[Notiz der Woche] Sokrates enzyklopädisch

Es ist ein leider weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die besten enzyklopädischen Artikel immer in der aktuellsten Auflage eines Lexikons befinden. Das mag für naturwissenschaftliche und aktuelle technische Themen zutreffend sein, nicht zwangsläufig aber für (geistes)geschichtliche, wie ein Vergleich mehrerer Einträge zum Stichwort Sokrates einmal mehr belegt.

1. Meyer’s neues Konversations-Lexikon. Zweite Auflage 1861

Der anonyme Autor gibt einen durchaus brauchbaren Überblick. Die Parteinahme für Sokrates ist nicht zu übersehen, alles in allem wird das klassische Sokrates-Bild vermittelt. Kritiker werden mit erfrischender Polemik bedacht. So gab es schon im 19. Jahrhundert die Meinung, der Philosoph sei zurecht verurteilt worden, worüber sich der Verfasser erbost:

Diese ungenirte Rechtfertigung eines Aktes, der ganz einfach das Ergebniß sophistischer und demagogischer Ränke war und die sittliche Korruption bekundete, ist selbst als ein Zeugnis moderner sophistischer Zersetzung zu betrachten. Die große Bedeutung des S. ist in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr durch seinen Tod gab. Die ganze platonische und aristotelische Philosophie würden nicht das geworden sein, was sie sind, wenn der Gedanke an die Persönlichkeit des S. nicht der sophistischen Zersetzung des damaligen Denkens in einigen edleren Geistern die Wage gehalten und gleichsam als moralischer Rückhalt und Trost gedient hätte. [Band 14, S. 705]

2. Meyers Großes Konversationslexikon. Sechste Auflage 1907ff.

Knapp 50 Jahre später, wird der ältere Artikel als Basis herangezogen, eine Reihe von Passagen werden trotz einer allgemeinen Überarbeitung wörtlich übernommen. Auch der Tenor ist derselbe, allerdings ist der Text “technischer”, d.h. es wird deutliche mehr philosophische Fachterminologie ins Spiel gebracht (Induktion, Definition):

Das eigentlich Neue in der Kunst des S. bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung des Besonderen zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), andererseits durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das Allgemeine, weil es aus dem Besonderen gewonnen worden ist, dieses letztere sämtlich in sich begreift. [Band 18, S. 573]

Den kompletten Eintrag gibt es bei zeno.org zu lesen.

3. The Encyclopaedia Britannica. Eleventh Edition 1911

Dieser ausführliche Artikel – schätzungsweise knapp 30 normale Buchseiten – gehört zum Besten, was ich bisher über Sokrates las. Der fast zeitgleich verfasste Meyer-Beitrag bleibt im Vergleich damit qualititativ und quantitativ zurück.
Geschrieben von dem mir bis dato unbekannten Prof. Henry Jackson geht er ausführlich auf die diversen Probleme der Sokrates-Forschung ein, präsentiert bei Bedarf aber auch eigenständige Lösungsvorschläge. So etwa auf die Frage, warum Sokrates zum Tode verurteilt wurde. Adams argumentiert hier plausibel unter Bezugnahme auf eine gemäßigt-oligarchische Partei, von der in der bisher von mir ausgewerteten Literatur nirgends die Rede war. Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung des sokratischen “Daimons”. Der Verfasser zählt analytisch sechs mögliche Interpretationen auf, bewertet sie und übernimmt, etwas modifiziert, die beste.

Der Artikel ist stilistisch hervorragend geschrieben, etwas wenn in einem treffenden Nebensatz die Glaubwürdigkeit Xenophons als Zeugen folgendermaßen begründet wird:

Xenophon, having no philosophical views of his own to develop, and no imagination to lead him astray – being, in fact, to Socrates what Boswell was to Johnson – is an excellent witness. [Band 25, S. 332]

Da mir bewusst ist, dass die elfte Britannica-Auflage im deutschsprachigen Raum ziemlich selten ist, der Text aber weite Verbreitung verdient, habe ich diesen Artikel digitalisiert und biete ihn hier als Download an. Es handelt sich um acht JPG-Grafiken als ZIP-File (ca. 2,6 MB).

Update Jan. 2010: Mittlerweile gibt es die 11. Auflage schon seit einigen Jahren (komplett) online. Der Artikel zu Sokrates bei “Classic Encyclopedia”.

4. Encyclopaedia Britannica. Fifteenth Edition 1997

5. Der Brockhaus – Die Enzyklopädie (1996?)

Der Artikel wurde von mir digital über Xipolis.net* besorgt, weshalb ich mangels Quellenangaben nicht sicher bin, aus welcher Auflage des Lexikons er stammt, vermutlich aus der aktuellen 20.

Wie dem auch sei: Der Artikel behandelt Sokrates auf denkbar knappem Raum, und schafft es hervorragend, oberflächlich die wichtigsten Informationen zu geben, ohne auch nur ansatzweise auf interessante Probleme einzugehen. Hier ist man schon mit dem Meyer Artikel aus dem Jahr 1861 wesentlich besser bedient. Apropos: Eine kritische Rezension des aktuellen großen Brockhaus sei auch noch erwähnt.

Mehr Notizen zu Sokrates: Martens und Stone .

* Xipolis.net wurde Mitte 2009 eingestellt.

Wagner: Tannhäuser

Wiener Staatsoper 22.10. 2014

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Claus Guth

Hermann: Kwangchul Youn
Tannhäuser: Robert Dean Smith
Wolfram von Eschenbach: Christian Gerhaber
Elisabeth: Camilla Nylund
Venus: Iréne Theorin

Von allen Wagner-Opern mag ich den Tannhäuser am wenigsten. Das Niveau der ästhetischen Reflektion bleibt weiter hinter dem der Meistersinger zurück, und die propagierte christliche Tugendethik ist viel naiver und ungebrochener als beim Parzival. Opern mit einem happy ending machen mich aber grundsätzlich depressiv.

