Atheismus

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Richard Dawkins: The God Delusion

Seit einiger Zeit gibt es im angelsächsischen Raum eine Bewegung, die man in eine Schublade mit der Beschriftung „New Atheism“ steckt. Die linke amerikanische Zeitschrift „The Nation“ hat ihr die aktuelle Titelgeschichte gewidmet.

Prominentester Vertreter der neuen Religionskritiker ist Richard Dawkins. Auch Sam Harris und Christopher Hitchens sind – neben anderen – mit entsprechenden Titel auf dem Buchmarkt vertreten. Ihre Kritiker sind schnell mit dem Vorwurf zur Hand, dass hier Atheismus selbst mit einem quasireligiösen Fanatismus betrieben wird. Darauf kann man mindestens Zweierlei entgegnen: Erstens ist speziell in den USA ein mediales Trommelfeuer der Bigotterie festzustellen, dem man mit höflichem Aufzeigen nicht medienwirksam entgegen treten kann. Zweitens ist die (polemische) Kritik von absurden Behauptungen und Theorien (wobei diese Gebilde meist dergestalt sind, dass sie die Bezeichnung „Theorie“ keinswegs verdienen) von einer anderen Qualität als die Hervorbringungen dieser wirren Kopfgeburten.

Dawkins fasst in „The God Delusion“ prägnant und rhetorisch gewitzt die wichtigsten Argumente von uns Religionskritikern zusammen und kann deshalb jedem empfohlen werden, der sich einen Überblick darüber verschaffen will. Wer die Materie kennt, dem werden viele Gedankengänge bereits vertraut sein, etwa Dawkins Ausführungen rund um die Wahrscheinlichkeit Gottes versus der Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Entstehung der Welt.

Besonders überzeugend fand ich die Kapitel am Ende des Buches in denen er sich mit den potenziell katastrophalen Folgen von religiöser Erziehung beschäftigt, die er berechtigterweise als geistige Kindesmisshandlung qualifiziert. Jedes Kind solle das Recht haben, kritisches Denken und den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erfahren, um sich dann eine eigenständige Weltanschauung bilden zu können.

Dawkins verweist auch auf islamistische Terroristen als Beispiel einer fehlgeleiteten Religionserziehung. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man etwa an die Aktivitäten der Koranschulen in Pakistan und anderen Orten denkt. Es greift aber trotzdem zu kurz, da wir heute wissen, dass viele der „prominentesten“ Terroristen Studenten / Akademiker waren, teilweise von technischen Studienrichtungen.

Es handelt sich jedenfalls um eine lohnende Lektüre. Wobei ich das Buch nicht gelesen, sondern angehört habe.

Richard Dawkins: The God Delusion

SF

Paul Erdös was another world-famous mathematician who was a passionate atheist. Erdös always referred to God as SF, short for Supreme Fascist. Erdös had for many years successfully outwitted the dictators of Italy, Germany, and Hungary, moving from country to country to escape from their clutches. He called his God SF because he imagined God to be a fascist dictator like Mussolini, powerful and brutal but rather slow-witted. Erdös was able to outwit SF by moving frequently from one place to another and never allowing his activities to fall into a predictable pattern. SF, like the other dictators, was too stupid to understand Erdös’s mathematics. Hardy and Erdös were both lovable characters, contributing more than their fair share to the human comedy.

[[Quelle: NYRB 11/06*]

* Mittlerweile ist der Artikel im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

Daniel C. Dennett: Breaking the Spell

Dennetts neues Buch nimmt sich einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit an: Dem Umgang mit der Religion. Selbst wenn man das Thema persönlich bereits als „erledigt“ betrachtet, ist der zunehmende negative politische Einfluss der Religionen Besorgnis erregend. Während weltweit der religiöse Fanatismus blüht (nicht nur der Islamische!), faseln in Deutschland scheinheilige Politiker über den zu geringen strafrechtlichen Schutz des „Heiligen“.

Es scheint also dringend notwendig, möglichst viel über Religion zu wissen, damit man informierte Entscheidungen darüber treffen kann. Genau hier setzt Dennett an: Er trägt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Religion zusammen und präsentiert eine „Prototheorie“ wie man die Entstehung der Religion als natürliches Phänomen erklären könnte. Der Begriff „Prototheorie“ deutet es bereits an: Dennett geht die Angelegenheit intellektuell bescheiden an. Er weist immer wieder darauf hin, wie schlecht die Forschungslage bisher ist. Von einer wissenschaftlichen Theorie sei man noch weit entfernt. Seine Ausführungen seien nur eine erste Skizze, wie eine solche Theorie aussehen könnte. De facto schlägt der Philosoph mit „Breaking the Spell“ Art und Umfang eines Forschungsprogramms zum Thema vor.

