[Notiz der Woche] Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Erschienen in „Literatur und Kritik“ Mai 2016

Die meisten Leser Thomas Bernhards kennen dessen Leben aus seinen autobiographischen Schriften, die in fünf Teilen zwischen 1975 und 1982 veröffentlicht wurden. Nicht in chronologischer Reihenfolge: Die frühesten Erinnerungen erscheinen unter dem Titel „Ein Kind“ erst als letztes Buch der Reihe. Bereits während meines Germanistikstudiums in Salzburg versuchte Hans Höller in den neunziger Jahren, Fakten und Fiktion in der Autobiographie des Autors zu unterscheiden und publizierte 1993 schon früh eine Rowohlt Monographie über ihn. Eine weit umfangreichere Arbeit legt nun der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer vor, der sich auch durch die Herausgabe einiger Bände in der kürzlich abgeschlossenen Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags Verdienste um den Autor erwarb und ein wichtiger Protagonist der Bernhard-Forschung ist. Leicht wurde ihm sein Projekt nicht gemacht: Der Nachlass-Verwalter Peter Fabjan und Stiefbruder Bernhards verbot ihm bedauerlicherweise aus unveröffentlichten Briefen zu zitieren, oder die mit Fabjan geführten Gespräche zu verwenden. Mittermayer war deshalb auf die öffentlich zugänglichen Quellen angewiesen. So greift er oft auf die Nachlass-Publikation „Meine Preise“ zurück.

Wer die Ästhetik Thomas Bernhards verstehen will, kann anhand der Autobiographie bereits ein Kernelement kennenlernen: Bernhard gibt der Fiktion immer Priorität über die Fakten, wenn es seine Literatur künstlerisch besser macht. Überhaupt inszeniert er sein Autorenleben gerne für das Publikum, ganz so als sei es eines seiner Theaterstücke. Mittermayer bringt dafür zahlreiche Beispiele aus allen Lebensphasen des Autors.

Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Thomas Bernhard war etwa der Wechsel vom Salzburger Staatsgymnasium am Grünmarkt zu einer Kaufmannslehre in der berüchtigten Scherzhauserfeldsiedlung. Was wissen wir über die Fakten? Die schulischen Leistungen des Jungen waren nicht die besten, er musste die zweite Klasse nach einer verpatzten Latein-Nachprüfung wiederholen. Zusätzlich waren die ökonomischen Umstände seines Vormunds Emil Fabjan angespannt. Nachdem sich die Leistung nicht besserte, erfolgte die Abmeldung vom Gymnasium am 1. April 1947. Fiktional in „Der Keller“ verarbeitet macht der Autor daraus eine spontane, autonom getroffene existenzielle Entscheidung des Jungen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung, diesen Begriff in die entgegengesetzte Richtung hatte ich mir auf dem Weg in das Arbeitsamt immer wieder vorgesagt, immer wieder in die entgegengesetzte Richtung…“. Aus dieser – in seiner üblichen Manier übertriebenen – literarischen Entgegensetzung zwischen der bürgerlichen Welt des Gymnasiums und der Welt der Außenseiter in der Scherzhauserfeldsiedlung wird ein wichtiges strukturelles Grundprinzip des Buches. Eine schlichte Wiedergabe der Fakten hätte diesen ästhetischen Effekt nie erzeugen können.

Bernhard hat dieses Grundprinzip seines Schaffens nicht verschwiegen. Mittermayer unterbricht die Lebensbeschreibung immer wieder, um Bernhards Literaturauffassung zu schildern. Die zentralen Zeugnisse davon werden ausführlich zitiert. So zum wichtigen Begriff der Künstlichkeit im von Ferry Radax 1970 gedrehten Film „Drei Tage“: „In meinen Büchern ist alles künstlich, das heißt, alle Figuren, Ereignisse, Vorkommnisse spielen sich auf einer Bühne ab, und der Bühnenraum ist total finster.“

Ein Beispiel für Bernhards Selbststilisierung aus einer viel späteren Zeit ist seine Film-Aussage 1984 zu Krista Fleischmann: „Ich hab‘ immer aus eigenem Antrieb gelebt, hab‘ nie eine Subvention g’habt, es hat sich um mich nie jemand gekümmert, bis heute nicht.“ Mittermayer widerlegt diese Aussage mühelos anhand belegbarer staatlicher Förderungen.

Eine Stärke der Biographie Mittermayers ist es, diese Bezüge zwischen Biographie, Ästhetik und Rezeption regelmäßig herauszuarbeiten. Er stützt damit seine zu Beginn des Buches formulierte Auffassung: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biografie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären“.

Speziell die Wirkungsgeschichte ist Mittermayer immer wieder ein Anliegen. Den Werkbeschreibungen, egal ob es sich um einen Prosatext oder um eine Theateraufführung handelt, folgt eine kurze Rezeptionsgeschichte. Dafür greift der Biograph nicht nur auf die Rezensionen der führenden Blätter zurück, sondern verweist immer wieder auch auf die literarische Wirkung Bernhards. Am Ende der Lektüre ist man also auch darüber im Bilde, welche Autoren im In- und Ausland Bernhard maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst hat. Zu nennen wären hier etwa William Gaddis oder Don DeLillo.

Ein weiterer Vorzug sind die unprätentiösen Beschreibungen der Werke Bernhards. Es gibt ja nicht wenige Lebensbeschreibungen, die sich stilistisch lesen als hätte sie der Beschriebene selbst verfasst. Mittermayers sachlicher Stil setzt dagegen einen wohltuenden Kontrapunkt zum Hyperbolismus Bernhards. Das gilt auch für die Interpretationen des Germanisten: Sie bewegen sich immer nahe am Text und sind nie literaturtheoretisch überladen. Damit zeigen sie auch dem literaturwissenschaftlich nicht vorbelasteten Leser, wie man sich der Komplexität der Texte so nähern kann, dass man Erkenntnisgewinne erzielt. Erfreulich auch, dass Mittermayer auf noch nicht publizierte Texte aus dem Nachlass eingeht. Ab 1957 arbeitet Bernhard etwa an dem Prosatext „Schwarzach Sankt Veit“ zu dem sich ein 296 Seiten langes Typoskript findet. Die Geschichte zweier Brüder enthält zahlreiche Bezüge auf Bernhards Jugend. David ist Gerichtsreporter in Salzburg, war vorher Kaufmannslehrling und will Sänger werden, ganz so wie der junge Thomas Bernhard. Man kann nur hoffen, dass aus dem unveröffentlichtem Nachlass bald ein veröffentlichter wird.

Komplexität und Stilisierung sind ebenfalls wichtige Stichworte für Bernhards Sozialleben. Das vom Autor gerne gezeichnete Selbstbild des einsamen Einzelgängers, der sich in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof von der gehassten Außenwelt abschottet, hat zwar einen wahren Kern. Richtig ist aber ebenso, dass Bernhard während seines Lebens immer intensiv für ihn wichtige soziale Beziehungen pflegt. Das beginnt mit dem idolisierten Großvater Johannes Freumbichler, der als gescheiterter Heimatschriftsteller seine Familie als Patriarch tyrannisiert. Bernhards Start ins Leben war in vielen Dimensionen schwierig: Er war arm, krank und hatte in der Familie kaum Unterstützer. Bereits als jungem Menschen gelang es ihm aber, sich ein nützliches Netzwerk im Kulturbetrieb aufzubauen. Carl Zuckmayer fördert ihn schon früh. Etwas später kommt dann noch das Ehepaar Lampersberg hinzu, das Bernhard in die österreichische Avantgardeszene einführt, und die er dann viel später mit seinem Roman „Holzfällen“ zu einer Klage provoziert. Der wichtigste Lebensmensch für ihn war Hedwig Stavianicek, 36 Jahre älter als er und zu Beginn auch ein Ersatz für die früh gestorbene Mutter. Sie lernten sich Anfang der fünfziger Jahre kennen als sich Bernhard wegen seiner Tuberkolose in der Lungenheilstätte St. Veit aufhält. Mittermayer beschreibt in seiner Biographie ausführlich weitere Bekanntschaften Bernhards und deutet an einer Stelle auch an, dass sich Bernhards sexuelle Vorlieben nicht nur auf Frauen beschränken, ohne das allerdings näher auszuführen.

