[Notiz der Woche] Reise-Notizen: Kärnten

September 2012

Kärnten ist Österreichs lustigstes Bundesland. Eine erstklassige Parodie. Wo fängt man an? Bei der Landeshauptstadt Klagenfurt, die als einzige Provinzhauptstadt der Welt keine Stadtbibliothek besitzt? Bei der korrupten Politikerklasse, die das Land wie zu Feudalzeiten als Selbstbedienungsladen versteht? Bei der Bevölkerung, die viele Jahre Jörg Haider als Landeshauptmann (wie die Ministerpräsidenten in Österreich heißen) wählte und vergötterte? Selbst heute gibt es noch Haider-Gedenkstätten, obwohl es inzwischen selbst kognitiv Benachteiligten klar sein sollte, wie sehr der Mann dem Land schadete.

Kurz: Ein hoch interessantes Reiseziel.

Ich quartiere mich direkt am Wörthersee ein und fahre eine Woche bei strahlendem Sonnenschein kreuz und quer durch das Bundesland. Der Kontrast zwischen den unzähligen malerischen Seen, der erhabenen Berglandschaft und dem geistigen Zustand des Landes könnte kaum größer sein. Unterwegs fragt man sich ständig, kann es wirklich so schlimm sein? Viele Dinge fallen auf. So empfehle ich dringend, ein besonderes Augenmerk auf die Kriegerdenkmäler in Kärnten zu richten. Symbolisches Pathos, wohin man blickt. Poetische Höhepunkte eingeschlossen: “Mehr als unser Leben / konnten wir nicht geben” (“Künstlerstadt” Gmünd) sei im Land der Ingeborg Bachmann hervorgehoben. Schließlich der Mann an der Kasse im Stiftsmuseum in Millstatt. “In dreißig Jahren wird ganz Österreich islamisch sein” doziert er der Dame an der Kasse. Wien sei bereits zu 95% islamisch, doch, doch, das habe ihm ein Geistlicher kürzlich bestätigt. Worauf die Kassendame trocken erwidert: “Alles ändert sich. Das stört ich mich nicht.”

Kulturell hat Kärnten einiges zu bieten. Eine meiner ersten Wege am Wörthersee führt mich selbstverständlich zum Mahler Komponierhäusl, wo ich den Wächter von seinem kleinen Nickerchen aufschrecke. Mahlers Naturenthusiasmus fand in der Wörtherseeidylle natürlich jede Menge Futter. Nach der Zahl der Gäste befragt, meint er, dass nur noch wenige Menschen Mahlers Werkstatt aufsuchen. Einheimische so gut wie nie, aber ab und zu kämen musikinteressierte Touristen wie ich.

Die größte Überraschung war das in der Pampa gelegene Museum Liaunig. Der Gegend angemessen würde man ein Folklore- oder ein Bauernmuseum erwarten. In Wahrheit handelt es sich um eines der geschmackvollsten Museen für moderne Kunst, die ich bisher sah. Der Industrielle Herbert W. Liaunig trug Zeit seines Lebens eine exquisite Sammlung zusammen. Schwerpunkt ist die österreichische Kunst seit 1950, aber es gibt auch viele herausragende internationale Stücke. Für diesen Kunstschatz ließ er – in Sichtweite seines Wohnschlosses – ein Museum in einen Hügel bauen. Die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden jährlich wechselnd mit Themenausstellungen bespielt. Zugänglich ausschließlich per Führung. Die Ausstellungshalle ist lichtdurchflutet und erinnert an eine riesige Industriehalle, was architektonisch ausgezeichnet zur modernen Kunst passt. Die Qualität und die hochwertige Präsentation ist so gut gelungen, dass das Wiener MUMOK dagegen wie ein Provinzhaus wirkt.

Der zweite kulturelle Höhepunkt der Reise ist das archäologische Museum in Globasnitz an der slowenischen Grenze, das sich sowohl mit dem ostgotischen Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit in der Nähe beschäftigt als auch mit der über dem Ort gelegenen Kultstätte Hemmaberg. Das kleine Museum ist anschaulich gestaltet, besitzt exquisitere Mosaiken als manche großen Häuser und ist deshalb unbedingt einen Besuch wert. Das gilt auch für die Ausgrabungen am Hemmaberg, ein früher Pilgerort mit gut erhaltenen Resten. Vieles wurde inzwischen allerdings so restauriert, dass man die Restauration nicht vom Vorgefundenen unterscheiden kann. Das ist alles andere als “state-of-art” in der Archäologie und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist.

