[Notiz der Woche] Plato: Der Staat

Diese Notizen entstanden von Herbst 2007 bis Frühjahr 2008 und werden hier zur leichtbaren Lesbarkeit zusammengefasst. Es handelt sich um meine zweite Lektüre des Buchs.

Erstes Buch

Platos “Politeia” zählt zu den faszinierendsten mir bekannten Büchern. Eine zweite, sorgfältige Lektüre war längst überfällig. Zur Erinnerung: Plato schrieb seinen umfangreichsten Dialog wahrscheinlich um 380 BCE und veröffentlichte damit einen Text, der zu den einflussreichsten der Geistesgeschichte zählt. Seit Jahrtausenden wird er sorgfältig rezipiert und sorgt für heftige Debatten. Alfred Whiteheads berühmtes Bonmot, die europäische Philosophiegeschichte bestünde nur aus Fußnoten zu Plato, bringt dies rhetorisch überspitzt auf den Punkt.

Die “Politeia” gilt als Platos Hauptwerk. Nimmt man diese Kategorisierung in dem Sinn, dass sich in ihm viele zentrale Motive seines Denkens finden, und es sich um das ästhetisch am sorgfältigsten komponierte Buch handelt, kann man dieser Einschätzung zustimmen. Um Platos Philosophie (und dessen Entwicklung) verstehen zu können, muss man freilich alle Dialoge lesen.

Während uns von Aristoteles nur seine Notizen überliefert sind (und nicht seine publizierten Werke), was die Lektüre mangels didaktischer Aufbereitung erschwert, präsentiert Plato seine Gedanken in der Form des philosophischen Gesprächs. Man darf deshalb die literarischen und ästhetischen Aspekte und deren Implikationen nie aus den Augen verlieren.

Wie sorgfältig Plato die Politeia komponiert hat, sieht man sehr schön am ersten Buch, das quasi den Rahmen zu den Gesprächen setzt. So ist es naturgemäß kein Zufall, dass die Handlung (für die gerne gegen 410 BCE als Zeitpunkt genannt wird) nicht im Zentrum Athens angesiedelt ist, sondern im Hafen Piraeus, einem Ort von nicht zu überschätzender Bedeutung für die Athener. Durch eine Mauer mit der Stadt verbunden, stand er symbolisch für Athens Seeimperium, war während des Peloponnesischen Krieges lebenswichtig für den Nachschub und in den ersten Jahren Rückzugsgebiet für die Landbevölkerung als die Spartaner anrückten. Es brach zu dieser Zeit dort auch eine der größten Tragödien über die Athener herein: Die Pest. Schließlich sammelte sich während der Diktatur der Dreißig der demokratische Widerstand im Piraeus und eines der Hauptthemen der “Politeia” ist bekanntlich die Frage nach dem richtigen politischen System.

Das erste längere Gespräch des Sokrates findet mit Kephalos statt, einem ebenso alten wie reichen Mann, den Sokrates wenig taktvoll mit der Frage konfrontiert, wie es ihm so kurz vor dem Tod denn ginge, worauf sich ein geistvoller Dialog über Alter und Reichtum entwickelt.

Im Zentrum des ersten Buches steht aber eine Diskussion über Gerechtigkeit. Thrasymachos vertritt die These, Gerechtigkeit sei, was den Stärkeren nütze. Er setzt damit einen fulminanten Auftakt mit einer Geisteshaltung, die bis heute immer wieder in diversen Abwandlungen vertreten wird, und zu Zeiten der Athener “Blütezeit” auch Staatsräson war. Könnte folgendes Zitat nicht direkt von einer größenwahnsinnigen Romanfigur Dostojewkijs stammen oder irgendwo bei Nietzsche stehen?

Denn wer Ungerechtigkeit schmäht, tut dies nicht aus Scheu vor dem Unrechttun, sondern vor dem Unrechtleiden. So hat denn, Sokrates, die Ungerechtigkeit, wenn nur gehörig im Großen verübt, etwas viel Kraftvolleres, Vornehmeres und Herrenmäßigeres als die Gerechtigkeit […]
[344]

Sokrates tut sich durchaus schwer, diesen Standpunkt zu widerlegen, und versucht es unter anderem, in dem er Thrasymachos Widersprüche nachweist und (wie so oft) durch Analogien Ungereimtheiten in seiner Position aufzeigt.

