[Notiz der Woche] Der große Religionskritiker Jean Meslier (1664-1729)

Eine meiner größten Buchentdeckungen der letzten Jahre ist das furiose Testament des Jean Meslier. Zwar kannte ich ihn dem Namen nach schon seit meiner Studienzeit als Vertreter der französischen Frühaufklärung, zu einer näheren Beschäftigung mit ihm inspirierten mich aber erst Philipp Bloms Böse Philosophen.

Die erste Überraschung: Eine der brillantesten Religionskritiken der Geistesgeschichte wurde von einem Pfarrer geschrieben! Welche großartige Ironie! 1664 geboren schlug Meslier eine klassische klerikale Karriere ein. Obwohl er von seinem Bischof mehrmals wegen Aufsässigkeiten bestraft wurde, übte er Zeit seines Lebens brav sein Amt aus. So nachlässig wie möglich, wie er in seinen ketzerischen Memoiren betont. Er ist ein brillanter Kopf und durchschaut das Kirchen- und Adelswesen, welches die Armen in Frankreich gemeinsam unter der Knute hält. Ab 1719 setzt er sich bis zu seinem Tode 1729 fast jeden Abend hin und schreibt sein Memoir of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier nieder. Das Ergebnis ist ein hochgradig intelligenter und origineller Text, wie ihn die Geistesgeschichte bis dahin noch nicht kannte. Ein Geistesverwandter war Montaigne, dessen Essais er oft zitiert und dessen Art des Schreibens und Denkens ihn sehr beeinflusste.

Das Faszinierende an dem knapp sechshundert Seiten langen Buch ist seine Vielfalt: Scharfsinnige philosophische Argumente wechseln sich mit furioser Polemik ab. Das Tempo variiert. Man spürt in jeder Zeile die Empörung des Jean Meslier über die argen Zustände in der Welt. Trotz dieses Ärgers ist sein Denken scharf wie ein Rasiermesser. Das Testament ist eine Enzyklopädie der Religionskritik. Alle bis heute gültigen Argumente gegen Religion im allgemeinen sowie gegen das Christentum im speziellen werden mustergültig dargelegt: Die zahllosen textimmanenten Widersprüche in der Bibel und die gescheiterten Versuche der Theologen, diese weg zu interpretieren. Die zahlreichen schamlosen Übernahmen des Christentums aus anderen Religionen und das Abstreiten dieser Diebstähle. Die abstrusen Dogmen. Die verlogene Ethik. Die unzähligen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.

Jean Meslier verwendet in erster Linie simple Logik zur Entlarvung. Dabei argumentiert er, trotz seiner Wut, mit einer intellektuellen Sorgfalt, die bewundernswürdig ist. Viele seiner Argumente setzen von innen an: Er greift religiöse Behauptungen auf und widerlegt sie intrinsisch. Er baut kein atheistisches Kartenhaus daneben auf, sondern zieht solange die Karten aus dem religiösen Kartenhaus, bis es zusammenstürzt. Ein weitere Strategie ist eine historische: Er stellt das Christentum in den geschichtlichen Kontext mit anderen Religionen und geschichtlichen Entwicklungen. Schließlich zeigt er immer wieder überzeugend auf, welchen wahren Interessen die Religion dient und wie diese zur Machterhaltung von Monarchen und Tyrannen systematisch verwendet wird.

Das Testament ist sorgfältig systematisch aufgebaut. Meslier beginnt mit seiner grundsätzlichen Hypothese:

All religions are nothing but errors, illusion, and imposture.
[Kapitel 3]

Das insgesamt 97 Kapitel umfassende Buch besteht nun aus acht Beweisen, die Meslier in extenso ausführt. Er fängt immer allgemein mit einer These an und belegt diese dann, in dem er in den Folgekapiteln immer mehr ins Detail geht. Seine acht „Beweise“ sind:

First Proof: Of the vanity and falsity of religions, which are all human inventions.

