[Notiz der Woche] Adalbert Stifter

Stifter hat bei vielen den Ruf ein fader Biedermeier-Schreibling zu sein. Langweilige und langwierige Beschreibungen werden ihm nachgesagt. Ich las schon lange nichts mehr von Stifter, hatte die gelesenen Bücher aber durchweg in sehr guter Erinnerung. Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks.

Inzwischen habe ich fünf Erzählungen und auch Die Mappe des Urgroßvaters (eigene Notiz geplant) noch einmal gelesen. Um es gleich zu sagen: Stifter schreibt erstklassige Literatur, mein Lesegedächtnis bewährte sich in diesem Fall. Er ist aber im Gegensatz zum oben beschriebenen Klischee nicht einfach zu lesen. Das Missverständnis vom Biedermeier-Idylliker kann nur entstehen, wenn man ihn oberflächlich liest. Am Verfänglichsten sind natürlich die Naturbeschreibungen. Stifter zählt hier in der deutschsprachigen Literatur zur Referenz. Es gibt wenige, welche Naturereignisse in allen ihren Schattierungen so genau und stimmungsvoll beschreiben können. Ich selbst bin ja kein großer Naturfreund, weiß diese Literaturkunst aber (deshalb?) sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu schlechten Schreiberlingen verklärt Stifter die Natur nur selten und balanciert das Idyllische immer durch das Gegenteil aus. Ja, es gibt die idyllischen Wälder und Bergtäler, aber oft spielen sich dort menschliche Tragödien wie Selbstmorde ab. Ja, es gibt die wunderbaren Frühlingstage samt Frühlingsgefühlen, aber es gibt auch den Winter und Eislandschaften, wo die Welt buchstäblich zufriert.

Man muss Stifter genau lesen, damit einem diese Doppelbödigkeiten auffallen. In gewisser Hinsicht könnte man ihn als subtilen Vorläufer eines Thomas Bernhard verstehen. Sieht man sich bei Zeitgenossen um, wäre er eine subtilere Variante des Wilhelm Raabe. Raabe versteckt seine Abgründe hinter burlesken und komischen Figuren und Geschichten, er hält uns das Biedermeierliche quasi direkt unter die Nase und distanziert sich davon mit starken Mitteln. Stifter dagegen bettet seine menschlichen Dramen in oberflächlich wunderbare Landschaften ein, die oft Kulissen für Katastrophen sind.

Neben den Naturbeschreibungen, deren Treffsicherheit sich übrigens nicht nur auf Böhmen erstreckt, sondern in Abdias auch zu hervorragenden Wüstenschilderungen führt, sind es die Beschreibung menschlicher Schicksale, welche diese Erzählungen interessant machen. Oft leben die Menschen wie im Hagestolz in scheinbar romantischen Umständen, es stellt sich aber schnell heraus, dass sich in der Vergangenheit menschliche Dramen abspielten und man eigentlich das „falsche“ Leben lebt. Wie hier der fast noch jugendliche und als Waise aufgewachsene Viktor auf seinen alten, verbitterten und menschlichenfeinden Onkel trifft, ist nicht nur handwerklich großartig gemacht. Der Hagestolz lebt alleine mit zwei Bediensteten auf einer nur per Boot erreichbaren Insel auf einem entlegenen Bergsee und geht dort seinen skurillen Hobbys nach. Das ist ein misanthropischer Geistesmensch und ein so offensichtlicher Vorläufer einer Thomas-Bernhard-Figur, dass alleine diese Erzählung das Geschwätz vom Biedermeier-Idylliker hinreichend widerlegt.

Stifter: Erzählungen (Aufbau Bibliothek)
Der Kondor, Der Hochwald, Abdias, Brigitta, Der Hagestolz

Andalusien – Das islamische Europa

Oktober 2015

Diese Studienreise liegt nun schon eine Weile zurück, aber wie bei allen meinen Reisen will ich einige Eindrücke festhalten. Ich bereiste viele Länder des Orients, von Marokko bis Usbekistan, bevor ich jene europäische Region besuche, welche der Islam am stärksten prägte: Andalusien.

