[Aus dem Archiv] Empfehlungen: Great Courses – die besten Kurse

Letztes Update am 20.11. 2016

Die Great Courses habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Seit kurzem gibt es die Kurse auch als Video-Downloads. DVD-Bestellungen waren wegen Zollgebühren etc. bisher mühsam.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig „On Sale“ und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Notizen über einzelne Kurse finden sich hier.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
The Persian Empire
Greek and Persian Wars
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians
History of the Ancient World: A Global Perspective

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest
History of England from the Tudors to the Stuarts
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
Origins and Ideologies of the American Revolution
Living the French Revolution and the Age of Napoleon
History of the United States, 2nd Edition
History’s Greatest Voyages of Exploration
Maya to Aztec: Ancient Mesoamerica Revealed

Kunst:

How to Look at and Understand Great Art.
A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:


Your Deceptive Mind: A Scientific Guide to Critical Thinking Skills
Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology
Dark Matter, Dark Energy: The Dark Side of the Universe

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication
Exploring the Roots of Religion

Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Jüdisches Museum Wien 21.5. 2017

Wieder hat sich das Jüdische Museum ein sozialgeschichtliches Thema für seine neue Sonderausstellung ausgesucht: Die Geschichte der jüdischen Kaufhäuser in Wien. Anders als in vergleichbaren Großstädten begann der Wiener Kaufhausboom erst Ende des 19. Jahrhunderts. Viele jüdische Kaufleute nützten die neuen ökonomischen Freiheiten und gründeten imposante Konsumtempel. Vom „Arbeiterkaufhaus“ am Brunnenmarkt bis zu Edeltextilgeschäften in der Innenstadt wurde das gesamte demographische Spektrum angesprochen.
Im Fokus der Schau sind die Besitzer der Warenhäuser und deren Familien, weniger wirtschaftsgeschichtliche Perspektiven, obwohl man dazu auch einige interessante Informationen erhält. Die Blüte dieser jüdischen Geschäftskultur nimmt mit Hitlers Anschluss natürlich ein jähes Ende und die lukrativen Firmen werden schnell arisiert. Der geschäftliche Wiederaufbau nach dem Krieg wird ausführlich dokumentiert. Ich empfehle, sich alle Videos mit den Zeitzeugen anzusehen, weil sie das Gezeigte mit einem individuellen Kontext versehen. (Bis 19.11.)

Hell Or High Water

Filmcasino 19.5. 17

USA 2016

Regie: David Mackenzie

Vom Genre her ein moderner Western, der im von der Wirtschaftskrise gebeutelten West-Texas spielt. Genrespezifisch gibt es klare Fronten. Der Film erzählt eine Art Robin-Hood-Geschichte: Zwei Brüder holen sich durch kleine Banküberfalls jenes Geld zurück, dass sie ihrer Hausbank schulden, um eine drohende Pfändung zu vermeiden. Zwei alte Ranger nehmen die Verfolgung auf. Die zwischenmenschliche Dynamik zwischen den jeweiligen Paaren tragen viel zur Qualität des Filmes bei. Ebenso die teils sehr skurrilen Figuren und das düstere und depressive Setting. Man versteht, wie solche Menschen Trump-Wähler werden, auch wenn man es nicht billigt. Ein beachtenswerter cineastischer Kommentar zum aktuellen Zustand Amerikas und einer der besten amerikanischen Filme des letzten Jahres.

Aischylos: Die Orestie

Gleich zwei Anlässe habe ich, die Orestie wieder einmal zu lesen. Zum einen die bei Reclam in einem schönen bibliophilen Band erschienene Neuübersetzung durch Kurt Steinmann. Zum anderen die neue Inszenierung der Trilogie im Burgtheater.

