Jonathan Haidt: The Righteous Mind. Why good people are divided by politics and religion

Eines der intellektuell anregendsten Bücher, die ich seit längerer Zeit las. Jonathan Haidt schlägt ein psychologisches Moral-Modell vor: Er will erklären, wie die Menschheit moralisch tickt und liefert damit auch einen wichtigen anthropologischen Diskussionsbeitrag. Dafür geht er stark von seiner persönlichen Forschungsgeschichte aus, weshalb sich Teile des Textes wie eine wissenschaftliche Autobiographie lesen.

Haidt ist ein Intuitionist, beruft sich soziologisch primär auf Durkheim und ethisch auf die Utilitaristen. Sein inzwischen passabel neurologisch belegter Ausgangspunkt ist, dass menschliches Verhalten wesentlich auf irrationalen Komponenten beruht. Für die Ratio verwendet er das einprägsame Bild eines Reiters auf einem riesigen Elefanten. Jeder intellektuell Tätige weiß ja tatsächlich, wie anstrengend es sein kann, aktiv gegen die diversen irrationalen kognitiven Mechanismen anzudenken.

Das zweite Leitmetapher ist, dass der Mensch zu 90% Schimpanse und zu 10% Biene sei. Er beschreibt plausibel den von ihm „Hive Switch“ genannten Mechanismus, der Menschen bei Gefahr oder auch bei Massenveranstaltungen wie im Sport ihre Individualität zugunsten ihrer Gruppenzugehörigkeit temporär ausschalten lässt.

Die sechsteilige Matrix, welches Haidt propagiert unterscheidet folgende moralische Kategorien:

Care / Harm
Liberty / Oppression
Fairness / Cheating
Loyalty / Betrayal
Authority / Subversion
Sanctity / Degradation

Der Psychologe beschreibt sehr detailliert, wie er zu dieser Auffassung kommt, also welche seiner Forschungen zur Ausgestaltung dieser Matrix führten. Auch wenn Haidt anderes suggeriert, sollte man sich als Leser aber immer darüber im Klaren bleiben, dass es sich dabei um ein vergleichsweise willkürliches Modell handelt. Methodologisch ist das durchaus erlaubt, weil in der Wissenschaft Modelle bekanntlich oft zu erstaunlichen Erkenntnisgewinnen führen.

Auf dieser Basis analysiert Haidt nun die unterschiedlichen Positionen der amerikanischen Politik. Sein Fazit ist, dass die Linken („Liberals“) sich primär auf das Problem der Fairness und auf Unterdrückte aller Couleur konzentrieren, während konservative Politiker besser darin seien, alle sechs Bereich der Matrix anzusprechen. Analytisch hilfreich ist auch der Begriff des moralischen Kapitels (analog zum sozialen Kapital), den er im Zuge seiner Darstellung einführt.

Letztendlich landet Haidt bei dieser Definition:

Moral systems are interlocking sets of values, virtues, norms, practices, identities, institutions, technologies and evolved psychological mechanisms that work together to suppress or regulate self-interest and make cooperative societies possible.
[314]

Haidt legt mit seinem Buch einen großen Wurf vor, nicht zuletzt, weil er keine Scheu hat, die großen Fragen der Menschheit anzugehen. Wer sich für die Natur des Menschen und die Politik der Gegenwart interessiert, dem sei die Lektüre dringend empfohlen. Das heißt nun aber nicht, dass es keine Probleme mit Haidts Argumentation gäbe. Auf zwei Klassen von Einwänden will ich abschließend noch hinweisen.

Im spannenden Kapitel über Religion beschreibt Haidt, wie diese aus evolutionären Gründen entstanden sein könnte, nämlich als eine Stärkung der Gruppenkohäsion und -kooperation, welche einen Überlebensvorteil bot. Damit diese Erklärung funktioniert, muss Haidt auf die bis heute unter Evolutionstheoretikern umstrittenen Mechanismen der Gruppenselektion zurückgreifen. Die klassische Evolutionstheorie geht von einer Selektion auf der Ebene des Individuums aus. Ob natürliche Selektion auf Ebene der Gruppe analog funktioniert, ist bei weitem weniger sicher. Freilich bringt der Autor dafür einige starke Argumente.

