Philip Roth

Indignation

Filmcasino 20.2. 17

USA 2016
Regie: James Schamus

Literaturverfilmungen stehe ich skeptisch gegenüber, weil sie meist aus guten Büchern schlechte Filme machen. Diese filmische Umsetzung der gleichnamigen Erzählung des Philip Roth‘ ist aber eine positive Ausnahme. Die Handlung lässt sich in meiner Notiz über das Buch nachlesen. Sie spielt in den fünfziger Jahren mit dem Korea Krieg als bedrohlichem Hintergrund. Als das Buch erschien, konnte man damit den Irak Krieg assoziieren. Im Amerika Trumps treten die Themenkomplexe intellektuelle Individualität und Intoleranz als Anknüpfungspunkte in den Vordergrund. Aus diesem Grund wirkt auch das düstere Ende stark im Zuseher nach. Schauspielerisch und ästhetisch ist der Streifen ausgezeichnet umgesetzt. Was ihn als Literaturverfilmung ausweist sind die vielen guten, und teilweise schmerzlich langen Dialogszenen.

Philip Roth

The Humbling (Houghton Mifflin)

Roth setzt mit The Humbling die Reihe seiner kleinen Romane fort. Korrekter sollte man eigentlich von einer Erzählung sprechen, zumal das Buch keine Gattungsbezeichnung trägt. Im Mittelpunkt steht Simon Axler, ein prominenter Theaterschauspieler aus New York in seinen Sechzigern, der plötzlich in eine tiefe Schaffenskrise fällt:

He lost his magic. The impulse was spent. He’d never failed the theater, everything he had done had been strong and successful, and then the terrible happened: he couldn’t act. (S. 1)

Axler fällt in ein tiefes schwarzes Loch. Nach vier Wochen in der Psychiatrie zieht er sich auf sein einsames Landhaus zurück, wo er über Monate an seiner Depression laboriert. Eine heftige sexuelle Beziehung mit einer jüngeren Frau reisst ihn aus dieser Lethargie heraus. Damit wäre Roth einmal mehr bei seinem Standardstoff der letzten Schaffensjahre angelangt. Die Geschichte nimmt allerdings ein böses Ende …

Die Erzählung ist realistisch im besten Sinn. Runde Charaktere, sprechende Details. Die scheinbar schlichten Sätze enthalten menschliche Abgründe. Trotzdem fällt es von den besten Büchern Roth ab. Jedes Jahr ein neues Buch ist vielleicht zu viel des Guten. Diese Jahresmanie scheint in New York weit verbreitet zu sein, man denke nur an die Filme des Woody Allen.

P.S. Wer eine wirkliche ausführliche Rezension will, bekommt diese in der New York Review of Books.

Philip Roth: Indignation

Nachdem ich gerade Lust auf aktuelle Belletristik hatte, begann ich Philip Roth‘ neues Buch gleich nach dem Eintreffen zu lesen. Es trägt keine Gattungsbezeichnung, „Roman“ wäre aber auch zu viel gesagt. Es handelt sich um eine Erzählung, die durch großen Satz auf 230 Seiten gestreckt ist.

Einmal mehr geht der Protagonist aus Newark hervor, und einmal mehr ist es ein junger Jude. Marcus Messner, 18 Jahre alt, Sohn eines koscheren Metzgers und ein Musterknabe, was altersgemäße Freizeitbeschäftigungen angeht. Einser-Schüler und Student (auch wenn er in den Staaten natürlich As nach Hause bringt). Die Handlung setzt im Sommer 1950 ein und hat damit den Koreakrieg als wichtigen Hintergrund.

Kurz nach seinem Eintritt ins College in Newark wird sein Vater immer irrationaler und seltsamer. Er fürchtet ständig um das Leben seines Sohnes, beginnt ihm nachzuspionieren, ohne Grund und Anlass. Marcus hält das nicht lange aus und flüchtet in das Winesburg College nach Ohio. Dort kommt die andere Seite des jungen Mannes zum Vorschein, die des unangepassten, erwachenden Intellektuellen, der Russell liest, an den Zwangsgottesdiensten leidet und sich mit seinem Dean heftige Wortgefechte zum Thema liefert. Erste sexuelle Erfahrungen mit einem mysteriösen Mädchen kommen ebenso dazu wie seine Schwierigkeiten mit anderen Studenten, um seinen Einstieg ins Collegeleben nicht einfach zu machen. Am Ende verwandelt eine Schneeballschlacht ein paar hundert Jungen in einen wilden Mob.

