Israel

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Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

Israel, Ende Februar – Ein Kulturbrief [2006]

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine „pleasant“, sondern „a safe journey“. Willkommen im Nahen Osten.

Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.

Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel „The Olive Tree“ liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein „Welcome in Jerusalem“ zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.

Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.

Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.

Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.

Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das „Christian Information Center“ beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie „Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt“ (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt. Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.

Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte. An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.

An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus‘ ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.

Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).

An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.

Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen.

Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.

[Literatur und Kritik Mai 2006; © Christian Köllerer]

Archäologie in Israel

Die Ausgabe 1/2008 der Antiken Welt widmet sich schwerpunktmäßig Palästina. Besonders interessant sind die Artikel rund um das neu entdeckte Grab des Herodes (samt archäologischen Kontext) sowie über die aktuelle Qumran-Debatte. Neue Erkenntnisse stellen hier die gängige Auffassung, dass in der Siedlung gelehrte Essener tätig waren, in Frage. Für an Israel Interessierte, noch ein Link auf meinen Reisebericht.

Israel, Ende Februar [2006]. Ein Kulturbrief

[Nachzulesen in „Literatur und Kritik“ Mai 2006]

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine „pleasant“, sondern „a safe journey“. Willkommen im Nahen Osten.

Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.
Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel „The Olive Tree“ liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein „Welcome in Jerusalem“ zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.

Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.

Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.

Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.

Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das „Christian Information Center“ beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie „Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt“ (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt.

Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.

Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte.
An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.

An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus‘ ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.
Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).

An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.

Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen. Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.

Reise-Notizen Israel (4): Moscheen und Wüste

Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee sollte man auf keinem Fall versäumen, auch wenn man letztere seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen kann. Man sieht aber auch sonst viele Moscheen im Land. Auf den ersten und zweiten Blick wirkt es so, als lebten Juden und Moslems im Kernland durchaus friedlich miteinander. Die größte arabische Stadt ist Nazareth mit knapp 65.000 Einwohner, von denen etwa ein Drittel Christen sind. Es gab einige Initiativen, Araber mit israelischen Pässen eine Umsiedlung in die Palästinesergebiete schmackhaft zu machen. Die Resonanz war denkbar gering. Wer vertauscht schon freiwillig ein Leben in (nach Maßstäben der Region) Freiheit und Wohlstand mit dem in einem „Entwicklungsland“ wie dem Gazastreifen?

Israel ist ein kleines Land. Keine 400km lang und an höchstens 60km breit. In sechs Stunden kann mal also unter Einhaltung des Tempolimits von 90 km/h vom nördlichsten zum südlichsten Punkt fahren. Kurz, Israel ist geographisch belanglos und seine Größe indirekt proportional zur Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Zu allem Überfluss werden sechzig Prozent der Fläche auch noch von der Negev Wüste eingenommen, in der nur zehn Prozent der Bevölkerung lebt. Trotz diverser Bemühungen, diese Landschaft ökonomisch zu nutzen, bleibt sie weitgehend der Armee vorbehalten, nebst Touristen versteht sich. Angesichts der Schönheit dieser Wüste, ist es sicher ein kluger Schachzug, auf Wüstentourismus zu setzen. Persönlich zählt dieser Landschaftstyp zu meinen Favoriten, gaukelt er doch weniger als andere die Natur als antiurbane Utopie vor. Rousseau in der Wüste spazierend und vom edlen Naturmenschen träumend ist schwer vorstellbar. Gleichzeitig bieten sich neben der Weite eine Fülle von bizzaren geologischen Formationen, manche eine halbe Milliarde Jahre alt.