Claus Huth verlegt den Tannhäuser in das Wien der Jahrhundertwende, was wenigstens zu einigen Highlights Anlass gibt. So treten die Pilger am Ende in Zwangsjacken auf, was ein hübsches kritisches Bild für die Entmündigung durch die Religion im Mittelalter ist.

Musikalisch war der Abend mit zwei Ausnahmen erfreulich. Robert Dean Smith war ein völlig uninspirierter Tannhäuser, dem es vokal an jeglichem Glanz mangelte. Der Wiener Staatsopernchor setzt auf Lautstärke statt auf eine präzise Phrasierung. Dafür legte das Staatsopernorchester eine formidable Leistung hin und die übrigen Sänger ebenso. Herausragend stimmlich und schauspielerisch der Wolfram Eschenbach des Christian Gerhaber. Besser kann man diese Rolle nicht geben.

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Burgtheater 9.10. 2014

Regie: Georg Schmiedleitner

Mit
Bernd Birkhahn
Gregor Bloéb
Sven Dolinski
Stefanie Dvorak
Alexandra Henkel
Dietmar König
Christoph Krutzler
Dörte Lyssewski
Peter Mati?
Petra Morzé
Elisabeth Orth
Thomas Reisinger
Laurence Rupp

Die unlösbare Aufgabe, das Mammutmerk des Karl Kraus auf die Bühne zu bringen, konnte auch Georg Schmiedleitner nicht zufriedenstellend lösen. Speziell die Blasmusikbegleitung passt so gar nicht zu den aristokratischen Wortkreationen des Karl Kraus. Die Inszenierung versucht mehrere Linien durch das Riesendrama zu ziehen, indem sie die Szenenauswahl so gestaltet, dass die von Kraus konzipierte Struktur sichtbar wird. So treffen der Optimist und der Nörgler regelmäßig aufeinander. Trotz einiger starker Bilder und trotz vieler starker Kraus-Sätze, lässt einen dieser diffuse Abend aber unzufrieden zurück.

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert

Rezension geschrieben für die Ö1-Sendung Kontext.

Was wäre unser Alltag ohne den persönlichen Terminkalender? Nur sehr beneidenswerte Menschen sind heutzutage in der Lage, ihr Leben ohne einen Kalender zu führen. Sei es ganz altmodisch in Papierform oder elektronisch am Smartphone. Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, seit wann und warum dieser unverzichtbare Alltagsgegenstand unser Leben beherrscht, finden Sie die Antwort bei Achim Landwehr: In seiner „Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ dient dem Historiker die Entstehung des modernen Kalenders als Beispiel für eine umfassende Änderung des Zeitverständnisses in allen Bevölkerungsschichten. Landwehr beschreibt diesen Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und versucht eine theoretische Fundierung der Fakten. Sie alle illustrieren einen großen Schritt in Richtung unseres modernen Zeitverständnisses:

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts gewinnt Gegenwart einen eigenständigen Stellenwert, eine eigene Identität, die unabhängig von anderen Kategorien wahrgenommen werden kann. Vergangenheit und Zukunft können von der Gegenwart abgekoppelt, ja als im eigentlichen Sinn nicht existent konzipiert werden. Allein die Gegenwart gibt es, und von ihr aus werden die Zeithorizonte Vergangenheit und Zukunft entworfen.
[202]

Vor dem Leser entfaltet sich nach und nach ein Panoptikum dieser Veränderung. Landwehr gibt in vielen kurzen Abschnitten einen faszinierenden Einblick in das Leben der frühen Neuzeit. Zu Beginn der betrachteten Epoche ist das Weltbild der meisten Menschen noch durch Stabilität gekennzeichnet. Die eigene Position in der Gesellschaft ist ebenso fixiert wie jene im Universum. Während die Kleiderordnungen regeln, wie man sich statuskonform anzuziehen hat, erklärt die Kirche, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Es herrscht die feste Überzeugung, dass die Apokalypse, und damit das Ende der Welt, unmittelbar bevor stünde. Endzeitpropheten haben Hochkonjunktur. Dieser apokalyptischen Zukunft steht eine idyllische Vergangenheit gegenüber: Früher war nämlich alles besser und das Optimum war selbstverständlich das Paradies der Bibel. Wie sicher die Zukunft für die Menschen damals war, zeigen die beliebten Jahreskalender. Selbst das Wetter konnte man zwölf Monate im Voraus nachlesen. Für ein Verständnis der Gegenwart in unserem modernen Sinne bleibt zwischen dieser utopischen Vergangenheit und der vorher bestimmten Zukunft kein Platz.
Plakativ illustriert das der Kalender des Grafen Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing-Hohenaschau aus dem Jahr 1717. Dieser Kalender hat nämlich bereits eine Spalte für eigene, private Einträge. Der Graf weiß allerdings noch nichts mit dieser Gegenwart anzufangen und lässt sie leer.
Die Wertschätzung alles Alten illustriert Landwehr mit zahlreichen Beispielen. Die damalige Gerichtspraxis sieht etwa folgendermaßen aus: Grenz- und Besitzstreitigkeiten wurden dadurch geklärt, indem man möglichst viele alte Menschen als Zeugen befragt. Diese Praxis nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts immer weiter ab. Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit: Ehemals als Tabu geltende tabuisierte Fragen wie der nach dem Alter der Erde werden kontrovers diskutiert. Selbst die Genealogien von Adelshäusern werden historisch exakter. Sogar die bis vor kurzem unbezweifelbare Autorität der antiken Historiker gerät ins Wanken. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist die berühmte Querelle des Anciens et des Modernes aus dem Jahr 1688.
Eine der wichtigsten Ursachen für diese Entwicklungen, nämlich die wissenschaftliche Revolution der frühen Neuzeit, streift Landwehr leider nur am Rande.
Die Entstehung der Presse unterstreicht und verstärkt den neuen Umgang mit der Zeit. Nicht nur ist die Gegenwart plötzlich so wichtig, dass man sich regelmäßig mit ihr beschäftigt. Der regelmäßige Erscheinungsrhythmus der Zeitungen verändert die Bedeutung der Inhalte:

