[Notiz der Woche] Engagement für ein großes Werk

Der Briefwechsel Martha Musils [1999]

Robert Musils Beziehung zu seinen Verlegern war Zeit seines Lebens eine problematische. Die Publikation seiner Bücher erforderte eine Reihe verlegerischer Tugenden, die damals wie heute Seltenheitswert besitzen, vor allem die Bereitschaft, ökonomische Risiken einzugehen, und den Willen, anspruchsvollen Werken zum Durchbruch zu verhelfen. Musil machte es seinen Verlegern aber auch alles andere als einfach. Die Publikationsgeschichte seines Hauptwerks zeigt das sehr deutlich. Ohne das große Stilbewußtsein und den kompromißlosen künstlerischen Gestaltungswillen des Autors, hätte der Mann ohne Eigenschaften (MoE) nie entstehen können. Doch diese langsame, ästhetisch sorgfältige Arbeitsweise hatte, wenig überraschend, eine ökonomische Kehrseite: Jahr um Jahr mußte Musil seinen Verleger Ernst Rowohlt vertrösten, und die Spannungen zwischen beiden nahmen ständig zu. 1930/31 konnte endlich der erste Band des Romans (Erstes Buch, Kapitel 1-123) erscheinen, zwei Jahre später dann ein Teil des zweiten Buches (Kapitel 1-38). Obwohl von Kennern enthusiastisch begrüßt, gelang Musil damit nicht der ersehnte literarische Durchbruch, was natürlich auch mit der Machtübernahme der Nazis zusammenhing. Bis zum Tag seines Todes, dem 15. April 1942 in Genf, arbeitete Musil weiter an seinem opus magnum und hinterließ eines der vollendetsten Fragmente der Weltliteratur. In den vierziger Jahren war Musil jedoch fast vergessen, seine Wiederentdeckung setzte erst ein Jahrzehnt später mit der umstrittenen Neuausgabe seiner Werke durch Adolf Frisé ein.

Zwei von Marie-Louise Roth herausgegebene Briefwechsel Martha Musils erlauben nun erstmals, sich ein genaueres Bild über die Schwierigkeiten zu verschaffen, die in den vierziger Jahren mit der angestrebten Neuauflage der Werke Musils verbunden waren. Denn nach dem Tod Ihres Gatten setzte Martha Musil alle Hebel in Bewegung, um einen passenden Verlag dafür zu interessieren. Das Buch umfaßt die ausführlich kommentierten Briefwechsel mit dem heute weitgehend vergessenen Schweizer Essayisten und Publizisten Armin Kesser (1906 – 1965), der den größten Teil des Bandes füllt, sowie die Korrespondenz mit Philippe Jaccottet (*1925), dem französischen Übersetzer Musils. Damit liegt freilich nur ein kleiner Teil ihrer Korrespondenz vor, denn sie erwähnt im März 1949 sechs Damen und zweiundzwanzig Herren, mit denen sie in brieflichem Kontakt stünde (S. 275).

Der schriftliche Austausch mit Kesser umspannt den Zeitraum vom Herbst 1942 bis kurz vor ihren Tod am 24. August 1949. Die Beziehung zwischen beiden ist komplex und sie richtig zu rekonstruieren ist nicht einfach, weil für die ersten Jahren nur sehr wenig Briefe Kessers überliefert sind, so daß sich zwangsläufig ein einseitiges Bild ergibt. Martha Musil sah in Kesser einen Geistesverwandten ihres Mannes, weshalb sie großen Wert auf dessen Mitarbeit bei der Neuordnung des Nachlasses und der Konzeption des dritten Bandes des MoE legte. Während Martha Musil häufig und ausführlich an Kesser schrieb, hielt sich dieser auf Distanz, anders sind ihre vielen Klagen über fehlende Antworten und unbeantwortete Fragen nicht zu erklären. Andererseits sind die abgedruckten Briefe Kessers oft durchaus mitfühlend, und es zeugen auch Geschenke und zahlreiche Telefonate für sein Interesse an der Briefpartnerin. Mit der Zeit entwickelte sich jedenfalls ein höheres Maß an Vertrautheit, und Martha Musil brachte ein erstaunliches Verständnis für den schwierigen Charakter Kessers auf. Der Kontakt mit ihm kam bereits zu Lebzeiten ihres Mannes zustande. Es sind auch einige – allerdings unbedeutende – Briefe Robert Musils an Kesser überliefert, und Martha charakterisiert ihn bereits in einem Brief vom 30.1. 1940 an ihre aus ihrer zweiten Ehe mit Enrico Marcovaldi hervorgegangenen Tochter Annina als “einen sehr netten, ernsten jungen Schriftsteller”.