Das Faszinierende an dieser Weltgegend ist, wie vielseitig die geschichtlichen Bezüge sind. Sie beginnt bei der Alltagskultur, setzt sich in der Architektur- und Kunstgeschichte fort und ist selbst für die Geistes- und Mentalitätsgeschichte Europas maßgeblich prägend. Um mit dem scheinbar Banalen anzufangen: Die Bedeutung des Serranoschinkens für die andalusische Küche bis heute, wäre ohne den damaligen Religionskonflikt undenkbar. Nach der Reconquista gingen viele Moslems in den Untergrund. Eine wichtige Methode, sie zu entlarven, war der verweigerte Verzehr von Schweinefleisch. Die echten Christen demonstrierten brav opportunistisch ihre Zugehörigkeit zum korrekten Katholizismus durch den demonstrativen Konsum von Schinken. Seit dieser Zeit ist es üblich selbst „vegetarische“ Gerichte wie Salte mit Schinken zu garnieren.
Am anderen Ende des Spektrums steht die Bedeutung Andalusiens für die Kulturgeschichte Europas. Als die Omaiyaden nach Cordoba kamen, weil sie von den Abbasiden aus dem Mittleren Osten vertrieben worden waren, begann die kulturelle Blütezeit. Wie alle Blütezeiten war sie von religiöser Toleranz geprägt und gipfelte in grandiosen Kulturleistungen. Nicht nur wurden auf diesem Wege viele antike Klassiker für die Nachwelt erhalten, es entstanden auch Standardwerke zu Mathematik, Astronomie und Medizin, welche viele Jahrhunderte lang für Europa maßgeblich waren.

Dieses Wissen ist natürlich immer präsent, wenn man durch Andalusien reist, ebenso wie die unerfreulichen Folgen der erfolgreichen Reconquista, etwa die berüchtigte Bücherverbrennung in Granada, welche der Erzbischof von Toledo veranlasste, Gonzalo Jiménez de Cisneros. Was bekommt der Reisende so viele Jahrhunderte später noch davon mit? Am offensichtlichsten sind selbstverständlich die architektonischen Einflüsse. Die Altstadt von Cordoba ist bis heute eine von der Anlage her muslimische Stadt. Die als Moschee erbaute Mezquita, deren säulenreicher Innenraum zu den beeinruckendsten zählt, die ich bisher sah, wird natürlich seit langem als Kirche betrieben. Ich werde allerdings das Gefühl nie los, dass diese Zwangschristianisierung so überhaupt nicht zu diesem Gebäude passt. Der alte Religionskonflikt schwelt auch bis in die Gegenwart: Die moslemische Gemeinde nutzte Teile der riesigen Mezquita wieder gerne als Moschee, was der konservative Bischof der Stadt naturgemäß empört zurückweist.
Wer marokkanische Städte kennt, kann sich beim Schlendern durch die Altstadt ausgezeichnet vorstellen, wie das Alltagsleben in Cordoba vor der Rückeroberung ausgesehen haben muss.
Neben den üblichen Sehenswürdigkeiten empfehle ich in Cordoba dringend den Besuch der Casa de Sefarad, die sich mit Kultur & Geschichte der Juden in Cordoba und Andalusien beschäftigt. Es gibt auch sehr gute Führungen dort.

Der zweite islamische Höhepunkt neben Cordoba ist selbstverständlich die Alhambra in Granada, wo sich die orientalische Baukunst am beeindruckendsten präsentiert. Mit zwei Millionen Besuchern ist sie die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Spaniens, weshalb man sich rechtzeitig um eine Eintrittskarte bemühen muss. Diese wiederum hat dann nur ein halbstündiges Zeitfenster währenddessen man die Burg betreten darf. Was die Außenwirkung angeht, trifft es „Burg“ übrigens ziemlich genau. Dicke Wände, kleine Fenster, insgesamt eine abschreckend wirkende Architektur. Desto verblüffender ist der Kontrast zur prächtigen orientalischen Ausstattung im Inneren. Die Kombination aus filigranen Verzierungen, unterschiedlichen optischen Perspektiven, und abwechslungsreichen Innenhöfen (gerne mit Wasserbecken, in denen sich die Architektur spiegelt) sucht weltweit ihresgleichen. Die grandiosen Aussichten auf Granada und das bergige Umland runden diese Eindrücke perfekt ab.