Second Proof: Of the vanity and falsity of said religion: Faith, which is blind belief that serves as the foundation of all religions, is only a principle of errors, illusions and impostures.

Third Proof: Of the vanity and falsity of religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called visions and divine revelations.

Fourth Proof: Of the vanity and falsity of said religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called prophecies of the Old Testament.

Fifth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion drawn from the errors of its doctrine and morality.

Sixth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion, taken from the abuse, the unjust persecutions, and the tyranny of the rulers, which it tolerates or authorizes.

Seventh Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the falsity of the opinion of men concerning the so-called existence of gods.

Eighth Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the men’s opinion about the spirituality and immortality of their souls.

Das Ergebnis ist eine umfassende Entlarvung der Religion an sich und gleichzeitig ein gewaltiges Plädoyer für Humanität, Aufklärung und Vernunft. Kein Wunder also, dass die Kirche das Buch mit aller Macht verfolgte. Voltaire gab eine auf seine Auffassungen hin völlig verfälschte Kurzausgabe heraus. Ansonsten zirkulierte das Testament lange in Form illegaler Kopien. So manche Aufklärer bedienten sich großzügig aus seinem intellektuellen Fundus, ohne Quellenangabe versteht sich. Erst 1864 erschien eine vollständige Ausgabe, herausgegeben von Rudolf Charles. Ich las die 2009 bei Prometheus Books erschienene, erste vollständige Übersetzung ins Englische. Es gab in den letzten vierzig Jahren zwei deutschsprachige Ausgaben, die aber nur noch sehr teuer antiquarisch zu bekommen sind. Eine Neuauflage wäre dringend überfällig!

Jean Meslier zählt zu den größten Aufklärern der abendländischen Geschichte. Bevor Kant noch geboren war lebte er dessen Maxime „Sapere aude!“ allein und einsam in der französischen Provinz und schrieb eines der fulminantesten Enthüllungsbücher der Geistesgeschichte.

Doch ich lasse ihn das Testament am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Gegen Mesliers Aufruf zur Empörung im letzten Kapitel seines Buches, zitiert ist nur der Anfang, wirkt das Pamphlet des Stéphan Hessel wie der Text eines schüchternen Schulbuben:

All these arguments are as conclusive as they can be: it is enough to pay just a little attention to see the evidence. And so it cleary demonstrated, by all these arguments I have put forth above, that all religions of the world are, as I said at the beginning of this writing, only human inventions, and that everything they teach us or make us believe are only errors, illusions, lies, and impostures invented by scoffers, swindlers, and hypocrites to deceive men, or by shrewd and crafty politicians to hold men in check and do whatever they want to the ignorant people (who blindly and foolishly believe everything they are told comes from God) and claim that it is useful and expedient to make men believe in the same thing, on the pretext, as they say, that is „necessary that the common man not know very many truths and that he believe in many falsehoods.
And since these kind of errors, illusions, and impostures are the source and cause of countless evils, abuses, and viciousness in the world, and that even the tyranny, which makes so many people groan on the earth, also tries hard to hide itself under this attractive but false and detestable pretext of religion, I am very right to say that this hodgepodge of religion and political laws, such as there are at present, were in fact only mysteries of iniquity.
[Kapitel 96]

Jean Meslier: Testament. Memoirs of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier (Prometheus Books)
[Die am besten zugängliche und lieferbare Ausgabe]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier (Suhrkamp 1976)
[Hochpreisig antiquarisch zu bekommen]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier. Herausgegeben von Hartmut Kraus (Hintergrund)
[Lizenzausgabe der Suhrkamp-Ausgabe durch einen Kleinverlag]

Privatbibliothek: Neuzugänge

Puccini: La Fanciulla del West

Wiener Staatsoper 30.11. 2016

Regie und Licht: Marco Arturo Marelli
Dirigent: Mikko Franck

Marco Arturo Marelli | Bühnenbild
Dagmar Niefind | Kostüme

Minnie: Eva-Maria Westbroek
Sheriff Jack Rance: Tomasz Konieczny
Dick Johnson (Ramerrez): José Cura
Nick: Joseph Dennis
Ashby: Alexandru Moisiuc