Wesentlich problematischer ist allerdings folgendes, vom mir verkürztes Argumentationsmuster: Da die Religion Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Natur sei (was korrekt ist), funktioniert die menschliche Natur / Gesellschaft besser, wenn man Religion bzw. das Matrixelement „Sanctity / Degradation“ nicht vernachlässigt. Der Mensch sei dadurch auch glücklicher. Das mag für diesen Fall nicht unplausibel klingen, hat aber den intellektuellen Schönheitsfehler, dass er nicht auf andere ebenso valide Beispiele übertragbar ist. So sehen viele Anthropologen bzw. Sozialpsychologen auch Gewalt und Krieg als einen fixen Bestandteil der humanen Grundausstattung an. Manche gehen sogar soweit, regelmäßige Genozide für „natürlich“ zu halten.

Man sieht nun sofort, dass damit dieses Argumentationsmuster ad absurdum geführt wird. Denn wenn Kriege ein fester Bestandteil der menschlichen Natur sind, wird niemand ernsthaft fordern, sie regelmäßig zu führen, weil es Teile der menschlichen Natur zufrieden stelle und zu einem besseren Funktionieren der Gesellschaft führe. Dieselbe Frage stellt sich bei der Religion: Soll man sie trotz der auch von Haidt eingeräumten Nachteile fördern und befolgen, obwohl sie auf Unwahrheiten beruht, nur weil sich das menschliche Hirn evolutionär so entwickelte?

Gerade solche Gedankenanstöße sprechen aber sehr für und nicht gegen The Righteous Mind.

Jonathan Haidt: The Righteous Mind. Why good people are divided by politics and religion (Vintage)

Murasaki Shikibu: The Tale of Genji

Im Westen weitgehend unbekannt ist The Tale of Genji der prototypische japanische Klassiker. Was Dante für die Italiener, und Goethe für die Deutschen ist, ist Murasaki Shikibu für die Japaner. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass der Text aus dem frühen 11. Jahrhundert stammt oder dass er von einer Frau geschrieben wurde, sondern er ist auch der Form nach unglaublich modern ist. Prinzipiell liest sich das Buch wie ein neuzeitlicher Roman, weil es sich um ungebundene Prosa handelt, freilich in einer archaischen Sprache geschrieben. So mancher Literaturhistoriker hält ihn für den ersten Roman der Literaturgeschichte.

Die Herausforderung des heutigen Lesers liegt anders als bei Dante nicht an der Überwindung einer sprachlichen Hürde, sondern am kultur- und sozialhistorischen Kontext. Der lange Text – in meiner bibliophilen englischen Ausgabe weit über 1000 Seiten – wurde in der Heian-Zeit geschrieben, der klassischen Periode Japans. Kennzeichen dieser Zeit war eine hoch idiosynkratische Hofkultur mit unzähligen Rängen und Ritualen, kombiniert mit zahlreichen kulturellen Interessen. Wie das einfache Volk lebte, interessierte diese Adelsschicht kaum. Murasaki Shikibu spiegelt diese verfeinerte Lebenskultur nicht nur, sie setzt dieses Wissen auch voraus, um die Feinheiten ihres Romans zu verstehen. Wer diese Ränge und Rituale nicht kennt, wird zahlreiche subtile Anspielungen und Abweichungen nicht verstehen, und damit eine wesentliche ästhetische Dimension des Werks. Mit einem vertretbaren Zeitaufwand lässt sich dieses Defizit auch nicht beseitigen.

Bleiben also die weniger subtilen Ebenen des Romans. Im Mittelpunkt steht das Leben, genauer das Liebesleben des Prinzen Genji, dessen Schönheit und Anziehungskraft für das weibliche Geschlecht märchenhaft übertrieben wird. Genji ist der Sohn des Kaisers mit einer seiner Konkubinen und wird deshalb aus politischen Gründen von der offiziellen Thronfolge ausgeschlossen. Eine der sozialhierarchischen Reibeflächen des Texts. Die Kapitel werden zwar chronologisch erzählt, und Genji wird dabei immer älter, sind aber trotzdem gut als voneinander weitgehend unabhängige narrative Einheiten zu verstehen. Es ist ohne größere Einschränkungen möglich, sie nicht in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Nachdem für den heutigen Leser die Abfolge diverser amuröser Abenteuer auch ermüdet, möchte ich diese Leseweise auch explizit empfehlen.

Trotz der oben beschriebenen Einschränkung ist einer der Hauptreize der Lektüre natürlich, in diese fremdartige Welt der Heian-Kultur einzutauchen. Auch eine anthropologische Perspektive ist lohnend, sowie der Vergleich mit Klassikern des europäischen Mittelalters. Schließlich schadet es auch nicht, sich einmal mit dem vermutlich ersten Roman der Weltliteratur etwas ausführlicher auseinanderzusetzen.