Wer sich für Archäologie interessiert, sollte auf keinen Fall den Magdalensberg auslassen. Das drei Hektar große Freiluftmuseum gibt nicht nur viele Einblicke in eine kleine römische Handelsstadt um die Zeitenwende, mit Fokus auf die damalige Eisenproduktion, sondern ebenfalls einen grandiosen Ausblick auf das Zollfeld.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Leviathan

Filmcasino 14.3. 2015

Russland 2015

Regie: Andrey Zvyagintsev

Dutzende gut recherchierte Zeitungsartikel könnten einem keinen besseren Eindruck über Putins Russland geben als dieser großartige Film. Die Familie einer russischen Provinzstadt kämpft gegen einen korrupten Bürgermeister, dem die ganze Prominenz hörig ist, und der ihr Haus enteignen will. Der Vertreter der orthodoxen Kirche spielt dabei ebenfalls eine unrühmliche Rolle. Die Empörung des offiziellen Russland über den Film ist entsprechend groß. Gezeigt wird nicht nur die Willkür einer Diktatur, sondern auch die deprimierende Wirkung derselben auf die Menschen, die ihre Verzweiflung in Wodka zu ersäufen versuchen. Auch die Opfer werden deshalb schnell zu Tätern: Die fiktionale Welt ist so komplex wie die Wirklichkeit. Die existenzielle Dimension des Leviathan schließt nahtlos an die Tradition der russischen Hochkultur an. Die Linie von Dostojewski über Schostakowitisch bis hin zu Tarkowski ist deutlich zu erkennen. Das gilt auch für die Filmästhetik: Viele Szenen wurden in der Dämmerung gedreht, was zu einer packenden Lichtstimmung führt. Zvyagintsev findet jede Menge fantastischer Kinobilder. Ein deprimierendes Meisterwerk und ein starkes Lebenszeichen des anderen Russland.

Lady Macbeth von Mzensk

Wiener Staatsoper 11.3. 2015

Dirigent: Ingo Metzmacher
Inszenierung: Matthias Hartmann
Boris Ismailow: Kurt Rydl
Sinowi Ismailow: Marian Talaba
Katerina Ismailowa: Angela Denoke

Wie schade es ist, dass die Wiener Staatsoper nicht öfters Opern aus dem 20. Jahrhundert spielt, belegt dieser makellose Abend. Das Staatsopernorchester spielte Schostakowitschs Musik als säßen sie als Wiener Philharmoniker in einem ihrer Orchesterkonzerte. Auch vokal gab es keine Schwachstelle: Vom furios stimmgewaltigen Kurt Rydl über den klar phrasierenden Marian Talaba zur ausdrucksstarken Angela Denoke.

1934 in Leningrad aufgeführt schildert sie die aus niedrigen Instinkten begangene Mordserie einer reichen, frustrierten Kaufmannsgattin. Das war oberflächlich politisch korrekt, da eine unmoralische Kapitalistin vorgeführt wird, und es sich vorsichtshalber um die Vertonung einer klassischen russischen Novelle handelt. Der Bezug zu Stalins Russland und seinen irrationalen Tötungen lag aber für alle deutlich sichtbar gleich unter dieser Oberfläche. Die musikalischen Sexszenen zeigen ebenfalls in den Mut Schostakowitsch’.

Die Geschehnisse in Leskovs Novelle sind allerdings noch grausamer als im Libretto. So wird in der Oper der Mord an einem Kind ausgespart. Angesichts der Zeitläufte ist Lady Macbeth von Mzensk so aktuell wie damals in den Dreißigern.

