[Aus dem Archiv] Kafka: Das Schloß

Über Kafka zu schreiben ist gleichzeitig schwierig und leicht. Schwierig, weil bereits alles geschrieben zu sein scheint. Leicht, weil man scheinbar alles über Kafka schreiben kann. Der größte Teil der Kafka-Forschung beruht auf einem großen Missverständnis über das Wesen literarischer Texte. Sie versucht, einen mehrdeutigen (polyvalenten) Text in einen eindeutigen Text zu übersetzen und nimmt ihm damit seine wichtigste literarische Eigenschaft weg. Deshalb zeugen fast alle traditionellen Kafka-Interpretationen von einem grundsätzlichen Unwissen darüber, wie Literatur in Wahrheit funktioniert. Alle theologischen, juristischen und die vielen anderen Ansätze der Kafka-Forschung können nun zwar interessante Puzzlesteine zum Verständnis seiner Werke sein, werden aber nie eine umfassende Sicht auf dieses faszinierenden Oeuvre erreichen. Der richtige literaturwissenschaftliche Ansatz wäre dagegen zu beschreiben, warum und wie Kafkas Texte diese Bedeutungsfülle generieren. Das ist die Kurzfassung meiner literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit zu eben diesem Thema.
Nicht-akademischen Kafka-Lesern empfehle ich, sich von diesem Hermeneutikzirkus weitgehend fern zu halten und die Rätselhaftigkeit dieser faszinierenden Wortwelt mit seinen jeweils eigenen Erfahrungen zu erleben. Das Schloß ist noch rätselhafter als Der Prozeß, weil es ein weniger stringentes Handlungszentrum und gleichzeitig als Fragment kein Ende hat. Laut Max Brod wollte Kafka K. am Ende genau dann sterben lassen, wenn er die Aufenthaltsgenehmigung für das Dorf erhält.

Was mich bei der erneuten Lektüre des Romans am meisten fasziniert, ist die von Anfang bis Ende beklemmende Atmosphäre und die beschämende Behandlung der Familie Barnabas. Es sei kurz in Erinnerung gerufen, dass diese Familie im Schloss und im Dorf völlig in Ungnade fällt, weil Tochter Amalia sexuell schmierige Avancen eines Schloßboten zurückweist. Selbst als sich die Familie danach mit dem Versuch finanziell ruiniert, die Gnade des Schlosses wieder zu erlangen, bleibt sie bei ihrer aufrechten Haltung. Damit ist Amalia der aufrichtigste Mensch im Roman und zeigt am meisten Zivilcourage. Die Schilderung Olgas, wie die Barnabas in diese Notlage gekommen sind, gehört nicht nur zu den beklemmendsten Passagen des Romans, sie steht auch prototypisch für die Unterdrückungsmechanismen und opportunistische Kollaboration in autoritären Machtsystemen. Die vom Leser erwartete Reaktion wäre Empörung und Rebellion der Unterdrückten, am besten noch mit einem happy ending. Statt dessen folgt deren schwer erträgliche Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung, was die Lektüre noch unangenehmer macht. Amalias Schwester Olgas prostituiert sich schließlich an niedrige Schloßbeamte, damit ihre Familie überhaupt überleben kann. Fast alle Autoritätsfiguren, mit denen K. in Kontakt kommt, verhalten sich inhuman und herablassend.

Ein Teil des Beklemmungsgefühls entsteht einerseits durch erzählerische Mittel, wie die „enge“ personale Erzählperspektive und die oft „bürokratische“ Sprache. Andererseits durch den raffinierten Rahmen des Romans: Eine hypermodern und totalitär agierende anonyme Bürokratie in einem idyllisch-feudalem Setting. Das gequälte, hilflose Individuum einem unverständlich und unmenschlich agierendem Machtapparat gegenüberstehend, ist wohl jener Aspekt, welcher die Leser seit jeher am meisten anspricht, wofür auch die Bedeutung des beliebten „kafkaesk“ spräche. Das Quälende ist immer präsent, wenn im Schloß auch deutlich indirekter als in der brutalen Strafkolonie.