Im Jahr 1943 gelingt es Martha Musil schließlich auf Subskriptionsbasis einen Band mit Nachlaßkapiteln des MoE bei der Imprimerie Centrale in Lausanne herauszubringen, etwas irreführend als “Dritter Band” deklariert. Nachdem ihre weiteren Bemühungen keinen Erfolg zeitigten, verläßt sie im August 1946 Europa und fliegt von Paris aus zu Ihrer Tochter Annina Rosenthal in die USA. Sie wohnt dort bei ihrer Familie in Philadelphia, unterbrochen durch Aufenthalte in New York. Obwohl sie vielversprechende Kontakte knüpfen kann, beispielsweise zu Alfred Knopf, gelingt es ihr nicht, einen amerikanischen Verlag für die Übersetzung und Publikation der Werke Musils zu gewinnen. Diese Mißerfolge führen, zusammen mit familiären Spannungen, im Juli 1947 zu ihrer Rückkehr nach Europa. Die letzten zwei Jahre Ihres Lebens wird sie bei Ihrem Sohn Gaetano Marcovaldi in Rom wohnen.

Obwohl das Buch- und Verlagsgeschäft in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein schwieriges Unterfangen war, ist das Verhalten einiger Verleger gegenüber Martha Musil kein Ruhmesblatt für die Branche. Zwar gab es Angebote kleinerer Häuser, das Werk Musils neu herauszubringen, doch Martha Musil lehnte diese Angebote ab bzw. zögerte definitive Antworten hinaus. Das ist insofern sehr beachtlich, als sie diese Einkünfte dringend notwendig gehabt hätte, sie aber trotz dieser ökonomischen Zwänge keinerlei Kompromisse einging. Als geeignete Verleger erschienen ihr Eugen Classen und Henry Govert, die zusammenarbeiteten und von denen sie vage Zusagen hatte. Anstatt diese aber einzulösen, begann ein unwürdiges Taktieren: Briefe wurde nicht oder sehr spät beantwortet, fadenscheinige Ausreden wurden vorgebracht, auf halbe Zusagen folgten wieder halbe Absagen usw. Das Blatt wendete sich erst im Februar 1949, als Ernst Rowohlt Martha Musil kontaktierte. Doch Ihre Sorgen waren damit noch nicht ausgestanden, denn ein geplantes Treffen kam nicht zustande, und Martha Musil starb am 24. August 1949, bevor eine verlegerische Lösung erreicht worden war, die ihre hohen Ansprüche befriedigt hätte.

Es wäre ungerecht, die Briefwechsel auf das publikationsgeschichtlich Verwertbare zu reduzieren, auch wenn dieser As-pekt für die Musil-Forschung besonders aufschlußreich ist. Denn die Briefe haben selbstverständlich auch einen Eigenwert, indem sie dem Leser eine facettenreiche Persönlichkeit vor Augen führen. Martha Musil war eine psychologisch einfühlsame Korrespondentin, intellektuell in ihren Urteilen unabhängig und stand deshalb dem Werk ihres Mannes durchaus nicht unkritisch gegenüber. Ihre Schilderung des öden Philadelphia, denen dann die positiven Eindrücke aus New York folgen, zeugen ebenso von ihrem Talent Briefe zu schreiben, wie ihre kleinen Exkurse zur bildenden Kunst.

Leider kann ich diese Rezension nicht abschließen, ohne auf die Ärgernisse der aktuellen Editionslage hinzuweisen, die ein ausgesprochen trauriges Bild darbietet. Denn der Rowohlt Verlag ist offenbar nicht in der Lage, die Werke eines seiner wichtigsten Schriftsteller vollständig lieferbar zu halten. Zwar liegt das belletristische Oeuvre mehr oder weniger komplett vor; die gewichtigen Essays, Reden und Kritiken jedoch sucht man derzeit in der Buchhandlung vergebens. Angesichts der Bedeutung des Autors wäre auch die Herausgabe einer preislich leserfreundlichen Gesamtausgabe dringend notwendig. Diese sollte selbstverständlich auch die Tagebücher (derzeit DM 160.-) und Briefe (DM 440.-) umfassen, damit man auch sie endlich einem breiteren Lesepublikum zugänglich machte.

