[Notiz der Woche] David Deutsch: The Beginning of Infinity

Boshaft gesagt, gibt es derzeit zwei grundsätzliche Arten des professionellen Philosophierens. Eine gibt sich damit zufrieden, originell klingende und schwer zu verstehende Texte zu produzieren. Laien sind damit leicht zu beeindrucken, wird doch in unseren Breiten immer noch gerne sprachliche Dunkelheit mit philosophischem Tiefsinn verwechselt. Mit dieser “postmodernen” Art des Philosophierens (die Markennamen für diese Verbaldampf-Produktion werden alle paar Jahre ausgewechselt), setzte ich mich bereits vor über 10 Jahren in meinem Postmoderne-Essay auseinander.
Die andere Art, Philosophie zu betreiben, ist mehr an den Naturwissenschaften orientiert und steht (im weitesten Sinn) in der Tradition der analytischen Philosophie, die sich unter anderem zum Ziel setzte, eine klare Fachsprache zu entwickeln. Kognitions- und Neurophilosophie wären aktuelle Beispiele.

David Deutsch ist Quantenphysiker an der Oxford University und wurde mit seinem Buch The Fabric of Reality einem breiteren Publikum bekannt. Bescheidenheit ist seine Sache nicht, legt er in seinem Buch doch eine philosophischen Entwurf vor, der kein Thema auslässt, von der Ontologie über die Ästhetik bis hin zur Geschichtsphilosophie. Selbst Außerirdische werden nicht vergessen. Das imponiert in einer Zeit der Spezialisierung, wenn es auch nicht in jedem Fall gelingen kann.

Deutsch ist kritischer Rationalist, ist philosophisch also von Popper geprägt. Auch mir scheint dieser epistemologische Ansatz sehr plausibel zu sein, weil sein Erklärungspotenzial sehr groß ist, ohne von diffusen Hypothesen auszugehen. So sind denn für Deutsch die beiden wichtigsten Kriterien für gute Philosophie und gute Wissenschaft gehaltvolle Erklärungen. Diese zeichnen sich darin aus, dass sie spezifisch, schwer zu variieren und falsifizierbar ist. Wissensproduktion ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis des Universums. Wissen wird durch zwei sich ergänzende Mechanismen produziert: Kreativität und Kritik.

Kreativität in der Welterklärung gab es seit die Menschen zu denken anfingen. Die überlieferten Ergebnisse, etwa die antiken Mythologien sind intrinsisch auch sehr beeindruckend. Ihre Erklärungskraft sei aber von der Realität abgekoppelt. Der Grund dafür ist plausibel: Man hat sie nie empirisch-kritisch an der Wirklichkeit getestet. Dieses Verfahren war zwar seit der griechischen Naturphilosophie bekannt, konnte sich aber erst mit der wissenschaftlichen Revolution ab dem 16. Jahrhundert durchsetzen. Seitdem sei die Menschheit auf dem richtigen Pfad zu immer Wissen. Voraussetzung dafür seien dynamische Gesellschaften, eine Weiterentwicklung von Poppers offenen Gesellschaften. Nur sie garantierten menschlichen Fortschritt und ein dauerhaftes Überleben der Menschheit durch ihre Fähigkeit auch unerwartete Probleme lösen zu können, zumindest potenziell.

Deutsch ist ein kritischer Optimist. Er hält prinzipiell alle Probleme durch Wissen für lösbar. Die Wissenschaft steht für ihn erst ganz am Anfang. Er argumentiert ausführlich, warum es keine grundsätzlichen Erkenntnisbarrieren geben könne. Dabei ist der Professor aus Oxford alles andere als naiv. Sein Blick auf die Welt ist kritisch und nüchtern, etwa wenn er Naturschutzromantiker oder Utopiker kritisiert. Seiner Meinung nach wird es immer schwierige Probleme geben, die zu lösen sein werden. Problemfreiheit könne es immer nur für sehr kurze Phasen geben.

Sehr überzeugend ist Deutsch ebenfalls, wenn er die Vorzüge einer dynamischen im Vergleich zu einer statischen Gesellschaft erläutert. Statische und konservative Gesellschaften waren und sind strukturell nicht in der Lage, bei unerwarteten Krisen das notwendige Wissen für deren Beseitigung zu produzieren. Deshalb sind nur dynamische, wissenschaftsorientierte Gesellschaften zukunftsfähig. Die Vorteile neuer Technologien und neuen Wissens überwiegten die Nachteile bei weitem. Ein in sein Buch eingeschobener fiktiver sokratischer Dialog über die Unterschiede der Gesellschaft Athens und Spartas veranschaulicht das hervorragend.

