[Aus dem Archiv] Goethe über Literaturverfilmungen

Brief an Friedrich Schiller vom 23. Dezember 1797:

Sie werden hundertmal gehört haben, daß man nach Lesung eines guten Romans gewünscht hat, den Gegenstand auf dem Theater zu sehen, und wie viel schlechte Dramen sind daher entstanden! Eben so wollen die Menschen jede interessante Situation gleich in Kupfer gestochen sehen; damit nur ja ihrer Imagination keine Tätigkeit übrig bleibe, so soll alles sinnlich wahr, vollkommen gegenwärtig, dramatisch sein und das Dramatische selbst soll sich dem wirklich Wahren völlig an die Seite stellen.

Diesen eigentlich kindischen, barbarischen, abgeschmackten Tendenzen sollte nun der Künstler aus allen Kräften widerstehen, Kunstwerk durch Kunstwerk durch undurchdringliche Zauberkreise sondern, jedes bei seiner Eigenschaft und seinen Eigenheiten erhalten, so wie es die Alten getan haben und dadurch eben solche Künstler wurden und waren. Aber wer kann sein Schiff von den Wellen sondern, auf denen es schwimmt? Gegen Strom und Wind legt man nur kleine Strecken zurück.

Donizetti: Don Pasquale

Staatsoper 14.6. 27

Dirigent: Speranza Scappucci
Regie: Irina Brook
Don Pasquale: Michele Pertusi
Ernesto: Antonino Siragusa
Malatesta: Gabriel Bermúdez
Norina: Danielle de Niese
Notar: Mihail Dogotari

Die Oper fällt ins komische Fach. Obwohl das Libretto einige feministische Tendenzen aufweist, weil eine kluge junge Frau dem notgeilen alten Don Pasquale seine patriarchalischen Grenzen aufzeigt, ist mir der Stoff insgesamt zu albern. Speziell, wenn man das Stück (vielleicht etwas unfair) mit Figaros Hochzeit vergleicht. An dem schauspielerischen Talent des Michele Pertusi liegt es auch nicht, der legt nämlich eine durchaus komische Performance an den Tag und kassiert immer wieder Lacher.
Musikalisch wird wenigstens meisterhaftes Belcanto geboten. Mir persönlich ist die Stimme des Antonino Siragusa etwas zu „metallisch“, weshalb sie auch nicht optimal mit der von Pertusi harmonierte. Das Wiener Staatsopernorchester ist passabel in Form, und es ist immer noch eine positive Überraschung, wenn einmal eine Dirigentin ans Pult tritt.

Millionaires of Time. Roma in der Ostslowakai

Volkskundemuseum Wien 11.6. 17

Die Ausstellung versucht, den Roma in der Ostslowakei ein individuelles Gesicht zu geben. Das gelingt mit wenigen Fotos, welche in zwei Räumen hängen sowie einem Stapel Fotos, den man durchblättern kann. Der Kern des Projekts sind allerdings viele Interviews, weshalb man zu Beginn einen MP3-Player in die Hand gedrückt bekommt. Einen direkten Bezug zwischen den Fotos und dem Gehörten gibt es nicht. Eine Kuratorenentscheidung, sagt man mir. Trotzdem kann man nicht wenige der Sprechenden leicht identifizieren. Zu hören sind Roma aus Košice, genauer aus dem dortigen Ghetto Luník IX, und aus Šaca, einer Stadt in der Nähe der ukrainischen Grenze. Diese geschilderten Lebenswelten sind teilweise sehr fesselnd. Auch die Spannungen werden ausführlichen thematisiert bzw. direkt durch Aussagen vorgeführt.

Die Betrachtung der Fotos ist schnell abgeschlossen. Danach setze ich mich in den sonnigen Garten des Palais Schönborn und höre mir die gut zwei Stunden langen Interviews an. Das ist angenehm, zeigt aber doch, dass das Konzept der Ausstellung verfehlt ist. Würde man die Audiodateien zum Download anbieten und die Fotos ins Netz stellen, wäre derselbe Zweck erreicht gewesen. (Bis 24.9.)

The Film Experience (MIT Open Course)

Wer sich für Filmklassiker interessiert, wird an dieser MIT-Vorlesung seine Freude haben. Professor David Thorburn führt in 23 knapp einstündigen Vorlesungen durch die Filmgeschichte. Im ersten Teil steht die Entwicklung des amerikanischen Films im Mittelpunkt, inklusive so spannender Fragen, wie nach und nach die Ästhetik und Semantik des Films entstanden ist. Aber auch soziokulturelle und ökonomische Aspekte werden nicht vernachlässigt. Der zweite Abschnitt widmet sich primär unterschiedlichen Genres wie dem Hollywood Kino der Dreißiger oder dem Western. Im letzten Drittel weitet sich die Linse des Kurses auf die internationale Filmgeschichte, vom italienischen Neorealismus bis zu Kurosawa.

