Popper

Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen

Popper wird dieser Tage vom zeitgeistigen „Philosophie“zirkus gerne belächelt. Das ist eine Art Notreaktion, weil seine schlichte Sprache das Gegenteil dessen ist, womit sich Modephilosöphchen wie Peter Sloterdijk gerne vermarkten: Mit einer dunklen, raunenden Sprache. Das hat historische Gründe. Kant schuf eine komplexe, aber im Kern glasklare Philosophie. Verpackt in eine ausgesprochen umständliche Sprache allerdings. Man muss sich durch Kants Diktion kämpfen, um zu seinen philosophischen Konzepten vorzudringen. Kants Ruf war bald legendär, weshalb sich nicht wenige deutsche Philosophen einer ähnlich umständlichen Sprachen bedienten wie Kant. Mit einem kleinen Haken allerdings: Hinter dieser Sprache stecken, ganz anders als bei Kant, oft keine klaren Gedanken mehr.

Im Kopf der intellektuellen Leserschaft entstand deshalb Anfang des 19. Jahrhunderts ein bis heute verhängnisvolles Missverständnis: Dunkle Sprache wurde mit Tiefsinn assoziert, statt korrekterweise mit Unsinn. Religiöse Rhetorik verstärkt dieses Auffassung zusätzlich seit Jahrtausenden. Seit dieser Zeit bedient man sich im deutschsprachigen Raum vorzugsweise einer dunkel-raunenden philosophischen Diktion und lässt sich vom Lesepublikum als tiefen Denker feiern.

Poppers philosophischer Ansatz ist dazu konträr: Er drückt seine komplexen philosophischen Gedanken möglichst einfach aus. Aus den beschriebenen Gründen schließen hier nun viele fälschlich umgekehrt: Wer schlicht schreibt, kann keine „tiefen“ philosophischen Gedanken haben, was natürlich epistemologischer Unfug ist.

In Logik der Forschung (1934) stellte Popper das Denken über die Naturwissenschaften auf den Kopf. Weder Induktion (Empirismus) noch Deduktion (Rationalismus) seien als Beschreibung für die wissenschaftliche Vorgehensweise ausreichend, weil sie, zusätzlich zu logischen Problemen, den kreativen Anteil bei der wissenschaftlichen Hypothesenbildung ignorieren. Diese Hypothesen entstehen meist in einem kreativen Prozess. Wichtig sei, dass sie empirisch gehaltvoll sind, damit sie falsifizierbar sind. Experimentelle und logische Falsifikationsversuche sind laut Popper der Motor der wissenschaftlichen Vorgehensweise. Je intensiver und strenger eine Hypothese diese Falsifikationsversuche übersteht, desto wahrheitsnäher ist diese.

Das beschreibt nun nicht nur soziologisch die Arbeit von Naturwissenschaftlern ziemlich genau, sondern stellt gleichzeitig auch ein plausibles Kriterium für Wissenschaftlichkeit zur Verfügung: Jede wissenschaftliche Behauptung muss falsifizierbar sein.

Ethisch ist diese Ermunterung zur Kritik eng mit der politischen Philosophie Poppers verbunden, welche er 1945 in seinem Buch The Open Society and Its Enemies ausführlich darstellte. In den dreißiger Jahren während des Tiefpunkts des europäischen Nationalismus in Neuseeland geschrieben, handelt es sich dabei um eine philosophische Breitseite gegen geschlossene Gesellschaften, deren erste philosophische Ausprägung Platons Staat war, welchen Popper ausführlich kritisiert. Er plädiert dagegen für eine offene Gesellschaft, in der die Freiheit und Kritikfähigkeit des Einzelnen maßgebliche Elemente sind.

Wer diese und andere von Poppers umfangreichen Hauptwerken nicht lesen will, kann sich durch Sammelbände einen guten Eindruck über dessen Kritischen Rationalismus verschaffen. Einer davon ist Alles Leben ist Problemlösen. Das Buch besteht aus thematisch zusammengestellten Vorträgen, Reden und Artikeln aus einem halben Jahrhundert. Alle sind sehr gut lesbar, auch wenn das Format natürlich einige Wiederholungen bedingt.

Viele Aussagen sind Jahrzehnte alt und gleichzeitig hoch aktuell. So schreibt er 1961 über den Fanatismus:

Diese Lehre, die nicht oft genug wiederholt werden kann, ist, daß der fanatische Glaube immer ein Übel und unvereinbar mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaftsordnung ist; und daß es unsere Pflicht ist, uns dem Fanatismus in jeder Form zu widersetzen – auch dann, wenn seine Ziele ethisch einwandfrei sind, und vor allem auch dann, wenn seine Ziele die unseren sind.
Die Gefahr des Fanatismus, und die Pflicht, sich ihm dauernd entgegenzustellen, ist wohl eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können.
[S. 159]

In Zeiten der „post-truth politics“, wo Fakten keine Rolle mehr spielen, sondern Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen inzwischen im Mainstream angekommen sind, ist Poppers Philosophie so wichtig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zusätzlich gefährden neue Überwachungstechnologien und deren Befürworter freie Gesellschaften ebenso sehr wie die klassischen Totalitarismen.

