Faust

Gernot Plass: Faust-Theater

TAG 23.10. 2015

Text und Regie: Gernot Plass

Faust: Julian Loidl
Mephisto (und viele andere): Jens Claßen
Gretchen (und andere): Elisabeth Veit
Autor (und viele andere): Raphael Nicholas
Direktor, Marthe (und viele andere): Georg Schubert

Den Untertitel „Sehr frei nach Goethes ‚Faust'“ trägt das Stück zu Recht, handelt es sich doch um eine Transponierung des Stoffes in die Gegenwart. So ist am Anfang gleich von Smartphones die Rede, welche das Publikum vom Theater ablenkten und am Ende gar von der einheitlichen Feldtheorie, welche Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantentheorie vereinigt. Freilich passieren bei dieser Aktualisierung auch kleinere Fehler, etwa wenn Dunkle Materie als „Dunkle Masse“ bezeichnet oder Deduktion mit Induktion verwechselt wird (Fragebögen sind eine induktive Methode, werden aber als Beispiel für Deduktion genannt).

Die inhaltlichen Kernelemente der berühmten Vorlage werden beibehalten: Der Rahmen (Vorspiel auf dem Theater), die Wette zwischen Gott und Mephisto, Fausts Eingehen auf diese Wette und die Gretchentragödie. Bei der restlichen Szenenauswahl war weniger das intellektuelle Potenzial des Textes das Kriterium, sondern aus welchen man die meiste theatralische Komik schlagen kann, etwa der nächtliche Besuch Wagners oder die von Georg Schubert hochkomisch als Transvestit gespielte Marthe. Die Gratwanderung zwischen dieser Komik und existenziellen Fragen funktioniert überraschend gut, weil der Rahmen (Theaterdirektor, Autor, Clown) hier eine entsprechende Metaebene schafft, um diesen Konflikt aufzulösen.

Das Ergebnis sind mehr als zweieinhalb Stunden geistreiches und amüsantes Theater. Die Inszenierung kommt mit vier Schauspielern und einer Schauspielerin aus, die alle eine hervorragende Leistung liefern. Der Theaterabend bestärkt mich in meinem Vorsatz, öfter einmal die mittleren und kleineren Theater Wiens zu besuchen.

Murnau: Faust. Eine deutsche Volkssage (1926)

Filmcasino / Akkordeon Festival 23.2. 2014

Tino Klissenbauer: Akkordeon
Florian Wagner: Gitarre

Das Akkordeon Festival ist inzwischen auch eine wichtige Bereicherung der Wiener Filmszene, werden doch Jahr für Jahr wieder Stummfilme mit Livemusikbegleitung gebracht. Den Auftakt heuer machte Murnaus Faustverfilmung. Wie Murnau diesen Klassiker mit den filmischen Mitteln der zwanziger Jahre in Szene setzt, ist visuell beeindruckend. Ebenfalls sein freier Umgang mit dem Stoff. Von Goethes Faust nimmt der Regisseur vor allem die Gretchengeschichte, die er teils unglaublich werkgetreu (Spinnrad) teils völlig frei interpretiert. Fausts Beschwörung des Mephisto wird hier nicht durch individuelle Verzweiflung und Weltekel motiviert, sondern durch die Pest, welche die Bewohner seiner Stadt dahin rafft. Faust will ihnen helfen und beschwört deshalb aktiv das Böse, während Mephisto bei Goethe Faust bekanntlich buchstäblich zuläuft. Das Intellektuelle tritt bei Murnaus Faust deutlich zurück. Das Studierzimmer des Gelehrten, in dem die sich Bücher wie Müll stapeln, setzt das drastisch ins Bild.
Musikalisch setzten die beiden Musiker viel auf Elektronik. Während die Pestszenen von einer starken Rhythmik beherrscht waren, trat diese am Ende sehr zurück. Insgesamt schaffen es die beiden aber, den Film ästhetisch sehr zu unterstützen, speziell was dessen Emotionalität betrifft. Ein sehr erfreuliches Erlebnis.

