[Archiv] Empfehlungen: Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

Jelinek: Schatten (Eurydike sagt)

Akademietheater 17.4. 2014

Regie: Matthias Hartmann

mit
Elisabeth Augustin
Brigitta Furgler
Sabine Haupt
Alexandra Henkel
Mavie Hörbiger
Katharina Lorenz
Christiane von Poelnitz
Lucas Gregorowicz
Puppenspieler: Nikolaus Habjan

Jelineks sprachliche Gesellschaftsanalyse wendet sich dieses Mal den Frauen zu. Acht höchst unterschiedliche Schauspielerinnen sprechen den Text. Wie immer bei Jelinek wird die Sprache als Mittel eingesetzt, um stereotype Verhaltensmuster zu entlarven. Prominent darunter ist die Verehrung von Popsängern durch weibliche Fans. Damit sind wir auch beim mythologischen Assoziationsraum des Stücks angelangt: Während Eurydike mehrmals auf der Bühne vertreten ist, gibt es als Orpheus nur als Individuum. Er dient als (semantischer) Reibebaum für die Frauen. Dieser komplexe Text wird von Hartmann sehr intelligent und witzig auf die Bühne gebracht. An deren Rand sitzt ein Schauspieler mit einer Jelinekpuppe, die immer wieder auf das Geschehen reagiert. Das ist nicht nur witzig, sondern sorgt auch für die notwendige Selbstironie. Schauspielerisch ist der Abend tadellos. Wer Jelinek mag, sollte diese Inszenierung nicht versäumen.

Aischylos: Die Perser

Keines Mannes Knechte oder Untertanen heißen sie.
(Aischylos)

Meine Lektüre ist derzeit von der bevorstehenden dreiwöchigen Iran-Studienreise geprägt. Ich nutze die Gelegenheit, mich zum ersten Mal intensiv mit den Persern zu beschäftigen. Ein guter Anlass also, mir Aischylos Drama wieder vorzunehmen. Die Perser wurde 472 vor unserer Zeitrechnung aufgeführt und ist damit die erste überlieferte griechische Tragödie. Das Werk ist in vieler Hinsicht bemerkenswert. Im Mittelpunkt steht nämlich die Brutalität des Krieges, welche nicht nur für die europäische Geschichte ein beständiger Begleiter sein wird. Erstaunlich ist, mit welcher Empathie Aischylos die Leiden der Feinde ins Zentrum rückt. Zwar dient das Stück vor allem dem patriotischen Zweck, den Sieg der Athener bei Salamis zu feiern. Trotzdem schildert der Autor drastisch die Kriegsfolgen für ein Land:

Die Klippen auch und Ufer waren überschwemmt von Leichen.

Zu Beginn ist das Schicksal des persischen Heeres noch unklar, es gibt aber düstere Vorzeichen sowohl in der Rede des Chors als auch durch den Traum der Königsmutter Atossa. Wie der Bote dann die schlechte Nachricht verkündet, um sie dann im gruseligen Detail auszuführen, ist auch heute auf der Bühne noch sehr wirkungsvoll. Erwähnenswert ist auch, dass bereits im ersten überlieferten Drama ein Geist seinen Auftritt hat: Dareios. Hier spannt sich ein hübscher literaturgeschichtlicher Bogen zum Auftritt von Hamlets Vater.

Ästhetisch nimmt Aischylos in seinem frühen Stück zentrale Aspekte der späteren Tragödien vorweg. Etwa das auch strukturell wichtige Konzept der Hybris. Hier ist es Xerxes, dessen Vermessenheit die Götter mit dieser Katastrophe strafen. Ein würdiger Auftakt der europäischen Theatergeschichte.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Viva la Liberta

Filmcasino 4.4. 2014

Regie: Roberto Andò

Statt über die politische Misere unserer Tage zu jammern, hat Roberto Andò eine Komödie darüber gedreht. Die Politik in Italien ist ja ein gutes Beispiel für ein besonders dysfunktionales demokratisches System. Viva la Liberta analysiert diese Situation allerdings nicht, sondern beschäftigt sich mit dem Bedürfnis der Bevölkerung nach einem ehrlichen und authentischen Politiker. Enrico Oliveri, Chef der wichtigsten italienischen Oppositionspartei, taucht plötzlich unter. Die Partei ist verzweifelt und überredet dessen Zwillingsbruder, einen schon einmal in der Psychiatrie gesessenen Professor, in die Rolle des Parteichefs zu schlüpfen. Sein unorthodoxer authentischer Ansatz wirbelt die politische Landschaft auf und sorgt schließlich für den Wahlerfolg.
Das ist alles ganz amüsant anzusehen und Toni Servillo in der Hauptrolle trägt den Film als Komödie. Ästhetisch ist er allerdings nicht aufregend.