Seine Renitenz bringt ihn nach Korea an die Front (Collegestudenten wurden nicht eingezogen), wo ein vielversprechendes junges Leben dank eines chinesischen Bajonetts sein Ende findet.

Man braucht nun kein Meisterhermeneut sein, um hier Bezüge zum Irakkrieg zu sehen, wo ebenfalls viele junge Amerikaner ums Leben kommen. Der Kontext des religiösen Dogmatismus und das fehlende Verständnis für liberale Werte verstärken diesen Eindruck noch. Roth geht nicht sehr explizit auf den Horror des Krieges ein. Dafür schildert er in einer quälenden Ausführlichkeit das blutrünstige des Schlachterhandwerks an den Marcus von klein auf teilnehmen „darf“.

Das ist schriftstellerisch so gut gemacht, wie man es von Philip Roth erwarten darf. Die Erzählung ist routiniert auf hohem Niveau geschrieben. Wenn man denn will, könnte man einwenden, dass die Ich-Perspektive nicht immer überzeugend durchgehalten wird. Marcus erzählt uns seine Geschichte, und ab und zu schreibt er so blasiert über sich als käme hier doch ein auktorialer Erzähler ins Spiel: „I, with the mind of an eighteen-year-old-boy…“ etc.

Die paar Stunden Lesezeit für „Indignation“ sind jedenfalls sehr gut investiert.

Philip Roth: Indignation. (Jonathan Cape)

Neue Bücher von Philip Roth und Tony Judt

Zwei Autoren, die ich sehr schätze. Philip Roth, bekanntlicher einer der besten amerikanischen Romanciers, hat einen neuen Roman geschrieben, den Charles Simic in der aktuellen New York Review of Books ausführlich rezensiert. Für diese erstklassige Zeitschrift schreibt auch Tony Judt regelmäßig, ein brillanter Publizist, der zu den unterschiedlichsten Themen ebenso intelligente wie inspirierte Artikel schreibt. Eine Sammlung dieser Texte liegen nun seit Mai in einem Band mit dem Titel Reappraisals: Reflections on the Forgotten Twentieth Century vor.

Philip Roth: Jedermann

Hörbuch, 4 CDs (Amazon Partnerlink)

Der Tenor der Kritiken ließ nichts Gutes erwarten. Erfreulicherweise stellte sich das schnell als falsch heraus. Roth hat einen vorzüglichen kleinen Roman geschrieben, in dessen Mittelpunkt düstere Themen stehen: Alter, Tod und ein verpfuschtes Durchschnittsleben.

„Das Alter ist ein Massaker“ heißt es an einer Stelle und das könnte gut als Motto über den Buch stehen. Die Handlung setzt bei der Beerdigung des Protagonisten ein, um bald durch wohl komponierte Rückblenden prägende Lebensstationen dieses Antihelden zu beschreiben. Wenige Sätze reichen, um die Kindheit des Jungen plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. In chirurgischen Schnitten ziehen diese Episoden an uns vorbei, in deren Mittelpunkt meist ein Krankheitserlebnis steht. Anstatt Maler zu werden, landet „Everyman“ in der Werbebranche. Als er am Ende seines Lebens endlich zu malen beginnt, folgt die schmerzliche Erkenntnis, dass er ein unbegabter Dilettant ist.

Roth zeigt das Leben als sinnlose, medizinische Abwärtsspirale, in dem kein Platz für Hoffnung oder dauerhafte Beziehungen bleibt. Kurz: Er rückt der menschlichen Existenz ohne metaphysische Verbrämungen auf den Leib. Diese Radikalität ist eine der großen Stärken des Textes, der einmal mehr bestätigt, dass Literatur ein prädestiniertes Medium ist um diese großen Fragen adäquat zu behandeln. Peter Fitz‘ Lesekunst bringt den Text vorbildlich zu Gehör.

