John Stuart Mill

Die erste Biographie über den großen liberalen Philosophen John Stuart Mill seit mehr als fünfzig Jahren ist zu vermelden. Geschrieben hat sie Richard Reeves und sie passend Victorian Firebrand betitelt. Eine ausführliche Rezension kann man in der New York Review of Books nachlesen. Eine prägnantere Besprechung findet man The Guardian.

Joseph Roth / Stefan Zweig: Der Briefwechsel

Ein Exildrama in Briefen

Die Motive, warum wir Autoren-Briefwechsel lesen, sind höchst unterschiedlich. Sie reichen von einem voyeuristischen Interesse am Privatleben der Beteiligten bis hin zum Wunsch, einen detaillierten Einblick in deren Schreibwerkstatt und damit Ästhetik zu erhalten. Manche Korrespondenzen, wie die zwischen Goethe und Schiller, behaupten sich aufgrund des intellektuellen und menschlichen Gehalts als unverzichtbare eigenständige Werke.

Die meisten Briefe zwischen Roth und Zweig sind dank des 1970 von Hermann Kesten herausgegebenen Bandes bereits bekannt. Die von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel nun im Wallstein Verlag herausgegebene Neuedition wartet neben textlichen Ergänzungen mit einem sorgfältigen Kommentar auf.

Was am 8. September 1927 mit einer höflichen Danksagung Roths beginnt – Zweig hatte sich positiv über Juden auf Wanderschaft geäußert – endet einige Monate vor Roths Tod im Dezember 1938. Dazwischen wird der Leser Zeuge, wie sich Roth angesichts seiner kumulierenden Lebenskatastrophen immer mehr an Stefan Zweig festhält. Ist Roth zu Beginn noch sehr stolz und selbstbewusst in seinen Briefen, schreibt er einige Jahre später hemmungslose Bettelbriefe. Roth klammert sich an den Großschriftsteller Stefan Zweig wie ein Ertrinkender an einen Rettungsreifen.

Ästhetische Probleme werden zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig nur selten besprochen, nämlich in einigen „Lektoratsbriefen“ Roths, in denen er mit Texten Zweigs überraschend scharf ins Gericht geht, was ihm dieser aber nicht übel nimmt. Roths Alkoholismus dagegen ist immer präsent. Explizit durch die zahlreichen Mahnungen Stefan Zweigs, Roth möge doch endlich mit dem Saufen aufhören, weil er damit sein Leben ruiniere. Die Reaktionen darauf sind vielfältig. Manchmal reagiert Roth mit blankem Unverständnis:

Warum sprechen Sie mir von Alkohol? Sie wissen, daß ich längst nur Wein trinke.
(13.4. 1934)

Später rechtfertigt er sich offensiv mit der üblen Lage, in der er steckt:

Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert mich viel eher, als daß es mich ruiniert. Ich will damit sagen, daß der Alkohol zwar das Leben verkürzt, aber den unmittelbaren Tod verhindert.
(12.11. 1935)

Implizit begleitet Roths Alkoholismus die Lektüre, weil man quasi live verfolgen kann, wie sich Roths Psyche langsam zerrüttet und die Sucht sein Leben ruiniert. Einige Briefe sind offensichtlich im betrunkenen Zustand verfasst. Die Spannweite zwischen bestürzender analytischer Hellsicht und paranoidem Unfug mögen zwei Beispiele illustrieren. So schreibt er im Februar 1933 illusionslos an Stefan Zweig:

Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg (…) Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.

Der Empfänger dieser Zeilen sah die Lage lange keineswegs so realistisch wie Joseph Roth. Politisch war Roth der Hellsichtigere, trotz seiner monarchistischen Ansichten, zu denen er später aus Verzweiflung neigte.

Man stößt aber auch auf höchst seltsame Passagen wie jene im Juni 1934 geschriebene, wo Roth über den Film schreibt:

Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß sich quasi im lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Die Lektüre dieser Briefe gleicht damit einer faszinierenden intellektuellen Achterbahnfahrt.

Der ältere Zweig ist der souveränere Briefpartner. Er sieht klar die Ursachen von Roths Problemen und weist immer wieder auf sie hin, worauf Roth oft gereizt reagiert.