Der Timna Park kurz vor Eilat wäre so ein Beispiel, wo man gut ausgeschildert seine geologischen Kenntnisse auffrischen kann oder einfach die Ästhetik der erdgeschichtlichen Verwerfungen genießen. In Timna betrieben die Ägypter vor 3500 Jahren Kupferbergwerke, von denen sich einige archäologische Überreste finden. Der Versuch des modernen Israel, die Kupfervorkommen auszubeuten, musste man mangels Rentabilität schnell wieder eingestellen. Der Badeort Eilat am Roten Meer eignet sich nur für eine Übernachtung bei einer Fahrt durch die Wüste: Ein Tourismusort der schlimmsten Art.

Richtung Norden liegt ein weitere spektakulärer Wüstenort: Makthesch Ramon, der Ramonkrater. Ein riesiges in Millionen von Jahren durch Erosion entstandenes Tal, in dem ein geologischer Höhepunkt den nächsten jagt. Oberhalb liegt die Wüstenstadt Mizpe Ramon, soweit man bei 5000 Einwohnern von „Stadt“ sprechen will. Die Bewohner sind überwiegend konservative Juden, die in schön angelegten Siedlungen leben und sich vom Leben in der Wüste offenbar die Laune nicht verderben lassen. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, womit diese Haushalte ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unwahrscheinlich, dass Israel dort 1500 Geologen beschäftigt :-)

Wer nach Israel fährt sollte sich unbedingt drei Tage Zeit für den Negev nehmen.

Reise-Notizen Israel (3): Das Land der Klagemauer

Wie nimmt man den Nachwuchs als religiöses Vollmitglied auf? Die jungen Katholiken erhalten von ihrem Bischof eine symbolische Ohrfeige, damit kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse besteht. Eine Bar Mizwa dagegen läuft dagegen als fröhliches Fest ab. Ich hatte in Jerusalem die Gelegenheit, zwei dieser Initiationsriten an der Klagemauer zu beobachten. Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Der Junge wurde lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere ließen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen. Ein erfrischender Kontrast zum verklemmten katholischen Ritual.

Auch sonst war der Betrieb an der Klagemauer beeindruckend. Viele Juden in diversen orthodoxen Trachten gingen ihren religiösen Pflichten nach, während im Hintergrund nicht nur die erwähnte Bar Mizwa ihren Lauf nahm. Männer sind, wie in den meisten Synagogen, von den Frauen getrennt, hier konkret durch eine im rechten Winkel verlaufende Wand. Wer die patriachalischen Tendenzen der monotheistischen Religionen kennt, wird nicht überrascht sein, dass den Frauen deutlich weniger Platz zugestanden wird. Über der Klagemauer erhebt sich der Tempelberg. Ein Schild des Rabbinats beim Aufgang weist darauf hin, dass es für Juden verboten ist, den Berg zu betreten.

Der Synagogenbau ist sehr vielfältig (inklusive Innenausstattungen) und in der Jerusalemer Altstadt sind höchst unterschiedliche Formen zu besichtigen. Im Israel Museum in Jerusalem sind zusätzlich noch drei historisch rekonstruierte zu sehen (Indien, Italien, Bayern).

Bei einer Reise quer durch Israel wird schnell deutlich, dass Religion im Alltag eine zentrale Rolle spielt. Mag auch die große Mehrheit der Israeli säkular sein, und die konservativen und gar orthodoxen Juden eine kleine Minderheit darstellen, scheint es doch einen Konsens über die Einhaltung der kulturellen Spielregeln zu geben. So ist mir in den knapp zwei Wochen nur koscheres Essen begegnet (in den Hotels, in den Supermärkten), sogar Chipspackungen werden mit den entsprechenden Referenzen versehen. Hotels betreiben am Sabbath sogenannte Sabbathaufzüge. Diese laufen dann wie eine Art Paternoster und bleiben auf jedem Stockwerk automatisch stehen. Der Strenggläubige darf ja nicht arbeiten, und damit wird er dem Drücken der Liftknöpfe enthoben.

Wer Wert darauf legt, säkular zu leben, ohne ständig von religiösen Ritualen belästigt zu werden, sollte Israel nicht zu seinem Wohnort wählen.