Philip Roth: Portnoys Beschwerden. Roman

rororo (Amazon Partnerlink)

Roth gehört zu den Autoren, von denen ich zwei bis drei Bücher pro Jahr lese. Wirklich enttäuscht hat er mich noch nie, „Portnoys Beschwerden“ ist besonders herausragend. Dass ihm damit in den Sechzigern der große Durchbruch gelang, ist nicht erstaunlich. Diese Mischung aus psychopathologischer Schein-Authentizität und tragisch-komischer Milieuschilderung funktioniert ausgezeichnet.

Philip Roth: The Dying Animal

Vintage Paperback (Amazon Partnerlink)

Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung und ist für einen Roman auch nicht umfangreich genug. Roth setzt sich in der Erzählung mit seinem bevorzugten Themenkreis auseinander: Sex, Alter, Krankheit, Tod. Er macht das in der üblichen Brillanz: David Kepesh, ein siebzigjähriger renommierter Literatur- und Kunstkritiker in New York, berichtet über seine sexuellen Obsessionen, in deren Mittelpunkt eine vierundzwanzigjährige (Ex)studentin steht. Diese monomanische Passion schildert Roth mit Verve, immer wieder unterbrochen von Rückblenden auf das Leben des David Kepesh. Lesenswert.

Philip Roth: Der menschliche Makel

Selten konnte man die deutschsprachige Literaturkritik so hysterisch erleben: „Meisterwerk“, „grandios“, „furios“, „atemberaubend“ und eine Fülle ähnlicher Attribute wurde über den neuen Roman von Philip Roth ausgeschüttet. Das Erstaunliche dabei: Diese Hymnen sind berechtigt, es handelt sich um einen brillanten Roman, der keine Vergleiche etwa mit Updikes Rabbit-Tetralogie zu scheuen braucht.

Worin liegen die spezifischen Qualitäten? Eines der klassischen Kriterien für einen guten realistischen Roman ist Welthaltigkeit. Der semantische Reichtum der fiktionalen Welt sollte so umfassend sein, dass ein repräsentatives Portrait des gewählten Wirklichkeitsauschnittes entsteht. Roth erschuf in „Der menschliche Makel“ nun eine Welt von erstaunlicher Komplexität, die nicht nur die verschiedensten Gesellschaftsschichten einbezieht, sondern auch auf individualpsychologischer Ebene den Leser mit vielen authentischen Figuren bekannt macht. Manche beiläufig skizzierten Nebenfiguren entwickeln dabei eine größere Präsenz als viele Protagonisten in durchschnittlichen Romanen.

Teile des Inhalts sind durchaus heikel, knüpfen sie doch an den ebenso beliebten wie fragwürdigen Sport des Political-Correctness-Bashing an. Klischees vermeidet Roth allerdings unter anderem dadurch, dass er den durch Intrigen aus dem College vertriebenen Altphilologen Coleman eine Lebenslüge mit auf den Weg gibt: Als hellhäutiger Schwarzer ergriff er in seiner Jugend die karrierefördernde Gelegenheit, sich als weißen Juden auszugeben. In ausführlichen Rückblenden wird die Jugend Colemans beschrieben, die Demütigungen einer schwarzen Familie im rassistischen Nachkriegsamerika. Nie macht Roth den Fehler, polemisch-oberflächlich anzuklagen. Desto beklemmender wirkt seine realistische Erzählkunst, wenn er sich diesen tristen Themen widmet. Das gilt auch, um ein weiteres Beispiel herauszugreifen, für die Schilderung eines traumatisierten Vietnamveteranen.

Ästhetisch bedient sich der Autor vieler avancierter Mitteln der realistischen Erzählkunst. Souverän wechselt er zwischen Zeit und Raum, wobei viele inhaltliche und sprachliche Bezüge den Roman strukturell zusammenhalten. Die Erzählung und die Dialoge werden immer wieder durch lange erlebte Reden der Figuren unterbrochen. Zwar gibt es einige Kompromisse zugunsten der „Lesbarkeit“, etwa wenn Figuren doppelt vorgestellt werden. Doch diese Kleinigkeiten vermögen die zahlreichen Qualitäten des Buches nicht zu schmälern.

Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman (rororo)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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