[Notiz der Woche] Bernhard / Unseld: Der Briefwechsel

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molloy“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Publiziert in Literatur und Kritik (September 2010)

Marshland

Filmcasino 17.7. 2016

ES 2014

Regie: Alberto Rodríguez

Wäre man boshaft, könnte man den Film als Tatort für cineastisch fortgeschrittene bezeichnen. Handelt es sich doch um eine Kriminalgeschichte mit sozialkritischem Hintergrund. In einem spanischen Dorf werden mehrere Mädchen Opfer eines Sexualverbrechens. Zwei charakterlich sehr unterschiedliche Ermittler sollen den Fall aufklären. Inszeniert ist das Ganze oft mit Mitteln (ausladende Musik etc.), die tatsächlich an mittelmäßige Tatorte erinnern.

Was den Film allerdings positiv von deutschen Fernsehproduktionen unterscheidet, ist einerseits die Cinematographie. So wird die titelgebende Sumpflandschaft immer wieder in beeindruckenden Bildern eingefangen. Andererseits ist die Auseinandersetzung mit der Franco-Zeit erwähnenswert, spielt die Handlung doch nur einige Jahre nach dem Untergang des Diktators. Schließlich wird der Film im letzten Drittel auch noch richtig spannend.

Toni Erdmann

Filmcasino 16.7. 2016

D/Ö 2016

Regie: Maren Ade

Es ist immer ein Indiz für gelungene Kunst, wenn sie intelligent Konventionen verletzt. Diese Abweichung von unterschiedlichsten Normen ist seit der Antike beobachtbar. Für Toni Erdmann trifft das ebenfalls zu, denn er ignoriert intelligent eine Reihe von Konventionen der Filmkunst. Das fängt bereits sachte mit der für eine Komödie ungewöhnlichen Überlänge an (162 Minuten) und hört bei den Genrekonventionen noch lange nicht auf. Selten sieht man einen Film, der knallharten Realismus mit surrealer Groteske so kreativ kombiniert und gleichzeitig auch noch jede Menge Denkanstöße darüber gibt, wie wir im Jahr 2016 leben.

Winfried, pensionierter Musiklehrer (ein grandioser Peter Simonischek) mit einem schrägen Sinn für Humor, besucht überraschend seine Tochter Ines (eine grandiose Sandra Hüller) in Bukarest, eine Karrierefrau, die als Consultant an der Umstrukturierung einer rumänischen Ölfirma arbeitet, mit den üblichen unerfreulichen Folgen eines Outsourcings. Ihr erfolgreiches Leben enttarnt sich dabei als eine Folge von Selbstquälereien aus Karrieregründen. Die Expat-Szene ist soziokulturell hervorragend getroffen, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Auch ich stand schon am Fenster eines Businesshotels mit Blick auf ein Romaslum direkt darunter. Ins Groteske und Surreale kippt der Film, wenn Winfried skurril als Toni Erdmann verkleidet überraschend wieder auftaucht, und das Leben seiner Tochter auf den Kopf stellt, indem er sich einmal als Geschäftsmann und Coach, ein anderes Mal als der deutsche Botschafter ausgibt.

Alles an dem Film ist außergewöhnlich und irritierend. Wie das bei gelungener Kunst üblich ist.

Gelesen & Gehört & Gesehen

Die neue Robert-Musil-Ausgabe ab Herbst 2016

2009 erschien die im Wesentlichen von Walter Fanta erarbeitete Klagenfurter Musil-Gesamtausgabe. Sie hat aus Sicht der Leser allerdings einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Es handelt sich um eine DVD. So erfreulich die Verfügbarkeit eines zuverlässigen Textes für die Literaturwissenschaft auch sein mag, eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts muss auch in Buchform verfügbar sein. Diesen Wunsch äußerte ich bereits 2010 in meiner Rezension der digitalen Ausgabe.