Zweites Buch

Das erste Buch fungiert als eine Art Einleitung und rückt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Im zweiten Buch wird nun der literarische Rahmen für die weitere Vorgehensweise gesetzt. Dieser besteht in der Behauptung einer Analogie zwischen den Teilen der Seele und den Teilen einer Stadt. Vorher jedoch wird die Grundlagendiskussion des ersten Buches fortgesetzt. Glaukon fordert Sokrates auf dafür zu argumentieren, dass die Gerechtigkeit “an sich” wünschenswert ist (wie etwa die Gesundheit) und gleichzeitig auch gute Konsequenzen zeitigt. Diese These setzt sich von der These ab, dass die Gerechtigkeit zwar gute Folgen hat, aber an sich nicht wünschenswert sein muss. Nebenbei sei bemerkt, dass Plato in diese Kategorie auch die Erwerbsarbeit steckt. Diese sei zwar lästig, aber bringe doch eine Reihe von positiven Konsquenzen mit sich:

Denn diese Dinge werden wir zwar als beschwerlich bezeichnen, aber doch auch als nützlich für uns, und um ihrer selbst willen würden wir sie niemals wünschen, wohl aber um des Lohnes willen und der übrigen Vorteile, die aus ihnen hervorgehen.
[357]

Nachdem Glaukon als Illustration die Geschichte des Gyges erzählt hat (der einen Ring findet, der unsichtbar macht und deshalb ungestraft Verbrechen begehen kann), beginnt Sokrates mit dem Gedankenexperiment und konstruiert eine Stadt, in der nur die Grundbedürfnisse gedeckt werden können (Nahrung, Wohnung, Kleidung).

Glaukon kann sich mit diesem spartanischen Leben nicht anfreunden, weshalb Sokrates Luxusgegenstände hinzufügt. Dies setzt nun einen expansiven Wirtschaftskreislauf in Gang, der zwangsläufig aufgrund Ressourcenmangelns zu aggressivem Verhalten gegenüber benachbarten Städten führen muss. Deshalb muss zusätzlich die Militärkaste der Wächter eingeführt werden. Die sozialen Probleme, die damit verbunden sind (Aggression auch nach innen) führt schließlich zur Forderung, dass diese herrschende Kaste eine besondere Erziehung durchlaufen muss. Diese wird im nächsten Buch diskutiert.

Was mich an Plato fasziniert, ist die intellektuelle Unabhängigkeit seiner Ansichten. Damit ist nicht gemeint, dass es es keine geistesgeschichtlichen Einflüsse oder inhaltlichen Vorbilder gäbe, sondern dass er in der Lage ist, weitgehend von seinem kulturellen Umfeld zu abstrahieren, und rationale Lösungen ohne Scheuklappen zu suchen. Dass die Ergebnisse aus heutiger Sicht oft seltsam anmuten, ändert nichts an der Tatsache, dass Plato einer der unabhängigsten Köpfe war, welche die europäische Philosophie hervorbrachte.

Drittes Buch

In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor “Killerspielen” oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.

Darum müssen wir solchen Erzählungen den Abschied geben, auf daß sie unseren Jünglingen nicht den ungehemmten Trieb zur Schlechtigkeit erzeugen.
[392]

Auch “schlechte” musikalische Stile darf es in Platos Staat nicht geben, da Musik direkt das Seelenleben beeinflusse.

Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen “Seelen”), rechtfertigt er “noble Lügen” aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende “Wahrheitspolitik” betrieben wird.

Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture …). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt.

Viertes Buch

Nach den ersten drei Büchern dürfte fast jeder moderne Leser ein Unbehagen über Platos Staatstotalitarismus verspüren. Aber auch für die Zeitgenossen im alten Athen war dieser Idealstaat eine Provokation. So überrascht es nicht, dass Adeimantos das vierte Buch mit folgendem Einwand eröffnet:

Was wirst du nun, mein Sokrates, zu deiner Verteidigung vorbringen, falls jemand dir einwerfen sollte, mit dem Glück, das du diesen Männern bietest, sei es nicht weit her […]
[419]

Sokrates antwortet darauf, dass es nicht um das Glück von Gruppen oder Individuen geht, sondern um das Wohl des Staates insgesamt.

