Iran – Vom widersprüchlichen Alltag einer säkularen Theokratie

„Ist das nicht gefährlich?“ – Das war die häufigste Frage, die ich vor meiner dreiwöchigen Iranreise zu hören bekam. Da ich mich in der Vergangenheit oft religionskritisch geäußert hatte, sahen mich einige Freunde bereits kurz nach der Einreise gesteinigt. Stünde im Iran auf Atheismus nicht die Todesstrafe? Die meisten Europäer haben ein ausschließlich negatives Bild vom Iran. Aus teilweise guten Gründen, wenn man an die desaströse Menschenrechtslage dort denkt. Die knapp siebentausend Kilometer, die ich durch Persien fuhr, belehrten mich allerdings eines Besseren: Der Alltag der Menschen ist ganz anders als wir im Westen meinen. Eine differenziertere Sichtweise ist dringend notwendig.

Meine Reise führt mich im Mai von Teheran aus gegen den Uhrzeigersinn erst zu den Reisfeldern des Kaspischen Meeres und in den Norden des Landes, wohin sich nur selten Touristen verirren. Der nördlichste Punkt ist die armenische Thaddäuskirche, in der Nähe der türkisch-armenischen Grenze. Nach dem kurdischen Gebiet im Westen fahren wir mit vielen Zwischenstopps Richtung Süden nach Schiras. Die Stadt selbst ist ein Höhepunkt jeder Iranreise und Ausgangspunkt für die Besichtigung von Persepolis. Die südwestlichste Ecke der Reise ist die Wüstenstadt Bam, welche Ende 2003 von einem verheerenden Erdbeben vernichtet wurde. Weitere wichtige Stationen sind Yasd und selbstverständlich Isfahan, ein Höhepunkt jeder Iranreise.

Die erste große Überraschung: Das Leben in der Theokratie ist wesentlich weniger religiös geprägt als ich es erwartete. Reist man in die Türkei oder nach Marokko packt man am besten Ohrstöpsel ein, um von den Muezzinen nicht frühmorgens aus dem Schlaf gerissen zu werden. Im Iran fällt mir erst nach einigen Tagen auf, dass ich bisher noch keinen einzigen Gebetsruf gehört habe. Das wird sich erst am Ende der Reise in Isfahan ändern. Im Gegensatz zu den Sunniten sehen die Schiiten ihre religiösen Pflichten entspannt. Sie legen Gebete pragmatisch zusammen, sodass sie mit drei statt fünf Gebeten auskommen. Im Iran wollte unsere Fahrer kein einziges Mal eine Gebetspause einlegen. In der offiziell säkularen Türkei erlebte ich Fahrer, die vehement auf ihre Gebetspausen pochten. Im öffentlichen Leben konnte ich ebenfalls keine Einschränkungen wegen der Gebetszeiten beobachten. Selbst am heiligen Freitag haben nicht wenige Geschäfte geöffnet.

Ich kann diesen entspannten religiösen Alltag nur schwer mit meinem Wissen über das Ritual des jährlichen Ashurafestes zusammenbringen, während dessen sich schiitische Jungen und Männer vor vielen Zuschauern einer oft blutigen Selbstgeißelung unterziehen, um des Märtyrertods von Hussein ibn Ali zu gedenken. Es gibt im Iran auch kaum etwas, das öffentlich präsenter wäre als der Märtyrerkult: Die Toten des Kriegs mit dem Irak werden in unzähligen Tafeln gefeiert. Auf jeder dieser Tafeln ist ein großes Foto der meist sehr jung Getöteten. Aufgestellt sind sie neben der Straße, sodass man während einer längeren Fahrt durch besiedeltes Gebiet oft gespenstisch an tausenden von Toten vorbeifährt.

Die Jugend lässt sich von dieser seltsamen Staatsideologie allerdings nur noch bedingt gängeln. In der Öffentlichkeit hält man pro forma zwar die Regeln ein, aber oft mit einer provokanten Lässigkeit. Ängstliche Touristinnen sind konservativer gekleidet als progressive Iranerinnen. Das Kopftuch ist manchmal so weit nach hinten gerutscht, dass man es kaum mehr sieht. Das gilt allerdings überwiegend für Teheran und die Großstädte, während man in der Provinz häufig noch dem Tschador begegnet. Im wohlhabenden Norden der Hauptstadt sieht man viele junge Frauen am Steuer, das Smartphone am Ohr. Ein Bild, das im nahen Saudi-Arabien völlig undenkbar wäre. Es ist bemerkenswert, dass das totalitäre Saudi-Arabien im Westen medial weniger kritisiert wird als der Iran mit seinem vergleichsweise liberalen Straßenleben.

