[Notiz der Woche] Moderne? Modernismus? Postmoderne?

Peter V. Zima bringt Licht ins Dunkel der aktuellen Theorienlandschaft [1998]

Für viele Literaturinteressierte ist der Begriff „Postmoderne“ längst ein Reizwort, das durch inflationären Gebrauch beinahe bedeutungsleer geworden ist. Aber nur wenige Theoretiker scheinen sich dadurch gestört zu fühlen: In philosophischen, soziologischen und literaturtheoretischen Debatten spielt das Postmoderne-Konzept mangels Alternativen nach wie vor eine wichtige Rolle. Kluge Veröffentlichungen zum Thema erleichtern diese theoretische Zwangsgemeinschaft, eine davon soll im folgenden vorgestellt werden.

Peter V. Zima, Vorstand des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Klagenfurt, publiziert in beeindruckender Regelmäßigkeit Studien, die als Standardwerke bezeichnet werden müssen. Nach Literarischer Ästhetik (1991) und Die Dekonstruktion (1994) ist nun Moderne/Postmoderne erschienen. Der Hauptvorzug liegt bei allen drei Bänden in der Kombination einer sehr differenzierten Analyse mit einer klaren Darstellungsweise. Angesichts der unnötigen Dunkelheit vieler literaturtheoretischer Publikationen, kann der hohe Grad an Lesbarkeit gar nicht genug hervorgehoben werden. Gilt doch in manchen Theoretiker-Zirkeln eine große Zahl an dunklen Metaphern bereits als Qualitätsnachweis, als ob stilistische Extravaganzen analytische Schärfe ersetzen könnten.

Die monographische Behandlung eines so komplexen Themas wie „Moderne/Postmoderne“ ist ein gewagtes Unterfangen, denn es gilt eine Vielfalt von Problemfeldern zu berücksichtigen. Den wichtigsten von ihnen sind denn auch fünf Kapitel der Studie gewidmet, im sechsten skizziert Zima eine eigene Theorie. Am Beginn steht zu Recht die Frage nach der Bestimmung der relevanten Begriffe, werden doch „Moderne“, „Modernismus“ und „Postmoderne“ von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich verwendet. Während in der Soziologie „Moderne“ sehr oft synonym für „Neuzeit“ gebraucht wird, bezeichnet er auf literarischem Gebiet eine ästhetische Konzeption, die (trotz Vorläufern im vorigen Jahrhundert) erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Blüte stand. Deshalb schlägt Zima für den literarischen Bereich den Begriff „Modernismus“ vor, um Verwechslungen auszuschließen.

Umsichtig nimmt der Klagenfurter Literaturwissenschaftler mögliche Kritik vorweg, indem er seine Darstellung explizit als modifizierbare Konstruktionen begreift. Als Ausgangspunkt seiner Analyse dient ihm die These, daß Moderne, Modernismus und Postmoderne mit formalen und ästhetischen Kategorien allein nicht zu erfassen sind, dazu müsse auch der sprachliche, gesellschaftliche und soziologische Kontext berücksichtigt werden. Die Richtigkeit dieser Hypothese bestätigt sich im Verlauf der Untersuchung: Alle einschlägigen Publikationen, die ausschließlich mit formal-ästhetischen Kriterien arbeiten, beziehen sich jeweils nur auf einen Ausschnitt der literarischen Moderne und ignorieren Autoren, die sich nicht in die jeweilige Theorie einpassen lassen. Wie sollte man auch die Werke von Thomas Mann, Kafka, Joyce und Gide und anderen auf einen ästhetischen Nenner bringen? Bezöge man noch die diversen Avantgarden wie Futurismus und Dadaismus mit ein, wäre das Unterfangen gänzlich aussichtslos.

Angesichts dieser Problemlage widmet sich Zima zuerst soziologischen und philosophischen Fragestellungen. Die Antworten der Soziologen fallen erwartungsgemäß höchst unterschiedlich aus. Neben anderen werden einschlägige Publikationen von Ulrich Beck, Zygmunt Bauman, Alain Touraine und Anthony Giddens ebenso besprochen wie Bücher ökofeministischer, marxistischer und konservativer Provenienz. Dabei gelingt Zima stets eine sachliche Rekonstruktion der Theorien, ohne daß er deshalb auf kritische Argumente verzichten müßte.