Im Mittelpunkt dieses Teils steht erneut Platos problematische Analogie zwischen Seele und Staat, auf der er seine Argumentation aufbaut. Wie ein guter Mensch, zeichne sich ein Staat durch vier Eigenschaften aus: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit. Letztere bestehe darin, dass jeder Bürger der Tätigkeit nach gehe, zu der er am besten fähig ist (nach dem früher beschriebenen Klassensystem).
Anschließend führt Sokrates seine dreiteilige Psychologie bestehend aus Vernunft, Begierde und Geist (Seele) ein. Ein weiser Mensch hält alle drei Teile in Harmonie, wobei der Vernunft die lenkende Rolle zukommt. Diese Analogie zwischen Psyche und Staat wurde in der Forschung oft kritisiert, zu Recht meiner Meinung nach. In Anbetracht der Tatsache, zu welchen ontologischen Spitzfindigkeiten Plato in seiner Metaphysik fähig ist, wirkt die Gleichsetzung zwischen Individuen mit abstrakten sozialen Prozessen vergleichsweise plump. Trotzdem sind die psychologischen Passagen sehr aufschlussreich zu lesen, prägten sie die abendländische Psychologie doch bis in die Neuzeit. An dieser Stelle sollte man sich einmal mehr in Erinnerung rufen, dass es sich hier nicht um ein politisches Programm im engen Sinn handelt, sondern um ein radikales Gedankenexperiment.

Fünftes Buch

Dieses Buch enthält den gesellschaftspolitisch wohl radikalsten Vorschlag Platons: Die Aufgabe der klassischen Familie zu Gunsten eines geteilten “Besitzes” von Frauen und Kindern. Angereichert ist das mit einem charmanten Eugenikprogramm dahin gehend, dass der Staat durch Tricks besonders aussichtsreiche Erzeuger von Premiumnachwuchs zusammenbringt und auch dafür sorgt, dass diese öfters zur Kopulation schreiten dürfen wie von der Natur benachteiligte Paare:

Es müssen […] die besten Männer so häufig wie möglich den besten Frauen beiwohnen, den schlechtesten dagegen den schlechtesten so selten wie möglich. Und die Kinder der ersteren müssen aufgezogen werden, die der anderen nicht, sofern die Herde auf voller Höhe bleiben soll. Und von allen diesen Maßnahmen darf niemand etwas wissen außer die Herrscher selbst […]
[459]

Als Argument für dieses Arrangement bringt Sokrates die überragende Wichtigkeit des Zusammenhalts einer Gesellschaft ins Spiel, welcher durch dieses kommunitäre Zusammenleben optimiert würde.

Positiv davon setzt sich Platos Gleichheitsvorstellung zwischen den beiden Geschlechtern ab, speziell vor dem Hintergrund der altgriechischen Machogesellschaft betrachtet:

Es gibt also […] keine die Staatsverwaltung betreffende Beschäftigung, die der Frau als Frau oder dem Manne als Mann zukäme; vielmehr sind die natürlichen Anlagen auf ähnliche Weise unter beiden Geschlechtern verteilt, und naturgemäß hat die Frau ebenso wie der Mann Anspruch auf alle Beschäftigungen, bei allen aber ist das Weib schwächer wie der Mann.
[455]

Sechstes Buch

Dieses und die nächsten Bücher werden gerne die “philosophischen” genannt, weil hier theoretische Fragestellungen im engeren Sinn abgehandelt werden. Zuvor jedoch geht es einmal mehr um die Rolle des Philosophen in der Polis. Plato greift erneut auf eines seiner Lieblingsbilder zurück: Auf das Schiff. Der Philosoph sei wie der Steuermann auf einem Schiff der Bestqualifizierte, um den Staat zu lenken. Er beschreibt die Situation, die entstünde, setzten die Matrosen den Steuermann ab und übernähmen selbst ohne Qualifikation die Schiffsführung: Inkompetenz und Gefahr wären die Folge. Warum also sollten normale Bürger die Regierungsgeschäfte übernehmen? Ein weiterer Baustein in seiner Ablehnung der Demokratie.

Sokrates setzt mit einer unfreundlichen Beschreibung des politischen Alltags und der mangelnden intellektuellen Begabung seiner Mitmenschen fort. Die meisten hätten keinen Sinn für geistige Fragestellungen. Die Zuhörer des Sokrates und auch die Leser des “Staates” warten nun gespannt, auf die entscheidende Enthüllung seiner philosophischen Konzeption. Was ist dieses weitreichende Wissen, das den Philosphenkönig zum Herrschen auszeichnet? Es ist die Idee der Ideen: die des Guten.
Zu Beginn vermeidet Sokrates zu präzisieren, was das Gute nun eigentlich sein soll, und gibt stattdessen ex negativo Beschreibungen, was viele fälschlicherweise für gut halten. Von Glaucon damit konfrontiert, versucht Sokrates eine Antwort, in dem er erst zwischen dem Reich der Sinne und dem des Seins unterscheidet. Im Bereich des Seins und der Erkenntnis spiele sie eine ähnliche Rolle wie die Sonne für das Reich des Sinne. Die Sonne sei die Ursache für Licht und damit Leben. Die Idee des Guten sei die Ursache für Wissen und Wahrheit.