Üblicherweise dient eine Vorlesung der Einführung in das jeweilige Thema, während sich die zweite mit einem konkreten Film beschäftigt. Am meisten profitiert man selbstverständlich, wenn man sich diese Streifen auch ansieht. Insgesamt finde ich das Niveau nicht spektakulär, habe die Zeit aber sehr gerne investiert. Wer sich nur eine Vorlesung ansehen will, dem empfehle ich jene über die Bicycle Thieves.

MIT Open Courses Film Experience (You Tube Playliste) / Webseite des Kurses

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Stefan Zweig gehörte noch nie zu meinen Lieblingsklassikern. Manche seiner Bücher wie Maria Stuart kann ich wegen der stilistisch grauenvoll schnörkelhaften Sprache gar nicht lesen. Brillant dagegen ist seine Autobiographie Die Welt von gestern. Angeregt durch den Film Vor der Morgenröte, der Zweigs Exilzeit gelungen thematisiert, greife ich zu seinem 1934 erschienenen Buch Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam.

Auf den ersten Blick schließt es an seine erfolgreichen Werke über diverse Geistesgrößen und die Sternstunden der Menschheit an. Die Metabene des Textes ist aber noch spannender als der eigentliche Inhalt. Sie kreist primär um die Frage: Wie soll sich ein Intellektueller in einer historischen Krisensituation moralisch verhalten? Was für Erasmus von Rotterdam die Reformation war, war für Zweig der Nationalsozialismus. Wie Erasmus tat sich Zweig lange schwer, konkret Stellung zu beziehen. Alles, was Zweig in dieser Sache über Erasmus schreibt, liest sich wie eine ausführliche Selbstrechtfertigung:

Die Vernunft, sie, die ewige und still geduldige, kann warten und beharren. Manchmal, wenn die anderen trunken toben, muß sie schweigen und verstummen.
[S. 23]

Der Geistige darf nicht Partei nehmen, sein Reich ist die Gerechtigkeit, die allenthalben über jedem Zwiespalt steht.
[S. 111]

Manche Passagen des Buches lesen sich dagegen heute so aktuell wie seit den Dreißigern nicht mehr:

Bei den durchschnittlichen Naturen fordert auch der Haß sein düsteres Recht neben der bloßen Liebesgewalt, und der Eigennutz des einzelnen will von jeder Idee auch rasche persönliche Nutznießung. Immer wird der Masse das Konkrete, das Greifbare eingängiger sein als das Abstrakte, immer darum im Politischen die Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem faßbaren, handlichen Gegensatz, der gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion sich wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine frevlerische Flamme am Hass entzünden.
[S. 15]

Erst der Fanatismus, dieser Bastard aus Geist und Gewalt, der die Diktatur eines, und zwar seines Gedankens, als der einzig erlaubten Glaubens- und Lebensform dem ganzen Universum aufzwingen will, zerspaltet die menschliche Gemeinschaft in Feinde oder Freunde, Anhänger oder Gegner, Helden oder Verbrecher, Gläubige oder Ketzer; weil er nur sein System anerkennt und nur seine Wahrheit wahrhaben will, muß er zur Gewalt greifen, um jede andere innerhalb der gottgewollten Vielfalt der Erscheinungen zu unterdrücken. Alle gewaltsamen Einschränkungen der Geistesfreiheit, der Meinungsfreiheit, Inquisition und Zensur, Scheiterhaufen und Schafott hat nicht die blinde Gewalt in die Welt gesetzt, sondern der starrblickende Fanatismus, dieser Genius der Einseitigkeit und Erbfeind der Universalität, dieser Gefangene einer einzigen Idee, der in sen Gefängnis immer die ganze Welt zu zerren und zu sperren versucht.
[S. 90]

Tatsächlich ist des Erasmus Versuch, in einer vom Fanatismus geprägten Zeit, eine objektive Sicht beizubehalten, bis heute eine vorbildliche intellektuelle Haltung. Zweig porträtiert Erasmus sehr anschaulich und spitzt in seiner typischen Art den Konflikt zwischen Erasmus und Luther so zu, dass ein spannendes Narrativ entsteht. Was Erasmus philosophische Positionen angeht, bleibt er freilich populär an der Oberfläche.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Fischer-TB)

John Williams: Butcher’s Crossing

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle wie sehr mich Williams Roman Stoner beeindruckt. So sehr, dass ich schnell einen zweiten Roman des Autors lesen wollte.