Nun ist es endlich soweit! Im Salzburger Jung und Jung Verlag erscheint ab dem Herbst 2016 eine zwölfbändige neue Leseausgabe. Nach meinen Recherchen veröffentliche ich diese Informationen hier exklusiv zum ersten Mal.

Der Editionsplan sieht folgendermaßen aus:

Band 1 – Der Mann ohne Eigenschaften 1 (Herbst 2016)
Band 2 – Der Mann ohne Eigenschaften 2 (Herbst 2016)
Band 3 – Der Mann ohne Eigenschaften 3 (Frühjahr 2017)
Band 4 – Der Mann ohne Eigenschaften 4 (Herbst 2017)
Band 5 – Der Mann ohne Eigenschaften 5 (Frühjahr 2018)
Band 6 – Der Mann ohne Eigenschaften 6 (Herbst 2018)
Band 7 – Selbstständige Veröffentlichungen (Frühjahr 2019)
Band 8 – Unselbstständige Veröffentlichungen 1 (Herbst 2019)
Band 9 – Unselbstständige Veröffentlichungen 2 (Frühjahr 2020)
Band 10 – Fragmente aus dem Nachlaß (Herbst 2020)
Band 11 – Tagebuchhefte (Herbst 2021)
Band 12 – Briefe von und an Robert Musil (Herbst 2022)

Ergänzt werden die Bücher durch zahlreiche Online-Informationen wie einer Konkordanz und einem Stellenkommentar.

Die Preise pro Band sind noch nicht bekannt.

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan

Diego de Landa (1524-1579) schrieb 1566 einen der wichtigsten Quellentexte über die frühe Kolonialzeit in Mexiko. Er lebte etwa dreißig Jahre auf Yucatán und hatte deshalb viel Erfahrung mit den Sitten und Gebräuchen der Maya. Eines der faszinierendsten Kapitel ist deshalb das Fünfte: „Lebensweise und Religion der Mayas“, wo de Landa auch ausführlich auf die gruselige Praxis der Menschenopfer eingeht. Für den aktuellen Leser weniger faszinierend sind die ausführlichen geographischen Beschreibungen. Als Missionar und erster Bischof des Landes was de Landa natürlich nicht unparteiisch. Er hatte im Gegenteil viele fanatische Züge und organisierte etwa Bücherverbrennungen von Maya-Literatur. Der Hauptgrund, warum heute nur noch sehr wenige Maya-Codices existieren, etwa der berühmte in Dresden.

Wissenschaftsgeschichtlich hat der Bericht ebenfalls eine außerordentliche Bedeutung. Er galt nämlich lange Zeit als verschollen und wurde erst 1863 in der Madrider Biblioteca de la Academia de Historia wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung war quellentechnisch die Voraussetzung für die Entzifferung der Maya-Schrift. Über das beste Buch zu diesem Thema gibt es eine eigene Notiz. De Landas Buch enthält einen ausführlichen Beitrag über das Maya-Alphabet ohne den wir die Mayaschrift bis heute nicht lesen könnten.

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan. (Reclam Taschenbuch)

Yale-Vorlesung über „Philosophy of Death“

Nach Don Quijote ist das nun die zweite Yale-Vorlesung, welche ich mir über You Tube ansehe. Professor Shelly Kagan versucht in 26 Vorlesungen seinen Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf den Tod zu vermitteln. Jede Lecture dauert etwa fünfzig Minuten, und die erste ist überwiegend administrativen Angelegenheiten wie der Benotung gewidmet. Das Semester gliedert sich in unterschiedliche Schwerpunkte: Zu Beginn steht die Frage nach der möglichen Existenz einer Seele im Mittelpunkt, wobei Platons Argumente dafür ausführlich kritisch gewürdigt werden. Kagan lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein Physikalist ist, also die Existenz von Seelen für unplausibel hält. Trotzdem bringt er die Gegenpositionen ausführlich und so objektiv wie möglich vor. Danach erläutert der Professor unterschiedliche Theorien über persönliche Identität, bevor er sich mit der Natur des Todes näher beschäftigt. Das letzte Drittel der Vorlesungsreihe widmet sich anderen Aspekten des Todes, u.a. der ethischen Frage, unter welchen Umständen Suizid zulässig ist.