Das ist aus heutiger Sicht natürlich alles sehr vage formuliert. Man sollte sich aber bei der Lektüre immer vor Augen halten, dass Plato der erste war, der in dieser Ausführlichkeit diese theoretischen Kategorisierungen vorgenommen hat und seine scharfen Alltagsbeobachtungen seiner Mitmenschen bis heute aktuell sind.

Siebtes Buch

Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete.
Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.

Achtes Buch

Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates’ sein, gemessen an allen platonischen Dialogen.

Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt.

Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System “strukturell” beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:

Indem sie nun als auf diesem Wege des Gelderwerbs fortschreiten, kommt die Tugend bei ihnen in demselben Maße in Mißachtung, in dem das Geld in ihren Augen an Wert gewinnt. Oder steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, daß sie gleichsam auf die Schalen einer Wage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt?
[550]

Abschließend sei noch eine Stelle zitiert, die sehr schön belegt, wie alt und universal die Kritik an der Jugend ist, sie wiederholt sich seit tausenden von Jahren:

[…] der Lehrer hat unter solchen Verhältnissen Angst vor den Schülern und umschmeichelt sie, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und ebensowenig vor ihren Aufsehern; und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und suchen ihnen den Rang abzulaufen in Worten und Taten, während die Alten sich traulich mit den Jünglingen einlassen und, ganz im Geist der Jugend, unerschöpflich sind in Witzeleien und Spaßhaftigkeiten, um nur ja nicht griesgrämig und herrisch zu erscheinen.
[563]

Im zweiten Teil des fünften Buchs kommt Plato auf eine seiner zentralen sozialphilosopischen Vorstellungen zu sprechen: Die Herrschaft der Philosophen, die er als Liebhaber der Wahrheit beschreibt. Um zu erläutern, was er damit meint, sind die letzten Seiten dieses Abschnitts einer ersten erkenntnistheoretischen Abhandlung gewidmet: Er unterscheidet zwischen Wissen und Meinung und führt damit eine epistemologische Skala ein, auf die er im Folgenden aufbauen kann.

Neuntes Buch

Diese Buch ist zwei Themen gewidmet: Der Kritik an der Demokratie und der Diktatur als Staatsform. Es sollte inzwischen ja hinreichend klar geworden sein, dass Platon ein Demokratie-Kritiker war, obwohl er an einer Stelle durchaus einräumt, dass es wohl das fairste politische System sei, und das sein Idealstaat nur über die Demokratie als Übergangsform zu erreichen wäre.

Um meine hier oft wiederholte These zu illustrieren, dass Plato eine Menge intellektueller Grundlagenarbeit leistete, ein Beispiel aus dem neunten Buch. Freud hat die Psychoanalyse ins Leben gerufen? Von wegen:

Diejenigen, die sich im Schlafe regen, wenn der andere Seelenteil, der vernünftige nämlich und gesittete und jene herrschende, ruht, während der tierische und der Wildheit ergebene, mit Speise und Trank gefüllt, sich vor Unbändigkeit nicht zu lassen weiß und den Schlaf abschüttelnd loszustürmen und seinen Trieben zu frönen sucht. In solchem Zustand scheut er bekanntlich, bar und ledig jeglichen Schamgefühls und jeglicher Besinnung wie er dann ist, vor nichts zurück. Denn er bedenkt sich keinen Augenblick, der eigenen Mutter, wie er wähnt, beizuwohnen oder irgend welchem anderen Wesen, sei es Mensch, Gott oder Tier, und jede Blutschuld auf sich zu laden […]
[571]

Die Kritik an der Tyrannei ist psychologisch so hellsichtig und heute noch gültig, so dass man sie allen gerne zu lesen gäbe, die sich derzeit mit Iran und vergleichbaren Staaten herumschlagen müssen.

Zehntes Buch

Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom “wahren Sein” weg, um noch interessant zu sein.

Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die “unvernünftigen” Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur.

Platos “Staat” zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen.

