Kafka

12

Kafka: Das Schloß

Über Kafka zu schreiben ist gleichzeitig schwierig und leicht. Schwierig, weil bereits alles geschrieben zu sein scheint. Leicht, weil man scheinbar alles über Kafka schreiben kann. Der größte Teil der Kafka-Forschung beruht auf einem großen Missverständnis über das Wesen literarischer Texte. Sie versucht, einen mehrdeutigen (polyvalenten) Text in einen eindeutigen Text zu übersetzen und nimmt ihm damit seine wichtigste literarische Eigenschaft weg. Deshalb zeugen fast alle traditionellen Kafka-Interpretationen von einem grundsätzlichen Unwissen darüber, wie Literatur in Wahrheit funktioniert. Alle theologischen, juristischen und die vielen anderen Ansätze der Kafka-Forschung können nun zwar interessante Puzzlesteine zum Verständnis seiner Werke sein, werden aber nie eine umfassende Sicht auf dieses faszinierenden Oeuvre erreichen. Der richtige literaturwissenschaftliche Ansatz wäre dagegen zu beschreiben, warum und wie Kafkas Texte diese Bedeutungsfülle generieren. Das ist die Kurzfassung meiner literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit zu eben diesem Thema.
Nicht-akademischen Kafka-Lesern empfehle ich, sich von diesem Hermeneutikzirkus weitgehend fern zu halten und die Rätselhaftigkeit dieser faszinierenden Wortwelt mit seinen jeweils eigenen Erfahrungen zu erleben. Das Schloß ist noch rätselhafter als Der Prozeß, weil es ein weniger stringentes Handlungszentrum und gleichzeitig als Fragment kein Ende hat. Laut Max Brod wollte Kafka K. am Ende genau dann sterben lassen, wenn er die Aufenthaltsgenehmigung für das Dorf erhält.

Was mich bei der erneuten Lektüre des Romans am meisten fasziniert, ist die von Anfang bis Ende beklemmende Atmosphäre und die beschämende Behandlung der Familie Barnabas. Es sei kurz in Erinnerung gerufen, dass diese Familie im Schloss und im Dorf völlig in Ungnade fällt, weil Tochter Amalia sexuell schmierige Avancen eines Schloßboten zurückweist. Selbst als sich die Familie danach mit dem Versuch finanziell ruiniert, die Gnade des Schlosses wieder zu erlangen, bleibt sie bei ihrer aufrechten Haltung. Damit ist Amalia der aufrichtigste Mensch im Roman und zeigt am meisten Zivilcourage. Die Schilderung Olgas, wie die Barnabas in diese Notlage gekommen sind, gehört nicht nur zu den beklemmendsten Passagen des Romans, sie steht auch prototypisch für die Unterdrückungsmechanismen und opportunistische Kollaboration in autoritären Machtsystemen. Die vom Leser erwartete Reaktion wäre Empörung und Rebellion der Unterdrückten, am besten noch mit einem happy ending. Statt dessen folgt deren schwer erträgliche Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung, was die Lektüre noch unangenehmer macht. Amalias Schwester Olgas prostituiert sich schließlich an niedrige Schloßbeamte, damit ihre Familie überhaupt überleben kann. Fast alle Autoritätsfiguren, mit denen K. in Kontakt kommt, verhalten sich inhuman und herablassend.

Ein Teil des Beklemmungsgefühls entsteht einerseits durch erzählerische Mittel, wie die „enge“ personale Erzählperspektive und die oft „bürokratische“ Sprache. Andererseits durch den raffinierten Rahmen des Romans: Eine hypermodern und totalitär agierende anonyme Bürokratie in einem idyllisch-feudalem Setting. Das gequälte, hilflose Individuum einem unverständlich und unmenschlich agierendem Machtapparat gegenüberstehend, ist wohl jener Aspekt, welcher die Leser seit jeher am meisten anspricht, wofür auch die Bedeutung des beliebten „kafkaesk“ spräche. Das Quälende ist immer präsent, wenn im Schloß auch deutlich indirekter als in der brutalen Strafkolonie.

