Balkan

mordslust

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Balkanology

Architekturzentrum 5.1.

Wie sehr sich Österreich in Südosteuropa wirtschaftlich engagiert ist bekannt. Es ist sehr begrüßenswert, dass diese ökonomische Expansion auch durch intellektuelle Neugier begleitet wird. Ein Beispiel dafür ist die Ausstellung Balkanology im Wiener Architekturzentrum. Sie setzt sich mit den urbanen Prozessen auf dem Balkan der jüngsten Vergangenheit auseinander. Dokumentiert durch Fachleute vor Ort werden diverse Thesen über die Stadtentwicklung in einer Krisenregion durchgespielt.

Die Schau ist eine sehr akademische Angelegenheit. Auf Schautafeln, Monitoren und in Filmen wird anhand ausgewählter Städte gezeigt, wie sich einzelne Viertel entwickelten. Begleitet ist das von theoretischen Modellen. Wer Architekturfotografie erwartet, wäre fehl am Platz. Ich fand vor allem spannend, dass es angesichts der vielen Alltagsprobleme nach dem Krieg überhaupt Architekturinitiativen gab (gibt), die diese Prozesse so detailliert beobachteten und analysierten. (Bis 18.1.)

Reise-Notizen: Skopje

13.10-15.10.

Fliegt man nach Skopje, kann man sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Flughafen ist einer der kleinsten, den ich beruflich je angeflogen bin. Ganze vier Gates sind vorhanden, und wenn man glaubt, man betrete nun die Empfangshalle, steht man schon im Freien. Nicht unsympathisch also, wenn die Mazedonier dieses putzige Bauwerk nach ihrem größten geschichtlichen Helden nennen: Alexander dem Großen.
Skopje selbst ist, diplomatisch formuliert, keine schöne Stadt. Einheimische versichern einem, das liege an dem großen Erdbeben Anfang der sechziger Jahre. Die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht und der Wiederaufbau fand im Stile der damals populären Plattenbauten statt, die ja auch so manche deutsche Innenstadt verunstalten.
Die Stadt ist schnell besichtigt. Der moderne Hauptplatz ist als Zentrum konzipiert, um den sich Restaurants und eine Shopping Mall scharen. Überquert man die Steinbrücke vor dem Platz, so gelangt man zum Bazar der albanischen Minderheit, der zum Zeitpunkt meines Spaziergangs am früheren Abend jedoch fast menschenleer war, ganz anders als man es von orientalischen Bazaren sonst gewöhnt ist.
Die Umgebung dieses albanischen Viertels ist erschreckend heruntergekommen, und es bleibt kein Zweifel daran, wohin die Gelder der Regierung fließen. Vor Bürogebäuden hängen Schilder mit durchgestrichenen Revolvern und Pistolen: Keine wirklich vertrauenserweckende Geste.

Reise-Notizen: Belgrad

Eine Stadt voller Kontraste. Begibt man sich auf eine ausgedehnte Stadtwanderung, so ist man über die zahlreichen Gegensätze verblüfft. Neben Ostblock-Architektur in diversen scheußlichen Ausprägungen und heruntergekommenen Wohnhäusern finden sich schöne Ensembles, die einem Vergleich mit Wien durchaus standhalten. Speziell die Innenstadt ist sorgfältig saniert und von anderen europäischen Städten dieser Größe (1,5 Millionen Einwohner) kaum zu unterscheiden. Das Publikum ist jung und vergnügt sich so zahlreich in den vielen Cafes, Bars und Restaurants, dass sich die Frage aufdrängt, wie das mit einem kärglichen Durchschnittslohn von ca. 330 Euro pro Monat eigentlich zusammen passt.

Der osteuropäische Wirtschaftsaufschwung scheint inzwischen in Serbien angekommen zu sein, wenn man der regen Bauaktivität Glauben schenken darf. Auch die Vielzahl der Geschäftsreisenden aus der ganzen Welt, welche im Frühstücksraum meines Hotels ihr Tagesprogramm vorbesprachen, bestätigt diesen Eindruck. Österreichs Firmen sind bereits breit im Land vertreten, speziell hiesige Banken und Versicherungen sind sehr im Stadtbild präsent. Ein pensionierter Serbe, der lange in Deutschland lebte, lobte das kulturelle Verständnis der österreichischen Wirtschafstreibenden (im Gegensatz etwa zu den deutschen) und führte dies auf die monarchischen Zeiten zurück, um mir anschließend von Kriegsgewinnlern gebaute Villen an der Donau und die lokale orthodoxe Kirche zu zeigen.