Am stärksten ist Deutsch selbstverständlich dort, wo er fachlich zuhause ist, nämlich in der theoretischen Physik. Sein ausführliches Kapitel über Quantentheorie (er ist ein Anhänger der Multiversums-Interpretation) zählt zum für Laien verständlichsten, was ich bisher zum Thema las.

Fachphilosophen seien noch vorgewarnt: Deutsch gibt kaum “technische” Erläuterungen seiner philosophischen Argumente. Das Buch ist für Laien geschrieben.

Selbst wenn Deutsch mit seinem Ansatz in machen Fällen zu enthusiastisch ist (etwa wenn er ihn auf die Ästhetik anwendet), so zeigt sein Buch brillant, wie man heutzutage gute Philosophie betreiben kann und soll.

David Deutsch: The Beginning of Infinity. Explanations that transform the world. (Viking)

Monika Gronke: Geschichte Irans

Für mich sind die kleinen Bücher aus der Reihe C.H. Beck Wissen gute Reisebegleiter. Zu dem Zweck erwarb und las ich auch diese Einführung in die Geschichte des Iran. Monika Gronke ist Orientalistin an der Universität Köln und hat sich als Landesspezialisten einen guten Ruf erschrieben. Ihre Darstellung setzt mit Mohammed und der Islamisierung ein und geht bis in die Gegenwart. Mit der Zeit davor beschäftigt sich Das frühe Persien.
Gronke packt viel in wenige Seiten und gibt einen soliden Überblick über die komplexe Geschichte des Landes. Besonders hervorheben möchte ich ihre anschauliche Darstellung der Abspaltung der Schiiten. Sie beschreibt ausführlich die historischen Hintergründe dieser verhängnisvollen Entwicklung. Was sich gerade im Irak abspielt, kann man nur verstehen, wenn man den historischen Kontext dazu kennt.

Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

Gelesen im Mai und Juni

  • Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)
  • Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert (S. Fischer)
  • Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus)
  • Stephen Kinzer: All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror (Wiley)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Edward Snowden & Glenn Greenwald

Es gibt nur wenige lebende Menschen, die sich um Demokratie und Menschenrechte so verdient machen, wie Edward Snowden und sein Sprachrohr Glenn Greenwald. Anlässlich des neuen Buches von Glenn Greenwald – No Place to Hide – und weiterer Neuerscheinungen schreibt Sue Halpern für die New York Review of Books nicht nur eine exzellente Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse, sondern nimmt Greenwald auch vor amerikanischen Kritikern in Schutz:

This critique of Greenwald’s journalistic ethics from the left is bookended by the one that has come from the right, understandably, and from the center, quite vociferously. Michael Kinsley’s “New York Times” review of “No Place to Hide” is emblematic of the illiberal bluster that has moved the debate from the message—the extensive, often arbitrary, and sometimes criminal activities of the United States spying apparatus—to the messenger, with personal attacks on Greenwald for working with Snowden to bring those activities to public scrutiny. In these formulations, Greenwald is a narcissist, a scofflaw, a traitor, a dogmatist, a self-proclaimed ruthless revolutionary, while those who find value in his reporting are, at best, fools.

Mozart: Die Zauberflöte

Wiener Staatsoper 17.6. 2014

Regie: Moshe Leiser, Patrice Caurier

Sarastro: Brindley Sherratt
Tamino: Benjamin Bruns
Königin der Nacht: Iride Martinez
Pamina: Valentina Nafornita
Papageno: Nikolay Borchev
Monostatos: Thomas Ebenstein

Mit dieser Neuinszenierung aus dem Jahr 2013 hat die Wiener Staatsoper einen veritablen Bock geschossen: Es wurde eine mittelmäßige Inszenierung durch eine miese ersetzt. Die Zauberflöte ist aufgrund der Inkonsistenz und der vielen Anachronismen ein schwieriges Stück. Die Regie wirkt als hätte sie sich das Ziel gesetzt, die Inkohärenz des Librettos durch Beliebigkeit auf der Bühne zu betonen. Es ist nämlich keine tragende Idee zu erkennen. Die Skala reicht von tollpatschig über märchenhaft bis hin zu pathetisch. Unpassende groteske Einlagen nicht zu vergessen. Wer im Jahr 2013 einen Monostatos noch schwarz geschminkt mit Kraushaarperücke auftreten lässt, der hat als Opernregisseur ohnehin den Beruf verfehlt.

Erschwerend kommt noch die mäßige musikalische Qualität des Abends hinzu. Während Benjamin Bruns als Tamino und Valentina Nafornita als Pamina eine gute Leistung bringen, regiert sonst das vokale Mittelmaß. Die Rachearie wird mit der Wucht eines Wiegenliedes vorgetragen und der Sarastro des Brindley Sherratt ist wenig ausdrucksstark.