Zeitungen und andere mediale Weltvermittler erscheinen in bestimmten Abständen immer wieder, unabhängig davon, ob etwas Berichtenswertes passiert oder nicht. (…) Es geht also in den periodisch erscheinenden Medien nicht darum, dann etwas zu berichten, wenn etwas passiert ist, sondern regelmäßig etwas zu berichten, unabhängig davon, was gerade passiert. Dadurch wird das Hier und Jetzt, wird die Gegenwart als Gegenwart zum Thema gemacht.
[154]

Diese und viele anderen Beispiele belegen Landwehrs These, dass die Geburt der Gegenwart tatsächlich im 17. Jahrhundert stattfand. Warum gerade damals?

Meine These ist, (…) dass es zum Aufstieg der Gegenwart im 17. Jahrhundert kam, weil auf der einen Seite die jüngere Vergangenheit seit der Mitte, überdeutlich jedoch seit Ende des 16. Jahrhunderts stark an Überzeugungskraft eingebüßt hatte. Dieser Prozess setzte sich europaweit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fort, insofern diese Zeit von blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen, massiven wirtschaftlichen Nöten, Klimaverschlechterung, Seuchen oder die Verfolgung von Randgruppen und Minderheiten geprägt war.
[196/197]

Landwehrs Leistung besteht nicht zuletzt darin, dass er den Spagat zwischen der geistesgeschichtlichen und der sozialgeschichtlichen Dimension seines anspruchsvollen Themas exzellent bewältigt.

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert (S. Fischer)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Miró und Arnulf Rainer in der Albertina

Albertina 5.10. 2014

Erst nachdem der junge Miró nach zwei Jahren Büroarbeit einen Nervenzusammenbruch hatte, durfte er eine künstlerische Ausbildung machen. Von der Erde zum Himmel ist für einen Blockbuster-Künstler eine sympathische Ausstellung. Nicht zu umfangreich, aber trotzdem sind dank vieler Leihgaben die zentralen Schaffensphasen gut zu verfolgen. Erste Schritte hin zu seiner abstrakten Symbolsprache ging Miro bereits mit seinen frühen Landbildern aus der Zeit in Montroig. Die überdimensionalen Füße einer Bäuerin zeigen, dass er bereits zu Beginn zu jeglicher Art des Realismus auf Distanz ging. Seine malerische Grammatik bildete sich dann in den zwanziger Jahren heraus, wo er sich immer wieder in Paris aufhielt, und die damalige Avantgarde kennenlernte. Im nächsten Jahrzehnt gelang es Miró erstaunlicherweise, seine im Grund doch verspielte Symbolsprache so zu verwenden, dass er die Verzweiflung und Unsicherheit der dreißiger Jahre einfangen konnte. Vom oft großformatigen Spätwerk sind ebenfalls repräsentative Stücke zu sehen.
(Bis 11.1.)

Passenderweise im Keller ist die abgründige Retrospektive Arnulf Rainers zu sehen. Er ist einer jener Künstler, welche sich mit radikalen Mitteln mit den Zumutungen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. Sei es von den vergleichsweise “harmlosen” Übermalungsbildern als Protest gegen die dekorative Funktion der Kunst bis hin zur düsteren Bearbeitung von Hiroshima-Fotos. Bedrückend und beeindruckend sind seine phänomenalen Selbstportraits (“Face Farces”) sowie seine künstlerische Auseinandersetzung mit Totenmasken: Kunst als existenzielle Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.
(Bis 6.1.)

In Kreta unterwegs

Die nächste Studienreise steht an: Ich bin eine Woche lang in Kreta unterwegs:

Kreta-Reiseroute

Fotos werden ich in dieses Album stellen.

Michelangelo: Das vollständige Werk

Hochkultur ist zwar noch nicht ganz zum Nulltarif zu bekommen, aber man bekommt heutzutage zu geringen Preisen Herausrragendes: Dazu zählt die neue Werkausgabe Michaelangelos, die bei Taschen erschienen ist. Der schwergewichtige, gebundene Bildband enthält das Gesamtwerk. Darunter die Gemälde der Sixtinischen Kapelle in vielen Detaildarstellungen. 50 Euro kann man nicht besser anlegen.

Frank Zöllner, Christof Thoenes, Thomas Pöpper: Michaelangelo. Das vollständige Werk (Taschen)

Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen

Diese Notizen entstanden in mehreren Teilen im Frühjahr 2005 und sind der leichteren Lesbarkeit hier in eine Notiz zusammengefasst.

Die Lektüre Dantes weckte in mir ein außerplanmäßiges Mittelalterbedürfnis, weshalb ich mich schnell Chaucer zuwandte. Ein gutes Monat beschäftigen mich nun seine faszinierenden “Canterbury Tales”.