Man kennt Dennett als eloquenten Vertreter des Darwinismus und so überrascht es nicht, dass er das Phänomen der Religion ebenfalls mit Hilfe der Evolutionstheorie analysiert. Er sieht Analogien z.B. zur Entstehung der Musik und bedient sich überzeugend der neueren Erkenntnisse der „evolutionary psychology“.

Bei einer Bewertung des Buches darf man das Zielpublikum des Philosophen nicht außer acht lassen. „Breaking the Spell“ richtet sich nicht primär an Gleichgesinnte, sondern auch an den religiösen „Durchschnittsamerikaner“. Deshalb ist fast ein Drittel der Studie der argumentativen Begründung der Untersuchung gewidmet. Für Menschen ohne Scheuklappen überflüssige Kapitel, aber angesichts der aufklärerischen Idee des Buches durchaus plausibel. Wen interessiert, wie eine echte Religionswissenschaft aussehen könnte, sollte zu dem Buch greifen.

Daniel C. Dennett: Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon.

Religion aus naturwissenschaftlicher Sicht

Daniel C. Denett hat ein Buch geschrieben, das Religion unter anderem aus darwinistischer Sicht untersucht: Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon. Schon bestellt.

Verteidigung der Religionskritik

Es war ein langer und schmerzlicher Prozess bis in Europa das Christentum „straflos“ kritisiert werden konnte. Einer der größten Erfolge der Aufklärung. Deshalb wäre es völlig inakzeptabel, sich nun dem Druck von moslemischer Seite zu beugen, und von satirischer Religionskritik abzusehen. Selbst wenn die betreffenden Karikaturen teilweise geschmacklos sind, sollte man sie aus prinzipiellen Gründen zeigen. Es sind auch wirklich gute darunter:

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“Rassenwahn und Teufelsglaube”

Interessante Zusammenhänge deckt Wolfgang Wippermann in dieser Studie auf, die von Jan Süselbeck hier rezensiert wird.

Katholisches

Die katholische Kirche war ihm eine ganz gemeine Massenbewegung, nicht mehr als ein völkerverdummender und völkerausnützender Verein zur unaufhörlichen Eintreibung des größten aller denkbaren Vermögen, die Kirche verkaufte in seinen Augen skrupellos etwas, das es nicht gibt, nämlich den lieben, gleichzeitig auch noch den bösen Gott, und beutet weltweit selbst die Ärmsten der Armen millionenfach aus nur zu dem Zwecke der unaufhörlichen Vergrößerung ihres Besitzes, den sie in gigantischen Industrien und in unendlichen Bergen von Gold und in ebenso unendlichen Stößen von Aktien in beinahe allen Bankhäusern der Welt fundiert hat. Jeder Mensch, der etwas verkauft, das es nicht gibt, wird angeklagt und verurteilt, sagte mein Großvater, die Kirche verkauft Gott und den Heiligen Geist seit Jahrtausenden in aller Öffentlichkeit völlig ungestraft. Und ihre Ausbeuter, mein Kind, und also Drahtzieher, wohnen außerdem in fürstlichen Palästen. Die Kardinäle und Erzbischöfe sind nichts anderes als skrupellose Geldeintreiber für nichts.

[Thomas Bernhard, Ein Kind, S. 434f.]

Lessing: Schriften gegen Goeze

WBG Werkausgabe Band 8

Die öffentliche Auseinandersetzung des Aufklärers Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1786) zählt zu den berühmtesten publizistischen Kontroversen des 18. Jahrhunderts. Wer nun dächte, diese Schriften seien „nur“ aus geistesgeschichtlichen Interesse lesenswert, täuschte sich. Lessings Religionskritik ist angesichts des zunehmenden Fundamentalismus (nicht nur des islamischen wohlgemerkt) aktueller als wünschenswert. Stilistisch sind Lessings Polemiken brillant, selbst mit ausschließlich ästhetisch-literarischem Fokus lohnte die Lektüre.

Auslöser der Kontroverse war Lessings Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente einige Jahre vorher, von denen hier an anderer Stelle bereits ausführlich die Rede war. Man sollte sie vor den Schriften gegen Goeze lesen, da ansonsten viele Bezüge unklar sind.

An dieser Stelle ist ein Lob angebracht: Die von Herbert G. Göpfert herausgebene und Ende der siebziger Jahre herausgebenen „Werke in acht Bänden“ ist eine vorzügliche Edition für Leser. So finden sich im achten Band nicht nur alle Schriften Lessings gegen Goeze (publiziert und aus dem Nachlass, etwa 350 Seiten), sondern auch die Antworten des protestantischen Fundis in voller Länge. Ergänzt durch einen ausführlichen und genauen Kommentar zur Kontroverse im Anhang.