Leider ist die Überlieferung der Korrespondenz unvollständig. Vor allem zu Beginn fehlen viele Briefe Stefan Zweigs. Der Kommentar der Ausgabe versucht allerdings immer, so gut es geht, den notwendigen Kontext beizusteuern. Man kann ausführlich nachlesen, was Zweig an andere Briefpartner über Roth schreibt. Während Zweig in seiner Korrespondenz mit Roth zwar durchaus direkt sein kann, fehlt es ihm nie an Takt und Respekt. Ganz anders klingt das beispielsweise Ende Juli 1934, wenn er an Antonia Vallentin-Luchaire klagt:

Roth ist jetzt für mich ein Alptraum. Ich sehe nicht, wie man ihn menschlich, materiell und künstlerisch über Wasser halten kann, wenn er so weiter macht.

Ab 1934 werden Roths briefliche Hilferufe an Zweig immer eindringlicher und aggressiver. Dieser hat aber aus nachvollziehbaren Gründen Bedenken, Roth größere Summen auszuzahlen. Er könne mit Geld absolut nicht umgehen, er sei ein „Narr“, schreibt Zweig mehrmals in seinen Briefen an Dritte.

Ein Teil dieser „Narrheit“ ist Joseph Roths Umgang mit seinen Verlegern. Obwohl er im Vergleich zu Kollegen ein exzellentes Einkommen bezieht, kommt er damit nie aus. So lebt er gerne auf großem Fuß in luxuriösen Hotels. Als in den dreißiger Jahren der Geldstrom dünner wird, setzt eine Abwärtsspirale ein. Roth verschuldet sich immer höher bei seinen Verlagen. Er verlangt und bekommt hohe Vorschüsse auf noch ungeschriebene Bücher, verpfändet deren Auslandsrechte und terrorisiert alle Beteiligten mit Telegrammen über seine Geldangelegenheiten. In den letzten Jahren kommen zunehmend paranoide Aspekte hinzu: Er wittert Verschwörungen, droht mit Duellen und durchkreuzt Zweigs Vermittlungsversuche durch wilde Anschuldigungen.

Die Kehrseite der Medaille ist Roths große Humanität und Hilfsbereitschaft. 1930 wird seine Frau Frieda wegen psychischer Probleme in das Sanatorium Rekawinkel eingeliefert. Der Autor fühlt sich für ihre Krankheit verantwortlich und zahlt große Summen für kostspielige Privatsanatorien. Als ihm dies nicht mehr möglich ist, wird Frieda im Dezember 1933 in die Landesirrenanstalt „Am Steinhof“ eingeliefert. Dort ist der Aufenthalt gratis und der Gatte muss nur für die Verpflegung aufkommen. 1940 wird Frieda Roth im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms ermordet.

Seine neue Freundin Andrea Manga Bell bringt weitere finanzielle Verpflichtungen mit sich. Roth kommt etwa für die Ausbildungskosten ihrer Kinder auf. Zusätzlich engagiert sich Roth aktiv in der Migrantenszene und unterstützt – trotz seiner Geldnöte – ärmere Autoren großzügig.

Das gibt der Situation Roths eine tragische Note, die den gesamten Briefwechsel durchzieht. Zusätzlich zu Roths traurigem Schicksal läuft Europa im Hintergrund eilend auf den Abgrund zu. Das Buch ergänzt beeindruckend die Augenzeugenberichte aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Joseph Roth / Stefan Zweig: “Jede Freundschaft mir mir ist verderblich”. Briefwechsel 1927-1938. Herausgegeben von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel (Wallstein)

[Erscheint in "Literatur und Kritik"]

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Das Neue Testament als Twitterlektüre

Wegen der großen Resonanz fasse ich hier meine Lektüre des Neuen Testaments der letzten beiden Tage auf Twitter zusammen:

Heutzutage wären Jesus’ Jünger übrigens Mitglieder des Bauernverbands.

Zählt man alle Quellen zusammen, gibt es sieben unterschiedliche letzte Worte von Jesus. Abschreiben kann also auch nicht jeder.

