatzen zu beobachten.

Es wäre deswegen also ein großer Fehler, die Ilias auf ein berühmtes Kriegsepos zu reduzieren. Wie bei allen Klassikern liegen die kulturell und ästhetisch interessantesten Aspekte nicht an der Oberfläche.

Homer: Ilias. Übertragen von Raoul Schrott Kommentiert von Peter Mauritsch

Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 & Horowitz. 50 Jahre Menschenbilder

Jüdisches Museum 5.2. 2017

Das Haupthaus in der Dorothergasse zeigt eine sowohl kunst- als auch sozialgeschichtliche spannende Ausstellung, dokumentiert sie doch Leben & Werk von Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wobei man sich die biographischen Informationen jeweils über sein Smartphone holen muss. Wie schwierig es die Damen hatten, wird vielfältig ersichtlich. Nicht nur mussten sie eigene Vereinigungen gründen, weil sie lange aus den Männerbünden ausgeschlossen waren. Auch zur akademischen Ausbildung wurden sie bekanntlich erst spät zugelassen. Bezeichnend sind auch die diversen Beschimpfungen durch ihre männlichen Kollegen, so lästerte Adolf Loos über „dilettantische Hofratstöchter“ und Julius Klinger sprach vom „Weiberkunstgewerbe“. Die Schau ist nicht übermäßig umfangreich und fasst die Werke thematisch zusammen, etwa zur Avantgarde oder sozialkritischen Kunst. Es wird auch eine Dokumentation über Anna Mahler gezeigt. (Bis 1.5.)

Im Haus am Judenplatz ist eine kleine, feine Fotografie-Ausstellung zu sehen. Der Wiener Fotograf Michael Horowitz geht dieser Beschäftigung nun seit 50 Jahren nach und dokumentiert nicht nur in seinen Porträts die Zeitgeschichte. Alleine das berühmte Foto von Thomas Bernhard auf seinem Fahrrad und jene von H.C. Artmann lohnen den Besuch. Fesselnd sind auch die gezeigten Farbfotos zum Zeitgeschehen, darunter ein sehr treffendes von einer Norbert-Hofer-Wahlkampfveranstaltung. (Bis 28.5.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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