Dieser in einen scheinbar normalem Alltag eingebettete aggressive Anti-Individualismus eines Verwaltungsapparates macht den Kern der Kafkaschen Dystopie aus, und zählt deshalb sicher zum politisch hellsichtigsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Kafka wird aufgrund der tiefen anthropologischen Verankerung seiner literarischen Autopsie der Moderne auch dann bei seiner Leserschaft noch Beklemmung verursachen, wenn die Dystopien Orwells und Huxleys technisch längst überholt sind.

Kafka: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten

Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf.

Ich wundere mich eben selbst, wie wenige Notizen es hier über Franz Kafka gibt, obwohl er zu meinen Favoriten zählt. Der Grund dafür ist einfach: Meine ausführliche, auch akademische Beschäftigung mit ihm war in den neunziger Jahren, also bevor ich alle meine Lektüren in Notizen verwandelte.

Es gibt sicher keinen Autor über den mehr Haarsträubendes geschrieben worden wäre als über Kafka. Deutungsexperten aller Couleur stürzten sich auf seine Texte wie Eisenspäne auf einen Elektromagneten. Der Kardinalfehler der Kafkalektüre besteht darin, seine Texte in eine der gängigen Schubladen stecken zu wollen, wie es hermeneutische Spießer seit Jahrzehnten versuchen. Dabei ist das korrekte Kafkalesen nicht schwer: Man muss sich auf die Mehrdeutigkeiten der Texte einlassen und ihre Fremdheit akzeptieren. Kurz: Ihnen literarischen Respekt entgegen zu bringen anstatt sie mit diversen textlichen Folterwerkzeugen zu bearbeiten.

Ein Landarzt versammelt die gedruckten kleineren Arbeiten Kafkas, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind, und basiert auf der Kritischen Ausgabe. Nirgends ist Kafka ja seltsamer als in seiner kürzeren Prosa. Liest man die Romane, so gewöhnt man sich trotz aller Seltsamkeiten schnell an den fiktionalen Kosmos. Auch Leser sind Gewohnheitstiere. Bei den Erzählungen und parabelartigen Texten bleibt dafür keine Zeit: Kaum tastet man sich in die Textwelt hinein, schon ist man am Ende angelangt. Je kürzer, desto nachhaltiger ist dieser Effekt. In der Mitte zwischen den Romanen und den Parabeln stehen die Erzählungen mittlerer Länge wie Die Verwandlung und In der Strafkolonie. Letztere halte ich für eines der besten Werke Kafkas, kombiniert er darin doch seine „unmenschliche“ literarische Ästhetik inhaltlich mit einem schonungslosen Blick auf die Natur des Menschen. Kafka ist einer der wenigen Autoren, die mit großer Leichtigkeit hinter die dünne menschliche Zivilisationsfassade blicken. Deshalb wird er seit Jahrzehnten als großer Prophet gefeiert. Dabei war seine Kernkompetenz nicht die Prophetie, sondern sein anthropologischer Röntgenblick.

Faszinierend ist es, wie vielfältig die „kleinen“ Texte Kafkas sind, obwohl man sie sofort als Kafkatexte erkennt. Ihnen genügend Zeit zu geben ist ebenso wichtig wie mit den Mehrdeutigkeiten leben zu können.

