van Gogh

Loving Vincent

Filmcasino 29.12. 17

GB/PL 2017
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman |

Das Spektakuläre dieses Films ist seine Machart. Als auf Öl gemalter Animationsfilm ist er damit wohl der erste seiner Art. 125 Künstler malten dafür 65.000 Bilder. Diese sind komplett in der Ästhetik von van Goghs grandiosen Gemälden gehalten, was optisch natürlich unglaublich eindrucksvoll ist. Viele „Einstellungen“ basieren auf berühmten Bildern des Malers, was zu einer kunsthistorischen Detektivarbeit einlädt.

Weniger gelungen finde ich die Geschichte. Der Vater eines Bekannten van Goghs schickt seinen Sohn los, um einen Brief an dessen Bruder Theo zuzustellen. Es läuft dann auf eine Art Kriminalgeschichte rund um den seltsamen Tod des Malers hinaus. Man erhält dadurch zwar einige Einblicke in die Persönlichkeit des Künstlers. Mir persönlich hätte eine andere, weniger auf Spannung setzende Handlung deutlich besser gefallen.

Seurat, Signac, van Gogh – Wege des Pointillismus

Albertina 13. Oktober 2016

Ausstellungen über die Zeit des Impressionismus und die Epoche danach gibt es wie Sand am Meer. Deshalb ist es erfreulich, dass sich die Albertina aus diesem Zeitraum auf ein spezielles Thema fokussiert: den Pointillismus. Man wird nicht nur Zeuge der ersten pointillistischen Werke, sondern kann die Entwicklungen und die Variationen dieser Stilrichtung in etwa hundert Werken verfolgen. Für Seurat und seine Anhänger ist die neue Malweise vor allem auch ein intellektuelles Konzept. Aktuelle Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und der Farbtheorie werden aufgegriffen. Statt im Freien zu malen bevorzugen sie wieder das Atelier. Das brachte den Protagonisten die abfällig gemeinte Bezeichnung „die Chemiker“ ein.

Nach den Anfängen beleuchtet die Ausstellung die beiden Zentren des Pointillismus anhand einiger Hauptwerke: Paris und Brüssel. Anschließend steht die Rezeption dieser Ästhetik im Mittelpunkt bis hin zu Picasso und Mondrian, bei dem aus unzähligen Punkten schließlich wenige Quadrate geworden sind. Wichtig in diesem Zusammenhang sind hier natürlich auch die Bilder van Goghs, von denen knapp 10 Stück zu sehen sind. Alleine sie lohnen naturgemäß den Albertinabesuch.

Was mich persönlich fasziniert, ist die Möglichkeit unmittelbar die Wirkung unterschiedlicher Malstile an mir zu erproben. So wirken Bilder, die mit sehr vielen kleinen Punkten gemalt werden, völlig anders als jene mit weniger und größeren Punkten. Erstere erzeugen eine Art transparente, surreale Qualität wogegen die „gröberen“ viel intensiver wirken.

Insgesamt eine gelungene Kombination aus Blockbuster-Ausstellung und kunstgeschichtlichem Kuratieren. (Bis 8.1.)

Vincent van Gogh

Anläßlich der neuen sechsbändigen und illustrierten Ausgabe der Briefe van Goghs, schreibt Richard Dorment in der New York Review of Books ein vorzügliches Portait über den Künstler:

Alienated and depressed, Vincent knew exactly what had gone wrong with his life. „Like everyone else, I have need of relationships of friendship or affection or trusting companionship….“ The only person who would ever succeed in fulfilling these needs did so by letter. Theo and Vincent wrote to each other so frequently because the two brothers rarely met, and when they did Vincent’s personality put intolerable strains on their relationship. For all his neediness and affectionate nature, he could also be hectoring and thin-skinned, easily wounded and unable to stand contradiction. Out of necessity, not choice, therefore, this profoundly lonely man lived apart from his family and friends. „If I should have to continue trying to keep further and further out of other people’s way…then I’m overcome by a feeling of sorrow and I must struggle against despair.“ By writing letters Vincent was able to converse easily, to marshal his thoughts, to clarify, to revise, and to argue a point without losing his temper—in effect to conduct by post the relationships he couldn’t sustain face to face.

Viel wichtiger ist aber, dass Dorment anhand der Briefe mit den vielen romantischen Mythen aufräumt, die sich um van Gogh ranken. So ist es blanker Unsinn zu behaupten, van Gogh hätte in emotionalem, unreflektierem Schaffensrausch seine Bilder gemacht. In Wahrheit war er ein gebildeter und sehr belesener Künstler, der seine Werke genau plante und darüber reflektierte:

Van Gogh turned his rage upon himself, sliced off his ear with a razor, and handed it to a prostitute. This was the onset of the recurring bipolar illness in which he experienced aural and visual hallucinations, with periods of exaltation alternating with self-harm.
Because of this Vincent is still popularly seen as an inspired madman who wielded his paintbrush instinctively, as though it were a conduit for the feelings roiling through his tormented soul. In this reading of his work, his breakdowns in some way fueled his genius. But the letters show that the exact opposite happened. His mental illness, far from driving his career forward, interrupted it by stopping his ability to paint; and if you didn’t know anything about the artist who painted the pictures during the year he spent in the asylum in Saint-Rémy, I don’t think you would guess that ill health stopped him from working for months at a time. Unlike the schizophrenic Richard Dadd, whose pictures are symptomatic of his madness, it would be hard to detect any trace of Van Gogh’s bouts of insanity in his art.

Die Rezension des Guardian. Interessant darin der Hinweis auf die Webseite Vangoghletters.org, wo man alle Briefe online findet.

Hätte diese Briefausgabe natürlich sehr gerne in meiner Bibliothek, aber 600 Dollar sind doch zu viel des Guten.

van Gogh

Albertina 6.11.

Ich wartete mit dem Besuch der Ausstellung bis ich an einem Wochentag Zeit hatte, aber es half nichts: Die Schau ist komplett überlaufen. Schüler aller Größen (über die Kleinen stolpert man, und die Großen stehen gelangweilt im Weg) und Touristengruppen erschweren es erheblich, die Bilder in Ruhe anzusehen.
Das ist schade, denn das Konzept und die Auswahl der Bilder kann überzeugen. Die schlichte chronologische Anordnung des Frühwerks, ermöglicht einen guten biographischen Überblick. Speziell seine „vorimpressionistischen“ Bilder und Zeichnungen kannte ich bisher nicht. Wer Glück hat und einen nicht ganz so überlaufenen Moment erwischt, wird seine Freude an der Ausstellung haben.

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(5. Januar 2013)

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