Die Bändigung unserer Leidenschaften durch die sehr begrenzte Vernünftigkeit, deren wir unvernünftige Menschen fähig sind, ist nach meiner Ansicht die einzige Hoffnung für die Menschheit.
[S. 196]

Wir können uns deshalb nur sehr viele Popper-Leser wünschen.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik.

David Deutsch: The Beginning of Infinity

Boshaft gesagt, gibt es derzeit zwei grundsätzliche Arten des professionellen Philosophierens. Eine gibt sich damit zufrieden, originell klingende und schwer zu verstehende Texte zu produzieren. Laien sind damit leicht zu beeindrucken, wird doch in unseren Breiten immer noch gerne sprachliche Dunkelheit mit philosophischem Tiefsinn verwechselt. Mit dieser „postmodernen“ Art des Philosophierens (die Markennamen für diese Verbaldampf-Produktion werden alle paar Jahre ausgewechselt), setzte ich mich bereits vor über 10 Jahren in meinem Postmoderne-Essay auseinander.
Die andere Art, Philosophie zu betreiben, ist mehr an den Naturwissenschaften orientiert und steht (im weitesten Sinn) in der Tradition der analytischen Philosophie, die sich unter anderem zum Ziel setzte, eine klare Fachsprache zu entwickeln. Kognitions- und Neurophilosophie wären aktuelle Beispiele.

David Deutsch ist Quantenphysiker an der Oxford University und wurde mit seinem Buch The Fabric of Reality einem breiteren Publikum bekannt. Bescheidenheit ist seine Sache nicht, legt er in seinem Buch doch eine philosophischen Entwurf vor, der kein Thema auslässt, von der Ontologie über die Ästhetik bis hin zur Geschichtsphilosophie. Selbst Außerirdische werden nicht vergessen. Das imponiert in einer Zeit der Spezialisierung, wenn es auch nicht in jedem Fall gelingen kann.

Deutsch ist kritischer Rationalist, ist philosophisch also von Popper geprägt. Auch mir scheint dieser epistemologische Ansatz sehr plausibel zu sein, weil sein Erklärungspotenzial sehr groß ist, ohne von diffusen Hypothesen auszugehen. So sind denn für Deutsch die beiden wichtigsten Kriterien für gute Philosophie und gute Wissenschaft gehaltvolle Erklärungen. Diese zeichnen sich darin aus, dass sie spezifisch, schwer zu variieren und falsifizierbar ist. Wissensproduktion ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis des Universums. Wissen wird durch zwei sich ergänzende Mechanismen produziert: Kreativität und Kritik.

Kreativität in der Welterklärung gab es seit die Menschen zu denken anfingen. Die überlieferten Ergebnisse, etwa die antiken Mythologien sind intrinsisch auch sehr beeindruckend. Ihre Erklärungskraft sei aber von der Realität abgekoppelt. Der Grund dafür ist plausibel: Man hat sie nie empirisch-kritisch an der Wirklichkeit getestet. Dieses Verfahren war zwar seit der griechischen Naturphilosophie bekannt, konnte sich aber erst mit der wissenschaftlichen Revolution ab dem 16. Jahrhundert durchsetzen. Seitdem sei die Menschheit auf dem richtigen Pfad zu immer Wissen. Voraussetzung dafür seien dynamische Gesellschaften, eine Weiterentwicklung von Poppers offenen Gesellschaften. Nur sie garantierten menschlichen Fortschritt und ein dauerhaftes Überleben der Menschheit durch ihre Fähigkeit auch unerwartete Probleme lösen zu können, zumindest potenziell.

Deutsch ist ein kritischer Optimist. Er hält prinzipiell alle Probleme durch Wissen für lösbar. Die Wissenschaft steht für ihn erst ganz am Anfang. Er argumentiert ausführlich, warum es keine grundsätzlichen Erkenntnisbarrieren geben könne. Dabei ist der Professor aus Oxford alles andere als naiv. Sein Blick auf die Welt ist kritisch und nüchtern, etwa wenn er Naturschutzromantiker oder Utopiker kritisiert. Seiner Meinung nach wird es immer schwierige Probleme geben, die zu lösen sein werden. Problemfreiheit könne es immer nur für sehr kurze Phasen geben.