Als Einstieg kann ein kurzer Überblick über die Struktur der Canterbury Tales und einiges Wissenswerte dazu nicht schaden:

Die einzelnen Erzählungen sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die im “Allgemeinen Prolog” beschrieben wird. Eine Pilgerreise von London nach Canterbury versammelt eine bunte Gruppe von Pilgern (27 Männer und 3 Frauen) aus fast allen Gesellschaftsschichten (nur “ganz unten” und “ganz oben” fehlen). Die Reisezeit wird für einen Erzählwettbewerb genutzt, dem besten Erzähler winkt am Ende ein Gratisabendessen.

Chaucer plante 120 Geschichten (wenn das nicht schon an das Balzacs monomanes Romanprojekt erinnert). Es wurden nur 21 vollständige und 3 unvollständige und sind in ca. 80 Handschriften überliefert, von denen die größte Wertschätzung der Gelehrtenwelt das Ellesmere-Manuskript genießt.

Chaucers Werk wird vor allem aus zwei Gründen gelobt: Es gäbe einen unglaublich realistischen Einblick in die Welt des Mittelalters, und es sei literarisch ausgezeichnet gelungen, was Komposition und (frühe) literarische Verwendung der englischen Sprache angeht.
In den enthusiastischen Worten Martin Lehnerts, dem Herausgeber und Übersetzer der vorzüglichen Inselausgabe:

In genialer Weise verschmolzen Chaucer und Shakespeare in glanzvollen Versen und ebenso eindringlicher Prosa profunde literarische Bildung und unübertreffliche realistische Beobachtung, kraftvolle Lebensfülle und tiefe Menschenkenntnis mit einzigartiger Beweglichkeit, mit Humor und Weltoffenheit. (S. 26)

Naturgemäß war Chaucer auch ein großer Bücherfreund:

Obgleich mein Wissen stets recht klein gewesen,
Hab ich doch Bücher immer gern gelesen.
Ich schenke ihnen Glauben und Vertrauen,
Kann achtungsvoll und freudig auf sie bauen,
Daß ich kaum ein Vergnügen nennen könnte,
Das mich von meinen Büchern jemals trennte,
Es sei vielleicht an einem Feiertag,
Im schönen Mai auch, wo’s geschehen mag.
(Legende der guten Frauen, V. 29-36)

Chaucer stellt im Prolog die handelnden (sprich: erzählenden) Figuren ausführlich vor, und diese Beschreibungen sind ein fulminanter Auftakt! So pointiert-ironische Portraits kannte ich bisher aus der mittelhochdeutschen Literatur nicht, vielleicht mit der Ausnahme von Gottfrieds “Tristan”.

Wobei mir einige von Chaucers Beschreibungen eher konventionell (der brave Dorfpfarrer etwa) anmuten, während andere dagegen ungewöhnlich sarkastisch sind (der Mönch). Könnte gut sein, dass diese Gegenüberstellungen ästhetisch beabsichtigt sind, steigern sie doch die Wirkung.

Diese Kontrastierung ist auch in kleineren Motiven durchgezogen, etwa was die Zuneigung zu Büchern angeht:

Mönch:
Sollt er studieren und verrückt sich machen,
Stets über Büchern nur im Kloster sitzen,
Und gar bei seiner Hände Arbeit schwitzen,
Wie Augustin befiehlt? Was hilft’s der Welt?
Mag er sich plagen, wenn’s ihm gefällt!
[V. 184ff.]

Scholar:
[Das gefällt mir so gut, dass ich es ausführlich zitieren muss]
Da war ferner aus Oxford ein Scholar,
Der Logik schon studiert manch liebes Jahr.
Sein äußerst magres Pferd glich einem Rechen,
Auch er war nicht grad fett, um wahr zu sprechen,
Hohläugig sah er aus und ernst, so mein ich,
Sein Mäntelchen war kurz und fadenscheinig;
Noch hatte er’s zur Pfründe nicht gebracht,
Da er an Amt und Vorteil nie gedacht.
Mehr liebt’ er zwanzig Bücher überm Bett,
Schwarz-rot gebunden auf dem Bücherbrett
Von Aristoteles’ Philosophie
Als reiche Kleidung, Fiedel und Psaltrie.
Doch wenn er auch ein Philosoph schon war,
Enthielt sein Koffer wenig Geld in bar;
Denn alles, was von Freunden ihm gespendet,
Zum Studium er und Bücherkauf verwendet.
[V. 285ff.]

Anhand dieser Stellen kann man sich auch gleich ein Bild von der Übersetzung des Martin Lehnert machen, die mir bisher sehr gut gefällt. Lehnert schreibt in der Einleitung zur Insel Ausgabe, dass das Mittelenglische dem Neudeutschen lautlich viel ähnlicher sei als dem Neuenglischen, weshalb sich der Text besser ins Deutsche als ins Neuenglische übersetzen lasse. Das ist doch ein interessante These.

Die proportionale Ausgewogenheit der Erzählung vom Ritter hat mich angenehm überrascht. Chaucer scheint nicht nur einen großen Sinn für den Rhythmus einer Handlungsabfolge zu haben, sondern kommentiert das ja auch immer wieder. Vor allem wenn man weiß, welche literarischen Monster im Spätmittelalter sonst noch so produziert wurden, hebt sich das wohltuend ab.

Was mich literarisch am meisten beeindruckt hat, ist die Beschreibung des Marstempels. Während vorher noch in klassischer Manier Rittertum und Kampf heroisiert werden, öffnet diese Tempelbeschreibung plötzlich einen apokalyptischen Blick auf die Realität von Krieg und Gewalt. Mich hat das stark an H. Bosch erinnert:

Dort sah zunächst ich düstre Schattenbilder
Von Mord und Totschlag, von Gewalt gar wilder;
Den jähen Zorn, wie Kohlen glühend rot,
Den Diebstahl und die Angst, bleich wie der Tod
[...]
Den Meuchelmord am Schläfer in der Nacht,
Und blutige Wunden offner Kriegerschlacht;
[...]
Der kalte Tod mit offnem starrem Munde.
Das Unheil in des Tempels Mitte saß,
Unmutig war sein Blick und voller Haß.
Den Wahnsinn sah ich lachen in der Wut,
Gewaltgeschrei, Alarm und Frevelmut;
[...]
Zerstörte Städte, wüst und ausgeleert.
Ich sah das Schiff verbrannt im Meere schwanken,
Erwürgt den Jäger durch des Bären Pranken,
Das Wiegenkind, wie eine Sau es fraß
[...]
[V. 1995ff.]