Diese bewährte Darstellungsweise wendet der Literaturwissenschafter dann auch im Kapitel über postmoderne Philosophien an: Die Ansichten Foucaults, Deleuzes, Vattimos, Rortys und – selbstverständlich – Derridas werden prägnant analysiert. Habermas‘ Kommunikationstheorie wird als universalistische Kontrastfolie für Lyotards extremen Partikularismus verwendet.

Nachdem der theoretische Kontext nun detailliert beschrieben wurde, wendet sich Zima der literaturwissenschaftlichen Debatte zu. Er schlägt folgendes literaturgeschichtliche Modell vor: Während in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts Ambiguitäten zwischen Schein und Sein, Gut und Böse usw. noch aufgelöst werden konnten, wandeln sie sich im Modernismus zu Ambivalenzen, die unaufgelöst nebeneinander bestehen bleiben. In der Postmoderne wird die Ambivalenz durch die Indifferenz abgelöst: Werte werden beliebig austauschbar. Zima macht diese Sichtweise überwiegend an Beispielen österreichischer Literatur plausibel, etwa indem er Musils Drama „Die Schwärmer“ Werner Schwabs „Mesalliance“ gegenüberstellt. Ein Ergebnis sind zwei nützliche Kataloge, welche typische Stilbegriffe und damit verbundene philosophische Probleme für den Modernismus und die Postmoderne zusammenfassen und die auch literaturtheoretischen Laien einen schnellen Überblick erlauben.

Welchen Standpunkt nimmt nun Zima selbst in den heftig tobenden theoretischen Grundsatzdebatten ein? Er macht kein Geheimnis daraus, daß er in der Tradition der Frankfurter Schule steht. Diese teilweise unkritische Übernahme der Kritischen Theorie fordert zur Kritik heraus, etwa wenn er sich an mehreren Stellen auf Adornos und Horkheimers Theorie der Aufklärung beruft, ohne den fragwürdigen Aufklärungsbegriff der beiden zu thematisieren. Trotzdem wäre es unfair, Zima eine ideologische Haltung zu unterstellen, ist doch die Vermeidung ideologischer Fallstricke eines seiner Hauptanliegen. So fordert er im letzten Kapitel seines Buches eine dialogische Auseinandersetzung der unterschiedlichen theoretischen Lager, die jeweils monologisch ihre Positionen wiederholten: „Das Gehäuse des Monologs kann noch am ehesten durch interdiskursiven Dialog, durch interdiskursive Kritik aufgebrochen werden: d.h. durch eine Auseinandersetzung zwischen ideologische und theoretisch heterogenen Soziolekten und ihren Diskursen.“ (S. 384)

Die Sympathie, die man diesem Vorschlag spontan entgegenbringt, darf aber über dessen Schwächen nicht hinwegtäuschen. Diese Gleichberechtigung der Diskurse setzt nämlich einen radikalen Konstruktivismus voraus: jeder Diskurs konstruiere eine jeweils eigenständige Wirklichkeit und sei deshalb gleichberechtigt mit allen anderen. Bezieht man sich dabei nur auf kognitive Prozesse, ist diese Feststellung banal. Zima scheint jedoch einen ontologischen Konstruktivismus zu befürworten, denn ohne diesen machte seine These von der Gleichberechtigung der Diskurse wenig Sinn. Das aber ist eine so starke und fragwürdige theoretische Grundannahme, daß es wenig aussichtsreich erscheint, daß sie von den Vertretern der unterschiedlichen Positionen als gemeinsame Basis akzeptiert werden könnte.

Doch auch wenn man Zimas anregende Lösungsvorschläge nicht ohne weiteres teilen mag: Sein Buch über „Moderne/Postmoderne“ gehört zu den besten, die im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema erschienen sind.

Peter V. Zima: Moderne/Postmoderne.. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen/Basel: A. Francke 1997 (=UTB 1967)

[© Christian Köllerer]

Privatbibliothek: Neuzugänge

Senor Kaplan

Filmcasino 21.8. 2015

UR,DE 2014
Regie: Álvaro Brechner

Meine erste Tragikomödie aus Uruguay! Jacob Kaplan blickt als alter Mann auf sein ereignisreiches Leben zurück, denn bereits als Kind musste er vor den Nazis nach Montevideo fliehen. Er will vor dem Tod noch eine historische Tat begehen. Als er einen vermeintlichen alten Nazi entdeckt plant er gemeinsam mit einem – sagen wir: vom Leben proletarisierten – jungen Bekannten dessen Entführung nach Israel: Methode Eichmann. Der Film findet den richtigen Ton zwischen Humor und existenziellen Fragen. Kein Jahrhundertfilm, aber gut investierte 100 Minuten.