Ein Western als italienische Oper? Puccini wagt dieses Experiment. Gewöhnungsbedürftig ist es auf jeden Fall, passt der italienische Operngesang mental doch so gar nicht zum Wilden Westen, wo wir spätestens seit dem Italowestern wortkarge Antihelden erwarten. Dieser Kontrast macht natürlich den großen Reiz des Werks aus. Wie schon in Madame Butterfly spielt Puccini hier gekonnt die Karte des Exotischen aus. Viele Elemente des Wilden Westens sind großzügig vertreten: Whisky, Goldsucher, Sheriff & Banditen, eine Wirtin mit Herz. Angereichert ist das Libretto freilich noch mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Narrativ ist das für eine Oper durchaus gekonnt zu Papier gebracht.

Die Inszenierung zählt zu den gelungensten, die derzeit in der Staatsoper zu sehen sind. Sie setzt auf einen gemäßigten Realismus (auch in den Kostümen), was gut zur Atmosphäre des Stückes passt. Musikalisch ist der Abend ebenfalls hervorragend. Speziell Konieczny kannte ich bisher nur als exzellenten Wagnersänger und hätte nicht gedacht, dass er auch im italienischen Fach so gut glänzen kann.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Ayad Akhtar: Geächtet

Burgtheater 27.11. 2016

Regie: Tina Lanik

Amir: Fabian Krüger
Emily: Katharina Lorenz
Issac: Nicholas Ofczarek
Jory: Isabelle Redfern
Abe: Christoph Radakovits

Ein schwieriger Theaterabend. Das liegt weder am exzellent agierendem Ensemble noch am plausibel reduziertem Bühnenbild. Auch die Inszenierung leistet gute Arbeit, obwohl das teils langsame Tempo nicht immer zu diesem schnellen Genre passt.

Es ist das Stück selbst, mit dem ich ein Problem habe. Es setzt sich provokant mit dem Islam auseinander, was natürlich den großen internationalen Erfolg erklärt. Ein sehr erfolgreicher New Yorker Anwalt, der ursprünglich als Moslem aus Pakistan kam, verleugnet sowohl seine Herkunft als auch seine Religion zugunsten der Karriere. Er ist mit einer islamophilen amerikanischen Künstlerin verheiratet, während er den Islam radikal kritisiert. Ins Spiel kommt dann mit Isaac noch ein jüdischer Galerist und schon haben wir die dramaturgisch gewünschte explosive Mischung.

Das Drama ist ein Konversationsstück und steht in der Tradition von Who is afraid of Virgina Woolf?, erinnert aber ebenso an die Bühnenerfolge der Yasmina Reza. Wobei Geächtet nicht an einem Abend spielt, sondern sich zeitlich länger erstreckt. Der Ablauf ist aber derselbe: Hier ist es Amir, dessen Leben am Ende völlig ruiniert ist. Als Zuseher stellt man sich nun die Frage, nach dem Grund für diesen moralischen und nervlichen Zusammenbruch und hier drängt sich – auch dank der Wortspenden Isaacs – eine unerfreuliche Interpretation auf: Der lange verleugnete „barbarische“ Moslem bricht in ihm durch. Frei nach dem Motto: Einmal Moslem, immer Moslem. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass sich Amirs junger Verwandter Abe parallel zu einem Islamisten wandelt. Das Stück wandelt damit auf einem unerfreulich schmalen Grat zwischen (sehr!) berechtigter Islamkritik und populistischer Islamophobie.

