Richard Strauss

Ariadne auf Naxos

Wiener Staatsoper 29.11. 17

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Der Haushofmeister: Peter Mati?
Ein Musiklehrer: Markus Eiche
Der Komponist: Rachel Frenkel
Der Tenor (Bacchus): Stephen Gould
Zerbinetta: Erin Morley
Die Primadonna (Ariadne): Lise Davidsen

Ein intelligentes Libretto ist bei Opern leider keine Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt deshalb stellt die Zusammenarbeit des Richard Strauss‘ mit Hugo von Hofmannsthal einen Höhepunkt des Genres dar. Ariadne auf Naxos ist ihr drittes Gemeinschaftsprojekt und entstand kurz nach dem Rosenkavalier. Sie ist als Kammeroper konzipiert, weshalb der Orchestergraben der Wiener Staatsoper halb leer ist. Was die Oper so ungewöhnlich macht, ist die umfassende ästhetische Reflexion. Es werden nicht nur die Produktionsbedingungen in einer feudalistischen Gesellschaft kritisch reflektiert, sondern auch die formale und emotionale Wirkung eines Werks.

Schon zu Beginn des Stücks wird das Setting klar: Einer der reichsten Menschen der Stadt beauftragt zur Unterhaltung eine Opera seria, die der junge Komponist mit Ariadne auf Naxos als eine düstere Allegorie auf die existenzielle menschliche Einsamkeit anlegt. Deshalb ist er naturgemäß empört als er vernimmt, dass nach seinem Stück noch eine komische Opera buffa gegeben werden soll. Die Botschaft ist klar: Die Kunst wird hier durch den Mäzen stark kompromittiert. Es kommt aber noch übler: Kurz vor Beginn bildet sich der Auftraggeber ein, beide Stücke gleichzeitig innerhalb einer Stunde aufzuführen. Schließlich beginne das Feuerwerk um 9 Uhr. Nach einer Schockstarre arrangieren sich die Künstler damit, kann doch niemand auf das Honorar verzichten. Damit ist das Vorspiel beendet.

Der zweite Teil besteht nun in der Doppelaufführung der Stücke. In der Inszenierung Bechtolfs findet sie buchstäblich vor einem kleinen Zuschauerraum statt auf dem die Aristokraten sitzen. Auf der Metaebene findet jetzt die Auseinandersetzung zwischen Tragik und Komik statt und man wird zur Reflexion über Genregrenzen quasi gezwungen.

Musikalisch wird das exzellent vorgetragen. Kein Wunder angesichts der hochkarätigen Besetzung. Auch Bechtolfs Inszenierung unterstreicht die Thematik durch einige Einfälle gut (zerstörte Klavierflügel als Dekoration im zweiten Teil). Ein makelloser Opernabend.

Richard Strauss: Daphne

Dirigentin: Simone Young

Peneios: Georg Zeppenfeld
Gaea: Elisabeth Kulman
Daphne: Meagan Miller
Leukippos: Michael Schade
Apollo: Johan Botha

Es gibt viele Opern mit dämlichen Libretti und großartiger Musik. Dieses Spätwerk des Richard Strauss ist ein besonders eklatanter Fall. Obwohl mich die Antike in jeglicher Ausprägung bekanntlich sehr fasziniert, und Ovids Metamorphosen zu meinen Lieblingsbüchern zählen, langweilte ich mich inhaltlich den überwiegenden Teil der Oper. Für Richard Strauss war dieser mythologische Stoff natürlich willkommen unheikel, fand die Uraufführung der Daphne doch im Herbst 1938 in Dresden statt.

Die musikalische Seite dagegen ist ausgezeichnet und dieser Abend war sicher nahe an der Referenz. Meagan Miller und Johan Botha glänzten mit einer exzellenten Form. Dirigentin (!) Simone Young stand dem Ensemble mit dem Staatsopern Orchester an Perfektion kaum nach. Trotzdem wird Daphne sicher keine meiner Lieblingsopern werden. Die Inszenierung störte nicht.

Richard Strauss: Capriccio

Wiener Staatsoper 15.6.

Dirigent: Peter Schneider
Inszenierung: Marco Arturo Marelli
Die Gräfin: Renée Fleming
Der Graf,ihr Bruder: Morten Frank Larsen
Flamand,ein Musiker: Michael Schade
Olivier,ein Dichter: Adrian Eröd
La Roche,ein Theaterdirektor: Wolfgang Bankl
Die Schauspielerin Clairon: Angelika Kirchschlager

Für mich war Capriccio – Richard Strauss‘ Alterswerk – die Opernentdeckung des Jahres. Ist sie doch das einzige mir bekannte Werk, dass sich mit der Ästhetik der Oper coram publico auseinandersetzt. Der Kern der Handlung besteht in einem Streit zwischen dem Dichter Olivier und dem Musiker Flamand im Salon der Gräfin, ob der Literatur oder der Musik der Vorrang in der Kunst zukomme. Die Auseinandersetzung endet in der Komposition einer Oper, die wiederum diesen Tag des Streites zum Thema hat.