Gelesen im Januar und Februar

Chou Ta-kuan: Sitten in Kambodscha: Über das Leben in Angkor im 13. Jahrhundert

Die Kultur Angkors ist aus zwei Gründen schwierig zu rekonstruieren. Im tropischen Klima überlebten nur die berühmten Steintempel. Die meisten anderen Gebäude waren aus Holz und sind ebenso schnell verwest wie andere Alltagsgegenstände, die uns Aufschluss gegen könnten. Zweitens ist kaum etwas Schriftliches überliefert. Die einzige Ausnahme ist dieser prägnante Bericht eines chinesischen Handlungsreisenden, der sich am Ende des 13. Jahrhunderts etwa ein Jahr dort aufhielt und seine Beobachtungen zu Papier brachte: Knapp 60 Buchseiten. Wer sich mit Angkor beschäftigt, kommt also um Chou Ta-kuan nicht herum. Um einen Eindruck zu geben, hier seine Beschreibung des Badens:

Kambodscha ist ein außerordentlich heißes Land, und es ist unmöglich, durch den Tag zu kommen, ohne sich mehrere Male zu baden. Sogar nachts sind, ein, zwei Bäder Pflicht. Es gibt keine Badehäuser, keine Becken, keine Kübel; jede Familie hat aber einen Teich. Manchmal teilen sich mehrere Familien einen. Männer und Frauen gehen nackt dort hinein; wenn jedoch Eltern oder ältere Personen baden, bleiben die jüngeren draußen. Wenn umgekehrt letztere im Teich sind, warten die Älteren außerhalb. Wenn alle Badenden gleichalt sind, vernachlässigen sie diese Zeremonie; die Frauen verdecken ihr Geschlecht mit der linken Hand, wenn sie das Wasser betreten. So einfach ist das!

Die zweite Quelle über den Alltag in Angkor liefern viele Tempelreliefs.

Implizit lernt man auch die arrogante Weltsicht der damaligen chinesischen Elite kennen. Für sie waren die Kambodschaner selbstverständlich nur Barbaren.

Chou Ta-kuan: Sitten in Kambodscha: Über das Leben in Angkor im 13. Jahrhundert (Angkor Verlag)

ISIS und der Islam

Oft hört man dieser Tage die naive Behauptung, ISIS hätte nichts mit dem Islam zu tun, obwohl die Protagonisten sich wörtlich auf den Koran beziehen und die religiös Verantwortlichen eine Ausbildung in islamischer Theologie haben. The Atlantic, eine linksliberale Zeitschrift wohlgemerkt, räumt in ihrer aktuellen Titelgeschichte mit diesem Unfug auf. Graeme Woods umfangreiche und gut recherchierte Analyse What ISIS Really Wants gehört zum Besten, was bisher über ISIS publiziert wurde:

The reality is that the Islamic State is Islamic. Very Islamic. Yes, it has attracted psychopaths and adventure seekers, drawn largely from the disaffected populations of the Middle East and Europe. But the religion preached by its most ardent followers derives from coherent and even learned interpretations of Islam.

Virtually every major decision and law promulgated by the Islamic State adheres to what it calls, in its press and pronouncements, and on its billboards, license plates, stationery, and coins, “the Prophetic methodology,” which means following the prophecy and example of Muhammad, in punctilious detail. Muslims can reject the Islamic State; nearly all do. But pretending that it isn’t actually a religious, millenarian group, with theology that must be understood to be combatted, has already led the United States to underestimate it and back foolish schemes to counter it. We’ll need to get acquainted with the Islamic State’s intellectual genealogy if we are to react in a way that will not strengthen it, but instead help it self-immolate in its own excessive zeal.

(…)

Centuries have passed since the wars of religion ceased in Europe, and since men stopped dying in large numbers because of arcane theological disputes. Hence, perhaps, the incredulity and denial with which Westerners have greeted news of the theology and practices of the Islamic State. Many refuse to believe that this group is as devout as it claims to be, or as backward-looking or apocalyptic as its actions and statements suggest.

Their skepticism is comprehensible. In the past, Westerners who accused Muslims of blindly following ancient scriptures came to deserved grief from academics—notably the late Edward Said—who pointed out that calling Muslims “ancient” was usually just another way to denigrate them. Look instead, these scholars urged, to the conditions in which these ideologies arose—the bad governance, the shifting social mores, the humiliation of living in lands valued only for their oil.

Bestattungsmuseum Wien

Zentralfriedhof 28.1. 2015

Schon bevor das Bestattungsmuseum in das Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2 umzog, zählte es zu meinen Lieblingsmuseen in Wien. Vorher war es im Bürogebäude der Bestattungen Wien untergebracht und ausschließlich mit Führung zugänglich. Jetzt kann man es sich – wie ein normales Museum – auch in Ruhe alleine ansehen. Die Aufbahrungshalle 2 liegt im Zentralfriedhof und damit gibt es seit wenigen Monaten für Einheimische wie Besucher so eine Art “All-you-can-eat-Bundle” in Sachen Wiener Morbidität.

