Evolution

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Religion und Evolution

Seit einigen Jahren wird die Frage heftig diskutiert, inwieweit man das Entstehen der Religion evolutionstheoretisch erklären kann. Nicholas Wade setzt sich damit in seinem Buch The Faith Instinct: How Religion Evolved and Why it Endures auseinander. Eine lesenswerte Rezension findet sich im Economist:

Whatever Darwin’s personal sensibilities, Mr Wade is convinced that a Darwinian approach offers the key to understanding religion. In other words, he sides with those who think man’s propensity for religion has some adaptive function. According to this view, faith would not have persisted over thousands of generations if it had not helped the human race to survive. Among evolutionary biologists, this idea is contested. Critics of religion, like Richard Dawkins and Steven Pinker, suggest that faith is a useless (or worse) by-product of other human characteristics.

[…]

These objections aside, this is a masterly book. It lays the basis for a rich dialogue between biology, social science and religious history. It also helps explain a quest for collective ecstasy that can take myriad forms.

Edward Larson: Evolution

The Remarkable History of a Scientific Theory

Larsons kleine Wissenschaftsgeschichte der Evolutionstheorie hörte ich in einer ungekürzten Fassung als Hörbuch. Präzise und kompetent erzählt Larson die Geschichte dieser wissenschaftlichen Revolution. Er fängt vor Darwin an, geht naturgemäß ausführlich auf dessen Leben und Werk ein, hält sich aber nicht zu lange im 19. Jahrhundert auf. Die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts werden ebenfalls ausführlich geschildert, inklusive der wichtigen Rolle der Molekulargenetik und Statistik bei der Fortentwicklung der Evolutionstheorie.

Auch die fehlgeleiteten Übertragungen der Theorie auf gesellschaftliche Phänomene in Form des Sozialdarwinismus und der eugenischen Bewegungen kommen nicht zu kurz.

Ein kompetentes Buch zum Thema, allerdings ohne intellektuelle Überraschungen.

Evolutionäres zum Jubiläum

Der Economist hat in seiner neuen Ausgabe einen grundsoliden Artikel über die aktuelle evolutionäre Lage der Welt veröffentlicht. Inklusive einer Länderstatistik, welche über den Grad der wissenschaftlichen Ignoranz in der Bevölkerung Auskunft gibt. Hübsch auch der Hinweis auf die These, nach der soziale Unsicherheit mit hohem Gottesglauben korreliert.

Janet Browne

Darwin’s Origin of Species: A Biography. (Books That Changed the World). Audiobook

Der Reihenname ist etwas irreführend. Zwar schreibt Janet Browne einiges rund um Darwins berühmtes Buch, im wesentlichen handelt es sich aber um eine Einführung in Leben und Werk Darwins und damit in die Evolutionstheorie. Sie macht das nicht schlecht und man bekommt eine ganz brauchbare Begleitlektüre. Enthusiastische Reaktionen auf das Buch wären aber übertrieben.

Darwin

The Voyage of the Beagle. Audiobook, ca. 15h

Im Rahmen meines kleinen Darwin-Projekts hörte ich im Oktober ungekürzt und im Original diesen Reisebericht. Bekanntlich befuhr Darwin ab 1831 als junger Mann, nachdem er den Widerstand seines Vaters überwunden hatte, als „naturalist“ an Bord der H.M.S. Beagle Teile der neuen Welt. Während dieser Reise reifte in ihm die Evolutionshypothese, die später dann nicht nur die Welt der Wissenschaft revolutionierte.
Im Vergleich zu „Origins of Species“, von denen hier ja schon die Rede war, ist „The Voyage of the Beagle“ eine im konventionellen Sinn unterhaltsamere Lektüre, bekommt man zu den zahlreichen botanischen, zoologischen und geologischen Beobachtungen doch auch noch Reiseabenteuer und exotische Schauplätze mit serviert.
Naturgemäß ist es sehr spannend, dem jungen Darwin beim Denken & Beobachten geistig über die Schulter zu sehen. Im Umgang mit der nativen Bevölkerung der Neuen Welt findet man einerseits Empörung über die gängigen üblen Praktiken, andererseits ist auch sehr unbekümmert von „savages“ die Rede. Sklaverei wird scharf abgelehnt.
An dem Buch wird jeder seine Freude haben, der sich für Wissenschaftsgeschichte und/oder Reiseliteratur interessiert.