Aischylos ist aus vielen Gründen einer der wichtigsten antiken Klassiker. Nicht nur begründet er mit der Tragödie eine der bis heute einflussreichsten Kunstformen. Auch ästhetisch setzt er mit seinen strukturellen und sprachlichen Elementen ein wichtiges Fundament für die Weltliteratur. So führt er als erster einen zweiten Schauspieler ein und erfindet damit den Dialog. Gleichzeitig sind seine Dramen Dokumente aus einer der spannendsten Epochen der europäischen Geschichte, weil Aischylos sie kurz nach der Einführung der Demokratie in Athen schreibt. In einer Phase also, in der diese revolutionäre Regierungsform noch von vielen Seiten unter Druck steht, nicht zuletzt durch die angreifenden Perser. Aischylos nimmt vermutlich selbst an der Schlacht von Marathon teil. Seine berühmten Perser zeigen die Niederlage aus deren Sicht, was für diese Zeit ein beachtliches Maß an ästhetischer Empathie und dramaturgischer Raffinesse bedeutet.

Ganze sieben der schätzungsweise neunzig Stücke des Autors sind überliefert. Die Orestie ist die einzige komplett erhaltene Trilogie und erzählt einen wichtigen Teil der berühmt-berüchtigten Geschichte der Atriden. Wegen einer Schandtat des Tantalos verflucht, geschehen in jeder Generation grausame Verbrechen. So opfert Agamemnon wegen günstiger Winde nach Troia seine Tochter Iphigenie. Der erste Teil der Orestie trägt den Titel Agamemnon und handelt von dessen Rückkehr und Ermordung durch seine Frau Klytaimestra. Teils aus Rache für den Tod ihrer Tochter, teils aus Geilheit für ihren Geliebten Aigisthos. Wegen des klugen Aufbaus des Stücks, der effektiven Bildsprache und Chorszenen sowie des komplexen Charakters der rachesüchtigen Klytaimestra, zählt diese Tragödie zu einem Höhepunkt dieser antiken Gattung überhaupt.

Das Rachemotiv steht auch im Mittelpunkt Choephoren. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Chor des Stücks, einer Gruppe Frauen, die ein Opfer an Agamemnons Grab darbringen, und dabei schließlich gemeinsam mit seiner Schwester Elektra auf Orest treffen. Im Mittelpunkt steht wieder eine Gewalttat: Orest ermordet aus Rache seine Mutter Klytaimestra. Gejagt von den Rachegeistern der Eumeniden finden wir im gleichnamigen Abschluss der Trilogie Orest beim Schrein des Apollo in Delphi wieder. Auf Befehl des Orakels muss sich Orest einem Bürgergericht in Athen stellen. Die Erinnyen sind effektive Ankläger, Apollo sein göttlicher Verteidiger. Als die Stimmen der Bürger ein Unentschieden ergeben, greift Athena persönlich ein und stimmt für den Freispruch Orests. Damit verarbeitet Aischylos theatralisch einen wichtigen zivilisatorischen Schritt der Menschheitsgeschichte, nämlich die Ablösung der Blutrache durch ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren. Aischylos wird damit wie Herodot ein wichtiger geistesgeschichtlicher Kronzeuge vom Übergang des mythologischen in ein rationaleres Zeitalter.

Dank der sorgfältigen Übersetzung Kurt Steinmanns kann man die ästhetische Brillanz der Orestie sehr gut auf der sprachlichen und semantischen Ebene nachvollziehen, ziehen sich Teile der Motivik und Metaphorik doch durch die gesamte Trilogie. Diese Mittel des ästhetischen Zusammenhalts prägen Bühnenwerke seit den Jahrtausenden bis heute. Die Ausgabe ist durch den Kommentar zur Übersetzung, den Anmerkungen zum Text sowie die sorgfältige Ausstattung (Lesebändchen!) eine vorbildliche Klassikerausgabe. Es wäre zu wünschen, wenn Reclam viele gebundene Ausgaben in dieser Qualität brächte.