Die Schau ist mit 300 Quadratmetern und 250 Exponaten nicht groß, gibt aber trotzdem einen guten Überblick über die Wiener Begräbniskultur. Die dreißig Stationen sind thematisch angeordnet, und der Audioguide erläutert nicht nur ausführlich den Kontext, sondern lässt auch einheimische Morbiditätsexperten zu Wort kommen. Hübsch sind auch Details wie die Möglichkeit, die zehn beliebtesten Musikstücke anzuhören, die bei Begräbnissen am Zentralfriedhof gespielt werden.

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis

Akademietheater 19.4. 2015

Regie und Bühne: Dusan David Parizek

mit
Catrin Striebeck
Stefanie Reinsperger
Dorothee Hartinger
Frida-Lovisa Hamann

Lotz’ letztes Drama in Wien, Nachrichten aus dem All sah ich leider nicht. Die positive Kritik kann ich nun aber indirekt nachvollziehen, denn Die lächerliche Finsternis ist ein gelungenes Stück Gegenwartsdramatik. Lotz’ Theatertext geht völlig eigenständige Wege, indem er Gegenwartsbezug & Groteske, Sarkasmus & Surrealismus originell verknüpft und das Ganze noch in den Kontext eines Klassikers stellt: Joseph Conrads Heart of Darkness.

Zwei deutsche Soldaten sind surrealerweise auf dem Fluss (sic!) Hindukusch in den Regenwäldern Afghanistans unterwegs, um einen durchgeknallten Kollegen zu eliminieren. Der Weg dorthin ist mit diversen abstrusen Szenen angereichert. Am Beginn des Abends erzählt ein somalischer Pirat vor dem Hamburger Landgericht noch seine Lebensgeschichte – in breitem Wienerisch. Das ist einerseits hoch komisch, regt andererseits durch den Verfremdungseffekt aber auch zum Nachdenken an.

Furiose Verwandlungskünstlerinnen und sind die vier Schauspielerinnen des Abends, welche sich nicht nur alle Rollen teilen, sondern auch noch die notwendigen Geräusche produzieren.

Erich Follath: Die Kinder der Killing Fields

Auf der Suche nach Büchern zur Vorbereitung meiner Studienreise, bekam ich dieses umfangreiche Buch von Erich Follath empfohlen. Untertitel: Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies. Ihm gelingt es ein ebenso ausführliches wie spannendes Porträt des Landes zu zeichnen, in dem er sich ihm inhaltlich und formal abwechselnd von unterschiedlichen Seiten annähert. Follath setzt fast alle Mittel des schreibenden Journalisten ein, von der abenteuerlichen Reisereportage über intensive Recherchen in Neuland bis hin zu ausführlichen Gesprächen mit Schlüsselfiguren. Einige davon sind prominente Völkermörder der Roten Khmer: Eine stellenweise bedrückende Lektüre. Es fehlt aber auch weder die kambodschanische Mythologie noch die Geschichte Angkors. Was wie eine willkürliche Aneinanderreihung von Themen klingt, funktioniert, weil Follath diese Schwerpunkte jeweils in eigene, ausführliche Kapitel kapselt.

Einer der Höhepunkte des Buches ist der Besuch bei dem französischen Starjuristen Jacques Vèrges, dessen diabolische Marketingfähigkeiten und dessen derangiertes Weltbild Follath dem Leser durch seine Schilderung vor Augen stellt.

Erich Follath Die Kinder der Killing Fields. Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies (Spiegel Buchverlag)

Birdman

Filmcasino 6.2. 2015

USA 2014
Regie: Alejandro G. Iñárritu

Werke, die sich gegen Schubladen sperren, sind mir prinzipiell sympathisch. Birdman fällt in diese Kategorie: Eine Komödie, die sich kritisch mit Hollywood auseinandersetzt und fast ausschließlich an einem Broadway-Theater spielt? Michael Keaton spielt Riggan Thomson, einem abgehalferten Actionhelden, der durch seine Verkörperung des Birdman reich und berühmt wurde und jetzt arm und vergessen sein Comeback mit einem Theaterstück von Raymond Carver versucht, in dem sowohl mitspielt als auch Regie führt. Der Film zeichnet sich durch gute Dialoge und intelligente Figuren aus. Die ironische Brechung des populären Superhelden-Genres war auch lange überfällig.

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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