Gounod: Faust

Wiener Staatsoper 2.2. 2012

Dirigent: Alain Altinoglu
Regie: Stephane Roche
Le Docteur Faust: Jonas Kaufmann
Méphistophélès: Albert Dohmen
Valentin: Adrian Eröd
Marguerite: Inva Mula

Faust (1859) ist das bekannteste Werk des Franzosen Charles Gounod. Ein spannendes Projekt, das als „urdeutsch“ geltendes Stück als französische Oper auf die Bühne zu bringen. Zumal er sogar patriotische Soldatenchöre integriert. Wie im jüngsten Faust-Film, konzentriert sich auch Gounod vor allem auf die Gretchen-Tragödie. Das ist insofern erstaunlich als der Komponist Philosophie und Theologie studierte, ihm also der intellektuelle Gehalt des Stücks eigentlich interessiert haben müsste.

Musikalisch erinnert die Oper an italienisches Belcanto: Eine schöne Melodie jagt die nächste. Lange Arien, Ensembles und Chorszenen sind sehr auf Effekt arrangiert. Das Ergebnis ist ein kulinarisch ergiebiger Opernabend, speziell wenn die Aufführung auf musikalisch so erfreulichem Niveau gegeben wird, wie in diesem Fall. Die Inszenierung war (dem Bühnenbild nach) modern, allerdings ohne irgendwelche Akzente zu setzen.

Faust

Filmcasino 13.1.

Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow

Ein Faust-Film, der den Goldenen Löwen nebst vielen Vorschusslorbeeren erhält, machte mich selbstverständlich so neugierig, dass ich gleich die erste Aufführung besuchte. Auch so mancher Burgschauspieler konnte es offenbar nicht erwarten und saß im Publikum.

Eines ist gleich zu Beginn festzuhalten: Es ist keine Goethe-Verfilmung. Zwar gibt es viele Bezüge und Zitate zu Goethes opus magnus, allen voran die im Zentrum stehende Gretchentragödie, sowie einige wenige der berühmten Zitate; ansonsten bewegt sich die Handlung aber sehr frei dem Text entlang. Mephisto tritt als Mauritius in einem grotesk verzerrten Körper auf. Der zweite Teil wird nur kurz durch die Homunculus-Geschichte gestreift.

Ästhetisch ist dieser Faust einer der ungewöhnlichsten Filme, die ich je sah, von radikalen Avantgardeproduktionen einmal abgesehen. Allerdings kenne ich die anderen Filme Sokurows nicht. Die historische Szenerie ist zu Beginn in einem Naturalismus gehalten, der an Monty Python and the Holy Grail erinnert: Es regiert die Unappetitlichkeit. Als der Teufel schließlich dem Doktor Gesellschaft leistet, der die Szenerie übrigens nicht als Pudel, sondern als Pfandleiher betritt, setzt Sokurow formal diverse verfremdende Mittel ein. Durch optische Verzerrungen fühlt man sich manchmal an die Malweise El Grecos erinnert. Die verwendete Bildfilter und die Farbpalette (Pastelle, Erdfarben, Monochromie) verstärken ebenso den surrealen Eindruck wie die Anleihen an die Stummfilmästhetik. Das grandiose Ende spielt in Islands grotesker Geysirszenerie, wo Faust seinen Widersacher zwar besiegt, aber dann in Richtung eines Gletschers weiterzieht.

Den Film durchzieht eine düster-klaustrophobe, pessimistische Stimmung. Menschen sind fast durchwegs unsympathisch. Hunger, Elend, Gewalt, Krieg, Dreck und Gier prägt diese Welt. Faust schnippelt auf der Suche nach der Seele malerisch an Leichnamen herum. Die Intellektualität des Goetheschen Faust spielt so gut wie keine Rolle. So ist es nur konsequent, dass die Gretchengeschichte am ausführlichsten inszeniert wird.

Wer die russische Literatur kennt, der wird sich nicht wundern, dass ausgerechnet ein russischer Regisseur einen so (im besten Sinn des Wortes:) seltsamen Film produziert.