Dieser Alltag wirft auch ein bedenkenswertes Schlaglicht auf die berüchtigte Scharia. Theoretisch kann man für Ehebruch gesteinigt werden, eine der grausamsten Hinrichtungsformen. Die notwendigen vier Augenzeugen sind in der Praxis natürlich schwer aufzutreiben. Wie mir international erfahrene Teheraner aber nachdrücklich versichern, unterscheidet sich das Sexualleben in ihrer Stadt nicht wesentlich von dem in westlichen Hauptstädten. Würde die Scharia wirklich praktiziert, müsste man halb Teheran steinigen. Ähnlich ist es mit dem Alkohol. Uns Einreisenden werden am internationalen Imam Khomeini Flughafen Peitschenhiebe für das Schmuggeln von Alkohol angedroht. Es gibt aber ein Netz von oft armenischen Schwarzhändlern, bei denen man Alkohol zumindest in Teheran telefonisch mit praktischer Hauszustellung bestellen kann. Armenier zählen im Iran zu den geschützten religiösen Minderheiten. Die Toleranz geht so weit, dass ihnen die Herstellung von Alkohol offiziell erlaubt ist – so lange sie ihn nicht verkaufen. Im Iran gibt es alle westlichen Vergnügungen, allerdings müssen sie in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich in einer Großstadt oder auf dem Land aufhalte: Ich werde sofort angesprochen. Nach einem herzlichen „Welcome!“ folgt sofort die Frage: „How do you like Iran?“. Schnell wird mir klar, wie schmerzlich die Iraner unter dem schlechten internationalen Ruf ihres Landes leiden. Schau uns an und rede mit uns! Sehen wir aus wie fanatische Islamisten und Selbstmordattentäter? Sind wir nicht ebenso gebildet und normal wie ihr Europäer? Sobald ich anfange, meine positiven Eindrücke zu formulieren, fällt speziell den jungen Iranern sichtbar ein Stein vom Herzen. In Gesprächen wird schnell deutlich, wie stolz sie auf ihre Jahrtausende alte Kultur sind. Sie wollen als eine der wichtigsten Kulturnationen der Weltgeschichte anerkannt werden, gleichberechtigt mit Ägypten, Griechenland oder Italien. Gerne betonen sie ihr Indoeuropäertum, manchmal mit einem nicht zu überhörenden chauvinistischen Unterton, und grenzen sich strikt gegen die Araber ab. Ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Mentalität ist der institutionelle Rassismus, mit dem die afghanischen Flüchtlinge im Lande zu kämpfen haben.

Viele Iraner scheinen mir völlig resistent gegen die Ideologie ihres Staats zu sein. Seit Jahrzehnten werden sie beispielsweise zum Hass gegen den USA erzogen. Unter den zahllosen Flaggen, die in den Hotels zur Dekoration verwendet werden, sehe ich nirgends eine einzige amerikanische. Die männliche Jugend auf der Straße ist trotzdem durch den American Way of Life geprägt und trägt auffällige amerikanische Marken, wenn sie es sich leisten kann. Ein Arzt in Isfahan wirbt auf seinem Schild prominent mit „from the U.S.A“. Unter vier Augen redet man selbst mit völlig Fremden Klartext. Im Park einer Provinzstadt spricht mich auf Englisch ein Physiker an. Er lobt zuerst ausführlich Deutschland und dessen Wirtschaft, zählt anerkennend prominente deutsche Physiker auf, und fährt fort: „Aber es gab auch sehr böse Deutsche wie Hitler.“ Nachdem er sich kurz umsieht, ob jemand in Hörweite steht folgt geflüstert der ebenso mutige wie problematische Satz: „Khomenei war unser Hitler.“

Auch die Wertschätzung des kulturellen und historischen Erbes passt wieder so gar nicht zum Bild eines islamistischen Landes. Man muss nicht an die durch die sunnitischen Taliban zerstörten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan denken, um sich das Bilderverbot des Islam ins Gedächtnis zu rufen. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die „heidnischen“ bilderreichen Altertümer im schiitischen Iran von allen Seiten größter Wertschätzung. Nicht nur von den Iranern, die sehr stolz auf ihre Vergangenheit sind, selbst der theokratische Staat kümmert sich kompetent um diese Kulturschätze. Ich habe selten so sorgfältig kuratierte Provinzmuseen besucht wie im Iran. Als Beispiel sei das Azarbaidjan-Museum in Tabriz genannt, der Provinzhauptstadt Ostazarbaidjans.
Zu den Höhepunkten der altpersischen Kultur zählen neben dem Persepolis auch viele figurative Reliefs und Grabstätten. Überall treffe ich inländische Touristen, die ihre Kulturdenkmäler bewundern.
Außer Armenien habe ich noch nie ein Land bereist, in dem die Menschen so stolz auf ihre Sprache und ihre Literatur sind. Überall sind Straßen und Plätze nach persischen Klassikern benannt. Ihre Statuen sind omnipräsent. Böse Zungen behaupten, in iranischen Haushalten gäbe es mehr Hafiz- als Koranausgaben. Diese Dichterverehrung geht allerdings weit über das Ästhetische hinaus: Sie werden fast wie Propheten verehrt. Man verspricht sich von ihren Gedichten konkrete Lebenshilfe. Literarische Hauptpilgerstätte ist Shiraz, wo die Mausoleen der Dichter Hafiz und Saadi stehen. Ich war zuerst skeptisch als ich hörte, fast jedes frisch vermählte Paar wolle das Hafiz-Denkmal besuchen. Vor Ort sehe ich dann tatsächlich viele junge Pärchen, die für ein Foto posieren. Teenager beiderlei Geschlechts stehen ehrfürchtig um Hafiz‘ Sarkophag herum und legen andächtig beide Hände darauf. Ich stelle mir kurz hunderttausende deutschsprachige Teenager vor, die nach Weimar pilgern, um ihren Goethe zu besuchen. Was für uns unvorstellbar ist, ist im Iran Alltag.

