Musil

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Ein Klassiker wird besichtigt

Erschienen in „Literatur und Kritik“ September 2017

Robert Musil – eine neue Gesamtausgabe und ein neues Handbuch

Robert Musil zählt nicht zu den meist gelesenen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Auch für Verleger gab es immer schon lukrativere Autoren. Während Thomas Mann oder Thomas Bernhard aufwändig gemachte Werkausgaben bekamen, mussten wir Freunde des Mann ohne Eigenschaften uns lange mit jahrzehntealten Ausgaben begnügen. Die letzte Gesamtausgabe erschien 1978 und wurde seitdem immer wieder editorisch kritisiert. Wir nahmen die mangelnde Lesefreundlichkeit ebenso hin, wie die für Leser sehr verwirrende Anordnung des Nachlasses. Zwar gibt es für die Literaturwissenschaft seit 2009 die mit viel editorischem Sachverstand neu herausgegebene digitale Klagenfurter Ausgabe. Doch dieser neue Textstand wurde bis jetzt nicht gedruckt.

Dank des Jung & Jung Verlags hat sich diese Situation nun grundlegend geändert. Seit Herbst 2016 erscheint dort eine auf dem wissenschaftlich abgesichertem Klagenfurter Text eine neue Edition in Buchform. Sie ist auf zwölf Bände angelegt, wobei angesichts des riesigen Textkonvoluts zu erwarten ist, dass sich die Briefe nicht in einem einzigen Band unterbringen lassen werden. Bis jetzt sind die ersten drei Bücher erschienen, die sich alle, wie auch noch die nächsten, ausschließlich dem „Mann ohne Eigenschaften“ widmen. Rowohlt war für dieses Prestigeprojekt übrigens nicht zu gewinnen, und ließ damit einen seiner wichtigsten Klassiker im Stich. Auch andere bekannte Verlage zierten sich. Mit Jochen Jung hat das Projekt erfreulicherweise einen der engagiertesten deutschsprachigen Verleger auf seiner Seite.

Die Salzburger Ausgabe ist als „Hybridausgabe“ angelegt. Begleitend zur Buchausgabe steht unter musilonline.at eine digitale Anlaufstelle zu Verfügung. Dort wird man nicht nur den kompletten Text finden, sondern auch Entwürfe und Faksimiles der ca. zehntausend Manuskripte aus dem Nachlass. Letztere werden als Bilddateien allen Interessierten zur Verfügung stehen. Geplant ist auch eine neue Form des Kommentars, der sowohl vom Umfang als auch von der Art der Präsentation her viel mehr Möglichkeiten als ein gedruckter Kommentarband bietet. Beispielsweise ist ein interaktives Wiki angedacht.

Für die ambitionierte Musil-Leserin ist fast gleichzeitig mit der neuen Salzburger Ausgabe ein umfangreiches Musil-Handbuch erschienen. Auf über tausend Seiten dokumentiert die Musil-Forschung darin ihre bisherigen Ergebnisse. Die Herausgeber Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf entschieden sich für die Umsetzung eines ungewöhnlich innovativen Ansatzes. Während sich die meisten vergleichbaren Nachschlagewerke auf Leben, Werk und Wirkung konzentrieren, legt das Musil-Handbuch einen überproportionalen Fokus auf den Kontext. Zu erwartende Informationen über die Zeitgeschichte oder die Moderne sind ausführlich vertreten. Artikel über Natur- und Technik/Ingenieurwissenschaften oder Mathematik, Logik, Geometrie, Wahrscheinlichkeitstheorie sind ebenso enthalten wie beispielsweise einer über Kriminologie und Rechtswissenschaft. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Diese Entscheidung der Herausgeber ist aus mehreren Gründen sehr erfreulich. Einerseits spiegelt die Vielfalt der abgehandelten Themengebiete den einzigartigen geistigen Kosmos der Werke Musils wider, speziell des „Mann ohne Eigenschaften“. Dieser Roman ist eine beeindruckende geistige Bestandaufnahme des frühen 20. Jahrhunderts, weshalb er ohne die Handbuch-Beiträge über Stadt, Krieg oder Mode nicht zu verstehen wäre. Aber auch die Essays behandeln eine ungewöhnlich große Vielfalt an Themen.
Andererseits scheut man sich vor Grenzüberschreitungen zurück. Die Musil-Forschung selbst kann ja unmöglich ein so weites Themenspektrum abdecken, weshalb man diverse Fachleute zur Mitarbeit ersuchte, die wiederum keine Musilexperten sind. Das ergibt oft frische Perspektiven auf den Autor. Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren am Ende eines Artikels etwaige Forschungslücken thematisieren. Diese Fülle an Forschungswünschen wird noch viele Generationen von Nachwuchs-Germanisten mit literaturwissenschaftlichen Arbeitsvorschlägen versorgen.