Die Leistung der deutschsprachigen Schauspieler – Johannes Zeiler als Faust! – ist durchweg großartig. Die Qualität des Films liegt in seiner Radikalität und Ambiguität.

Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil

Burgtheater 21.11.

Regie: Matthias Hartmann

Heinrich Faust: Tobias Moretti
Mephistopheles: Joachim Meyerhoff
Gretchen: Katharina Lorenz
Marthe Schwerdtlein: Maria Happel
Der Herr: Ignaz Kirchner

Unbedingt wollte ich Joachim Meyerhoff noch als Mephisto sehen, der bis Ende November die Rolle des erkrankten Gerd Voss übernommen hat. So pilgerte ich online und offline durch diverse Kartenbüros und kaufte die bis dato teuerste Burgtheater-Karte meines Lebens. Erwartungsgemäß gibt Meyerhoff einen brillianten Teufel. Man müßte lange in der Theatergeschichte kramen, um eine vergleichbare Leistung zu finden.

Doch wer ist sein Pendant? Ein ebenso glanz- wie farbloser Tobias Moretti. Eine Energiesparlampe neben einem Flächenblitz. Das lag nicht nur an der mäßigen schauspielerischen Leistung Morettis, sondern auch an Regisseur Matthias Hartmann, der Faust als gehemmten Stubenhocker anlegte. Dadurch bekam der Abend eine beängstigende qualitative Schieflage und scheiterte auf hohem Niveau.

Die Inszenierung des aus Bühnensicht schwierigen Stücks gelingt Hartmann überraschend gut. Zwar wird die Walpurgisnacht fast komplett ausgelassen, aber sein reduzierter Stil (riesiges Leintuch mit „Himmel“; ein großer Multifunktionswürfel auf der Bühne; ein Chor; Schatteneffekte…) wechselt gekonnt zwischen Ironie und Tragödie.

Sieht man es zusammen mit dem zweiten Teil, der stark auf multimediale Effekte setzt, gibt das eine gelungene Kombination und zeigt das weite Spektrum, das Hartmann als Regisseur zur Verfügung steht.

Goethe: Faust – Der Tragödie zweiter Teil

Burgtheater 5.9.

Regie: Matthias Hartmann
Caroline Peters
Yohanna Schwertfeger
Simon Kirsch
Peter Knaack
Dietmar König
Joachim Meyerhoff
Tilo Nest
Stefan Wieland

Aus Gründen, die wohl tief in den Eingeweiden der Abonnementabteilung vergraben sein dürften, bekamen wir „Nach der Premiere“-Zykleninhaber zuerst den zweiten Teil von Goethes Tragödie zu sehen. Das Programmheft stimmte mich zuerst skeptisch, wenig Texte und diese dann von den üblichen Verdächtigen (Sloterdijk, Freud, Futurismus-Manifest…), ebenso stellte ich mir die Frage, wie Hartmann dieses Textmonstrum in nur zwei Stunden auf die Bühne bringen wollte.

Diese bestand aus mehreren transparenten Flächen, auf die man die Videos projezierte, die überwiegend live auf der Bühne gedreht wurden (Gesichter der Protagonisten, originelle Modellnachbauten etc.). Acht Schauspieler ergänzt durch Musiker und die Kameraleute reichten Hartmann, um sein improvisiert wirkendes Multimedia-Spektakel abzuwickeln. Wobei „improvisiert“ hier nicht negativ gemeint ist, sondern auf die entsprechende Bühnenästhetik verweist. Der Text ist natürlich ordentlich abgespeckt und wird maßvoll durch aktuelle Einschübe unterbrochen, wozu sich das Stück geradezu anbietet (Papiergeld und Inflation, Biologische Laboratorien etc.).

Mir gefiel vor allem Hartmanns Mut, das Stück in dieser Form anzugehen. Man probiert aus, was auf der Bühne geht, und siehe da, es funktioniert. Dazu trägt nicht zuletzt die exzellente schauspielerische Leistung bei, wobei jede(r) mehrere Rollen spielt. Die Inszenierung wird zwar nicht ins Pantheon der Faust-Inszenierungen aufgenommen werden, garantiert aber einen intelligenten und kurzweiligen Theaterabend.

