Euripides: Die Bakchen

Burgtheater 16.9. 19

Regie und Bühne: Ulrich Rasche
Komposition und musikalische Leitung: Nico van Wersch

Dionysos: Franz Pätzold
Pentheus: Felix Rech
Agaue: Katja Bürkle
Kadmos: Martin Schwab
Teiresias: Hans Dieter Knebel
Chorführer: Markus Meyer
Schlagwerk: Katelyn King

Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern Aischylos und Sophokles setzte Euripides in seinen Stücken stärker auf „populistische“ Effekte: Melodramatisches war ihm ebenso wenig fremd wie sein oft kritisierter Einsatz eines Deus ex machina. Die heutige Faszination des Euripides liegt für mich allerdings in seinem misanthropischen Skeptizismus. Seine Darstellung von Göttern als „Menschen“ voller schlechter Eigenschaften etwa macht ihn zu einem frühen Religionskritiker. Diese intellektuellen Themen stehen in einer strukturellen Spannung zur meist sehr effektvollen inhaltlichen Inszenierung.

Die Bakchen beschäftigen sich im Kern mit einem anthropologischem Thema: Der Gefährlichkeit des Irrationalen für die Menschheit. Die Unvernunft betritt in Form des Dionysos die Bühne, der in Theben gerne offiziell als Gott verehrt würde. Als er dabei auf Schwierigkeiten stößt, treibt er die Frauen der Stadt in einen bachanalischen Furor, darunter Pentheus Mutter Agaue. Pentheus ist als Herrscher Thebens der rationale Gegenspieler des Gottes. Er argumentiert mit Ordnung und Gesetz. Am Ende des Stücks ist er tot – umgebracht von der eigenen Mutter. Eine doch sehr klare Aussage des Euripides über die menschliche Natur. Bemerkenswert ist auch, dass das Rationale mit der Stadt, das Irrationale mit dem Gebirge und der Natur konnotiert ist.

Ulrich Rasche bringt das Stück als eine alle Sinne überwältigende Maschinenoper auf die Bretter. Die auf der Drehbühne untergebrachten riesigen Laufbänder, auf denen sich das komplette Geschehen abspielt, assoziert man mit einer Industrieanlage. Die Atmosphäre erinnert an postapokalyptische Welten wie der von Blade Runner. Die sehr vom Rhythmus getriebene Musik (grandios: Katelyn King!) entfaltet in Kombination mit dem langsamen artifziellen Sprechen der Figuren und der sorgfältig choreografierten Bewegungen eine beachtliche Sogwirkung. Damit wird die Verführungskraft des Irrationalen kongenial umgesetzt, weil sich dieser emotionalen Effekt niemand im Publikum entziehen kann.

Nicht nur deshalb ist diese Aufführung ein nicht zu missverstehendes politisches Statement vor der Nationalratswahl Ende September. Dionysos lässt sich nicht nur als rechtsradikaler Populist interpretieren, der einen Staat übernehmen will. Diese Lesart drängt sich viszeral geradezu auf und führt vor der Pause zu einem der Höhepunkte der Inszenierung.
Martin Kusej lässt uns mit dieser ästhetisch anspruchsvollen Eröffnungsinszenierung seiner Ära genau wissen, welchen kompromisslosen Anspruch er als Künstler an das Burgtheater stellt und welche klare antifaschistische Position er einnimmt. Ich prognostiziere sehr spannende Theaterjahre.

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