Wahrheitssuche an der US-Zensur vorbei

[Erschienen im Falter 36/2020]

Es war die Story des Jahrhunderts: Ein neues Buch schildert, wie ein amerikanischer Journalist die Wahrheit über Hiroshima aufdeckte

Als die Amerikaner am 6. August 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima werfen, setzt gleichzeitig eine genau geplante Kommunikationskampagne ein: Die Atombombe sei ein notwendiges Übel zur Beendigung des Krieges gewesen. Die Öffentlichkeit sollte die neue Waffe als übermächtige „normale“ Bombe wahrnehmen. Die grausamen Spätfolgen der radioaktiven Strahlung werden deshalb systematisch zensiert. Journalisten dürfen das Sperrgebiet nicht betreten.

Das ändert sich erst Ende August 1946 als einer der größten Scoops des amerikanischen Journalismus erscheint: „Hiroshima“ des Reporters und Autors John Hersey. Er reist nach Überwindung vieler Schwierigkeiten im Frühjahr 1946 für den „New Yorker“ nach Hiroshima, um Überlebende zu befragen. Sein Ziel: Die humanitäre Katastrophe anhand der Erlebnisse von Zeitzeugen darzustellen. Darunter der einzige überlebende Chirurg des Roten-Kreuz-Krankenhauses, ein deutscher Jesuit, eine junge Angestellte und eine Witwe mit kleinen Kindern. Im Artikel begleitet er sie die ersten Tage nach der Atomexplosion durch ihren Alltag und schildert sachlich ihre grauenhaften Erlebnisse. Diese sachliche Perspektive ohne explizite Wertungen entfaltet bei der Lektüre bis heute eine erschütternde Wirkung.

Als „Hiroshima“ schließlich in Buchlänge als einziger Artikel im „New Yorker“ am 29. August 1946 erscheint, ist er nicht nur eine weltweit beachtete Sensation, sondern auch ein PR-Desaster für die amerikanische Regierung. Viele Amerikaner realisieren jetzt, dass die Atombombe keine „humane“ Hightechwaffe ist, sondern ein unverantwortliches Verbrechen gegen die Humanität. Die Menschen lesen über Hiroshima, stellen sich dabei aber vor, wie es in Seattle oder New York aussähe nach einem Atomangriff. Der Text wird in vielen Ländern nachgedruckt. Das ABC Radio Network produziert eine erfolgreiche Adaption für seine Hörerinnen.
Auch die schnell folgende Buchausgabe von „Hiroshima“ wird ein oft übersetzter Welterfolg und startet die globale Debatte über die Ethik von Atomwaffeneinsätzen. Es dürfte schwer sein, einen journalistischen Text zu finden, der eine größere historische Wirkung hatte, und die Weltmeinung über Jahrzehnte prägte.

Deshalb ist es sehr erfreulich, dass Lesley M.M. Blume dieser historischen Episode nun ein eigenes Buch widmet: „Fallout: The Hiroshima-Cover-Up and the Reporter Who Revealed It to the World“. Blume beleuchtet die Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wir erfahren viel über das Leben John Herseys. Auch wenn ihn „Hiroshima“ zu einer amerikanischen Celebrity macht, war er vorher kein Unbekannter. Als internationaler Kriegsberichterstatter für „TIME“ und „Life“ wurde er viel gelesen. Hersey schrieb auch mehrere Bücher. Für seinen Roman „A Bell for Adano“ (1944) erhielt er den Pulitzer Preis. Auf den Solomon Inseln half er bei der Evakuierung verletzter Soldaten, was ihm eine militärische Auszeichnung und den Status eines Kriegshelden einbrachte.

In seinen Kriegsberichten schreckt Hersey ursprünglich nicht vor antijapanischen Stereotypen zurück. So beschreibt er einmal die Japaner als „animal adversary“. Die beobachtete Entmenschlichung im Krieg sensibilisiert ihn aber nach und nach gegen diese propagandistische Perspektive. So sehr, dass er schließlich der offiziellen Sichtweise über den Bombenabwurf in Hiroshima nur wenig Glauben schenkt, und sich selbst ein Bild machen will.

1945 verlässt Hersey „TIME“ und intensiviert den Kontakt mit dem Gründer des „New Yorker“, Harold Ross, sowie mit seinem Stellvertreter William Shawn. Ross hatte die ursprünglich auf Unterhaltung fokussierte Zeitschrift in Richtung Qualitätsjournalismus weiterentwickelt. Immer wieder wird über die Zerstörung durch den Krieg und seine Grausamkeiten berichtet. Hersey vereinbart mit Shawn als erstes Medium überhaupt die wahren Auswirkungen der Atombombe darzustellen. Sie beantragen bei der japanischen Militärverwaltung die Akkreditierung für Hersey für eine Reise nach Hiroshima. Herseys guter Name beim amerikanischen Militär sowie die Überzeugung, dass Hiroshima journalistisch längst ein alter Hut sei, verschafft ihm schnell die Erlaubnis.

Im Frühjahr 1946 ist immer noch die Militärzensur in Kraft. Die Berichterstattung aus Japan wird mit teils subtilen Mitteln beeinflusst. Teils verschwinden aber auch unerwünschte Artikel bei der Übermittlung. Hersey geht deshalb kein Risiko ein und schreibt den Text erst nach seiner Rückkehr in die USA.

Die Sonderausgabe des „New Yorker“ wird unter so großer Geheimhaltung erstellt, dass man zur Ablenkung der meisten Mitarbeiter eine Ausgabe vorbereitet, die nie erscheinen wird. „Hiroshima“ wird sicherheitshalber sogar zur Freigabe an das amerikanische Militär geschickt. Die Zensoren erkennen die Brisanz des Textes allerdings nicht: Es werden nur einige unwesentliche Änderungen verlangt.

Historische Fotos im Buch vertiefen den Eindruck des Gelesenen. Wie sorgfältig Lesley M.M. Blume „Fallout“ recherchierte, belegt der für ein Sachbuch außergewöhnlich umfangreiche Anmerkungsteil.

Lesley M.M. Blume: Fallout. The Hiroshima Cover-up and the Reporter Who Revealed It to the World. (Simon & Schuster)

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