[Aus dem Archiv] Seneca über den Zorn

Zeitlos aktuell, leider.

Novartus, du hast mich aufgefordert, ich solle darüber schreiben, wie der Zorn beschwichtigt werden könne, und nicht zu Unrecht, wie mir scheint, fürchtest Du diese Leidenschaft besonders, da sie am meisten von allen widerwärtig und tollwütig [ist]. Den übrigen nämlich wohnt noch etwas Ruhiges und Gelassenes inne, diese ist ganz und gar leidenschaftlich erregt und steht unter dem Ansturm von Schmerz, in kaum noch menschlicher Gier nach Waffen, Blut, Hinrichtungen rasend; wenn sie nur einem anderen schaden kann, ihrer selbst nicht achtend

[…]

Manche also von den Philosophen haben den Zorn genannt: zeitweiligen Wahnsinn; denn in gleicher Weise ist er nicht Herr seiner selbst, des Anstandes vergessend, ohne an Bindungen zu denken, in dem, was er begonnen hat, beharrlich und rastlos, Vernunft und klaren Überlegungen unzugänglich, von nichtigen Anlässen umgetrieben, zur Unterscheidung von Gerecht und Wahr unfähig, dem einstürzenden Gebäude sehr ähnlich, das über dem, was es begräbt, zerschellt.

[…]

[…] kein Unheil ist das Menschengeschlecht teurer zu stehen gekommen. Sehen wirst Du Mord, Vergiftung, gegenseitiger Anklage Schmutz, Zerstörung von Städten, ganzer Völker Ausrottung

[…]

Die Vernunft läßt beiden Seiten Zeit; sodann sucht sie Gelegenheit zu Rechtsberatung auch für sich, damit sie Wahrheit an den Tag zu bringen Raum hat – der Zorn hat es eilig. Die Vernunft will das Urteil fällen, das gerecht ist – der Zorn will das für gerecht angesehen wissen, was es als Urteil gefällt hat.
Die Vernunft sieht auf nichts außer eben dem, um das es geht – der Zorn läßt sich durch Nichtiges und nicht zur Sache Gehöriges beeinflussen.

Der Bauer zu Nathal – Kein Film über Thomas Bernhard

Stadtkino 22.4. 18

Ö 2017
Regie: David Baldinger, Matthias Greuling

Mein einziger Kritikpunkt bezieht sich auf den Titel: Selbstverständlich ist es auch ein Film über Thomas Bernhard und die ironische Verneinung ist nicht umwerfend originell. Originell und erfrischend ist allerdings das filmische Konzept, die Nachbarn und Ohlsdorfer Mitbürger samt ihrer Auseinandersetzung mit dem berühmten Autor zu dokumentieren. Eine Reihe von ihnen kommen ausführlich zu Wort, darunter ein hartnäckiger Bernhard-Hasser aber auch nicht wenige, die sich ernsthaft mit dem Provokateur auseinandersetzen. Es entsteht ein exzellentes Porträt des sozialen und mentalen Mikrokosmos dieses oberösterreichischen Fleckens. David Baldinger und Matthias Greuling bemühen sich um einen objektiven Blick. Das übliche Denunziatorische vieler Provinzdokumentationen liegt den beiden fern. Damit setzen sie einen Kontrapunkt zu den Provinztiraden Bernhards. Dieser kommt in kurzen, meist von Burgschauspielern gelesenen Szenen zu Wort. Sehr sehenswert.

Lady Bird

Filmcasino 21.4. 18

US 2017
Regie: Greta Gerwig

Die amerikanische Filmkritik feiert Lady Bird seit dessen Erscheinen fast ausnahmelos als großes Meisterwerk. Jetzt können sich endlich auch Europäer eine eigene Meinung bilden. Um das Fazit zu antizipieren: Der Film ist ein gut gelungener Autorenfilm, ein sehr sehenswerter Erstling. Ein außergewöhnliches Kunstwerk kann ich hier aber nicht erkennen. Die größte Stärke des Streifens liegt in der Authentizität mit der das Leben einer amerikanischen Teenagerin in der nordkalifornischen Provinz porträtiert wird. Angesichts unzähliger Highschool-Coming-Of-Age-Geschichten zeigt es nicht nur großen Mut, sich für das erste Werk an dieses Genre zu wagen, sondern es ist auch eine große kreative Leistung hier etwas ästhetisch Bemerkenswertes abzuliefern.

Ein so sensibles Porträt einer wirtschaftlich unterprivilegierten amerikanischen Familie gab es schon lange nicht mehr im Kino zu sehen. Nebenbei werden wir Zeuge, wie das Nebeneinander von Arm und Reich die amerikanische Gesellschaft spaltet. Schauspielerisch ist der Film grandios. Das gilt speziell für Saoirse Ronan als Lady Bird sowie Laurie Metcalf als autoritär-fürsorgliche Mutter. Die anderen Figuren werden aber ebenfalls alle exzellent gegeben. Mögen Greta Gerwig noch weitere Werke auf diesem Niveau gelingen.

