Vincent van Gogh: Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele.“ Die Briefe.

Lange schon standen die Briefe van Goghs auf meiner Klassiker-Leseliste. Behaupten doch nicht wenige, dass sie zu den großen Briefesammlungen der Weltliteratur gehören. Als nun diese schöne, neu übersetzte Ausgabe bei C.H. Beck erscheint, ergreife ich endlich die Gelegenheit. Vorab eine Warnung: So hübsch dieser bibliophile Riesenband mit 110 Originalzeichnungen und vielen anderen Reproduktionen auch ist, so unbequem ist er aufgrund seiner Größe & Schwere zu lesen. Über tausend großformatige Seiten wollen bewältigt werden.

Ich kann mich nach diesem Kraftakt den literarischen Lobeshymnen allerdings nicht anschließen. Goethe fängt einmal einen langen Brief mit der Entschuldigung an, er hätte für einen kurzen Brief leider keine Zeit gehabt. Van Gogh schreibt fast ausschließlich monströse Briefe. Das fängt bei dem jugendlichen Korrespondenten an und hört erst mit seinem Tod auf. Ein unglaubliches Mitteilungsbedürfnis ergießt sich über seinen Bruder Theo, an den die meisten Briefe gerichtet sind. Dessen Antworten sind übrigens nicht erhalten. Bis auf wenige Ausnahmen lesen wir nur van Goghs Texte.

Je weiter man aber hineinzoomt, desto besser wird die literarische Qualität. Van Gogh beschreibt gut und es gibt viele sehr gelungene Sentenzen.

Rings um die Grube armselige Bergarbeiterwohnungen mit ein paar toten, ganz schwarz verrauchten Bäumen und Dornenhecken, Mist- und Aschehaufen, Abraumhalden etc. Maris würde davon ein wunderbares Bild machen.

Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele und nie kommt jemand, um sich daran zu wärmen, und die Vorübergehenden bemerken nur ein wenig Rauch über dem Schornstein und gehen dann ihrer Wege.

Heute ist Geld, was früher das Recht des Stärkeren war.

Eigentlich sind die Pastoren die sündhaftesten Menschen in der Gesellschaft und dürre Materialisten.

Das letzte Zitat stammt aus einer späteren Lebensphase. Als junger Mensch war van Gogh nämlich mehrere Jahre lang ein religiöser Schwärmer von beeindruckender intellektueller Naivität. Viele dieser Briefe lesen sich wie Predigten und sind mehr eine Lektürepein denn eine Lektürefreude.

„Lektüre“ ist aber ein gutes Stichwort: van Gogh war Zeit seines Lebens ein großer Leser. Er liest nicht nur sehr viel, mit einem klaren Schwerpunkt auf der französischen Literatur (Balzac! Zola!), sondern schreibt auch durchaus einsichtsreich darüber.

Bücher, Wirklichkeit und Kunst sind für mich der Sache nach dasselbe.

Zola hat mit Balzac gemeinsam, dass er wenig Ahnung vom Malen hat.

Ich würde mir wünschen, alle Menschen hätten, was ich so allmählich bekomme, die Fähigkeit, ein Buch mühelos in kurzer Zeit zu lesen und davon einen starken Eindruck zu behalten.

Ich nehme jeden Tag das Mittel, das der unvergleichliche Dickens gegen den Selbstmord verschreibt. Es besteht aus einem Glas Wein, einem Stück Brot und Käse und einer Tabakspfeife.

Hast du jemals King Lear gelesen? Aber gleichviel, ich werde dich nicht … drängen so dramatische Bücher zu lesen, da ich selbst, wenn ich von dieser Lektüre zurückkehre, immer einen Grashalm anschauen gehen muss, einen Pinienzweig, eine Kornähre, um mich zu beruhigen.

Aber ich, der ich Bücher lese, weil ich den Künstler darin suche, der es gemacht hat, hätte ich nicht recht, die französischen Romanautoren so sehr zu lieben?

Lesenswert finde ich diese Briefe nicht primär wegen ihrer literarischen Qualität, sondern weil sie ein einzigartiges Porträt eines Künstlers zeichnen. Sein jahrelanges sture Ringen um die Kunst. Die regelmäßige Verzweiflung. Die unerträgliche materielle Abhängigkeit. In Arles kulminieren ab 1888 schließlich fast gleichzeitig seine künstlerische Genialität und seine psychischen Probleme.

Lass die Leute über Technik reden (…) mit pharisäerhaften, hohlen, scheinheiligen Worten – die wahren Maler – lassen sich vom dem Gewissen leiten, das man Gefühl nennt; ihre Seele, ihr Hirn wird nicht vom Pinsel geführt, sondern der Pinsel von ihrem Hirn.

FARBE DRÜCKT VON SELBST ETWAS AUS, das kann man sich nicht entgehen lassen, davon muss man Gebrauch machen.

Je hässlicher, älter, böser, kränker, ärmer ich werde, desto mehr will ich mich durch strahlende, gut angeordnete, prächtige Farbe rächen.

Aber indem man alle Farben intensiviert, kommt man erneut zu Gelassenheit und Harmonie. Und es geschieht etwas Ähnliches wie mit der Musik Wagners, die, mit einem großen Orchester gespielt, dennoch nicht weniger intim ist.

Vorher wusste ich wohl, dass man sich Arme & Beine brechen konnte und dass das danach wieder gesund werden kann, aber ich wusste nicht, dass man sich das Hirn brechen kann und das auch das danach wieder gesund wird.

Dass van Gogh von seinem zukünftigen Weltruhm nichts mitbekam, ist sicher eines der größten menschlichen Dramen der Kulturgeschichte. Wer sich für van Gogh als Mensch und Künstler interessiert, wird sehr viel Freude mit diesen Briefen haben – trotz ihres oft unstrukturierten Mäanderns. Wer aber mit der Erwartungshaltung an die Lektüre geht, ein Briefkunstwerk nach dem anderen zu lesen, wie etwa beim Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, wird schnell und nachhaltig enttäuscht werden.

Vincent van Gogh: „Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele.“ Die Briefe. (C.H. Beck)

 

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