Allgemeinbildung auf You Tube

Mich interessierte, wie seriös man sich auf You Tube inzwischen weiterbilden kann. Das Ergebnis ist im positiven Sinne überraschend: Es gibt jede Menge hochwertiger Videos – gute Englischkenntnisse einmal vorausgesetzt.

Da sind einerseits die großen angelsächsischen Universitäten, welche zahlreiche Vorlesungen ins Netz stellen. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist der Channel der Yale University: YaleCourses. Dort finden sich beispielsweise eine vierundzwanzigstündige Vorlesung über Don Quijote oder die Introduction to Ancient Greek History with Donald Kagan, nebst naturwissenschaftlichen und ökonomischen Angeboten.

Dann gibt es vorbildliche Initiativen, die sich die weltweite Allgemeinbildung auf die Fahnen schreiben. Am bekanntesten ist hier die Khan Academy. Hier wird Wissen auf einer Art elektronischer Tafel vermittelt. Neben Fotos, Grafiken und Karten wird hier „handschriftlich“ vorgegangen, was erstaunlich gut funktioniert. Die Spannweite reicht von Pre-Algebra bis hin zu Cosmology and Astronomy. Selbst für History funktioniert diese Didaktik erstaunlich gut.

Schließlich gibt es Angebote, die sich in erster Linie an junge Menschen richten, welche ja bekanntlich den Großteil der You-Tube-Zielgruppe ausmachen. Ein Beispiel dafür ist die von Alain de Botton mit gegründete School of Life. Ich finde zwar nicht alles dort überzeugend, weil mir bei den geistesgeschichtlichen Themen der Tenor oft zu unkritisch ist. Es gibt aber verblüffende Videos, die komplexe Zusammenhänge einfach verständlich machen. Etwa Capitalism aus der Reihe History of Ideas oder Why Some Countries Are Poor and Others Rich.
Sehr erfolgreich ist auch CrashCourse, die zwar immer wieder einmal auf zielgruppenspezifische Blödeleien setzen, aber in Sachen Wissensvermittlung eine hochwertige Arbeit leisten. Einen gutes Exemplar dafür ist Mansa Musa and Islam in Africa aus der Reihe World History.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, der kann mit den Intelligent You Tube Channels weitermachen.

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt

Mein Faible für englischsprachige kunsthistorische Bücher bestätigt sich einmal mehr: Gay Robins ausführlicher Überblick über die altägyptische Kunst ist hervorragend lesbar, obwohl sie oft ins Detail geht. Nach einer ausführlichen Einführung – Understanding ancient Egyptian art – geht sie chronologisch vor. Gay fängt mit der frühen dynastischen Epoche an und endet einige Jahrtausende später bei den Ptolemäern. Die vielen Abbildungen sind jeweils ausführlich erläutert. Zu den Klischees der Kunstgeschichtsschreibung gehört, dass die altägyptische Kunst ästhetisch immer völlig stabil geblieben sei. Es stimmt auch, dass man sie selbst als Laie sofort erkennt, auch wenn die Artefakte 3000 Jahre auseinander liegen. Trotzdem gab es – im größeren ästhetischen Rahmen – jede Menge Veränderungen. Das kann man anhand Gays Vorgehensweise ausgezeichnet nachvollziehen, weil sie immer wieder dieselben Themen (Grabbauten, Skulpturen…) in den unterschiedlichen Phasen behandelt. Bisher das beste Buch über ägyptische Kunst, das ich in Händen hielt.

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt. (The British Museum Press)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Eine Reise durch Vietnam und Kambodscha

Januar 2015

Ich versuche die Welt seit vielen Jahren einigermaßen systematisch zu bereisen: Der Fokus liegt auf den wichtigsten alten Kulturen. Eine bei Touristen sehr populäre Region fehlte mir bisher noch: Südostasien. In Hinblick auf mein Schwerpunktthema war bei der Planung klar: Eine ausführliche Besichtigung von Angkor muss der Höhepunkt dieser Studienreise sein.

Wie üblich bereite ich mich durch die Lektüre einiger sorgfältig ausgewählter Bücher vor, ergänzt durch viele Spielfilme und Dokumentationen. So düster wie dieses Mal waren diese Präliminarien allerdings selten. Speziell die Geschichte Kambodschas besteht aus einer Reihe von Katastrophen, deren letzte der von Pol Pot initiierte Massenmord war, dem beispielsweise das Buch von Erich Follath gewidmet ist. Aber auch die einschlägigen Filme wie The Killing Fields (1984) sind keine leichte Kost. Für Vietnam gilt dasselbe für den Krieg gegen die Amerikaner. Auf die Briefsammlung Dear America etwa wies ich bereits hin. Die vielen deprimierenden amerikanischen Antikriegsfilme wie The Deer Hunter (1978) oder Born on the 4th of July (1989) sind ja hinreichend berühmt und fallen auch nicht gerade in die Kategorie „Stimmungsaufheller“.