Die Wirtschaft des Landes leidet unter den Sanktionen, welche der Westen wegen des iranischen Atomprogramms verhängte. Das besagen diverse Statistiken und auch die hohe Inflationsrate spricht eine deutliche Sprache. Fährt man durch das Land, passt das Gesehene nur bedingt zu diesen Informationen. So ist die Verkehrsinfrastruktur Irans vorbildlich. Wir fuhren viele tausende Kilometer auf perfekt ausgebauten Autobahnen. Selbst die ASFINAG könnte hier in Sachen Schlaglochfreiheit noch einiges lernen. Wo die Sanktionen gut greifen, das ist der Autoimport. Westliche Autos auf persischen Straßen sieht man kaum, mit der Ausnahme von alten Peugots, weil es hier früher eine langjährige Kooperation mit Frankreich gab. Die Hotels sind für ein orientalisches Land ebenfalls in einem hervorragenden Zustand. Viele wurden in den letzten Jahren neu errichtet. Ich sehe immer wieder still gelegte Baustellen, aber es wird im ganzen Land intensiv gebaut. In den Geschäften findet man viele asiatische Markenprodukte, etwa von LG und Samsung. Wer sich das leisten kann, ist eine andere Frage.
Anders als von mir angenommen, sind selbst die Ladenöffnungszeiten liberaler als in Österreich. Geschäfte dürfen bis Mitternacht offen halten. In den Städten wird das auch ausgenutzt: Die Straßen sind bis nach Mitternacht belebt. So manches österreichische Städtchen würde das Straßenleben einer iranischen Kleinstadt beneiden.

Als ich nach drei Wochen wieder zurück in Teheran bin, weiß ich, wie einseitig die westliche Berichterstattung über den Iran ist. Im Mittelpunkt steht immer nur die schreckliche Staatsideologie des Landes. Wer sehen will, wie wenig relevant dieser Unfug für den Alltag von Millionen Iranern ist, der muss sich selbst vor Ort ein eigenes Bild machen: Der Iran ist von allen bisher von mir bereisten orientalischen Ländern das „europäischste“.

Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen

Diese Notizen entstanden in mehreren Teilen im Frühjahr 2005 und sind der leichteren Lesbarkeit hier in eine Notiz zusammengefasst.

Die Lektüre Dantes weckte in mir ein außerplanmäßiges Mittelalterbedürfnis, weshalb ich mich schnell Chaucer zuwandte. Ein gutes Monat beschäftigen mich nun seine faszinierenden “Canterbury Tales”.

Als Einstieg kann ein kurzer Überblick über die Struktur der Canterbury Tales und einiges Wissenswerte dazu nicht schaden:

Die einzelnen Erzählungen sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die im “Allgemeinen Prolog” beschrieben wird. Eine Pilgerreise von London nach Canterbury versammelt eine bunte Gruppe von Pilgern (27 Männer und 3 Frauen) aus fast allen Gesellschaftsschichten (nur “ganz unten” und “ganz oben” fehlen). Die Reisezeit wird für einen Erzählwettbewerb genutzt, dem besten Erzähler winkt am Ende ein Gratisabendessen.

Chaucer plante 120 Geschichten (wenn das nicht schon an das Balzacs monomanes Romanprojekt erinnert). Es wurden nur 21 vollständige und 3 unvollständige und sind in ca. 80 Handschriften überliefert, von denen die größte Wertschätzung der Gelehrtenwelt das Ellesmere-Manuskript genießt.