Garniert ist der Konflikt mit ironischen Einlagen. So treten etwa zwei italienische Sänger auf und führen das Genre der italienischen Oper ironisch vor. Das Ergebnis ist ein auf mehreren Ebenen ironisch gebrochener Opernabend, der das Publikum explizit mit ästhetischen Fragen unterhält. Bei einem Roman würde man von raffinierter Metafiktionalität sprechen. Selbstverständlich gibt es auch eine Unmenge an Anspielungen auf das Opernrepertoire.

Musikalisch und inszenatorisch war der Abend ebenfalls gelungen. Nicht nur Renée Fleming als Gräfin lieferte eine tolle Leistung ab.

Leider wird das Lob der Oper durch eine geschichtliche Tatsache getrübt: Sie wurde am 28. Oktober 1942 im Münchner Nationaltheater uraufgeführt. Mitten im zweiten Weltkrieg und am Höhepunkt des Nationalsozialismus sich in Fragen der Opernästhetik zu flüchten, mag menschlich verständlich sein. Politisch ist es ein Desaster.

Richard Strauss: Salome

Wiener Staatsoper 24.5.

Dirigent: Leif Segerstam
Inszenierung: Boleslaw Barlog
Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose

Herodes: Thomas Moser
Herodias: Elisabeth Kulman
Salome: Nancy Gustafson
Jochanaan: Juha Uusitalo

Salome gehört sicher zu denjenigen Opern, über deren Aktualität man nicht lange diskutieren muß. Ignorantes Prophetentum und klinisch psychologisch deviantes Verhalten findet sich in der Gegenwart zuhauf. Salome würde heutzutage freilich nach dem Kuß des geköpften Kopfes des Jochanaans nicht mehr hingerichtet, sondern zu allen Talkshows eingeladen.

Musikalisch war der Abend beinahe makellos. Das Wiener Staatsopernorchester spielte mit einer rauhen Furiosität, welche sich vor einem (guten!) Orchesterkonzert der Wiener Philharmoniker nicht verstecken müßte. Das paßte natürlich hervorragend zur pathologischen Handlung. Stimmlich waren alle Protagonisten ebenfalls bestens disponiert. Sogar das vergleichsweise traditionelle Bühnenbild tat dem tollen Gesamteindruck keinen Abbruch.

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Wiener Staatsoper 2.2.

Dirigent: Peter Schneider
nach einer Inszenierung
von: Otto Schenk

Feldmarschallin: Soile Isokoski
Baron Ochs: Kurt Rydl
Octavian: Michaela Selinger
Faninal: Oskar Hillebrandt
Sophie: Daniela Fally

Den Rosenkavalier könnte man als anspruchsvolle Antwort auf die zahlreichen Wiener Operetten bezeichnen. Musikalisch eine spannende Mischung aus moderner Klangsprache und vielen Anklängen an Melodien, die als klassisch „Wienerisch“ gelten. Auch die Komplexität der Charaktere ist, bei allem Komödiantentum, weitaus größer als im Genre üblich ist, etwa bei der Marschallin. Deren ausführliche Kontemplation über die Vergänglichkeit wäre ein weiteres Beispiel für die Sonderstellung des Werks.

Musikalisch war der Abend erstklassig. Die Sängerinnen und Sänger agierten durchgehend auf hohem Niveau. Das erstreckte sich speziell bei Michaela Selinger und Kurt Rydl auch auf die schauspielerische Seite. Das Wiener Staatsopernorchester unter Peter Schneider hielt tapferer mit als an manchem anderen Abend.

Der Haken: Die Inszenierung wurde offenbar aus einem Opernmuseum importiert. Otto Schenks naturalistisches Bühnengeschehen ist nicht ohne Charme und Komik. Man hat aber trotzdem ständig das ungute Gefühl, ästhetisch im falschen Jahrhundert zu sitzen.

Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela

Wiener Konzerthaus 16.10.

Dirigent: Gustavo Dudamel

Peter Iljitsch Tschaikowsky:
Francesca da Rimini / Symphonische Fantasie nach Dante op. 32 (1876)

Richard Strauss:
Eine Alpensinfonie op. 64 (1911/1914-1915)

Es dürften mindestens 150 junge Musikerinnen und Musiker gewesen sein, die gerade noch auf dem Podium des Großen Saals im Konzerthaus Platz fanden. Das Programm war offenbar auf die Größe der Reisegesellschaft abgestimmt.

Natürlich ist es keine ästhetisch subtile Zusammenstellung, zwei populäre Kracher mit einer Riesenbesetzung zu spielen. Die Qualität der Interpretation war aber beachtlich. Dudamel drückte zwar sehr aufs Tempo, aber seine Musiker gingen perfekt mit. Die Solisten waren ebenfalls in Höchstform. Erwartungsgemäß tobte das Publikum. Als Dank bekam es noch Kracher von Johannes Strauss mit auf den Nachhauseweg.

Über die Frage, was es politisch aussagen könnte, wenn 150 junge Venezulaner ausgerechnet Dantes Hölle so fulminant und einfühlsam musikalisch darstellen, will ich an dieser Stelle nicht spekulieren ;-)

Ein klassisches Popkonzert.

Richard Strauss: Arabella

Staatsoper 10.11.
Dirigent: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Arabella: Angela Denoke
Zdenka: Alexandra Reinprecht
Mandryka: Morten Frank Larsen
Matteo: Michael Schade

Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt („Die Walküre“ hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen.

Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage.

Erfreulich.

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(5. Januar 2013)

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