Aischylos: Die Orestie. Neuübersetzung von Kurt Steinmann (Reclam)

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Filmcasino 12.5. 17

A 2015

R: Teresa Distelberger, Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg

Alle reden von der Krise. Die vier Regisseure dieser Dokumentation wollen zeigen, was man dagegen unternehmen kann. Dazu porträtieren sie sechs Menschen und ihre Projekte, welche alle im Kleinen die Welt verbessern wollen. Beispielsweise eine Architektin, die auf natürliche Baumaterialien setzt, und in Bangladesch eine Schule baut. Die Begründerin eines Hilfsprojekts für arme Menschen oder einen Kulturhistoriker, der seine Studenten über die Tektonik der Gegenwart aufklärt. Alle sechs können eloquent ihre Anliegen darlegen: Man hört ihnen sehr gerne zu. Der Film ist auf provinzielle Projekte fokussiert, weshalb mir das Urbane beim Weltretten etwas zu kurz kommt. Die Zukunft ist besser als ihr Ruf erreicht allerdings tatsächlich, dass man das Kino merklich optimistischer verlässt, als man es betreten hat. Keine kleine Leistung für einen Dokumentarfilm.

Ein ehrenwerter Bürger

Filmcasino 28.4. 17

ARG/E 2016

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Eine argentinische Komödie über einen fiktiven Literaturnobelpreisträger. Bereits der Beginn ist sehr treffend, wenn Daniel Mantovani in Stockholm den Preis entgegennimmt, ihn rhetorisch elegant zerlegt und dafür mit tosenden Applaus bedacht wird. Der Film zeigt das zermürbende Leben eines sehr prominenten Kulturschaffenden. Für Kreativität ist kaum mehr Zeit vor lauter repräsentativen Verpflichtungen. Als Mantovani die Einladung erreicht, er möge aus Europa zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft in sein altes argentinisches Dorf zurückkehren, entschließt er sich dazu nach einigem Zögern. Es entfaltet sich vorhersehbar das nicht übermäßig originelle Topos „Intellektueller trifft auf tiefste Provinz“. Nicht alle im Ort sind erfreut über die Darstellung des Dorfes in seinen Büchern. Es gibt neben diesen Konflikten auch alte und neue Liebschaften. Das ist amüsant zu sehen und handwerklich plausibel umgesetzt. Kein Komödienkunstwerk, aber gute Unterhaltung, speziell für Literaturfreunde.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

Viel wird wieder geredet vom christlichen Abendland. Europa sei nun mal christlich geprägt. Das ist auf einer Ebene natürlich völlig korrekt, auf einer anderen Ebene aber völlig falsch. Korrekt ist es beispielsweise, was die Architektur und Teile der Kunstgeschichte betrifft. Falsch hingegen ist es, wenn man damit die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung Europas meint. So ist auch niemand der Christlichen-Abendland-Fasler in der Lage auf Nachfrage zu präzisieren, was er eigentlich meine.

Wohlwollend könnte man noch vertreten, dass das Christentum & die Kirche als Gegner all jener europäischen Werte wichtig war, welche heute Europa im Kern ausmachen: Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Selbstbestimmungsrecht des Individuums und viele andere mehr. Sie alle wurden gegen den heftigen Widerstand der Kirche durchgesetzt. Die Inquisition, die bisher erfolgreichste Terrororganisation der Weltgeschichte, wurde gegründet, um diese von uns heute so geschätzten Fortschritte zu verhindern. Wo immer die Kirche in der Gegenwart noch die Möglichkeit hat, wird dieser Feldzug gegen die Freiheit mit aller Kraft fortgesetzt. Polen ist nicht das einzige Beispiel.

Weitet man die analytische Linse auf die kulturgeschichtliche Entwicklung, sieht man schnell, das die betreffenden Politiker schlicht nicht wissen, auf welchen Fundamenten ihre Kultur beruht. Hier kommt nun Rolf Bergmeiers Buch ins Spiel, der ausführlich und wissenschaftlich fundiert belegt, wie wichtig die arabische Kultur für die Entwicklung von Europas Kultur und Wissenschaft war. Die geistigen und urbanen Zentren im Mittelalter waren nämlich alle in arabischer Hand. Von Bagdad bis Cordoba blühte in diesen Jahrhunderten das Geistesleben. Die antike Überlieferung verdanken wir ebenso arabischen Gelehrten wie die Grundlagen der Naturwissenschaften, die wie im Fall der Medizin dann in Europa über Jahrhunderte benutzt, aber nicht weiterentwickelt wurde.