Bernard Lewis: Stern, Kreuz und Halbmond

Untertitel: „2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens“

Piper (Amazon Partnerlink)

Lewis gilt als Kenner des Nahen Ostens, weshalb ich mich bei meiner Buchauswahl für ihn entschied. Auf gut 500 Seiten eine Geschichte dieses ereignisreichen geographischen Raums zu verfassen, ist ein mutiges Unterfangen. Eine rein chronologische Abhandlung vorzulegen, wäre die naheliegende Vorgehensweise gewesen. Lewis entschied sich jedoch für unterschiedliche Darstellungsformen und gliederte sein Buch in vier große Teile:

Die „Vorgeschichte“ liefert den historischen Rahmen vor Christentum und Islam. Daran schließen die „Anfänge und Höhepunkte des Islams“ an, wobei die Frühgeschichte nicht zu kurz kommt. Dem folgen Lewis‘ „Querschnitte“ (Staat, Wirtschaft, Eliten, Volk, Religion und Gesetz, Kultur). „Die Herausforderung der Moderne“ ist der Titel des letzten Teils und führt (fast) bis an die Gegenwart.

Der Leser erhält auf diese Weise einen umfangreichen Einblick in den Nahen Osten. Der Autor führt den Interessierten von der Blüte der islamischen Kultur und Gelehrsamkeit bis hin zum langsamen, aber stetigen Niedergang des osmanischen Reiches. Einen der Hauptgründe für den Untergang sieht Lewis im mangelnden Interesse für Europa. Was sollten diese Ungläubigen schon zu bieten haben? Mit dieser Einstellung bekam man kaum etwas von der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert oder der späteren industriellen Umwälzung mit. Als durch verlorene Kriege nach und nach der technische Rückstand augenscheinlich wurde, war es für ein eigenständiges Aufholen zu spät. Bis in die Gegenwart sind diese Mängel ja zu beobachten, etwa fehlende herausragende naturwissenschaftliche Leistungen in dieser Weltgegend.

Interessant fand ich einen Teilaspekt der Erklärung, warum der Islam im Mittelalter Europa weit überlegen war. Lewis weist auf die große Bedeutung der Pilgerreise nach Mekka hin. Während in Europa die meisten Normalsterblichen selten ihr Dorf oder ihre Stadt verließen, brachen unzählige Muslime jedes Jahr zu einer langen Reise nach Mekka auf. Nun haben Reisen bekanntlich eine Reihe von intellektuellen Nebenwirkungen: Man lernt andere Kulturen kennen, trifft sich auf andere Menschen, fördert den Handel, kurz man erweitert den Horizont. Reiche Pilger pflegten übrigens auf die Reise eine Reihe von Sklaven mitzunehmen, die sie dann unterwegs zur Befüllung ihrer Reisekasse nach und nach verkauften: Sklaven als mittelalterliche traveller checks.

Das Buch liefert willkommene Hintergrundinformationen für die aktuellen Debatten und ist nicht nur deshalb der Lektüre wert.

Reise-Notizen Israel (2): Von Pilgern, Predigern und Petrus

Ist man auf den Spuren untergegangener Kulturen unterwegs, sagen wir der ägyptischen oder altgriechischen, hat das einen klaren Vorteil: Man begegnet in den Kultstätten keinen Vertretern dieser Religionen mehr und kann sich auf die Besichtigung konzentrieren.

Anders bei den christlichen Stätten in Israel, wo man immer Gefahr läuft, von ekstatischen Nonnen oder exzentrischen Laien überrannt zu werden. Nicht zu reden von herumpilgernden Bischöfen samt Anhang und anderen von der klerikalen Hierarchie bevorzugten Würdenträgern. Es gibt keine christliche Splittergruppe, die nicht vor Ort wäre. Man sieht alle denkbaren Trachten, vom Bischofsornat bis zur malerischen Uniform der Malteser Ritter (die gibt es tatsächlich noch).