Franz Kafka: Ein Landarzt: und andere Drucke zu Lebzeiten (Fischer Taschenbuch)

Kafka in Amerika

Hauled before a military tribunal at the American naval base in Guantánamo Bay, the detainee, picked up in Afghanistan, asked why he was being held. For association with a member of al-Qaeda he was told. Give me his name, the detainee demanded. The tribunal’s president said he didn’t know it. Nor did any of the tribunbal’s other members. „How can I respond to this?“ the detainee cried before being taken back to his cell to continue his detention, perhaps for the rest of his life. [Economist 6.10., S. 65]

Kafka-Gedenkstätte Kierling

Wenige Kilometer hinter Klosterneuburg findet man das Gebäude des ehemaligen Sanatoriums in dem Kafka starb. Sein Krankenzimmer wurde in eine kleine Gedenkstätte umgewandelt (den Schlüssel bekommt man bei einer netten alten Dame im Erdgeschoss). Neben Kopien einiger Krankheitsdokumente finden sich dort einige Schautafeln zu Kafkas Leben und einige Bücher. Wenig spektakulär alles in allem. Zwei bis drei Besucher verlaufen sich pro Woche dorthin, ab und zu eine Gruppe.

Franz Kafkas Amtliche Schriften…

…liegen nun in einem tausendseitigen neuen Band der Kritischen Ausgabe vor. Die SZ hat den Titel schon besprochen.

Kafka und Prag

In Salzburg kann man hautnah miterleben, wie man den Salzburgkritiker Mozart in eine verkitschte Gelddruckmaschine verwandelt hat. Ein paar Jahre in Salzburg lebend, konnte ich diese Kombination aus fulminanter Geschmacklosigkeit und schlecht getarnter Geldgier fast täglich erleben, es genügte ja ein Gang durch die Altstadt.

Nachdem Prag sich nun seit einiger Zeit dem Segen des Kapitalismus erfreuen darf, erwartete ich dort Ähnliches zu sehen, nur eben mit Kafka statt Mozart in der Hauptrolle. Weit gefehlt. Ja, es gibt Franz-Kafka-Restaurants und es gibt Franz-Kafka-Kaffeehäuser. Auch an einigen zweifelhaften Souveniren fehlt es nicht. Trotzdem ist der Umgang der Prager mit ihrem berühmten Bürger vergleichsweise dezent.

Zu dezent? Mein Erstaunen war groß als ich nur das Geburtshaus mit einer Gedenktafel versehen fand. Weder den Wohnungen Kafkas, noch seine Schule(n) oder Arbeitsstätten ist von außen anzusehen, dass es sich um wichtige literarische Orte handelt. Offenbar bestehen von tschechischer Seite noch Vorbehalte, sich im öffentlichen Raum mit dem jüdisch-deutschen Schriftsteller auseinanderzusetzen.

Unterwegs war ich mit dem vorzüglichen Band „Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch“ von Klaus Wagenbach, das seinen Zweck nicht besser hätte erfüllen könnte. Auf den Umschlagseiten jeweils ein alter und ein aktueller Stadtplan, in denen alle Stätten penibel eingetragen sind. Im Text werden die jeweiligen Orte ausführlich beschrieben und mit Zitaten ergänzt. Besonders hilfreich und ansprechend sind die zahlreichen Fotos aus dem alten Prag, so dass man auf einen Blick erkennt, ob ein Gebäude noch im ursprünglichen Zustand ist. Der perfekte literarische Reiseführer.

Neue Briefe Franz Kafkas entdeckt

Unveröffentlichte Korrespondenz publizierte das Wiener Antiquariat Inlibris, wie der Standard berichtet.

Neue Kafka-Biographie

Fünfzehn Jahre lang soll Reiner Stach an der auf drei Bände angelegten Biographie gearbeitet haben. Der erste Band, „Die Jahre der Entscheidungen“, soll demnächst erscheinen. [Perlentaucher]

Addendum Jan. 2010: Mittlerweile gibt es einen zweiten Band, „„Die Jahre der Erkenntnis“.

Franz Kafka: Briefe 1900-1912

S. Fischer (Amazon Partnerlink)

Eine vorbildliche Briefedition. Sorgfältig kommentiert, mit einer Reihe von Faksimiles versehen (etwa von Kafka verschickten Ansichtskarten), außerdem handwerklich gut verarbeitet, so dass die 50 Euro pro Band gut angelegt sind.