Christlich-abendländische Kultur spannt ein weites historisches Spektrum auf, beginnend mit dem oft verklärten Frühchristentum:

Jedenfalls gärt und rumort es im 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden. Mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Feindschaft blicken rund achtzig christliche Gruppen und Grüppchen aufeinander herab, und die Quellen jener Jahre sind voll von gehässigen Beiträgen und Verwünschungen der Bischöfe untereinander.
[S. 25]

Bergmeier argumentiert das ausführlich anhand vieler Quellen und Fakten. Besonders lesenswert sind seine Gegenüberstellungen zwischen dem christlichen und abendländischen Mittelalter:

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen, um ein Gespür für das Bildungsgefälle zu bekommen: Wenige hundert Handschriften pro Bibliothek in den Klöster- und Kirchenbibliotheken im lateinischen Mitteleuropa gegenüber Hunderttausenden in Kairo, Toledo, Cordoba oder im antiken Rom.
[S. 70]

Er erlaubt sich immer wieder gut formulierte Polemiken und Seitenhiebe, was dem Buch aber deshalb nicht schadet, weil der Kern der Ausführungen exzellent in vielen Fußnoten wird.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Meines Wissens ist Haruki Murakami der weltweit meist gelesene japanische Autor mit literarischem Anspruch. Deshalb will ich vor meiner Japanreise im Herbst mindestens einen seiner Romane lesen. Die Wahl fällt auf Kafka am Strand, weil ihn viele für sein bestes Buch halten. Ich werde auch noch einige japanische Klassiker zur Reisevorbereitung lesen und hier darüber berichten.

Murakamis Roman hat viele Stärken. Im Mittelpunkt steht ein japanischer Teenager, der von zu Hause weg läuft, Unterschlupf in einer Bibliothek und neue Freunde findet, und um den sich die Haupthandlung entfaltet. Parallel dazu wird eine seltsame Geschichte in Rückblenden erzählt, und ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit einem skurrilen alten Mann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Das ist narrativ durchaus komplex und entfaltet schnell eine Sogwirkung. Am Ende finden diese scheinbar so unterschiedlichen Stränge dann natürlich zusammen. Kafka am Strand ist kein realistischer Roman, sondern setzt auf ein – im literaturgeschichtlichen Sinn – romantisches und märchenhaftes Erzählen. Wie Murakami diese fiktionalen Welten evozieren kann, ist handwerklich eine durchaus beachtliche Leistung. Das gilt auch für die Lebendigkeit seiner Figurenzeichnung. Was die Erzählperspektive angeht, ist der junge Kafka für sein Alter wohl etwas zu lebenserfahren und umsichtig, auch wenn das Gegenteil betont wird. Seine Leidenschaft für Bücher macht ihn selbstverständlich für alle Leser sehr sympathisch.

Für einen Bestseller enthält der Roman sehr viel wohlmeinendes Bildungsgut. Es ist für eine junge Leserschaft sicher erfreulich, wenn sie auf diesem Wege mit der Kammermusik Beethovens, den Filmen Truffauts oder wichtigen historischen Ereignissen bekannt gemacht werden. Für mich war allerdings nichts dabei, was ich nicht schon gekannt hätte. Japanisches Bildungsgut einmal ausgenommen. Den Roman durchziehen auch diverse lebensphilosophische Fragestellungen, was mich teilweise an russische Klassiker erinnert, und anderen Bestsellerautoren, wie etwa dem fürchterlich geistlosen Paulo Coelho, intellektuell weit überlegen ist.

Gegen Ende werden mir dann aber die Fantasyanteile doch zu anstrengend. Insgesamt gefällt mir Kafka am Strand deutlich besser als von mir erwartet. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich einen weiteren Roman Murakamis lesen will.

