Sklaverei

Colson Whitehead: The Underground Railroad

Mein Leseleben dreht sich primär um Klassiker, weil sie meiner langjährigen Erfahrung nach intellektuell und ästhetisch eine weit höhere Trefferquote aufweisen als die Gegenwartsliteratur. Ab und zu überprüfe ich diese Hypothese natürlich anhand eines aktuellen Romans. Meine Wahl fiel Ende des Jahres auf The Underground Railroad. Nicht nur überschlug sich die angelsächsische Kritik mit Lobeshymnen. Das Buch räumte auch jede Menge Preise ab, zuletzt den diesjährigen Pulitzer-Preis für Literatur.

Der Roman hat tatsächlich eine Reihe von Stärken. Die teilweise brutale Handlung spielt in den Südstaaten zur Zeit der Sklaverei. Cora, mehr Mädchen noch als junge Frau, lebt auf einer Plantage in Georgia, wo sie Zeuge und Opfer der damals üblichen Grausamkeiten gegen die Sklaven wird. Das ist handwerklich gut und emotional eindrücklich geschrieben, fügt dem Genre allerdings nichts Neues hinzu. Das ändert sich allerdings als Cora mit einem anderen jungen Sklaven, Caesar, die Flucht gelingt. Whitehead lässt damit das Terrain des realistischen Erzählens hinter sich und überschreitet mehrere Genregrenzen. So ist bei ihm die metaphorisch so genannte Underground Railroad eine tatsächliche unterirdische Eisenbahn. Die diversen späteren Fluchtstationen erinnern vom Setting oft mehr an Science-Fiction-Dystopien als an die historischen Vereinigten Staaten. Das liest sich alles nicht schlecht, kann mich literarisch aber nicht völlig überzeugen. Das liegt zum einen daran, dass Whiteheads Sprache keine Überraschungen bietet und auch nach dem Kippen ins Fantastische ihren realistischen Duktus beibehält. Zum anderen ist der strukturelle Bruch zwischen den beiden Teilen vor und nach der Flucht ästhetisch völlig willkürlich.

Ich hätte also wieder einmal besser daran getan, einen Klassiker zu lesen.

Colson Whitehead: The Underground Railroad (Fleet) [als Hörbuch]

Django Unchained

USA 2012
Regie: Quentin Tarantino

Dr. King Schultz: „How do you like the bounty hunting business?“ – Django: „Kill white people and get paid for it? What’s not to like?“

Tarantino, der Spezialist für hübsch in Szene gesetzte Blutbäder und zynische Dialoge, versucht sich in Django Unchained im Western Genre. Genauer: Er nimmt Genrekonventionen zum Ausgangspunkt, um diese in seine Richtung zu erweitern. Es ist eine Western-Oper (drei Stunden!) und es wundert mich nicht, dass Tarantino nun sogar im Gespräch dafür ist, in Bayreuth Wagner zu inszenieren. Es gibt sogar eine Reihe expliziter Wagner-Allusionen (Brünnhilde!). Als Opernfreund drückt diese Form der Ästhetik bei mir natürlich auf die richtigen Knöpfe, speziell wenn sie mit exzellentem Sarkasmus und edel-ironischen Sprachduktus garniert sind, wie sie Christoph Waltz als Kopfgeldjäger Dr. King Schultz grandios exekutiert.

Tarantino setzt auch dieses Mal seine Gewaltästhetik paradox ein, um den Amoralismus der amerikanischen Sklaverei zu geißeln. Drastisch zeigt er diverse Grausamkeiten und hält seinen Landsleuten ein unerfreuliches Spiegelbild vor Augen. Leonardo DiCaprio spielt hervorragend einen besonders unergötzlichen Plantagenbesitzer, der sich unter anderem die Zeit dadurch vertreibt, dass er Sklaven bis zum Tode kämpfen lässt. Die erste Hälfte fand ich überzeugender als die zweite, wo es einige Längen gibt. Gegen Ende fällt der Film noch mal ab. Trotzdem für mich einer der besten Filme des Regisseurs.

David Brion Davis: Slavery – White, Black, Muslim, Christian

The New York Review of Books 11/2001

Ein weiterer Teil der losen Reihe über die Geschichte der Sklaverei und deren Erforschung. Diese Artikelserie ist ein Beleg dafür, dass politisch progressive, aufklärerische Geschichtsschreibung nicht zwangsläufig auf irrationalistischen theoretischen Grundlagen beruhen muss.

Davis beschäftigt sich hier vor allem mit der Geschichte der Sklaverei, bevor die Europäer die Vorherrschaft über dieses unappetitliche Geschäft gewannen. Ein lesenswerter Beitrag* über eine weniger bekannten „Episode“ der Weltgeschichte.

* Der Artikel ist mittlerweile im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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