Wüßten alle Christen, was jeder Theologe über die Herkunft der Bibel weiß, dann wäre wohl für viele Schluss mit dem Unfug.

Die Hirten verbergen dieses Wissen natürlich vor ihren Schafen. Aus gutem Grund!

Es spricht viel dafür, dass es die ersten organisierten Religionen waren, welche dieses perfide Wissensmanagement erfanden.

“Evangelium” heißt übersetzt ja “Gute Nachricht” und kann angesichts der Weltuntergangsprognosen in ihnen nur ironisch gemeint sein.

Jesus hat übrigens aus einem simplen Grund keine Dämonen ausgetrieben: Es gibt keine.

Amüsant im Markus-Evangelium sind die Jünger-Gespräche, wer von ihnen im kommenden Gottesreich am mächtigsten sein wird. Karrieresorgen…

“Augen auf der Berufswahl” wäre auch damals schon ein guter Ratschlag gewesen!

Judas war ein großer Skeptiker, der Respekt verdient.

Schon bei Jesus hat das mit dem Beten nicht funktioniert. Aber aus Fehlern lernen ist in religiösen Weltbildern nicht vorgesehen.

Dreimal zu Papa Gott gebetet und dreimal den göttlichen Mittelfinger gezeigt bekommen.

Der einzige (!) im ganzen Markus-Evangelium, der Jesus als angeblichen Sohn Gottes erkennt, ist ein dummer und brutaler römischer Soldat.

Ja, favt Euch nur auf direktem Weg in die Hölle! Ich mag mutige Follower!

Bibellesen mit @philoponus ! Die ideale Sonntagsbeschäftigung für Nachwuchs-Heiden!

Das Christentum entstand, weil wenige gut gebildete Hellenen zynisch die Geschichten von ein paar ungebildeten Juden auszunutzen verstanden.

Verglichen mit der Kopierwut der Evangelisten erscheint selbst Ex-Doktor Guttenberg als ehrenwerter Autor.

Der Ghostwriter der Evangelisten wird zwar Q genannt, hat aber nichts mit Star Trek zu tun.

Und das Beste: Die Christen müssen mich alle gern haben! Was aus ihren Tweets allerdings nicht immer sofort erkennbar ist… #Nächstenliebe

Die Moslems wissen sehr gut, warum sie keine Textkritik am Koran zulassen: Ihr heiliges Buch zerbröselte philologisch bibelschnell.

Am besten begabt beim Textbasteln war Matthäus. Zu Beginn gleich die Genealogie gefälscht und die Geburt immer hübsch analog zu Moses.

Jesus Nächstenliebe reichte nicht mal bis zu den Pharisäern, eine der kulturgeschichtlich best gemobbten Gruppen.

Der Nächstenliebe predigende Jesus hasst die Pharisäer, weil sie nicht lebten, was sie predigten. Hochgradig komisch eigentlich.

Im Johannes-Evangelium wird Jesus gar nicht geboren. Konnte sich wohl nicht zwischen den widersprüchlichen Geburtserfindungen entscheiden.

Johannes porträtiert Jesus als Semiotiker: Ein Zeichen jagt das nächste.

Bei Johannes lässt Jesus Lazarus absichtlich sterben, damit er danach mit seiner Auferweckung angeben kann.

Erzählt mir nichts von Kontext. Ich bin ein Hellene, der versehentlich im 20. Jahrhundert geboren wurde.

Jesus zwang seine Jünger ihre Kinder zu verlassen, die deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verhungert sind. Aber er gilt als Kinderfreund.

In der Hölle muss man übrigens eine Ewigkeit lang ohne Unterbrechung Tweets schreiben und hat nur Zeugen Jehovas als Follower.

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Tim Parks über den Kanon

Im Blog der New York Review of Books berichtet Tim Parks, wie wenig zukünftigen Autoren anscheinend die inzwischen weit verbreiteten “world literature” Kurse helfen:

Every year I send a number of my Italian students in the Masters in Translation program at IULM University, Milan to England on an exchange. Years ago they would take general courses in English and American literature; then it was post-colonial literature; now they study “world literature.” Looking at the reading lists, which range far and wide chronologically and geographically, from the Epic of Gilgamesh to Ernest Hemingway, the Tale of Genji to Jorge Luis Borges, it is hard to imagine how a strong sense of context can be built up around any of the individual works. Or rather, the only relevant context is the human race, planet Earth, post 5000 BCE, circa.