Wer an der Gegenreaktion des christlichen Spaniens interessiert ist, wird speziell in Sevilla fündig. Nicht nur gibt es dort einen der imposantesten Dome des Landes, sondern man kann im Parque de Maria Luisa die Plaza de Espana besichtigen, das in Keramikdarstellungen unter anderem das spanische Imperium verherrlicht.

Eine Denkanregung ganz anderer Art nehme ich ebenfalls noch von meiner Studienreise mit, nämlich das selbst so scheinbar eindeutig ethische Urteile wie die Ablehnung des Stierkampfes durch zusätzliche Informationen ambivalent werden können. So richtig es ist, dass der Akt des Stierkampfes an sich von einer barbarischen Grausamkeit ist, so verändert sich die ethische Gesamtbilanz, wenn man das gesamte Leben eines Kampfstieres betrachtet. Sie werden nämlich in eigenen Zuchtfarmen aufgezogen und zwar in einem für sie optimalen Ambiente. Kurz, sie leben über viele Jahre ein fantastisches Stierleben, dem dann ein halbstündiges brutales Lebensende gegenüber steht. Im Vergleich zum meist von Anfang bis Ende qualvollen Leben der üblichen Zuchttiere, ist so ein Kampfstierleben insgesamt also ethisch deutlich besser zu beurteilen.

Als Fazit sei betont, dass Andalusien sicher eine der intellektuell anregendsten Gegenden ist, die man in Europa besuchen kann. Werde sicher nicht zum letzten Mal dort gewesen sein.

Sueton: Lives of the twelve Caesars

Suetons Geschichtswerk ist das einzige (fast) komplett überlieferte Werk des römischen Autors. Das mag mit der großen Popularität des Buches noch zu seinen Lebzeiten zusammenhängen. Was heute noch für hohe Einschaltquoten sorgt, nämlich Sex & Crime, sowie Klatsch über Prominenz, funktionierte bereits damals gut: Suetons zwölf Kaiser-Biographien sind voll davon. Je schlüpfriger, desto besser. Das liest sich stellenweise immer noch sehr unterhaltsam. Trotz dieses boulevardesken Einschlags ist Sueton eine der wichtigsten Geschichtsquellen über die Kaiserzeit. Für einige Protagonisten wie Caligula ist er sogar die Hauptquelle. Notwendig ist jedenfalls durchgehend eine sehr quellenkritische Lektüre. So fällt etwa schnell auf, dass Sueton bei Konflikten zwischen Kaisern und dem Senat sich fast immer auf die Seite des Senats stellt. Ich ließ mir die Biographien als Hörbuch vorlesen, wozu sie ganz vorzüglich geeignet sind.

Sueton: Lives of the twelve Caesars (als Hörbuch)

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code

Ein bemerkenswertes Buch, das Leser mit unterschiedlichen Interessen anspricht. Primär geht es um einen Wissenschaftskrimi, nämlich der Entzifferung der Mayaschrift, deren Bedeutung in einer Reihe mit der Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen steht. Gleichzeitig ist es ein Lehrstück in Sachen Wissenschaftssoziologie. Die korrekten Hypothesen über das Wesen der Mayaschrift wurden nämlich lange aktiv von Eric Thompson unterdrückt, dem führenden Mayaforscher seiner Generation, weil sie seinen eigenen (falschen) Theorien widersprachen. Ein Musterbeispiel dafür, wie Wissenschaft nicht funktionieren soll. So stammten wichtige Einsichten von einer Wissenschaftlergruppe aus Leningrad, deren Ideen mit antikommunistischen Kalten-Kriegs-Argumenten vom Tisch gewischt wurden. Es standen also politische und persönliche Interessen statt wissenschaftliche im Mittelpunkt.

Einige der Elemente dieser Geschichte entbehren nicht der Ironie. So war ein erst im 19. Jahrhundert entdecktes Manuskript Diego de Landas dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu einer Entzifferung kommen konnte, enthielt es doch die einzige Übersicht über das Maya-Alphabet. Gleichzeitig war Diego de Landa während seiner Zeit bei den Maya als fanatischer Bischof dafür verantwortlich, dass die meisten Maya-Bücher verbrannt worden. Heute gibt es kaum noch Exemplare. Eines davon ist der berühmte Dresden Kodex.