Murasaki Shikibu: The Tale of Genji (Folio Society)

Günter Brus: Unruhe nach dem Sturm

21er Haus 11.2.18

Im September wird Günter Brus 80 Jahre alt. Ein guter Anlass für eine große Ausstellung. Brus zählte in den sechziger Jahren mit den Aktionisten und der Wiener Gruppe zu den großen Provokateuren im österreichischen Kunstbetrieb. So überrascht es nicht, dass er mit der österreichischen Polizei und Justiz zu tun bekam. Die heute amüsant zu lesende Anklageschrift ist zu Recht Teil der Retrospektive. Biographisches nimmt allerdings nur einen kleinen Teil ein. Im Mittelpunkt steht das Werk bis in das neue Jahrtausend hinein. Mir war Brus bisher primär durch seine Körperkunst bekannt, von der es natürlich auch jede Menge Fotos zu sehen gibt. Sein bildnerisches Werk sehe ich in diesem Umfang zum ersten Mal. Viele Exponate stammen aus Privatsammlungen. Auffallend ist, dass er sich höchst unterschiedlicher Produktionsformen bedient. Am wenigsten kannte ich bisher seine Grenzüberschreitungen zur Literatur sowie seine satirischen Zeichnungen. Im Ausstellungskontext etwas mühsam zu lesen, aber man sieht schnell, warum er sich im Umfeld der Wiener Gruppe wohlfühlte. Ein anregendes und immer noch sehr aktuelles Stück Wiener Kunstgeschichte.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Die Kraft des Alters

Unteres Belvedere 4.2. 18

Für das Untere Belvedere eine ungewöhnliche Ausstellung, weil sie auch viel zeitgenössische Kunst mit einbezieht. Gerade die Videokunst wie Edgar Honetschlägers Omsch II liefert einige spannende Beiträge zum Thema Alter. Selbstverständlich finden sich auch Wiener Klassiker wie Schiele, Klimt und Kokoschka mit Werken, die entweder alte Menschen porträtieren oder sich mit dem Tod auseinandersetzen. Dass dies auch Käthe Kollwitz gut beherrscht zeigen gleich mehrere ihrer Zeichnungen. Einen weiteren Schwerpunkt bietet die Fotokunst, die zum Thema ja besonders ergiebig ist. Die kuratorische Begleitung ist in der Ausstellung vergleichsweise dünn. Das Thema hätte sich für kunstübergreifende Bezüge angeboten, etwa in Richtung Literatur. Der Begleitkatalog soll allerdings sehr ausführlich sein. Unbedingt einen Besuch wert. (Bis 4.3.)

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Filmcasino 29.1. 18

USA 2017

Regisseur: Martin McDonagh

Von der Kritik als einer der besten Filme des Jahres 2017 gefeiert, hat der Streifen tatsächlich viele Qualitäten. Zuvörderst Frances McDormand, welche beeindruckend energiegeladen Mildred Hayes spielt. Sie startet in ihrer Kleinstadt auf einen Rachefeldzug gegen die Polizei, weil diese den Mörder und Vergewaltiger ihrer jungen Tochter nicht finden will. Als Provokation stellt sie die drei titelgebenden „Billboards“ auf. Die darauffolgende furiose Handlung ist primär von den stark gezeichneten Charakteren getrieben. Interessanterweise sind alle komplett überzeichnet, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dazu tragen auch einige unerwartete Wendungen und Koalitionen bei, welche sich schließlich heraus kristallisieren. Eine tolle Tirade über das zeitgenössische provinzielle Amerika.

Reiseliteratur Japan

Diese beiden Bücher begleiteten mich im Oktober in Japan. Der Dumont Kunstreiseführer ist einer der schlechtesten der Reihe. Das liegt nicht am gelungenen Überblicksteil zu Beginn, sondern an fehlenden Inhalten. Fünf Seiten über Tokio sind naturgemäß eine Frechheit. Kyoto dagegen wird ausführlich abgehandelt. Der Rough Guide mit seinen Fokus auf praktischen Reiseinformationen hat sich so gut bewährt, wie seine Vorgängerbände, die ich nutzte.