Die große Leistung von Mittermayers Buch ist es, dass sie uns einen soliden Vergleich zwischen dem Menschen Thomas Bernhard und dem Schriftsteller Thomas Bernhard ermöglicht. Wer bisher nur Bernhards Werk und das darin entworfene Selbstbild kennt, wird über viele Tatsachen seines Lebens erstaunt sein, speziell was seine Kindheit und seine ersten Schritte als Journalist und Autor in Salzburg angeht.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie (Residenz)

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World

Die Migrationsdebatte ist nicht nur von Polarisierung und Hass geprägt. Auf den einschlägigen rechtsradikalen Social Media Kanälen sind sogar eine Art von Fälscherwerkstätten entstanden, welche Erfundenes zur Diskreditierung Geflohener in Umlauf bringen. Auf der mir sympathischen flüchtlingsfreundlichen Seite werden potenzielle unerwünschte Migrationsfolgen mental aber auch gerne ausgeblendet. Eine nüchterne, objektive Betrachtungsweise findet man selten. Diesen Versuch unternimmt der Oxford Ökonom Paul Collier in Exodus. Dieser objektivierende Ansatz ist an sich sehr erfreulich, und man wünscht sich, dass der Professor viele Nachahmer finden möge. Er stößt mit seinem Projekt allerdings auf ein grundsätzliches Problem: Es gibt noch zu wenige Studien, Daten & Fakten, um eine zwingende Analyse zu liefern.

Trotzdem schildert Collier einige soziale Mechanismen der Migration sehr überzeugend. Ein Beispiel dafür wäre der Zusammenhang zwischen der Größe der Diaspora und der Migrationsrate. Dass eine große Diaspora einen Migrationsanreiz für Angehörige derselben Kultur darstellt, ist nahe liegend. In Kombination mit der Tatsache, dass die Integration in die Gastgesellschaft desto langsamer wird, je größer die Diaspora ist, ergibt eine brisante Einsicht. Interessant sind ebenfalls seine Beobachtungen, die negativen Auswirkungen zu starker Migration auf die Heimatländer betreffend.

Manche Aspekte des Buchs sind allerdings problematisch. Das betrifft vor allem das Kernargument über die negativen Folgen der Migration: Der Erfolg europäischer Gesellschaften sei in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden, welche zu einem gemeinsamen Wertekatalog und zur Bereitschaft gegenseitiger Solidarität geführt habe. Als Beispiel für die gelebte Solidarität bringt Collier die Bereitschaft, für Sozialleistungen zu zahlen. Diese Bereitschaft des „mutual regard“ sieht der Professor nun durch zu viel Migration bedroht:

Mutal regard is valuable for the trust that supports cooperation and the empathy that supports cooperation and the empathy that supports redistribution. The habits of trust and empathy among very large groups of people are not natural but have grown as part of the process of achieving prosperity; immigrants of poor countries are likely to arrive with less of a presupposition to trust and emphathize with others in their new society.
[72/73]

Ohne diese Annahme wäre Colliers kritischer Blick auf die Migration schnell zahnlos, weil er an vielen Stellen einräumen muss, dass es wenige Studien gibt, welche einen negativen Effekt von Migranten auf ihre Gastgesellschaften belegen. Umgekehrt gibt es mehr Studien, welche positive Effekte betonen. Collier tendiert in seinem Buch dazu, die positiven Studien vorschnell abzutun, und einige Einzelstudien, welche negative Effekte belegen, dafür überzubewerten. Wissenschaftstheoretisch liegt es ohnehin auf der Hand, dass man mit einer einzigen Studie sehr vorsichtig sein muss. Für Erkenntnissicherheit ist es meist unabdingbar, eine Metaanalyse über viele Studien zu veranstalten. Collier steht bei seinem zentralen Aspekt des „mutual regard“ vor dem Problem, dass kaum Studien gibt, welche seine Hypothese stützen. Zu wenig, um seine gesamte Argumentation valide darauf zu stützen.

Hinzu kommt, dass er bis zum Ende seiner Ausführungen die historische Dimension vernachlässigt. Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, wo unterschiedlichste Kulturen mit hinreichend „mutual regard“ zusammenlebten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, vom Perserreich bis zu den Ottomanen. Deshalb wird man bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Collier implizit eine nationalistische Gesellschaftsauffassung voraussetzt, welche seine Urteile beeinflusst.