Anders als es der Titel verspricht, gibt es aber auch noch eine breitere Perspektive auf das Themenfeld. Es enthält die wichtigsten grundlegenden Informationen über die Geschichte und Kultur der Maya, weshalb es sich auch als allgemein einführende Lektüre eignet.

Michael D. Coe war als Forscher immer wieder selbst in die Entzifferung der Mayaschrift involviert und kennt viele der Protagonisten. Dieser Aspekt gibt dem Buch eine persönliche Note, die man in historischen Darstellungen nur selten findet.

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code (Thames and Hudson)

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

Tschechow: Drei Schwestern

Burgtheater 23.4. 2016

Regie: David Bösch

Andrej Segerjewitsch Prosorow: Philipp Hauß
Natalja Iwanowa, seine Braut: Stefanie Dvorak
Olga, seine Schwester: Katharina Lorenz
Irina, seine Schwester: Marie-Luise Stockinger
Mascha, seine Schwester: Aenne Schwarz
Kulygin, Fjedor Iljitsch, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Dietmar König
Werschinin, Alexander Ignatjewitsch, Kommandeut der Artilleriegarnison: Fabian Krüger
Soljony, Wassilij Wassiljewitsch, Hauptmann im Stab: Michael Masula
Tusenbach, Nikolaj Ljowitsch, Baron, Leutnant: Martin Vischer
Tschebutykin, Iwan Romanowitsch, Militärarzt: Falk Rockstroh
Anfissa, Njanja: Elisabeth Augustin

Heute arbeiten sich die Eliten zu Tode. Selbst Milliardäre hetzen sich von einem Projekt zum anderen. Ganz anders die Eliten vor dem 20. Jahrhundert: Sie langweilten sich zu Tode. Für das Theater hat diesen Ennui niemand besser auf die Bühne gebracht als Tschechow. In diesem Stück langweilen sich die titelgebenden drei Schwestern, welche sich nach dem Tod ihres Vaters aus ihrer öden Provinzstadt vergeblich nach Moskau sehnen. Dynamik gewinnt die Handlung erst als ihr vom hoffnungsvollen Intellektuellen zum spielsüchtigen Provinzler herabgesunkener Bruder eine gehässige und intrigante Provinzlerin aus der Stadt ehelicht.

Tschechow ist ein Autor der mit der Behutsamkeit des gesprochenen Wortes arbeitet und mehr als andere Dramatiker auf den Dialog setzt. David Bösch bringt erfreulicherweise den Mut auf, die Drei Schwestern als klassisches Literaturtheater auf die Bühne zu bringen, und verzichtet deshalb auf zwanghaft originelle Regieeinfälle. Die Schauspieler danken es ihm durch eine sehr erfreuliche Leistung. Eine Empfehlung für alle Freunde der Weltliteratur.

Ausstellungen in Wien

Ich nutzte meine Wien-Urlaubswoche zum Besuch zahlreicher Ausstellungen. Hier eine kurze Zusammenfassung des Gesehenen:

Im Unteren Belvedere beschäftigt man sich mit Klimt, Kupka, Picasso und andere(r) – Formkunst. Im Mittelpunkt dieser kunsthistorisch spannend kuratierten Ausstellung steht die Entwicklung der Kunst in Richtung Abstraktion in Österreich, Tschechien und Ungarn, dem damaligen Kaiserreich also. Berücksichtigt wird nicht nur die Malerei, darunter sehr frühe abstrakte und kubistisch anmutende Werke, sondern auch das damals oft geometrisch inspirierte Kunsthandwerk. Stichwort: Wiener Werkstätte. Interessanter als die gezeigten Bilder der Promis wie Klimt oder Schiele sind die weniger bekannten Wegbereiter, etwa jene Adolf Hölzels. Möge man zukünftig öfters den Mut zu solchen spannenden „Anti-Block-Buster-Ausstellungen“ finden. (Bis 19.6.)