Tennessee Williams: Die Glasmenagerie

Akademietheater 12.4. 18

Regie: David Bösch

Amanda Wingfield, die Mutter: Regina Fritsch
Laura Wingfield, ihre Tochter: Sarah Viktoria Frick
Tom Wingfield, ihr Sohn: Merlin Sandmeyer
Jim O’Connor, ein netter junger Mann: Martin Vischer

David Bösch ist ein im besten Sinne literarischer Regisseur. Wenn ein Theatertext Ruhe braucht, wird er von ihm nicht mit unzähligen Regieideen überschüttet. So bekomme ich an diesem Abend endlich wieder einmal hervorragendes Literaturtheater präsentiert. Es passt alles: Der schäbige Dachboden als Bühnenbild, auf den ab und zu der Regen prasselt. Die Schauspieler(innen) liefern ausnahmelos tadellose Interpretationen ab. Regina Fritsch kann ihre dramatischen Stärken ebenso ausspielen wie Sarah Viktoria Frick ihren Hang zu Außenseitern. Merlin Sandmeyer nimmt man das Leiden an seinem langweiligen Leben auch von Anfang an ab. Martin Vischer gibt O’Connor als bürgerliche Kontrastfigur, auch wenn er ökonomisch nicht viel besser dasteht als sein Bekannter Tom.

Die Glasmenagerie wurde 1945 uraufgeführt und eine Nebenerkenntnis des Stücks ist, dass sich in Sachen sozialer Absicherung in den USA seit 1945 nichts Grundsätzliches verbessert hat. Ein gelungener Theaterabend.

Loveless (Nelyubov)

Filmcasino 8.4. 18

R 2017

Regie: Andrey Zvyagintsev

Seit Leviathan halte ich Andrey Zvyagintsev für einen spannenden Regisseur. Der Russe kombiniert einen schonungslosen Blick auf die Menschheit mit mutiger Kritik an der Politik in der Putin-Ära. In Loveless dominiert der erste Aspekt. Anhand eines Scheidungsdramas zeigt Zvyagintsev die emotionale Zerstörung einer Familie der oberen Mittelschicht. Der ungeliebte zwölfjährige Sohn bekommt diesen Streit mit und verschwindet plötzlich. Der überwiegende Teil des Films zeigt die verzweifelte Suche nach dem Jungen. Sie wird von privaten Helfern organisiert, während die Polizei anfangs untätig bleibt. Ein Seitenhieb auf den Zustand russischer Behörden. Zwischendurch werden die beiden neuen Beziehungen des Ehepaars beleuchtet. Ich fühle mich manchmal an Ibsen, manchmal an Bergman erinnert.

Gleichzeitig wird man als Zuseher mit viel Zeitkritik konfrontiert. Das fängt mit dem ständigen Spielen aller Protagonisten mit ihren Smartphones an, geht über die religiöse Verlogenheit eines Arbeitgebers bis hin zur trostlosen urbanen Provinzstadt, in welcher diese traurige Geschichte erzählt wird. Formal setzt Zvyagintsev auf lange Einstellungen und eine dunkel blau-grün-grau gehaltene Farbpalette. Ein wunderbar kompromissloses und ästhetisch gelungenes Werk.

Genosse. Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Jüdisches Museum Wien 25.3.18

In der aktuellen Ausstellung beschäftigt sich das Jüdische Museum systematisch mit den jüdischen Protagonisten der revolutionären Bewegungen. Prominent ist hier natürlich die russische Revolution vertreten. Anhand von Texttafeln, Videos und jeder Menge Propagandamaterial dokumentieren die Kuratoren wie Lenins politisches Projekt jüdische Intellektuelle elektrisierte. Auch die diversen Verbindungen nach Wien kommen selbstverständlich nicht zu kurz. Bitter ist die Aufarbeitung, wie linke jüdische Intellektuelle dann systematisch von Stalin ermordet werden. Chronologisch endet die die Schau erfreulicherweise erst mit Gorbatschows Perestroika, so dass auch die jüngere Zeitgeschichte nicht zu kurz kommt. (Bis 1.5.)

The Death of Stalin

Filmcasino 30.3. 18

GB/CDN/F/B 2017
Regie: Armando Iannucci

Eine bitterböse Satire über Stalins Tod sollte eigentlich viele meiner Vorlieben erfüllen: Scharfe Kritik an totalitären Systemen, schwarzen Humor und provokative Themen. Einige der Szenen finde ich auch gelungen & amüsant. Insgesamt aber bleibt beim Verlassen des Filmcasinos ein zwiespältiges Gefühl zurück. Den wenigen Lachern steht einfach zu viel missglückte Komödie gegenüber.

Akira Kurosawa

Wie zu allen anspruchsvollen Kunstwerken, muss man sich den Zugang zu Kurosawas Filmen intellektuell erarbeiten. Auf den ersten Blick wirken sie sehr fremd. Das liegt gleichzeitig am meist ungewöhnlichen japanischen Setting sowie an der für den westlichen Zuseher verfremdend wirkenden Ästhetik. Beispielsweise agieren die Schauspieler für unsere Filmsozialisation ungewohnt unrealistisch und wirken teilweise übertrieben, wie wir das von der Oper her kennen.