“Die Walküre” im neuen Linzer Musiktheater

Linzer Musiktheater 29.3. 2014

Regie: Uwe Eric Laufenberg
Musikalische Leitung: Dennis Russell Davies

Siegmund: Michael Bedjai
Sieglinde: Sonja Gornik
Hunding: Albert Pesendorfer
Wotan: Duccio dal Monte a.G.
Fricka: Karen Robertson
Brünnhilde: Elena Nebera

Bruckner Orchester Linz

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 11. April 2013, wurde das neue Linzer Musiktheater eröffnet. Eineinhalb Stunden mit dem Zug von Wien entfernt und in Gehreichweite des Bahnhofs, könnte es selbst von der Hauptstadt aus gesehen eine interessante Bereicherung der Opernlandschaft sein. Um diese Hypothese zu überprüfen, verbrachte ich das letzte Wochenende in Linz, gemeinsam mit einer guten Karte für Die Walküre. Ein ambitioniertes neues Opernhaus nimmt sich selbstverständlich gleich Wagners Ring zu Beginn vor. Das Gebäude stammt vom britischen Architekten Terry Pawson und gefällt mir gut. Die versetzten Fassadenteile bewirken, dass der Bau nicht protzig wirkt. Das Glas sorgt für Transparenz, auch wenn es zur Hauptspielzeit am Abend draußen natürlich meistens dunkel ist. Innen ist alles sehr großzügig gestaltet. Die Sitze sind deutlich bequemer als in der Wiener Staatsoper und die Technik ist auf dem neuesten Stand. So sehe ich wie im Flugzeug einen kleinen Monitor vor mir, der mit einem Touchscreen ausgestattet ist und mich namentlich begrüßt. Während der Vorstellung kann man hier das Libretto mitlesen, aber auch durch Besetzung und Inhaltsangabe blättern. Trotz dieses Komforts wird zusätzlich über der Bühne der Text eingeblendet, eine Redundanz, die mir nur bedingt einleuchtet.

Meine Erwartung an die Provinz-Walküre waren moderat und sie wurden übertroffen. Vokal war das Gebotene mit Ausnahme der Walküren zweitklassig. Nicht wirklich schlecht, aber es gab eigentlich bei jedem der Sänger etwas auszusetzen. Dem Wotan fehlte die Kraft, der Fricka die Inspiration, der Brünnhilde eine gute Phrasierung und Siegmund hat sich bereits vor Beginn wegen einer Erkältung entschuldigen lassen. Am besten war noch Albert Pesendorfer als Hunding. Den Abend gerettet hat allerdings das Bruckner Orchester. Dennis Russell Davies wählt einen für die Die Walküre ungewöhnlichen Zugang: Er nimmt die Emotionen zurück, was sicher nicht allen Wagnerfreunden gefällt. Das Ergebnis war aber eine intelligente und transparente Interpretation der Partitur. Selten hörte ich die Leitmotive so klar herausgearbeitet wie hier in Linz. Das Niveau der Musiker war sehr erfreulich. Man kann die Linzer zu diesem Orchester nur beglückwünschen. Ach ja, die Inszenierung ist nicht erwähnenswert.

Jean Vigo: L’Atalante (1934)

Sieht man L’Atalante zum ersten Mal, ist man durch den ästhetischen Stilmix verblüfft. Ein junges Ehepaar tritt auf einem Schiff mit einer schrägen Crew seine Hochzeitsreise nach Paris an. Sie streiten, trennen und versöhnen sich. Vigo setzt formal gleichzeitig auf einen soliden Naturalismus, der sich an vielen Stellen des Films bemerkbar macht. So dreht er viele Szenen draußen auf dem Schiff, nachdem der Film benannt ist, und in Paris statt im Studio. Seine Figuren sind so realistisch, dass manche davon unappetitlich wirken. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder surreal wirkende Effekte. Wie Vigo an die Filmkunst herangeht, prägte zweifelsfrei den französischen Nachkriegsfilm sehr. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum L’Atalante inzwischen zu den wichtigsten Klassikern der Filmgeschichte gezählt wird. Die schonungslose Darstellung des jungen Ehepaars samt ihres Sexuallebens zählt sicher ebenso dazu.

L’Atalante (DVD)

Wie liest man Balzac?

In der dritten New-York-Review-of-Books-Ausgabe dieses Jahres schreibt Geoffrey O’Brien einen klugen Essay über Balzac. Er erläutert dabei auch seine eigenen Leseerfahrungen, die den meinen durchaus ähnlich sind:

Yet even after taking so much from those books I felt as if I were reading Balzac against the grain, wanting him to be a different sort of writer than he was, faulting him for long-windedness and digression, tuning out his extended riffs on animal magnetism or Swedenborgian doctrine and his monarchist political editorializing, reacting unhappily to what seemed abrupt or haphazard plot developments. I wanted him to hurry it along, tidy it up, bring it to a neat and emotionally satisfying conclusion; if possible I wanted to mainline the gist of what Balzac knew of the world without having to make my way through the ramifications of his paragraphs.

