Giorgione

Giorgione. Mythos und Enigma

Kunsthistorisches Museum 12.4.

Ausstellungskatalog (Amazon Partnerlink), Pressetext

Es gibt ja – entgegen zahlreicher populärer und gelehrter Vorurteile – eine Reihe von Kriterien, um ästhetische Qualität zu beurteilen. Wenn beispielsweise Hermeneutiker heftig zu streiten beginnen, wie ein Werk nun richtig interpretiert werden muss, zeigt das nicht nur, dass die Betreffenden wenig Ahnung vom polyvalenten Wesen der Kunst (Literatur, Musik) haben, sondern deutet in der Regel auf spannende ästhetische Eigenschaften hin.

Giorgones Werke etwa werden höchst kontrovers gedeutet, so als sei ein Künstler von vorneherein verpflichtet nach den gängigen historischen Schablonen zu malen. Dass der mit zweiunddreißig Jahren verstorbene Maler dies ziemlich konsquent verweigert, kann man sich in einer hochkarätigen kleinen Ausstellung im Kunsthistorischen Museum ansehen. Erstmals ist dort auch „La Tempesta“ außerhalb Venedigs zu sehen, eine in nicht nur farblich ausgesprochen spannende Komposition.

Wer sich für kunsthistorische Methodologie interessiert, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Es sind enige Infrarot und Röntgenaufnahmen ausgestellter Bilder zu sehen, so dass man auch als Laie die Bildentstehung bzw. Übermalungen genau verfolgen kann. So auch bei einem meiner Lieblingsbilder, den drei Philosophen.

Giorgione: Die drei Philosophen

Kunsthistorisches Museum Wien

Eines der mich derzeit am meisten beschäftigenden Bilder der Sammlung. Es ist nicht überliefert, ob Giorgione drei bestimmte Denker im Sinn hatte, als er 1509 das Gemälde schuf. Neben dem Greis ganz rechts, in dem viele einen antiken Philosophen sehen wollen, steht ein Mann mittleren Alters. Er ist orientalisch gekleidet, was die Interpretation nahelegt, dass damit die Bedeutung der arabischen Philosophie für die Renaissance gewürdigt wird.

Sehr interessant ist nun der jüngste Philosoph. Sein Blick richtet sich nach oben und er hält ein astronomisches Instrument in Händen. Die Versuchung ist groß, dies als einen für den Anfang des 16. Jahrhunderts sehr hellsichtigen Hinweis auf die erkenntnistheoretische Bedeutung der Naturwissenschaften zu interpretieren. Damit hätte Giorgione ein beinahe prophetisches Werk geschaffen, was die Entwicklung der Geistesgeschichte angeht.

Links im Bild ist eine Höhle zu erkennen, natürlich ein Verweis auf Platons berühmtes Gleichnis. Alles in allem ein faszinierendes, vielschichtiges Gemälde, das berechtigterweise eine Vielzahl von Interpretationen hervorrief.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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