Peter Pörtner: Japan. Von Buddhas Lächeln zum Design – Eine Reise durch 2500 Jahre japanischer Kunst und Kultur (Dumont Kunstreiseführer)

Sally McLaren: The Rough Guide to Japan (Rough Guides)

Christian Tagsold: Japan. Ein Länderporträt

Von den Büchern, die ich für meine Japan-Reise im letzten Oktober las, war dieses Länderporträt eines der Besten. Christian Tagsold ist deutscher Japanologe mit mehreren längeren Aufenthalten im Land. Deshalb ist es nicht nur sehr lehrreich, was die Verhältnisse und Gepflogenheiten in Japan angeht, sondern auch wie wir im Westen dieses östliche Land wahrnehmen. Tagsold nimmt sich viele unserer Lieblingsklischees vor und versucht diese zu relativieren, etwa Sushi sei das japanische Nationalessen. Ansonsten beleuchtet der Autor Japan aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Geschichte, Geographie und Alltagskultur beispielsweise. Ein weiterer Schwerpunkt sind die größten gesellschaftlichen Probleme. So ändert sich die Arbeitswelt auch hier im rasanten Tempo. Andere Herausforderungen sind spezifischer, beispielsweise die hohe Lebenserwartung in Kombination mit wenig Migration.

Christian Tagsold: Japan. Ein Länderporträt (Ch. Links)

Ewald Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang

Akademietheater 18.1. 18

Regie: Dušan David Parízek

Egon Krause: Michael Abendroth
Annemarie Krause, Egon Krauses zweite Frau: Dörte Lyssewski
Helene, jüngere Tochter aus Krauses erster Ehe: Marie-Luise Stockinger
Martha, ältere Tochter aus Krauses erster Ehe: Stefanie Dvorak
Thomas Hoffmann, Marthas Ehemann: Markus Meyer
Alfred Loth: Michael Maertens
Dr. Peter Schimmelpfennig: Fabian Krüger

Wenn man Klassiker aktualisiert, sollte das Ergebnis einen Mehrwert bringen. Der ist bei Ewald Palmetshofers Bearbeitung im Akademietheater nur bedingt der Fall. Die ästhetische Qualität von Hauptmanns Stück steckt in dessen Naturalismus. Sprachlich und szenisch bleibt nur wenig davon übrig. Dass der Theaterabend trotzdem gelungen ist, verdanken wir dem erstklassigen Ensemble und der Aktualität des Themas. In Zeiten, wo ein politischer Opportunist wie der neue junge österreichische Bundeskanzler aus Machtgier jegliche ethische Standards über Bord wirft, trifft eine Studie über den politischen Wandel des Thomas Hoffmann einen wichtigen Aspekt der Gegenwart. Während seiner Studentenzeit war er noch ein sozialer Idealist, hat sich inzwischen aber anders als sein Studienfreund Alfred Loth ins konservative Lager geschlagen. Viel Spannung schlägt die Inszenierung aber aus diesem Konflikt nicht heraus. Keine Warnung, aber auch keine klare Empfehlung meinerseits.

Japan – Eine Reise ins Unverständliche

Oktober 2017

Wie alle Europäer fliege ich mit vielen Klischees im Gepäck nach Tokio. Bunt, grell, teuer, arbeitsam soll es sein im fernen Osten. Knapp drei Wochen reise ich kreuz und quer durch das Land, bevor ich von Hiroshima aus die Heimreise nach Wien antrete. Am Ende habe ich allerdings den Verdacht, dass einige dieser mentalen Schubladen im Kern durchaus ihre Berechtigung haben könnten.

Auf den ersten Blick sieht Japan wie ein westliches Land aus. Zwar gibt es in Europa keine Megacities, aber wer eine urbane Wanderung in Manhattan überlebte, findet sich auch in Tokio zurecht. Der Alltag der meisten Menschen erinnert ebenfalls an unsere Gewohnheiten: Millionen machen sich täglich auf den Weg in ihre Büros und Behörden. Je genauer man sich jedoch diesen Alltag ansieht, desto fremder wird einem der riesige Inselstaat.

Bekannt ist, dass Japan zu den Ländern mit der geringsten Kriminalität weltweit zählt. Tatsächlich gibt es selbst in Tokio keine nennenswerte Alltagskriminalität. Taschendiebstähle sind ebenso eine Seltenheit wie Wohnungseinbrüche. Es fällt mir auch schnell die Sorglosigkeit auf, mit der die Japaner ihr Eigentum behandeln: Offene Taschen, heraushängende Geldbörsen… Es ist überhaupt kein Problem sein Gepäck für längere Zeit unbeaufsichtigt auf dem Bahnhof in Kyoto stehen zu lassen, während man etwas erledigt. Mir wird auch mehrfach versichert, dass eine Dreizehnjährige völlig ungefährdet um Mitternacht die Metro in Tokio benützen könne. Getrübt wird diese heile Welt allerdings durch überdurchschnittlich viele sexuelle Belästigungen. Überhaupt ist das Frauenbild noch ein sehr traditionelles. Speziell bei der älteren Generation scheinen oft die Männer den Ton anzugeben. Wie bei uns findet man viele Frauen im Dienstleistungssektor und im Handel beschäftigt.
Organisierte Kriminalität gibt es in Japan selbstverständlich in den gängigen Gebieten (mit einem Schwerpunkt auf dem Glücksspiel), was aber offensichtlich nicht mit der Alltagskriminalität korreliert.

Vier Dutzend Länder bereiste ich bisher und in keinem fühlte ich mich so sicher wie in Japan. Mir drängt sich schnell die Frage auf: Was ist die Ursache für dieses dauerhafte Verbrechenstief? Soziologen führen es gerne auf kulturelle Faktoren zurück. Ein japanischer Intellektueller versucht es mir gegenüber mit einer historischen Erklärung: Familien wurden administrativ lange in kleinen Einheiten zusammengefasst. Wenn eine Person dort ein Verbrechen beging, wurde die gesamte Einheit kollektiv bestraft. Der Effekt sei eine hohe soziale Kontrolle und gegenseitige Überwachung gewesen. Das hätte sich tief in die Psyche der Japaner eingebrannt.
Dazu passt ebenfalls die erschreckende Alltagsdisziplin der Inselbewohner. Es gibt keine Graffiti. Es gibt keinen weggeworfenen Getränkedosen. Es gibt keinen Vandalismus. Japan ist übersät von Automaten aller Art. Kein einziger war beschädigt oder beschmiert. Weder in Tokio noch in Kyoto sah ich auch nur einen Einheimischen bei Rot die Straße queren. Als ich das Thema einmal zur Sprache bringe, meint einer stolz, es gäbe schon Graffiti, aber man müsse schon wissen, wo, um sie gezielt aufzusuchen. Bettler gibt es ebenso wenig. Obdachlose existieren, fallen im Straßenbild aber nicht auf.

Zugwagons halten an exakt spezifizierten Orten am Bahnsteig. Man weiß genau, wo man einzusteigen hat, weil es auf dem Pflaster gekennzeichnet ist. Alle stellen sich diszipliniert wartend in Zweierreihen auf. Große Aufregung und viele Entschuldigungen, weil am Tag nach dem Typhoon, unser Zug in Kyoto sieben Minuten Verspätung hat. Auf manchen Parkplätzen vor Touristenattraktionen sind Gehwege aufgemalt. Wer quer über den Parkplatz geht, fängt schnell einen fragenden Blick ein.

Diese Konformität ist aus europäischer Sicht gleichzeitig faszinierend und erschreckend. Junge Menschen trifft man tagsüber fast nur in ihren sehr formellen Schuluniformen an. Die wenigen Individualisten unter ihnen tragen grelle Turnschuhe als Kontrast. In keinem Land der Welt sind mir bisher so ultrahöfliche Teenager begegnet.

Die dunklen Seiten dieses Konformitätsdrucks sind dem westlichen Medienkonsumenten bekannt: Etwa eine ungewöhnlich hohe Selbstmordrate, nebst diversen psychiatrischen Krankheitsbildern.

Schon bald bringe ich die Frage nicht mehr aus den Kopf: Würde ich in diesem Land leben wollen? Der perfekt funktionierende Alltag und das hohe Sicherheitsgefühl im urbanen Raum sind sehr attraktiv. Der Alltagskonformismus auf der anderen Seite ist ebenso abschreckend. Ab und an denke ich, in eine Black-Mirror-Episode geraten zu sein.