Meine Balzac-Notizen finden sich hier.

Svend Gade, Heinz Schall: Hamlet (1921)

Filmcasino 9.3. 2014

Heidelinde Gratzl: Akkordeon
Jovan Torbica: Kontrabass

Dieser Hamlet war für mich eine völlige Überraschung: Hamlet wurde nicht nur von Asta Nielsen gespielt, sondern war auch in der Geschichte in Wahrheit eine Frau. Gertrude brachte nämlich ein Mädchen zur Welt, gab es aber als Jungen aus, um die Thronfolge zu sichern. Das löst dann tatsächlich auch ein Geschlechterchaos aus, weil Ophelia nun als Geliebte nicht mehr in Frage kommt, dafür die Männer für Hamlet plötzlich attraktiv werden. Diese Interpretation basiert auf dem Buch The Mystery of Hamlet (1881) des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward P. Vining.

Das wirkt noch heute verstörend irritierend, weil – abgesehen von einigen bei Shakespeare nicht enthaltenden Szenen – der Kern des Dramas beibehalten wird. Inklusive der Entlarvung durch eine Theateraufführung. Der freie Umgang mit den Geschlechterrollen überrascht mich sehr, obwohl ich natürlich weiß, dass die zwanziger Jahre gerade in Berlin sehr freizügig waren. Ein spannendes Filmerlebnis, zumal die gelungene Livemusikbegleitung zusätzlich für Atmosphäre sorgte.

An meine Völker! Der erste Weltkrieg 1914 – 1918

Prunksaal 22.3. 2014

Die Österreichische Nationalbibliothek begann bereits während des Ersten Weltkriegs Alltagsquellen dazu zu sammeln. Aufrufe an die Bevölkerung hatten eine enorme Resonanz: Die Menschen schickten Postkarten, Schulaufsätze, Propagandamaterialien. Ein kleiner Teil davon ist nun im Prunksaal ausgestellt und durch einige Tafeln erläutert. Die Gehirnwäsche scheint gelungen zu sein. Manche der Exponate lassen einen nur den Kopf schütteln, etwa eine Buchgabe an Kaiser Franz Josef auf der steht:

Die Marianischen Frauen- und Jungfrauen Kongregationen von Wien stellen ihrem geliebten Kaiser ein Heer von Betern zur Verfügung.

Auf einem Monitor laufen Filmdokumente und bedrückende Kriegsfotos in einer Endlosschleife. Wer sich Zeit nimmt und ausführlich auf die ausgestellten Dokumente einlässt, erfährt viel über die Kriegsmentalität. Angesichts der aktuellen Ereignisse auf der Krim, schadet es auch nicht, eine historische Tatsache aufzufrischen: In einem Krieg gibt es immer nur Verlierer.

(Bis 2.11.)

Zwischen Dürer und Napoleon

Die Gründung der Albertina

Albertina 22.3. 2014

Man muss über diese Ausstellung eigentlich nicht mehr wissen, als dass die Albertina viele ihrer kunsthistorisch bedeutsamsten Zeichnungen aus dem Depot geholt hat. Ebenso wie historische Druckgrafik sind diese sehr empfindlich und werden nur alle paar Jahre gezeigt. Am berühmtesten darunter ist natürlich Dürers Feldhase. Will man dessen ästhetischen Eindruck einige Zeit im Gedächtnis behalten, empfehle ich allerdings dringend, den direkt an die Ausstellung anschließenden Shop mit geschlossenen Augen zu durchqueren. So viel potthässlichen Hasenkitsch zusammenzutragen, ist allerdings beinahe schon wieder ein Kunstwerk.
Neben Dürer gibt Michelangelo, Raphael, Rubens, Bosch und Brueghel den Älteren zu sehen. Alle mit erstklassigen und berühmten Werken.

Um zu diesen Teil der Ausstellung zu gelangen, muss man sich durch das eigentliche Thema der Schau vorarbeiten: Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen und seiner Gattin Marie Christine, der Lieblingstochter Maria Theresias. Beide waren einigermaßen aufgeklärt und sehr kunstsinnig. Sie legten den Grundstein für die grandiose Sammlung der Albertina und bewohnten auch dieses Gebäude damals. Der Herzog stellte ebenfalls eine bemerkenswerte Bibliothek zusammen, weshalb man in der Ausstellung einige hübsche alte Bücher sehen kann: Frühe Ausgaben von Lessing und Winckelmann ebenso wie einige Bände der berühmten Encyclopédie. Dieser Teil bewegt sich an der Biographie des Ehepaares entlang, birgt aber wenig Überraschungen. Trotzdem wegen der Fülle der Exponate und der sorgfältigen Arbeit der Ausstellungsmacher ausgesprochen sehenswert.

(Bis 29.6.)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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