Plato: Der Staat

Privatbibliothek: Neuzugänge

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason

Als das Buch im Jahr 2000 erschien, las ich es zum ersten Mal. Für den zweiten Durchgang wählte ich die Hörbuchfassung, die etwa achtzehn Stunden lang ist. Der Untertitel A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance führt in die Irre: Von den 430 Buchseiten beschäftigen sich nur gut 40 mit der Zeit nach der Spätantike. In Wahrheit handelt es sich also um eine Einführung in die antike Philosophie. Wer sich bisher nur oberflächlich damit beschäftigte, wird mit dem Buch seine Freude haben. Gottlieb verzichtet auf technischen Jargon und umreißt die Kernkonzepte gut. Wie so viele angelsächsische Sachbücher, ist The Dream of Reason einfach gut geschrieben. Die einzelnen Philosophen werden in unterschiedlicher Qualität und Tiefe abgehandelt: Platons Werk hätte durchaus einen größere Breite verdient, da konzentriert sich Gottlieb vor allem auf den Staat. Aristoteles dagegen wird deutlich umfassender präsentiert.

Wer sich intensiv auf die Philosophiegeschichte einlassen will, dem empfehle ich das mehrbändige Werk des Frederick Copleston.

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance (Hörbuch)

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita fehlt auf keiner Liste mit den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur und ist gleichzeitig einer der wichtigsten religiösen Texte des Hinduismus. Ursprünglich war es kein eigenes Buch, sondern Teil des indischen Riesenepos Mahabharata. Trotz (oder aufgrund?) seiner Kürze von 700 Versen zählt dieser Auszug zu den meist gelesenen und beliebtesten hinduistischen Texten.

Wie so viele Epen beschäftigt sich auch der Mahabharata mit einem großen Krieg. Zu Beginn der Bhagavad Gita finden wir den Helden Arjuna zwischen zwei feindlichen Heeren, die für ihn ein moralisches Dilemma darstellen: Er hat Familie und Freunde auf beiden Seiten:

O day of darkness! What evil spirit moved our minds when for the sake of an earthly kingdom we came to this field of battle ready to kill our own people?
[1, 45]

Was geschieht, wenn ein Mensch moralische Bedenken hat? Es kommt ein Gott und versucht ihm dieses Zaudern auszureden. Denn Religion ist ja bekanntlich jene Kraft, die gute Menschen am besten für böse Taten motiviert. Konkret ist das hier Krishna, der praktischerweise auch seinen Streitwagen lenkt:

Think thou also of thy duty and do not waver. There is no greater good for a warrior than to fight in a righteous war.
[2, 31]

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Religion war es immer, das Volk für die Herrschenden zu mobilisieren. So offen wie hier wird das aber nur selten ausgesprochen.

Den Rest des Buches versucht Krishna nun Arjuna zu überzeugen, dass er unbedingt kämpfen muss. Er verwendet dazu unterschiedliche Strategien und beginnt mit den religiösen Kernkonzepten des Hinduismus, etwa der Reinkarnation. Später kommen weitere grundlegende Prinzipien zur Sprache, so das Kastensystem.

Krishna überzeugt Arjuna, indem er ihm die Kompatibilität seiner spirituellen Pflichten mit denen seines Alltags aufzeigt. Die Botschaft ist klar: Du kannst ein normales Leben führen und trotzdem deine religiösen Pflichten erfüllen. Das dürfte – neben der attraktiven literarischen Form – einer der Gründe für die große Popularität der Bhagavad Gita sein.

Eingestreut findet man hübsche Sätze wie diese:

From passion comes confusion of mind, then loss of remembrance, the forgetting of duty. From this loss comes the ruin of reason, and the ruin of reason leads man to destruction.
[2, 63]

Gelesen habe ich den Klassiker in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe der Londoner Folio Society.

The Bhagavad Gita. (Folio Society)

Gelesen, Gehört & Gesehen

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam

Vor meiner Vietnam-Reise im Januar begonnen, las ich es erst in den letzten Monaten langsam zu Ende. Es ist sicher eines der besten Bücher über den Vietnamkrieg, lässt es doch Beteiligte zu Wort kommen, nämlich die amerikanischen Soldaten. Die Anthologie versammelt ausgewählte Briefe, welche diese Soldatenkinder (viele unter 20 Jahre alt) an ihre Familien und Freunde schrieben. Die teilweise haarsträubende Lektüre gibt nicht nur einen Einblick in den Kriegsalltag auf amerikanischer Seite, sondern ist auch ein vernichtendes Dokument dessen, was Kriege mit Menschen machen:

My morale is not the best because my best buddy was killed the day before yesterday. I was standing 20 feet from him and a 60-mm mortal exploded next to him. He caught a piece of shrapnel in the head. I carried him over to the aid station where he died. I cried my eyes out. I have seen death before but nothing as close as this […] I think with the destruction I have seen in the past week I have aged greatly. I feel like an old man now. I am not as happy-go-lucky as before, and I think more maturely now.

I’m sick of facing, every day, a new bunch of children ripped to pieces. They’re just kids – eighteen, nineteen years old! It stinks! Whole lives ahead of them – cut off. I’m sick of death of it. I’ve got to get out of here.