Dieser in einen scheinbar normalem Alltag eingebettete aggressive Anti-Individualismus eines Verwaltungsapparates macht den Kern der Kafkaschen Dystopie aus, und zählt deshalb sicher zum politisch hellsichtigsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Kafka wird aufgrund der tiefen anthropologischen Verankerung seiner literarischen Autopsie der Moderne auch dann bei seiner Leserschaft noch Beklemmung verursachen, wenn die Dystopien Orwells und Huxleys technisch längst überholt sind.

Japan – Eine Reise ins Unverständliche

Oktober 2017

Wie alle Europäer fliege ich mit vielen Klischees im Gepäck nach Tokio. Bunt, grell, teuer, arbeitsam soll es sein im fernen Osten. Knapp drei Wochen reise ich kreuz und quer durch das Land, bevor ich von Hiroshima aus die Heimreise nach Wien antrete. Am Ende habe ich allerdings den Verdacht, dass einige dieser mentalen Schubladen im Kern durchaus ihre Berechtigung haben könnten.

Auf den ersten Blick sieht Japan wie ein westliches Land aus. Zwar gibt es in Europa keine Megacities, aber wer eine urbane Wanderung in Manhattan überlebte, findet sich auch in Tokio zurecht. Der Alltag der meisten Menschen erinnert ebenfalls an unsere Gewohnheiten: Millionen machen sich täglich auf den Weg in ihre Büros und Behörden. Je genauer man sich jedoch diesen Alltag ansieht, desto fremder wird einem der riesige Inselstaat.

Bekannt ist, dass Japan zu den Ländern mit der geringsten Kriminalität weltweit zählt. Tatsächlich gibt es selbst in Tokio keine nennenswerte Alltagskriminalität. Taschendiebstähle sind ebenso eine Seltenheit wie Wohnungseinbrüche. Es fällt mir auch schnell die Sorglosigkeit auf, mit der die Japaner ihr Eigentum behandeln: Offene Taschen, heraushängende Geldbörsen… Es ist überhaupt kein Problem sein Gepäck für längere Zeit unbeaufsichtigt auf dem Bahnhof in Kyoto stehen zu lassen, während man etwas erledigt. Mir wird auch mehrfach versichert, dass eine Dreizehnjährige völlig ungefährdet um Mitternacht die Metro in Tokio benützen könne. Getrübt wird diese heile Welt allerdings durch überdurchschnittlich viele sexuelle Belästigungen. Überhaupt ist das Frauenbild noch ein sehr traditionelles. Speziell bei der älteren Generation scheinen oft die Männer den Ton anzugeben. Wie bei uns findet man viele Frauen im Dienstleistungssektor und im Handel beschäftigt.
Organisierte Kriminalität gibt es in Japan selbstverständlich in den gängigen Gebieten (mit einem Schwerpunkt auf dem Glücksspiel), was aber offensichtlich nicht mit der Alltagskriminalität korreliert.

Vier Dutzend Länder bereiste ich bisher und in keinem fühlte ich mich so sicher wie in Japan. Mir drängt sich schnell die Frage auf: Was ist die Ursache für dieses dauerhafte Verbrechenstief? Soziologen führen es gerne auf kulturelle Faktoren zurück. Ein japanischer Intellektueller versucht es mir gegenüber mit einer historischen Erklärung: Familien wurden administrativ lange in kleinen Einheiten zusammengefasst. Wenn eine Person dort ein Verbrechen beging, wurde die gesamte Einheit kollektiv bestraft. Der Effekt sei eine hohe soziale Kontrolle und gegenseitige Überwachung gewesen. Das hätte sich tief in die Psyche der Japaner eingebrannt.
Dazu passt ebenfalls die erschreckende Alltagsdisziplin der Inselbewohner. Es gibt keine Graffiti. Es gibt keinen weggeworfenen Getränkedosen. Es gibt keinen Vandalismus. Japan ist übersät von Automaten aller Art. Kein einziger war beschädigt oder beschmiert. Weder in Tokio noch in Kyoto sah ich auch nur einen Einheimischen bei Rot die Straße queren. Als ich das Thema einmal zur Sprache bringe, meint einer stolz, es gäbe schon Graffiti, aber man müsse schon wissen, wo, um sie gezielt aufzusuchen. Bettler gibt es ebenso wenig. Obdachlose existieren, fallen im Straßenbild aber nicht auf.