Chaucers Werk wird vor allem aus zwei Gründen gelobt: Es gäbe einen unglaublich realistischen Einblick in die Welt des Mittelalters, und es sei literarisch ausgezeichnet gelungen, was Komposition und (frühe) literarische Verwendung der englischen Sprache angeht.
In den enthusiastischen Worten Martin Lehnerts, dem Herausgeber und Übersetzer der vorzüglichen Inselausgabe:

In genialer Weise verschmolzen Chaucer und Shakespeare in glanzvollen Versen und ebenso eindringlicher Prosa profunde literarische Bildung und unübertreffliche realistische Beobachtung, kraftvolle Lebensfülle und tiefe Menschenkenntnis mit einzigartiger Beweglichkeit, mit Humor und Weltoffenheit. (S. 26)

Naturgemäß war Chaucer auch ein großer Bücherfreund:

Obgleich mein Wissen stets recht klein gewesen,
Hab ich doch Bücher immer gern gelesen.
Ich schenke ihnen Glauben und Vertrauen,
Kann achtungsvoll und freudig auf sie bauen,
Daß ich kaum ein Vergnügen nennen könnte,
Das mich von meinen Büchern jemals trennte,
Es sei vielleicht an einem Feiertag,
Im schönen Mai auch, wo’s geschehen mag.
(Legende der guten Frauen, V. 29-36)

Chaucer stellt im Prolog die handelnden (sprich: erzählenden) Figuren ausführlich vor, und diese Beschreibungen sind ein fulminanter Auftakt! So pointiert-ironische Portraits kannte ich bisher aus der mittelhochdeutschen Literatur nicht, vielleicht mit der Ausnahme von Gottfrieds “Tristan”.

Wobei mir einige von Chaucers Beschreibungen eher konventionell (der brave Dorfpfarrer etwa) anmuten, während andere dagegen ungewöhnlich sarkastisch sind (der Mönch). Könnte gut sein, dass diese Gegenüberstellungen ästhetisch beabsichtigt sind, steigern sie doch die Wirkung.

Diese Kontrastierung ist auch in kleineren Motiven durchgezogen, etwa was die Zuneigung zu Büchern angeht:

Mönch:
Sollt er studieren und verrückt sich machen,
Stets über Büchern nur im Kloster sitzen,
Und gar bei seiner Hände Arbeit schwitzen,
Wie Augustin befiehlt? Was hilft’s der Welt?
Mag er sich plagen, wenn’s ihm gefällt!
[V. 184ff.]

Scholar:
[Das gefällt mir so gut, dass ich es ausführlich zitieren muss]
Da war ferner aus Oxford ein Scholar,
Der Logik schon studiert manch liebes Jahr.
Sein äußerst magres Pferd glich einem Rechen,
Auch er war nicht grad fett, um wahr zu sprechen,
Hohläugig sah er aus und ernst, so mein ich,
Sein Mäntelchen war kurz und fadenscheinig;
Noch hatte er’s zur Pfründe nicht gebracht,
Da er an Amt und Vorteil nie gedacht.
Mehr liebt’ er zwanzig Bücher überm Bett,
Schwarz-rot gebunden auf dem Bücherbrett
Von Aristoteles’ Philosophie
Als reiche Kleidung, Fiedel und Psaltrie.
Doch wenn er auch ein Philosoph schon war,
Enthielt sein Koffer wenig Geld in bar;
Denn alles, was von Freunden ihm gespendet,
Zum Studium er und Bücherkauf verwendet.
[V. 285ff.]

Anhand dieser Stellen kann man sich auch gleich ein Bild von der Übersetzung des Martin Lehnert machen, die mir bisher sehr gut gefällt. Lehnert schreibt in der Einleitung zur Insel Ausgabe, dass das Mittelenglische dem Neudeutschen lautlich viel ähnlicher sei als dem Neuenglischen, weshalb sich der Text besser ins Deutsche als ins Neuenglische übersetzen lasse. Das ist doch ein interessante These.

Die proportionale Ausgewogenheit der Erzählung vom Ritter hat mich angenehm überrascht. Chaucer scheint nicht nur einen großen Sinn für den Rhythmus einer Handlungsabfolge zu haben, sondern kommentiert das ja auch immer wieder. Vor allem wenn man weiß, welche literarischen Monster im Spätmittelalter sonst noch so produziert wurden, hebt sich das wohltuend ab.

Was mich literarisch am meisten beeindruckt hat, ist die Beschreibung des Marstempels. Während vorher noch in klassischer Manier Rittertum und Kampf heroisiert werden, öffnet diese Tempelbeschreibung plötzlich einen apokalyptischen Blick auf die Realität von Krieg und Gewalt. Mich hat das stark an H. Bosch erinnert:

Dort sah zunächst ich düstre Schattenbilder
Von Mord und Totschlag, von Gewalt gar wilder;
Den jähen Zorn, wie Kohlen glühend rot,
Den Diebstahl und die Angst, bleich wie der Tod
[...]
Den Meuchelmord am Schläfer in der Nacht,
Und blutige Wunden offner Kriegerschlacht;
[...]
Der kalte Tod mit offnem starrem Munde.
Das Unheil in des Tempels Mitte saß,
Unmutig war sein Blick und voller Haß.
Den Wahnsinn sah ich lachen in der Wut,
Gewaltgeschrei, Alarm und Frevelmut;
[...]
Zerstörte Städte, wüst und ausgeleert.
Ich sah das Schiff verbrannt im Meere schwanken,
Erwürgt den Jäger durch des Bären Pranken,
Das Wiegenkind, wie eine Sau es fraß
[...]
[V. 1995ff.]