Martha Musil: Briefwechsel mit Armin Kesser und Philippe Jaccottet. Herausgegeben von Marie-Louise Roth in Zusammenarbeit mit Annette Daigger und Martine von Walter. 2 Bände. 637 Seiten. Bern: Peter Lang 1997 (Musiliana, Band 3).

[Literatur und Kritik Nr. 333/334, Mai 1999. © Christian Köllerer]

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Das ästhetisch Revolutionäre an Rilkes Roman wird deutlich, wenn man ihn mit seinen großen Zeitgenossen vergleicht. Zwei Jahre nachdem Fontane 1899 seinen fantastischen Der Stechlin abschloss, beginnt 1901 der junge Rilke an den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu schreiben. Im gleichen Jahr erscheint ein weiterer Höhepunkt des realistischen Romans: Die Buddenbrooks. Während Theodor Fontane und Thomas Mann ästhetisch das 19. Jahrhundert zu einem Abschluss bringen, wirft der Rilke in seinem Buch alle diese Konventionen um: Weder gibt es eine klare Chronologie noch einen herkömmlichen Erzähler. Das kann selbst heute noch Leser irritieren, welche sich durch die klassische Moderne lasen.

Die Aufzeichnungen schreibt ein achtundzwanzig Jahre alter Däne, ein verarmter Adeliger, der in Paris gelandet ist. Der Text besteht aus einer Kombination von “klassischen” Handlungselementen, langen Reflexionen und Assoziationen. Die Paris-Passagen finde ich am besten gelungen, während mich die beiden anderen Hauptorte der Handlung, das Schloß der Brigges und das Urnekloster, in denen Malte seine Kindheit verbringt, weniger interessieren. Das mag auch am Thema des Okkulten liegen, das eine wichtige Rolle spielt. Das letzte Drittel des Romans bekommt von Rilke dann noch eine historische Dimension verpasst, indem sich Malte etwa mit Karl dem Kühnen auseinandersetzt.

Die formale und kulturgeschichtliche Bedeutung des Romans drängt sich bei der Lektüre förmlich auf. Rilke formuliert als einer der ersten das moderne, verunsicherte Bewusstsein mit neuen literarischen Mitteln:

Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?

Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheiten an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht, wie die Salonmöbel in den Sommerferien?

Ja, es ist möglich.
[S. 23]

Hugo von Hofmannsthal fühlte sich ähnlich verunsichert und versuchte diese Erkenntniserschütterung in Literatur zu gießen. Mir persönlich fehlt aber der strukturelle Zusammenhalt, welche die Meisterwerke der Moderne trotz ihres Avantgardismus auszeichnet, man denke nur an den grandiosen Ulysses. Aber das einem literarischen Pionier vorzuhalten, wäre unfair.

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Insel)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen

Burgtheater 23.4. 2015

Regie: Michael Thalheimer

mit
Jasna Fritzi Bauer
Sarah Viktoria Frick
Alexandra Henkel
Christiane von Poelnitz
Stefanie Reinsperger
Catrin Striebeck
Adina Vetter
Tino Hillebrand
Daniel Jesch
Marcus Kiepe
André Meyer
Tilo Nest
Thomas Reisinger
Daniel Sträßer
Stefan Wieland

Zwei Tage nach der theatralischen Belanglosigkeit Die Affäre der Rue de Lourcine ein Abend mit Substanz: Elfriede Jelinek setzt sich mit dem europäischen Flüchtlingsdrama auseinander. Anlass war die Besetzung der Wiener Votivkirche durch Flüchtlinge und die absehbar peinliche Reaktion darauf von Wiener Politik und Medien. Jelinek macht daraus in bewährter Manier ein sprachmächtiges Chorstück und öffnet eine kulturgeschichtliche Perspektive, in dem sie Elemente von Aischylos Die Schutzflehenden einbezieht.

