Psychoanalyse

Irrweg Psychoanalyse

Frederick Crews bringt es hübsch und korrekt auf den Punkt:

Step by step, we are learning that Freud has been the most overrated figure in the entire history of science and medicine—one who wrought immense harm through the propagation of false etiologies, mistaken diagnoses, and fruitless lines of enquiry.

Mehr zum Thema findet sich unter dem Schlagwort Psychoanalyse.

Der Freud, das Koks und die Psychoanalyse

Beschäftigt man sich wissenschaftstheoretisch mit der Psychoanalyse wird schnell klar, dass es sich um keine Wissenschaft handelt, sondern eher wie eine Religion funktioniert. Es wurden zwar jede Menge empirische Behauptungen aufgestellt, diese aber von den Psychoanalytikern nie selbst unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Methodik überprüft. Je weiter die empirisch betriebene Psychologie fortschritt, desto deutlicher wusste man bald, auf wie wackeligen Beinen die Kernthesen stehen. Wie sollte etwa Sexualität in Kleinkindern ohne Sexualhormone funktionieren?

Frederick Crews ist einer der scharfsinnigsten Kritiker der Psychoanalyse, etwa in seinen sehr empfehlenswerten Büchern Unauthorized Freud: Doubters Confront a Legend und Memory Wars. In zwei Artikeln für die New York Review of Books fasst er anlässlich von Neuerscheinungen hübsch Freuds „Verhältnis“ zum Kokain zusammen, das er Jahre lang konsumierte. Laut aktuellem Wissenstand sind viele Kernschriften Freuds unter Drogeneinfluss erstanden, was nun ein interessantes Schlaglicht auf diese schrägen Thesen wirft.

Darüber hinaus nahm Freud die Schädigung seiner Patienten durch Kokain auch dann noch in Kauf, als die Gefährlichkeit der Droge kein Geheimnis mehr war:

From a miracle drug to a near-miraculous “science”: that was Freud’s progress as an exponent of purported therapeutic marvels. At no point in either campaign did he place the safety and welfare of patients ahead of ambition. When cocaine was found to be tragically addictive for physicians and patients who had followed his thoughtless advice, he fought back desperately in 1887, bending the truth in order to exculpate himself. And when, after decades of claiming that psychoanalysis is the sovereign remedy for psychoneuroses, he allowed that he had “never been a therapeutic enthusiast,” he didn’t apologize; by then his fame as the Columbus of the unconscious was secure.

Freud’s triumph in reaching that pinnacle without the aid of any confirmed discoveries or cures may be the most amazing chapter in the entire history of self-promotion. Neither Rousseau nor Nietzsche enjoyed such success in reconstituting the intellectual world to match his idiosyncrasies. But Freud’s own transformation was remarkable as well. Without cocaine, the polite and unhappy young doctor of April 1884 might never have become so reckless, so adamant, so sex preoccupied, and so convinced of his own importance that the contagion was caught by millions. Cocaine, along with nicotine, was Freud’s drug of choice—but in the century to come, the opiate of the educated classes would be psychoanalysis.

Frederick Crews:
Physican. Heal Thyself: Part I.
Physican. Heal Thyself: Part II.

Psychoanalyse in der Praxis

    Auch Ditha ging, während ihrer Ausbildung als Krankenpflegerin, mit ihren Alpdrücken zu einer Psychotherapeutin. Von der bekam sie zu hören, dass das KZ keine bleibende Bedeutung für sie gehabt haben könne, weil sie älter als sechs Jahre gewesen sei.
    [Ruth Klüger, weiter leben, S. 300]

Volltreffer!

Was könnte passender sein, als den überschäumenden Philosophenprätendenten Sloterdijk mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen Pseudowissenschaftler Sigmund Freud benannt ist? (Siehe ORF(APA)

Praktizierte Aufklärung (2): Frederick Crews

Das Thema Frederick Crews ist die Kritik wissenschaftlich fragwürdiger psychologischer Methoden und Theorien, speziell der Psychoanalyse. Als Musterbeispiel einer pseudowissenschaftlichen Theorie, die im 20. Jahrhundert weite Kreise der Akademia in ihren irrationalen Bann zog, gibt sie ein vorzügliches Studienobjekt ab. Eines der klassischen Kriterien, um wissenschaftliche Theorien von anderen Wortgebilden abzugrenzen, ist deren Falsifizierbarkeit. Es muss prinzipiell möglich sein, die Theorie durch Erfahrung zu widerlegen. Aufgrund der zahlreichen Immunisierungsstrategien der Vertreter der Psychoanalyse (bis hin zu ad hominem: Wer diese Theorie kritisiert, muss psychisch krank sein), und der religionsähnlichen Struktur der „Theorie“ ist das aber nicht möglich.