Eine so komprimierte Darstellung der Brutalität des Lebens ist in der Mitte einer Rittererzählung doch von einer unerwarteten Subversivität. Spätestens an dieser Stelle wurde mir bewusst, dass Chaucer wirklich ein großartiger Autor ist.

Die Erzählung des Müllers: Chaucer hält die Erzählperspektive des ungebildeten Müllers nicht immer durch, da er regelmäßig “gebildete” Anspielungen einfließen läßt. Cato etc. Die Astrologie wird als Gegenspieler des Glauben dargestellt:

Der Mann ist hier durch Sternenguckerei
In Wahn verfallen oder Raserei.
Ich dacht es immer, ob das gut wird gehen!
Ich lobe immer mir den schlichten Mann,
Der weiter nichts als seinen Glauben kann!
[3451ff.]

Gut gefiel mir auch, dass die Erzählung nicht nur religiöse Naivität aufs Korn nimmt, sondern der zentrale Betrug mit der gefälschten Sintflut auch von einer gehörigen religiösen Respektlosigkeit zeugt, die man im Mittelalter so nicht erwartet hätte.

Die Erzählung des Rechtsanwalts hat mich wieder deutlich stärker interessiert. Einerseits die religiöse Thematik und die Darstellung des Islam (kombiniert mit dem klassischen Motiv der bösen Schwiegermutter). Andererseits kommt Konstanze ja für mittelalterliche Verhältnisse geographisch weit herum.

Der Islam wird aufgrund der Intrige schurkisch dargestellt, was ebensogut zum Zeitgeist des 14. Jahrhunderts passt wie zum unserigem. Die zweite böse Schwiegermutter in der Geschichte ist ja auch eine Heidin, so dass man eigentlich schon von einer christlichen Propagandaerzählung sprechen kann. Das happy end für die braven Neu- und Altchristen rundet das Bild schön ab. Christliche Tugenden werden auch regelmäßig gepriesen:

O schnöde Wollust, sieh hier, wie du endest!
Du läßt nicht nur die Geisteskräfte schwinden,
Es ist gewiß, daß du den Leib auch schändest.
Das Ende deines Werks und deiner blinden
Gelüste ist die Klage [...]
[V. 925ff.]

Die Erzählung der Frau von Bath: Hochgradig verblüfft hat mich die lange Rechtfertigungsrede der Frau von Bath im Prolog, die meinem Eindruck nach nur noch wenig Mittelalterliches an sich hat. Die Gute ist sich durchaus ihre individuellen Rolle im Leben bewusst und hat auch ausführlich über ihr Lebenskonzept nachgedacht. Pikant auch ihre innovativen religiösen Interpretationen, die sie mit Bibelstellen belegt. Etwa zum Thema Ehe:

Denn der Apostel sagt, von Gottes wegen
Steht meiner Wahl zum Frein nichts entgegen,
Er heißt uns Heirat nicht als Sünde meiden.
[V. 49ff.]

Die Erzählung selbst enthält dann auch eine vergleichsweise moderne psychologische Komponente. Sowohl was die Lösung des Rätsels angeht als auch dass überhaupt nach einem psychologischen Motiv explizit gesucht wird. Das ist mir bisher in der Literatur des Mittelalters noch nicht begegnet.

Die Erzählung des Ordensbruders las ich gerne, bürgen auftretende Teufel doch oft für ausgezeichnete literarische Qualität. Nett, dass die Teufel auf die Macht Gottes angewiesen sind:

Zuweilen werden wir in Gottes Hand
Als Werkzeug seines Willens wohl verwandt
Zu manchem Zweck, in mancherlei Gestalten
Will grad er so mit den Geschöpfen walten.
Wir haben ohne ihn in dieser Welt
Nicht Macht, wenn er sich uns entgegenstellt.
(V. 1483ff.)

Die Erzählung des Kirchenbüttels ist eine nette Retourkutsche, und die fulminante Darstellung eines gierigen Klerikers ist ja gerade in diesen Tagen ein wohltuender Kontrapunkt zur allgegenwärtigen medialen Heuchelei. Ein solider Derbheitsgrad wie auch schon bei früheren Texten der Sammlung.

Der Scholar schließlich erzählt die bekannte Griseldis-Geschichte, die selbst für spätmittelalterliche Verhältnisse so bieder ist, dass Chaucer nachher einen relativierenden Kommentar einfügt:

Die Sage lehre nicht, die Frauen sollten
Griseldis folgen in Ergebenheit,
Nicht tragbar wäre das, auch wenn sie wollten;
Vielmehr daß jedermann zu seiner Zeit
Ausharren soll in Widerwärtigkeit
Gleichwie Griseldis.
(V. 1142ff.)

Er deutet die Aussage also in eine allgemeine Empfehlung um: man möge stoisch sein. Eine so blinde und demütige Liebe im Angesicht von Brutalität und Ungerechtigkeit ist an sich schon schwer erträglich. Das happy end macht es naturgemäß nicht besser. Nicht, dass es nicht schöne Stellen gäbe:

Doch solche Leute trifft man oft im Leben,
Die, wenn sie einen Vorsatz erst gefaßt,
Daran mit solchem Starsinn kleben,
Als ob sie gleichsam fest an einen Mast
Gebunden wären.
(V. 701ff.)