Düster in Szene gesetzt wird der Text von Michael Thalheimer, einem der besten zeitgenössischen Regisseure. Das Ergebnis ist als Bühnenerlebnis beeindruckend und wird handwerklich von allen Beteiligten bestens bewerkstelligt. Trotzdem bleibt bei mir ein schaler Nachgeschmack zurück, weil man sich die notwendige Empathie mit einer gehörigen Portion Voyeurismus erkaufen muss. Ob dieser “Trade Off” aufgeht, muss jeder für sich selbst beurteilen.

Aktuelle Ausstellungen in Wien

Die Ausstellungs-Überraschung des verlängerten Wochenendes kommt heute unerwartet: Ich will in das Winterpalais des Prinz Eugen zwecks Zweitbesuch. In den Barockräumen wird dieser Tage allerdings Gegenwartskunst ausgestellt, die einen geistreichen Kontrapunkt zur Pracht der Innenarchitektur bildet. Betitelt ist die Aktion mit Vienna for Art’s Sake! und sie ist unbedingt sehenswert. (Bis 31.5.)

Ganz anders als die Leistungsschau Destination Wien 2015 in der Kunsthalle. Die Exponate wirken lieblos zusammengestellt und der Besucher bleibt oft ratlos. Ich jedenfalls hatte den Eindruck, Derartiges schon oft gesehen zu haben. Die Beliebigkeit ist ja überhaupt der Fluch der Gegenwartskunst. (Bis 31.5.)

Das Wien Museum setzt seine Reihe anregender kulturgeschichtlicher Ausstellungen fort und beleuchtet jetzt den Mythos Galizien. Die Schau ist eine Kooperation und war bereits in Krakau zu sehen. Sogar The Economist brachte einen Artikel darüber. Interessant ist das Thema nicht nur wegen der Bedeutung dieser Region für das kaiserliche Wien, sondern angesichts der Ukrainekrise drängen sich auch aktuelle Bezüge auf. Galizien wird einem mit einer Fülle an Materialien aus unterschiedlicher Perspektive nahe gebracht. Ich etwas wusste nichts von der enormen Erdölförderung dort. Österreich rutschte damals deshalb sogar auf die Nummer 3 der weltweiten Erdölproduzenten hinter USA und Russland vor. (Bis 30.8.)

Eine historische Ausstellung ist auch im Unteren Belvedere zu sehen: Europa in Wien. Der Wiener Kongress 1814/15. Dem Thema nähern sich die Kuratoren durch Gemälde, aber auch durch Materialien wie Karten und Büchern. Der Fokus liegt ausschließlich auf der klassischen Geschichtsschreibung. So werden etwa die Teilnehmer (oft nebst Gattinnen) anhand von Porträts ausführlich präsentiert. Eine weitere Linse durch die stärkere Einbeziehung soziokultureller Elemente wäre wünschenswert gewesen. Ich empfehle aber trotzdem einen Besuch sowie die Benutzung des ausführlichen Audioguides. (Bis 21.6.)

Puccini: Madama Butterfly

Staatsoper 22.4. 2015

Dirigent: Philippe Auguin
Regie: Josef Gielen

Cio-cio-san, genannt Butterfly: Hui He
B.F.Pinkerton: Jorge de Leon
Sharpless: David Pershall
Suzuki: Monika Bohinec
Kate Pinkerton: Lydia Rathkolb
Goro: Thomas Ebenstein
Yamadori: Peter Jelosits
Onkel Bonze: Alexandru Moisiuc
Kaiserlicher Kommissär: Yevheniy Kapitula

Madame Butterfly zählt nicht zu meinen bevorzugten Puccini-Opern, obwohl sie interessante historische Dimensionen eröffnet. Die vom amerikanischen Offizier Pinkerton arrangierte Scheinehe mit einer ehemaligen japanischen Geisha spricht in Sachen Kolonialismus ohnehin für sich. Sie konvertiert für ihn sogar zum Christentum und wird dafür von einem aufgebrachten Bonzen samt Mob zur Rede gestellt: Ein deutlicher Seitenhieb auf religiöse Intoleranz. Gleichzeitig entspricht das treue und geduldige Warten der Butterfly auf die vermeintliche Rückkehr ihres Mannes auch heute noch dem Frauenbild in unaufgeklärten Gesellschaften.