Neben wissenschaftstheoretischen Argumenten gibt es noch zahlreiche psychologiegeschichtliche, welche auf die durch psychoanalytische Therapeuten angerichteten Schäden hinweisen.

Was hier stark verkürzt wiedergegeben ist, kann man sehr ausführlich in den Büchern Freckerick Crews nachlesen, in „The Memory Wars. Freud’s Legacy in Dispute“ und „Unauthorized Freud: Doubters Confront a Legend“.

Hinzukommen eine Reihe von Artikeln in der New York Review of Books, so auch in Ausgabe 12/2004, wo er anlässlich einer Neuerscheinung auf die Fragwürdigkeit des Rorschach-Tests hinweist. Wieder einmal gibt es keine empirischen Studien, wieder einmal vertritt der Erfinder höchst seltsame Ansichten:

There is much in Rorschach’s only book, Psychodiagnostics, that might encourage us to regard him as a crank. Bizarrely, for example, he insisted that a movement response be scored if the subject conjured a child sitting at a desk or a vampire sleeping in a coffin, because „muscular tension“ was supposedly implied. And although a dog performing in a circus exhibited Rorschach movement, a cat catching a mouse or a fish darting through water did not, because, according to the founder, significant motion had to be „human-like“ in function. Meanwhile, Rorschach tagged as „pedants“ or „grumblers“ any test takers who concentrated on details as opposed to whole images; those who interpreted white spaces were probably troublemakers; and those who hesitated before commenting on the multicolored cards must be exhibiting „color shock,“ thereby betraying themselves as neurotic repressers of emotion.

Doderers literarischer Kommentar zur Psychoanalyse

„Die Dämonen“

Ganz bescheiden im Gefolge Tlopatsch’s war auch Fräulein Wiesinger, die Pianistin, erschienen, kurzsichtig und stupsnäsig

[…]

Sie war jedoch nicht dumm, nur ganz und gar verschroben, unheilbar aber erst durch den Umstand geworden, daß sie einmal einem Psychoanalytiker in die Hände geraten war, nach dazu als Halbwüchsige, und obendrein: der Mann war imstande gewesen, ihr wirklich zu helfen. Hierdurch also war sie unheilbar geworden, denn sie erhielt nun für alles in der Welt, was immer ihr am Mitmenschen auffiel, einen gutpassenden Schlüssel, erschloß damit alsbald den Sachverhalt und fand richtig drinnen eine Benennung irgendwelcher Art sozusagen schon vorbereitet liegen. Mit solcher Magie der Namensgebung glücklich und zufrieden, glaubte sie sich allen Ernstes im Besitze tiefer Einsichten, und das war für ihren an sich nicht schlechten, doch immerhin bescheidenen Verstand denn doch zu viel. Sie schnappte über, das heißt, sie verlor das Gleichgewicht und wurde eingebildet und anmaßend, ganz in der Art, wie es ein richtig von Geburt her völlig Blöder zu sein pflegt. Man kann sagen, sie war, statt aller früheren Übel, nunmehr endgültig und für immer an der Psychoanalyse selbst erkrankt; für eine Heilwissenschaft jedenfalls ein beachtenswertes Resultat. Sie blieb auch dauernd in ‚Behandlung‘, durch die vielen Jahren hindurch, opferte einen großen Teil ihres schwer verdienten Geldes dafür und tut das, wie ich neulich erst hörte, heute als alte Dame noch. (dtv 1993, S. 432f.)

Web-Tipp: Colin McGinn

Wie auf so viele bin ich auf McGinn durch die NYRB aufmerksam geworden, für die er in den letzten Jahren einige Artikel schrieb. Er gehört sicher zu den interessantesten zeitgenössischen analytischen Philosophen. Sein jüngstes Buch ist nun bei C.H. Beck (bzw. Piper) auf Deutsch erschienen: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewußtseins. Auf der Seite des C.H. Beck Verlags findet man eine umfangreiche Leseprobe als PDF-Datei*.

Besonders gerne erinnere ich mich an seine fulminante Psychoanalyse-Kritik mit dem Titel „Freud Under Analysis“*

Links:

Update Jan. 2010: Die pdf-Leseprobe aus der deutschen Ausgabe scheint nicht mehr online zu sein, dafür hat die NYT einen Link zu gesamten ersten Kapitel in ihrer Rezension von „The Mysterious Flame. Conscious Minds in a Material World“.

* Diese beiden Artikel sind im kostenplichtigen NYRB-Archiv.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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