Populismus-Kritik:

O windiges Volk! So haltlos, ungetreu!
Unstet und wechselnd wie ein Wetterhahn!
Du freust dich jedes Rummels, ist er neu,
Du schwillst wie der Mond bald ab, bald an,
stets schwatzend, doch kein Deutwert ist daran!
Falsch ist dein Urteil, schwankend, niemals fest;
Der ist ein Narr, wer sich auf dich verläßt.
(V. 995ff.)

Die Erzählung des Kaufmanns schildert eine missglückte Ehe zwischen einem Greis und einer jungen Frau. Dessen Predigten über die Tugenden der Ehe stehen in krassem Gegensatz zu seinem Verhalten, was erzähltechnisch raffiniert durchgeführt ist. Das Eingreifen Plutos und Proserpinas fügt auch noch eine mythologische Ebene hinzu. Kurz die kunstvollste Geschichte seit der des Ritters.

Für die märchenhafte Erzählung von Knappen gibt es laut Martin Lehnert kein bekanntes Vorbild, auch wenn ein solches anzunehmen sei. Aufgefallen ist mir der Versuch, den Zauberspiegel rational zu erklären:

Drauf meint ein anderer, ganz natürlich gehe
Das zu, nur durch die Winkelkonstruktion
Und klug berechnete Reflexion,
Genau so einer sei in Rom zu sehen.
[V. 363ff.]

Was man nicht kennt, könne magisch wirken:
So wundert mancher sich beim Donner sehr,
Bei Nebel, Spinngewebe, Ebbe, Flut,
Bis er den Grund erfährt, dann ist es gut.
[V. 256ff.]

Hübsch gesagt, nur im Märchenkontext eigentlich sehr unpassend.
Die Erzählung des Gutsbesitzers strotzt nun wieder mit Didaktik und steht in einem auffälligen Kontrast zu den früheren negativen Ehegeschichten. Hier wird dem Leser nach gerade ein Musterbeispiel ehelicher Tugend vorgeführt, samt happy end. Ansprechend allerdings, dass Gott der Konfusion bezichtigt wird:

Ewiger Gott, der du mit Vorbedacht
Die Welt uns lenkst durch deine große Macht,
Unnützerweise schufst du nichts am Ende.
Doch diese grausig schwarzen Felsenwände
Sind wohl Gebilde der Verwirrung nur,
Kein schönes Werk, an welchem wir die Spur
Von deiner weisen Schöpferhand gewahren,
Wie konntest du so unbedacht verfahren? [...]
[V. 865ff.]

Die Erzählung des Arztes variiert das beliebte Motiv “Jungfrau-tötet-sich-selbst-heroisch-um-Ehre-zu-retten”, was natürlich dazu führt, dass die Bösen bestraft werden.
In erfrischender Offenheit berichtet der Ablasskrämer von seinem Geschäft:

Mein ganzes Streben ist zu profitieren,
Nicht etwa, Sünden zu korrigieren.
[V. 404f.]

Sein erzähltes Exemplum fand ich frischer zu lesen als einige andere des Buches, was vermutlich an den Protagonisten liegt. Als kleinen Vorgeschmack auf die Suada der Priorin schon hier ein antisemitischer Seitenhieb:

Sie rissen Christi heiligen Leib in Fetzen
– Als ob ihn Juden nicht genug zerissen –
[V. 474f.]

Mehr als Schwank denn als erbauliches Exemplum angelegt ist die Erzählung des Schiffsherrn rund um einen gerissenen lebenslustigen Mönch, der sich durch raffinierten “cash flow” einen Gratisbeischlaf bei der Gattin seines Freundes verschafft.

Schließlich die Erzählung der Priorin, die – passenderweise muss man sagen – eine klassische antisemitische Geschichte erzählt. Ein siebenjähriger Junge wird wegen seiner Marienverehrung heimtückisch ermordert. Vorwürfe dieser Art lösten immer wieder Pogrome aus:

Unser Erzfeind, Schlange Satanas,
Ihr Wespennest ist in der Juden Brust [...]
[V. 558]

Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (Insel)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Iran – Vom widersprüchlichen Alltag einer säkularen Theokratie

Wird wie die meisten meiner Reisefeuilletons in “Literatur und Kritik” erscheinen.

„Ist das nicht gefährlich?“ – Das war die häufigste Frage, die ich vor meiner dreiwöchigen Iranreise zu hören bekam. Da ich mich in der Vergangenheit oft religionskritisch geäußert hatte, sahen mich einige Freunde bereits kurz nach der Einreise gesteinigt. Stünde im Iran auf Atheismus nicht die Todesstrafe? Die meisten Europäer haben ein ausschließlich negatives Bild vom Iran. Aus teilweise guten Gründen, wenn man an die desaströse Menschenrechtslage dort denkt. Die knapp siebentausend Kilometer, die ich durch Persien fuhr, belehrten mich allerdings eines Besseren: Der Alltag der Menschen ist ganz anders als wir im Westen meinen. Eine differenziertere Sichtweise ist dringend notwendig.

Meine Reise führt mich im Mai von Teheran aus gegen den Uhrzeigersinn erst zu den Reisfeldern des Kaspischen Meeres und in den Norden des Landes, wohin sich nur selten Touristen verirren. Der nördlichste Punkt ist die armenische Thaddäuskirche, in der Nähe der türkisch-armenischen Grenze. Nach dem kurdischen Gebiet im Westen fahren wir mit vielen Zwischenstopps Richtung Süden nach Schiras. Die Stadt selbst ist ein Höhepunkt jeder Iranreise und Ausgangspunkt für die Besichtigung von Persepolis. Die südwestlichste Ecke der Reise ist die Wüstenstadt Bam, welche Ende 2003 von einem verheerenden Erdbeben vernichtet wurde. Weitere wichtige Stationen sind Yasd und selbstverständlich Isfahan, ein Höhepunkt jeder Iranreise.