Zugwagons halten an exakt spezifizierten Orten am Bahnsteig. Man weiß genau, wo man einzusteigen hat, weil es auf dem Pflaster gekennzeichnet ist. Alle stellen sich diszipliniert wartend in Zweierreihen auf. Große Aufregung und viele Entschuldigungen, weil am Tag nach dem Typhoon, unser Zug in Kyoto sieben Minuten Verspätung hat. Auf manchen Parkplätzen vor Touristenattraktionen sind Gehwege aufgemalt. Wer quer über den Parkplatz geht, fängt schnell einen fragenden Blick ein.

Diese Konformität ist aus europäischer Sicht gleichzeitig faszinierend und erschreckend. Junge Menschen trifft man tagsüber fast nur in ihren sehr formellen Schuluniformen an. Die wenigen Individualisten unter ihnen tragen grelle Turnschuhe als Kontrast. In keinem Land der Welt sind mir bisher so ultrahöfliche Teenager begegnet.

Die dunklen Seiten dieses Konformitätsdrucks sind dem westlichen Medienkonsumenten bekannt: Etwa eine ungewöhnlich hohe Selbstmordrate, nebst diversen psychiatrischen Krankheitsbildern.

Schon bald bringe ich die Frage nicht mehr aus den Kopf: Würde ich in diesem Land leben wollen? Der perfekt funktionierende Alltag und das hohe Sicherheitsgefühl im urbanen Raum sind sehr attraktiv. Der Alltagskonformismus auf der anderen Seite ist ebenso abschreckend. Ab und an denke ich, in eine Black-Mirror-Episode geraten zu sein.

Ein weiterer augenfälliger Unterschied zu Europa ist die hohe Alltagsreligiosität. Die Schreine sind zu jeder Tageszeit voller Menschen aller Altersklassen. Wie bei allen Religionen gibt es jede Menge Möglichkeiten, Geld gegen göttliche Gnade einzutauschen. Sehr beliebt sind konkrete Wünsche, deren Erfüllung man sich kaufen kann. In vielen Heiligtümern liegt eine Art spirituelle Selbsthilfespeisekarte aus, auf der man sich seinen Wunsch präzise aussuchen kann. Diese reichen von den üblichen menschlichen Bedürfnissen wie Nachwuchs oder Gesundheit aber auffällig in den kapitalistischen Bereich hinein, etwa nach Sicherheit am Arbeitsplatz oder dem ökonomischen Wohlergehen des eigenen Arbeitgebers.
Umgekehrt hat der Arbeitgeber auch religiöse Pflichten gegenüber seinen Angestellten. Geht ein Mitarbeiter etwa als Expat für längere Zeit ins Ausland, übernimmt die Firma oft alle Ausgaben für die spirituelle Versorgung der Ahnen und die Grabpflege. Sehr seltsam für uns Europäer mutet ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang an: Die Firmengräber. Ich besuche den heiligsten Berg Japans, den Koya-san. In einem Klosterzimmer dort verbringe ich die wohl unbequemste Nacht meines Lebens auf einem Futon am Boden. Teil der kleinen Klosterstadt ist der größte Friedhof des Landes. Mindestens 200.000 Gräber wurden angelegt, weil jeder Japaner, der etwas auf sein Seelenleben hält, dort beerdigt werden will. Darunter sind riesige Grabanlagen der größten Konzerne des Landes. Wer im Dienst ums Leben kommt oder sich sonstige Verdienste erwirbt, landet statt im Büro seines Arbeitgebers schließlich im Firmengrab. Nicht wenige davon sind für westliche Augen skurril dekoriert. So ziert das Grab der größten Kaffeerösterei Japans eine riesige Kaffeetasse. Bei Nissan findet man monströse Arbeiterskulpturen, an denen Stalin seine Freude gehabt hätte.

Als ich in der Provinzstadt Okayama auf dem Weg nach Hiroshima übernachte, lande ich am Abend in einem auf die Gesamtverwertung von Schweinen spezialisierten Lokal (vom Ohr über alle Innereien zum Anus). Bald setzt sich ein junger Bursche neben mich, der eben spät aus seinem Büro kommt. Als die gewünschten anatomischen Schweineteile vor ihm liegen, hält er kurz inne und absolviert ein kurzes religiöses Ritual.