Der zweite Blick zeigt uns dann aber schon seltsam Vertrautes. Warum kommen uns Elemente dieser „exotischen“ Filme so bekannt vor? Ein Grund dafür ist, dass Kurosawa sich thematisch oft an der abendländischen Kultur orientiert. Sein Lieblingsautor ist Dostojewskij und seine Filme setzen sich mit ähnlich großen Menschheitsthemen auseinander wie dessen Romane. Er geht sogar so weit, westliche Klassiker in die japanische Kultur zu transponieren. Throne of Blood (1957) etwa erzählt Shakespeares Macbeth nach. Kurosawa setzt auch gerne klassische Musik ein, etwa Schubert in seinen frühen Filmen.

Ein dritter Aspekt, warum uns Kurosawa an Bekanntes erinnert, ist sein kaum zu überschätzender Einfluss auf Hollywood. Speziell die Regisseure des New Hollywood aus den siebziger Jahren betonten immer wieder, welchen Einfluss Kurosawas Ästhetik auf sie ausübte. Er prägte sogar ganze Genres wie den Western. So sind die The Magnificient Seven (1960) ein Remake des wohl berühmtesten Film des Japaners: Seven Samurai (1954) [Notiz]. Wer sich nur eines seiner Werke ansehen will, sollte sich dafür entscheiden. In knapp drei Stunden demonstriert er die beschriebenen Qualitäten am besten. Das gilt auch für Kurosawas innovative Kamera- und Schnitttechniken sowie für die Kunst seines Lieblingsschauspielers Toshiro Mifune. Die Actionszenen sind bis heute prägend.

Wichtig im doppelten Sinne war für den Regisseur auch Rashoman (1950) [Notiz]. Einerseits wurde Kurosawa und in Folge das japanische Kino weltberühmt. Andererseits reflektiert er hier filmisch komplexe erkenntnistheoretische Fragestellungen.

Mir persönlich gefallen speziell auch jene Filme sehr, die den Nachkriegsalltag der Japaner reflektieren. One Wonderful Sunday (1947) wäre hier zu nennen, Stray Dogs (1949), Ikiru (1952) oder High and Low (1963).

Ein Meister seines Fachs und einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Mark J. Ravina: Understanding Japan: A Cultural History

Als Notiz nachzutragen bleibt eine Vorlesung, mit der ich mich auf meine letzte Japan-Reise vorbereitete. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich ob der vielen neuen Themen überwältigt. Beim zweiten Sehen kurz vor der Reise ist nach meiner Lektüre diverser Bücher und Artikel nicht mehr viel Neues dabei.

Die halbstündigen Videos sind auf ein westliches Publikum zugeschnitten und zeigen Japans Kulturgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. So erfährt man nicht nur die Grundzüge der japanischen Geschichte, organisiert anhand der unterschiedlichen Perioden der Abschottung und des Austausches, sondern wird beispielsweise auch mit den unterschiedlichen Formen des Theaters vertraut gemacht. Sehr erhellend finde ich etwa die Vorlesung über die japanische Sprache und wie sich in ihr die Normen der japanischen Gesellschaft seit Jahrhunderten spiegeln. Für alle geeignet, die einen didaktisch gut gemachten Einstieg in die japanische Kultur und Gesellschaft suchen.

Mark J. Ravina: Understanding Japan: A Cultural History (Great Courses Video; 12h)

The Shape of Time

Kunsthistorisches Museum 11.3. 18

Einmal mehr ist dem Kunsthistorischen Museum hier ein großer Wurf gelungen. Zwar ist es nicht neu, die Klassiker mit Gegenwartskunst zu konfrontieren, aber sowohl die Auswahl als auch die Art der Präsentation eröffnet hier viele neue Blickwinkel: Die 19 modernen Kunstwerke sind nämlich über die gesamte Gemäldegalerie verteilt und liefern somit auch den Anlass für einen kompletten Rundgang.

Diese direkte Gegenüberstellung eines alten und eines neuen Werks lädt zu vielen Assoziationen und Gedanken ein. Wie entwickelte sich ein Sujet über die Jahrhunderte hinweg? Hat sich die Selbstdarstellung von Künstlern verändert? Welche Wirkung haben neue Materialien? Was macht ein Kunstwerk letztendlich zum Klassiker? (Bis 8.7.)

La Boheme

Wiener Staatsoper 14.3.18

Dirigentin: Speranza Scappucci
Regie und Bühnenbild: Franco Zeffirelli

Rodolfo: Jean-François Borras
Mimì: Anita Hartig
Marcello: Orhan Yildiz
Musetta: Valentina Nafornita
Schaunard: Igor Onishchenko
Colline: Jongmin Park
Benoit: Marcus Pelz
Alcindoro: Marcus Pelz

Musikalisch makellos in einer peinlich verstaubten Inszenierung. Mehr ist nicht zu sagen.

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(5. Januar 2013)

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