Angesichts der teils dürftigen Faktenlage und Colliers regelmäßiger methodischer Selbstreflexion, schadet das Exodus aber nur bedingt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Migrationsdebatte.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World (Oxford University Press)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Flaubert: Briefwechsel mit Louise Colet

Literaturferne Menschen stellen sich ja gerne vor, dass Schriftsteller ihre Bücher vom Genius geküsst, in einer Art Rausch herunter schreiben. In Einzelfällen trifft das auch zu, speziell bei Kurzgattungen wie der Lyrik. In der Regel entsteht Weltliteratur aber durch hartes und regelmäßiges Arbeiten. Die Literaturgeschichte belegt das an unzähligen Beispielen. Es gibt zwei Arten von Quellen, welche dieses Ringen mit dem Wort belegen: Die unterschiedlichen Stufen von Manuskripten und deren oft zahlreiche Korrekturen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite zeigen diesen Sachverhalt biographische Informationen auf. Sei es das streng geregelte Schreibleben eines Thomas Mann oder die vielen durch geschriebenen Nächte eines Franz Kafka.

In die letzte Kategorie fällt auch Flauberts Briefwechsel mit seiner langjährigen Freundin Louise Colet. Zwischen 1845 und 1854 schrieben sich die beiden eine Vielzahl von Briefen. In der von mir gelesenen Ausgabe ist überwiegend die Korrespondenz Flauberts abgedruckt, ergänzt durch wenige Briefe Colets und einige ihrer Tagebucheinträge. Sobald Flaubert mit seiner Madame Bovery anfängt, wird sein Ringen mit dem Text ausführlich beschrieben. Sein literarisches Qualitätsbewusstsein nimmt masochistische Züge an, wenn er wochenlang um kurze Passagen ringt oder mehrere Tage um die Formulierung von ein paar Sätzen. Selten wurde der Kampf um literarischen Ausdruck anschaulicher beschrieben:

Mir dreht sich der Kopf, vor Ärger, Entmutigung, Erschöpfung! Ich habe vier Stunden verbracht, ohne einen Satz zustande zu bringen. Ich habe heute nicht eine Zeile geschrieben oder habe vielmehr an die hundert ausprobiert! Welch grausame Arbeit! Was für ein Verdruß! Oh! die Kunst! Was ist das nur für eine wütende Chimäre, die uns das Herz zerfrißt, und warum? Es ist verrückt, sich so zu plagen! Ah! die Bovary, daran werde ich noch denken.
– 12. September 1853

Fest steht, daß ich manchmal versucht bin, alles hinzuschmeißen, und zwar die „Bovary“ zuallererst. Was für eine verdammt verfluchte Idee von mir, ein solches Sujet zu nehmen! Ah! Ich werde sie kennengelernt haben, die Qualen der Kunst.
– 17. Oktober 1853

Ich dagegen bin wie die alten Äquadukte. Am Rand meines Denkens liegt so viel Schutt, daß es langsam dahinfließt und nur Tropfen für Tropfen von meiner Federspitze fällt.
– 29. November 1853

Was den Abschluß der Bovary angeht, so habe ich mir schon so viele Termine gesetzt und mich so oft getäuscht, daß ich nicht nur davon zu sprechen, sondern auch daran zu denken. – Daß Gott erbarm! Ich begreife nichts mehr! Das wird fertig werden, wann es will, und müßte ich auch darüber sterben vor Kummer und Ungeduld, was mir vielleicht passieren könnte, ohne die Besessenheit, die mich aufrechthält.
– 13. Januar 1854

Wer sich also für die – ein Marxist würde sagen – Produktionsbedingungen von Weltliteratur im 19. Jahrhundert interessiert, wird nur wenige bessere Beispiele finden.

