[Notiz der Woche] Allgemeinbildung auf You Tube

Zuletzt aktualisiert am 30.1. 2016

Mich interessierte, wie seriös man sich auf You Tube inzwischen weiterbilden kann. Das Ergebnis ist im positiven Sinne überraschend: Es gibt jede Menge hochwertiger Videos – gute Englischkenntnisse einmal vorausgesetzt.

Da sind einerseits die großen angelsächsischen Universitäten, welche zahlreiche Vorlesungen ins Netz stellen. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist der Channel der Yale University: YaleCourses. Dort finden sich beispielsweise eine vierundzwanzigstündige Vorlesung über Don Quijote oder die Introduction to Ancient Greek History with Donald Kagan, nebst naturwissenschaftlichen und ökonomischen Angeboten.

Dann gibt es vorbildliche Initiativen, die sich die weltweite Allgemeinbildung auf die Fahnen schreiben. Am bekanntesten ist hier die Khan Academy. Hier wird Wissen auf einer Art elektronischer Tafel vermittelt. Neben Fotos, Grafiken und Karten wird hier „handschriftlich“ vorgegangen, was erstaunlich gut funktioniert. Die Spannweite reicht von Pre-Algebra bis hin zu Cosmology and Astronomy. Selbst für History funktioniert diese Didaktik erstaunlich gut.

Schließlich gibt es Angebote, die sich in erster Linie an junge Menschen richten, welche ja bekanntlich den Großteil der You-Tube-Zielgruppe ausmachen. Ein Beispiel dafür ist die von Alain de Botton mit gegründete School of Life. Ich finde zwar nicht alles dort überzeugend, weil mir bei den geistesgeschichtlichen Themen der Tenor oft zu unkritisch ist. Es gibt aber verblüffende Videos, die komplexe Zusammenhänge einfach verständlich machen. Etwa Capitalism aus der Reihe History of Ideas oder Why Some Countries Are Poor and Others Rich.
Sehr erfolgreich ist auch CrashCourse, die zwar immer wieder einmal auf zielgruppenspezifische Blödeleien setzen, aber in Sachen Wissensvermittlung eine hochwertige Arbeit leisten. Einen gutes Exemplar dafür ist Mansa Musa and Islam in Africa aus der Reihe World History.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, der kann mit den Intelligent You Tube Channels weitermachen.

Was internationale Nachrichtenberichterstattung angeht, empfehle ich zwei Channels: Reuters, Al Jazeera und die Vice News. Meist sehenswert sind auch die amerikanischen Innenpolitik-Beiträge der Young Turks.

Anomalisa & Sture Böcke

Filmcasino

USA 2015
Regie: Charlie Kaufman & Duke Johnson

Gut möglich, dass Anomalisa der deprimierendste Animationsfilm ist, der je gedreht wurde. Statt auf Gute-Laune-Kino wie Toy Story und Co. zu setzen, wird der Zuseher hier mit der Entfremdung des menschlichen Lebens konfrontiert. Einerseits ästhetisch, weil die animierten Figuren sich alle sehr ähnlich sehen und damit etwas Roboterhaftes aufweisen. Andererseits inhaltlich durch die gescheiterten Beziehungen der Figuren. Der Film zieht der Verlogenheit des amerikanischen Alltags die Decke über den Kopf weg. Ein irritierendes Filmerlebnis.

Island 2015
Regie: Grímur Hákonarson

Viel amüsanter dagegen ist der isländische Film Sture Böcke. Ein seit vierzig Jahren verfeindetes altes Schäfer-Brüderpaar steht im Mittelpunkt. Beide sind Nachbarn, kommunizieren aber nur schriftlich miteinander. Als im Tal eine Krankheit zum Notschlachten aller Schafe zwingt, entwickelt sich eine neue Beziehungsdynamik zwischen den beiden. Der Film und der Humor sind von einer grandiosen Lakonie, wie man das von anderen skandinavischen Filmen her kennt. Allerdings fehlen ihm die düsteren Seiten eines Aki Kaurismäki. Das heißt aber nicht, dass nicht auch menschliche Abgründe sichtbar werden. Das Tempo des Streifens ist erfrischend langsam: Es gibt viele lange Einstellungen, und auch die isländische Natur kommt nicht zu kurz. Wer diese Art des lakonisch-sarkastischen Humors mag, sollte ihn nicht versäumen.