Als ich schließlich im Flugzeug nach Hanoi sitze überwiegt die Nachdenklichkeit. Das ändert sich aber schnell durch den ersten Spaziergang in der vietnamesischen Hauptstadt. Der geordnete Trubel auf den Straßen ist nicht so chaotisch wie in China oder Indien, erfordert für uns Europäer aber volle Konzentration. Wegen der exorbitanten Wohnungspreise spielt sich das Alltagsleben vor allem in der Altstadt überwiegend auf der Straße ab. Auch viele Garküchen platzieren ihre Gäste gerne auf niedlichen Plastikhockern direkt auf den Gehsteig. Hanoi ist eine sehr abwechslungsreiche Stadt: Im Vergleich zur engen Altstadt präsentieren sich die ehemaligen Kolonialviertel großzügig und gediegen, mit ihren in Gelb gehalten Prunkbauten, in denen die französische Kolonialverwaltung residierte. Der dritte urbane Faktor ist schließlich Ho Chi Min und die von ihm kommunistische inspirierte Architektur. Nicht zu vergessen: Das monumentale Mausoleum. Privat lebte er vergleichsweise bescheiden, wovon ich mich dank seines Wohnhauses selbst überzeugen kann. Sehr hübsch ist selbstverständlich auch der Konfuzius gewidmete Literaturtempel, den König Ly Thanh Tong ursprünglich im 11. Jahrhundert errichten ließ, und der das chinesisch konfuzianische Bildungsideal verklärt. Freilich zu einer Zeit, in der Europa diesen Enthusiasmus auch gut hätte vertragen können. Was die Museen angeht, ist das Historische Museum mit zahlreichen Exponaten aus der Frühgeschichte sehenswert. Je näher man an die Gegenwart kommt, desto ideologischer wird das ausgestellte Geschichtsbild. Das Ethnologische Museum ist unverzichtbar für das Verständnis Vietnams, besteht das Land doch – vor allem im Norden – aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ethnien. Ein Rundgang gibt einen guten Eindruck über deren unterschiedliche Kulturen und Bräuche. Beeindruckend auch der Freiluftteil mit Nachbauten von Wohnhäusern und Kultstätten. Eng eingerahmt werden sie von modernen Wohnbauten, so dass sich ein aussagekräftiger Kontrast zwischen Tradition und Moderne einstellt.

Nach der unvermeidlichen Bootsfahrt (Meeresfrüchtemenü!) bei seltenem Sonnenschein und perfekter Sicht der erste Inlandsflug nach Zentralvietnam und damit in die Nähe einiger der Hauptkriegsschauplätze des Vietnamkriegs. Im Fokus stehen bei einer Studienreise mit Kulturschwerpunkt aber andere Epochen: Die alte Handelsstadt Hoi An, deren Altstadt inzwischen so fest in den Händen der Touristen ist wie jene von Salzburg. Überraschenderweise lassen sich aber trotzdem noch Reste des ursprünglichen Charmes der am Fluss gelegenen Stadt erahnen.

Der erste archäologische Höhepunkt der Reise ist Cham-Tempelstadt My Son: Die ersten im Dschungel liegenden Tempel! Ein willkommener Vorgeschmack auf Angkor. Weiter geht es in die alte Kaiserstadt Hue, mit Zwischenstopp in einem hochkarätigen kleinen Museum, das den Cham gewidmet ist und damit diesen Kulturschwerpunkt abrundet.

Den einzigen Regentag der Reise erlebe ich in Hue, der alten Kaiserstadt, wo ich die beeindruckende labyrinthische Verbotene Stadt besichtige. Beeindruckend auch deshalb, weil dieser Prunk – wie so oft – in einem erschreckenden Gegensatz zum damaligen Lebensstandard der Untertanen stand. Das gilt ebenfalls für das meisterlich symmetrisch angelegte Kaisergrab von Minh Mang.