Musikalisch war der Abend hoch erfreulich. Hui He ist nicht nur stimmlich beeindruckend, sondern auch schauspielerisch auf der Höhe ihrer Rolle. Vokale Schwächen gibt es auch bei den anderen Beteiligten nicht. Auch das Staatsopernorchester liefert ein differenziertes Klangspiel.

Eugène Labiche: Die Affäre Rue de Lourcine

Burgtheater 21.4. 2015

Regie: Barbara Frey

Lenglumé, Rentier: Nicholas Ofczarek
Mistingue: Michael Maertens
Potard, Lenglumés Vetter: Peter Matic
Justin, Bediensteter bei Lenglumé: Markus Meyer
Norine, Lenglumés Frau: Maria Happel

Eine belanglose Gelegenheit zum Blödeln für die Burgtheaterstars. Ein völlig zu Recht vergessenes Stück.

Oscar Wilde: Dorian Gray

Akademietheater 16.4. 2015

Regie: Bastian Kraft

Markus Meyer

Das Stück wanderte wegen des großen Erfolgs im Vestibül, der “Wohnzimmerbühne” des Burgtheaters, auf die größere Bühne des Akademietheaters. Die Inszenierung kommt mit Markus Meyer als Schauspieler aus, setzt aber in origineller Weise auf die Videotechnik. Ein Klettergerüst mit vielen Bildschirmen in unterschiedlicher Größe ersetzt das Bühnenbild. Romanfiguren treten dort via Video auf. Dabei werden die Monitore als Wall eingesetzt, was einen kubistischen Videoeffekt erzeugt: Der Sprecher ist hier zu sehen, seine Füße auf einem anderen Bildschirm usw.

Das ist formal interessant gemacht und durchaus sehenswert. Warum ich mit dem Abend trotzdem nicht glücklich werde, hat zwei Gründe: Der Roman lebt von raffinierten Übergängen. Das Gemälde verändert sich dort langsam. Das Theaterstück stutzt den Inhalt allerdings auf 75 Minuten zusammen. Dieser Zeitraffer schadet dem Stoff. Zweitens wirkt Oscar Wilde auf Deutsch sperrig, wenn man das englische Original gewöhnt ist. Da klingen selbst einige der Bonmots vergleichsweise hölzern.

Zur Notiz über den Roman.

Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard

Jüdisches Museum 7.4. 2015

150 Jahre Wiener Ringstraße! Selbstverständlich ein Anlass für diverse Ausstellungen und Veranstaltungen. Das Jüdische Museum arbeitet einen wichtigen Aspekt der Prachtstraße in seiner aktuellen Schau auf: Ohne eine Beteiligung des jüdischen Bürgertums wäre die Straße nämlich nie das geworden, was sie heute ist. Das gilt nicht nur für die zahlreichen Palais, die auf einer übersichtlichen Karte und in Fotos präsentiert werden, sondern auch für die Ringstraßenkultur. Diese Palais waren in Form von Salons oft wichtige intellektuelle Treffpunkte. Gleichzeitig prägten die jüdischen Bauherrn auch die Innenarchitektur der Ära. Auch dazu finden sich interessante Ausstellungsstücke.

Selbstverständlich werden dem die unerfreulichen Seiten der Medaille gegenübergestellt: Von der Wohnungsmisere für die Armen bis hin zum Antisemitismus des Wiener Kleinbürgertums.
(Bis 4.10.)

Cellini / Goethe: Das Leben des Benvenuto Cellini

Aus drei guten Gründen empfiehlt sich die Lektüre der Lebensgeschichte des Benvenuto Cellini: Erstens ist sie literatur- und mentalitätsgeschichtlich spannend, weil sie die autobiographische Rekonstruktion eines Renaissancemenschen zeigt. Zweitens enthält man faszinierende sozialgeschichtliche Einblicke in die italienische Kunstszene des 16. Jahrhunderts. Drittens schließlich übersetzte Goethe das umfangreiche Werk, allerdings nicht aus dem toskanischen Original, sondern anhand der englischen Übersetzung.