Ferdinand Schmalz: der herzerlfresser

Akademietheater 25.11. 2016

Regie: Alexander Wiegold

gansterer andi: Merlin Sandmeyer

acker rudi: Johann Adam Oest

fauna florentina: Irina Sulaver

pfeil herbert: Sebastian Wendelin

fußpflege irene: Peter Knaack

Mental eingestellt und vorbereitet bin ich auf Shakespeares Coriolan als ich im Akademietheater erfahre, dass sie wegen des Bühnenunfalls eines der Protagonisten vom Vortag als Ersatz Schmalz‘ herzerlfresser spielen. Ein unerwarteter vierhundertjähriger Sprung in die österreichische Gegenwartsdramatik also.

Die Handlung des Stücks spielt in der (steirischen?) Gegenwart, knüpft aber an eine gespenstische Mordserie an, welche das Mürztal vor knapp 250 Jahren heimsuchte, wobei der Titel schon die Pointe verrät: Es treibt ein kannibalistischer Frauenmörder sein Unwesen. In der Gegenwart finden die Morde kurz vor der Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums statt, weshalb der Bürgermeister die Taten zu vertuschen versucht. Gleichzeitig werden die teils seltsamen Liebesbeziehungen der fünf Protagonisten ausgelotet. Die Trostlosigkeit der Provinz darf als Topos der österreichischen Literatur natürlich auch nicht fehlen.

So eine Inhaltsangabe wird dem Theaterabend aber nicht gerecht, weil die Ästhetik stark auf Artifizialität beruht. Nicht nur ist die Sprache eine Kunstsprache und werden manche Figuren ins Groteske überhöht. Auch das Bühnenbild, welches ausschließlich aus herabhängenden „Glitzerlianen“ besteht, verstärkt diese Abstraktheit.

Insgesamt ein erfreulicher Theaterabend, was nicht zuletzt an der überzeugenden schauspielerischen Leistung liegt.

Goethe: Hermann und Dorothea

Erstmals 1797 gedruckt und kurz vorher geschrieben wird Hermann und Dorothea zu Lebzeiten Goethes und auch darüber hinaus nach dem Werther sein populärstes Buch. Lässt es sich doch hervorragend als eine epische Heroisierung des Bürgertums lesen und enthält auch eine brave Brise Patriotismus, was zur Zeit der Kriege mit den Franzosen natürlich dem Erfolg nicht schadet.

Den ästhetischen Reiz bezieht das kurze Buch durch die Verwendung des Hexameters für eine bürgerliche Liebesgeschichte. Dazu gibt es in der deutschen Literatur bereits Vorbilder, etwa die Luise des Johann Heinrich Voß. Im Gegensatz zu Voß schafft es Goethe aber, eine der Gattung Epos gemäßes existenzielles Element einzubeziehen: Krieg und Vertreibung. Seit Goethe von der Vertreibung der Protestanten aus Salzburg las, war dieser Stoff bei ihm mental für ein Werk vorgemerkt. Die Revolutionskriege gaben ihm nun ein aktuelleres Beispiel an die Hand.

Manche Passagen klingen beinahe apokalyptisch:

Um den Vorteil der Herrschaft
Stritt sich ein verderbtes Geschlecht, unwürdig das Gute zu schaffen.
Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen
Nachbarn und Brüder, und sandten die eigennützige Menge.
Und es praßten bei uns die Obern, und raubten im Großen,
Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen.

Diese riskante Kombination einer idyllischen Liebesgeschichte mit dem Grauen von Krieg und Flucht gelingt Goethe erstaunlich gut.

Liest man Hermann und Dorothea heute, drängt sich natürlich noch das Flüchtlingsthema auf, wo Goethe – als klassischer Gutmensch – im hohen Ton Humanität und Unterstützung für die Vertriebenen einfordert:

Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet“.

Hermann lernt das Flüchtlingsmädchen Dorothea ja auch kennen als er Hilfsgüter an die Kriegsopfer verteilt. Das ist für mich ein schöner Kontrapunkt zur Verklärung des Bürgerlichen (Geschlechterrollen!) und macht das Epos auch heute noch lesenswert.

