Wie kann man sich seriös informieren?

Letztes Update: 11.3. 2017

Ich bin in fast allen Belangen ein Qualitätsfanatiker. Das gilt auch für meine Informationsquellen: Meine Ansprüche an journalistische Standards und Analysen sind die höchsten. Seit Jahrzehnten war und bin auf der Suche nach den besten Medien. In Zeiten, in denen sich viele Menschen glücklich in ihrem Informationsmüll suhlen, hier ein Leitfaden, wie man sich seriös informieren kann.

Einschränkend sei hinzugefügt, dass ich bereits vor Jahrzehnten überwiegend bei englischsprachigen Medien gelandet bin, weil deutschsprachige (leider!) nur selten die Qualität der besten angelsächsischen Angebote erreichen. Fakt ist auch: Wer die beste Qualität will, muss dafür bezahlen. Meine dringende Empfehlung ist also: Wer auf exzellente Informationen wert legt, muss zumindest gut Englisch lesen können.

Vorab die Technik: Für Podcasts nutze ich die Android-App Pocket Casts, als RSS Reader verwende ich Feedly. Einfach die unten erwähnten Podcasts bzw. RSS-Feeds in diesen Apps suchen und abonnieren. Beide sind bei mir im Dauereinsatz. Oft benutze ich auch den Kindle (Paperwhite & Apps). Als Geräte im Einsatz sind derzeit ein Nexus 6P für unterwegs sowie ein Samsung Tab S2 für daheim.

Die Grundversorgung

Völlig unverzichtbar für mich als intellektuelle Grundversorgung ist die New York Review of Books. Seit ziemlich genau zwanzig Jahren lese ich jede Ausgabe. Geboten wird einerseits bester Journalismus zu (welt)politischen Themen, oft als Kombination von Reportage & Analyse, so dass es kein wichtiges Thema gibt, über das man nicht regelmäßig auf höchstem Niveau informiert wird. Gleichzeitig gibt es ein weites Spektrum an Artikeln über kulturelle und wissenschaftliche Themen: Von der Kunstgeschichte bis zur Physik. Herausragend auch die vielen historischen Aufsätze, von der Antike bis in die Gegenwart. Die Autoren zählen alle zu den besten ihres Faches. Die Artikel sind ausführlich sehr und meist hervorragend geschrieben – das Gegenteil des allgegenwärtigen Häppchenjournalismus. Ich beziehe ein Printabonnement, lese die Artikel inzwischen aber auch oft online im Web, was im Abo inkludiert ist. In dem hypothetischen Szenario, dass ich mich auf ein einziges Medium beschränken müsste, wäre das zweifellos die NYRB.

Der zweite Grundpfeiler ist The Economist, den ich ausschließlich digital rezipiere. Die Korrespondenten und Journalisten gehören weltweit zu den besten ihrer Zunft. Nicht wenige sind im klassischen Sinne gebildet und deshalb in der Lage, ihre Themen (kultur)historisch überzeugend einzuordnen. Einzigartig ist die umfangreiche Auslandsberichterstattung. Keine aktuelles Medium bietet mehr Informationen über mehr Länder dieser Erde, von Afrika bis Zentralasien. Sehr gut ist auch die Wissenschafts- und Technologieberichterstattung sowie die ausführlichen Hintergrundberichte (Briefings) in jeder Ausgabe zu einem breiten Themenspektrum. Die Blattlinie ist im besten Sinne (Menschenrechte, Fokus auf individuelle Freiheit) liberal. Weniger sympathisch ist mir die Verteidigung der Finanzindustrie und die teilweise neoliberalen Positionen. Aber der Dogmatismus hält sich auch hier in Grenzen, wie etwa das regelmäßige Eintreten für einen Mindestlohn oder für Globalisierungsverlierer zeigt.

Erwähnenswert ist, dass die App eine Audio-Ausgabe inkludiert: Alle Artikel werden von guten britischen Sprechern gelesen, so dass man sie auch unterwegs anhören kann. Abgerundet wird das Angebot von Economist Espresso (Android App). Hier bekommt man einen – angesichts der Kürze – sehr gut gemachten Tagesausblick sowie einen Rückblick auf den Vortag. Auch mit dem Podcast Economist Radio macht man als Ergänzung nichts falsch.