Was das Niveau angeht: Die Veranstaltung ist als Einführung in die Philosophie konzipiert, setzt also kein philosophisches Vorwissen voraus. Die große Stärke des Shelly Kagan ist sein Vortrag: Er spricht überwiegend frei und fesselnd. Man hört ihm gerne zu und die Vorlesungen haben durchaus auch einen Unterhaltungswert. Umgekehrt bedeutet das aber, den Studierenden wird hier keine zeitgemäße Methode des Philosophierens vermittelt, also kein rigides Handwerkszeug wie sie die formale Logik oder die analytische Philosophie anböte.

Wer jedoch zum Thema Tod an einem Überblick über das historische und zeitgenössische Denken interessiert ist, wird in den etwa zweiundzwanzig Videostunden viele wertvolle intellektuelle Anregungen gewinnen.

Shelly Kagan: Philosophy of Death. Open Yale Course (Video)

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World

Die Migrationsdebatte ist nicht nur von Polarisierung und Hass geprägt. Auf den einschlägigen rechtsradikalen Social Media Kanälen sind sogar eine Art von Fälscherwerkstätten entstanden, welche Erfundenes zur Diskreditierung Geflohener in Umlauf bringen. Auf der mir sympathischen flüchtlingsfreundlichen Seite werden potenzielle unerwünschte Migrationsfolgen mental aber auch gerne ausgeblendet. Eine nüchterne, objektive Betrachtungsweise findet man selten. Diesen Versuch unternimmt der Oxford Ökonom Paul Collier in Exodus. Dieser objektivierende Ansatz ist an sich sehr erfreulich, und man wünscht sich, dass der Professor viele Nachahmer finden möge. Er stößt mit seinem Projekt allerdings auf ein grundsätzliches Problem: Es gibt noch zu wenige Studien, Daten & Fakten, um eine zwingende Analyse zu liefern.

Trotzdem schildert Collier einige soziale Mechanismen der Migration sehr überzeugend. Ein Beispiel dafür wäre der Zusammenhang zwischen der Größe der Diaspora und der Migrationsrate. Dass eine große Diaspora einen Migrationsanreiz für Angehörige derselben Kultur darstellt, ist nahe liegend. In Kombination mit der Tatsache, dass die Integration in die Gastgesellschaft desto langsamer wird, je größer die Diaspora ist, ergibt eine brisante Einsicht. Interessant sind ebenfalls seine Beobachtungen, die negativen Auswirkungen zu starker Migration auf die Heimatländer betreffend.

Manche Aspekte des Buchs sind allerdings problematisch. Das betrifft vor allem das Kernargument über die negativen Folgen der Migration: Der Erfolg europäischer Gesellschaften sei in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden, welche zu einem gemeinsamen Wertekatalog und zur Bereitschaft gegenseitiger Solidarität geführt habe. Als Beispiel für die gelebte Solidarität bringt Collier die Bereitschaft, für Sozialleistungen zu zahlen. Diese Bereitschaft des „mutual regard“ sieht der Professor nun durch zu viel Migration bedroht:

Mutal regard is valuable for the trust that supports cooperation and the empathy that supports cooperation and the empathy that supports redistribution. The habits of trust and empathy among very large groups of people are not natural but have grown as part of the process of achieving prosperity; immigrants of poor countries are likely to arrive with less of a presupposition to trust and emphathize with others in their new society.
[72/73]

Ohne diese Annahme wäre Colliers kritischer Blick auf die Migration schnell zahnlos, weil er an vielen Stellen einräumen muss, dass es wenige Studien gibt, welche einen negativen Effekt von Migranten auf ihre Gastgesellschaften belegen. Umgekehrt gibt es mehr Studien, welche positive Effekte betonen. Collier tendiert in seinem Buch dazu, die positiven Studien vorschnell abzutun, und einige Einzelstudien, welche negative Effekte belegen, dafür überzubewerten. Wissenschaftstheoretisch liegt es ohnehin auf der Hand, dass man mit einer einzigen Studie sehr vorsichtig sein muss. Für Erkenntnissicherheit ist es meist unabdingbar, eine Metaanalyse über viele Studien zu veranstalten. Collier steht bei seinem zentralen Aspekt des „mutual regard“ vor dem Problem, dass kaum Studien gibt, welche seine Hypothese stützen. Zu wenig, um seine gesamte Argumentation valide darauf zu stützen.

