Thomas Mann

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Neue Thomas-Mann-Ausgabe als Taschenbuch

Viel war hier die Rede von der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA) der Werke Thomas Manns, die ich seit Beginn subskribierte. Wer etwas scrollen nicht scheut, kann das unter dem Schlagwort Thomas Mann nachlesen. Deshalb darf nun die Nachricht nicht fehlen, dass S. Fischer die teuren Bände nun auch als Taschenbuch bringt. Aber Achtung: Als Taschenbücher erscheinen nur die unkommentierten Texte der GKFA. Details sind im aktuellen Fischer Klassik Prospekt zu finden, den es auch als PDF zum Lesen gibt.

Thomas Mann in Erstausgaben

Der Sammler Hans-Peter Haack hat laut NZZ einen wunderschönen Bibliographischen Atlas vorgelegt, welcher die Erstausgaben der Werke Thomas Manns illustriert vorstellt. Mit 119 Euro aber leider kein Schnäppchen.

Thomas Mann: Joseph, der Ernährer

Fischer Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Der letzte Band der Tetralogie setzt Thomas Manns literarische Verarbeitung des Bibelstoffs auf hohem literarischen Niveau fort. Die Verknüpfung zwischen mythologischen ägyptischen Elementen und der Josephsgeschichte wird beinahe schon zu routiniert abgewickelt.
Josephs tiefer Fall ins Gefängnis, die anschließende Karriere zum Stellvertreter des Pharao und das Wiedersehen mit seinen Brüdern und Jaakob sind an sich bereits eine literarisch ergiebige Geschichte, und Mann holt mit Hilfe seiner Erzählkunst erwartungsgemäß das Optimale aus ihr heraus. Echnatons (aus orthodoxer Sicht) ketzerischer monotheistischer Glaube bietet naturgemäß viele religiöse Anknüpfungspunkte.

Auch im vierten Teil gibt es wieder sehr gelungene Figuren. Mai-Sachme etwa, der Aufseher der Gefängnisinsel, der sich mehr für seine literarischen und medizinischen Projekte als für seine administrativen Tätigkeiten interessiert, und den Joseph später zu seinem Haushaltsvorstand machen wird.

Die Tetralogie gehört zweifellos zu den besten Werken Thomas Manns und man sollte sich von deren Länge auf keinen Fall von der Lektüre abhalten lassen. Allerdings sollte man sich vorher etwas mit der Mythologie Ägyptens beschäftigen. Im Idealfall bereitet man sich mit einer Ägyptenreise auf dieses Lesererlebnis vor.

Über die neue Thomas-Mann-Ausgabe (GKFA)

Ziemlich genau zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich auf meiner Sonderseite über die GKFA die letzten Bände vermelden konnte. Nun ist endlich mit „Doktor Faustus“ ein weiterer Band erschienen. Sieben Jahre hat Ruprecht Wimmer für den Kommentar benötigt, was angesichts der Fülle von Referenzen aller Art ebensowenig verwundert wie die Tatsache, dass der Kommentar mit 1200 Seiten fast doppelt so umfangreich ist wie der Romantext. Dem ersten Durchblättern nach, eine solide Edition. In Rezensionen wurde berechtigterweise der Umstand bemängelnt, dass Manns Rechenschaftsbericht „Roman eines Romans“ nicht aufgenommen wurde.

Fundstück

Hugo von Hofmannsthal hat sich nach einem Besuch bei Thomas Mann wie folgt geäußert:

„Der ganze Mensch mache einen ungemein gepflegten, großbürgerlich-soliden, diskret-eleganten Eindruck … Auch sein Haus stelle man sich so vor: sehr fein und reichhaltig, mit kostbaren Tapissereien, dunkelnden Ölgemälden, Clubsesseln, hellen Schlafräumen ect. pp. …. Nur, – in irgend so einem Nebenzimmerl liegt dann plötzlich eine tote Katze…“. [via Klassikerforum; Quelle: Harpprecht]

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie

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Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Mann zu meinen bevorzugten deutschen Autoren gehört. Seine großen Romane las ich alle mehrfach und werde sie immer wieder lesen. Er brachte die Form des psychologisch-realistischen Romans zu ihrem Höhepunkt, ganz ähnlich wie das Mahler mit der Symphonie gelang. Mehr ging nicht, ohne die Form zu zerbrechen und atonal zu werden.