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Woody Allen: Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie

Burgtheater 20.1. 2012

Regie: Matthias Hartmann

Andrew: Michael Maertens
Adrian: Dorothee Hartinger
Maxwell:Roland Koch
Dulcy: Esmée Liliane Amuat
Leopold: Martin Schwab
Ariel: Sunnyi Melles

Woody Allen ist einer meiner bevorzugten Filmemacher. Von seinen mehr als 50 Filmen kenne ich alle, die meisten sah ich mehrfach. Ich schicke das voraus, weil ich seine Mittsommernachts-Sex-Komödie für ein ausgesprochen schlechtes Stück halte, das auf einer guten Bühne nichts verloren hat.

Zwar gibt es ein paar nette Pointen, aber ansonsten trieft die Komödie mit Klischees. Die märchenhafte Konzeption passt nicht zu vielen “realistischen” Motiven, weshalb der Text oft wie schlechte Esoterikpropaganda wirkt.

Schade, schade, schade, diese erstklassige Besetzung für einen so miesen Text zu verwenden. Welche Theaterverschwendung!

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Reise-Notizen: Buenos Aires

Vorherige Station: Peru / Bolivien

Von der Hauptstadt Boliviens geht es nach Buenos Aires. In 4000 Meter Höhe starten Passagierflugzeuge aufgrund der dünnen Luft nicht mehr so leicht, weshalb man besser mit wenig Treibstoff abhebt. Wir fliegen also eine halbe Stunde zu einem tiefer gelegenen Flughafen und von dort weiter nach Argentinien.

Was für ein Kontrast zu den Anden! Als sei man von Südamerika nach Europa geflogen. Buenos Aires erinnert einen an vielen Ecken an europäische Städte: An Paris etwa oder Madrid. Die Einwohner nennen sich Portenos, weil der Hafen der Stadt lange eine zentrale Rolle spielte. Unzählige Kaffeehäuser und Restaurants sowie riesige Park- und Gartenanlagen zeugen von der Lebensfreude der Portenos, die sich durch Militärdiktaturen und Staatspleiten offenbar nicht nachhaltig verderben ließ.

Architektonisch ist Buenos Aires sehr abwechslungsreich. Von pittoresken Kolonialgebäuden bis zu modernen Hochhäusern der zeitgenössischen Baumeisterprominenz ist alles vertreten. Eine riesige Fußgängerzone gibt es ebenso wie malerische Viertel (Telmo!) mit jeder Menge an Antiquitätenläden und Buchhandlungen. Einige der schönsten je gesehen Antiquariate betrat ich dort. Ich war viele Stunden zu Fuß unterwegs, was der beste Weg ist, die Stadt zu erkunden.

Enttäuschend ist La Boca, das in jedem Reiseführer prominent empfohlen wird. Das ehemalige Armenviertel mit den billigen und bunten Holzhäusern ist nur noch eine sich selbst perpetuierende Touristenattraktion. Der Weg dorthin durch die heutigen Slums der Stadt ist noch am aufschlussreichsten. Im Gegensatz zu anderen Städten Südamerikas liegen die Favelas nicht in hübscher Hanglage, sondern in der Nähe des alten Hafens. Der neue Hafen dagegen ist eines der modernsten Viertel der Stadt und wird jedem Besucher stolz präsentiert. Die Kombination aus Schiffen, Gewässer, Brücken und Skyline ist freilich auch eine höchst ansprechende.

Gespannt betrete ich auch den berühmten Friedhof Recoleta, wo die Elite der Stadt (und jene, die sich dafür halten) begraben liegt. Eine Symphonie an Skulpturen und Grabdenkmälern! Zählt zweifellos zu den faszinierendsten Schädelstätten aller bisher von mir besuchten Großstädte. Weniger beeindruckend finde ich die nationale Gemäldegalerie. Zwar bekommt man einen guten Überblick über die argentinische Kunst, aber für ein Nationalmuseum ist der Bestand ziemlich gering.