Hinzu kommt, dass er bis zum Ende seiner Ausführungen die historische Dimension vernachlässigt. Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, wo unterschiedlichste Kulturen mit hinreichend „mutual regard“ zusammenlebten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, vom Perserreich bis zu den Ottomanen. Deshalb wird man bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Collier implizit eine nationalistische Gesellschaftsauffassung voraussetzt, welche seine Urteile beeinflusst.

Angesichts der teils dürftigen Faktenlage und Colliers regelmäßiger methodischer Selbstreflexion, schadet das Exodus aber nur bedingt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Migrationsdebatte.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World (Oxford University Press)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Flaubert: Briefwechsel mit Louise Colet

Literaturferne Menschen stellen sich ja gerne vor, dass Schriftsteller ihre Bücher vom Genius geküsst, in einer Art Rausch herunter schreiben. In Einzelfällen trifft das auch zu, speziell bei Kurzgattungen wie der Lyrik. In der Regel entsteht Weltliteratur aber durch hartes und regelmäßiges Arbeiten. Die Literaturgeschichte belegt das an unzähligen Beispielen. Es gibt zwei Arten von Quellen, welche dieses Ringen mit dem Wort belegen: Die unterschiedlichen Stufen von Manuskripten und deren oft zahlreiche Korrekturen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite zeigen diesen Sachverhalt biographische Informationen auf. Sei es das streng geregelte Schreibleben eines Thomas Mann oder die vielen durch geschriebenen Nächte eines Franz Kafka.

In die letzte Kategorie fällt auch Flauberts Briefwechsel mit seiner langjährigen Freundin Louise Colet. Zwischen 1845 und 1854 schrieben sich die beiden eine Vielzahl von Briefen. In der von mir gelesenen Ausgabe ist überwiegend die Korrespondenz Flauberts abgedruckt, ergänzt durch wenige Briefe Colets und einige ihrer Tagebucheinträge. Sobald Flaubert mit seiner Madame Bovery anfängt, wird sein Ringen mit dem Text ausführlich beschrieben. Sein literarisches Qualitätsbewusstsein nimmt masochistische Züge an, wenn er wochenlang um kurze Passagen ringt oder mehrere Tage um die Formulierung von ein paar Sätzen. Selten wurde der Kampf um literarischen Ausdruck anschaulicher beschrieben:

Mir dreht sich der Kopf, vor Ärger, Entmutigung, Erschöpfung! Ich habe vier Stunden verbracht, ohne einen Satz zustande zu bringen. Ich habe heute nicht eine Zeile geschrieben oder habe vielmehr an die hundert ausprobiert! Welch grausame Arbeit! Was für ein Verdruß! Oh! die Kunst! Was ist das nur für eine wütende Chimäre, die uns das Herz zerfrißt, und warum? Es ist verrückt, sich so zu plagen! Ah! die Bovary, daran werde ich noch denken.
– 12. September 1853

Fest steht, daß ich manchmal versucht bin, alles hinzuschmeißen, und zwar die „Bovary“ zuallererst. Was für eine verdammt verfluchte Idee von mir, ein solches Sujet zu nehmen! Ah! Ich werde sie kennengelernt haben, die Qualen der Kunst.
– 17. Oktober 1853

Ich dagegen bin wie die alten Äquadukte. Am Rand meines Denkens liegt so viel Schutt, daß es langsam dahinfließt und nur Tropfen für Tropfen von meiner Federspitze fällt.
– 29. November 1853