Insgesamt ist Butcher’s Crossing (1960) leider eine große Enttäuschung. Das liegt nicht an der grundsätzlich guten Idee des Romans: Der dreiundzwanzigjährige Andrews verlässt abenteuerlustig seine Eliteuniversität im Osten und bricht auf der Suche nach Selbsterkenntnis und einem besseren Verständnis seines Landes Richtung Westen auf. Eine Art in den wilden Westen verlegter Bildungsroman also. Dort finanziert er – entgegen allen Warnungen – eine wagemutige Buffallo-Jagdpartie. Gemeinsam mit drei schrägen Typen suchen sie eine in den Bergen versteckte Herde, veranstalten einen soliden Massenmord, werden eingeschneit und kommen erst nach vielen Entbehrungen wieder nach Butcher’s Crossing zurück. Erfolglos sei angemerkt, weil sie ihre Felle in einem reißenden Fluss bei der Rückkehr ebenso verlieren wie einen ihrer Jagdkameraden.

Die größte Leistung des John Williams ist sicher, den Mythos des Wilden Westens durch eine naturalistische Schilderung zu ersetzen. Die Strapazen, der Dreck, die mangelnde Hygiene oder der Leichengestank werden ausführlich beschrieben. Diese ausführlichen Beschreibungen sind auch das größte ästhetische Problem: Williams klebt an jedem Detail. Anders als bei Stoner induziert diese Schreibweise weder eine symbolische Lesart noch einen formal spannenden Erzählrhythmus. Ohne diese zusätzliche Bedeutungsebene bleibt Butcher’s Crossing ein solides Stück Literatur, ist aber weit entfernt von der Multidimensionalität, welche einen guten Klassiker auszeichnet.

John Williams: Butcher’s Crossing (Vintage Classics)

Heinrich-Harrer-Museum

Hüttenberg 3.6. 17

Viele Provinzmuseen sind ja nicht nur wegen des Ausgestellten interessant, sondern auch weil die Präsentation oft einen Einblick in die Mentalität der Gegend erlaubt. Der Befund ist in diesem Fall ambivalent: Einerseits ist es sehr erfreulich, dass in einer kleinen Gemeinde fremde Kulturen präsentiert werden, und man sich mit ihnen konstruktiv auseinandersetzt. Kärnten zählt ja bekanntlich nicht zu jenen Regionen, die sich durch Weltoffenheit und Toleranz einen Namen gemacht haben. In Hüttenberg setzt man dagegen auf kulturelle Verständigung. Es gibt beispielsweise einen Weg des Dialogs mit Zitatetafeln.

Als Gebäude ist das Museum durchaus beeindruckend, ebenso der an die Nachbarfelswand nachgebaute „Pilgerpfad“. Die Exponate aus Asien und Afrika, mit Schwerpunkt auf die Himalaya-Region, werden paternalistisch präsentiert, was wohl ganz gut zur Perspektive des Heinrich Harrer auf diese Völker passt. Es gibt einige Tafeln mit historischen und ethnologischen Informationen, die sich auf die „Basics“ beschränken.

Unschön dagegen ist, mit welcher unkritischen Idolatrie Heinrich Harrer hier präsentiert wird. Gleich zu Beginn der Ausstellung wird ausführlich mit sämtlichen Auszeichnungen geprotzt. Kritische Aspekte seiner Biographie hätte ich nirgends thematisiert gesehen, etwa seine von ihm lange verschwiegene Nazivergangenheit. Mehr Mut zur Wahrheit, wäre hier wünschenswert.

Five Came Back

Einige von Netflix‘ Eigenproduktionen erreichen ein hohes Niveau. Zu nennen wäre etwa das Kindersoldatendrama Beast of No Nation [Notiz]. Die dreiteilige Dokumentarreihe Five Came Back zählt ebenfalls zu diesen Highlights. Sie erzählt die Geschichte fünf bekannter Hollywood-Regisseure im zweiten Weltkrieg: John Ford, Frank Capra, William Wyler, John Huston und George Stevens. Begleitet wird jeder dieser Klassiker durch ein bekannten Regisseur, etwa Steven Spielberg oder Francis Ford Coppola. Meryl Streep als Sprecherin zeugt ebenfalls vom hohen Produktionswert der Reihe.