Das letzte Zitat ist von einer Krankenschwester im Kriegseinsatz. Es sind nicht alle Briefe so brutal, aber auch jene, wo ein junger Mensch seine Lebensträume beschreibt und anschließend steht “KIA (Killed in action) x weeks later” sind keine Gute-Laune-Lektüre.

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam (ReAnimus Press)

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Das Literaturrezept des Michelle Houellebecq war schon immer banal: Man nehme ein provokantes Thema, verpacke es in schlichte Form und Sprache, und profitiere anschließend von dem dadurch entstandenen Empörungsbestseller. Vorsichtshalber packe man noch deftige Sexszenen in den Text. Dieses Mal funktionierte dieses Verfahren noch besser als sonst, überschnitt sich die Veröffentlichung doch wunderbar mit dem islamistischen Attentat auf die Redaktion des Charlie Hebdo.

Die Idee von Unterwerfung ist diesem Fall sogar eine originelle: Eine islamische Partei gewinnt 2022 demokratisch eine Wahl in Frankreich und baut das Land danach in eine moslemkompatible Gesellschaft um. Nahe gebracht werden uns diese Ereignisse von Francois, einem Literaturprofessor, der durch seine Dissertation über Huysman akademischen Ruhm erntete. Huysman und sein Werk ist denn auch eine strukturelle Metaebene, die regelmäßig thematisiert wird, und deren intellektuelle Klimmzüge der Roman auch dringend nötig hat, um nicht vollends in die Trivialität abzurutschen.

Houellebecq wählt für seinen Helden praktischerweise die Ich-Perspektive, um den reaktionären Nebel, den das Buch verbreitet, auf seine Figur abschieben zu können. Wer jedoch die zahlreichen Interviews zum Erscheinen des Romans in Deutschland liest, weiß, dass der Autor viele Ansichten seiner Romanfiguren teilt.

Formal ist Unterwerfung schlicht: Paris bleibt – wie die meisten anderen Handlungsorte – eine Pappkulisse für die formulierten Thesen. Kennt man die grandiosen Parisromane der französischen Literatur, dann wird dieser Mangel besonders offensichtlich. Gleichzeitig ist Houellebecq bequem: Das Buch strotzt vor unwahrscheinlichen Zufällen. So fährt Francois fluchtartig in ein französischen Dorf wo er – Zufall! – einen für die Handlung wichtigen Bekannten wieder trifft. Derartige plumpe narrative Tricks findet man in Unterwerfung zuhauf.
Selbst wenn man sich auf die fiktionalen Prämissen des Autors einlässt, stellt man zahlreiche Ungereimtheiten in seiner Erzählwelt fest. Als Beispiel sei die Reaktion der Franzosen auf die Bildung einer islamischen Regierung genannt: Quasi über Nacht ändern sich alle Kleidungsgewohnheiten und selbst muslimischen Studentinnen sieht man den Triumph sogar schon vor der Regierungsbildung an:

Vielleicht war es auch die Haltung der Studentinnen in Burka, die sich selbstsicherer und gemächlicher als sonst [!] in Dreierreihen über die Gänge bewegten, ohne die Wände zu berühren, als herrschten sie bereits über das Territorium.

Danch geht es blitzschnell:

Alle [!] Frauen trugen Hosen.

Während sich also der Alltag islamisiert und die Universitäten vorübergehend geschlossen werden, bleibt eines beim Alten: Francois kann sich über das Internet nach wie vor Damen eines Escort-Service bestellen. Das widerspricht zwar allem, was im Roman beschrieben wird, aber Herr Houellebecq braucht in seinen Büchern – siehe oben – natürlich immer einen Vorwand für saftige Sexszenen. Da darf die fiktionale Wahrscheinlichkeit gerne einmal auf der Strecke bleiben.

Abschließend noch einige Worte zur Qualität der Religionskritik in Unterwerfung. Ich nehme selbst bei diesem Thema bekanntlich kein Blatt vor den Mund, aber die Niveaulosigkeit der Islamkritik in dem Text ist abstoßend, obwohl die Vorzüge der Religion von missionarischen Figuren am Ende wortreich gepriesen werden. Das lässt sich am besten am Punkt der Polygamie festmachen. Was macht der Pariser Mann von Macht sofort nach der Konvertierung zum Islam, wenn er die Gelegenheit hat? Er nimmt Kinder als Zweitfrauen:

Das ist Aicha, meine neue Ehefrau. Sie wird sich sehr schämen, weil Sie sie nicht unverschleiert hätten sehen sollen […] Sie ist gerade fünfzehn geworden.