Moliere: Der eingebildete Kranke

Burgtheater 18.1. 2016

Regie: Herbert Fritsch

Argan: Joachim Meyerhoff
Toinette, Argands Dienstmädchen: Markus Meyer
Bélinde, dessen zweite Frau: Dorothee Hartinger
Angélique, Argans Tochter: Marie-Luise Stockinger
Louision, ihre kleine Schwester: Marta Kizyma
Cléanthe: Laurence Rupp
Dr. Diafoirus: Ignaz Kirchner
Thomas Diafoirus, dessen Sohn: Simon Jensen
Dr. Purgon, Argans Arzt: Johann Adam Oest
Fleurant, Apotheker: Hermann Scheidleder
Herr de Bonnefois, Notar: Hermann Scheidleder

Nach eineinhalb Stunden verließ ich das Burgtheater in der Pause. Nicht, weil die Inszenierung so fürchterlich war, sondern weil der Inszenierungsstil nicht zur Länge des Abends passt. Es ist nicht einfach, die artifizielle Inszenierungsart des Herbert Fritsch zu beschreiben: Die Figuren sind grotesk gekleidet und bewegen sich dazu passend unnatürlich. Der beste Vergleich sind vermutlich die am meisten verblödelten Monty-Phyton-Sketche. Keiner dieser Sketche ist zehn Minuten lang. Die meisten sind mit guten Gründen viel kürzer, weil diese alberne Überdrehtheit nur in der Kürze funktioniert. Daran kann selbst ein oft sehr komischer Meyerhoff als Argan nichts ändern.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Geschrieben für „Literatur und Kritik“.

Die meisten Leser Thomas Bernhards kennen dessen Leben aus seinen autobiographischen Schriften, die in fünf Teilen zwischen 1975 und 1982 veröffentlicht wurden. Nicht in chronologischer Reihenfolge: Die frühesten Erinnerungen erscheinen unter dem Titel „Ein Kind“ erst als letztes Buch der Reihe. Bereits während meines Germanistikstudiums in Salzburg versuchte Hans Höller in den neunziger Jahren, Fakten und Fiktion in der Autobiographie des Autors zu unterscheiden und publizierte 1993 schon früh eine Rowohlt Monographie über ihn. Eine weit umfangreichere Arbeit legt nun der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer vor, der sich auch durch die Herausgabe einiger Bände in der kürzlich abgeschlossenen Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags Verdienste um den Autor erwarb und ein wichtiger Protagonist der Bernhard-Forschung ist. Leicht wurde ihm sein Projekt nicht gemacht: Der Nachlass-Verwalter Peter Fabjan und Stiefbruder Bernhards verbot ihm bedauerlicherweise aus unveröffentlichten Briefen zu zitieren, oder die mit Fabjan geführten Gespräche zu verwenden. Mittermayer war deshalb auf die öffentlich zugänglichen Quellen angewiesen. So greift er oft auf die Nachlass-Publikation „Meine Preise“ zurück.

Wer die Ästhetik Thomas Bernhards verstehen will, kann anhand der Autobiographie bereits ein Kernelement kennenlernen: Bernhard gibt der Fiktion immer Priorität über die Fakten, wenn es seine Literatur künstlerisch besser macht. Überhaupt inszeniert er sein Autorenleben gerne für das Publikum, ganz so als sei es eines seiner Theaterstücke. Mittermayer bringt dafür zahlreiche Beispiele aus allen Lebensphasen des Autors.

Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Thomas Bernhard war etwa der Wechsel vom Salzburger Staatsgymnasium am Grünmarkt zu einer Kaufmannslehre in der berüchtigten Scherzhauserfeldsiedlung. Was wissen wir über die Fakten? Die schulischen Leistungen des Jungen waren nicht die besten, er musste die zweite Klasse nach einer verpatzten Latein-Nachprüfung wiederholen. Zusätzlich waren die ökonomischen Umstände seines Vormunds Emil Fabjan angespannt. Nachdem sich die Leistung nicht besserte, erfolgte die Abmeldung vom Gymnasium am 1. April 1947. Fiktional in „Der Keller“ verarbeitet macht der Autor daraus eine spontane, autonom getroffene existenzielle Entscheidung des Jungen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung, diesen Begriff in die entgegengesetzte Richtung hatte ich mir auf dem Weg in das Arbeitsamt immer wieder vorgesagt, immer wieder in die entgegengesetzte Richtung…“. Aus dieser – in seiner üblichen Manier übertriebenen – literarischen Entgegensetzung zwischen der bürgerlichen Welt des Gymnasiums und der Welt der Außenseiter in der Scherzhauserfeldsiedlung wird ein wichtiges strukturelles Grundprinzip des Buches. Eine schlichte Wiedergabe der Fakten hätte diesen ästhetischen Effekt nie erzeugen können.

Bernhard hat dieses Grundprinzip seines Schaffens nicht verschwiegen. Mittermayer unterbricht die Lebensbeschreibung immer wieder, um Bernhards Literaturauffassung zu schildern. Die zentralen Zeugnisse davon werden ausführlich zitiert. So zum wichtigen Begriff der Künstlichkeit im von Ferry Radax 1970 gedrehten Film „Drei Tage“: „In meinen Büchern ist alles künstlich, das heißt, alle Figuren, Ereignisse, Vorkommnisse spielen sich auf einer Bühne ab, und der Bühnenraum ist total finster.“

Ein Beispiel für Bernhards Selbststilisierung aus einer viel späteren Zeit ist seine Film-Aussage 1984 zu Krista Fleischmann: „Ich hab‘ immer aus eigenem Antrieb gelebt, hab‘ nie eine Subvention g’habt, es hat sich um mich nie jemand gekümmert, bis heute nicht.“ Mittermayer widerlegt diese Aussage mühelos anhand belegbarer staatlicher Förderungen.

Eine Stärke der Biographie Mittermayers ist es, diese Bezüge zwischen Biographie, Ästhetik und Rezeption regelmäßig herauszuarbeiten. Er stützt damit seine zu Beginn des Buches formulierte Auffassung: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biografie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären“.

Speziell die Wirkungsgeschichte ist Mittermayer immer wieder ein Anliegen. Den Werkbeschreibungen, egal ob es sich um einen Prosatext oder um eine Theateraufführung handelt, folgt eine kurze Rezeptionsgeschichte. Dafür greift der Biograph nicht nur auf die Rezensionen der führenden Blätter zurück, sondern verweist immer wieder auch auf die literarische Wirkung Bernhards. Am Ende der Lektüre ist man also auch darüber im Bilde, welche Autoren im In- und Ausland Bernhard maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst hat. Zu nennen wären hier etwa William Gaddis oder Don DeLillo.

Ein weiterer Vorzug sind die unprätentiösen Beschreibungen der Werke Bernhards. Es gibt ja nicht wenige Lebensbeschreibungen, die sich stilistisch lesen als hätte sie der Beschriebene selbst verfasst. Mittermayers sachlicher Stil setzt dagegen einen wohltuenden Kontrapunkt zum Hyperbolismus Bernhards. Das gilt auch für die Interpretationen des Germanisten: Sie bewegen sich immer nahe am Text und sind nie literaturtheoretisch überladen. Damit zeigen sie auch dem literaturwissenschaftlich nicht vorbelasteten Leser, wie man sich der Komplexität der Texte so nähern kann, dass man Erkenntnisgewinne erzielt. Erfreulich auch, dass Mittermayer auf noch nicht publizierte Texte aus dem Nachlass eingeht. Ab 1957 arbeitet Bernhard etwa an dem Prosatext „Schwarzach Sankt Veit“ zu dem sich ein 296 Seiten langes Typoskript findet. Die Geschichte zweier Brüder enthält zahlreiche Bezüge auf Bernhards Jugend. David ist Gerichtsreporter in Salzburg, war vorher Kaufmannslehrling und will Sänger werden, ganz so wie der junge Thomas Bernhard. Man kann nur hoffen, dass aus dem unveröffentlichtem Nachlass bald ein veröffentlichter wird.