Der günstigste Weg den Economist zu lesen ist übrigens über das Kindle-Abo. Für 10 Euro im Monat bekommt man alle Ausgaben. Nachteil: Der unbegrenzte Zugang zur Webausgabe (und damit zum Archiv) ist nicht inkludiert. Ebensowenig die sehr praktische Audioversion und der Espresso.


Tagesaktuelles

Von Fernsehnachrichten bin ich seit längerem völlig abgekommen. Falls doch einmal, dann bevorzuge ich Euronews. Klassische Hauptnachrichtenquelle für mich ist der Deutschlandfunk, sowohl die Nachrichten als auch die Informationssendungen. Alles höre ich überwiegend zeitversetzt als Podcast, manchmal auch klassisch als Internetradio. Ich empfehle hier als Podcasts die Informationssendungen des Deutschlandfunk Informationen am Morgen, Informationen am Mittag, Informationen am Abend und BBC World Service Global News. Auf die tägliche Sendung Deutschlandfunk Hintergrund sei ebenfalls hingewiesen.

Statt traditionelles Fernsehen empfehle ich die You Tube Channels von Reuters, Al Jazeera, Vice News sowie (mit einigen Vorbehalten bezüglich der Themenauswahl) die amerikanischen Young Turks. Letztere als Gegenpol zu den amerikanischen Mainstream-Medien.

Für aktuelle Technik-News bevorzuge ich den heise Newsticker als RSS.

Exzellente Kultur-Nachrichten bekommt man bei diesen Podcasts: Ö1 Kultur (Österreich und Wien), Deutschlandfunk Kultur heute, Deutschlandradio Kultur Kulturnachrichten und Deutschlandradio Kultur Fazit.

Aus Zeitgründen nicht täglich, aber doch oft lese ich ausgewählt die New York Times, überwiegend via Tablet App. Nachdem ich ein Probeangebot kündigen wollte, zahle ich derzeit nur 6 Euro pro Monat statt des Listenpreises von 30 Euro pro Monat. Ein gutes Investment.

Für die Österreichberichterstattung bevorzuge ich Die Presse als RSS-Feed bzw. seltener auch die App.

Folgende RSS-Feeds nutze ich in Feedly:
Politik: Reuters Top News, DiePresse.com, FAZ Ausland, wien.orf.at
Kultur: Die ZEIT Kultur, Standard.at Kultur, DiePresse.com Kultur, FAZ Feuilleton

Zur Abrundung und als Gegenpol zu den traditionellen Medien schließlich verwende ich Reddit, eine unter Nerds legendäre Crowdsourcing-Newsseite. Jeder kann dort anonym Links posten, die von allen bewertet werden. Je höher die Wertung, desto besser das Ranking. Was Nachrichten angeht, empfehle ich hier die Wordnews. Man muss dabei allerdings seinen Verstand einschalten, weil darunter auch fragwürdige Quellen auftauchen können.

Wöchentliches

Über die Wochenzeitschrift The Economist ist bereits alles gesagt. Bleibt noch die Wiener Stadtzeitung Falter, den ich als Printabo beziehe. Einerseits wegen der Wienberichterstattung (Kultur!), aber auch um in Sachen österreichischer Politik auf dem Laufenden zu bleiben. Der Falter bietet in Österreich die wohl beste journalistische Qualität, was Recherchehandwerk und Themenauswahl angeht.

Hörenswerte wöchentliche Podcasts sind alle des The Economist Radio.

Hintergründiges und Spezielles

Nach Themen, welche mich interessieren, durchforste ich etwa zwei Mal im Monat die New York Times, speziell die Sektionen Books, Science und Technology.

Im Kindle-Abo lese ich ferner die amerikanische Monatszeitschrift The Atlantic. Weltklasse-Journalismus bieten hier regelmäßig die monatlichen Features, an denen man ab und an mehrere Stunden liest.