David Quammen

The Reluctant Mr. Darwin. An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution. Audiobook

Im Zuge meines kleinen Darwin-Projekts stieß ich auf dieses kleine Buch, das in bester angelsächsischer populärwissenschaftler Tradion eine Einführung in Darwins Leben und Werk bietet. Keine spektakuläre publizistische Leistung, aber doch ein solider Titel, dessen Lektüre (in meinem Fall Anhören) durchaus lohnt.
Quammen konzentriert sich – mit biographischen Rückblenden – auf die Zeit der Entstehung der Evolutionstheorie. Darwins berühmte Reise auf der Beagle klammert er explizit aus. Man erfährt viel über die Vorläufer von Darwins Theorie, seine Lebensumstände, seine zum Teil skurrilen Experimente und natürlich auch über die Entstehung und Inhalt seiner berühmten Theorie. Auch die Verlagsseite der Angelegenheit (Verleger, Auflagen, Text) kommt dabei nicht zu kurz. Empfehlenswerter Begleiter zur Lektüre von „The Origins of Species“.

Charles Darwin: The Origin of Species

The Origin of Species. Or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. First Edition

Angesichts der Tatsache, dass Darwins Erstling wohl zu den einflussreichsten und berühmtesten Bücher zählt, die je geschrieben wurden, trifft man kaum Menschen, die es gelesen haben. Selbst unter Biologen kaum, allerdings genießt bei den meisten Naturwissenschaftlern die historische Perspektive keine sehr hohe Priorität, die Forschungsgegenwart dominiert.
Ich lese ja nun sehr gerne Klassiker aller Art, weshalb es nur eine Frage der Zeit war, bis „The Origins of Species“ an die Reihe kam. Ist der Entschluss gefasst, stellt sich gleich eine prinzipielle Frage: Welche Auflage soll man lesen? Zu Darwins Lebzeiten gab es sechs davon und an jeder hat er herumgebastelt. Nach einigen Recherchen war schnell klar: Die erste Auflage sollte es sein. Das macht nicht nur wirkungsgeschichtlich Sinn, es wird auch Darwins Intention klarer, wenn die zahlreichen späteren Ergänzungen noch nicht die Sicht auf den Originaltext versperren. Sperrig ist, cum grano salis, auch Darwins Stil bereits in der Erstauflage, so dass weiteres Hineinflicken von Sätzen kein Vorteil sein kann.
Hätte ich Darwin in einer deutschen Übersetzung gelesen, wäre sicher schnell der Einwand entstanden, warum der Übersetzer aus englischen Sätzen deutsche Schachtelsätze konstruieren muss. Im Original wird jedoch schnell deutlich: Darwin versteht es meisterhaft, die konzise englische Sprache dahingehend zu erweitern, dass er immer wieder erstaunlich lange Schachtelsätze konstruiert. Ab und zu finden sich auch hervorragend formulierte Absätze, aber diese sind in der Minderheit.
Stil ist freilich keine Messlatte für ein wissenschaftliches Jahrtausendwerk. Was eine historisch „objektive“ Lektüre erschwert, ist die Selbstverständlichkeit mit der Darwins zentrale Ideen der natürlichen Selektion und der Evolution der Arten heute im modernen Bewusstsein veranktert sind. Versucht man jedoch, davon zu abstrahieren, wird man feststellen, dass Darwins Erklärung der Artenfrage, einen komplizierten Knoten an Fakten und Problemen elegant auflöst. Seine Theorie erscheint so nahe liegend, speziell wenn man sie mit den zahlreichen, notwendig absurden Annahmen der damaligen Kreationisten vergleicht.
Das heisst nun nicht, dass Darwins Argumentation makellos wäre. So verweist er oft auf aufgezeichnete Beobachtungen, die er in seinem Buch aus Platzgründen nicht publizieren kann und vertröstet die Leserschaft auf sein nächstes Buch, das freilich nie erscheinen wird. Auf der anderen Seite ist er eine durch und durch wissenschaftliche Persönlichkeit. Er macht an jeder Stelle die Schwierigkeiten seiner Theorie klar, redet oft von „I believe“ und versucht nie mit rhetorischen Mitteln Schwachpunkte in seiner Argumentationskette zu verstecken. Die zentralen Kapitel des Buches setzen sich im Gegenteil mit den Haupteinwänden gegen seine Theorie auseinander, etwa wie auf dem Wege der natürlichen Selektion Instinkte oder komplexe Organe wie das Auge entstehen konnten.
Diese Penguin Ausgabe hat eine ebenso ausführliche wie gelungene Einleitung durch J.W. Burrow. Man kann nur hoffen, dass Darwin auch heute noch seine Leser findet. Dieses Leseabenteuer lohnt sich.

Evolution und Shakespeare

Die Spannbreite der Themen in der The New York Review of Books zeigt sich in der Ausgabe 8/06 vom 11. Mai. Israel Rosenfield and Edward Ziff geben einen ausführlichen Einblick über neue Erkenntnisse zur Evolutionstheorie. Dabei beschreiben sie ausführlich den möglich Einfluss der „hox genes“, welche die embryonale Entwicklung steuern, auf das Entstehen komplexer Organe. Dadurch würden einige Argumente der Evolutionskritiker überzeugend entkräftet.