Komplexität und Stilisierung sind ebenfalls wichtige Stichworte für Bernhards Sozialleben. Das vom Autor gerne gezeichnete Selbstbild des einsamen Einzelgängers, der sich in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof von der gehassten Außenwelt abschottet, hat zwar einen wahren Kern. Richtig ist aber ebenso, dass Bernhard während seines Lebens immer intensiv für ihn wichtige soziale Beziehungen pflegt. Das beginnt mit dem idolisierten Großvater Johannes Freumbichler, der als gescheiterter Heimatschriftsteller seine Familie als Patriarch tyrannisiert. Bernhards Start ins Leben war in vielen Dimensionen schwierig: Er war arm, krank und hatte in der Familie kaum Unterstützer. Bereits als jungem Menschen gelang es ihm aber, sich ein nützliches Netzwerk im Kulturbetrieb aufzubauen. Carl Zuckmayer fördert ihn schon früh. Etwas später kommt dann noch das Ehepaar Lampersberg hinzu, das Bernhard in die österreichische Avantgardeszene einführt, und die er dann viel später mit seinem Roman „Holzfällen“ zu einer Klage provoziert. Der wichtigste Lebensmensch für ihn war Hedwig Stavianicek, 36 Jahre älter als er und zu Beginn auch ein Ersatz für die früh gestorbene Mutter. Sie lernten sich Anfang der fünfziger Jahre kennen als sich Bernhard wegen seiner Tuberkolose in der Lungenheilstätte St. Veit aufhält. Mittermayer beschreibt in seiner Biographie ausführlich weitere Bekanntschaften Bernhards und deutet an einer Stelle auch an, dass sich Bernhards sexuelle Vorlieben nicht nur auf Frauen beschränken, ohne das allerdings näher auszuführen.

Die große Leistung von Mittermayers Buch ist es, dass sie uns einen soliden Vergleich zwischen dem Menschen Thomas Bernhard und dem Schriftsteller Thomas Bernhard ermöglicht. Wer bisher nur Bernhards Werk und das darin entworfene Selbstbild kennt, wird über viele Tatsachen seines Lebens erstaunt sein, speziell was seine Kindheit und seine ersten Schritte als Journalist und Autor in Salzburg angeht.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Privatbibliothek: Neuzugänge

Democracy

Filmcasino 17.01. 2016

D 2016
Regie: David Bernet

Viele Dokumentarfilme sah ich schon, aber keinen, der sich ausschließlich mit der Entstehung eines Gesetzes beschäftigt. Die Rede ist von der europäischen Datenschutzrichtlinie, deren Geburt knapp 2 Jahre lang begleitet wird. Im Mittelpunkt steht der Berichterstatter des EU Parlaments, nämlich der junge grüne EU Abgeordnete Jan Philipp Albrecht. Schritt für Schritt wird man in schickem Monochrom durch den mühevollen legislativen Prozess geführt. Vom ersten Entwurf, über die hektische Betriebsamkeit der Lobbyisten bis hin zur Verhandlung von mehr als 4000 Änderungsanträge von EU Parlamentariern. Man erhält einen guten Einblick, wie „Brüssel“ funktioniert, im Guten wie im Schlechten.