Eine so komprimierte Darstellung der Brutalität des Lebens ist in der Mitte einer Rittererzählung doch von einer unerwarteten Subversivität. Spätestens an dieser Stelle wurde mir bewusst, dass Chaucer wirklich ein großartiger Autor ist.

Die Erzählung des Müllers: Chaucer hält die Erzählperspektive des ungebildeten Müllers nicht immer durch, da er regelmäßig “gebildete” Anspielungen einfließen läßt. Cato etc. Die Astrologie wird als Gegenspieler des Glauben dargestellt:

Der Mann ist hier durch Sternenguckerei
In Wahn verfallen oder Raserei.
Ich dacht es immer, ob das gut wird gehen!
Ich lobe immer mir den schlichten Mann,
Der weiter nichts als seinen Glauben kann!
[3451ff.]

Gut gefiel mir auch, dass die Erzählung nicht nur religiöse Naivität aufs Korn nimmt, sondern der zentrale Betrug mit der gefälschten Sintflut auch von einer gehörigen religiösen Respektlosigkeit zeugt, die man im Mittelalter so nicht erwartet hätte.

Die Erzählung des Rechtsanwalts hat mich wieder deutlich stärker interessiert. Einerseits die religiöse Thematik und die Darstellung des Islam (kombiniert mit dem klassischen Motiv der bösen Schwiegermutter). Andererseits kommt Konstanze ja für mittelalterliche Verhältnisse geographisch weit herum.

Der Islam wird aufgrund der Intrige schurkisch dargestellt, was ebensogut zum Zeitgeist des 14. Jahrhunderts passt wie zum unserigem. Die zweite böse Schwiegermutter in der Geschichte ist ja auch eine Heidin, so dass man eigentlich schon von einer christlichen Propagandaerzählung sprechen kann. Das happy end für die braven Neu- und Altchristen rundet das Bild schön ab. Christliche Tugenden werden auch regelmäßig gepriesen:

O schnöde Wollust, sieh hier, wie du endest!
Du läßt nicht nur die Geisteskräfte schwinden,
Es ist gewiß, daß du den Leib auch schändest.
Das Ende deines Werks und deiner blinden
Gelüste ist die Klage [...]
[V. 925ff.]

Die Erzählung der Frau von Bath: Hochgradig verblüfft hat mich die lange Rechtfertigungsrede der Frau von Bath im Prolog, die meinem Eindruck nach nur noch wenig Mittelalterliches an sich hat. Die Gute ist sich durchaus ihre individuellen Rolle im Leben bewusst und hat auch ausführlich über ihr Lebenskonzept nachgedacht. Pikant auch ihre innovativen religiösen Interpretationen, die sie mit Bibelstellen belegt. Etwa zum Thema Ehe:

Denn der Apostel sagt, von Gottes wegen
Steht meiner Wahl zum Frein nichts entgegen,
Er heißt uns Heirat nicht als Sünde meiden.
[V. 49ff.]

Die Erzählung selbst enthält dann auch eine vergleichsweise moderne psychologische Komponente. Sowohl was die Lösung des Rätsels angeht als auch dass überhaupt nach einem psychologischen Motiv explizit gesucht wird. Das ist mir bisher in der Literatur des Mittelalters noch nicht begegnet.

Die Erzählung des Ordensbruders las ich gerne, bürgen auftretende Teufel doch oft für ausgezeichnete literarische Qualität. Nett, dass die Teufel auf die Macht Gottes angewiesen sind:

Zuweilen werden wir in Gottes Hand
Als Werkzeug seines Willens wohl verwandt
Zu manchem Zweck, in mancherlei Gestalten
Will grad er so mit den Geschöpfen walten.
Wir haben ohne ihn in dieser Welt
Nicht Macht, wenn er sich uns entgegenstellt.
(V. 1483ff.)

Die Erzählung des Kirchenbüttels ist eine nette Retourkutsche, und die fulminante Darstellung eines gierigen Klerikers ist ja gerade in diesen Tagen ein wohltuender Kontrapunkt zur allgegenwärtigen medialen Heuchelei. Ein solider Derbheitsgrad wie auch schon bei früheren Texten der Sammlung.

Der Scholar schließlich erzählt die bekannte Griseldis-Geschichte, die selbst für spätmittelalterliche Verhältnisse so bieder ist, dass Chaucer nachher einen relativierenden Kommentar einfügt:

Die Sage lehre nicht, die Frauen sollten
Griseldis folgen in Ergebenheit,
Nicht tragbar wäre das, auch wenn sie wollten;
Vielmehr daß jedermann zu seiner Zeit
Ausharren soll in Widerwärtigkeit
Gleichwie Griseldis.
(V. 1142ff.)