Die erste große Überraschung: Das Leben in der Theokratie ist wesentlich weniger religiös geprägt als ich es erwartete. Reist man in die Türkei oder nach Marokko packt man am besten Ohrstöpsel ein, um von den Muezzinen nicht frühmorgens aus dem Schlaf gerissen zu werden. Im Iran fällt mir erst nach einigen Tagen auf, dass ich bisher noch keinen einzigen Gebetsruf gehört habe. Das wird sich erst am Ende der Reise in Isfahan ändern. Im Gegensatz zu den Sunniten sehen die Schiiten ihre religiösen Pflichten entspannt. Sie legen Gebete pragmatisch zusammen, sodass sie mit drei statt fünf Gebeten auskommen. Im Iran wollte unsere Fahrer kein einziges Mal eine Gebetspause einlegen. In der offiziell säkularen Türkei erlebte ich Fahrer, die vehement auf ihre Gebetspausen pochten. Im öffentlichen Leben konnte ich ebenfalls keine Einschränkungen wegen der Gebetszeiten beobachten. Selbst am heiligen Freitag haben nicht wenige Geschäfte geöffnet.

Ich kann diesen entspannten religiösen Alltag nur schwer mit meinem Wissen über das Ritual des jährlichen Ashurafestes zusammenbringen, während dessen sich schiitische Jungen und Männer vor vielen Zuschauern einer oft blutigen Selbstgeißelung unterziehen, um des Märtyrertods von Hussein ibn Ali zu gedenken. Es gibt im Iran auch kaum etwas, das öffentlich präsenter wäre als der Märtyrerkult: Die Toten des Kriegs mit dem Irak werden in unzähligen Tafeln gefeiert. Auf jeder dieser Tafeln ist ein großes Foto der meist sehr jung Getöteten. Aufgestellt sind sie neben der Straße, sodass man während einer längeren Fahrt durch besiedeltes Gebiet oft gespenstisch an tausenden von Toten vorbeifährt.

Die Jugend lässt sich von dieser seltsamen Staatsideologie allerdings nur noch bedingt gängeln. In der Öffentlichkeit hält man pro forma zwar die Regeln ein, aber oft mit einer provokanten Lässigkeit. Ängstliche Touristinnen sind konservativer gekleidet als progressive Iranerinnen. Das Kopftuch ist manchmal so weit nach hinten gerutscht, dass man es kaum mehr sieht. Das gilt allerdings überwiegend für Teheran und die Großstädte, während man in der Provinz häufig noch dem Tschador begegnet. Im wohlhabenden Norden der Hauptstadt sieht man viele junge Frauen am Steuer, das Smartphone am Ohr. Ein Bild, das im nahen Saudi-Arabien völlig undenkbar wäre. Es ist bemerkenswert, dass das totalitäre Saudi-Arabien im Westen medial weniger kritisiert wird als der Iran mit seinem vergleichsweise liberalen Straßenleben.

Dieser Alltag wirft auch ein bedenkenswertes Schlaglicht auf die berüchtigte Scharia. Theoretisch kann man für Ehebruch gesteinigt werden, eine der grausamsten Hinrichtungsformen. Die notwendigen vier Augenzeugen sind in der Praxis natürlich schwer aufzutreiben. Wie mir international erfahrene Teheraner aber nachdrücklich versichern, unterscheidet sich das Sexualleben in ihrer Stadt nicht wesentlich von dem in westlichen Hauptstädten. Würde die Scharia wirklich praktiziert, müsste man halb Teheran steinigen. Ähnlich ist es mit dem Alkohol. Uns Einreisenden werden am internationalen Imam Khomeini Flughafen Peitschenhiebe für das Schmuggeln von Alkohol angedroht. Es gibt aber ein Netz von oft armenischen Schwarzhändlern, bei denen man Alkohol zumindest in Teheran telefonisch mit praktischer Hauszustellung bestellen kann. Armenier zählen im Iran zu den geschützten religiösen Minderheiten. Die Toleranz geht so weit, dass ihnen die Herstellung von Alkohol offiziell erlaubt ist – so lange sie ihn nicht verkaufen. Im Iran gibt es alle westlichen Vergnügungen, allerdings müssen sie in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich in einer Großstadt oder auf dem Land aufhalte: Ich werde sofort angesprochen. Nach einem herzlichen „Welcome!“ folgt sofort die Frage: „How do you like Iran?“. Schnell wird mir klar, wie schmerzlich die Iraner unter dem schlechten internationalen Ruf ihres Landes leiden. Schau uns an und rede mit uns! Sehen wir aus wie fanatische Islamisten und Selbstmordattentäter? Sind wir nicht ebenso gebildet und normal wie ihr Europäer? Sobald ich anfange, meine positiven Eindrücke zu formulieren, fällt speziell den jungen Iranern sichtbar ein Stein vom Herzen. In Gesprächen wird schnell deutlich, wie stolz sie auf ihre Jahrtausende alte Kultur sind. Sie wollen als eine der wichtigsten Kulturnationen der Weltgeschichte anerkannt werden, gleichberechtigt mit Ägypten, Griechenland oder Italien. Gerne betonen sie ihr Indoeuropäertum, manchmal mit einem nicht zu überhörenden chauvinistischen Unterton, und grenzen sich strikt gegen die Araber ab. Ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Mentalität ist der institutionelle Rassismus, mit dem die afghanischen Flüchtlinge im Lande zu kämpfen haben.