Ein weiterer augenfälliger Unterschied zu Europa ist die hohe Alltagsreligiosität. Die Schreine sind zu jeder Tageszeit voller Menschen aller Altersklassen. Wie bei allen Religionen gibt es jede Menge Möglichkeiten, Geld gegen göttliche Gnade einzutauschen. Sehr beliebt sind konkrete Wünsche, deren Erfüllung man sich kaufen kann. In vielen Heiligtümern liegt eine Art spirituelle Selbsthilfespeisekarte aus, auf der man sich seinen Wunsch präzise aussuchen kann. Diese reichen von den üblichen menschlichen Bedürfnissen wie Nachwuchs oder Gesundheit aber auffällig in den kapitalistischen Bereich hinein, etwa nach Sicherheit am Arbeitsplatz oder dem ökonomischen Wohlergehen des eigenen Arbeitgebers.
Umgekehrt hat der Arbeitgeber auch religiöse Pflichten gegenüber seinen Angestellten. Geht ein Mitarbeiter etwa als Expat für längere Zeit ins Ausland, übernimmt die Firma oft alle Ausgaben für die spirituelle Versorgung der Ahnen und die Grabpflege. Sehr seltsam für uns Europäer mutet ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang an: Die Firmengräber. Ich besuche den heiligsten Berg Japans, den Koya-san. In einem Klosterzimmer dort verbringe ich die wohl unbequemste Nacht meines Lebens auf einem Futon am Boden. Teil der kleinen Klosterstadt ist der größte Friedhof des Landes. Mindestens 200.000 Gräber wurden angelegt, weil jeder Japaner, der etwas auf sein Seelenleben hält, dort beerdigt werden will. Darunter sind riesige Grabanlagen der größten Konzerne des Landes. Wer im Dienst ums Leben kommt oder sich sonstige Verdienste erwirbt, landet statt im Büro seines Arbeitgebers schließlich im Firmengrab. Nicht wenige davon sind für westliche Augen skurril dekoriert. So ziert das Grab der größten Kaffeerösterei Japans eine riesige Kaffeetasse. Bei Nissan findet man monströse Arbeiterskulpturen, an denen Stalin seine Freude gehabt hätte.

Als ich in der Provinzstadt Okayama auf dem Weg nach Hiroshima übernachte, lande ich am Abend in einem auf die Gesamtverwertung von Schweinen spezialisierten Lokal (vom Ohr über alle Innereien zum Anus). Bald setzt sich ein junger Bursche neben mich, der eben spät aus seinem Büro kommt. Als die gewünschten anatomischen Schweineteile vor ihm liegen, hält er kurz inne und absolviert ein kurzes religiöses Ritual.

Die Existenz von Firmengräbern zeigt, wie zentral der Arbeitgeber im Leben vieler Japaner ist. Die Erwartungshaltung an die japanische Jugend war über Jahrzehnte hinweg, es an eine der angesehensten Universitäten des Landes zu schaffen, um danach dann entweder beim Staat oder in einem Konzern unterzukommen. Danach dann gemächlich die Hierarchieleiter empor zu klimmen, bis man schließlich im Firmengrab zu seinen Ahnen stößt. Dieser Gesellschaftsvertrag beginnt nun allerdings zu zerbröckeln. So abgeschottet Japan gesellschaftlich vom Rest der Welt sein mag, den globalen ökonomischen Trends kann sich die Wirtschaft dauerhaft nicht entziehen. Das zeigen einerseits diverse Wirtschaftsskandale, wenn etwa Qualitätszertifikate für Stahl gefälscht werden, weil man sich eine Produktion auf diesem hohen Niveau nicht mehr leisten kann. Andererseits gibt es inzwischen wie im Westen viele junge Menschen, welche als Einmannunternehmen pseudoselbständig im Prekariat leben. Das Stigma dafür ist freilich groß, weil die alten gesellschaftlichen Karriereerwartungen immer noch bestehen. Man gilt als Versager und kann deshalb oft keine Familie gründen. Sehr schön beschreibt der Japanologe Christian Tagsold diese Prozesse in seinem „Länderporträt“.

Nach den Metropolen Tokio und Kyoto, nach kleinen Alpenstädten und Dörfern, nach beeindruckenden Burgen und mehr als zwanzig besichtigten Schreinen stehe ich schließlich im Friedenspark Hiroshimas. Angesichts der Spannungen zwischen Nordkorea und den USA wirkt die Mahnung des Orts viel eindringlicher als noch vor einem Jahr. Die Friedenserziehung in Hiroshima läuft ebenso effizient ab wie der Zugverkehr. Es sind unzählige Schulklassen unterwegs, die vor den unterschiedlichen Gedenkstätten ihre sehr emotionalen Rituale aufführen. Man trifft kleine Kindergruppen, die gezielt Ausländer in ihrem Schülerenglisch ansprechen und ihnen ein paar Fragen stellen. Mit dem expliziten hehren Ziel, sich für den Weltfrieden einzusetzen. Der Wille der Menschen in Hiroshima sich gegen Kriege und Atomwaffen zu engagieren, wirkt authentisch und aufrichtig. Wie skeptisch ich bin, dass diesen Kindern ein kriegsfreies Leben vergönnt sein wird, verschweige ich vorsichtshalber.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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