Für Technik-Themen schließlich lese ich seit mindestens 25 Jahren im Printabo die c’t, ergänzt durch den Podcast c’t Uplink.

Über Neuigkeiten in der Wissenschaft informiere ich mich – neben The Economist und New York Review of Books – über folgende Podcasts: Deutschlandfunk – Aus Kultur und Sozialwissenschaften, BBC Inside Sciene, Deutschlandfunk – Forschung aktuell, Deutschland – Wissenschaft im Brennpunkt und Ö1 Wissen.

Viele der erwähnten Medien informieren auch über Buch-Neuerscheinungen. Zusätzlich verwende ich hier den Perlentaucher, hier wieder gerne den Newsletter Bücher des Monats. Eine gute Anlaufstelle dafür ist auch Literaturkritik.de, besonders auch der praktische Newsletter.
Als Podcast höre ich schließlich ausgewählte Rezensionen der täglichen Deutschlandfunk-Sendung Büchermarkt sowie fast immer zeitversetzt das Buch der Woche, wo jeden Sonntag im Büchermarkt eine einzige wichtige Neuerscheinung vorgestellt wird. Abonniert habe ich ferner die Podcasts SWR 2 Literatur, Deutschlandradio Kultur Buchkritik und WDR 2 Bücher. Hörenswert ist auch der Inside The New York Times Book Review.

Podcasts, die sich auf hohem Niveau mit unterschiedlichen Themen beschäftigen sind: Intelligence Squared, Guardian Audio Long Reads, Bayern 2 radio Wissen und BBC 4 In Our Time.

Abschließend möchte ich noch an einen alten Bekannten erinnern, den ich sehr intensiv nutze, nämlich die Google Alerts, von denen ich knapp hundert aktive habe. Die meisten sind auf wöchentlich eingestellt, es gibt aber auch eine Reihe von täglichen Alerts, etwa Österreich, Austria, Wien und Vienna. Die Alerts lese und manage ich über die Google Inbox App.

Aischylos: Orestie

Burgtheater 25.3. 17

Regie: Antú Romero Nunes

Chor
Sarah Viktoria Frick
Maria Happel
Caroline Peters
Barbara Petritsch
Aenne Schwarz
Irina Sulaver
Andrea Wenzl

Klytaimestra: Caroline Peters
Agamemnon: Maria Happel
Kassandra: Andrea Wenzl
Aigisthos/Amme: Barbara Petritsch
Orestes: Aenne Schwarz
Elektra: Sarah Viktoria Frick

Das erste Drama Europas auf die Bühne zu bringen ist auch für das Burgtheater eine Herausforderung. Antú Romero Nunes entschied sich für eine radikale Inszenierungsidee: Sieben Burgschauspielerinnen geben die gesamte Trilogie. Wobei „Trilogie“ insofern in die Irre führt als der Abend nur gut zwei Stunden dauert. Der Text wurde also radikal gekürzt, was speziell für den dritten Teil gilt, die Eumeniden. Sprachlich bleibt der Abend allerdings erfreulicherweise nah am Original: in der bühnentauglichen Übersetzung des Peter Stein.

Die sieben Schauspielerinnen geben gleichzeitig den Chor, die Erinnyen und die jeweiligen Hauptfiguren. Gekleidet sind sie in fahle, schäbige Kostüme, passend zur Stimmung der Inszenierung, die auf einer weitgehend leeren Bühne stattfindet und durch wenige spektakuläre Effekte kontrastiert wird, etwa einen langsam von hinten nach vorne laufenden Blutstrom nach der Ermordung des Agamemnon.

Grundsätzlich finde ich Nunes‘ Ansatz gelungen. Er scheitert allerdings an zu starken Differenzen auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen sind nicht alle der Damen in gleichem Maße tragödientauglich. Zu meiner Überraschung bietet die üblicherweise als Ulknudel eingesetzte Maria Happel eine sehr überzeugende Leistung als Agamemnon. Barbara Petritsch dagegen mit ihrem ausgeprägten Wiener Akzent nimmt man weder den Aigisthos noch die Amme ab. Selbst die von mir sehr geschätzte Sarah Viktoria Frick tut sich stellenweise schwer mit dem tragischen Pathos. Zum anderen findet der Regisseur einige unglaublich starke Theaterbilder. Hier wäre etwa die famose Schlussszene zu nennen. Dagegen fallen andere Abschnitte des Abends so weit ab, dass der Gesamteindruck darunter leidet. Eine auf hohem Niveau scheiternde Inszenierung also.

