Urbanität

Doug Saunders: Arrival City

Die besten Sachbücher verändern unser Weltbild grundlegend: Arrival City ist eines davon. Doug Saunders revolutioniert unser Bild von Slums. Wir Vielgereisten kennen sie, diese schäbigen Wohnviertel am Rande von Städten. Die Stadtverwaltungen ignorieren oft die Bedürfnisse ihrer Bewohner, da sie illegal in der Stadt leben: Es gibt keine offizielle Infrastruktur.

Aus westlicher Perspektive sind Slums ein Hort der Armut und des menschlichen Versagens. In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt: Sie sind die Transformationsmotoren der modernen Großstädte und Ankunftskatalysatoren für Millionen Menschen, die vom Dorf in die Städte ziehen. Doug Saunders beschreibt diesen Prozess in seinem inspirierenden Buch. Seine Vorgehensweise ist dabei eine doppelte: Er bereist Ankunftsstädte, wie er Slums sehr treffend nennt, auf der ganzen Welt. Dabei ist er nicht nur in Entwicklungsländern unterwegs, sondern auch in Berlin, Paris oder Los Angeles. Er spricht mit vielen Menschen und erzählt ihre Schicksale nach, wobei er in jedem der zehn Kapitel einen unterschiedlichen Schwerpunkt setzt. Zusätzlich zu dieser reportagenhaften Vorgehensweise kommen noch Passagen, die sich mit der Urbanismus- und Migrationsforschung beschäftigen und die in Saunders eigene Thesen münden. Insgesamt eine sehr gut lesbare Mixtur.

Für uns Europäer besonders spannend sind jene Abschnitte, die sich mit der gescheiterten Zuwanderung in unseren Kontinent beschäftigen. Am Beispiel Berlin Kreuzberg arbeitet Saunders heraus, was man im Umgang mit Migranten alles falsch machen kann. Ein gut funktionierende Ankunftsstadt zeichnet sich nämlich unter anderem dadurch aus, dass sie entweder für viele Menschen eine Durchlaufstation in Richtung Mittelstand ist oder durch Legalisierung (Möglichkeit der Bewohner, Eigentum zu erwerben) ihren ursprünglichen Slumcharakter verliert.

Am Ende der Lektüre bleibt Bewunderung für die Slumbewohner: Es sind überwiegend innovative, kreative und energiereiche Menschen. Eine Bereicherung für jede Stadt.

Ein sehr gutes Buch, das sich mit einem indischen Slum beschäftigt, habe ich hier besprochen.

Doug Saunders: Arrival City (Büchergilde Gutenberg)

Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

Smarte Kultur?

Die nächste Veranstaltung von twenty.twenty steht unter dem Motto The City – Networking with Things. Als notorischer Großstadtfreund werde ich an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Vorab einige Gedanken zum Thema.

Viel ist derzeit von „Smart Cities“ die Rede. Der Fokus liegt auf der zunehmenden technischen Vernetzung und die davon erwarteten Vorzüge, nicht zuletzt im wirtschaftlichen Wettbewerb. Städte waren allerdings immer schon „smart“: Die Zivilisation und Kulturgeschichte, wie wir sie kennen und schätzen, wäre ohne urbane Zentren unmöglich gewesen. Die Innovationskurve bei indigenen Stammesgesellschaften ist gering. Dank der Ethnologie wissen wir, wie hoch entwickelt soziale und semantische Strukturen in diesen Gesellschaften sind. Sie entscheiden sich in Sachen Komplexität kaum von Hochkulturen. Der Unterschied liegt nicht in der individuellen Begabung, sondern im sozioökonomischen Kontext. Kulturgeschichtlich betrachtet scheint die Existenz von Städten der maßgebliche Unterschied in der Steilheit der Entwicklungskurve zu sein. Das ist seit langem bekannt. Vergleichsweise neu sind plausible Antworten auf die Frage, warum die Stadtentwicklung und die darauf folgende kulturelle Entwicklung in gewissen Weltgegenden stattfand, in anderen dagegen nicht. Die Ursache des unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexts ist schlicht die Geographie. Es benötigt eine Reihe von komplexen Voraussetzungen für Landwirtschaft und Domestizierung, die nur selten gleichzeitig auftreten. Jared Diamond führt dies in seinem brillanten Buch Arm und Reich, Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, überzeugend aus.