Als Kulturtourist sollte man Belgrad dieser Tage eher meiden. Die beiden wichtigsten Museen, das Nationalmuseum (mit angeblich interessanter antiker Abteilung) und das Museum für Gegenwartskunst sind beide wegen (dem Anschein nach dringend notwendiger) Sanierungsarbeiten auf unabsehbare Zeit geschlossen. Es bleibt eine kleine Galerie, welche religiöse Fresken seit dem Mittelalter zeigt und das Niklas Tesla Museum, das mit zahlreichen Exponanten rund um dessen brillante Erfindungen aufwarten kann. Unbedingt sehenswert ist das Militärmuseum: Die großserbische Ideologie kommt durch die selektive Auswahl und das militärhistorische Brimborium hübsch zur Geltung. Der letzte Raum ist den Nato-Bombardements gewidmet, inklusive einer stolz präsentierten Uniform eines ums Leben gekommenen amerikanischen Soldaten. Auf die wahre Ursache des Krieges wird naturgemäß mit keinem Wort eingegangen: Ethnisch motivierte Massenvertreibungen passten denkbar schlecht in den eigenen Opfermythos. Das Gebäude des Militärmuseums spiegelt symbolträchtig diese Geisteshaltung wider: Dunkle, niedrige Räume und Gänge mit dem Charme eines sanierungsbedürftigen Krankenhauses. Risse in den Wänden und ein säuerlicher Geruch in der Luft.

Wer Belgrad besuchen will, kann ein aktives urbanes Leben erwarten sowie spektakuläre Flusslandschaften, nicht nur vom Kalemegdan-Park in der Innenstadt aus, der über dem Zusammenfluss von Save und Donau angelegt ist. Man kann an beiden Flüssen ausgiebige Spaziergänge unternehmen und die zahlreichen vorzüglichen Fischrestaurants ausprobieren.

Der Kosovo-Krieg weltgeschichtlich betrachtet

Es ist semantisch fragwürdig, von einem „humanitären“ Krieg zu reden. Die Kritiker dieser Aktion sind zwar schnell mit einer Fülle von Verschwörungstheorien bei der Hand, bleiben aber auffällig stumm, wie sie mit Abertausenden Flüchtlingen in Albanien und der notorischen Massaker im Kosovo fertig geworden wären.

István Deak weist* in seinem jüngsten Artikel für die New York Review of Books (14/2002), The Crime of the Century, auf einen bisher vernachlässigten Aspekt hin. Fast alle größeren ethnischen Vertreibungen in Europa wurden nachträglich legitimiert, den Kosovaren wurde erstmals eine Rückkehr ermöglicht:

As far as I can judge, the recent NATO military intervention in Yugoslavia, which led to the large-scale repatriation of the expelled Kosovo Albanians, is unprecedented in European history; it may prefigure a fundamental shift in international policy and the practices of great powers. Before that event […] the response of such great powers as the Soviet Union, Great Britain, the US, and France was to encourage, or at least to condone, and to legitimize, ethnic cleansing.

Der Artikel setzt sich ausführlich mit den übelsten Kapiteln des letzten Jahrhunderts auseinander. Erwähnenswert, dass sich Kleriker nach wie vor großer Verdienste erfreuen, wenn es um die massenhafte Ermordung ihrer Mitmenschen geht:

[…] In „God’s Name“ [Genoicide and Religion in the Twentieth Century, edited by Omer Bartov and Phyllis Mack] is able to describe, among other things, the appalling part that Rwandan Catholic clerics, especially monks and nuns, had in the slaughter of nearly a million Tutsis in the early 1990s. This inevitably evokes the memory of the Franciscan monks in Croatia and Bosnia during World War II, some of whom enthusiastically participated in the persecution of the Orthodox Serbs.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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