Der Briefwechsel ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht aufschlussreich: Es belegt einmal mehr, dass große Künstler oft kleine Menschen sind. Wie selbstbezogen Gustave mit seiner Louise umspringt, ist vor allem im ersten Viertel der Korrespondenz oft schwer erträglich. Wie sehr sie darunter leidet, wird implizit durch die Briefe Flauberts klar, in denen er sie zu beruhigen versucht. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings anführen, dass er Louise von Anfang an immer vor sich selbst und seinen Prioritäten (Literatur!) warnt. Trotzdem gibt er an diesen Stellen charakterlich oft ein jämmerliches Bild ab. Das geht auch über die Beziehung zu Colbert hinaus. Es finden sich manch fragwürdige Passagen, die das rassistische nicht nur streifen. Man kann das einerseits mit Zeitgenossenschaft schön reden. Andererseits war Flaubert für seine Zeit aber ein wirklich unabhängiger Kopf und bei vielen dieser Punkte war der von ihm oft gepriesene Montaigne geistig bereits weiter. Man denke nur an dessen Essay über den Kannibalismus. Viele Leser neigen dazu, ihre Schriftsteller zu vergöttern. Dieser Briefwechsel ist dazu ein gelungenes Gegengift.

Insgesamt gesehen überwiegen freilich die zahlreichen treffenden Beobachtungen und Gedanken. Viele Briefe könnte man in kleine Zitatsammlungen zerlegen. Viele Sätze sind glänzend formuliert.

Gustave Flaubert: Die Briefe an Louise Colet (Haffmans)

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Akademietheater 9.6. 2016

Regie: Peter Wittenberg

mit
Frida-Lovisa Hamann
Dorothee Hartinger
Sabine Haupt
Dörte Lyssewski
Petra Morzé
Markus Hering
Daniel Jesch
Dirk Nocker
Martin Reinke

Ich betrete angesichts der Bezeichnung „Erfolgsstück“ das Akademietheater ziemlich skeptisch. Wie das Burgtheater erlaubt man sich hier ja ab und zu auch, die Grenzen zum Boulevard zu überschreiten. Meine Befürchtung ist aber unbegründet, Die Wiedervereinigung der beiden Koreas ist eine intelligente und originelle Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Liebe. Pommerat wählte die Form des Episodendramas: Ähnlich wie in Schnitzlers Reigen handelt es sich um die Aneinanderreihung von zwanzig höchst unterschiedlichen Szenen. Dabei wird die gesamte Gefühlsskala durchdekliniert, von komisch-anekdotisch bis zu tragisch-dramatisch. Anders als bei Schnitzler fehlen allerdings strukturelle Bezüge zwischen den Episoden, welche über das verbindende abstrakte Thema hinausgehen. Durch eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Geschichten hätte das Stück noch sehr gewonnen.

Die Beteiligten des Burgtheaterensembles nutzen selbstverständlich diese Gelegenheit, um ihre Schauspielkunst von allen Seiten zu zeigen. Die Inszenierung ist wohltuend zurückhaltend und trennt die einzelnen Szenen deutlich mit Hilfe von hell leuchtenden Lichtstäben, die beim Wechsel quasi die alte Episode wegwischen.

Don Winslow: Tage der Toten

Obwohl hier Unterhaltungsliteratur bekanntlich nichts verloren hat, der kurze Hinweis auf diesen Politthriller des Don Winslow. Ich las ihn vor einigen Monaten vor und während meiner Mexiko-Studienreise als Vorbereitung. Winslow recherchierte ausführlich, um ein möglichst authentisches Bild über die mexikanische Drogenkriminalität zeichnen zu können. Das gelingt ihm auch exzellent und ist nichts für schwache Nerven, weil der Autor auch die gängigen Folter- und Hinrichtungsmethoden der Szene mit liebevoller Akribie schildert. Viele Anregungen bekam Winslow von realen Ereignissen, die man auszugsweise ebenfalls in diesem The-Atlantic-Artikel nachlesen kann, falls man es weniger blutrünstig mag.

Wer sich also für das organisierte Verbrechen in Mexiko interessiert, macht mit Tage der Toten nichts falsch. Die deutsche Übersetzung ist allerdings absolut nicht empfehlenswert. Wer des Englischen mächtig ist, sollte den Thriller deshalb unbedingt im Original lesen. Literarischen Wert konnte ich während der Lektüre keinen ausmachen, und bin deshalb schon sehr erstaunt, dass Suhrkamp inzwischen solche Bücher publiziert.