Kunsthistorisch aufschlussreich ist auch Fürstenglanz. Die Macht der Pracht im Winterpalais. Die Exhibition beschäftigt sich nämlich mit der Vermarktung der fürstlichen Gemäldesammlungen im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Galerien waren Prestigeangelegenheiten ersten Ranges, weshalb alle stolzen Galerienbesitzer sie europaweit bekannt machen wollten. Heute würde man von Kulturmarketing sprechen. Mittel der Wahl waren vor allem sogenannte Galeriewerke, also opulente Bücher, welche die Bilder einer Sammlung abbilden und beschreiben. Sie wurden als Geschenke in ganz Europa verteilt. Beliebt waren auch Galeriebilder, in denen der Sammler mit seinen wichtigsten Werken gezeigt wird. So eine Meta-Ausstellung gab es in Wien bisher meines Wissens noch nicht, was alleine ja schon eine beachtliche Empfehlung darstellt. (Bis 26.6.)

Schlicht Balthus nennt sich die Retrospektive im Kunstforum Wien. Sie nähert sich dem Künstler aus unterschiedlichen Perspektiven. Am auffallendsten ist das ästhetische Außenseitertum des Balthus: Sein Stil orientiert sich an der italienischen Malerei, was sich nicht nur auf die figurativen Sujets bezieht, sondern auch auf seine Farbpalette. Neben seinen Akten junger Mädchen, die heute noch so manchen Sittenwächter provozieren, gibt es Portraits, Grafiken und Landschaftsmalerei zu sehen. Was mich verblüfft: Das 20. Jahrhundert spielt überhaupt keine Rolle, weder implizit noch explizit. Balthus ist kein Zeitgenosse, seine Bilder wirken auf mich evasorisch. Das figurative Gegenbeispiel wäre Francis Bacon, der ästhetisch innovativ mitten in seinem Jahrhundert steht und zu vielfältiger Reflexion anregt. (Bis 19.6.)

Die Kunsthalle verspricht The Promise of Total Automation, kann dieses Versprechen aber nicht halten. Nicht die erste Ausstellung dort, wo sich nur eine lose Beziehung zwischen dem Gezeigten und dem Thema herstellen lässt. Zwar gibt es eine Reihe von sehenswerten Einzelexponaten, darunter sogar historisch bedeutende wie die erste mit Lochkarten betriebene Webmaschine oder den ersten tragbaren Computer. Einen roten semantischen Faden sucht man aber vergebens. (Bis 29.5.)

Sehenswerter ist gegenüber im Mumok eine neue Auseinandersetzung mit der Wiener Kunstgeschichte: Körper, Psyche & Tabu. Wiener Aktionismus & die frühe Wiener Moderne. Wer den Aktionismus kennt, wird zwar keine neuen Aspekte entdecken. Der geschlagene Bogen zur Kunst der Wiener Jahrhundertwende, wo sich sowohl inhaltliche (Körperkunst) als auch soziologische (Protest-Avantgarde) Parallelen festmachen lassen, eröffnet aber neue Perspektiven auf Altbekanntes. (Bis 16.5.)

Im Wien Museum sind gleich zwei spannende Ausstellungen zu besichtigen: In den Prater! ist eine gelungene Darstellung der Geschichte dieser Volksbelustigung und deren Entwicklung. Zusätzlich zum klassenübergreifenden Unterhaltungsort gab es nach der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 dort auch einen regen Ausstellungsbetrieb über den man sich ausführlich informieren kann. Wer sich für die Geschichte Wiens interessiert, sollte sich einen Rundgang nicht entgehen lassen. (Bis 21.6.)
In meinen Augen mehr eine wiengeschichtliche als eine Kunst-Ausstellung ist O.R. Schatz & Carry Hauser. Im Zeitalter der Extreme. Sie zeichnet den unterschiedlichen Weg dieser beiden Wiener Maler nach, die nie so berühmt geworden sind wie manche ihrer Zeitgenossen. Zurecht, wäre ich versucht zu sagen, denn nicht wenige der gezeigten Werke wirken epigonal und erinnern etwa an Schiele oder Klee. Wenn man sich aber sozial- und mentalgeschichtlich dafür interessiert, welche katastrophalen Konsequenzen die erste Jahrhunderthälfte auf kreative Menschen hatte, findet man viele Denkanstöße. Zumal sich die beiden letztendlich völlig unterschiedlich entwickelten. Während Hauser ins katholisch-reaktionäre Milieu abdriftete, setzte sich Schatz mit urbanen Themen auseinander. (Bis 16.5.)