Die Kulturgeschichte ist voller Beispiele für Städte mit Kreativitätsexplosionen. Die altgriechischen Städte in Kleinasien etwa legten den Grundstein für die moderne Naturwissenschaft. Sie bauten auf den babylonischen und altägyptischen Kenntnissen auf, abstrahierten vom damit verbundenen religiösen Firlefanz und stellten sich deshalb zum ersten Mal wissenschaftliche Fragen im engeren Sinn. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass diese Kreativitätsmechanik wertneutral ist. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

„Smart City“ ist als Metapher als wissenschaftlicher Terminus eigentlich ungeeignet. Scrollt man sich durch Beiträge zum Thema, merkt man schnell, wie schwammig der Begriff verwendet wird. Aber ich will an dieser Stelle keine methodologische Grundsatzkritik liefern, was eigentlich notwendig wäre, sondern einer anderen Frage nachgehen: Inwiefern ist eine zunehmende technische Vernetzung in einer Stadt für die Kulturproduktion relevant? „Kultur“ ist hier im engeren Sinn gemeint, also die Produktion von kulturellen Gegenständen: Theater, Konzerte, Ausstellungen, Bücher. Auf den ersten Blick scheint es so, als sei das Niveau der technischen Entwicklung für erstklassige Kulturproduktion irrelevant: Ein elektronisches Eselkarren-Leitsystem in Athen hätte die Philosophie Platons und Aristoteles vermutlich nur bedingt bereichert. Geht man im Geiste die diversen kulturgeschichtlichen Hotspots durch, fällt zumindest mir kein Beispiel ein, wo Technologie einen direkten Einfluss auf geistige Leistungen gehabt hätte. Offensichtliche Ausnahme ist die Architektur, obwohl auch hier viele Völker mit einfachsten Mitteln Höchstleistungen erbracht haben, wie etwa die Hethiter und Inka. Die Herstellung ästhetischer Gegenstände ist eigentlich erschreckend einfach: Autoren, Komponisten, Künstler kommen meist mit wenig Werkzeug aus.

Anders sieht die Sache freilich aus, wenn man Kommunikationstechnologien als Katalysatoren für Kulturproduktion analysiert. Der Buchdruck veränderte die Geistesproduktion als Horizontöffner einerseits für Intellektuelle, welche plötzlich Zugang zu einer inspirierenden Fülle von neuen Quellen hatten. Andererseits verbreiterte sich die intellektuelle Basis: Aus einer Handvoll Humanisten entwickelte sich in relativ kurzer Zeit eine große Gelehrtenrepublik. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hätte eine auch kulturell smarte City großes Potenzial. Zwar stehen heute den meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften durch Digitalisierung eine nicht mehr zu überschauende Fülle von hoch qualitativen Inhalten zu Verfügung. Was aber nur sporadisch existiert, ist der digitale Zugang zu Kulturveranstaltungen.

Man stelle sich das am Beispiel Wiens vor: Jede Aufführung des Burgtheaters, jede Aufführung der Staatsoper, jede Aufführung im Musikvereins, jede Aufführung im Konzerthaus und aus allen anderen Einrichtungen würde in hoher Qualität live übertragen. Diverse Interaktionsmöglichkeiten könnten genutzt werden. Eine Kulturthek stellte alle Aufzeichnungen dauerhaft zur Verfügung. Damit demokratisierte man nicht nur weiter den Zugang zur Hochkultur, man gäbe dem Nachwuchs auch jede Menge Anregungen für eigene Kunstproduktion. Die Basis würde weiter verbreitert. Alle Bildungsinstitutionen bekämen neue didaktische Möglichkeiten. Etablierte sich das für alle Smart Cities, könnte man weltweit bei allen kulturell relevanten Institutionen live dabei sein. Warum sollte man die Münchner Inszenierungen des Martin Kusej nicht immer von Wien aus ansehen können, nur weil ihn die hiesige Kulturpolitik aus dem Land gejagt hat?

Es mag weitere Beispiele für kulturelle Smart Cities geben. Ich plädiere jedenfalls dafür, die Diskussion nicht auf wirtschaftliche und technische Aspekte zu beschränken. Jedes Smart-City-Projekt sollte einen Kulturbeauftragten ernennen.

Siehe auch meinen Artikel: metropolis, hell yeah!.

metropolis, hell yeah!

Der Artikel erschien in The Gap Nr. 117

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.

Städte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesundheitsübel führen Betonphobiker gerne exemplarisch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreissende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassenschlager wie Slumdog Millionaire (2008) drehen.

Harvard-Ökonom und New-York-Times Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch Triumph of the City vehement. Der barocke Untertitel fasst seine Hauptthesen bereits zusammen: How our greatest invention makes us richer, smarter, greener, healthier and happier. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor.

Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grundvoraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz.

Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größerem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine „urban species“ zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, schaffe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiteten. Unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tatsächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind bekannte ideographische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum einer neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Baghdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen.

Hier drängen sich nun einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektuelle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine berühmten Essais alleine im Bücherturm seines Schlosses schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschichtlichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend, wie bei den oben aufgezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Naturapostel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein Bestseller Walden hätte in dieser Form nie entstehen können, wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden, und lange in dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen.

Einen Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

Die bei Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumentation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empirische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovationskraft „echten“ Stadtlebens sein könne.

Städte bündeln und verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städte ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feuerwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten Wirtschaftsmetropole.

Grüne Lunge

Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der Energie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten Innenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung.

Analysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens weite Teile der Bevölkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig Energie. Zweitens große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den letzten Jahren, in die Städte. Aber diese Städte entwickeln sich analog der amerikanischen mit riesigen Vororten und einer unüberschaubaren Zahl an Autos. Drittens die Verstädterung hält an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario ökologisch verträglich ist: „If you love nature, stay away from it.“

Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städte scheitern, während andere wie New York auch große Krisen überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten Urbanismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für eine möglichst dicht besiedelte Stadt durch Hochhäuser. Der großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und andere „HotSpots“ müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Manhattan als Prototyp im Hinterkopf hat.
Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu investieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie Detroit sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu konzentrieren.

Goethe über einen Vorzug der Großstadt

Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und doch jeder Einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und Bewegung fühl‘ ich mich erst recht still und einsam, jemehr die Straßen toben desto ruhiger werd‘ ich.

(Italienische Reise, 17. März 1787)

Lobenswert Urbanes :-)

Die Natur, die nicht durch die Kunst hindurchgegangen ist, die natürliche Natur voller Fliegen, Mücken, Moder, Ratten und Kakerlaken ist unvereinbar mit raffinierten Vergnügen wie der körperlichen Hygiene und der Eleganz der Kleidung. (…) Wenn das, was Sie die „Pest der Verstädterung“ nennen, sich unaufhaltsam ausbreiten und sämtliche Wiesen der Welt verschlingen würde, wenn der Erdball sich eruptiv mit Wolkenkratzern, metallischen Brücken, asphaltierten Straßen, künstlichen Seen und Parks, gepflasterten Plätzen und unterirdischen Parkhäusern überziehen, ja der ganz Planet sich mit Beton und Stahlträgern bedecken würde und am Ende aus einer einzigen, runden, endlosen Stadt bestünde (allerdings voller Buchhandlungen, Galerien, Bibliotheken, Restaurants, Museen und Cafes), dann würde der Unterzeichnende, homo urbanus bis ins Mark, diese Entwicklung begrüßen.

(Mario Vargas Llosa: Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto, Suhrkamp TB, S. 50)

Lob der Großstadt

Wenn ich auf dem Land bin und keinerlei Anregung habe, verkümmert mein Denken, weil mein ganzer Kopf verkümmert, in der Großstadt gibt es diese katastrophalen Erfahrungen nicht. Die Menschen, die aus der Großstadt weggehen und die auf dem Land ihren Geistesstandard halten wollen, wie der Paul sagte, müssen schon mit einem ungeheuren Potential und also mit einem unglaublichen Vorrat an Gehirnsubstanz ausgestattet sein, aber auch sie stagnieren über kurz oder lang und verkümmern und meistens ist es dann, wenn sie diesen Verkümmerungsprozeß zur Kenntnis genommen haben, für ihre Zwecke schon zu spät

[…]

Einem Geistesmenschen nimmt das Land alles und gibt ihm (fast) nichts, während die Großstadt ununterbrochen gibt, man muß es nur sehen und naturgemäß fühlen, aber die wenigsten sehen das und sie fühlen es auch nicht und so zieht es sie auf die abstoßend sentimentale Weise auf das Land, wo sie in jedem Fall geistig in der kürzesten Zeit ausgesaugt, ja ausgepumpt und schließlich und endlich zugrunde gerichtet werden. Auf dem Land kann sich der Geist niemals entwickeln, nur in der Großstadt, aber heute laufen sie alle aus der Großstadt hinaus auf das Land, weil sie im Grunde zum Gebrauch ihres in der Großstadt natürlich radikal geforderten Kopfes zu bequem sind, das ist die Wahrheit und lieber in der Natur, die sie, ohne sie zu kennen, in ihrer stumpfsinnigen Blindheit sentimentalistisch bewundern, eingehen, als die ungeheuren sich mit der Zeit und ihrer Geschichte auf das wunderbarste vergrößernden und vermehrenden Vorteile der Großstadt und vor allem der heutigen Großstadt in Anspruch zu nehmen, wozu sie wahrscheinlich aber gar nicht imstande sind. Ich kenne das tödliche Land und fliehe es, wann ich nur kann […]

[Thomas Bernhard, Wittgensteins Neffe. Frankfurt 1985]

Mythos Großstadt

Ausstellung im Wiener Kunstforum

Ziel der Ausstellung ist die Dokumentation der urbanen Entwicklungen zwischen 1890 und 1937 in Zentraleuropa. Das gelingt auch überzeugend: Ein Teil widmet sich der Urbanitätstheorie, wo verschiedenste Konzepte aufeinander treffen, teilweise in Form von Regulierungsplänen. Während Otto Wagner überzeugende urbanistische Visionen vertrat, von denen einige auch umgesetzt wurden, gab es auch abwegige Ideen, beispielsweise dörfliche Strukturen als Vorbild für urbanes Leben heranzuziehen.

Der zweite Teil stellt die Entwicklung verschiedener Städte (Wien, Budapest, Zagreb, Prag…) gegenüber und macht den Besucher mit den originellsten Ideen der damaligen Avantgarde vertraut.

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(5. Januar 2013)

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