Don Winslow: Tage der Toten (Suhrkamp)

Berlinde de Bruyckere & Willhelm Lehmbruck

Leopold Museum 5.6. 2016

Ich wollte mir eigentlich vor allem die Lehmbruck-Ausstellung ansehen und bin dabei auch auf die bedrückenden Werke der Berlinde de Bruyckere gestoßen. Sie gilt als eine der wichtigsten Skulpturenkünstlerinnen der Gegenwart und das völlig zurecht. Ihre Skulpturen setzen sich auf eine brutale Art und Weise mit dem menschlichen Körper durch das Mittel der Verfremdung auseinander. Was der von mir sehr geschätzte Francis Bacon in seinen Gemälden handwerklich und konzeptuell erreicht, überträgt de Bruyckere ins Dreidimensionale. Das Ergebnis sind ausgesprochen verstörende Kunstwerke, welche unvermeidlich zur Reflexion über die menschliche Existenz, den Tod und den aktuellen Zustand der Welt anregen. (Bis 5.9.)

Wilhelm Lehmbrucks biographisches Schlüsselerlebnis war, wie bei den meisten Künstlern seiner Generation, der erste Weltkrieg. Obwohl er den Krieg nur „indirekt“ erst als Kriegsmaler und schließlich als Sanitäter in einem Berliner Lazarett erlebte, änderte sich nicht nur sein Kunststil, sondern dürften diese bitteren Erfahrungen auch einer der Gründe für seinen Freitod im Jahre 1919 gewesen sein. Die Ausstellung zeigt wesentliche Werke aus allen seinen Schaffensperioden und ist wie die meisten Retrospektiven chronologisch konzipiert. Das Frühwerk ist künstlerisch hochwertig, aber stilistisch noch nicht eigenständig, was sicher auch mit seiner Ausbildung an der konservativen Düsseldorfer Kunstakademie zusammenhängt. Persönlich sprechen mich die Arbeiten erst nach seiner expressionistischen Wende an, wo er unter anderem überlebensgroße Figuren schafft, deren Schmalheit an Rodin gemahnt. Sein wohl berühmtestes Werk ist eine Auseinandersetzung mit dem Krieg und ist ebenfalls ausgestellt: Der Gestürzte. Abgerundet wird die Retrospektive mit Arbeiten von Künstlern, welche Lehmbruck Zeit seines Lebens geprägt haben, und mit einem Blick auf dessen Rezeption. Passenderweise zählt dazu wieder Berlinde de Bruyckere. (Bis 4.7.)

The Lady in the Van

Filmcasino 4.6. 2016

UK 2015

Regie: Nicholas Hytner

Eine britische Tragikkomödie, welche auf einer wahren Begebenheit beruht. Die obdachlose Mary Shepherd, eine eigenwillige Greisin, landet mit ihrem Van in der Auffahrt des Londoner Schriftstellers Alan Bennett. Es entsteht eine eigenartige Beziehung zwischen den beiden, die sich letztendlich über fünfzehn Jahre hinzieht. In Bruchstücken bekommen wir Zuseher die Biographie der alten Britin präsentiert, welche wesentlich komplexer ist, als ihre Obdachlosigkeit erwarten lässt. Den Reiz gewinnt der Film einerseits aus diesem Zusammentreffen zweier so unterschiedlicher Menschen und Milieus, andererseits durch die furiose Schauspielkunst der Maggie Smith. Sie spielt Miss Shepherd mit einer so berührenden Ruppigkeit, welche man auf der Leinwand nur selten zu sehen bekommt.

Dichter beschimpfen Dichter

Wessen Interesse an der Weltliteratur sich auch auf deren Autoren erstreckt, wird schnell konstatieren: Es gab schon immer viel Neid und Bosheit im Literaturbetrieb. Wer das bezweifelt, kann sich in der inzwischen zehn Jahre alten Anthologie Dichter beschimpfen Dichter ein beeindruckendes Bild machen. Jörg Drews war beim Zusammensuchen der Zitate federführend. Angeordnet sind sie nach Autorennamen, unter Goethe findet man also alle Beschimpfungen über Goethe. Ab und zu findet man eine weitere Untergliederung nach Werken.