The Red Turtle

Filmcasino 24.3. 17

F / B / J 2016
Regie: Michaël Dudok de Wit

Dieser von der Filmkritik hoch gepriesene Animationsfilm hat tatsächlich viele Stärken. Nicht nur findet die künstlerische Umsetzung einen eigenen ästhetischen Stil, es gelingt de Wit auch, eine symbolisch starke Geschichte ohne ein einziges gesprochene Wort zu erzählen: Ein Mann strandet auf einer Insel und wird von einer roten Schildkröte daran gehindert, sie mit einem Floß zu verlassen. Das Tier verwandelt sich märchenhaft in eine hübsche Frau und die beiden verbringen mit dem bald dazukommenden Kind ihr Leben mit Höhen und Tiefen auf der kleinen Insel. Wer mag, kann darin leicht eine Analogie zur menschlichen Existenz erkennen. Der Film hat viel Charme und bezeugt eine hohe Kompetenz aller Beteiligten am visuellen Erzählen. Auf das von Rousseau und Crusoe inspirierte poetische Setting muss man sich freilich einlassen können, was mir nicht immer leicht fällt.

Hagen Quartett

Wiener Konzerthaus 22.3. 17

Franz Schubert: Streichquartett Es-Dur D 87 (1813)
Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 12 Des-Dur op. 133 (1968)
Johannes Brahms: Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 51/2 (1873)

Drei meiner Lieblingskomponisten für Kammermusik in einem Konzert! Schuberts Streichquartett in Es-Dur D 87 hielt man lange für ein Spätwerk. Inzwischen weiß man, dass es ein Jugendwerk aus dem Herbst 1813 ist. Man hört auch deutlich den Unterschied zu seinen späten, oft sehr traurigen Werken. Hier probiert ein junger Komponist eine komplexe Form kompetent aus. Das Hagen Quartett versucht denn auch gar nicht, ihrer Interpretation ein unpassendes Pathos zu verleihen.

Schostakowitsch schrieb die Düsternis des 20. Jahrhunderts in seine besten Werke, zu denen ich alle seine Streichquartette zähle. Mit welcher existenziellen Bedeutung man ein Pizzicato aufladen kann, ist bei jedem neuen Hören immer wieder erstaunlich

Brahms beschäftigte sich viele Jahre mit der Form des Streichquartetts, bevor er 1873 endlich mit dem Ergebnis so zufrieden war, dass er zwei Quartette veröffentlichte. Eines davon spielte das Hagen Quartett an diesem Abend mit der notwendigen Furiosität. Insgesamt ein sehr gelungener Kammermusikabend.

Neruda

Filmcasino 17.3. 17

CHL, ARG, FRA, ESP 2016
Regie: Pablo Larraín

Es gäbe jede Menge konventioneller Möglichkeiten, einen Film über einen politisch verfolgten Schriftsteller zu drehen. Pablo Larraín wählt keinen dieser ausgetretenen Pfade, sondern schafft ein postmodern anmutendes Fiktionalitätsspiel, indem er einen mäßig schlauen Polizisten als Verfolger des Neruda eine prominente Perspektive einräumt. Dieser Verfolgungsjagd wird in sehr unterschiedlichen Szenen gezeigt, die einen teilweise abstrakten, teilweise leicht surrealen Einschlag haben. Es ist als hätte Pablo Larraín den gesamten Werkzeugkasten des avancierten Autorenfilms genommen, um ihn virtuos anzuwenden. So sind die einzelnen Abschnitte durchaus beeindruckend und handwerklich makellos umgesetzt. Trotzdem lässt mich der Film als Kunstwerk überwiegend kalt. Das mag auch daran liegen, dass mir der Humor des Regisseurs meist nicht amüsiert. Eventuell ist das einer jener Fälle, wo zu viel Perfektion dem Gesamtergebnis mehr schadet als nützt.