Anne Barton schlägt eine kritische Bresche durch diverse Neuerscheinungen zu Shakespeare. Peter Ackroyds neue Biographie kommt dabei schlecht weg. Interessant die Hinweise auf einen Klassiker der Shakespeare-Forschung, Samuel Schoenbaums Studie Shakespeare’s Lives, in der alle wichtigen Biographien des Dramatikers analysiert werden. In diese Richtung geht auch das von Barton gelobte That Man Shakespeare: Icon of Modern Culture.

Klassiker (1): Wissenschaftsgeschichte

Robert Chambers publizierte 1844 anonym sein Aufsehen erregendes Buch „Vestiges of the Natural History of Creation“, das bereits vor Darwin einen evolutionstheoretischen Ansatz beschrieb. Chambers beschränkte sich dabei nicht auf die Zoologie, sondern wollte die Natur insgesamt auf diesem Werk erklären (von der Entstehung der Sterne bis zu geologischen Entwicklung der Erde). In mehreren Auflagen wurden 40.000 Exemplare verkauft. Auch wenn im Chambers in vielen Punkten falsch lag, bereitete er doch die Wissenschaftswelt für Darwins bedeutende Theorie geistig vor.

James A. Secord schrieb nun ein Buch über dieses Buch: „Victorian Sensation: The Extraordinary Publication, Reception, and Secret Authorship of ‚Vestiges of the Natural History of Creation'“ (University of Chicago Press, 23 Dollar).

Midas Dekkers: Von Larven und Puppen

Untertitel: Soll man Kinder wie Menschen behandeln? Blessing/btb (Amazon Partnerlink)

Angesichts der Heftigkeit, mit der das Kinderthema derzeit gesellschaftlich diskutiert wird, ist Dekkers polemisches Buch eine Wohltat. Führt man sich vor Augen, dass die Überbevölkerung und der steigende Ressourcenverbrauch derzeit wohl das größte Problem der Menschheit ist, muten die öffentlichen Fortpflanzungsaufrufe grotesk an.

Midas Dekkers ist ein in den Niederlanden sehr bekannter Biologe und nimmt sich unseres Nachwuchses aus biologischer Perspektive an. Er räumt dabei in erfrischender Weise mit zahlreichen Klischees auf und vertritt die provozierende These, dass der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ähnlich groß ist wie zwischen einer Larve und einem Schmetterling:

Wir wollen die Larve also als ein Jugendstadium definieren, das sich in Bau, Verhalten und Lebensmilieu stark vom Erwachsenenstadium unterscheidet, in das es abrupt übergeht. Dieser Übergang ist die Metamorphose. [S. 67]

Der Beschreibung dieser Differenzen räumt der Autor viel Platz ein. Im Laufe seiner Diskussion kommt er auch auf Freuds Sexualitätstheorie zu sprechen:

Die allerbeste Erklärung für den Mangel einer Erinnerung an die eigene infantile Sexualität ist auch die einfachste: Es gab sie nicht. Was soll eine Larve mit sexuellen Gefühlen? Fressen muss sie und kacken und nicht auf sieben Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Die hübsche Belohnung liegt in der Befriedigung von Bedürfnissen wie Hunger, Darmdruck, Angst -, ihre Stillung erzeugt sofort Genuß. Eine Mutter erkennt die Bedürfnisse ihres Kindes sofort und identifiziert sie als „Hunger“, „Durst“ oder „Kälte“

[…]

Wie kam Freud nur auf diese Idee? Aus eigener Erfahrung? Natürlich nicht, denn Freud analysierte keine Kinder. Er gestand, dass es seine überraschenden Entdeckungen über die kindliche Sexualität in erster Linie der Analyse von Erwachsenen verdanke. Seine eigenen Kinder unterzog er keiner Analyse

[…]

Einen besseren Beweis gegen Freuds Postulat von den drei sexuellen und einer asexuellen Phase gibt es nicht. Es ist undenkbar, dass ein Wechsel von einer Phase zur anderen sich nicht durch Schwankungen im Hormonhaushalt nachweisen ließe. Die Hormone haben das letzte Wort: Das Kind ist unschuldig. [S. 149ff.]

Dekkers Stil ist oft etwas zu flapsig, trotzdem handelt es sich um ein gutes biologisches Sachbuch. Man erfährt eine Menge spannender Fakten aus der Zoologie, auch aus dem Leben der Insekten. Ein sehr amüsantes und lehrreiches Buch, das speziell Kinderfreunden empfohlen sei ;-)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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