Was den Abschluß der Bovary angeht, so habe ich mir schon so viele Termine gesetzt und mich so oft getäuscht, daß ich nicht nur davon zu sprechen, sondern auch daran zu denken. – Daß Gott erbarm! Ich begreife nichts mehr! Das wird fertig werden, wann es will, und müßte ich auch darüber sterben vor Kummer und Ungeduld, was mir vielleicht passieren könnte, ohne die Besessenheit, die mich aufrechthält.
– 13. Januar 1854

Wer sich also für die – ein Marxist würde sagen – Produktionsbedingungen von Weltliteratur im 19. Jahrhundert interessiert, wird nur wenige bessere Beispiele finden.

Der Briefwechsel ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht aufschlussreich: Es belegt einmal mehr, dass große Künstler oft kleine Menschen sind. Wie selbstbezogen Gustave mit seiner Louise umspringt, ist vor allem im ersten Viertel der Korrespondenz oft schwer erträglich. Wie sehr sie darunter leidet, wird implizit durch die Briefe Flauberts klar, in denen er sie zu beruhigen versucht. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings anführen, dass er Louise von Anfang an immer vor sich selbst und seinen Prioritäten (Literatur!) warnt. Trotzdem gibt er an diesen Stellen charakterlich oft ein jämmerliches Bild ab. Das geht auch über die Beziehung zu Colbert hinaus. Es finden sich manch fragwürdige Passagen, die das rassistische nicht nur streifen. Man kann das einerseits mit Zeitgenossenschaft schön reden. Andererseits war Flaubert für seine Zeit aber ein wirklich unabhängiger Kopf und bei vielen dieser Punkte war der von ihm oft gepriesene Montaigne geistig bereits weiter. Man denke nur an dessen Essay über den Kannibalismus. Viele Leser neigen dazu, ihre Schriftsteller zu vergöttern. Dieser Briefwechsel ist dazu ein gelungenes Gegengift.

Insgesamt gesehen überwiegen freilich die zahlreichen treffenden Beobachtungen und Gedanken. Viele Briefe könnte man in kleine Zitatsammlungen zerlegen. Viele Sätze sind glänzend formuliert.

Gustave Flaubert: Die Briefe an Louise Colet (Haffmans)

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Akademietheater 9.6. 2016

Regie: Peter Wittenberg

mit
Frida-Lovisa Hamann
Dorothee Hartinger
Sabine Haupt
Dörte Lyssewski
Petra Morzé
Markus Hering
Daniel Jesch
Dirk Nocker
Martin Reinke

Ich betrete angesichts der Bezeichnung „Erfolgsstück“ das Akademietheater ziemlich skeptisch. Wie das Burgtheater erlaubt man sich hier ja ab und zu auch, die Grenzen zum Boulevard zu überschreiten. Meine Befürchtung ist aber unbegründet, Die Wiedervereinigung der beiden Koreas ist eine intelligente und originelle Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Liebe. Pommerat wählte die Form des Episodendramas: Ähnlich wie in Schnitzlers Reigen handelt es sich um die Aneinanderreihung von zwanzig höchst unterschiedlichen Szenen. Dabei wird die gesamte Gefühlsskala durchdekliniert, von komisch-anekdotisch bis zu tragisch-dramatisch. Anders als bei Schnitzler fehlen allerdings strukturelle Bezüge zwischen den Episoden, welche über das verbindende abstrakte Thema hinausgehen. Durch eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Geschichten hätte das Stück noch sehr gewonnen.

Die Beteiligten des Burgtheaterensembles nutzen selbstverständlich diese Gelegenheit, um ihre Schauspielkunst von allen Seiten zu zeigen. Die Inszenierung ist wohltuend zurückhaltend und trennt die einzelnen Szenen deutlich mit Hilfe von hell leuchtenden Lichtstäben, die beim Wechsel quasi die alte Episode wegwischen.

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„The Gap“ meint:

"Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
(Februar 2016)

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