Ein gutes Beispiel für diese methodische Offenheit ist Werner Michlers Artikel über Biologie/Tiere. Damit kommt mit den Animal Studies ein neuer interdisziplinärer Ansatz zu Wort. Der Interessierte erfährt nicht nur viel Konkretes über Musils biologisches Weltbild und seine „darwinistischen“ Lektüren, sondern erhält gleichzeitig einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven, welche das Thema aufwirft. Zusätzlich zu den bei Musil nachweisbaren klassischen literarischen Verwendungsarten von Tieren, die wie in Fabeln zur ethischen Reflexion anregen, setzt Musil Tiere auch immer wieder zur metaphorischen Figurencharakterisierung ein.

Das Handbuch räumt auch mit einer Reihe von Klischees auf, die sich teilweise bis heute halten. Ein Beispiel ist die Mär von Musil als unpolitischem Schriftsteller. Klaus Amann arbeitet in seinem Beitrag „Politik und Ideologie“ prägnant heraus, dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt. Die Ursache desselben liegt im Kern darin, dass Musil den Begriff „unpolitisch“ in ästhetischen Zusammenhängen synonym mit „autonom“ verwendet. Tatsächlich spricht er sich literaturtheoretisch für eine Trennung von Politik und Literatur aus: „Schlechte Kunst wird durch gute Tendenz nicht besser“, schreibt er einmal in sein Tagebuch. Übersehen wird dabei, dass seine Autonomie und analytische Distanz zu den Ideologien aller Couleur ebenso eine dezidierte politische Haltung ist, wie sein anthropologisches Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit, mit dessen Hilfe er das weite Spektrum der menschlichen Verhaltensmuster von der Barbarei zur Philanthropie zu beschreiben versucht. Gerade in unserer Zeit, in der unterschiedliche Lager wieder virtuell und real in gegenseitigem Hass schwelgen, wirkt Musils Forderung nach geistiger Unabhängigkeit und klarer Analyse als ein sehr modernes politisches Statement.

Robert Musil: Gesamtausgabe in 12 Bänden. Herausgegeben von Walter Fanta. (Jung und Jung)

Birgit Nübel / Norbert Christian Wolf (Herausgeber): Robert-Musil-Handbuch (De Gruyter)

Musil und Trump

In der Los Angeles Review of Books schreibt David Auerbach einen ausgesprochen ungewöhnlichen Artikel mit dem hübschen Titel Make America Austria Again: How Robert Musil Predicted the Rise of Donald Trump. Darin beschäftigt er sich ausführlich mit den Parallen zwischen Donald Trump und Christian Moosbrugger. Lesenswert.

Die ersten Bände der neuen Robert-Musil-Ausgabe

Auf die neue Gesamtausgabe der Werke Musils wies ich bereits an anderer Stelle hin. Hier nur der kurze Hinweis, dass nun die ersten beiden dicken Bände erschienen sind. 38 Jahre nach der letzten Edition!

Mann ohne Eigenschaften 1: Erstes Buch, Kapitel 1-75

Mann ohne Eigenschaften 2: Erstes Buch, Kapitel 76-123

Vom großzügigen Satzspiegel her sicher die bisher best lesbare Buchausgabe dieses grandiosen Romans.

Die neue Robert-Musil-Ausgabe ab Herbst 2016

2009 erschien die im Wesentlichen von Walter Fanta erarbeitete Klagenfurter Musil-Gesamtausgabe. Sie hat aus Sicht der Leser allerdings einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Es handelt sich um eine DVD. So erfreulich die Verfügbarkeit eines zuverlässigen Textes für die Literaturwissenschaft auch sein mag, eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts muss auch in Buchform verfügbar sein. Diesen Wunsch äußerte ich bereits 2010 in meiner Rezension der digitalen Ausgabe.

Nun ist es endlich soweit! Im Salzburger Jung und Jung Verlag erscheint ab dem Herbst 2016 eine zwölfbändige neue Leseausgabe. Nach meinen Recherchen veröffentliche ich diese Informationen hier exklusiv zum ersten Mal.

Der Editionsplan sieht folgendermaßen aus:

Band 1 – Der Mann ohne Eigenschaften 1 (Herbst 2016)
Band 2 – Der Mann ohne Eigenschaften 2 (Herbst 2016)
Band 3 – Der Mann ohne Eigenschaften 3 (Frühjahr 2017)
Band 4 – Der Mann ohne Eigenschaften 4 (Herbst 2017)
Band 5 – Der Mann ohne Eigenschaften 5 (Frühjahr 2018)
Band 6 – Der Mann ohne Eigenschaften 6 (Herbst 2018)
Band 7 – Selbstständige Veröffentlichungen (Frühjahr 2019)
Band 8 – Unselbstständige Veröffentlichungen 1 (Herbst 2019)
Band 9 – Unselbstständige Veröffentlichungen 2 (Frühjahr 2020)
Band 10 – Fragmente aus dem Nachlaß (Herbst 2020)
Band 11 – Tagebuchhefte (Herbst 2021)
Band 12 – Briefe von und an Robert Musil (Herbst 2022)

Ergänzt werden die Bücher durch zahlreiche Online-Informationen wie einer Konkordanz und einem Stellenkommentar.