Kurzkes Biographie hebt sich deutlich vom derzeit vorherrschenden Prinzip (vor allem im angelsächsischen Raum) ab, die prominenten Gegenstände dieser Bücher in irgendeiner Form zu entlarven. Kurzke könnte nicht weiter von diesen Entrüstungsbiographen entfernt sein. Man merkt von Anfang an, dass er Thomas Mann gewogen ist. Nicht unkritisch, aber doch in allen Streitfragen für Thomas Mann argumentierend (etwa, ob er ein Antisemit gewesen sei). Kurzke liest genau und versucht unter die Oberfläche dieser Konflikte einzudringen. Er analysiert diese Fragestellungen aus der Zeit des Entstehens heraus. Eine freundlichere Biographie wird Thomas Mann so schnell nicht wieder bekommen.

Es wäre nun falsch, aus dieser affirmativen Perspektive einen Vorwurf zu konstruieren. Denn Kurzke verschweigt keine der bekannten politischen oder familiären Eskapaden seines Schützlings. Man bekommt also durchaus ein rundes Bild. Die nicht unplausible Hauptthese des Buches lautet, dass sich hinter Manns spießbürgerliche Fassade ein antibürgerlicher Künstler versteckt, der dieses psychologische Nicht-Hineinpassen brillant in seinen Werken auslebt. Wer diese für Mann notwendige Spannung, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht verstand, konnte ihn und seine Arbeiten nur falsch beurteilen.

Als Methode wählt der Biograph einen Mischansatz aus Chronologie und thematischen Kapiteln. Letztere dominieren, denn äußere Ereignisse werden zu Beginn jedes Abschnitts immer nur kurz zusammengefasst, um sich dann ausführlich mit „Juden“, „Krieg“ oder „Republikanischer Politik“ zu beschäftigen. Wie die meisten Lebensbeschreiber, sucht Kurzke Manns Werke nach biographischen Lesarten ab. Für meinen Geschmack geht er dabei an die Grenze des hermeneutisch zulässigen und überschreitet sie auch in einigen Fällen. Anders als Corino in seiner Musil-Biographie ist er sich aber dieser Problematik bewusst und thematisiert sie auch regelmäßig.

Ich habe diese Biographie jedenfalls sehr gerne gelesen, und kann allen Freunden des Autors nur zur Lektüre raten. Eine Kombination mit einem neutraleren Werk (etwa von Donald Prater) wäre aber ratsam.

Fundstück

Thomas Manns Schwiegervater Pringsheim verlor durch die Inflation Anfang der zwanziger Jahre sein großes Vermögen mit Ausnahme der Kunstwerke. Sein Kommentar: „Ich lebe von der Wand in den Mund.

(Nach: Hermann Kurzke, Thomas Mann)

Thomas Mann: Joseph in Ägypten

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Wie hier zu lesen war, gefielen mir die ersten beiden Bände der Josephs-Tetralogie durchaus. In ihnen scheint sich Mann aber erst eingeschrieben zu haben, denn „Joseph in Ägypten“ ist ein noch größerer Wurf. Das mag auch daran liegen, dass die Komplexität der fiktionalen Welt nun zunimmt. Joseph „betritt“ die größte damalige Hochkultur samt ihrer unglaublichen Vielfalt in allen Belangen.

Sehr geschickt bedient sich Mann auch eines gängigen Topos der großen Romane der Weltliteratur, nämlich dem Aufstieg eines ehrgeizigen jungen Mannes unter widrigen Umständen. Stendhals „Rot und Schwarz“ wäre hier der Prototyp. Diese und andere literaturgeschichtlichen Analogien schwingen bei der Lektüre mit und geben ihr einen besonderen Reiz.

Ein weiterer „klassischer“ Topos findet sich ebenfalls im Roman, nämlich der des Außenseiters. Joseph kommt als Ausländer in eine zum Teil sehr konservative bis xenophobe Umgebung. Dass er sich trotzdem durchsetzt und zum Verwalter Peteprês wird, ein unwahrscheinlicher Aufstieg durch Josephs Charisma und rhetorisches Talent motiviert, trägt ein märchenhafte Züge.
Mann schildert den ägyptischen Alltag detailreich und anschaulich. Er zeichnet ein großes Panorama und läßt die Erzählung in kleinen, aber stetigen Schritten voranschreiten. Voranschreiten bis zum Höhepunkt, der Konfrontation mit der Gattin seines Herren, die ihn letztlich ins Gefängnis bringt.