Moonlight

Gartenbaukino 16.3. 17

USA 2016
Regie: Barry Jenkins

Es ist selten, dass wirklich einer der besten Filme den Oscar für den besten Film erhält. Der Oscar für Moonlight ist also eine positive Ausnahme, die sicher auch durch die mediale Aufregung begründet ist, die es letztes Jahr rund um die Nicht-Nominierung schwarzer Filmschaffender gab. Das Budget Moonlights war für Hollywoodverhältnisse lächerlich: 1,5 Millionen Dollar.

Der Film beschäftigt sich mit der Jugend Chirons, einem schwarzen Jungen, der in einem Ghetto Miamis aufwächst. Erschwerend in diesem Machoumfeld ist seine sukzessive Erkenntnis, dass er homosexuell ist. Erzählt wird die Entwicklung des Jungen in drei Episoden mit unterschiedlichen Schauspielern: Chiron als Kind, Chiron als Teenager und Chiron als Erwachsener. Die größte Stärke des Films ist die Selbstverständlichkeit, mit welcher Barry Jenkins diese Geschichte erzählt. Sie ist nicht nur frei von negativen Klischees, sondern auch von den „positiven“ sozialpädagogischen Stereotypen wie die heroische Opferrolle. So ist der Erwachsene, der sich als Ersatzvater um Chiron kümmert, ein Drogendealer, dem das moralische Dilemma seines Berufs sehr wohl bewusst ist. Dass sich Chiron ihn am Ende als Rollenmodell auswählt, gibt dem Film am Schluss eine bittere Note. Wie es die drei Schauspieler hinbekommen, eine überzeugende Kontinuität der Persönlichkeit Chirons zu vermitteln, ist beachtlich. Eine beeindruckende Arbeit.

Ausstellungen in Wien: Handyfilmen & Maria Theresia

Volkskunde Museum Wien 12.3. 17
Prunksaal der Nationalbibliothek 12.3. 17

Enttäuscht lässt mich Handyfilmen. Jugend. Alltag. Medienkultur zurück. Das Thema wäre interessant. Die Umsetzung dieser an der Universität Zürich konzipierten Wanderausstellung geht aber nicht genügend in die Tiefe. Auf großen Hand-Skulpturen sind Touchscreens angebracht auf denen man themenspezifisch angeordnet diverse Handyfilme von Jugendlichen ansehen kann. Vor jedem Film erhält man einen kurzen erläuternden Text. Das ist alles solide gemacht, enthielt für mich aber keine Überraschungen. Lobenswert ist natürlich die Intention, uns Erwachsenen diverse Vorurteile darüber zu nehmen, was die Teenies da so alles auf ihren Smartphones haben. Abgesehen von den kurzen Kontexttexten fehlt aber eine weiter gehende Analyse. Außerdem fehlen Beispiele für die „dunklere“ Seite der Medaille, die es ja sehr wohl gibt. Schade, aus dem Thema hätte man mehr machen können. (Bis 7.5.)

Mehr machen können hätte man auch aus der Maria-Theresia-Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek. Sie ist mit ihrer Kombination aus überwiegend thematischen Schautafeln und ausgewählten, teils sehr schönen veranschaulichenden Objekten und Büchern in Vitrinen darunter, zwar sorgfältig kuratiert. Es findet sich aber so gar nichts darunter, das eine neue Perspektive oder neue Gedanken über sie anregen würde. Einige ihrer dunklen Seiten, wie ihr talibanähnlicher Sittenwahn, kommen überhaupt nicht zur Sprache. (Bis 5.6.)

Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Certain Women

Filmcasino 4.3. 17

USA 2016

Regie: Kel­ly Reichardt

Ein in seiner minimalistischen Art sympathischer Episodenfilm über drei Frauenleben in der Provinz Montanas. Am meisten „Action“ bietet noch die erste Geschichte über eine Anwältin mit einem ruinierten und überforderten Klienten, der in die Kriminalität abkippt. Der zweite Abschnitt beleuchtet primär das Familienleben einer erfolgreichen Frau, die ein authentisches Wochenendhaus bauen will. Die letzte Episode bahnt eine lesbische Beziehung an, die letztlich aber nicht zustande kommt. Der Film lebt von seinen einzelnen expressiven Elementen mehr als von einer klassischen Handlung. Damit untergräbt Reichardt die übliche Ästhetik des Kinos und verletzt die Erwartungshaltung der Zuseher. Wer sich nicht auf diese ästhetische Ebene begeben kann, der könnte den Streifen langweilig finden.

Orwell: 1984

Seit vielen Jahren will ich 1984 zum zweiten Mal lesen, was mir jetzt zum denkbar unoriginellsten Zeitpunkt auch gelingt. Die Bestseller-Listen und Neuauflagen zeigen, dass viele Menschen im Zeitalter der Populisten wieder zu dystopischen Klassikern greifen, um die aktuellen Zeitläufte zu reflektieren. Als Schüler beeindruckte mich der Roman durchaus. Jetzt ist meine Erwartungshaltung gedämpft: Ich erwarte solide, politisch brave Propagandaliteratur im besten Sinn des Wortes.

Deshalb bin ich verblüfft, wie schnell mich 1984 literarisch wieder in seinen Bann zieht. Orwells intellektuelle Leistung liegt nicht primär darin, wie er die von ihm geschilderte Diktatur als System anlegt: Die Diktatur einer kleinen Partei-Oligarchie (2% der Bevölkerung) mit Hilfe eines unterdrückten Parteiapparates (13%) über die restlichen, ökonomisch, sozial und geistig vernachlässigten Untertanen, den Proles. Letztere werden mit anderen Mitteln kontrolliert als die dauerüberwachten Parteifunktionäre:

It was not desirable that the proles should have strong political feelings. All that was required of them was a primitive patriotism which could be appealed to whenever it was necessary to make them accept longer working-hours or shorter rations.

Strukturell ist das eine Fortschreibung des stalinistischen Systems, inklusive der Schauprozesse und des Spitzelsystems. Orwells Brillanz besteht im Weiterdenken dieser Mechanismen in Bezug auf den technologischen Fortschritt und im Offenlegen individual- und massenpsychologischer Mechanismen seiner Zukunftsdiktatur.

Am besten in unsere Zeit passen hier die geschilderten Hassrituale, an denen die Parteifunktionäre regelmäßig teilnehmen müssen. Vom täglichen „Two Minute Hate“ bis zur regelmäßigen „Hate Week“.

The horrible thing about the Two Minute Hate was not that one was obliged to act a part, but that it was impossible to avoid joining in. Within thirty seconds any pretence was always unnecessary. A hideous ecstasy of fear and vindictivness, a desire to kill, to torture, to smash faces in with a sledge-hammer, seemed to flow through the whole group of people like an eclectric current, turning one even against one’s will into a grimacing, screaming lunatic.

Trump, FPÖ, AfD und Co. bedienen sich ähnlicher psychologischen Mechanismen, um ihren Mob in einer denkbefreiten Zone zu halten. Ebenso brillant ist Orwells Konzeption von Newspeak, also dem Versuch die Realität durch konträre Bezeichnung umzudeuten, etwa wenn er das Kriegsministerium „Ministry of Peace“ nennt. Doublethink steht für die trainierte Fähigkeit, Widersprüche denken und akzeptieren zu können. Die alles überwachenden Telescreens schließlich assoziiert man bei der heutigen Lektüre mit den Smartphones, die wir alle freiwillig in unseren Taschen tragen.