Die Preise pro Band sind noch nicht bekannt.

Mit Robert Musil in Wien

So heißt eine von der ZEIT angebotene Studienreise, auf die ich als großer Musilfreund hier natürlich hinweisen muss.

Ignanz Kirchner liest den „Mann ohne Eigenschaften“

Jeden ersten Sonntag eines Monats wird Ignanz Kirchner aus Musils großartigem Roman Der Mann ohne Eigenschaften im Foyer des Burgtheaters vorlesen. Der erste Termin ist am 6. Oktober.

Zu meiner MoE-Notiz.

Robert Musils Werke als Ebook

In meiner Rezension der neuen digitalen Musilausgabe – Die Edition für das 21. Jahrhundert – beklagte ich, dass es seine Werke noch in keinem standardisierten Ebook-Format gäbe. Nachdem ich meine Lieblingsklassiker fast alle immer auf meinem Kindle unterwegs dabei habe, vermisste ich den geistreichen Mann ohne Eigenschaften schmerzlich.

Nach Ablauf des Urheberrechts gibt es nun endlich eine Epub-Ausgabe der gesammelten Werke des Robert Musil. Die textliche Qualität kann sicher nicht mit der neuen digitalen Ausgabe mithalten. Ich konnte mir aber bisher noch kein detailliertes Bild dazu machen.

Törleß als Oper in Köln

Die Musil-Freunde – und wer ist das nicht! – dürfte folgendes Projekt interessieren: Die Verwirrungen des Zögling Törleß sind Thema eines Opernprojekts der Literaturoper Köln. Premiere ist am 16. Mai. Weitere Termine.

Oliver Pfohlmann: Robert Musil

Robert Musils Leben und Werk in Kürze darzustellen gehört sicher zu den schwierigeren Aufgaben der Literaturwissenschaft. Einerseits bedarf der komplexe intellektuelle Gehalt seiner Werke genügend Raum, andererseits ist die Forschungslandschaft eine unübersichtliche. Alleine zum umfangreichen Nachlass, der zum Verständnis vor allem des Mann ohne Eigenschaften (Notiz) unverzichtbar ist, sind dicke Monographien erschienen.

Pfohlmann gelingt beides exzellent. Er schafft es, sowohl den soziokulturellen Kontext als auch Musils intellektuelles und ästhetisches Programm prägnant darzustellen. Der schwierige Charakter des Schriftstellers wird ebenfalls nicht ausgespart. Erfrischend auch, dass er sich nicht scheut, klare Worte zum Leseeindruck der problematischeren Texte Musils zu finden. So schreibt Pfohlmann über die Vereinigungen:

Auch heutige Leser empfinden die Lektüre nicht selten als strapaziösen Drahtseilakt, bei dem man stets dann erleichtert Atem holt, wenn man einen der wenigen Pfeiler der äußeren Handlung erreicht, zwischen denen die Bilderfolgen aufgespannt sind.
[S. 58]

Anders als andere Einführungen, kippt dieses kleine Buch nicht zu sehr in Richtung Mann ohne Eigenschaften um. Pfohlmann bemüht sich, auch den anderen Werken genügend Raum zu geben, und lenkt den Blick erfreulicherweise auch auf für viele Leser noch unbekanntes Terrain. So unterschätze man Musil als Literatur- und Theaterkritiker:

Seine Rezensionen sind, ungeachtet ihrer meist zweit- oder gar drittklassigen Gegenstände, mit ihrer sprachlichen und reflexiven Brillanz Höhepunkte der Literaturkritik des 20. Jahrhunderts
[S. 93]

Es bleibt zu hoffen, dass diese gelungene Einführung Musil zu neuen Lesern verhilft. Musil zählt zweifellos zu den klügsten Autoren der Literaturgeschichte. Man kann seine Lesezeit kaum besser investieren als in seine Werke. Die Zinsen sind weit höher als jene auf griechische Staatsanleihen!

Oliver Pfohlmann: Robert Musil. (rororo monographie)

Robert Musil, Kakanien und die Literaturwissenschaft

Der Salzburger Literaturwissenschaftler Norbert Christian Wolf legte kürzlich sein opus magnum über Robert Musil vor. „Magnum“ darf hier auch wörtlich genommen werden, ist das Buch doch mehr als 1200 Seiten dick:

Der ORF zeichnet sich üblicherweise nicht durch eine fundierte Literaturwissenschaftsberichterstattung aus. Desto erfreulicher, dass zumindest online das Buch ausführlich vorgestellt wird.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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