Viele der Briefe kennt man schon, es finden ja immer wieder die selben berühmten Zitate Eingang in Monographien und Biographien. Während die erste Hälfte des Buches einen ziemlich großen Zeitraum abdeckt, wird der zweite Teil mit den Briefen aus dem Herbst und Winter 1912 bestritten. Monomanisch beschickt Kafka Felice Bauer mit Briefen, oft mehrere mehrseitige Schreiben pro Tag. Das Lesen dieser Ergüsse verlangt einem einiges an Geduld ab, sehr viele Zeilen beschäftigen sich damit, wann welcher Brief angekommen ist (oder nicht), wann wer welche Briefe schreiben soll usw.

Ästhetisch spannend dagegen die Passagen, die sich mit Kafkas literarischer Arbeit beschäftigen. Nur wenige Autoren der Weltliteratur dürften dem Schreibzwang als Kunstzwang so verfallen gewesen sein. Wer sich für die psychologische Seite des Kunstschaffens interessiert, wird kaum ergiebigere Quellen finden als Kafkas Briefwechsel.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas

Kafka hasste seinen Vater und nahm zeitlebens seine Mahlzeiten mit der Familie ein. Er war höchst lärmempfindlich, klagte ständig eloquent darüber, und bewohnte viele Jahre lang ein Durchgangszimmer (!) in der elterlichen Wohnung, obwohl er sich dank seines Brotberufs jederzeit eine eigene ruhige Wohnung hätte leisten können. Oft fällt es schwer, Kafkas Verhalten verstehen.

Die Lebensgeschichte Kafkas zu schreiben, gehört sich zu den größeren Herausforderungen der Biographenzunft. Der in Berlin geborene und 1933 in die USA emigrierte Ernst Pawel wagte den Versuch und legte das Ergebnis 1984 vor: „The Nightmare of Reason. The Life of Franz Kafka“. Den Kennern sei es gleich gesagt: Neue Erkenntnisse sind in dem Buch nicht zu finden. Wer sich jedoch mit einer ausführlichen (500 eng bedruckte Seiten), in weiten Teilen soliden und gut lesbaren Biographie zufrieden gibt, wird nicht enttäuscht werden.

Der historische Kontext, der Freundeskreis, Prag (…) werden kompetent und prägnant beschrieben. Vergebens sucht man dagegen viele Klischees, etwa das des lebensfremden, blind durch das Leben stolpernden Dichters. Diese Einschätzung wird üblicherweise den Briefen und Tagebüchern entnommen, und Kafka hat sich selbst tatsächlich so beurteilt. Pawel stellt diesen zermürbenenden Selbstzweifeln eine objektive Sicht entgegen: Kafka leistete als Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt hervorragende Arbeit, bekam ausgezeichnete Zeugnisse, wurde regelmäßig befördert und mit immer wichtigeren Aufgaben betraut. Von praktischer Lebensunfähigkeit im Beruf also keine Spur.

Erfrischend auch Pawels mangelnde Ehrfurcht vor der akademischen Kafka Forschung. Abwegige Interpretation weist er zurück, hält sich lieber an das Werk als an von außen an den Text herangetragene Theorien. Allerdings geschieht dieses Zurückweisen mehr aus Instinkt denn als theoretischer Einsicht, was für das Buch insgesamt gilt. Die einzige Theorie, auf die Pawel (erfreulicherweise sehr selten) zurückgreift ist die Psychoanalyse, wenn es um Kafkas Familienkonstellation geht. Manchmal neigt Pawel auch zu wenig nachvollziehbaren Pauschalurteilen, was der Klappentext wohl mit dem Adjektiv „meinungsfreudig“ zu kaschieren versucht.

Fazit: „Das Leben Franz Kafkas“ ist ein gelungenes Beispiel für das angloamerikanische Genre der Biographie. Sie eignet sich nicht nur für Literaturinteressierte, die aus unbegreiflichen Gründen die Welt Kafkas noch nicht betreten haben, sondern lohnt die Lektüre auch für dezidierte Kafka-Leser.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie (rororo)

12
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets