[Aus dem Archiv] Wie kann man sich seriös informieren?

Letztes Update: 24.9. 2017

Ich bin in fast allen Belangen ein Qualitätsfanatiker. Das gilt auch für meine Informationsquellen: Meine Ansprüche an journalistische Standards und Analysen sind die höchsten. Seit Jahrzehnten war und bin auf der Suche nach den besten Medien. In Zeiten, in denen sich viele Menschen glücklich in ihrem Informationsmüll suhlen, hier ein Leitfaden, wie man sich seriös informieren kann.

Einschränkend sei hinzugefügt, dass ich bereits vor Jahrzehnten überwiegend bei englischsprachigen Medien gelandet bin, weil deutschsprachige (leider!) nur selten die Qualität der besten angelsächsischen Angebote erreichen. Fakt ist auch: Wer die beste Qualität will, muss dafür bezahlen. Meine dringende Empfehlung ist also: Wer auf exzellente Informationen wert legt, muss zumindest gut Englisch lesen können.

Vorab die Technik: Für Podcasts nutze ich die Android-App Pocket Casts, als RSS Reader verwende ich Feedly. Einfach die unten erwähnten Podcasts bzw. RSS-Feeds in diesen Apps suchen und abonnieren. Beide sind bei mir im Dauereinsatz. Oft benutze ich auch den Kindle (Paperwhite & Apps). Als Geräte im Einsatz sind derzeit ein Nexus 6P für unterwegs sowie ein Samsung Tab S2 für daheim.

Die Grundversorgung

Völlig unverzichtbar für mich als intellektuelle Grundversorgung ist die New York Review of Books. Seit ziemlich genau zwanzig Jahren lese ich jede Ausgabe. Geboten wird einerseits bester Journalismus zu (welt)politischen Themen, oft als Kombination von Reportage & Analyse, so dass es kein wichtiges Thema gibt, über das man nicht regelmäßig auf höchstem Niveau informiert wird. Gleichzeitig gibt es ein weites Spektrum an Artikeln über kulturelle und wissenschaftliche Themen: Von der Kunstgeschichte bis zur Physik. Herausragend auch die vielen historischen Aufsätze, von der Antike bis in die Gegenwart. Die Autoren zählen alle zu den besten ihres Faches. Die Artikel sind sehr ausführlich und meist hervorragend geschrieben – das Gegenteil des allgegenwärtigen Häppchenjournalismus. Ich beziehe ein Printabonnement, lese die Artikel inzwischen aber auch oft online im Web, was im Abo inkludiert ist. In dem hypothetischen Szenario, dass ich mich auf ein einziges Medium beschränken müsste, wäre das zweifellos die NYRB.

Der zweite Grundpfeiler ist The Economist, den ich ausschließlich digital rezipiere. Die Korrespondenten und Journalisten gehören weltweit zu den besten ihrer Zunft. Nicht wenige sind im klassischen Sinne gebildet und deshalb in der Lage, ihre Themen (kultur)historisch überzeugend einzuordnen. Einzigartig ist die umfangreiche Auslandsberichterstattung. Keine aktuelles Medium bietet mehr Informationen über mehr Länder dieser Erde, von Afrika bis Zentralasien. Sehr gut ist auch die Wissenschafts- und Technologieberichterstattung sowie die ausführlichen Hintergrundberichte (Briefings) in jeder Ausgabe zu einem breiten Themenspektrum. Die Blattlinie ist im besten Sinne (Menschenrechte, Fokus auf individuelle Freiheit) liberal. Weniger sympathisch ist mir die Verteidigung der Finanzindustrie und die teilweise neoliberalen Positionen. Aber der Dogmatismus hält sich auch hier in Grenzen, wie etwa das regelmäßige Eintreten für einen Mindestlohn oder für Globalisierungsverlierer zeigt.

Erwähnenswert ist, dass die App eine Audio-Ausgabe inkludiert: Alle Artikel werden von guten britischen Sprechern gelesen, so dass man sie auch unterwegs anhören kann. Abgerundet wird das Angebot von Economist Espresso (Android App). Hier bekommt man einen – angesichts der Kürze – sehr gut gemachten Tagesausblick sowie einen Rückblick auf den Vortag. Auch mit dem Podcast Economist Radio macht man als Ergänzung nichts falsch.

Der günstigste Weg den Economist zu lesen ist übrigens über das Kindle-Abo. Für 10 Euro im Monat bekommt man alle Ausgaben. Nachteil: Der unbegrenzte Zugang zur Webausgabe (und damit zum Archiv) ist nicht inkludiert. Ebensowenig die sehr praktische Audioversion und der Espresso.


Tagesaktuelles

Von Fernsehnachrichten bin ich seit längerem völlig abgekommen. Falls doch einmal, dann bevorzuge ich Euronews. Klassische Hauptnachrichtenquelle für mich ist der Deutschlandfunk, sowohl die Nachrichten als auch die Informationssendungen. Alles höre ich überwiegend zeitversetzt als Podcast, manchmal auch klassisch als Internetradio. Ich empfehle hier als Podcasts die Informationssendungen des Deutschlandfunk Informationen am Morgen, Informationen am Mittag, Informationen am Abend und BBC World Service Global News. Auf die tägliche Sendung Deutschlandfunk Hintergrund sei ebenfalls hingewiesen.

Statt traditionelles Fernsehen empfehle ich die You Tube Channels von Reuters, Al Jazeera, Vice News sowie (mit einigen Vorbehalten bezüglich der Themenauswahl) die amerikanischen Young Turks. Letztere als Gegenpol zu den amerikanischen Mainstream-Medien.

Für aktuelle Technik-News bevorzuge ich den heise Newsticker als RSS.

Exzellente Kultur-Nachrichten bekommt man bei diesen Podcasts: Ö1 Kultur (Österreich und Wien), Deutschlandfunk Kultur heute, Deutschlandradio Kultur Kulturnachrichten und Deutschlandradio Kultur Fazit.

Aus Zeitgründen nicht täglich, aber doch oft lese ich ausgewählt die New York Times, überwiegend via Tablet App. Nachdem ich ein Probeangebot kündigen wollte, zahle ich derzeit nur 6 Euro pro Monat statt des Listenpreises von 30 Euro pro Monat. Ein gutes Investment.

Für die Österreichberichterstattung bevorzuge ich Die Presse als RSS-Feed bzw. seltener auch die App.

Folgende RSS-Feeds nutze ich in Feedly:
Politik: Reuters Top News, DiePresse.com, FAZ Ausland, wien.orf.at
Kultur: Die ZEIT Kultur, Standard.at Kultur, DiePresse.com Kultur, FAZ Feuilleton

Zur Abrundung und als Gegenpol zu den traditionellen Medien schließlich verwende ich Reddit, eine unter Nerds legendäre Crowdsourcing-Newsseite. Jeder kann dort anonym Links posten, die von allen bewertet werden. Je höher die Wertung, desto besser das Ranking. Was Nachrichten angeht, empfehle ich hier die Wordnews. Man muss dabei allerdings seinen Verstand einschalten, weil darunter auch fragwürdige Quellen auftauchen können.

Wöchentliches

Über die Wochenzeitschrift The Economist ist bereits alles gesagt. Bleibt noch die Wiener Stadtzeitung Falter, den ich als Printabo beziehe. Einerseits wegen der Wienberichterstattung (Kultur!), aber auch um in Sachen österreichischer Politik auf dem Laufenden zu bleiben. Der Falter bietet in Österreich die wohl beste journalistische Qualität, was Recherchehandwerk und Themenauswahl angeht.

Hörenswerte wöchentliche Podcasts sind alle des The Economist Radio.

Hintergründiges und Spezielles

Nach Themen, welche mich interessieren, durchforste ich etwa zwei Mal im Monat die New York Times, speziell die Sektionen Books, Science und Technology.

Im Kindle-Abo lese ich ferner die amerikanische Monatszeitschrift The Atlantic. Weltklasse-Journalismus bieten hier regelmäßig die monatlichen Features, an denen man ab und an mehrere Stunden liest.

Für Technik-Themen schließlich lese ich seit mindestens 25 Jahren im Printabo die c’t, ergänzt durch den Podcast c’t Uplink.