[…]

Und ich musste zwangsläufig an seinen Lebensstil denken: eine vierzigjährige Ehefrau für die Küche und eine fünfzehnjährige für andere Dinge…

Houellebecq verwendet Sex in Bezug auf die Moslems analog wie Antisemiten das Geld in Bezug auf Juden: Polemisch, diffamierend und die Wahrheit entstellend. Als Kontrast gibt es im Buch dafür christlich-mystischen Erlösungskitsch.

Die deutschsprachige Literaturkritik wird sich einmal dafür in Grund und Boden schämen, dass sie dieses Machwerk überwiegend positiv besprochen hat.

Michel Houellebecq: Unterwerfung (Dumont)

Über die Relevanz von Herodot und Thukydides

Wer Herodots “Historien” und Thukydides’ “Geschichte des Peloponnesischen Krieges” versteht, weiß wohl das Wichtigste, was es über die Natur des Menschen und des Krieges zu wissen gibt.

Ein sehr gutes Beispiel dafür liefert Robert Kaplan in The Atlantic. In seinem Essay The Art of Avoiding War beschreibt er hübsch, was die amerikanische Außenpolitik von den beiden grandiosen griechischen Geschichtsschreibern lernen kann:

The Scythians were nomadic horsemen who dominated a vast realm of the Pontic steppe north of the Black Sea, in present-day Ukraine and southern Russia, from the seventh century to the third century b.c. Unlike other ancient peoples who left not a trace, the Scythians continued to haunt and terrify long after they were gone. Herodotus recorded that they “ravaged the whole of Asia. They not only took tribute from each people, but also made raids and pillaged everything these peoples had.” Napoleon, on witnessing the Russians’ willingness to burn down their own capital rather than hand it over to his army, reputedly said: “They are Scythians!”

The more chilling moral for modern audiences involves not the Scythians’ cruelty, but rather their tactics against the invading Persian army of Darius, early in the sixth century b.c. As Darius’s infantry marched east near the Sea of Azov, hoping to meet the Scythian war bands in a decisive battle, the Scythians kept withdrawing into the immense reaches of their territory. Darius was perplexed, and sent the Scythian king, Idanthyrsus, a challenge: If you think yourself stronger, stand and fight; if not, submit.

Conducta

Filmcasino 18.5. 2015

Cuba 2015
Regie: Ernesto Daranas

Daranas erzählt die Geschichte eines kubanischen Teenagers, der in elenden Verhältnissen in Havanna aufwächst, und aufgrund seiner Aufsässigkeit Probleme mit der Obrigkeit (Schule, Sozialarbeiter) bekommt. Eine erfrischend unkonformistische Volksschullehrerin setzt sich für ihn ein. Insgesamt hat der Film eine Tendenz zum Rührstück, die aber durch zwei Aspekte ausbalanciert wird: Erstens zeigt Conducta ein schonungsloses Bild des verarmten Kuba samt der unfähigen Kaderbürokratie. Zweitens ist die Kameraführung (viel Handkamera) sehr erfrischend.

Wagner: Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper

Musikalische Leitung: Simon Rattle
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Das Rheingold 16.5. 2015

Wotan: Tomasz Konieczny
Loge: Herbert Lippert
Fricka: Michaela Schuster
Erda: Janina Baechle
Alberich: Richard Paul Fink
Fafner: Mikhail Petrenko
Mime: Herwig Pecoraro

Die Walküre 17.5. 2015

Siegmund: Christopher Ventris
Hunding: Mikhail Petrenko
Sieglinde: Martina Serafin
Wotan: Tomasz Konieczny
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Fricka: Michaela Schuster

Siegfried 20.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Der Wanderer: Tomasz Konieczny
Alberich: Richard Paul Fink
Mime: Herwig Pecoraro
Erda: Janina Baechle
Fafner: Mikhail Petrenko

Götterdämmerung 25.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Hagen: Falk Struckmann
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Gunther: Boaz Daniel
Gutrune: Caroline Wenborne
Alberich: Richard Paul Fink

Simon Rattle hatte nur wenige Male den Parsifal in der Wiener Staatsoper dirigiert. Eine gute Entscheidung des damaligen Direktors Ioan Holenders, denn Rattle ist ein maximal mittelmäßiger Wagner-Dirigent. Beim Rheingold finde ich seine musikalische Herangehensweise noch interessant: Er setzt auf hohe Transparenz und langsame Tempi, was mich manchmal an Celibidache, manchmal sogar an Leonard Bernstein erinnert. Bei der Walküre funktioniert dieses zerfaserte Musizieren nur noch stellenweise und der Feuerzauber des Finales war an Fadesse kaum zu überbieten. Das Ende der Götterdämmerung ditto. Bei manchen Orchesterpassagen hatte ich die ernsthafte Befürchtung, Rattle würde während des Dirigierens einschlafen. Diese Art der Interpretation erzeugt im Idealfall eine unerträgliche Spannung, hier ist sie nur langweilig. Franz Welser-Möst brachte das vor zwei Jahren um Welten besser hin.