Die Existenz von Firmengräbern zeigt, wie zentral der Arbeitgeber im Leben vieler Japaner ist. Die Erwartungshaltung an die japanische Jugend war über Jahrzehnte hinweg, es an eine der angesehensten Universitäten des Landes zu schaffen, um danach dann entweder beim Staat oder in einem Konzern unterzukommen. Danach dann gemächlich die Hierarchieleiter empor zu klimmen, bis man schließlich im Firmengrab zu seinen Ahnen stößt. Dieser Gesellschaftsvertrag beginnt nun allerdings zu zerbröckeln. So abgeschottet Japan gesellschaftlich vom Rest der Welt sein mag, den globalen ökonomischen Trends kann sich die Wirtschaft dauerhaft nicht entziehen. Das zeigen einerseits diverse Wirtschaftsskandale, wenn etwa Qualitätszertifikate für Stahl gefälscht werden, weil man sich eine Produktion auf diesem hohen Niveau nicht mehr leisten kann. Andererseits gibt es inzwischen wie im Westen viele junge Menschen, welche als Einmannunternehmen pseudoselbständig im Prekariat leben. Das Stigma dafür ist freilich groß, weil die alten gesellschaftlichen Karriereerwartungen immer noch bestehen. Man gilt als Versager und kann deshalb oft keine Familie gründen. Sehr schön beschreibt der Japanologe Christian Tagsold diese Prozesse in seinem „Länderporträt“.

Nach den Metropolen Tokio und Kyoto, nach kleinen Alpenstädten und Dörfern, nach beeindruckenden Burgen und mehr als zwanzig besichtigten Schreinen stehe ich schließlich im Friedenspark Hiroshimas. Angesichts der Spannungen zwischen Nordkorea und den USA wirkt die Mahnung des Orts viel eindringlicher als noch vor einem Jahr. Die Friedenserziehung in Hiroshima läuft ebenso effizient ab wie der Zugverkehr. Es sind unzählige Schulklassen unterwegs, die vor den unterschiedlichen Gedenkstätten ihre sehr emotionalen Rituale aufführen. Man trifft kleine Kindergruppen, die gezielt Ausländer in ihrem Schülerenglisch ansprechen und ihnen ein paar Fragen stellen. Mit dem expliziten hehren Ziel, sich für den Weltfrieden einzusetzen. Der Wille der Menschen in Hiroshima sich gegen Kriege und Atomwaffen zu engagieren, wirkt authentisch und aufrichtig. Wie skeptisch ich bin, dass diesen Kindern ein kriegsfreies Leben vergönnt sein wird, verschweige ich vorsichtshalber.

Ferdinand Hodler & Wien um 1900

Leopold Museum 21.1. 18

Ich bin froh, die eben zu Ende gehende Ausstellung über Ferdinand Hodler noch besucht zu haben. Bisher kannte ich Hodler nur indirekt durch seine Bezüge zur Wiener Kunstgeschichte. Er wurde nämlich erst 1904 durch eine Ausstellung in der Wiener Sezession bekannt und letztlich auch wohlhabend. Selbstverständlich thematisiert die Schau diese Aspekte nicht nur ausführlich, sondern konfrontiert Hodlers Bilder auch immer wieder mit Werken von Künstlern der Wiener Jahrhundertwende. Angelegt sind die Räume chronologisch, weshalb man die ästhetischen Verwandlungen des Schweizers gut nachvollziehen kann. Sehr beeindruckend ist am Ende seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Freundin Valentine Godé-Darel, deren Krebserkrankung er schonungslos zeichnerisch dokumentiert. (Bis 22.1.)

Die eben eröffnete Ausstellung Wien um 1900. Klimt – Moser – Gerstl – Kokoschka richtet sich offensichtlich primär an Touristen. Jeder der Künstler wird in einem Raum knapp und kompetent vorgestellt. Keine neue Perspektive, keine neuen Forschungsergebnisse, keine kuratorische Reflexion. Freilich einige sehr hübsche Bilder und Möbel. Aber das liegt in der Natur der Sache. (Bis 10.6.)

The Killing of a Sacred Deer

Filmcasino 14.1. 18

GB/IR 2016
Regie: Yorgos Lanthimos

Was für ein außergewöhnlicher Film. Ein cineastisches Meisterwerk? Ein antiaufklärerisches Propagandastück? Beim ersten Ansehen fällt es schwer, sich eine Meinung zu bilden. Der Film beginnt harmlos und sympathisch. Im Mittelpunkt steht eine Oberklasse-Ärztefamilie. Der Vater kümmert sich rührend um den psychisch labilen Sohn eines ehemaligen Patienten, der die Herzoperation leider nicht überlebte. Die Idylle dauert nur kurz: Der kleine Sohn wird mysteriös krank, und es entspinnt sich eine düster dämonische Rachegeschichte. Diese spiegelt als Kontrapunkt semantisch geschickt den naturwissenschaftlichen Beruf des Vaters: Das Irrationale übernimmt. Das ist sehr eindringlich und spannend inszeniert. Man geht mit jeder Menge Fragen aus dem Kino. Sollten Filmfreunde nicht versäumen.

Eine bretonische Liebe

Filmcasino 1.1. 18

F/B 2017
Regie: Carine Tardieu

Die beste Klassifikation ist wohl romantische Komödie. Im Mittelpunkt steht Erwan, der Chef einer Minenräumfirma. Die Tochter ist ungewollt schwanger. Der Vater stellt sich als Stiefvater heraus. Die Suche nach dem echten Vater beginnt. Der wiederum hat eine Tochter…
Das alles ist überdurchschnittlich kompetent geschrieben und gespielt. Auch amüsant. Aber so gar nicht mein Genre.

Mein Abschied von Facebook

Biorama bat mich, meinen Abschied von Facebook kurz zu begründen. Ein Nebeneffekt der Aktion ist natürlich, dass Links in den Notizen auf Facebook-Fotoalben nicht mehr funktionieren werden.

„Facebook ist der Völkische Beobachter des kleinen Mannes“. Der Blogger Christian Köllerer erklärt, warum er nach reiflicher Überlegung aussteigt. Ein Gastkommentar über einen Facebookabschied.

Wenn man die Zahl der Leser und die in den sechsstelligen Bereich gehenden Interaktionen als Kriterium nimmt, bin ich auf Facebook einigermaßen erfolgreich. Neudeutsch ein „Influencer“. Neun Jahre lang investierte ich viel Zeit, um mir diese Reichweite aufzubauen.
Der Wunsch, meinen Facebook-Account zu löschen, wurde im letzten Jahr von Monat zu Monat größer. Es gibt einige persönliche Gründe – Stichwort: Zeitfresser –, primär sind allerdings politische und gesellschaftliche Aspekte für meine Entscheidung ausschlaggebend.

Facebook ist inzwischen zu einem mächtigen und gefährlichen Katalysator für antidemokratische Prozesse geworden. Barbaren aller Couleur bedienen sich der Plattform als zentrales Kommunikations-Werkzeug: Facebook ist der „Völkische Beobachter“ des kleinen Mannes.

Die Flut an Hass-Postings dort ist inzwischen allgemein bekannt. Ebenso das populistische Ping-Pong-Spiel mit dem Boulevard, deren fragwürdige Meldungen von FPÖ-Politikern auf Facebook geteilt werden. So wird die virtuelle Hass-Generierung ständig von interessierter Seite befeuert.

Unterstützt wird das durch das geschickte Ausnutzen neurologischer Mechanismen, welche die Menschen süchtig machen. Jede Reaktion auf einen eigenen Facebook-Beitrag kurbelt die Dopamin-Produktion an. Gleichzeitig schottet der Algorithmus die Nutzer nach längerer Nutzung immer stärker von Meinungen ab, welche der eigenen konträr sind. Stichwort: Filter-Bubble.