Truman Capote: In Cold Blood

Es kommt selten vor, dass mich ein Film zur Lektüre eines Klassikers motiviert. Aber nachdem ich Capote (2005) sah, das gelungene Regiedebut des Bennett Miller, wollte ich sofort das Buch lesen, dessen Entstehungsgeschichte der Film beeindruckend ins Bild setzt. 1965 wurde der Titel publiziert nachdem, er im New Yorker vorabgedruckt wurde, und war schnell ein Riesenerfolg. Es wird oft als Roman bezeichnet, obwohl ihm diese Bezeichnung fehlt. Der Untertitel lautet A True Account of a Multiple Murder and its Consequences. Es handelt sich also um Dokumentarliteratur, denn Capote setzt zahlreiche literarische Stilmittel ein. Er selbst sprach von einer „nonfiction novel“. Vieles wird so detailreich geschildert, dass es trotz der vielen Quellen, auf die der Autor Zugriff hatte, nur fiktional sein kann. Diese Ambiguität der Gattung trägt einen großen Teil zum ästhetischen Reiz des Buches bei. Auch sonst lebt es von seiner Vielschichtigkeit, wie das bei allen Klassikern der Fall ist. An der Oberfläche liest sich In Cold Blood sich wie eine brutale Mördergeschichte, in der selbst Splatterelemente nicht fehlen.

1959 wird im idyllischen Westkansas eine angesehene Farmerfamilie, die Clutters, von zwei Einbrechern ermordet. Das fehlende Motiv verblüfft die Bewohner des verunsicherten Städtchens Holcomb nicht weniger als die Polizei. Schließlich werden zwei Verdächtige verhaftet: Perry Smith und Richard Hickock. Das Buch erzählt auf dieser Ebene also die Begehung des Verbrechens und dessen Aufklärung. Damit hätten wir einen passablen Kriminalroman vor uns – nicht mehr. Capote transzendiert diese Handlung aber, indem er Holcomb und die Protagonisten benutzt, um ein fulminantes Porträt des ruralen Amerika zu schaffen. Das Ergebnis ist ein Psychogramm und ein Soziogramm des Nachkriegsamerikas und ergänzt damit beispielsweise Updikes Rabbit-Romane über diese Zeit hervorragend. Er erreicht das nicht nur durch seine gewissenhaft recherchierten und detailreichen Beschreibungen, sondern vor allem auch durch die narrative Konzentration auf die beiden Mörder. Capote gibt den beiden Männern viel Raum. Ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Verbrechen werden ausführlich geschildert. Ebenfalls ihre überwiegend schreckliche Kindheit und Jugend. Capote bemüht sich hier merklich um Objektivität, was eine gewisse Identifikation des Lesers mit den beiden zulässt. Damit erhält das Leseerlebnis zusätzlich eine paradoxe Note.

Schließlich lässt sich In Cold Blood noch aus philosophischer Perspektive lesen, weil sich jede Menge an grundsätzlichen Fragen über Schuld und Sühne sowie das Wesen des Bösen aufdrängen. Insgesamt also eine sehr beeindruckende Lektüre, die jedem Klassikerfreund nur empfohlen werden kann.

Truman Capote: In Cold Blood (Penguin Modern Classics)

Paterson

Filmcasino 19.11. 2016

USA 2016
Regie: Jim Jarmusch

Aus Hollywood-Perspektive ist Paterson ein Antifilm. Oberflächlich betrachtet passiert in dem Film nämlich nichts Bemerkenswertes. Damit nicht genug: Er stellt ein ausgesprochen elitäres Thema in den Mittelpunkt: die Lyrik. Trotzdem gehören die Figuren, wie in allen Filmen Jarmusch‘, nicht der bürgerlichen Gesellschaftsschicht an, sondern zur Klasse der Unterprivilegierten. Paterson heißt nicht nur die Stadt, in welcher der Film spielt, sondern auch die Hauptfigur, ein dichtender Busfahrer. Zusätzlich ist Paterson der Titel eines wichtigen Werks der modernen amerikanischen Lyrik von William Carlos Williams. Damit wären die wichtigsten Ebenen des Films auch schon benannt.