Goeze griff Lessing wegen der Publikation der Fragemente scharf an. Lessing sollte ihn die atheistische Ecke gestellt werden, was damals existenzbedrohend war. Gleichzeitig versuchte der Pastor durch geschickte Vergleich die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen: Er vergleicht fundamentale Religionskritik immer wieder mit Herrschaftskritik (berechtigterweise muss man anfügen). Lessing gerät deshalb etwas in die Defensive, da eine fundamentale Relgionskritik öffentlich zu üben, nicht möglich ist. Deshalb wehrt er sich vehement gegen den Atheismusvorwurf und bringt zahlreiche Argumente, warum rationaler Diskurs in theologischen Fragen der Religion nützt. Goezes autoritäres Weltbild verrät sich besonders schön durch ein vorgebliches Einlenken: Kritik sei ja schön und gut, aber Lessing hätte sie auf Lateinisch veröffentlichen müssen, damit nicht die Gefahr bestehe, unbedarfte Gläubige zu verunsichern Die Schriften sind also auch sehr lehrreich, wenn man verstehen will, warum Religion und Freiheit gegenläufig sind.

Lieferbare katholische Dogmen

Am 26. Juni schrieb ich, die für alle Katholiken sehr empfehlenswerte Dogmensammlung von Neuner und Roos sei nur noch antiquarisch erhältlich. Per E-Mail belehrte man mich inzwischen eines besseren:

Neuner, Josef / Roos, Heinrich
Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung
(Pustet, F) ISBN 3-7917-0119-3
Leinen
604 Seiten
22 Euro

Für alle, die das katholische Buchwesen nicht fördern wollen, ist diese Sammlung von logischen Widersprüchen und intellektuellen Zumutungen antiquarisch zum halben Preis zu bekommen.

Lessing: Reimarus-Veröffentlichungen

1774 begann Lessing in seiner Schriftenreihe „Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel“ Auszüge aus einem religionskritischen Manuskript abzudrucken. Eine heftige Debatte war die Folge und Lessings Schriften gegen die Anwürfe des Hamburger Pastors Goeze nahmen hier ihren Anfang.

Liest man heute die Auszüge aus dem Manuskript des Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), Professor für orientalische Sprachen an einem Hamburger Gymnasium, kann man Lessings Faszination sofort nachvollziehen: Ein ebenso denk- wie schreibgewandter Freigeist wendet sich den Dogmen der Religion zu und untersucht diese mit rationalen Methoden. Das Ergebnis ist naturgemäß wenig schmeichelhaft, etwa wenn Reimarus penibel die Widersprüche der Auferstehungsgeschichte erläutert:

Sagt mir vor Gott, Leser, die ihr Gewissen und Ehrlichkeit habt, könnet ihr dies Zeugnis in einer so wichtigen Sache für einstimmig und aufrichtig halten, das sich in Personen, Zeit, Ort, Weise, Absicht, Reden, Geschichten, so mannigfaltig und offenbar widerspricht? Zween dieser Evangelisten, nämlich Marcus und Lucas, haben es nur aus Hörensagen, was sie schreiben;: sie sind keine Apostel gewesen, und verlangen nicht einmal zu sagen, daß sie Jesum nach seinem Tode selber mit ihren Augen gesehen hätten. Matthäus und Johannes, die Jesum als Apostel selber wollen gesehen haben, widerlegen sich einander am allermeisten: so daß ich frei sagen mag, es sei fast kein einziger Umstand, von dem Tode Jesu an bis zu Ende der Geschichte, darin ihre Erzählung zusammen zu reimen wäre. Und doch ist sehr merklich, daß sie alle beide die Himmelfahrt Jesu gar weglassen: er verschwindet bei ihnen, und man weiß nicht, wo er geblieben: gleich als ob sie nichts davon wüßten, oder als ob dieses eine Kleinigkeit wäre

[…]

[Die Jünger] machen es nicht wie andere aufrichtige Leute, die mit Wahrheit umgehen, und sich frei auf mehrere Menschen berufen dürfen, die ihn hätten kommen, weggehen, wandern sehen: nein, er stehet bei ihnen, ohne zu kommen, er kömmt auf eine menschlichen Augen unsichtbare Art, durch verschlossene Türen, durchs Schlüsselloch, und so verschwindet er wieder vor den Augen: niemand auf der Gasse oder im Hause siehet ihn kommen und weggehen. [S. 455f.]

Seine „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ ist ein fulminantes Werk und gehört zweifellos zu den wichtigsten deutschen Texten der Aufklärung. Desto abstruser erscheint einem die Druckgeschichte. Im 18. Jahrhunderten kursierten einige Manuskripte in aufgeklärten Kreisen. Zu einem Druck kam es nie, weil die Familie Reimarus auch lange nach dem Tod des Verfassers eine Veröffentlichung ablehnte. So erschien die Apologie in Buchform zuerst 1972 (sic!), herausgegeben von Gerhard Alexander, und ist heute nicht einmal mehr antiquarisch zu finden. Sollten hier Verleger mitlesen: bitte sofort neu auflegen!

Hanser Werkausgabe Band 7; Theologiekritische Schriften I und II

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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