Viele Iraner scheinen mir völlig resistent gegen die Ideologie ihres Staats zu sein. Seit Jahrzehnten werden sie beispielsweise zum Hass gegen den USA erzogen. Unter den zahllosen Flaggen, die in den Hotels zur Dekoration verwendet werden, sehe ich nirgends eine einzige amerikanische. Die männliche Jugend auf der Straße ist trotzdem durch den American Way of Life geprägt und trägt auffällige amerikanische Marken, wenn sie es sich leisten kann. Ein Arzt in Isfahan wirbt auf seinem Schild prominent mit „from the U.S.A“. Unter vier Augen redet man selbst mit völlig Fremden Klartext. Im Park einer Provinzstadt spricht mich auf Englisch ein Physiker an. Er lobt zuerst ausführlich Deutschland und dessen Wirtschaft, zählt anerkennend prominente deutsche Physiker auf, und fährt fort: „Aber es gab auch sehr böse Deutsche wie Hitler.“ Nachdem er sich kurz umsieht, ob jemand in Hörweite steht folgt geflüstert der ebenso mutige wie problematische Satz: „Khomenei war unser Hitler.“

Auch die Wertschätzung des kulturellen und historischen Erbes passt wieder so gar nicht zum Bild eines islamistischen Landes. Man muss nicht an die durch die sunnitischen Taliban zerstörten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan denken, um sich das Bilderverbot des Islam ins Gedächtnis zu rufen. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die „heidnischen“ bilderreichen Altertümer im schiitischen Iran von allen Seiten größter Wertschätzung. Nicht nur von den Iranern, die sehr stolz auf ihre Vergangenheit sind, selbst der theokratische Staat kümmert sich kompetent um diese Kulturschätze. Ich habe selten so sorgfältig kuratierte Provinzmuseen besucht wie im Iran. Als Beispiel sei das Azarbaidjan-Museum in Tabriz genannt, der Provinzhauptstadt Ostazarbaidjans.
Zu den Höhepunkten der altpersischen Kultur zählen neben dem Persepolis auch viele figurative Reliefs und Grabstätten. Überall treffe ich inländische Touristen, die ihre Kulturdenkmäler bewundern.
Außer Armenien habe ich noch nie ein Land bereist, in dem die Menschen so stolz auf ihre Sprache und ihre Literatur sind. Überall sind Straßen und Plätze nach persischen Klassikern benannt. Ihre Statuen sind omnipräsent. Böse Zungen behaupten, in iranischen Haushalten gäbe es mehr Hafiz- als Koranausgaben. Diese Dichterverehrung geht allerdings weit über das Ästhetische hinaus: Sie werden fast wie Propheten verehrt. Man verspricht sich von ihren Gedichten konkrete Lebenshilfe. Literarische Hauptpilgerstätte ist Shiraz, wo die Mausoleen der Dichter Hafiz und Saadi stehen. Ich war zuerst skeptisch als ich hörte, fast jedes frisch vermählte Paar wolle das Hafiz-Denkmal besuchen. Vor Ort sehe ich dann tatsächlich viele junge Pärchen, die für ein Foto posieren. Teenager beiderlei Geschlechts stehen ehrfürchtig um Hafiz‘ Sarkophag herum und legen andächtig beide Hände darauf. Ich stelle mir kurz hunderttausende deutschsprachige Teenager vor, die nach Weimar pilgern, um ihren Goethe zu besuchen. Was für uns unvorstellbar ist, ist im Iran Alltag.

Die Wirtschaft des Landes leidet unter den Sanktionen, welche der Westen wegen des iranischen Atomprogramms verhängte. Das besagen diverse Statistiken und auch die hohe Inflationsrate spricht eine deutliche Sprache. Fährt man durch das Land, passt das Gesehene nur bedingt zu diesen Informationen. So ist die Verkehrsinfrastruktur Irans vorbildlich. Wir fuhren viele tausende Kilometer auf perfekt ausgebauten Autobahnen. Selbst die ASFINAG könnte hier in Sachen Schlaglochfreiheit noch einiges lernen. Wo die Sanktionen gut greifen, das ist der Autoimport. Westliche Autos auf persischen Straßen sieht man kaum, mit der Ausnahme von alten Peugots, weil es hier früher eine langjährige Kooperation mit Frankreich gab. Die Hotels sind für ein orientalisches Land ebenfalls in einem hervorragenden Zustand. Viele wurden in den letzten Jahren neu errichtet. Ich sehe immer wieder still gelegte Baustellen, aber es wird im ganzen Land intensiv gebaut. In den Geschäften findet man viele asiatische Markenprodukte, etwa von LG und Samsung. Wer sich das leisten kann, ist eine andere Frage.
Anders als von mir angenommen, sind selbst die Ladenöffnungszeiten liberaler als in Österreich. Geschäfte dürfen bis Mitternacht offen halten. In den Städten wird das auch ausgenutzt: Die Straßen sind bis nach Mitternacht belebt. So manches österreichische Städtchen würde das Straßenleben einer iranischen Kleinstadt beneiden.

Als ich nach drei Wochen wieder zurück in Teheran bin, weiß ich, wie einseitig die westliche Berichterstattung über den Iran ist. Im Mittelpunkt steht immer nur die schreckliche Staatsideologie des Landes. Wer sehen will, wie wenig relevant dieser Unfug für den Alltag von Millionen Iranern ist, der muss sich selbst vor Ort ein eigenes Bild machen: Der Iran ist von allen bisher von mir bereisten orientalischen Ländern das „europäischste“.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Flattr

Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen.

Aktuell in Arbeit

Kategorien

Tweets

Aktivste Kommentatoren