Zwar habe ich persönlich kaum schlechte Erfahrungen auf Facebook gemacht, aber die millionenfache Replizierung von widerwärtigem Stammtischgeschwätz ist Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Facebook sah diesen Umtrieben lange nicht nur tatenlos zu, sondern nahm auch gerne Hetzanzeigen von russischer Seite entgegen. Einige der aus Russland einschleusten Anzeigen hatten das klare Ziel, unterschiedliche amerikanische Gruppen gegeneinander aufzuhetzen. Frei nach dem Motto: Rubel sind auch Geld. Ein Hearing im amerikanischen Kongress belegte das eindrücklich.
Die widerwärtige Möglichkeit, Anzeigen an Zielgruppen wie „Judenhasser“ zu adressieren, wurde auch erst dann eingestellt, als sie öffentlich bekannt wurde. In allen diesen Fällen stellte Facebook trotz solide gefüllter Kassen Profit über Anständigkeit. Auch an Fake- und Hass-Postings verdient Facebook bekanntlich gutes Werbegeld.
Ich kann und will kein Teil mehr davon sein.

Ad personam:
Christian Köllerer ist einer der wichtigsten Kultur-Blogger im deutschsprachigen Raum. Auch auf Twitter ist der Germanist hyperaktiv: @drphilponus.

Link: Mein Abschied von Facebook

Loving Vincent

Filmcasino 29.12. 17

GB/PL 2017
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman |

Das Spektakuläre dieses Films ist seine Machart. Als auf Öl gemalter Animationsfilm ist er damit wohl der erste seiner Art. 125 Künstler malten dafür 65.000 Bilder. Diese sind komplett in der Ästhetik von van Goghs grandiosen Gemälden gehalten, was optisch natürlich unglaublich eindrucksvoll ist. Viele „Einstellungen“ basieren auf berühmten Bildern des Malers, was zu einer kunsthistorischen Detektivarbeit einlädt.

Weniger gelungen finde ich die Geschichte. Der Vater eines Bekannten van Goghs schickt seinen Sohn los, um einen Brief an dessen Bruder Theo zuzustellen. Es läuft dann auf eine Art Kriminalgeschichte rund um den seltsamen Tod des Malers hinaus. Man erhält dadurch zwar einige Einblicke in die Persönlichkeit des Künstlers. Mir persönlich hätte eine andere, weniger auf Spannung setzende Handlung deutlich besser gefallen.

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Wer meine literarischen Vorlieben kennt, dürfte bereits ahnen, dass mir ein Aspekt der Hauptstadt besonders gut gefällt: Die diversen geistreichen Anspielungen auf den Mann ohne Eigenschaften. Diese gibt es auf unterschiedlichen Ebenen. Von sehr feinen Anspielungen, etwa dem nachdenklich aus dem Fenster hinausblicken in entscheidenDen Momenten, bis hin zu dem strukturellen Kernelement der Handlung, welche an die Parallelaktion erinnert. Man sucht nämlich nach einem „Big Jubilee Project“, um das fünfzigjährige Jubiläum der EU Kommission zu feiern. Die nur auf den ersten Blick skurrile Idee dafür: Ausschwitz als Hauptstadt Europas auszurufen.

Wer nun vermutet, Robert Menasse hätte den Deutschen Buchpreis primär deshalb erhalten, weil er einen europäischen Hauptstadtroman schrieb, irrt allerdings: Das Buch ist literarisch sehr gelungen. Die EU Bürokratie gut recherchiert in einem Erzählwerk zu porträtieren ist schwierig. Den Betrieb in Brüssel dann schonungslos mit allen Problemen zu beschreiben und trotzdem ein überzeugendes Plädoyer für Europa vorzulegen, klingt schon wie die Quadratur des Kreises.

Sie gelingt ihm, in dem er abwechselnd die Geschichten von sehr unterschiedlichen Personen erzählt, und diese mehrschichtig intelligent miteinander verknüpft. Die griechische EU-Kulturbeamtin Fenia Xenopoulou, der Auschwitz-Überlebende David de Vriend und der mit einem seltsamen Kriminalfall vertraute Kommissar Brunfaut sind nur drei davon. Menasse gibt ihnen durch dichte Rückblenden eine interessante Biographie, welche die Geschichte Europas in unterschiedlichen Facetten spiegelt. Während sich zu Beginn die Figuren regelmäßig rhythmisch abwechseln, bekommen am Ende einige von ihnen längere Buchpassagen am Stück spendiert. Schade, dass Manesse hier das zu Beginn etablierte strukturelle Prinzip nicht durchhalten kann.

Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp)

Gelesen & Gehört & Gesehen

Joseph Roth: Radetzkymarsch

Burgtheater 18.12. 17

Regie: Johan Simons

Bezirkshauptmann, Baron Franz von Trotta und Sipolje, Sohn des Helden von Solferino; Falk Rockstroh
Trotta, Leutnant Carl Joseph von Trotta, sein Sohn; Philipp Hauß
Kaiser Franz Joseph I.; Moser, Maler, ein Freund des Bezirkshauptmanns: Johann Adam Oest
Slama Kapellmeister, Wachtmeister; Zoglauer, Major; Tattenbach, Rittmeister: Daniel Jesch
Frau Slama, Katharina Frau des Kapellmeisters, Geliebte von Carl Joseph von Trotta; Eva, Frau des Regimentsarztes; Valérie von Taußig, Freundin des Grafen Chojnicki, Geliebte von Carl Joseph von Trotta: Andrea Wenzl
Junger Slama, Infanterist: Christoph Radakovits
Jaques, Diener des Bezirkshauptmanns; Onufrij, Diener von Carl Joseph von Trotta; Skowronnek, Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmanns: Merlin Sandmeyer: Max Demant, Regimentsarzt; Chojnicki, Graf, ein Adliger: Steven Scharf
Wagner, Hauptmann: Martin Vischer

In längeren Abständen muss sich das Burgtheater aus mir unbekannten Gründen einen großen Fehlgriff erlauben: Dieser Radetzkymarsch ist so missglückt, dass ich nach fünfzig Minuten die Flucht aus meiner Loge ergreife. Die Schwierigkeiten, einen Roman in ein Theaterstück zu transponieren, liegen auf der Hand. Am besten funktioniert das für dialog- oder monologlastige Prosawerke (Thomas Bernhard!); am schlechtesten bei Texten, die sehr viel auf Beschreibungen und Reflexionen setzen. Ausnahmen wie die hervorragenden Tolstoi-Abende im Kasino widerlegen diese grundsätzliche Beobachtung nicht.

Erlebte Rede oder gar Erzählerkommentare in Dialoge zu verwandeln, ruiniert sowohl den Dialog als auch den narrativen Fluss. Der ästhetische Gehalt des Radetzkymarsch‘ wird auch dadurch zerstört, dass man sich auf der Bühne primär auf die Beziehungsgeschichten konzentriert. Die Regieidee, alle Beteiligten hinten auf der leeren Bühne sitzen und dann die unterschiedlichen Protagonisten spielen zu lassen, funktioniert in der Praxis gar nicht. Man meint der Theaterprobe einer Provinzbühne beizuwohnen. Selbst die von Roth so fesselnd geschilderte Handlung produziert in dieser Form nur gähnende Langweile. Ein Literaturverbrechen.

David Lynch – The Art Life

Filmcasino 16.12. 17

US/DK 2016

Regie: Jon Nguyen

David Lynch kannte ich bisher ausschließlich als Regisseur und gehe mit der Erwartung ins Kino, das Porträt eines Filmkünstlers zu sehen. Die Dokumentation zeigt jedoch primär Lynch Werdegang als bildender Künstler. Seine Skulpturen und Assemblagen sind ähnlich verstörend wie die bekannten Filme. Assoziationen zu Horror-Motiven drängen sich immer wieder auf. Wer nun vermutet, diese Vorliebe mit dem Abseitigen hinge mit Lynch Kindheit zusammen, könnte nicht falscher liegen: Er wuchs umsorgt in einer „perfekten“ Familie auf. Diese behütete und idyllische Jugend sowie seine ersten Schritte als Künstler nehmen den größten Raum ein. Der Film endet mit dem Durchbruch als Filmemacher. Ästhetisch ist The Art Life ansprechend konzipiert: Über die Laufzeit des Films arbeitet Lynch an einem neuen Kunstwerk. Man sieht also ein aktuelles Werk entstehen, während gleichzeitig sein Leben autobiographische aufgearbeitet wird.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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