Sehr überzeugend ist Deutsch ebenfalls, wenn er die Vorzüge einer dynamischen im Vergleich zu einer statischen Gesellschaft erläutert. Statische und konservative Gesellschaften waren und sind strukturell nicht in der Lage, bei unerwarteten Krisen das notwendige Wissen für deren Beseitigung zu produzieren. Deshalb sind nur dynamische, wissenschaftsorientierte Gesellschaften zukunftsfähig. Die Vorteile neuer Technologien und neuen Wissens überwiegten die Nachteile bei weitem. Ein in sein Buch eingeschobener fiktiver sokratischer Dialog über die Unterschiede der Gesellschaft Athens und Spartas veranschaulicht das hervorragend.

Am stärksten ist Deutsch selbstverständlich dort, wo er fachlich zuhause ist, nämlich in der theoretischen Physik. Sein ausführliches Kapitel über Quantentheorie (er ist ein Anhänger der Multiversums-Interpretation) zählt zum für Laien verständlichsten, was ich bisher zum Thema las.

Fachphilosophen seien noch vorgewarnt: Deutsch gibt kaum „technische“ Erläuterungen seiner philosophischen Argumente. Das Buch ist für Laien geschrieben.

Selbst wenn Deutsch mit seinem Ansatz in machen Fällen zu enthusiastisch ist (etwa wenn er ihn auf die Ästhetik anwendet), so zeigt sein Buch brillant, wie man heutzutage gute Philosophie betreiben kann und soll.

David Deutsch: The Beginning of Infinity. Explanations that transform the world. (Viking)

Skeptische Fundstücke

Wir können uns nie absolute Sicherheit verschaffen, daß unsere Theorie nicht hinfällig ist. Alles, was wir tun können, ist, nach dem Falschheitsgehalt unserer besten Theorie zu fahnden.
(Popper, Objektive Erkenntnis)

Popper und die analytische Philosophie

In den letzten Jahren ist der Wiener Kreis verstärkt in den Blick der philosophiehistorischen Forschung gerückt. Das ist sehr erfreulich, handelt es sich dabei doch um eine der spannendsten intellektuellen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts. Anstatt der sonst weit verbreiteten philosophischen Vorgehensweise (habilitierter Guru sammelt mit esoterischen Wortspenden Schüler um sich, die seine Lehre dann mit esoterischen Wortspenden weiter tragen), wurde in dem Kreis rund um Moritz Schlick ernsthaft versucht, mit rationalen Methoden zu neuen philosophischen Theorien zu gelangen, inspiriert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und in bester Tradition der Aufklärung. In schnellen Abstand wurden diese Theorien kritisch auseinandergenommen und durch bessere Varianten ersetzt, das kann man z.B. rund um die Entwicklung eines Verifikationskriteriums verfolgen oder an Poppers Kritik am Positivismus klassischer Prägung.

Malachi Haim Hacohen rückt diese Zeit in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen neuen Studie: Karl Popper: The Formative Years, 1902-1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna (Cambridge University Press).

Colin McGinn nimmt dieses Buch zum Anlass, Poppers Theorien unter die Lupe zu nehmen* (The New York Review of Books Nr. 18/2002). Dabei würdigt er einerseits Popper als brillanten Skeptiker, hält seine Wissenschaftstheorie allerdings für praxisfern, was er u.a. am Thema Induktion ausführt:

The simple fact is that induction is deeply embedded in science and common sense, and there is no convincing reason why we should declare it irrational. A adequate account of scientific method qould recognize both verification and falsification as necessary procedures, not insist in one at the expense of the other. And there is something contrived and artificial about setting up an opposition here: for falsifying a statement is equivalent to verifying its negation.

McGinn gelingt es, einige der bekannten Probleme von Poppers Induktionstheorie pointiert zusammenzufassen. Trotzdem übersieht er, den Hauptvorteil des Falsifikationsverfahrens: Dieses kombiniert radikale rationale (Selbst)kritik erkenntnistheoretisch mit den Naturwissenschaften als zuverlässigste Wissens-bringer.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Karl Popper

Zum 100. Geburtstag gibt es eine Reihe von Aktivitäten, so einen Kongress in Wien [ORF] und Sonderausgaben seines Verlages. Seine Bedeutung als Philosoph wird von vielen Geisteswissenschaftlern nach wie vor unterschätzt. Das hängt zu einem guten Teil mit dem mangelnden Verständnis der modernen Naturwissenschaften zu zusammen, auf der Poppers wohl größte Leistung, seine Anfang der dreißiger Jahre formulierte Wissenschaftstheorie aufbaut. Dass auch die ins Absurde verzerrte „Interpretation“ seiner Philosophie durch die Frankfurter Schule eine Rolle spielt, versteht sich von selbst. (Siehe Adorno und der Positivismus)

Web-Tipp: Karl-Popper-Sammlung

Hier wird seit 1995 der Nachlass Karl Poppers verwaltet, darunter auch Poppers Arbeitsbibliothek, die 7000 Bände umfasst. Es gibt eine online abrufbare Datenbank, die aber im Moment nicht zur Verfügung steht. Die Sammlung wird von der Universitätsbibliothek Klagenfurt verwaltet.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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