Weiterflug nach Saigon, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Im Vergleich mit dem Straßenleben dort kommt mir rückblickend Hanoi fast gemächlich vor: Die alte Trennung zwischen Norden und Süden macht sich in Vietnam bis heute ähnlich bemerkbar wie die zwischen Ost- und Westdeutschland. Nicht nur ist die Wirtschaftsleistung im Norden immer noch merklich schwächer, auch die Mentalitäten sind merklich anders. Mein Hotel im Zentrum, unmittelbar neben der Markthalle, erlaubt mir eine ausführliche Erkundung der turbulenten Innenstadt. Höhepunkt ist – neben den Pagoden – das Kriegsmuseum. Es zeigt die Gräuel des Vietnamkriegs aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven, abgerundet durch martialische Originalkriegsgeräte im Hof. Wie ist das Verhältnis zu den Amerikanern heute? Ich sehe immer wieder junge Amerikaner als Touristen, die mit lachenden Vietnamesen unterwegs sind. Am aussagekräftigsten ist aber ein Cafe in unmittelbarer Nähe des Kriegsmuseums: Während dort die von Amerikanern begangenen Grausamkeiten an den Vietnamesen im Detail ausgestellt werden, spielt das Cafe – nur ein paar Meter davon entfernt – amerikanische Countrymusik.

Kambodscha! Der Flug nach Pnom Penhs beträgt nur vierzig Minuten, ist aus logistischen Gründen der Landroute allerdings vorzuziehen. Ich bemerke schnell, dass Kambodscha wirtschaftlich noch weit hinter Vietnam steht. Vietnam ist ein Schwellenland, in dem man als Tourist kaum mit direktem Elend konfrontiert wird. In Wien bemerke ich täglich mehr Bettler als dort während der gesamten Reise. Auch sonst sieht man ein turbulentes Land im Aufbruch. Kambodscha wirkt dagegen in vieler Hinsicht noch wie ein prototypisches Entwicklungsland. Speziell die lange Überlandfahrt von der Hauptstadt nach Siem Reap bestätigt diesen ersten Eindruck: Die Straßenverhältnisse erinnern mich immer wieder an Äthiopien.

Vorher steht aber die Besichtigung Pnom Penhs auf dem Programm. Der Königspalast und die Silberpagode induzieren bei mir ähnliche Gedanken wie in der vietnamesischen Kaiserstadt Hue. Grandios dagegen ist das Nationalmuseum. Dort befinden sich nämlich zahlreiche Höhepunkte der Khmer-Kunst, die aus Angkor in die Hauptstadt gebracht wurden, und einen hervorragenden Einstieg in deren Kultur geben. Die holprige Fahrt durch Zentralkambodscha gibt einen guten Einblick in die – euphemistisch formuliert – ursprünglichen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung. Reisfelder werden mangels Technik meist noch mit Holzeimern bewässert, einer mühsamen Arbeit im tropischen Klima.

Nun steht der Höhepunkt der Reise bevor: Die Dschungeltempel von Angkor. Man darf sich das allerdings nicht wie bei Indiana Jones vorstellen: Siem Reap ist eine quirlige Touristenstadt und die berühmten Tempel sind bereits alle überlaufen.

Ich sehe mir in vier Tagen in Ruhe die wichtigsten Tempel an und merke schnell: Der legendäre Ruf der Tempelstadt ist berechtigt. Abgesehen von der gewaltigen Bauleistung dieser riesigen Anlagen im Dschungel ist das semantische Programm von einer beeindruckenden Qualität. Nicht nur sind die Tempel symbolisch dem mythologischen Bild des Kosmos nachgebildet, sondern auch das ikonographische Programm ist von einer seltenen Komplexität. Zusätzlich finden sich Darstellungen aus dem Alltagsleben. Insgesamt zählt Angkor zweifellos zu den größten Kulturleistungen der Menschheit. Der Kontrast mit dem Dschungel ist frappant und unterstreicht diesen Eindruck noch. Bei manchen Tempeln hat sich der Dschungel den halben Tempel wieder zurückerobert und dicke Wurzeln umschlingen das Mauerwerk. Die Qualität vieler Skulpturen ist atemberaubend. Wer sich davon selbst überzeugen will, kann das mit diesem fantastischen Bildband machen: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. Über den einzigen Quellentext über den Alltag der damaligen Khmerkultur schrieb ich bereits eine Notiz. Wer immer die Gelegenheit hat, sollte nach Angkor reisen und sich die Anlage selbst ansehen.