Die sorgfältige Entwicklung dieser Beziehung vom Hass der Frau auf ihn wegen seiner Fremdheit zu ihrer kompletten Verfallenheit an den schönen Orientalen ist ein erzählerisches Meisterstück. Aber auch die teils skurrilen Nebenfiguren hätten eine ausführliche Würdigung verdient.

Eine Lesevergnügen, vielleicht mit der Einschränkung, dass etwas Wissen über das Alte Ägypten bei der Lektüre hilfreich ist. Die mythologische Welt der Ägypter ist uns einerseits ziemlich fremd. Andererseits vergibt man sich so des Vergnügens zu sehen, was Thomas Mann aus dieser Überlieferung macht und wie intelligent er sie gestaltet.

Thomas Mann: Der junge Joseph

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Nachdem der geschichtlich-mythologische Kontext in „Die Geschichten Jaakobs“ gelegt wurde, wendet sich Thomas Mann nun ausführlich Joseph zu, der im Mittelpunkt der folgenden drei Romane steht. Es gilt die psychologischen Grundlagen für dessen „Karriere“ zu legen, ohne den Balanceakt zwischen archaischer Welt und moderner Psychologisierung aufzugeben.

Dafür greift der Autor zu zwei Mitteln: Zum einen verankert er das Gefühl des Auserwähltseins in der mythologisch-religiösen Sphäre. Zum anderen vermittelt er diesen vorgeblichen Sonderstatus vor allem mit dem Mittel des Traumes. Joseph erzählt seine Träume, die ihn in den Mittelpunkt stellen, seinen Brüdern ohne zu realisieren, wie anstößig diese „Gesichter“ ihnen sein müssen. Hier wird nun der Bogen geschlagen zur psychologischen Motivierung der Katastrophe: Joseph merkt in seiner Naivität nichts davon und wird von seinen Brüdern letztendlich verkauft, weil sie ihn für diese Anmaßung hassen. Es schwingt das antike Konzept der Hybris mit.

Thomas Mann ist ein hervorragender literarischer „Handwerker“, was er mit diesem Roman einmal mehr unter Beweis stellt.

Thomas Mann: Die Geschichten Jaakobs

Fischer Werkausgabe

Während ich die sogenannten „großen“ Romane Thomas Manns, also „Buddenbrooks“, „Zauberberg“ und „Dr. Faustus“ alle mehrmals las und sehr schätze, ließ ich die Josephs-Tetralogie bisher aus. Am Stoff lag es nicht, halte ich die Bibel doch für eines der spannendsten Bücher, immer vorausgesetzt man liest sie nicht mit einem religiösen Brett vor dem Kopf.

Das Jahr meiner Israel-Reise erscheint nun aber eine passende Gelegenheit, dieses Versäumnis nachzuholen. Der erste Band beschäftigt sich mit der Vorgeschichte und erzählt das Leben Jaakobs bis zur Geburt des Joseph. Zwar wird dieser gleich zu Beginn in einer fulminanten Szene eingeführt, danach geht es chronologisch aber schnell in die Vergangenheit. Die Strukturierung der Handlung durch diverse Vor- und Rückblenden zeigt die handwerkliche Meisterschaft des Autors: Der „alte“ Stil wird dadurch struktuell ausbalanciert. Ganz so als ergänzte man eine sanfte, auf die Dauer „langweilige“ Melodie durch diverse abwechslungsreiche Rhythmen.

Mann versuchte einen Stil zu finden, der an die Bibel erinnert und archaisierend wirkt, ohne aber diese Sprachwelt einfach zu kopieren. Etwas irrtierte mich zu Beginn die Verknüpfung dieser mythologischen Kunstsprache mit anscheinend aktuellen Erzählerkommentaren, welche mit dem religonsgeschichtlichen Wissenstand des 20. Jahrhunderts nicht geizen. Wie Mann es schafft, diese Welt kreativ zu vertiefen, ist interessant zu beobachten. Die Gradwanderung eines „intrinsischen“ Verständnisses versus einer modernen Psychologisierung der Figuren ist freilich eine höchst heikle.

Ein vielversprechender Auftakt für ein längeres Leseprojekt.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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