Er deutet die Aussage also in eine allgemeine Empfehlung um: man möge stoisch sein. Eine so blinde und demütige Liebe im Angesicht von Brutalität und Ungerechtigkeit ist an sich schon schwer erträglich. Das happy end macht es naturgemäß nicht besser. Nicht, dass es nicht schöne Stellen gäbe:

Doch solche Leute trifft man oft im Leben,
Die, wenn sie einen Vorsatz erst gefaßt,
Daran mit solchem Starsinn kleben,
Als ob sie gleichsam fest an einen Mast
Gebunden wären.
(V. 701ff.)

Populismus-Kritik:

O windiges Volk! So haltlos, ungetreu!
Unstet und wechselnd wie ein Wetterhahn!
Du freust dich jedes Rummels, ist er neu,
Du schwillst wie der Mond bald ab, bald an,
stets schwatzend, doch kein Deutwert ist daran!
Falsch ist dein Urteil, schwankend, niemals fest;
Der ist ein Narr, wer sich auf dich verläßt.
(V. 995ff.)

Die Erzählung des Kaufmanns schildert eine missglückte Ehe zwischen einem Greis und einer jungen Frau. Dessen Predigten über die Tugenden der Ehe stehen in krassem Gegensatz zu seinem Verhalten, was erzähltechnisch raffiniert durchgeführt ist. Das Eingreifen Plutos und Proserpinas fügt auch noch eine mythologische Ebene hinzu. Kurz die kunstvollste Geschichte seit der des Ritters.

Für die märchenhafte Erzählung von Knappen gibt es laut Martin Lehnert kein bekanntes Vorbild, auch wenn ein solches anzunehmen sei. Aufgefallen ist mir der Versuch, den Zauberspiegel rational zu erklären:

Drauf meint ein anderer, ganz natürlich gehe
Das zu, nur durch die Winkelkonstruktion
Und klug berechnete Reflexion,
Genau so einer sei in Rom zu sehen.
[V. 363ff.]

Was man nicht kennt, könne magisch wirken:
So wundert mancher sich beim Donner sehr,
Bei Nebel, Spinngewebe, Ebbe, Flut,
Bis er den Grund erfährt, dann ist es gut.
[V. 256ff.]

Hübsch gesagt, nur im Märchenkontext eigentlich sehr unpassend.
Die Erzählung des Gutsbesitzers strotzt nun wieder mit Didaktik und steht in einem auffälligen Kontrast zu den früheren negativen Ehegeschichten. Hier wird dem Leser nach gerade ein Musterbeispiel ehelicher Tugend vorgeführt, samt happy end. Ansprechend allerdings, dass Gott der Konfusion bezichtigt wird:

Ewiger Gott, der du mit Vorbedacht
Die Welt uns lenkst durch deine große Macht,
Unnützerweise schufst du nichts am Ende.
Doch diese grausig schwarzen Felsenwände
Sind wohl Gebilde der Verwirrung nur,
Kein schönes Werk, an welchem wir die Spur
Von deiner weisen Schöpferhand gewahren,
Wie konntest du so unbedacht verfahren? [...]
[V. 865ff.]

Die Erzählung des Arztes variiert das beliebte Motiv “Jungfrau-tötet-sich-selbst-heroisch-um-Ehre-zu-retten”, was natürlich dazu führt, dass die Bösen bestraft werden.
In erfrischender Offenheit berichtet der Ablasskrämer von seinem Geschäft:

Mein ganzes Streben ist zu profitieren,
Nicht etwa, Sünden zu korrigieren.
[V. 404f.]

Sein erzähltes Exemplum fand ich frischer zu lesen als einige andere des Buches, was vermutlich an den Protagonisten liegt. Als kleinen Vorgeschmack auf die Suada der Priorin schon hier ein antisemitischer Seitenhieb:

Sie rissen Christi heiligen Leib in Fetzen
– Als ob ihn Juden nicht genug zerissen -
[V. 474f.]

Mehr als Schwank denn als erbauliches Exemplum angelegt ist die Erzählung des Schiffsherrn rund um einen gerissenen lebenslustigen Mönch, der sich durch raffinierten “cash flow” einen Gratisbeischlaf bei der Gattin seines Freundes verschafft.

Schließlich die Erzählung der Priorin, die – passenderweise muss man sagen – eine klassische antisemitische Geschichte erzählt. Ein siebenjähriger Junge wird wegen seiner Marienverehrung heimtückisch ermordert. Vorwürfe dieser Art lösten immer wieder Pogrome aus:

Unser Erzfeind, Schlange Satanas,
Ihr Wespennest ist in der Juden Brust [...]
[V. 558]

Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (Insel)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Kindlers Literaturlexikon

Der Kindler ist das umfangreichste deutschsprachige Lexikon der Weltliteratur, dessen dritte und vorläufig letzte Auflage 2009 erschienen ist. Wem die 2400 Euro damals zu teuer waren, der bekommt die 18 Bände jetzt in einer Sonderausgabe für 999 Euro.