Man kann nur hoffen, dass diese wichtige Säule des Staatsopernrepertoires bald eingemottet wird.

Eine Biographie des Romans

Knapp 1200 Seiten benötigt Michael Schmidt für seine neue Biographie des Romans. Entsprechend schwergewichtig ist das Buch, von dem ich mir bewusst nicht die Kindleversion bestellte. Obwohl ich es noch nicht las, beeindruckt mich Schmidts Ambition, alleine eine Geschichte des Romans anzugehen. Eine sehr ausführliche Rezension schreibt William Deresiewicz für The Atlantic:

Schmidt’s account is chronological, but loosely so. Early chapters flash forward to the present or near-present, so that Aphra Behn shares quarters with Zora Neale Hurston, Daniel Defoe with Capote and Coetzee. Schmidt is weaving threads, picking out lines of descent: the Gothic, the exotic, the vernacular, the journalistic; manners, genres, voices, verisimilitude. Through Mandeville and Foxe’s “Book of Martyrs” and “The Pilgrim’s Progress”, we see the novel (or rather, its precursors) find a sense of form, coalesce from a sequence of incidents into a coherent structure. Through Defoe and Richardson and Fielding, the 18th-century emergence, we see it becoming the novel.

[...]

Note the breadth of Schmidt’s attention, the variety of angles from which he’s able to approach a book. He has his favorites (Fielding, Conrad, Naipaul, Amis), as well as those he thinks are overrated (Thomas Pynchon, Ian McEwan, Paul Auster), but he takes each one on his own terms, and in his own times. He doesn’t expect Dos Passos, with his political engagement and documentary style, to look like Nabokov, the avatar of aestheticism. He doesn’t ask the writers of the past (or the present) to affirm his social views. Some get a couple of paragraphs, a few get 10 pages or more, but each is seen as if intensely spotlit; they are their own story, as well as part of a greater one.

Der gefährliche “Ulysses”

Völlig zu Recht nennt Kevin Birmingham seine literaturgeschichtliche Studie The Most Dangerous Book: The Battle for James Joyce’s “Ulysses”. Darin geht er der peinlichen Publikationsgeschichte dieses großen Romans nach. Wie sehr ich das Buch schätze, kann man in meiner Ulysses-Notiz nachlesen. Eine kenntnisreiche Rezension der Neuerscheinung liefert The Economist:

Mr Birmingham’s descriptions of the fight between these moral crusaders and the people defending Joyce’s work are thrilling. Joyce came under pressure to finish the book, in part because of the looming threat of legal action against it. With the eye of a novelist Mr Birmingham enlivens his story with details about these forgotten characters: how the judge who ultimately overturned the ban in America wore a tie when playing tennis and how the British lawyer who declared that the novel was “filthy, and filthy books are not allowed to be imported into this country” disliked cars, even as late as the 1950s.

John Cassavetes: Begin the Beguine

Akademietheater 12.6. 2014

Regie: Jan Lauwers

Gito Spaiano: Falk Rockstroh
Morris Wine: Oliver Stokowski
Bibi Feller, Charlemane, Jocanda: Inge Van Bruystegem
Shelly Tonatsu, Benee, Kiko: Sung Im Her

Selten so grausame Dialoge gehört! Nach dreißig Minuten das Akademietheater verlassen.

Studienreisen-Planung

Eine Aktualisierung meiner Reiseplanung. Die dazu gehörigen Reise-Notizen finden sich hier.

Griechenland (Herbst 2002)
Sizilien (Frühjahr 2003)
Westtürkei (Frühjahr 2004)
Ägypten (Frühjahr 2005)
Israel (Frühjahr 2006)
China (Frühjahr 2007)
Rom und Golf von Neapel (Frühjahr 2008)
Jordanien (Herbst 2008)
Zentralasien (Frühjahr 2009)
Zentralanatolien (Herbst 2009)
Toskana/Umbrien (Frühjahr 2010)
Indien/Rajasthan (Oktober 2010)
Malta (März 2011)
Südamerika (Oktober 2011)
Armenien (Mai 2012)
Marokko (Dezember 2012)
Paris (Kunstgeschichte) (April 2013)
Äthiopien (Oktober 2013)
Iran (Mai 2014)

Gebucht:

Kreta (Herbst 2014)
Vietnam & Kambodscha (Februar 2015)

Geplant:

Georgien (September 2015)
Mexiko (Frühjahr 2016)
Japan (2017)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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