Bildbände über Angkor

Wenn man sich auf eine Reise nach Angkor vorbereitet, bedarf es visueller Hilfen. Der preiswerte Band von Marilia Albanese leistete mir dabei große Dienste, zumal das Buch die Bilder mit ausführlichen Texten zu allen Aspekten der Khmer-Kultur abrundet. In einer künstlerisch und finanziell anderen Liga spielt der Band von Jaroslav Poncar. Hier gibt es nur vergleichsweise kurze Einführungstexte zu den jeweiligen Tempelanlagen, denen dann eine Menge grandioser Schwarz-Weiß-Fotos folgen. Nirgends habe ich die Tempel Angkors schöner abgebildet gesehen als in diesem fantastischen Bildband. Auch für Sofareisende bestens geeignet.

Marilia Albanese: Angkor (Krone)

Jaroslav Poncar: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. (Edition Panorama)

Reiseliteratur Vietnam und Kambodscha

Alle zur Reisevorbereitung von mir gelesenen Sachbücher bekommen wie immer eigene Notizen. Einige davon sind ja bereits online. Unterwegs verwendete ich den gut gelungenen Dumont Kunstreiseführer von Martin H. Petrich. Diese Reihe ergänze ich seit einigen Jahren immer gerne mit den Rough Guides im Ebook-Format am Tablet über die entsprechenden Länder, die mir mehr zu sagen als Lonely Planet. Hier finde ich auch immer die Tipps für die inhaltliche Reisevorbereitung (Literatur, Filme…) gut gelungen.

Martin H. Petrich: Vietnam. Kambodscha und Laos. Tempel, Klöster und Pagoden in den Ländern am Mekong (Dumont Kunstreiseführer)

Emma Boyle, Gavin Thomas: The Rough Guide to Cambodia (Rough Guides)

Ron Emmons: The Rough Guide to Vietnam (Rough Guides)

Der Ring. Pionierjahre einer Prachtstraße

Wien Museum 26.7. 2015

Neben der Ausstellung im Jüdischen Museum kann man sich auch im Wien Museum über die 150 Jahre alte Ringstraße informieren. Diese Schau setzt auf eine kluge Mischung zwischen Chronologie und einer thematischen Herangehensweise. Während am Fußboden Jahreszahlen den historischen Verlauf signalisieren, konzentrieren sich die virtuellen Räume auf unterschiedliche Aspekte. Besonders beeindruckend durch die vielen vorhandenen Pläne wird die Planungsphase dokumentiert. Man kann sich auch über das Wien vor diesem riesigen Umbau ein gutes Bild machen, wozu auch das Wienmodell der Dauerausstellung einen wesentlichen Beitrag leistet, das gut in die Sonderausstellung eingebettet wurde. Für mich war natürlich der Bereich über den Bau der Staatsoper besonders interessant.

Didaktisch hätte man den Besucher sicher noch etwas besser an die Hand nehmen können. Wer sich aber mit Geduld auf die Exponate einlässt und das genauere Studium von Plänen nicht scheut, wird viel Neues erfahren.

(Bis 4.10.)

Rembrandt – Tizian – Bellotto: Eine Mogelpackung

Winterpalais 26.7. 2015

Große Künstlernamen ziehen bekanntlich Zuschauermassen an, weshalb Museen gerne Blockbuster-Ausstellungen veranstalten. Diese sind ausgesprochen aufwändig und teuer zu organisieren. Das geht auch anders, dachte man sich wohl im Belvedere. In Wahrheit gibt es nämlich von den namensgebenden Künstlern im Winterpalais nur wenig zu sehen. Tiefpunkt dieser Mogelpackung ist Rembrandt, von dem genau ein einziges Bild (!) zu finden ist, das nicht einmal ihm persönlich, sondern seinem Umkreis zugeschrieben wird.

Dabei ist die Grundidee, der mit Geist und Glanz der Dresdner Gemäldegalerie untertitelten Schau eine erfreuliche: Man will Meisterwerke eines anderen prominenten Museums zugänglich machen. Es sind denn auch einige hochkarätige Bilder dabei, wie Tizians Dame in Weiß. Die Beleuchtungsverhältnisse sind – zumindest bei meinem Besuch heute – allerdings oft nicht optimal. Die Deckenlampen spiegeln sich an so mancher Schutzglasscheibe. Wer nicht auch die tollen Barockräumlichkeiten des Winterpalais sehen will, kann sich diese Ausstellung wirklich sparen. Es finden sich bessere Bilder jeglicher Kategorie im Kunsthistorischen Museum.
(Bis 8.11.)

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"Stets profund und pointiert."
(Diagonal vom 9. März 2013)

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