Abaelard und Heloise: Liebesbriefe

Die Kultur- und Geistesgeschichtsschreibung greift gerne auf Vereinfachungen zurück. So liest man in vielen Büchern von der Rückkehr des Individuums in der Renaissance. Wer daran zweifelt, dass es auch im Mittelalter ausgeprägte Individualisten gegeben hat, kennt Peter Abaelard (1079-1142) noch nicht. Selbstverständlich war er im mittelalterlich-theologischen Weltbild verhaftet, aber er hatte keine Angst, diesen Rahmen zu sprengen. Das trug ihm eine Verurteilung durch das Konzil in Sens 1140 ein, welches seine Widersacher anstrengten. Abaelards polemischer Skeptizismus war für diese Zeit sehr ungewöhnlich. Sein wichtigster philosophischer Beitrag war jedoch die Widerlegung des naiven ontologischen Realismus, der in der Frühscholastik des 11. Jahrhunderts tonangebend war. Abaelard wies so erbarmungslos auf dessen absurde logische Konsequenzen hin, dass er diese Position bis zum Ende des Mittelalters diskreditierte. Ob er allerdings der radikale Nominalist war, zu dem ihn viele Philosophiehistoriker stilisieren, ist bis heute offen. Es ist nämlich ein Fehlschluss, von seiner Ablehnung des Ultrarealismus auf seine Position eines radikalen Nominalismus zu schließen, da er selbst wenig darüber schrieb.

Diesen bedeutenden Beitrag zum Universalienproblem würdigen die wenigen Philosophiehistoriker, die sich für diese Dinge interessieren. Weltberühmt wurde Abaelard in der Bücherwelt dagegen durch seine bis heute bekannte Liebesgeschichte mit seiner Schülerin Heloise, wo sich sein Nachhilfeunterricht schnell auf Sex spezialisierte. Die Folgen sind bekannt: Der Onkel der Heloise organisierte eine erfolgreiche Strafkastration und die beiden kamen bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr voneinander los.

Wir wissen das und vieles mehr aus Abaelards Historia Calamitatum, welche auch die Neuübersetzung der Liebesbriefe durch Hans-Wolfgang Krautz einleitet. In dieser Autobiographie in Briefform, die in der Tradition Senecas als Trostbrief an einen Freund konzipiert ist, bekommen wir einen ungeschönten Bericht über Abaelards Leben. Von den Universitätsintrigen bis zum Liebesspiel mit Heloise. Diesem ersten Brief folgen noch vier weitere, je zwei von Heloise an Abaelard und dessen Antworten. Man wird Zeuge einer erstaunlichen sexuellen Leidenschaft, die groteskerweise mit ausführlichen theologischen Überlegungen eingenebelt wird. Die drei restlichen Briefe, Nummer fünf bis acht, sind in der neuen Manesse-Ausgabe nicht abgedruckt, weil sie sich fast nur mit Theologie beschäftigen.

Abaelard und Heloise: Liebesbriefe. (Manesse)

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men

Das zentrale Ereignis des Buches ist der CIA-Putsch gegen die iranische Regierung des Mohammed Mossadegh’ im Jahr 1953. Der konkrete Ablauf der Ereignisse liest sich spannend wie ein Thriller. Kinzer gelingt aber weit mehr als eine gut geschriebene Schilderung historischer Tatsachen. Er stellt einen überzeugenden Konnex zwischen der Kolonialgeschichte des Iran und den aktuellen Ereignissen im Mittleren Osten her. Die Geschichte der US-Interventionen in dieser Weltgegend führen ja tatsächlich von einem Desaster zum nächsten. Legte der CIA-Putsch eine Grundlage für die spätere sogenannte “islamische Revolution”, so war die letzte Intervention im Irak ein wichtiger Katalysator für die aktuelle Katastrophe dort.

Eine Schlüsselrolle für die iranische Unzufriedenheit spielte die arrogante und inhumane britische Kolonialpolitik, die selbst bei der amerikanischen Politik damals auf immer größeres Unverständnis stieß. Was die Anglo-Persian Oil Company damals im Iran aufführte, war eine prototypische kolonialistische Schmierenkomödie.

Vom Genre her ist All the Shah’s Men ein ebenso gut recherchiertes wie gut geschriebenes Sachbuch, das auch vor Polemik nicht zurückschreckt. Nichts also für Leser, die ausschließlich ausgewogene akademische Kost bevorzugen. Für alle anderen eine klare Leseempfehlung.