Jarmusch spiegelt das Thema strukturell: Wie ein Gedicht ist der Film in Strophen aufteilt, die aus den einzelnen Tagen einer Woche im Leben des Busfahrers bestehen. Die Poesie des Alltags trifft die Poesie der Literatur. Gleichzeitig entwirft Jarmusch ein empathisches Porträt des armen Amerika samt dessen Lebensumständen. Ein wunderbares Werk.

Ergänzt sei noch, das Amazon Studios den Film mitproduzierten. In einem Interview meint Jarmusch, dass er erst skeptisch gewesen sei, dann aber schnell bemerkt hätte, dass er künstlerisch sehr viel mehr Freiheiten als in Hollywood hatte. Ähnliches hört man von Netflix Produktionen. Aktuell scheint künstlerische Kreativität also besser bei den großen Streaminganbietern aufgehoben zu sein als bei den alten Studios. Eine erwähnenswerte Entwicklung.

Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Aus alter Gewohnheit lese ich jeden neuen Roman Genazinos. Das Muster ist immer dasselbe: Ein brillant beobachtender Außenseiter mittleren Alters lässt uns an seinen Lebenskrisen aus der Ich-Perspektive teilnehmen. Die Bücher sind kurz & prägnant. Der Protagonist ist ein gescheiterter Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt als Sprecher für das Radio oder für Provinzmodeschauen verdient. Ökonomisch wird das Leben härter. Das Prekariat klopft an die Tür. Seine Beziehung mit Carola endet in einer Katastrophe.

Außer uns spricht niemand über uns setzt das hohe literarische Niveau der letzten Romane fort. Es ist aber deutlich düsterer und pessimistischer. Was mir negativ auffällt: Abgesehen von Andeutungen lebt der Held in einer völlig antiquierten Welt. So als gäbe es kein Internet und die Realität funktionierte immer noch genauso wie in den achtziger Jahren. Positiv könnte man hier von Zeitlosigkeit sprechen, negativ von einem Ausblenden wichtiger Wahrnehmungen der Gegenwart.

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman (Hanser)

Hieronymus Bosch – Garten der Lüste

Filmcasino 12.11. 2016

E/F 2016
Regie: José Luis López-Linares

Der Todestag des Hieronymus Bosch jährt sich dieses Jahr zum 500. Mal. Das ist der Anlass für viele Aktivitäten, darunter auch dieser neue Dokumentarfilm. Er beschäftigt sich exklusiv mit einem der berühmtesten Bilder des Künstlers, nämlich dem im Prado hängenden Garten der Lüste.

In knapp neunzig Minuten versucht der Film zweierlei. Erstens will er möglichst viel Kontext & Wissen über das Gemälde vermitteln. Es kommen Kunsthistoriker und andere Experten zu Wort. Wir sehen die biographischen Schauplätze und kunsthistorische Bezüge wie die Buchmalerei. Selbst eine Neurologin kommt zu Wort. Zweitens allerdings will José Luis López-Linares die Ästhetik und die Wirkung des Werks uns Zusehern nahe bringen. Dazu sehen wir immer wieder spannende Details und werden Zeuge, wie intellektuelle Prominenz aus unterschiedlichsten Disziplinen auf das Bild reagiert, etwa Salman Rushdie und Orhan Pamuk.

Diese Kombination funktioniert so gut, dass ich gleich am nächsten Tag das einzige Bild Boschs in Wien aufsuchte, nämlich das Weltgerichtstriptychon in der Gemäldegalerie der Akademie der Künste. Bosch rätselhafte Bilder erinnern mich an das Werk Kafkas und werden die Menschheit und die Wissenschaft wohl auch noch ebenso lange beschäftigen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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