Empfehlen kann ich dagegen eine Führung durch das Opernhaus, das bis zur Fertigstellung der Oper in Sydney lange das größte auf der Südwelthalbkugel war. Das Teatro Colón braucht sich in Größe und Ausstattung vor der Wiener Staatsoper nicht zu verstecken. Im Parterre hat man sogar mehr Beinfreiheit als in vielen anderen Häusern. Kulturelle Deprivation ist für die Portenos also keine Gefahr.

Buenos Aires ist eine beeindruckende und sympathische Stadt. Wäre sie besser zu erreichen, wäre ich sicher Dauergast dort.

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The Charles Dickens Anniversary Collection

Eine neue Dickens-Edition der Oxford World’s Classics ist zu vermelden. In den Worten des Verlags:

A unique 8-volume collection of Dickens’s bestselling novels, in definitive texts, with original illustrations, introductions and notes, to celebrate Dickens’s bicentenary.

Enthalten sind folgende Werke:

  • Bleak House
  • A Christmas Carol and Other Christmas Books
  • Dombey and Son
  • Great Expectations
  • Hard Times
  • Oliver Twist
  • Our Mutual Friend
  • A Tale of Two Cities

Die Oxford University Press richtete anläßlich des Jubiläums eine eigene Dickens-Seite ein.

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Bücher in den Müll?

Bibliothekar und Germanist Dale Askey publizierte in seinem Blog einen kontroversen Beitrag: Why I no longer collect books. Er wirft Bücher auch weg, was für viele Bücherfreunde natürlich unverständlich ist:

The inability to discard even the most pointless book appears to be some universal human problem. No normal person has problems throwing out cracked dishes, old shoes, cassette tapes, dead plants, and so on. But old books, no matter how moldy, battered, or pointless, just never get the treatment they deserve, which is sometimes a trash bin. Ask any librarian how many people have tried to donate their lovingly boxed and preserved National Geographic magazines, their basic and battered Shakespeare sets, and so forth, and you’ll get epic tales of pointless gifts that just put an expensive burden on libraries. Who hasn’t seen a garage sale where someone isn’t trying to sell a Gideon’s Bible or a Book of Mormon (the point being that they are given away freely)? How many people still have their college textbooks on their shelves with those little yellow USED stickers intact? People, throw away your own trash!

Ich selbst habe kein Problem, Bücher unter gewissen Umständen zu entsorgen. Mein Verhältnis zu Büchern kann man in dieser Notiz nachlesen.

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Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (1542)

Nach meiner Südamerika-Reise lässt mich das Thema nicht los. Eigentlich wollte ich den berühmten Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder noch als Vorbereitung lesen, es wurde nun eine Nachbereitungs-Lektüre.

Das Buch ist auf mehreren Ebenen faszinierend. Erstens gilt es als die wichtigste Quelle über die Behandlung der Eingeborenen durch die spanischen Eroberer. Zweitens ist es eine furiose Polemik gegen die Brutalität der Spanier aus der Feder eines berühmten Bischofs. Drittens entflammte nach dem Verfassen der Schrift im Jahr 1542 eine heftige Debatte über die Objektivität des Berichts. Das Buch zählt wohl zu den umstrittensten und heftigst bekämpften Publikationen der Geschichte. National gesinnte spanische Historiker sehen in Bartolomé de Las Casas (1485-1566) bis heute einen Verräter an der großen Zivilisationsgeschichte des spanischen Imperiums. Viertens schließlich ist das Werk für einen Reisebericht des 16. Jahrhunderts formal und inhaltlich sehr ungewöhnlich.