Einige Beispiele:

Die Bachmann is a arrogante Gurkn.
– H.C. Artmann

Seine Eloquenz ist lendenlahm und brüchig.
– Brutus über Cicero

Langweilige Limonade.
– Döblin über Hesse

Prosa wie aus einem oberbayerischen Landratsamt. Brei auf Stelzen.
– Deschner über Jünger

Bei Goethe ist der Roman keine Kunstform, sondern eine Rumpelkiste: gewaltsam aneinander gepappte, divergente Handlungsfragmente, hineingestreute übel an den Hauptfaden verknüpfte Novellen, Aphorismen, einander widersprechende Erziehungsmaximen, allgemeine Waidsprüchlein (totsicher den ungeeignetsten Personen in den Mund gelegt: was läßt er zum Beispiel Ottilie für onkelhaft weltkundige „Gedankensplitter“ in ihr Tagebuch schreiben! – vom fragwürdigen Wert mancher Bemerkungen noch ganz zu schweigen!).
– Arno Schmidt

Kurz: Eine sehr vergnügliche Lektüre!

Jörg Drews (Hrsg.): Dichter beschimpfen Dichter. Ein Alphabet harter Urteile (Haffmans)

Andalusien – Das islamische Europa

Oktober 2015

Diese Studienreise liegt nun schon eine Weile zurück, aber wie bei allen meinen Reisen will ich einige Eindrücke festhalten. Ich bereiste viele Länder des Orients, von Marokko bis Usbekistan, bevor ich jene europäische Region besuche, welche der Islam am stärksten prägte: Andalusien.

Das Faszinierende an dieser Weltgegend ist, wie vielseitig die geschichtlichen Bezüge sind. Sie beginnt bei der Alltagskultur, setzt sich in der Architektur- und Kunstgeschichte fort und ist selbst für die Geistes- und Mentalitätsgeschichte Europas maßgeblich prägend. Um mit dem scheinbar Banalen anzufangen: Die Bedeutung des Serranoschinkens für die andalusische Küche bis heute, wäre ohne den damaligen Religionskonflikt undenkbar. Nach der Reconquista gingen viele Moslems in den Untergrund. Eine wichtige Methode, sie zu entlarven, war der verweigerte Verzehr von Schweinefleisch. Die echten Christen demonstrierten brav opportunistisch ihre Zugehörigkeit zum korrekten Katholizismus durch den demonstrativen Konsum von Schinken. Seit dieser Zeit ist es üblich selbst „vegetarische“ Gerichte wie Salte mit Schinken zu garnieren.
Am anderen Ende des Spektrums steht die Bedeutung Andalusiens für die Kulturgeschichte Europas. Als die Omaiyaden nach Cordoba kamen, weil sie von den Abbasiden aus dem Mittleren Osten vertrieben worden waren, begann die kulturelle Blütezeit. Wie alle Blütezeiten war sie von religiöser Toleranz geprägt und gipfelte in grandiosen Kulturleistungen. Nicht nur wurden auf diesem Wege viele antike Klassiker für die Nachwelt erhalten, es entstanden auch Standardwerke zu Mathematik, Astronomie und Medizin, welche viele Jahrhunderte lang für Europa maßgeblich waren.

Dieses Wissen ist natürlich immer präsent, wenn man durch Andalusien reist, ebenso wie die unerfreulichen Folgen der erfolgreichen Reconquista, etwa die berüchtigte Bücherverbrennung in Granada, welche der Erzbischof von Toledo veranlasste, Gonzalo Jiménez de Cisneros. Was bekommt der Reisende so viele Jahrhunderte später noch davon mit? Am offensichtlichsten sind selbstverständlich die architektonischen Einflüsse. Die Altstadt von Cordoba ist bis heute eine von der Anlage her muslimische Stadt. Die als Moschee erbaute Mezquita, deren säulenreicher Innenraum zu den beeinruckendsten zählt, die ich bisher sah, wird natürlich seit langem als Kirche betrieben. Ich werde allerdings das Gefühl nie los, dass diese Zwangschristianisierung so überhaupt nicht zu diesem Gebäude passt. Der alte Religionskonflikt schwelt auch bis in die Gegenwart: Die moslemische Gemeinde nutzte Teile der riesigen Mezquita wieder gerne als Moschee, was der konservative Bischof der Stadt naturgemäß empört zurückweist.
Wer marokkanische Städte kennt, kann sich beim Schlendern durch die Altstadt ausgezeichnet vorstellen, wie das Alltagsleben in Cordoba vor der Rückeroberung ausgesehen haben muss.
Neben den üblichen Sehenswürdigkeiten empfehle ich in Cordoba dringend den Besuch der Casa de Sefarad, die sich mit Kultur & Geschichte der Juden in Cordoba und Andalusien beschäftigt. Es gibt auch sehr gute Führungen dort.