Kirschblüten und Rote Bohnen

Filmcasino 31.12. 2015

F / D / J 2015
Regie: Naomi Kawase

Ein Film über drei japanische Generationen, die in einem kleinen Dorayaki-Laden zusammentreffen. Die beiden Älteren sind durch Schicksalsschläge gezeichnet, die sich im Laufe des Films enthüllen, und die ich hier nicht verraten will. Die Vertreterin der jüngsten Generation stammt aus sozial ärmlichen Verhältnissen. Wie sich die Beziehung zwischen diesen drei Protagonisten entwickelt, steht im Zentrum der Handlung. Das Ergebnis ist ein leises Sozialporträt des zeitgenössischen Japan, das Naomi Kawase mit viel Humanität auf die Leinwand bringt. Am Ende gibt es für meinen Geschmack deutlich zu viel „Sinn-des-Lebens-Kitsch“, aber das ist kein hinreichender Grund, für Kirschblüten und Rote Bohnen nicht ins Kino zu gehen.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Goldene Zeiten

Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek 26.12. 2015

Wer sich für alte Bücher interessiert, darf sich die aktuelle Ausstellung im Prunksaal auf keinen Fall entgehen lassen. Gezeigt werden Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance anhand von fünfzehn Stationen. Die Schau ist Teil einer internationalen Ausstellungsreihe, in deren Rahmen zwölf deutschsprachige Bibliotheken ihre wichtigsten Werke zeigen.
Die prächtigen Handschriften sind nach chronologisch-thematischen Gesichtspunkten angeordnet. Gleich zu Beginn sieht man das goldverzierte Evangeliar des Johannes von Troppau, das als Gründungsbuch der kaiserlichen Hofbibliothek gilt. Die berühmte Goldene Bulle ist ebenfalls ausgestellt, nebst einer Menge an herausragender Buchkunst. (Bis 21.2.)

Carol

Filmcasino

USA 2015
Regie: Todd Haynes

Hätte der Film nicht so viele enthusiastische Kritiken bekommen, wäre ich wohl nicht dafür ins Kino gegangen, weil mich das Genre Liebesfilm nicht interessiert. Hier handelt es sich freilich um eine lesbische Liebesgeschichte aus dem New York der fünfziger Jahre. Eigentlich eine Literaturverfilmung, da die Geschichte auf einem Roman von Patricia Highsmith basiert. Cinematisch ist das alles sehr schön in Szene gesetzt: Man fühlt sich an die ebenso schicken Mad Men erinnert. Auch schauspielerisch (Cate Blanchett!) ist der Streifen gelungen.

Yale-Vorlesung über den „Don Quijote“

Kürzlich wies ich in Allgemeinbildung auf You Tube darauf hin, dass diese beliebte Videoplattform auch eine Fundgrube für hochwertiges Material ist. Unter den zahlreichen dort zu findenden Yale Courses interessiert mich einer besonders: Die vierundzwanzigstündige Vorlesung von Prof. Roberto González Echevarría über den Don Quijote. Warum ich das Buch besonders schätze, kann man in dieser Notiz nachlesen.

Zu sehen gibt es eine klassische, mitgefilmte Yale-Lehrveranstaltung samt Studenten. Zwei Dinge verblüffen mich: Erstens wurde keine der einzelnen Vorlesungen 6000 Mal angesehen, obwohl sie schon Jahre online sind. Die meisten bewegen sich zwischen 3000 und 4000 Views. Angesichts des riesigen You Tube Publikums und der Seherzahlen für andere Videos heißt das: Intellektuell hochwertige Gratisbildung wird kaum nachgefragt.

Zweitens bin ich – vermutlich naiverweise – über die Mittelmäßigkeit des Gebotenen überrascht. Yale fehlt ja in keinem Ranking der besten Hochschulen der Welt. Geboten wird zwar eine sachlich solide Information über den Klassiker, in Sachen Inspiration hätte ich von einer Top-Universität aber deutlich mehr erwartet. Echevarría stellt einige Male erhellende überraschende Bezüge her – etwa zur zeitgenössischen Malerei – beschränkt sich aber sonst auf einen chronologischen Lektürekommentar. Die von mir besuchten Literaturvorlesungen an der Universität Salzburg, die in jedem Top-Ranking fehlt, konnten mit diesem Niveau nicht nur mithalten: Viele von ihnen waren geistig deutlich anregender als was hier in Yale geboten wird.

Für Freunde der Weltliteratur sind diese vierundzwanzig Stunden trotzdem gut investiert.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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