Die literarische Wucht gewinnt 1984 durch die strukturelle Entgegensetzung eines kritischen, selbstbewussten Individuums mit dem jegliche Individualität und Privatheit unterdrückenden Totalitarismus. Orwell bleibt von der Erzählperspektive immer nah an Winston Smith, was eine starke Identifikation mit ihm fördert. Wir sehen den Unterdrückungsapparat mit den zahlreichen Ungerechtigkeiten und Absurditäten durch seine Augen, was als Reaktion eine instinktive Empörung auslöst. In dieser Empörung liegt die starke politische Wirkung des Klassikers. Wir begleiten Winston auf seinen Weg in den Widerstand, schöpfen mit ihm Hoffnung und gehen am Ende mit ihm unter. Nicht nur hier beherrscht Orwell seine narrative Kunst meisterhaft, das gilt ebenso für seinen Umgang mit der erzählten Zeit oder der gekonnten Irreführung des Lesers, nicht ohne uns etwa im Fall O’Briens einige Anhaltspunkte für Skepsis zu geben. Besonders wirkungsvoll sind ebenfalls die Folter- und Gehirnwäscheszenen nach Winstons Verhaftung. Eine Wirkung, welche durch die skizzierte vom Autor „erzwungene“ Identifikation mit seinem Helden noch stark verstärkt wird.

1984 ist steht in der besten Tradition der europäischen Aufklärung, sowohl was individuelle Freiheitsrechte angeht, als auch was die Wahrheit als unverzichtbares epistemologisches Korrektiv betrifft:

Being a minority, even a minority of one, did not make you mad. There was truth and there was untruth, and if you clung to the truth even against the whole world, you are not mad.

In dieser Hinsicht wäre der ursprünglich von Orwell ins Auge gefasste Titel des Romans durchaus sehr passend gewesen: The Last Man in Europe.

Orwells Totalitarismus ist von der brutalen Sorte. Jeglicher Widerstand wird im Keim erstickt, sollte überhaupt jemand nach der lebenslangen Gehirnwäsche noch dazu in der Lage sein. Solche Staaten gibt es bis heute, beispielsweise Nordkorea oder Turkmenistan. Sie wollen mit allen Mitteln die Wahrheit kontrollieren. In 1984 wird dazu regelmäßig die Geschichte umgeschrieben, alte Zeitungsartikel und Bücher korrigiert etc. Als Leser stellt man sich jedoch die Frage, ob uns heute nicht eine andere Art des Totalitarismus droht. Eine Trump-Diktatur würde sich nicht die Mühe machen, ihre Lügen durch gefälschte Quellen mühsam zu belegen: Die Lüge an sich ist hinreichend und findet sofort jede Menge Gläubige, obwohl zahlreiche Mittel, diese Lügen einfach zu widerlegen, heute noch jedermann zur Verfügung stehen. Massenmörder und Mega-Dieb Putin hat im Westen jede Menge Anhänger, obwohl seine Verbrechen leicht zu recherchieren und gut dokumentiert sind. Deshalb wäre für den Westen ein Untergang der Demokratie leider durchaus möglich, ohne auf die brutalen Methoden in Orwells Dystopie zurückgreifen zu müssen.

George Orwell: 1984 (Houghton Mifflin Harcourt) (2.)

William E. Wallace: Genius of Michelangelo

In sechsunddreißig halbstündigen Vorlesungen versucht William E. Wallace seinen Zusehern, Leben und Werk des Michelangelo zu vermitteln. Wallace ist öffentlich kein Unbekannter. Neben mehreren Büchern produzierte der Michelangelo-Forscher auch Filme für die BBC über seinen Lieblingskünstler. Der Titel lässt eine unkritische Eloge erwarten, was aber nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wallace wirft einen durchaus kritischen Blick auf seinen Gegenstand und versucht immer wieder, hartnäckige Michelangelo-Mythen zu widerlegen. Er reflektiert auch die Forschung und die Quellen durchaus kritisch.

Obwohl ich die Vorlesungsreihe insgesamt für gelungen und sehenswert halte, habe ich doch einen Vorbehalt. Wallace spricht sehr ausführlich über viele Kunstwerke Michelangelos und hier ist mir seine methodische Herangehensweise oft zu hermeneutisch. Mehr Fakten und weniger subjektive Interpretation hätten mich besser angesprochen. Für Freunde der Renaissancekunst ist Genius of Michelangelo aber trotzdem eine Empfehlung.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo (Great Courses, Video, 18h)

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets

Aktivste Kommentatoren