Vokal ist dieser Ring dagegen deutlich besser als orchestral. Höhepunkte sind hier Rheingold, wo es wenig auszusetzen gibt, und Siegfried. Sängerisch mein bisher bester dritter Teil des Rings. Das liegt nicht zuletzt an der phänomenalen Form des Stephen Gould, der am Ende der vier Stunden noch so frisch und energiereich sang als sei er eben auf die Bühne getreten. Evelyn Herlitzius als Brünnhilde überzeugt mich dagegen nicht restlos. Sie hat zwar eine enorme Bühnenpräsenz, weil sie ein für die Oper ungewöhnliches schauspielerisches Talent mitbringt. Ihr Stimmvolumen ist ebenfalls beeindruckend. Sie klingt allerdings in den lautesten Passagen für meinen Geschmack zu schrill. Auch die Götterdämmerung bezog ihre musikalische Qualität vor allem von Gould und Herlitzius.

Der berühmte erste Aufzug der Walküre ist auf hohem Niveau enttäuschend. Christopher Ventris singt zwar technisch einwandfrei, ist aber anscheinend nicht wirklich bei der Sache, während Mikhail Petrenko als Hunding und Martina Serafin als Sieglinde ihm deutlich überlegen sind. Michaela Schuster als Fricka liefert immer eine herausragende Leistung ab. Tomasz Konieczny Wotans ist ausnahmelos sehr kraftvoll und treffend, allerdings irritiert seine seltsame Vokalfärbung. Ohne diese wäre er der perfekte Wagner-Wotan.

Über die misslungene Inszenierung habe ich mich ja schon mehrmals ausgelassen, beispielsweise hier.

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Das ästhetisch Revolutionäre an Rilkes Roman wird deutlich, wenn man ihn mit seinen großen Zeitgenossen vergleicht. Zwei Jahre nachdem Fontane 1899 seinen fantastischen Der Stechlin abschloss, beginnt 1901 der junge Rilke an den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu schreiben. Im gleichen Jahr erscheint ein weiterer Höhepunkt des realistischen Romans: Die Buddenbrooks. Während Theodor Fontane und Thomas Mann ästhetisch das 19. Jahrhundert zu einem Abschluss bringen, wirft der Rilke in seinem Buch alle diese Konventionen um: Weder gibt es eine klare Chronologie noch einen herkömmlichen Erzähler. Das kann selbst heute noch Leser irritieren, welche sich durch die klassische Moderne lasen.

Die Aufzeichnungen schreibt ein achtundzwanzig Jahre alter Däne, ein verarmter Adeliger, der in Paris gelandet ist. Der Text besteht aus einer Kombination von “klassischen” Handlungselementen, langen Reflexionen und Assoziationen. Die Paris-Passagen finde ich am besten gelungen, während mich die beiden anderen Hauptorte der Handlung, das Schloß der Brigges und das Urnekloster, in denen Malte seine Kindheit verbringt, weniger interessieren. Das mag auch am Thema des Okkulten liegen, das eine wichtige Rolle spielt. Das letzte Drittel des Romans bekommt von Rilke dann noch eine historische Dimension verpasst, indem sich Malte etwa mit Karl dem Kühnen auseinandersetzt.

Die formale und kulturgeschichtliche Bedeutung des Romans drängt sich bei der Lektüre förmlich auf. Rilke formuliert als einer der ersten das moderne, verunsicherte Bewusstsein mit neuen literarischen Mitteln:

Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?

Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheiten an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht, wie die Salonmöbel in den Sommerferien?

Ja, es ist möglich.
[S. 23]

Hugo von Hofmannsthal fühlte sich ähnlich verunsichert und versuchte diese Erkenntniserschütterung in Literatur zu gießen. Mir persönlich fehlt aber der strukturelle Zusammenhalt, welche die Meisterwerke der Moderne trotz ihres Avantgardismus auszeichnet, man denke nur an den grandiosen Ulysses. Aber das einem literarischen Pionier vorzuhalten, wäre unfair.

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Insel)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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