Kurz, es ist mindestens ebenso interessant, die Pilger zu beobachten wie die antiken Stätten. Zumal viele der geographischen Referenzpunkte archäologisch nicht belegt sind. Nehmen wir beispielsweise die angebliche Stelle im Jordan, wo Jesus von Johannes getauft wurde. Diese liegt sehr günstig in der Nähe der Hotels beim See Genezareth und, wie es die göttliche Vorsehung wollte, auch an wichtigen Durchfahrtsstraßen. Naturgemäß weiß man nicht, wo (das ob sei einmal ausgeklammert) sich Jesus dieser Prozedur unterzog. Weshalb also nicht eine logistisch günstige Stelle nehmen? Vor Ort kann man sich dann gegen eine moderate Gebühr ein weißes Kleid ausleihen und sich in der schmutzigen Brühe des Jordans neu taufen lassen. Dieser berühmte Fluss gleicht, en passant bemerkt, mehr einem Bach als einem würdigen Strom, und dürfte für Semantiker ein problematisches Exempel der Abgrenzung zwischen „Fluss“ und „Bach“ darstellen. Man kann also die Enttäuschung Mark Twains nachvollziehen, der einen zweiten Mississipi erwartete und ein Rinnsal vorfand.

Rund um den See gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus neutestamentlicher Zeit. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich aufs bequemere aposteln verlegte. Erwähnenswert auch die Überreste der alten Synagoge des Ortes, die als der älteste erhaltene Sakralbau dieser Art gilt.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen sang, genauer schrie eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte.

An Nazaret läßt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung zeigen. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen. Zu sehen gibt es in Nazaret eine Reihe von Kirchen, die alle jüngeren Datums sind. So die große Verkündigungskirche, die 1969 von Giovanni Muzio fertiggestellt wurde.

Reise-Notizen Israel (1): “Any weapon”?

Angesichts der angespannten Lage im Nahen Osten ist Israel sicher kein klassisches Reiseziel. Überraschend war es aber trotzdem, in Tel Aviv vom Bordpersonal der Austrian Airlines nach der Landung mit einem „have a safe journey“ hinauskomplimentiert zu werden, anstatt dem gewohnten „pleasant“ als Adjektiv. Die Sicherheitskontrolle bei der Einreise war unerwartet kurz.

Subjektiv fühlte ich mich die gesamte Reise lang sehr sicher, die mich von Tel Aviv zu den Golanhöhen im Norden führte, nahe der libanesischen und syrischen Grenze. Danach ging es mit einigen Zwischenstationen nach Eilat, dem südlichsten Punkt des Landes, von dem man neben Jordanien und Ägypten auch Saudi Arabien erspähen kann. Reiseabschluss schließlich in Jerusalem.

Dem persönliche Sicherheitsgefühl widersprachen allerdings die Kontrollen in Hotels und Museen. Sogar beim Besuch eines Dorflokals bei Jerusalem in En Kerem durchsuchte ein junger Bursche die Taschen der Besucher und fuchtelte gewichtig mit einem Metalldetektor herum. Fährt man mit dem Taxi vor einem Museum vor, wird routinemäßig der Kofferraum inspiziert. Schließlich sieht man in ganz Israel immer wieder rundbäuchige Stahlbehälter herumstehen, welche der Bombenentschärfung dienen.

Diese Kombination vielfältiger Maßnahmen scheint aber effektiv zu sein: Die Zahl der Anschläge hält sich seit einiger Zeit in Grenzen, wozu auch die umstrittene neue Grenzmauer ihren Beitrag leistet.