Der zweite islamische Höhepunkt neben Cordoba ist selbstverständlich die Alhambra in Granada, wo sich die orientalische Baukunst am beeindruckendsten präsentiert. Mit zwei Millionen Besuchern ist sie die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Spaniens, weshalb man sich rechtzeitig um eine Eintrittskarte bemühen muss. Diese wiederum hat dann nur ein halbstündiges Zeitfenster währenddessen man die Burg betreten darf. Was die Außenwirkung angeht, trifft es „Burg“ übrigens ziemlich genau. Dicke Wände, kleine Fenster, insgesamt eine abschreckend wirkende Architektur. Desto verblüffender ist der Kontrast zur prächtigen orientalischen Ausstattung im Inneren. Die Kombination aus filigranen Verzierungen, unterschiedlichen optischen Perspektiven, und abwechslungsreichen Innenhöfen (gerne mit Wasserbecken, in denen sich die Architektur spiegelt) sucht weltweit ihresgleichen. Die grandiosen Aussichten auf Granada und das bergige Umland runden diese Eindrücke perfekt ab.

Wer an der Gegenreaktion des christlichen Spaniens interessiert ist, wird speziell in Sevilla fündig. Nicht nur gibt es dort einen der imposantesten Dome des Landes, sondern man kann im Parque de Maria Luisa die Plaza de Espana besichtigen, das in Keramikdarstellungen unter anderem das spanische Imperium verherrlicht.

Eine Denkanregung ganz anderer Art nehme ich ebenfalls noch von meiner Studienreise mit, nämlich das selbst so scheinbar eindeutig ethische Urteile wie die Ablehnung des Stierkampfes durch zusätzliche Informationen ambivalent werden können. So richtig es ist, dass der Akt des Stierkampfes an sich von einer barbarischen Grausamkeit ist, so verändert sich die ethische Gesamtbilanz, wenn man das gesamte Leben eines Kampfstieres betrachtet. Sie werden nämlich in eigenen Zuchtfarmen aufgezogen und zwar in einem für sie optimalen Ambiente. Kurz, sie leben über viele Jahre ein fantastisches Stierleben, dem dann ein halbstündiges brutales Lebensende gegenüber steht. Im Vergleich zum meist von Anfang bis Ende qualvollen Leben der üblichen Zuchttiere, ist so ein Kampfstierleben insgesamt also ethisch deutlich besser zu beurteilen.

Als Fazit sei betont, dass Andalusien sicher eine der intellektuell anregendsten Gegenden ist, die man in Europa besuchen kann. Werde sicher nicht zum letzten Mal dort gewesen sein.

Sueton: Lives of the twelve Caesars

Suetons Geschichtswerk ist das einzige (fast) komplett überlieferte Werk des römischen Autors. Das mag mit der großen Popularität des Buches noch zu seinen Lebzeiten zusammenhängen. Was heute noch für hohe Einschaltquoten sorgt, nämlich Sex & Crime, sowie Klatsch über Prominenz, funktionierte bereits damals gut: Suetons zwölf Kaiser-Biographien sind voll davon. Je schlüpfriger, desto besser. Das liest sich stellenweise immer noch sehr unterhaltsam. Trotz dieses boulevardesken Einschlags ist Sueton eine der wichtigsten Geschichtsquellen über die Kaiserzeit. Für einige Protagonisten wie Caligula ist er sogar die Hauptquelle. Notwendig ist jedenfalls durchgehend eine sehr quellenkritische Lektüre. So fällt etwa schnell auf, dass Sueton bei Konflikten zwischen Kaisern und dem Senat sich fast immer auf die Seite des Senats stellt. Ich ließ mir die Biographien als Hörbuch vorlesen, wozu sie ganz vorzüglich geeignet sind.

Sueton: Lives of the twelve Caesars (als Hörbuch)

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„The Gap“ meint:

"Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
(Februar 2016)

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