Über Neuigkeiten in der Wissenschaft informiere ich mich – neben The Economist und New York Review of Books – über folgende Podcasts: Deutschlandfunk – Aus Kultur und Sozialwissenschaften, BBC Inside Sciene, Deutschlandfunk – Forschung aktuell, Deutschland – Wissenschaft im Brennpunkt und Ö1 Wissen.

Viele der erwähnten Medien informieren auch über Buch-Neuerscheinungen. Zusätzlich verwende ich hier den Perlentaucher, hier wieder gerne den Newsletter Bücher des Monats. Eine gute Anlaufstelle dafür ist auch Literaturkritik.de, besonders auch der praktische Newsletter.
Als Podcast höre ich schließlich ausgewählte Rezensionen der täglichen Deutschlandfunk-Sendung Büchermarkt sowie fast immer zeitversetzt das Buch der Woche, wo jeden Sonntag im Büchermarkt eine einzige wichtige Neuerscheinung vorgestellt wird. Abonniert habe ich ferner die Podcasts SWR 2 Literatur, Deutschlandradio Kultur Buchkritik und WDR 2 Bücher. Hörenswert ist auch der Inside The New York Times Book Review.

Podcasts, die sich auf hohem Niveau mit unterschiedlichen Themen beschäftigen sind: Intelligence Squared, Guardian Audio Long Reads, Bayern 2 radio Wissen und BBC 4 In Our Time.

Abschließend möchte ich noch an einen alten Bekannten erinnern, den ich sehr intensiv nutze, nämlich die Google Alerts, von denen ich knapp hundert aktive habe. Die meisten sind auf wöchentlich eingestellt, es gibt aber auch eine Reihe von täglichen Alerts, etwa Österreich, Austria, Wien und Vienna. Die Alerts lese und manage ich über die Google Inbox App.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Die beste aller Welten

Filmcasino 9.9. 17

AT 2017
Regie: Adrian Goiginger

Einen international viel beachteten österreichischen Debütfilm gibt es nicht jedes Jahr. Die auf diversen Festivals durch Kritiker und Zuseher gestreuten Lorbeeren sind durchaus berechtigt. Die beste aller Welten ist eine Milieustudie aus der Salzburger Drogenszene. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines siebenjährigen Jungen. Der wächst mit seiner nach Heroin süchtigen Mutter in einer tristen Wohnsiedlung auf. Goiginger gelingt es hervorragend, die Wahrnehmungsperspektive des Kindes einzunehmen für das diese Drogen-WG ein selbstverständliches Umfeld ist: Die beste aller Welten. Das große Verdienst des Films ist es, dass er weder ein Sozialporno noch ein sozialpädagogisches Rührstück ist. Er zeigt dieses traurige Leben wie es ist und lässt mir als Zuseher den Raum, ein eigenes Urteil zu bilden. Der Junge will Abenteurer werden und seine Träume bekommen als Monsterjagd eine eigene filmische Ebene. Aus der Perspektive des Kindes ist die Gleichsetzung der Drogensucht mit dem Dämon seiner Fantasie auch durchaus plausibel. Während die tristen Lebensverhältnisse meist in engen Räumen gefilmt werden, taucht das schöne Salzburg bildlich nur selten als ferner Hintergrund auf. Der Film packt das Publikum zu Beginn und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los.

Das Ende ist es allerdings, das mir die Freude etwas trübt: Das Christentum als Retter von der Drogensucht inklusive einem happy ending. Dem Abspann nach hat sich diese Geschichte tatsächlich so ähnlich zugetragen, was meinen Einwand natürlich relativiert. Trotzdem wäre der Film ästhetisch stärker mit einem offenen Ende gewesen.

Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Voraufführung

Burgtheater 7.9. 17

Regie: Leander Haußmann

Theseus: Daniel Jesch
Hippolyta: Alexandra Henkel
Oberon: Johannes Krisch
Titania: Stefanie Dvorak
Egeus: Franz J. Csencsits
Lysander: Martin Vischer
Demetrius: Matthias Mosbach
Hermia: Sarah Viktoria Frick
Helena: Mavie Hörbiger
Philostrat/Puck: Christopher Nell
Peter Squenz, der Zimmermann/Prolog: Hans Dieter Knebel
Zettel, der Weber/Pyramus: Johann Adam Oest
Schnock, der Schreiner/Löwe: Peter Mati?
Flaut, der Bälgenflicker/Thisbe: Martin Schwab
Schnauz,der Kesselflicker/Wand: Hermann Scheidleder
Schlucker, der Schneider/Mond: Dirk Nocker
Oberelfe: Elisabeth Augustin

Oft war ich schon im Burgtheater, aber was ich am Donnerstag erlebe war bisher einzigartig. Leider im schlechten Sinn des Wortes. Regelmäßige Besucher des Hauses wissen, dass sich zwischen die Weltklasse-Inszenierungen immer wieder einmal erstaunlich schlechte Regiearbeiten schieben. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man bedenkt, wie viele Faktoren für einen erstklassigen Theaterabend zusammenkommen müssen. Wenn das Burgtheater nun aber spontan eine Premiere verschiebt, muss es um die Qualität außergewöhnlich übel stehen. Ursprünglich sollte der Sommernachtstraum sein Debüt am 6. September feiern und wurde nun kurzfristig auf den 10. September verschoben. Eine mutige Entscheidung aus ästhetischen Gründen, würde man unter normalen Umständen wohlwollend nickend einräumen. Gäbe es nicht einen großen Haken: Aus wirtschaftlichen Gründen strich man keine Vorstellung, sondern benannte sie schlicht in „Voraufführungen“ um. So sitze ich denn mit meinem Zyklus „Nach der Premiere“ plötzlich in einer Aufführung vor der Premiere.

Wie befürchtet, nimmt die Theaterkatastrophe ihren Lauf. Karin Bergmann ersucht das Publikum vor Beginn um wohlwollendes Verständnis und fügt scherzend an, sie hoffe, der Regisseur würde sich nicht in den Abend einmischen. Die Komödie beginnt! Von einer magischen Zauberwelt ist nichts zu sehen. Haußmann scheint mehr auf die Wirkung einer überdrehten Wahnsinnswelt abzuzielen. Als Idee durchaus legitim, funktioniert deren Umsetzung aber gar nicht. Sollte der Regisseur dieses Befremden beim Zuschauer absichtlich induzieren wollen, passt es nicht zum klassisch komödiantisch angelegtem Theater im Theater der Handwerker. Einige Szenen und Dialoge funktionieren kurz, aber insgesamt ist die Inszenierung völlig zerfasert. Mäßig amüsante Regieideen wirken konzeptlos in großen Abständen aneinandergereiht.

Als sich die beiden verzauberten Liebespaare im Wald schließlich zum „Showdown“ begegnen, greift prompt Haußmann ein. Meine Hypothese wäre, dass es sich dabei um einen geplanten Gag handeln sollte, weil a) Bergmann ihn angekündigt hat; b) Haußmann den Effekt, welchen eine auf diese Weise unterbrochene Vorführung hat, abschätzen kann; c) der ganze Auftritt nicht authentisch, sondern schlecht geschauspielert wirkt; und d) der Auftritt des Regisseurs das Theater im Theater spiegelt und damit strukturell geistreich sein könnte. Wie dem auch sei: Er lässt die Szene noch mal spielen, weil die Parallelität nicht funktioniere, wie er uns wissen lässt.

Sollte es ein Gag gewesen sein: Das Wiener Publikum wusste es nicht zu schätzen. Neben zaghaftem Verlegenheitsapplaus gab es einige sehr böse Buhs. Als sich der Regisseur dann noch mal kurz auf der Bühne blicken lässt, hallt ein herzhaft Wienerisches „Schleich di!“ durch das Burgtheater, dem Haußmann auch schnurstracks nachkommt.

Das letzte Drittel zieht sich unglaublich in die Länge, was nicht nur an hilflos choreografierten Massenszenen mit Beteiligung der Theatertechnik liegt, ganz so, als gäbe es etwas Faderes als viel zu lange auf dem Theater-im-Theater-Effekt herumzureiten. Das Einzige, was einigermaßen funktioniert, ist Probe und Aufführung von Pyramus und Thisbe, was aber ausschließlich an Shakespeare und den alten, erstklassigen Burgtheaterhaudegen liegt, welche die Handwerker spielen.