Am Auffälligsten für den Durchschnittseuropäer ist aber die Vielzahl an Waffen im öffentlichen Leben. Bekanntlich rücken nach der Schule junge Männer für drei Jahre (Mädchen für zwei) in die IDF (Israel Defense Force) ein. Die Armee zählt zu den (auch sozial) wichtigsten Einrichtungen des Landes, was einen nicht verwundert, wenn man weiß, wie sehr Israels Existenzrecht angefeindet wird. Die Wehrpflichtigen laufen nun vollständig bewaffnet durchs Leben, d.h. mit ihrem Sturmgewehr auf dem Rücken. In meinem Hotel in Mizpe Ramon, einer Kleinstadt mitten in der Negevwüste, kamen zwei junge Soldaten selbst zum Frühstücksbuffet mit umgehängten M16. Während der Reise begegnet man immer wieder voll bewaffneten Soldatengruppen auf Ausflügen oder Rundgängen. Man kann sich vorstellen, wie sich Araber in Ostjerusalem fühlen, wenn 20 junge Israelis in voller Montur durch den arabischen Teil der Altstadt „spazieren“.

Apropos Ostjerusalem. Angesichts der medialen Hysterie rund um die Mohammed-Karikaturen, war ich natürlich gespannt, ob sich diese Spannung im Umgang mit Arabern irgendwie bemerkbar machte. Diesen Gedanken im Hinterkopf begann ich meinen ersten ausführlichen Spaziergang durch Ostjerusalem und schon bald kam mir eine Gruppe von palästinesischen Jugendlichen entgegen, die mich interessiert musterten. Sie kamen langsam näher, um mich dann mit einem herzlichen „Welcome in Jerusalem“ zu begrüßen.

Die Sicherheitskontrollen bei der Ausreise waren extensiv. Man wurde ausführlich über die Reiseroute befragt, mit der deutlichen Intention einen in Widersprüche zu verwickeln. Der Koffer wurde sowohl nach Sprengstoff durchleuchtet als auch manuell durchsucht. Besonders Interesse erweckte auch meine letztjährige Reise nach Ägypten. Wann? Warum? Wohin? Mit wem? …

Israel ist ohne Zweifel ein Polizeistaat, was aus europäischer Perspektive zwar einen schlimmen Beigeschmack hat, wofür man vor Ort angesichts der Bedrohungslage jedoch auch sehr viel Verständnis aufbringt. Wer sieht, wie dieses unwahrscheinliche Experiment eines neuen Staates in den letzten 60 Jahren reüssierte und welche gewaltige Aufbau- und Integrationsleistung (Einwanderer aus mehr als 100 Ländern mit 80 unterschiedlichen Sprachen!) die Israelis zustande brachten, sollte sich mit voreiligen Verurteilungen zurück halten.

Bernard Wasserstein: Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt

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Die große Rolle ist bekannt, die Jerusalem in der internationalen Politik der letzten 150 Jahre spielte. Eine „Diplomatiegeschichte“ darüber zu schreiben, ist also nahe liegend. Wasserstein stellt sich dieser Aufgabe und gibt einen ausführlichen Überblick über die Jerusalemfrage. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert, aber auch das 19. kommt nicht zu kurz. Die Westmächte setzten das gesschwächte Osmanische Reich nach allen Regeln der Kunst unter Druck, um das beste für ihre Klientel in der Stadt herauszuholen. Nach der Gründung des Staates Israel und der Besetzung Ostjerusalems beschreibt der Historiker umfassend die daraus resultierende diplomatische Krise.

Wasserstein läßt auch die Rivalitäten der einzelnen Religionsgruppen Revue passieren. Immer wieder überlagern die Feindseligkeiten der christlichen Konfessionen untereinander jene der zwischen Juden, Moslems und Christen. In guter Erinnerung ist mir eine Prügelei zwischen katholischen und orthodoxen Mönchen.

Man wünscht sich bei der Lektüre des öfteren, dass Wasserstein expliziter auf die symbolische Bedeutung der Stadt zu sprechen kommt und die Angelegenheit aus kultureller Perspektive betrachtet, zumal er das in der Einleitung ankündigt. Alles in allem eine solide, lesenswerte, aber uninspirierte Abhandlung zu diesem interessanten Thema.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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