Eine von der Idee als auch Umsetzung bemerkenswerte Exhibition ist Schwarzösterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten im Volkskundemuseum. Meist unehelich aufgewachsen und mit dunkler Hautfarbe gesegnet, hatten nur die wenigsten eine angenehme Kindheit. Dass auch den wenigen positiven Lebenserlebnisse ausführlich Raum eingeräumt wird, ist erfreulich. Der Kern der thematisch organisierten Ausstellung sind die konkreten Erlebnisse und die Biographien ausgewählter (anonymisierter) Betroffener. In zahlreichen Videostationen erzählen Sprecherinnen und Sprecher deren Erlebnisse in Heimen, in der Familie, in der Stadt. Der weit verbreitete Alltagsrassismus ist dabei ein besonders trauriges Kapitel und ist ein Spiegel, den wir in diesen Wochen besonders stark benötigen. Abgerundet wird diese „oral history“ durch zahlreiche historische Objekte: Fotos, Briefe, Urkunden, Zeitungsartikel. Ein mir bisher völlig unbekanntes Kapitel in der Geschichte Wiens wird hier hervorragend vermittelt. (Bis 21.8.)

Kaiser Franz Joseph: Die Jubiläumsausstellungen

In fünf Ausstellungen wird des 100. Todestags des Kaiser Franz Joseph‘ gedacht. Vier davon habe ich mir inzwischen angesehen, die fünfte ist außerhalb Wiens im Schloss Niederweiden. Ich werde diese Notiz nach einem Ausflug dorthin aktualisieren.

Es ist eine seltsame Mischung, was einem insgesamt geboten wird. Als ich durch die vier thematisch unterschiedlichen Schauen schlendere, interessiert mich vor allem auch, wie Österreich im Jahr 2016 mit seiner habsburgischen Geschichte umgeht. Den Medien entnahm ich bereits vorher, dass man ein kritisches Bild zeigen wolle. Auch der Audioguide der Hauptausstellung im Schloss Schönbrunn – Mensch und Herrscher – betont das bereits zu Beginn. Das Ausstellungsdesign ist klassisch (ein höfliches Wort für „altmodisch“). In einer Mischung aus chronologischen und thematischen Stationen wird anhand von Schautafeln und diversen Exponaten das private und politische Leben aufgearbeitet. Abgesehen von sehr spärlich gesäten Monitoren mit Videomaterial, gibt es keine multimedialen Komponenten. Die zahlreichen Möglichkeiten der modernen Ausstellungsdidaktik werden kaum genutzt. Selbst der Audioguide ist nicht so professionell, wie man das von anderen Wiener Institutionen her kennt. Zum einen ist die länge der Beiträge unvorhersehbar unterschiedlich, von wenigen Sätzen für die sich das Tippen der Nummer kaum lohnt, bis hin zu sehr langen Beiträgen. Diese wurden im Nachhinein zusammengeschnitten, so dass die Beiträge oft am Ende abgeschnitten wirken. Eine dezidiert kritische Note, welcher Art auch immer, konnte ich aber nicht feststellen. Offenbar wird von Kuratoren ein Mindestmaß an historischer Objektivität bereits als kritisches Verdienst verbucht. (Bis 27.11.)

Mit Fest & Alltag beschäftigt sich im Rahmen der Reihe das Hofimmobiliendepot. Höfische Repräsentation wird mit dem Arbeitsalltag des Kaisers verglichen, der bekanntlich persönlich kein großer Freund des Luxus war. Trotzdem gab es zu offiziellen Anlässen (Staatsbankette, Bälle, Festivitäten…) den notwendigen habsburgischen Prunk. Anhand von Schaustücken und Gemälden kann sich hier einen guten Eindruck über das Hofzeremoniell verschaffen. Im Gegensatz dazu stand Franz Joseph quasi bürgerlicher Alltag, was etwa seinen Schreibtisch und dessen Utensilien angeht. Das wird auch in der ersten Ausstellung thematisiert, aber solche Doppelgleisigkeit sind bei so einem Projekt natürlich unvermeidlich. (Bis 27.11.)