Frappant sind nun nicht nur die filmgeschichtlichen Tatsachen, die wir erfahren, oder die Mechanismen der Militärzensur und -propaganda, sondern vor allem auch die zahlreichen Filmausschnitte und das zeitgenössische verwendete Archivmaterial. Damit erhält man einen viszeralen Eindruck vom letzten Weltkrieg. Ein Lehrstück für alle Nationalisten und Europaverächter, die an der Rückkehr von Kriegen in Europa arbeiten.

Privatbibliothek: Neuzugänge

    Weiter geht es mit der Japan-Reisevorbereitung. Ansonsten die Fortsetzung der abonnierten Shakespeare-Ausgabe, zwei spannende Bücher über Wien sowie das Lehrbuch meiner aktuellen MIT-Filmvorlesung.

    Ermäßigt erworben:

  • David A. Cook: A History of Narrative Film (W.W. Norton)
  • Regulär erworben:

  • William Shakespeare: Perikles, Fürst von Tyrus.. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther (ars vivendi)
  • Natsume Soseki: Kokoro (Manesse)
  • Joan Stanley-Baker: Japanese Art. Third Edition (Thames & Hudson)
  • Sandór Békési; Elke Doppler: Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick (metro / Wien Museum)
  • Rudolf Leeb, Walter Öhlinger: Brennen für den Glauben. Wien nach Luther (Residenz / Wien Museum)

Natsume Soseki: Kokoro

Wenn ich mich auf eine Studienreise vorbereite, beschäftige ich mich meistens auch mit der Literatur eines Landes. Über meinen Erstkontakt mit Haruku Murakami berichtete ich bereits. Ein ganz anderes literarisches Kaliber ist Natsume Soseki, der als einer der wichtigsten Klassiker seines Landes gilt. 1867 geboren wird er Zeitzeuge der wohl größten Revolution in der japanischen Geschichte: Die gezielte Ausrichtung auf den Westen. Innerhalb weniger Jahrzehnte kopiert Japan das westliche „Erfolgsmodell“, einer der beeindruckendsten Modernisierungsschübe der Weltgeschichte. Soseki ist auch persönlich davon betroffen, wird er doch von seiner Regierung nach England zur weiteren Ausbildung geschickt. Die Zeit in London (1901-1903) sind eine schwere Zeit für ihn. Er verbringt sie die meiste Zeit lesend und lernt intensiv die westliche Literaturtradition kennen.

Zeiten starker Veränderung produzieren nicht selten große Kunst. Sosekis Werke belegen diese kulturgeschichtliche Beobachtung. Kokoro zeigt die kulturelle Veränderung Japans auf eine sehr subtile Art und Weise. Im Mittelpunkt steht eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die im asiatischen Raum zu den wichtigsten sozialen Beziehungen zählt. Der junge Ich-Erzähler ist ein Student und sucht die Beziehung zu einem älteren Herrn, den er zufällig trifft und „Sensei“ nennt, ein respektvoller Titel für einen älteren Lehrer. Es stellt sich schnell heraus, dass dieser Sensei, der völlig zurückgezogen mit seiner Frau lebt, ein Misanthrop ist. Die Ursache dieser Misanthropie liegt in Erlebnissen seiner Vergangenheit. Alle Versuche seines jungen Freundes, diese Geheimnisse zu ergründen, scheitern zu Beginn.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich primär mit dem jungen Ich-Erzähler, der aus Tokio zu seinem sterbenden Vater zurückkehrt, und durch diese Erfahrung emotional und intellektuell reift. Er bekommt einen dicken Brief seines Sensei, welcher die Lebensbeichte seines Lehrers enthält und den letzten Teil des Romans bildet. Wir werden darin nicht nur Zeuge, wie der Sensei in seiner Jugend durch einen betrügerischen Onkel um einen großen Teil seines Erbes gebracht wird, sondern sehen ebenfalls eine tiefe Freundschaft wegen einer jungen Frau in einem tragischen Suizid enden. Soseki löst hier geschickt viele Anspielungen aus dem ersten Teil des Romans auf.

Das ist stilistisch auf hohem Niveau geschrieben und kombiniert eine tragische Lebensgeschichte gekonnt mit den kulturellen Veränderungen Japans in dieser Zeit. Mein einziger ästhetische Einwand wäre, dass der Roman mit dem Ende des Briefes abbricht, was die Geschichte des Schülers strukturell unbefriedigend offen lässt. Das tut der literarischen Größe Kokoros aber keinen Abbruch und angesichts der hohen literarischen Qualität ist es erstaunlich, warum Natsume Soseki im Westen nicht viel mehr Leser hat.

Natsume Soseki: Kokoro (Manesse)

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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