Buchgeschichte

Goldene Zeiten

Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek 26.12. 2015

Wer sich für alte Bücher interessiert, darf sich die aktuelle Ausstellung im Prunksaal auf keinen Fall entgehen lassen. Gezeigt werden Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance anhand von fünfzehn Stationen. Die Schau ist Teil einer internationalen Ausstellungsreihe, in deren Rahmen zwölf deutschsprachige Bibliotheken ihre wichtigsten Werke zeigen.
Die prächtigen Handschriften sind nach chronologisch-thematischen Gesichtspunkten angeordnet. Gleich zu Beginn sieht man das goldverzierte Evangeliar des Johannes von Troppau, das als Gründungsbuch der kaiserlichen Hofbibliothek gilt. Die berühmte Goldene Bulle ist ebenfalls ausgestellt, nebst einer Menge an herausragender Buchkunst. (Bis 21.2.)

Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (1542)

Nach meiner Südamerika-Reise lässt mich das Thema nicht los. Eigentlich wollte ich den berühmten Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder noch als Vorbereitung lesen, es wurde nun eine Nachbereitungs-Lektüre.

Das Buch ist auf mehreren Ebenen faszinierend. Erstens gilt es als die wichtigste Quelle über die Behandlung der Eingeborenen durch die spanischen Eroberer. Zweitens ist es eine furiose Polemik gegen die Brutalität der Spanier aus der Feder eines berühmten Bischofs. Drittens entflammte nach dem Verfassen der Schrift im Jahr 1542 eine heftige Debatte über die Objektivität des Berichts. Das Buch zählt wohl zu den umstrittensten und heftigst bekämpften Publikationen der Geschichte. National gesinnte spanische Historiker sehen in Bartolomé de Las Casas (1485-1566) bis heute einen Verräter an der großen Zivilisationsgeschichte des spanischen Imperiums. Viertens schließlich ist das Werk für einen Reisebericht des 16. Jahrhunderts formal und inhaltlich sehr ungewöhnlich.

Um mit dem letzten Punkt anzufangen: Reiseberichte aus der frühen Neuzeit sind meist mit fantastischen Elementen angereichert. Fabelwesen sind keine Seltenheit. Las Casas Bericht ist dagegen inhaltlich realistisch in dem Sinne, dass er keinerlei fabelhafte Elemente enthält. Alles könnte sich so zugetragen haben, wie er es beschreibt. Er war bei vielen Dingen ja auch Augenzeuge, was er regelmäßig betont. Rhetorisch verwendet der Text fast durchgehend Elemente, die an Predigten erinnern. Das verleiht den anklagenden Elementen eine gehörige Wucht und trägt viel zur Wirkung des Textes bei. Die strukturellen Wiederholungen dagegen wirken auf heutige Leser monoton. Angesichts der geschilderten Bestialitäten wäre diese rhetorische Überhöhung eigentlich gar nicht notwendig gewesen:

Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen ihren Geist aufgaben.
Ich kam einmal dazu, als sie vier bis fünd der vornehmsten Indianer auf solchen Rosten verbrannten. Wo ich nicht irre, so nahm ich noch zwei oder drei dergleichen Roste wahr, worauf Leute geringern Standes lagen. Sie alle machten ein gräßliches Geschrei, das dem Befehlshaber lästig fiel, oder ihn vielleicht im Schlafe störte. Er gab Befehl, man sollte sie erdrosseln; der Alguacil […] war weit grausamer als der Henker, welcher sie verbrannte; er ließ sie nicht erdrosseln, sondern steckte ihnen mit eigener Hand Knebel in den Mund, damit sie nicht schreien konnten, und schürte das Feuer zusammen, damit er sie so gemach braten konnte, wie er es wünschte.
[S. 13]

Es bleibt die Frage, ob sich diese Dinge wirklich so zutrugen, oder ob es sich um kranke Erfindungen handelt, wie die Gegner Las Casas von Anfang an behaupteten. Hans Magnus Enzensberger schlägt sich in seinem kenntnisreichen Nachwort auf die Seite Las Casas. Eines der stärksten Argumente für die Authentizität sind die vielen Details, die Las Cases korrekt beschreibt, und die er eigentlich nur wissen konnte, wenn er wirklich Augenzeuge war. Ich würde ergänzen, dass die beschriebenen Grausamkeiten ja in Teilen der Welt bis heute Alltag sind, man denke etwa an den Bürgerkrieg im Kongo.

So richtig die Details zu sein scheinen, desto fragwürdiger sind einige seiner Generalisierungen. So schreibt er fast nach jeder Schilderung der spanischen Ausrottungsbemühungen, dass die Gegend danach fast frei von Eingeborenen gewesen sei. Das behauptet er auch von Peru, wo sicher nach den „Aktivitäten“ der Spanier das Land nicht entvölkert gewesen ist. Andererseits geht die aktuelle Forschungslage davon aus, dass mindestens 80% der Einheimischen durch europäische Krankheiten in einem relativ kurzen Zeitraum starben.

Prinzipiell schließe ich mich der Auffassung Enzensberger an, dass zumindest die Essenz der beschriebenen Ereignisse wahr sein muss. Unabhängig von der Diskussion ist Las Casas Bericht eine frühe Philippika gegen barbarischen Umgang mit Fremden und alleine das sichert ihm dauerhaft seinen Platz als Klassiker.

Bartolomé de Las Casas: Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.

Von Fischen, Vögeln und Reptilien

Die Ausstellungen im Prunksaal der Nationalbibliothek sind für Bücherfreunde immer sehr sehenswert. Die aktuelle Schau widmet sich zoologischen Schautafeln. Gezeigt werden Buchmalereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert, deren Detailreichtum und sorgfältige Ausführung bis heute beeindruckt. Im Mittelpunkt stehen zwei Werke, die in den letzten Jahren restauriert wurden. Vom Erfolg des Projekts kann man sich nun selbst überzeugen.

Das Bestiaire Rudolfs II. sowie Aquarelle mit Meeresgetier, die von Ferdinand II (Erzherzog von Tirol) bei Giorgio Liberale (1527 – ca. 1580) in Auftrag gegebenen wurden. Ersteres enthält in zwei Bänden 181 Ölbilder und sollten die Wunderkammer Rudolfs II. mit „virtuellen Exponaten“ ergänzen, die sich nur schwer in realiter hätten dort ausstellen lassen.

Die Meerestieraquarelle waren sowohl aus naturhistorischer als auch ästhetischer Perspektive eine Entdeckung für mich. Man wird Augenzeuge wie eine naturwissenschaftlicher Blick den religiös-symbolischen auf die Natur ablöst. (Bis 29.1.)

Buchgeschichte: Kleist-Ausgaben

Auch ein Beitrag zur Buchhandelsgeschichte: Doris Fouquet-Plümacher untersucht einen wenig beachteten Aspekt der bürgerlichen Klassikerrezeption, die sogenannten Klassiker-, Lese- oder Volksausgaben, dargestellt am Beispiel von Heinrich von Kleist.

Mehr im Boersenblatt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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