Zu Beginn verwirrend finde ich Repräsentation & Bescheidenheit in der kaiserlichen Wagenburg. Die Sonderausstellung ist kaum ausgeschildert und betritt man dann den Hauptraum, sieht man auf den ersten Blick keinen Unterschied zur sonstigen Dauerausstellung. In der Mitte der Halle beginnt dann mit einer Schautafel die erste Station. Die Schau besteht vor allem darin, dass man vorhandenen Gegenständen eine neue Audioguide-Nummer gab und zusätzlich noch ein paar Bilder und Kleidungsstücke zeigt. Ein Besuch lässt sich in einer guten halben Stunde erledigen. Dieses Leichtgewicht als eine von vier „großen“ Franz-Joseph-Ausstellungen zu vermarkten, entbehrt nicht der Chuzpe. Die paar zu sehenden Objekte wie die von Franz Joseph verwendeten Fahrzeuge sind freilich durchaus interessant. (Bis 27.11.)

Außerhalb der vier „offiziellen“ Ausstellungen gibt es eine fünfte im Prunksaal der Nationalbibliothek. Sie ist mit Der ewige Kaiser. Franz Joseph I. 1830–1916 betitelt und beschäftigt sich mit der Ikonographie des Kaisers. Die Sammlung der ÖNB umfasst nämlich eine fünfstellige Zahl an entsprechenden Materialien. Zu sehen sind nicht nur thematisch-chronologisch angeordnete Schaukästen mit Erklärungstafeln, sondern vor allem auch eine zehn Meter lange Bildgalerie mit 86 Porträts aus 86 Lebensjahren. Wer sich die Frage stellt, warum Franz Josef bei vielen seiner Untertanen so bekannt und beliebt war, findet hier einige interessante Antworten. (Bis 27.11.)

Welches Fazit lässt sich insgesamt ziehen? Österreich geht vergleichsweise unverkrampft mit seiner kaiserlichen Geschichte um. Aus dieser Perspektive ist die oft provinziell wirkende Machart der Ausstellungen sympathisch. Man bemerkt das Bemühen um historische Sachlichkeit. Der habsburgische Mythos jedenfalls wird kaum gefüttert. Auch der Kaiserkitsch hält sich – abgesehen vom Franchising natürlich – in Grenzen. Freilich begibt man sich auch nie auf eine intellektuelle Metaebene, um dieses Verhältnis explizit zu hinterfragen. Eine akademischere Heransgehensweise statt der gewählten „historisch naiven“ wäre sehr wünschenswert gewesen.

Janácek: Jenufa

Wiener Staatsoper 20.5. 2016

Dirigent: Ingo Metzmacher
Inszenierung: David Pountney

Laca Klemen: Christian Franz
Stewa Buryjia: Marian Talaba |
Die Küsterin Buryja: Angela Denoke
Jenufa: Dorothea Röschmann

Traditionellerweise lieben Opern „große“ Stoffe: Gerne mythologischer oder historischer Natur. Die bevorzugten Helden der klassischen Oper ist die bessere Gesellschaft. Ausnahmen sind einige komische Opern, aber selbst Figaros Hochzeit spielt ja trotz des namensgebenden Titelhelden in Adelskreisen. Im Theater ändert sich diese Präferenz für das Drama in der zweiten Hälfte, man denke nur an Büchner oder Ibsen.

Die 1904 uraufgeführte Jenufa passt gut in diese Reihe, steht doch der Mord an einem unehelichen Kind im Mittelpunkt der Oper. Sozialkritisch werden die konservativen Wertvorstellungen in der tschechischen Provinz hinterfragt. Musikalisch fand Janácek eine noch heute modern klingende Ausdrucksform für dieses düstere Drama. Die Wiener Staatsoper bringt es in der gewohnten Qualität auf die Bühne. An der orchestralen Leistung ist ebenso wenig etwas auszusetzen als an der vokalen. Einzig Christian Franzs stimmliche Dominanz bringt das Ensemble ab und an aus dem akustischen Gleichgewicht. Das karge Bühnenbild passt gut zur Handlung. Eine Bereicherung des Repertoires.