Literaturfeinde in Hamburg

Das Banausentum hat offenbar die Herrschaft in der Hamburger Schulbehörde übernommen. Ab sofort müssen Abiturienten dort Goethes „Faust“ nicht mehr kennen, wie man hier nachlesen kann.

Goethe: Faust II [3.]

Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Hrsg.: Albrecht Schöne

Im Vergleich zum ersten Teil dieses berühmten Buches fristet der zweite ein Schattendasein. Viele Leser und auch viele Forscher konnten sich nicht wirklich dafür erwärmen. Das hängt mit der großen Abstraktheit des Textes zusammen, das zu den „künstlichsten“ in Goethes Oeuvre zählt.

Der erste Teil mit der Gretchen Geschichte wirkt dagegen geradezu populär. Auch der strukturelle Zusammenhalt über die Aktgrenzen hinweg hilft bei der Lektüre. Im Gegensatz dazu, sind die fünf Akte der Fortsetzung ästhetisch ziemlich selbständige Konstrukte, deren Kohärenz weniger im Text direkt angelegt ist, als in Goethes Idee das Nordische und das Klassische ästhetisch zu konfrontieren.

Dies geschieht neben den offensichtlichen Handlungselementen (Helena in einer deutschen mittelalterlichen Burg) auch durch zahllose Anspielungen bei deren Aufschlüsselung der ausführliche Kommentar Schönes ausgezeichnete Dienste leistet.

Läßt man sich auf diese abstrakte Ästhetik jedoch ein und verknüpft diese mit den zahlreichen „modernen“ Anspielungen (etwa zum Thema Geldwirtschaft oder Krieg), so ist die Lektüre des Faust II. wesentlich spannender als sein Ruf. Die Schöne-Ausgabe gibt es auch als Taschenbuch.

Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil [5.]

Herausgeber: Albrecht Schöne;
Wissenschaftliche Buchgesellschaft bzw. Deutscher Klassiker Vlg. TB bzw. Insel TB (Amazon Partnerlinks)

Immer wenn ich den „Faust“ lese, bin ich über die zahlreichen neuen Nuancen und Bezüge erstaunt, die sich erschließen. Die semantische und strukturelle Reichhaltigkeit ist ebenso verblüffend wie faszinierend. Die literaturgeschichtliche Leistung Goethes würdigt man am Besten, wenn man ein paar Jahrzehnte vor den „Faust“ zurückgeht, und sich die im internationalen Vergleich oft unbeholfene deutsche Literatur dieser Jahre ansieht.

Ich nahm diese Fünftlektüre zum Anlass, mir den vielgepriesenen Kommentar Albrecht Schönes näher anzusehen, der als separater Band dieser Faust-Ausgabe beigegeben ist. Die ersten 130 Seiten bestehen aus einer allgemeinen Einführung in das Werk sowie einem relativ kurzen editorischen Bericht. Diese Hinführung ist durchaus gelungen, seine editorischen Argumente scheinen schlüssig zu sein. Allerdings klingt Schönes Rechtfertigung der modernisierten Orthographie, eine Vorgabe des Deutschen Klassiker Verlags, wenig überzeugend, nach seinem ausführlichen Plädoyers alles so ursprünglich wie möglich zu lassen.

Der Stellenkommentar ist für Leser, die mit der Materie bereits einigermaßen vertraut sind, oft redundant. Für (junge) Literaturfreunde, die sich zum ersten Mal mit dem Buch auseinandersetzen, dürfte er eine große und verlässliche Hilfe sein.

“Faust” auf dem Theater

Ruth Heynen rezensiert die von Hans-Peter Bayerdörfer herausgegebene Aufsatzsammlung „Im Auftrieb. Grenzüberschreitungen mit Goethes Faust in Inszenierungen der neunziger Jahre“.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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