Karin Bergmann hätte besser den Mut gehabt, einige Schließtage zu riskieren, als ihrem Publikum einen solchen deplorablen Abend zuzumuten.

Josef Kreiner (Herausgeber): Geschichte Japans

Die Geschichte Japans war mir im Gegensatz zu jener Chinas nur kursorisch bekannt. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für die geplante Studienreise. Dieses für Reclam-Verhältnisse dicke Buch (522 Seiten!) schuf dessen nun erste Abhilfe. Geschrieben von einem Expertenkollektiv, die sich allerdings an strenge Gliederungsvorgaben halten: Einem Epochenüberblick folgen bei den neun Kapitel eine Zeittafel, bevor schließlich der Zeitraum in thematischen Abschnitten erschlossen wird. Abgedeckt die komplette Geschichte des Landes, von der Urgeschichte bis ins 21. Jahrhundert.

Hauptverdienst des Buches ist sicher die akademische Fundierung des Berichteten, ohne auf Kosten der Lesbarkeit zu gehen. So werden ab und zu auch die Forschungsgeschichte, Kontroversen und die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Japanologie angesprochen. Für Einsteiger wie mich wird mit vielen Klischees aufgeräumt, etwa dass für Samurai immer das Schwert die wichtigste Waffe war (lange war es der Bogen) oder dass die Meiji-Restauration aus dem Nichts kam (es gab eine wichtige vorindustrielle Phase).

Ansonsten werde ich bei der Lektüre in vielen meiner bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Vom ständigen Gebrauch der Religion und Ideologie für den Machterhalt bis hin zum in der japanischen Geschichte immer wieder beobachtbaren Phänomen, dass Planwirtschaft zu Wirtschaftskrisen führt. Noch länger als im Westen wird die Hochkultur primär von einer kleinen Hofelite getragen. Eine bürgerliche Kultur entsteht erst deutlich später als in Europa.

Empfehlenswert für alle Geschichts- und Asien-Interessierte – auch wenn keine Japan-Reise ansteht.

Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans (Reclam Sachbuch)

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen

Wie immer besteht ein Teil meiner Reisevorbereitungen in der Auseinandersetzung mit der Literatur des Landes. So beschäftige ich mich seit dem Herbst immer wieder mit japanischen Klassikern. Der berühmteste, Murasaki Shikibus mittelalterlicher The Tale of Genji, ist ein Langzeitprojekt. Sehr bekannt in Nippon ist auch Ryunosuke Akutagawa, einer der einflussreichsten Erzähler der japanischen Moderne und ein Zeitgenosse von Musil, Kafka und Joyce. Freilich war Akutagawa ästhetisch nicht so modern, wie seine Kollegen in Europa. „Modern“ in Japan meint in dieser Zeit primär westlich, und der Autor schlägt in seinen Erzählungen viele Brücken zwischen dem traditionellen und dem modernen Japan. Die Modernisierung des Landes nach der Meiji Restauration 1868 innerhalb weniger Jahrzehnte zählt überhaupt zu einer der spannendsten Perioden der Weltgeschichte.

Akutagawa gelingt diese Überbrückung, indem er eine Reihe von bekannten historischen Stoffen, teilweise aus der Sagenwelt, in moderner Prosa neu erzählt. Er bringt damit traditionelle Inhalte in eine westliche Form und reichert sie zusätzlich noch mit einer individualistischen Psychologie an. Statt auf überlieferte Werte zu setzen, stehen Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven im Mittelpunkt seiner Prosa. Seine erste Kurzgeschichte, Rashomon, ist wegen ihrer Düsterheit gleich eine seiner besten und im Westen vor allem durch den gleichnamigen Film Kurosawas bekannt, der sie gemeinsam mit der Erzählung Im Dickicht zu einem der berühmtesten Klassiker der Filmgeschichte verarbeitete.

Die im dicken Sammelband – 450 eng gesetzte Seiten – enthaltenen 26 Prosawerke lesen sich trotz aller stilistischen Gemeinsamkeiten sehr abwechslungsreich. Ein Interesse an japanischer Kultur und Geschichte sollte man für die Lektüre aber mitbringen.

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen (Sammlung Luchterhand)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik

Für Laien über Physik zu schreiben, ist nicht einfach. Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Uni Marseille, versucht sich gleich am Meisterstück: Eine Kurzeinführung in die komplexesten Themen der Physik für Menschen ohne Vorkenntnisse. Das gelingt ihm auch durchaus passabel. Gravitation, Quanten und Kosmologie sind nur drei seiner Themen. Vieles ist dem Wissenschaftsinteressierten natürlich bekannt, trotzdem sieht man neue Zusammenhänge und bekommt neue Einsichten. Über Quantengravitation etwa erfahre ich viel Neues. Rovelli stellt seine theoretischen Steckenpferde allerdings etwas irreführend so dar, als seien sie bereits physikalischer Mainstream, was allerdings gar nicht zutrifft. Auch wenn er ins Philosophische abdriftet und etwa plötzlich über Heidegger schwadroniert, schadet das dem Buch mehr als es ihm nützt. Trotzdem habe ich selten eine so konzise und gut verständliche Darstellung von Einsteins Relativitätstheorien gelesen.

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik. (Rowohlt)

Privatbibliothek: Neuzugänge

The Party

Filmcasino 30.7. 17

UK 2017

Regie: Sally Potter

In einer Wohnung in London soll der Erfolg einer Karrierefrau gefeiert werden: Sie wird Gesundheitsministerin. Eingeladen ist nur ein kleiner Kreis von Freunden, die mit der Ausnahme eines Bankers alle dem linksliberalen Milieu angehören. Die Party kippt wegen diverser Enthüllungen schnell in ein dramatisches Desaster, wie man das von den einschlägigen angelsächsischen Theaterstücken (Who’s Afraid of Virginia Woolf etc.) her kennt. Sally Potter legt dieses Abgleiten allerdings als Komödie an. Nun dürfen Komödien natürlich genrespezifisch mit Charaktertypen arbeiten. In The Party sind die Figuren aber so klischeehaft, dass es auf mich mehr traurig als komisch wirkt. Vom hysterischen Koksbanker über die militante Lesben-Feministin bis zum Klischee-Esoteriker, den der arme Bruno Ganz spielen muss, sehen wir nur Schablonen. Es gibt einige komische Momente und die Pointe am Schluss ist durchaus gelungen. Das kann den Film aber nicht retten. Das fast einhellige Lob der Kritik für dieses Klischeebombardement kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century

Wie schnell eine Demokratie ins Wanken geraten kann zeigt die Wahl des Donald Trump zum Präsidenten der USA. Man kann lange darüber debattieren, was niedriger sei: Trumps Intelligenz oder seine moralischen Standards? Egal wie die Antwort darauf ausfällt, es handelt sich um einen politischen Tiefpunkt in der Geschichte des Westens.
Timothy Snyder, ein Kenner der dunkelsten Seite der europäischen Geschichte packt die Lehren dieser Zeit in sein kurzes Buch On Tyranny, das sich primär an (junge) Amerikaner richtet und ihnen anhand von zwanzig Beispielen erläutert, wie schnell eine Demokratie in eine Diktatur kippen kann, und wie man sich am besten dagegen wehrt.

Es folgen drei Beispiele. Diese „Lessons“ werden dann jeweils historisch begründet.

Lesson 9: Be kind to your language.
Avoid prononouncing the phrases everyone else does. Think up your own way of speaking, even if only to convey that thing you think everyone is thinking. Make an effort to seperate yourself from the internet. Read books.

Lesson 10: Believe in truth.
To abandon facts is to abandon freedom. If nothing is true, then no one can critize power, because there is no basis upon which to do so. If nothing is true, then all is spectacle. The biggest wallets pays for the most blinding lights.

Lesson 18: Be calm when the unthinkable arrives.
Modern tyranny is terror management. When the terrorist attack comes, remember that authoritarians exploit such events in order to consolidate power. The sudden disaster that requires the end of checks and balances, the disolution of opposition parties, the suspension of freedom of expression, the right to fair trial, and so on, is the oldest trick in the Hitlerian book. Don’t fall for it.

Für Nr. 18 liefert Erdogan ja in der Türkei seit einem Jahr den besten Anschauungsunterricht.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century. (The Bodley Head)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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