Haruki Murakami: Kafka am Strand (btb)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Aribert Reimann: Medea

Wiener Staatsoper 21.4. 17

Dirigent:Michael Boder
Regie: Marco Arturo Marelli
Medea: Claudia Barainsky
Kreusa: Stephanie Houtzeel
Gora: Monika Bohinec
Kreon: Norbert Ernst
Jason: Adrian Eröd
Herold: Daichi Fujiki

Mehr als sieben Jahre ließ sich die Staatsoper Zeit, diese Neuproduktion von Reimanns Medea wieder einmal ins Programm zu nehmen. Völlig unverständlich angesichts des hohen musikalischen und inszenatorischen Niveaus dieser Aufführung. Wer daran zweifelt, dass die „alte“ Wiener Staatsoper auch zeitgenössisches Musiktheater auf höchstem Niveau auf die Bühne bringen kann, wird hier eines besseren belehrt.
Musikalisch bewegt sich Reimann im üblichen Formkanon der neuen Musik, bringt diesen aber hervorragend mit dem Medea-Stoff zusammen. Dieser Mythos von der ausgestoßenen „barbarischen“ Frau aus einer fremden Kultur ist in Europa ja leider wieder so aktuell wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Das auf eine Felslandschaft reduzierte Bühnenbild mit einem in der Luft hängenden Quader als Palast Kreons und die mit symbolischen Farben arbeiteten Kostüme passen ausgezeichnet zu dem Stoff. Die Aufführung entfaltet eine Wucht, wie man sie etwa von Richard Strauß Elektra kennt. Alle Sänger sind in Bestform und auch das Orchester hat sich die Partitur vorbildlich erarbeitet. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Staatsoper mehr auf Zeitgenössisches setzt.

Ausstellungen in Wien

Zwei sehenswerte Ausstellungen gibt es derzeit in der Albertina: Egon Schiele & Eduard Angeli. Es gibt ja kaum ein Wiener Museum, das nicht einen größeren Bestand an Schiele-Werken hätte, aber die Sammlung an Zeichnungen in der Albertina ist herausragend. Schön, dass sie ihren Bestand wieder einmal in großem Umfang ausstellen. Angeordnet sind die Bilder chronologisch. Einige davon waren mir im Original neu, etwa seine Zeichnungen, die während seines Gefängnisaufenthalts entstanden sind. (Bis 18.6.)
Im Keller ist anlässlich seines 75. Geburtstags eine umfangreiche Retrospektive der Gemälde Eduard Angelis zu sehen, die so ganz anders sind, als man es von der Gegenwartskunst gewöhnt ist: Gegenständlichkeit mit subtilen Widerhaken. Angeli beschäftigt sich mit Räumen und ihre (oft düsteren) Atmosphäre. Menschen interessieren ihn nicht. (Bis 25.6.)

Das Künstlerhaus Wien ist wegen Umbauarbeiten in die Siebenbrunnengasse 26 im fünften Wiener Gemeindebezirk umgezogen und fand eine temporäre Bleibe in dem Stockwerk der ehemaligen Altmann’schen Textilfabrik. Der loftartige Ausstellungsraum eignet sich sehr gut für diesen Zweck. Zu sehen ist dort Das bessere Leben eine politische Konzeptausstellung, die sich mit Problemen der Gegenwart auseinandersetzt, darunter die Flüchtlingskrise. Eingeladen wurden primär Künstler, die einen Bezug zu diesen Themen haben. Prinzipiell bin ich kein großer Freund von „Politik-Kunst“, weil das Ergebnis oft auf Kosten der ästhetischen Qualität geht. Hier gibt es aber eine Reihe von Werken, die Ästhetik mit politischem Anspruch sehr gut verbinden. (Bis 20.5.)

Beide Ausstellungen im Wien Museum sind sehenswert. In der hübsch betitelten Schau Brennen für den Glauben. Wien nach Luther gehen die Kuratoren der protestantischen Phase Wiens nach. Wiens Bevölkerung war nach der Reformation einmal mehrheitlich protestantisch. Viele Stationen zeigen diese Entwicklung und deren spätere Unterdrückung. Es ist sehr viel schönes Druckwerk aus dieser Zeit zu sehen, etwa einer der seltenen Originaldrucke von Luthers 95 Thesen. (Bis 14.5.)
Einen Stock höher setzt man sich mit der Darstellung Wiens aus der Luft auseinander: Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick. Sie zeigt nicht nur historische Pläne und Fotos, sondern beschäftigt sich auch mit der kulturgeschichtlichen Interpretation dieser unterschiedlichen Sichtweisen. (Bis 17.9.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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