Um mit dem letzten Punkt anzufangen: Reiseberichte aus der frühen Neuzeit sind meist mit fantastischen Elementen angereichert. Fabelwesen sind keine Seltenheit. Las Casas Bericht ist dagegen inhaltlich realistisch in dem Sinne, dass er keinerlei fabelhafte Elemente enthält. Alles könnte sich so zugetragen haben, wie er es beschreibt. Er war bei vielen Dingen ja auch Augenzeuge, was er regelmäßig betont. Rhetorisch verwendet der Text fast durchgehend Elemente, die an Predigten erinnern. Das verleiht den anklagenden Elementen eine gehörige Wucht und trägt viel zur Wirkung des Textes bei. Die strukturellen Wiederholungen dagegen wirken auf heutige Leser monoton. Angesichts der geschilderten Bestialitäten wäre diese rhetorische Überhöhung eigentlich gar nicht notwendig gewesen:

Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen ihren Geist aufgaben.
Ich kam einmal dazu, als sie vier bis fünd der vornehmsten Indianer auf solchen Rosten verbrannten. Wo ich nicht irre, so nahm ich noch zwei oder drei dergleichen Roste wahr, worauf Leute geringern Standes lagen. Sie alle machten ein gräßliches Geschrei, das dem Befehlshaber lästig fiel, oder ihn vielleicht im Schlafe störte. Er gab Befehl, man sollte sie erdrosseln; der Alguacil [...] war weit grausamer als der Henker, welcher sie verbrannte; er ließ sie nicht erdrosseln, sondern steckte ihnen mit eigener Hand Knebel in den Mund, damit sie nicht schreien konnten, und schürte das Feuer zusammen, damit er sie so gemach braten konnte, wie er es wünschte.
[S. 13]

Es bleibt die Frage, ob sich diese Dinge wirklich so zutrugen, oder ob es sich um kranke Erfindungen handelt, wie die Gegner Las Casas von Anfang an behaupteten. Hans Magnus Enzensberger schlägt sich in seinem kenntnisreichen Nachwort auf die Seite Las Casas. Eines der stärksten Argumente für die Authentizität sind die vielen Details, die Las Cases korrekt beschreibt, und die er eigentlich nur wissen konnte, wenn er wirklich Augenzeuge war. Ich würde ergänzen, dass die beschriebenen Grausamkeiten ja in Teilen der Welt bis heute Alltag sind, man denke etwa an den Bürgerkrieg im Kongo.

So richtig die Details zu sein scheinen, desto fragwürdiger sind einige seiner Generalisierungen. So schreibt er fast nach jeder Schilderung der spanischen Ausrottungsbemühungen, dass die Gegend danach fast frei von Eingeborenen gewesen sei. Das behauptet er auch von Peru, wo sicher nach den “Aktivitäten” der Spanier das Land nicht entvölkert gewesen ist. Andererseits geht die aktuelle Forschungslage davon aus, dass mindestens 80% der Einheimischen durch europäische Krankheiten in einem relativ kurzen Zeitraum starben.

Prinzipiell schließe ich mich der Auffassung Enzensberger an, dass zumindest die Essenz der beschriebenen Ereignisse wahr sein muss. Unabhängig von der Diskussion ist Las Casas Bericht eine frühe Philippika gegen barbarischen Umgang mit Fremden und alleine das sichert ihm dauerhaft seinen Platz als Klassiker.

Bartolomé de Las Casas: Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.

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Kleines Lexikon der Reise-Irrtümer

Als passionierter Reisender wollte ich mir dieses Buch natürlich nicht entgehen lassen, obwohl ich damit rechnete, dass mir eine Reihe der Irrtümer schon bekannt wären. Korrekt! Speziell das Thema Reisepraxis konnte mir kaum noch Neues bieten. Wessen Erfahrung sich hier noch in Grenzen hält, der wird von Nele-Marie Brüdgam aber viele wertvolle Tipps bekommen, etwa zum Thema, wo man am besten was bucht. Ansonsten sind die Einträge meist sehr unterhaltsam und informativ. Wer wissen will, warum nachhaltiges Reisen oft nicht sehr nachhaltig ist; warum Frankfurt eine bessere Reisedestination ist als sein Ruf; wieso Reiseprofis gerne Pauschalreisen buchen oder wo man im Urlaub die wenigsten Deutschen antrifft; der wird das Buch so gerne lesen, wie ich es tat.

Nele-Marie Brüdgam: Kleines Lexikon der Reise-Irrtümer.

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