Benvenuto Cellini (1500 – 1571) gilt als einer der besten Goldschmiede und Skulpteure des 16. Jahrhunderts, wovon sich jeder in Wien im Kunsthistorischen Museum selbst überzeugen kann, wo seine berühmte Saliera steht. Seine Lebensbeschreibung schreibt Cellini zwischen 1558 und 1566. Erschienen ist sie allerdings erst 1728. Als Kind setzt er sich gegen seinen Vater durch, der ihn gerne als Musiker gesehen hätte, und wird Goldschmied. Seine große Begabung verschafft ihm schnell reiche Gönner, darunter Adlige und Päpste. Zwei Jahre lang ist er in Paris für König Franz I. tätig, verlässt aber vor Fertigstellung seines Auftrags entnervt Frankreich, weil ihn die Hofschranzen quälen.

Wer nun die Autobiographie eines wohl erzogenen Höflings erwartet: Weit gefehlt! Cellini ist ständig in Händel und Abenteuer verwickelt. Besonderes Vergnügen findet er an Raufereien und dem einen oder anderen Totschlag. Keine Überraschung also, dass er zwei Mal in vatikanischen Gefängnissen landet. Die Beschreibung dieser Ereignisse scheinen dem Autor mehr Spaß zu machen als die Beschreibung seiner Kunstwerke. Freilich schildert er die Rivalitäten unter den damaligen Künstlern ebenso extensiv. Es wird heftig um Aufträge und den Rang in der Künstler-Hackordnung gestritten. Es öffnet sich ein faszinierendes Panorama des 16. Jahrhunderts.

Damit ist diese Künstlerautobiographie ein einzigartiges Dokument. Kein Wunder, dass Goethe dafür ein so großes Interesse entwickelt:

Ich bin bei dieser Gelegenheit auch wieder an die des Cellini Lebensbeschreibung geraten; es scheint mir unmöglich, einen Auszug daraus zu machen, denn was ist das menschliche Leben im Auszuge? Alle pragmatische biographische Charakteristik muß sich vor dem naiven Detail eines bedeutenden Lebens verkriechen. Ich will nun den Versuch einer Übersetzung machen, die aber schwerer ist, als man glaubt.
[An Johann Heinrich Meyer am 8. Februar 1796]

Er übersetzt das Buch 1796 freilich in ein Werk Goethes. Vom rauen Charme des toskanischen Originals bleibt in dieser stilistisch polierten Fassung nichts mehr übrig. Goethefreunde werden diese Übersetzung natürlich lesen. Ansonsten sollte entweder ein solides kunsthistorisches Interesse oder Freude an Kuriositäten vorhanden sein, wenn man diese Lebensbeschreibung zur Hand nehmen will.

Cellini / Goethe (Übersetzer): Das Leben des Benvenuto Cellini (Münchner Ausgabe)

Fantastische Welten

Kunsthistorisches Museum 6.4. 2015

Als großer Freund der Spätgotik und der nordischen Renaissance war ich sehr gespannt auf diese Ausstellung über die Donauschule, deren bekannteste Protagonisten Albrecht Altdorfer, Wolf Huber, Hans Leinsdorf und der Meister IP waren. Ihr Markenzeichen ist eine für die damalige Zeit unglaubliche Expressivität und Experimentierfreude, selbst bei sogenannten “heiligen” Motiven. Einen Beitrag dazu leistete die Verbreitung der Druckgrafik, welche gewagte Kompositionen in ganz Europa bekannt machte.

Die Schau des Kunsthistorischen Museums belegt dies mit vielen thematisch gruppierten Leihgaben, darunter auch die ersten Landschaftszeichnungen der Kunstgeschichte. Das “Fantastische” erstreckt sich über viele Dimensionen: Von unnatürlichen Farben über anatomisch “falsche” Körper (wie später bei El Greco) bis hin zur Verfremdung klassischer Kompositionen. So wurde viel mit Kreuzigungsszenen ausprobiert.

Mein persönlicher Höhepunkt sind aber die Holzskulpturen, darunter eine fantastisch groteske Apostelmassenszene vom Meister des Zwettler Altars. Erwähnenswert ist freilich auch die ausgestellte Buchmalerei. Die beste Ausstellung des Jahres in Wien bisher. (Bis 14.6.)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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