Ibsen: John Gabriel Borkman

Akademietheater 17.4. 2016

Regie: Simon Stone

John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Gunhilds Zwillingsschwester: Caroline Peters
Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Dieser Theaterabend lädt zu einigen grundsätzlichen Überlegungen über die Beziehung von Klassikern und deren Aktualisierungen im Theater ein. Wer meine Theaternotizen kennt, weiß, dass ich prinzipiell ein Freund des modernen Regietheaters bin. Allerdings funktionieren nur wenige dieser Inszenierungen wirklich gut, weil vielen Regisseuren inzwischen der persönliche Bezug zu den Klassikern fehlt. Freilich gibt es einige Theatertalente wie Andrea Breth oder Martin Kusej, denen überdurchschnittlich oft herausragende Inszenierungen gelingen. Diesen „John Gabriel Borkman“ zähle ich nicht zu den gelungenen Beispielen. Der Text und die Figuren weichen nämlich so weit vom Original ab, dass Ibsens ästhetische Ideen grundsätzlich in Frage gestellt werden. Während Ibsen Gunhild Borkman als vor Scham isolierte alte Frau charakterisiert, ist sie hier dank des Internet mit der Welt vernetzt: Google und Facebook spielen in den ersten Szenen eine prominente Rolle.
Ein wesentlicher Reiz bei der Rezeption von Klassikern ist jedoch die intellektuelle Aktualisierungsarbeit: Was hat der Roman oder das Stück mit der Gegenwart zu tun? Es finden sich immer eine Vielzahl von direkten und indirekten Bezügen. Transponiert man einen Klassiker zu plump in die Gegenwart, nimmt man einerseits dem Publikum dieses grandiose kognitive Vergnügen, und erklärt es andererseits implizit für zu dumm, diese Geistesarbeit überhaupt noch zu erbringen. Deshalb ziehe ich Theatermenschen wie Andrea Breth vor, welche den Text möglichst unangetastet lassen.

Doch selbst die Aktualisierung geht in diesem Fall schief: Borkman selbst ist im Stück ein verknöcherter, verbitterter Ex-Bankdirektor, der wegen Finanzbetrugs fünf Jahre im Gefängnis saß. Ein arroganter Anzugträger. Hier wird er zu einem Clown mit pennerähnlichen Zügen degradiert. Von der Handlung her gesehen gibt es in Zeiten der Finanzkrisen kein aktuelleres Ibsendrama. Die Vorstandsetagen der Banken sind voller machtgieriger und sich selbst überschätzender Borkmans. Hier den Fokus auf eine clowneske Lächerlichkeit zu legen, ist eine vertane Chance.

Von diesen grundsätzlichen Erwägungen abgesehen, funktioniert der Abend intrinsisch einwandfrei. Das Ensemble ist schauspielerisch grandios und die mit Kunstschnee tief bedeckte Bühne gibt die Gelegenheit für so manche Gags. Sehenswert also, wenn man sich keinen Ibsen-Klassiker erwartet.

Der Schamane und die Schlange

Filmcasino 16.4. 2016

Kolumbien 2015

Regie: Ciro Guerra

Inspiriert durch das Leben und Werk des Amazonas-Reisenden Theodor Koch-Grünberg (1872-1924) ist dieser Film entstanden, der das Aufeinandertreffen der europäischen mit der indianischen Kultur anhand des Reisenden mit dem Schamanen Karamakate schildert. Die zweite Zeitebene spielt vierzig Jahre später als ein amerikanischer Botaniker auf der Suche nach desselben Pflanze den alten Karamakate trifft. Diese beiden Handlungsstränge spiegeln sich symbolisch und strukturell. Erzählt wird diese Geschichte in einer grandiosen Schwarz-Weiss-Cinematographie, was die Begeisterung fast aller Kritiker für den Film erklärt. Auch das Kinopublikum ist sehr angetan, werden hier doch gleich mehrere Erfolgsfaktoren bedient: Exotisches Setting, ein edler Wilder sowie implizite und explizite Gesellschaftskritik wird zusätzlich zu opulenten Bildern geboten. Es weht freilich immer ein Hauch von Coelho durch den Streifen.

Das ändert freilich nichts daran, dass Der Schamane und die Schlange ästhetisch sehr gelungen ist: Ein Filmkunstwerk.

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„The Gap“ meint:

"Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
(Februar 2016)

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