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror (Wiley)

Gelesen im Juli

Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court

Die Lektüre dieses legendären Romans von Mark Twain lässt mich zweifelnd zurück. Er hat viele starke Seiten, ist aber im Vergleich etwa zu den subtilen narrativen Strategien eines Huckleberry Finn mit der Brechstange geschrieben. Der Kern der Handlung ist schnell erzählt: Ein Ingenieur des 19. Jahrhunderts, Hank Morgan, wird wundersam ins 6. Jahrhundert an den Hof und in die Welt des König Arthurs transferiert. Es gelingt ihm dort dank seines Zukunftswissens schnell eine zentrale Machtfigur zu werden und sich als mächtiger Zauberer zu etablieren, sehr zum Ärger Merlins. Morgan erwirbt sich einen passenden Ritternamen: The Boss.

Twains rhetorisch brillante Empörung über die politischen und wirtschaftlichen Zustände des frühen Mittelalters gehören zum Besten des Buches. Er fällt über Adel und Kirche her wie eine republikanische Furie und verteidigt deshalb auch die Französische Revolution:

There were two “Reigns of Terror”, if we would but remember it and consider it; the one wrought murder in hot passion, the other in cold blood; the one lasted mere months, the other had lasted a thousand years; the one inflicted death upon ten thousand persons, the other upon hundred millions; but our shudder are all for the “horrors” of the minor Terror, the momentary Terror, so to speak; whereas, what is the horror of swift death by the axe, compared with lifelong death from hunger, cold, insult, cruelty, and heart-break? What is the swift death by lightning compared with the death by slow fire at the stake?

I will say this much for the nobility: that, tyrannical, murderous, rapacious, and morally rotten as they were, they were deeply and enthusiastically religious.

In diesem kämpferischen und aufklärerischen Geist ist der gesamte Roman geschrieben: Als Gegenbild eines republikanischen Amerikas. Nun ist Hank Morgan natürlich nicht mit Mark Twain identisch, und ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Twain auch sein implizites Amerikabild satirisch überhöht, und damit eine zusätzliche, nicht offensichtliche kritische Ebene dazu kommt. Das Massaker mit Maschinengewehren an zehntausenden Rittern am Ende spricht ebenfalls für sich. Das ändert aber nichts daran, dass sich A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court auch als Hymne auf das neue Amerika in Abgrenzung gegen das feudalistische Europa liest und entsprechend rezipiert wurde.

Zu dieser historisch-politischen Dimension kommt noch eine literaturgeschichtliche: Das Werk ist auch eine beißende Satire auf die romantisch-abenteuerlichen Ritterromane von Walter Scott und deren Nachfolger. Abfällige Äußerungen Mark Twains zu diesem Genre sind überliefert, derer es angesichts des beißenden Spotts in diesem “historischen” Roman aber gar nicht bedürfte. Hochkomisch etwa, wenn Hank Morgan erstmals in seiner Ritterrüstung auf Reisen geht und die unerträgliche Unbequemlichkeit derselben ausführlich beschreibt. Dieses Konzept ist freilich nicht neu und hat mit dem Don Quijote einen der besten Romane der Weltliteratur hervor gebracht.

Mark Twains ästhetische Strategie besteht darin, den Realismus des 19. Jahrhunderts als Kontrastfolie zum Aberglauben des Frühmittelalters zu verwenden, und zwar sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Andererseits konterkariert Twain diesen Realismus dadurch, dass er das England des sechsten Jahrhunderts in einigen Jahren bereits “amerikanisiert” (Fabriken! Telefone!), was in diesem kurzen Zeitraum natürlich unmöglich gewesen wäre.

Als politisch-historische Polemik und als literaturgeschichtliche Satire kann ich den Roman gelten lassen. Für ein literarisches Meisterwerk fehlt ihm die narrative Raffinesse und die notwendige ästhetische Subtilität.

Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court (Kindle)

Monika Gronke: Geschichte Irans

Für mich sind die kleinen Bücher aus der Reihe C.H. Beck Wissen gute Reisebegleiter. Zu dem Zweck erwarb und las ich auch diese Einführung in die Geschichte des Iran. Monika Gronke ist Orientalistin an der Universität Köln und hat sich als Landesspezialisten einen guten Ruf erschrieben. Ihre Darstellung setzt mit Mohammed und der Islamisierung ein und geht bis in die Gegenwart. Mit der Zeit davor beschäftigt sich Das frühe Persien.
Gronke packt viel in wenige Seiten und gibt einen soliden Überblick über die komplexe Geschichte des Landes. Besonders hervorheben möchte ich ihre anschauliche Darstellung der Abspaltung der Schiiten. Sie beschreibt ausführlich die historischen Hintergründe dieser verhängnisvollen Entwicklung. Was sich gerade im Irak abspielt, kann man nur verstehen, wenn man den historischen Kontext dazu kennt.

Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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